Nr. 87. 1902. Samstag den 14. Juni. W B M ■ÄBl fs ruht die Welt im Schweigen, Ihr Tosen ist vorbei, Stumm ihrer Freude Reigen Und stumm ihr Schmerzensschrei. Hat Rosen sie geschenket, Hat Dornen sic gebracht — Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht. Gottfried Kinkel. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Herr Belten war dann, auf den Rat des Hausmanns, die vier Treppen zum Schlosser hinaufgestiegen. Er wollte den Leuten den Vorschlag machen, die Hälfte der schuldigen Miete zu zahlen und sofort anr nächsten Tage die Wohnung zu räumen. Man mußte solch unsichere Mieter um jeden Preis los werden. Sie würden wahrscheinlich froh sein, mit ber Hälfte der Schuld davonzukommen. Er fand oben ein noch junges, nachlässig und schmutzig gekleidetes Weib mit mehreren Kindern, die er bereits kannte, denn als er die Häuser übernahm, hatte er sämtlichen Mietern einen Besuch gemacht. Er schlug ihr gegenüber denselben Ton an, tn dem er mit seinen Untergebenen auf dein Lande verkehrt hatte und der für ihn der einzig mögliche im Umgang mit dem Proletariat war. Frau Langhanns zeigte ihm jedoch eine andere Haltung, als er von seinen Leuten in Brantikow gewöhnt war. Sre rührte sich nicht von dem Stuhl, auf dem sie saß, die Arme auf den unsauberen Tisch, gestemmt, während das Kind auf ihrem Schoß von den unappetitlichen Speiseresten, die vor ihr standen, mit den Fingern nahm. Sie ließ den Herrn, Hausbesitzer, vor ihr stehend, seine Rede halten, während sich Mißtrauen und Feindseligkeit in ihren nicht häßlichen, aber frechen Zügen malte. Herr Velten fühlte sich durch diese Unehrerbietigkeit verletzt und gereizt. In etwas schärferen Worten als er Zuerst beabsichtigt hatte, hielt er der Frau die Notwendigkeit vor, auf fernen Vorschlag einzugehen. „Ich werde es meinem Manne bestellen, daß der neue Herr Hausbesitzer seine paar Groschen so notwendig braucht, antwortete sie, finster und höhnisch. Zornig ging Velten hinaus, und draußen auf dem Tr- ■ enflur begegnete ihm der heimkehrende Schlosser, der, als er ihn anredete, vor ihm stehen blieb, die Hände in den Hosentaschen, die Mütze auf dem Kopf und die Zigarre im Munde. Veltens Geduld war zu Ende. „Ich war eben Bei Ihrer Frau, um zu sagen, daß ich Ihnen die Hälfte der schuldigen Miete erlasse unter der Bedingung, daß Sie bis morgen abend die Wohnung geräumt haben." „Immer sachte, mein guter Herr", erwiderte Langhanns, der etwas schwankend in seiner Haltung war und stark nach Mkohol duftete, „ich denke gar nicht daran, di« Wohnung zu räumen. Seien Sie man nicht bange um Ihr« Miete, ich werde sie schon bezahlen. Aber aus den Rippen schneiden kann ich mir das Geld nicht." „Es liegt mir daran, ordentliche Leute in meine Woh- nung zu bekommen", sagte Velten scharf, „Leute, die nicht trinken, die wissen, was Anstand ist mir gegenüber und die meine Wohnung sauber und ordentlich halten. Von alledem finde ich bei Ihnen nichts, und darum will ich Sie nicht länger als Mieter in meinem Hause behalten.^ „Was?" schrie Langhanns, „ich trinken? Ich nicht sauber und anständig? Was sind Sie denn? So ein hergelaufener Preuße und bankrotter Gutsbesitzer mit 'nem großen Maul! Sie wollen uns Anstand lehren? Abwarten, wer von uns der Anständigste ist —" „Wenn Sie morgen nicht die Wohnung räumen, schicke ich den Exekutor!" schrie Velten wütend und lief die Treppen hinunter, denn die Schimpfworte des Proletariers trafen ihn wie Steinwürfe. Er war den Rest des Tages so erregt, daß er nicht essen und trinken konnte. Er behauptete, der Aerger habe sich ihm auf den Magen geworfen und er fühle sich schwer krank. Seine Frau holte ängstlich die homöo- pathischen Bücher hervor und gab ihm Tropfen. Er hatte eine unbeschreibliche Wut auf das Ehepaar Langhanns und gab einem Schutzmann ein gutes Trinkgeld, um auch während der Nacht die Hausthür im Auge zu behalten,' damit ein „Rücken" verhindert würde. Auch der Hausmann erhielt Befehl, aufzupafsen. Trotz dieser Sicherheitsmaßregeln fand er keine rechte Ruhe, und bei jedem lauten Geräusch, das sich auf der Treppe hören ließ, stürzte er mit dem Ruf: „sie rücken!" an die Entreethür. Erst nachdem sich dieser Verdacht wiederholt als Irrtum erwiesen hatte, gelang es seiner Frau, ihn zu überreden, zu Bett zu gehen. Die Familie lag bereits in tiefem Schlaf, bis auf Frau Velten, die selten vor Mitternacht ihr Lager aufsuchte und auch heute, bereits im halben Nachtgewand, noch einmal das Entree ableuchtete und sich niedersetzte, um darüber nachzudenken, ob das große Kleiderspind aus Brantikow sich nicht doch hier zwischen Küchenthür und Dunkelkammer einzwängen ließe, als plötzlich ihres Gatten Schlafzimmer heftig aufgestoßen wurde und derselbe in einem seltsamen Aufzuge mit dem Rufe: „sie rücken!" hervorstürzte. Frau Velten konnte sich nicht auf den ersten Blick! klar darüber werden, was er eigentlich an hatte, sie bemerkte nur flüchtig seine mangelhafte Toilette. Er ließ — 843 ihr keine Zeit zu Einwendungen, sondern war int nächsten Augenblicke draußen auf dent Treppenflur. Ein heftiges Gepolter und ein dumpfer Hilferuf drangen an ihr Ohr. Darauf tönte ihres Gatten Stimme: „Schutz- tnaint! Zur Hilfe! Der Kerl will entwischen! Halt!" Die Attgst um den Gatten, den sie im Handgemenge mit dem robusten Schlosser glaubte, besiegte Frau Veltens Rücksicht auf ihr Negligee und sie lief in der Nachtjacke, die Lampe in der Hand, ihrem Manne zu Hilfe. „Damned! you blackguard! Murder! thief!“ hörte sie eine fremde Stimme zwischen den Hilferufen ihres Gattet: nach dem Schutzmann fluchen. Und beim Scheine ihrer Latnpe gewahrte sie mit Entsetzen, daß ihr Mann einen Herrn am Kragen hatte, der sich zornig und angstvoll unter dessen eisernem Griffe sträubte. Auch Herr Velten gewahrte seinen Irrtum, ließ sein Opfer los und stand im ersten Moment stumm vor Schrecken. Der Fremde schüttelte die Fäuste gegen ihn und fuhr fort, auft englisch zu fluchen, wovon Herr Velten zum Glück kein Wort verstand. Wer Brau Velten verstand ihn und nun trat sie mit der ihr zu ebote stehenden Würde vor und erklärte in etwas gebrochenem Englisch den Irrtum. Der Fremde schien schnell besänftigt, er lachte sogar und sah sich das Ehepaar verwundert an. Er legitimierte sich als Mr. Hopkins, der Geistliche der kleinen englischen Gemeinde in Leipzig. Er habe oben int dritten Stock einen Besuch gemacht und sich etwas verspätet. Man trennte sich endlich höflich und versöhnt. Als das Ehepaar wieder in seiner Wohnung unter sich war, gewann die komische Seite der Situation die Oberhand. Es stellte sich heraus, daß Herr Velten im Dunkeln den Regenmantel seiner Frau erwischt hatte, der ihn nur notdürftig bekleidete. Frau Velten konnte sich lange nicht vor Lachen über feinen Anblick beruhigen, aber er brummte: „Na, Du siehst auch nicht gerade salonfähig aus." Und dann wurde er melancholisch und sprach seufzend von „Heruntergekommensein" und „Hausmannsdienste verrichten müssen". Die Sache hatte noch ein Nachspiel. Am folgenben Morgen stellte sich heraus, daß, während Herr Velten auf der Vordertreppe den englischen Geistlichen angefallen hatte, der Schlosser Langhanns mit Familie und Siebensachen auf der Hintertreppe gerückt und entwischt war. terr Velten sagte erleichtert: „Gott sei Tank, daß erl zum Hause hinaus ist, ich hätte mich sonst noch zu Schanden geärgert." Sechstes Kapitel. ' Am folgenden Tage ging Traute mit ihrem Malkasten nach der Zentralhalle. Sie hatte int Leipziger Tageblatt die Ankündigung eines Malkurses für Damen, in der Zentralhalle unter der Leitung eines Malers Winkler gelesen, und da sie eine Leidenschaft für die Malkunst besaß, die sich auf dem Dorfe bereits in allerlei kühnen Versuchen, Menschen und Tiere zu porträtieren, Lust gemacht hatte, war ihr erster und dringender Wunsch, in Leipzig an diesem Malkursus teilnehmen zu dürfen, der den Vorzug unerhörter Billigkeit besaß. Sie war nicht unangenehm überrascht, als ihr auf dem Wege zur Malschule Graf Stauffen in der Zentralstraße begegnete. Heute gefiel er ihr noch besser. Welch eine prächtige Figur und was für ein Rassegesicht! Und wie gut ihn der lange, hochmoderne Ueberzieher kleidete, alles an ihm war von dem Chic und Stil des großen Aristokraten, und mit welch vornehmer Nachlässigkeit, die so gar nichts Gesuchtes hatte, der Zipfel seines rotseidenen Taschentuches aus der Brnsttasche des taubengrauen Paletots hing! Ms er sie erblickte, kam er quer über die Straße, gerade auf sie ztl und grüßte sie mit dem verbindlichsten Gruft Es lag etwas in {einem Blick, was Traute ein plötzliches Herzklopfen verursachte und ihre Wangen höher färbte. Ein seltsam fremdes Gesühl durchzuckte sie. Die leere Straße, der eintönig graue Herbsthimmel darüberr, das alles machte seine Gestalt noch auffallender und wirksamer und wie sie so aufeinander zuschritten, war ihr zu Mute, als sei dies kein gewöhnliches Sichbegegnen, sondern ein Ereignis. Selbst das Neue und Interessante der Malstunde konnte diesen Eindruck nicht verwischen. Und die Malstunde war wirklich sehr amüsant. Traute, die frisch vom Dorfe kam, fühlte sich' ungeheuer imponiert durch den großen graugetünchten Saal mit den mächtigen, bis auf den Boden gehenden Glasfenstern und den vielen umherstehenden Staffeleien. Hier wurde von Damen verschiedenen Alters und verschiedener Nationalitäten gezeichnet und gemalt, während Herr Winkler hilfreich und lehrend von einer zur anderen schritt. Herr Winkler war ein behäbiger Leipziger Junggeselle, stines Berufes Elementar - Zeichenlehrer höherer Töchterschulen mit einem Verlangen nach echter Künstler- schast in der Brust und einer gesunden Begabung, die jedoch da ihre Grenzen hatte, wo die Genialätität anfing. Von den anwesenden Damen malten die jüngeren deutschen Mädchen fast alle in Wasserfarben oder auf Porzellan, und einige zeichneten in Kohle und Kreide, nur! wenige hatten sich an Oelfarben gewagt. Von den Ausländerinnen fiel Traute besonders eine hübsche elegante Engländerin auf, die riesenhafte Störche und Krokodile, zwischen Arrangements von Palmblättern aus die Felder eines Ofenschirmes mit kühnen Pinselstrichen zauberte. i Herr Winkler ging liebenswürdig auf ihre Pläne ein« und Traute begann mit Feuereifer die Zeichnung in Kohl« zu entwerfen. „Mr. Winller!" ries die blonde hübsche Engländerin' plötzlich etwas gebieterisch, „pleace, wie make isch das ehe von Krokodeil?" Herr Winller eilte hilfbereit vom anderen Ende des! Saales herbei. „Ei?" fragte er verwundert, „Sie hatten! doch nicht die Absicht, Krokodileier in die Landschaft zu bringen?" „Please, das ehe!" beharrte Mbions stolze Tochter etwas ungeduldig, „der Krokodeil muß haben ein ehe." Der höfliche Winller war in Verlegenheit, aber Traut« fand den Spaß zu köstlich, um ihm durch Dolmetschen ein Ende zu machen. „Wenn Sie durchaus wollen, können wir vielleicht hier ein Arrangement von Bambus, Schilf und Krokodileiern anbringen", überlegte der Lehrer zögernd, der an unge-, steuerliche Einfälle feiner schönen Schülerin gewöhnt schien^ „Isch nich Sie verstehen, Mr. Uinkler", war die etwas gereizte Antwort. „Sie nur sollen malen mir der ehe." Jetzt sah der verblüffte Lehrer so ratlos aus, daß Trante sich höflich ins Mittel legte und erklärte: ehe heiße Auge< Die ganze Malschule lachte. Die Engländerin blickte! hocherfreut aus Traute, und als das „you speak english?" bejahend beantwortet wurde, war die Unterhaltung bald in Fluß. Lillian Severn war ebenso alt wie Traute und zu ihrer Ausbildung mit einer Gouvernante in Leipzig. Sie wohnten in einer Pension am Schloßplaft wo es ihnen jedoch nicht sorrderlich behagte. Zum Schluß der Malstunde wußten die beiden jungen Mädchen so ziemlich ihre Lebensgeschichte von einander und waren entschlossen, Freundinnen zu werden. Gegen abend überraschte Gras Stauffen Veltens durchs seinen Besuch. Er kam im feinsten Visitenzivil und sein' Aussehen wie seine vollendete weltmännische Sicherheit ließen vergessen, daß er noch ein Schüler war; er glich einem reifen Manne. Herr Velten wurde zum ersten Male wieder heiter und gesprächig, seitdem er Brantikow verlassen hatte. W war ein Genuß, von der Heimat, von oer glücklichen Vergangenheit und den ehemaligen Freundes- und Standes- genossen zu plaudern, und nachdem Graf Stauffen all dies« Lieblingsthemata mit teilnahmsvollem Interesse hatte über sich ergehen lassen, empfahl er sich nach Ablauf der üblichen Visitenzeit und hinterließ einen höchst vorteilhaften Eindruck. „Es ist viel Glück, daß Du hier gleich guten Umgang gefunden hast, mein Sohn", sagte Herr Velten zu Armin, „der junge Mann hat vortreffliche Manieren und ein fest« einnehmendes Wesen." Frau Velten holte den Gothaschen Kalender herbei und vertiefte sich mit einer gewissen Andacht in den Stammbaum der Stauffens, während Hulde an den Schreibtisch eilte, um den täglichen Bries an ihren Verlobten zu beenden und ihm von der neuen Bekanntschaft zu erzählen.^ „Was meinst Du, Clärchen, wir wollen Stauffen antl Sonntag zu Mittag einladen"> sagte Herr Velten gut gelaunt. ‘ ’ „Aber, lieber Mann, ich bin aus so etwas noch gar nicht eingerichtet. Wenn wir ihn einladen, müssen wir ihm doch ein anständiges Mittagbrot geben, und Du weißt, wie mangelhaft unsere jetzige Köchin ist. Auch kann ich die große Wäschekiste, in der sich das gute Tafelzeug befindet, nicht auspacktzn, ehe mein großes Wäschspind aufgestellt ist, und ich zerbreche mir alle Tage schon den Kopf —" „Ach, Mama, das wollen wir schon machen, wir nehmen aus der Kiste, was wir brauchen", riefen Hulde und Traute durcheinander, und Herr Velten stimmte ein: „Sei nur nicht so umständlich. Bouillon wird Auguste doch kochen können, wenn man ihr ein gutes Stück Fleisch gießt. Bei Felsche gießt es sehr gute Fleischpastetchen, die werde ich rechtzeitig bestellen. Hernach etwas Fisch, ein Braten mit Kompott — das genügt- Und zum Nachessen eine Torte, voila toutl" Frau Velten wurde überstimmt und mußte einwilligen. Hulde öffnete ihren Brief noch einmal und fügte ein Postskriptum bei, über die beabsichtigte Einladung. Traute war in angenehmer Aufregung und beschäftigte sich eingehender mit ihrer Toilette für den Sonntag, als es sonst ihre Art war. Herr Velten lud Gras Stauffen selbst mit ein paar freundlichen Zeilen zu einem Teller Suppe am Sonntag ein, und erhielt ein Billet als Antwort, das die Damen entzückte. Es war in kräftig eleganten Zügen auf das allermodernste Kartonpapier mit gepreßter Grafenkrone geschrieben und sagte mit dem höflichsten Dank für die gütige Einladung, daß der Schreiber derselben nur zu gern folgen werde. Herr Velten erkundigte sich unterdessen, als vorsichtiger Familienvater, natürlich nur ganz beiläufig, bei dem Direktor des Gymnasiums, oem er einen Geschäftsbesuch machte, nach Graf Stausfen und erfuhr nur Befriedigendes. Der Mrektor nannte ihn einen hoffnungsvollen jungen Mann, der wohl weniger durch eigene Schuld, als durch die großen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen war, etwas im Studium zurückgeblieben und von seinen Eltern nach Leipzig geschickt sei, um, den zerstreuenden Einflüssen des väterlichen Hauses und Gesellschaftskreises entrückt, so schnell als möglich das Abiturium zu absolvieren. Gr bestätigte, daß Camill Stauffen der älteste Sohn und Erbe der großen Staussenschen Herrschast sei. Herr Belten war vollkommen befriedigt. (Fortsetzung folgt.) Das Germanische Museum in Nürnberg Zur Feier seines 50jährigen Bestehens, 14. bis 16. Juni 1902. Von Paul Pasig. (Nachdruck verboten.) Es war am 16. August 1852, als auf einer in Dresden unter dem Vorsitze des damaligen Prinzen, späteren Königs Johann von Sachsen, stattfindenden Versammlung deutscher Geschichts- und Altertumsforscher auf Antrag des gründlichen Kenners altdeutscher Vergangenheit, Hans Freiherrn von und zu Aufseß, geboren 1801, der Beschluß Mr Reife gedieh, ein deutsch-historisches Museum zu gründen, das alle Denkmäler germanischer Vorzeit bis auf die Gegenwart aufnehmen und so in klarer, übersichtlicher Weise die Entwicklung des deutschen Geisteslebens darstellen sollte. Nach weiteren Verhandlungen kam man überein, Nürnberg zum Sitz des neuen Instituts zu machen, dessen Leitung zunächst sein hochverdienter Gründer, der erwähnte Baron von Aufseß, übernahm, der zugleich, teils, um einen praktischen Anfang zu machen, teils des anregenden Beispiels wegen, seine große Bibliothek und seine umfangreichen und wertvollen Sammlungen dem Museum auf zehn Jahre unentgeltlich zur Verfügung stellte. Tie Wahl Nürnbergs als Sitz des Museums war eine überaus glückliche, denn wohl keine Stadt unseres Vaterlandes, selbst Rothenburg ob der Tauber und Danzig nicht, verkörpert in ihrem inneren Kern und in ihrer äußern Anlage den altgermanischen Geist in so anschauliche Weise, wie gerade diese ehrwürdige Pegnitz- stadt, die mit ihren altersgrauen Mauern, ihren runden, trotzigen Türmen, ihren zierlichen, in reinster Gotik prangenden Kirchen, ihren spitzgiebeligen, mit kunstvollen Erkern verzierten Patrizierbäusern, ihren engen, krummen und winkligen Gassen und Gäßchen wie ein Stück verzauberter Mittelalterlicher Romantik anmutet. Hier also in der alten „Kartause" erhielt das neue Museum sein erstes Heim. Als 347 — nach zehn Jahren Baron von Aufseß von dessen Leitung zurücktrat (1862), ging dieselbe in die Hände des Baurates Professor A. Essenwein — gestorben 1892 — über, unten dem das junge Institut sich in ungeahnter Weise weiter entwickelte. Zunächst trug er dafür Sorge, daß die reichen und wertvollen Ausseßschen Sammlungen der Anstalt erhalten blieben, indem er sie ankaufen ließ. Tann aber erwirkt« er, daß die bayerische Regierung das Museum für unverletzlich erklärte und ihm die Rechte einer juristischen Person verlieh. Letzteres war insofern wichtig, als die Anstalt nunmehr in den Stand gesetzt war, Stiftungen, Schenkungen usw. anzunehmen. In der That flössen ihr nun reiche Mittel von allen Seiten zu, und Staat und Private wetteiferten in der Unterstützung des im besten Sinne nationalen Unternehmens. Nachdem sich im Jahre 1893 das Reich, dis bayerische Staatsregierung und die Stadt Nürnberg geeinigt hatten, die zunächst auf 85 200 Mk. festgesetzten Verwaltungskosten gemeinsam zu tragen, zahlt das Reich seit 1894 einen erhöhten jährlichen Zuschuß von 62 000 Mk., sodaß in Zukunft die freiwilligen Beiträge lediglich dem weiteren Ausbau und der reicheren Ausstattung der Anstalt zu gute kommen. Infolgedessen stehen derselben etwa 50 000 Mk, jährlich für diese Zwecke zur Verfügung. Im Jahre 1872 legte Direktor Essenwein in einer von ihm verfaßten Denkschrift „Tie Aufgaben und die Mittel des Germanischen Museums" die Grundsätze fest, die für Leitung und Hebung der Anstalt maßgebend sein sollten. Nach denselben bezweckt das Museum eine einheitliche und übersichtliche Tarstell- ung des germanischen Geisteslebens. Diese Aufgabe sucht es zu erfüllen 1. durch Aufstellung möglichst reichhaltiges kunst- und kulturhistorischer Sammlungen, 2. durch eine damit verbundene historische und archäologische Biblwthet, sowie ein Archiv, 3. durch Katalogisierung und Nutzbarmachung der vorhandenen Schätze sowie durch Repertorien in Schrift und Bild, in denen auch wichtiges, anderwärts vorhandenes Material ausgezeichnet ist, und 4. durch Veröffentlichung gelehrter und populärer Schriften. Offizielles Organ des Museums ist der „Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums". Daneben erschienen Jahresberichts verschiedene „Führer", Kataloge von einzelnen, besonders interessanten Gruppen und Abteilungen, z. B. der nrch- lichen Geräte, der Textilsammlung, der Glasgemalde, der Spielkarten, der Kupferstiche des 15. Jahrhunderts, dev vorgeschichtlichen Denkmäler, der Bucheinbände, derKunst- drechslerarbeiten, der Bronzeepitaphien, der alten Original- holzstöcke u. a., sowie vor allem die instruktive Sammlung der „Kunst und kulturgeschichtlichen Denkmäler des Germanischen Nationalmuseums" von Direktor Essenwem (18 c7).. Auch neuere Schriften sind in großer Anzahl vorhanden. Um nun dem Leser wenigstens einen annähernden Begriff von der ungeahnten Reichhaltigkeit der nationalen Anstalt zu geben, deren gegenwärtiger Leiter Direktor Gustav von Bezold, dessen Stellvertreter und zweiter Direktor Hans Voesch ist, sei es gestattet, in folgendem einige der interessantesten und wertvollsten Gruppen namhaft zu machen. Tie kulturgeschichtlichen Sammlungen allein zerfallen in Über 40 Gruppen, von denen der größte Teil dem Publikum zugänglich ist, während ein kleinerer, besonders wertvmlev fiir den Forscher reserviert bleibt. In der ersten Gr^ppej interessiert den Besucher neben den vorchristlichen Denkmälern vor allem die reiche Sammlung von Steingeraten. Der Entwickelungsgang der architektonischen Ornamentik kommt in etwa 800 Gipsabgüssen zur Anschauung. In der Kleinplastik wird das Auge diirch die Siegelsammlung gefesselt. Dieselbe zählt über 1500 Exemplare. Geradezu glänzend ist die Medaillensammlung zu nennen. Malerei und vervielfältigende Künste sind in sieben Gruppen vertreten (Mosaik-, Wand- und Glasmalerei, Gemälde, Miniatur-Malerei, Handzeichnmigen, Holzschnitte und Kupferstiche. Tie Sammlung von Glasgemälden, Wohl die reichi- haltigste, umfaßt das 12. bis 19. Jahrhundert. Das Kupser- stichkabinett enthält etwa 200 000 Blätter, baruitier auch die frühesten Holzschnitte. Während die Denkmäler der Poesie und Musik der später zu erwähnenden, überaus reichhaltigen Bibliothek zugewiesen sind, bilden die musikalischen Instrumente, Noten- und Chorbücher ebenso, eine eigen« Sammlung, wie die mathematischen und astronomischen ^u- trumente. Letztere Sammlung gehört zu den bedeutendsten hrer Art. Ueberaus fremdartig mutet den heutigen BÄ ücher die altdeutsche Apotheke sowie das alchemistische Laboratorium an, eine Stiftung des deutschen ApothekervereinÄ, 348 zu Bilderrätsel. Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buib. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießm. ist die Ehrenhalte des deutschen Genius überhaupt. Als. eine solche möge das Germanische Museum unter dem Schutz« der deutschen Fürsten und des deutschen Volkes weiter blühen und gedeihen! Deutschlands berühmtester Beleuchtungs-Techniker über den Kampf zwischen elektrischer und Gasbeleuchtung. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.t Ein magerer Vergleich ist besser, als ein fetter Prozeß. Tie jüngsten Fortschritte auf dem Gebiete der elektrischen Beleuchtung haben die Frage wieder aktuell gemacht, ob das elektrische Licht dazu berufen sei,, das Gaslicht in absehbarer Zeit zu verdrängen. Der berühmte Beleuchtungstechniker Hofrat Prof. Tr. Hans Bunte von, der! technischen Hochschule zu Karlsruhe äußerte sich zu dieser höchstinterefsanten Frage etwa wie folgt: Trotz der rafch steigenden Verwendung der Elektrizität für Beleuchtungszwecke ist die Zahl unserer Gasanstalten in stetem Wachsen begriffen, und gleichzeitig erhöht sich mit jedem Jahr die Gasproduktion. Die Erläuterung für diese Erscheinung ist. höchst einfach: Tas Gasglühlicht ist heute dre weitaus, billigste Lichtquelle, es stellt sich nicht nur um das Fünffache billiger als die Edisonsche elektrische Glühlampe, sondern es ist sogar wesentlich billiger als das Petroleumlicht. Tas elektrische Licht dagegen ist bisher immer noch ein Luxuslicht, das Licht des vornehmen Mannes gewesen. Die Ursache hierfür liegt darin, daß die Gasbeleuchtung in den letzten 15 Jahren eine kolossale Vervollkommnung erfahren hat. Ter Uebergang von der offenen Gasflamme zum Gasglühlicht durch die Erfindung Auers, durch welche der Verbrauch einer Gasflamme, auf gleiche Hellrgkert bezogen, auf den fünften Teil des Gasverbrauches der offenen Gasflamme reduziert wurde, hat nicht nur eine bedeutende Ersparnis an Gas zur Folge gehabt, sondern auch trotz des weit geringeren Gasverbrauches die Leuchtkraft außerordentlich erhöht. Die Auersche Erfindung des Gasglühlrchts bedeutet daher eine überaus wichtige Vervollkommnung der Beleuchtungstechnik. Seit der Verwendung, der seltenen Erden zur Herstellung von Glühkörpern für dre Gasbeleuchtung hat das Gasglühlicht dauernd mehr oder mrnder wichtige Vervollkommnungen erfahren, durch die es in Bezug auf feine Leistungsfähigkeit und namentlich auf ferne Brllrg- keit heute allen vorhandenen Beleuchtungsarten wert überlegen ist. Dazu kommt, daß das Gas auch als Heizstoff, und Antriebskraft eine immer größere Verwendung frndet. Was aber das Gasglühlicht gegenüber dem elektrrschen Lrcht für den kleinen Mann noch besonders wertvoll macht, sth der Umstand, daß ihm die Gasflamme nicht nur zur Beleuchtung dient, sondern in gewissem Maße auch Wärmequelle ist, während das elektrrsche Lrcht bekanntlrch kaltes Licht ist. Einer allgemeinen Einführung des elektrrschen Lichtes wird bei dem gegenwärtigen Stand der Elektrotechnik auch noch die Thatsache hindernd, rm Wege fern daß der elektrische Strom srch wrrtschaftlrch rentabel nm- auf eine Strecke von etwa 30 Kilometer werterlerten laßt, da mit der Zunahme der Entfernung die Leitungskosten außerordentlich ins Gewicht fallen. Es ist daher zu erwarten, daß selbst bei der weitgehendsten Verbesserung der elektrischen Beleuchtung das Gaslicht als Lichtquelle, ferne Bedeutung niemals verlieren wird, sondern daß vrelmehr rn Zukunft beiden Beleuchtungsarten, sowohl, dem Gas gl uh licht wie auch dem elektrischen Lrcht rn glerchem Maße dre Aufgabe zufallen wird, das Lichtbedurfnrs der MenMert "" befriedigen. ; gtt der Textilabteilung wird uns die Entwicklung dieses wichtigen Industriezweiges (Gewebe, Spitzen, Stickereien) von der römischen Periode bis zur Gegenwart vorgeführt. Tie Waffensammlung, etwa 2000 Nummern, ist die lehrreichste, welche es giebt. Sie gründet sich auf die berühmte Sulkowsktsche Sammlung und ist außerordentlich reichhaltig. Auf dem Gebiete des Staats- und Rechtslebens nehmen unsere Aufmerksamkeit die Einrichtung des ehemaligen Sitzungssaales des verflossenen FrankfurterBundes- tag eg sowie die auf das deutsche Parlament von 1848 bezüglichen Gegenstände: Bibliothek, Dekorationsstücke und Mobiliar aus der Paulskirche, in hohem Grade in Anspruch, Heute sagen wir uns, ohne damit jenem Idealismus lieblos das Urteil zu sprechen, daß jene Reliquien als wertvolle Schaustücke in einem deutschen Nationalmuseum ihre Aufgabe am besten erfüllen. Mit Ehrfurcht, aber zugleich nicht ohne ein leises Lächeln betrachten Wir, die wir die Früchte des großen Jahres 1870/71 genießen, die ehrwürdigen Zeugen einer, gottlob, entschwundenen Vergangenheit, die noch nicht reif war für eine Politik, welche lehrte, daß nur durch „Blut und Eisen", nicht durch. Parlamentsbeschlüsse die deutsche Einheit erworben, und daß die deutsche Kaiserkrone nur auf dem Schlachtfelde gefunden werden könne! Weitere Abteilungen umfassen den Handel und Verkehr, dessen hochinteressante Denkmäler (Post- und Botenanstalteu usw.) im deutschen Handelsmuseum, einer Stiftung des deutschen Kaufmannstandes, vereinigt sind. Einen geradezu überwältigenden Eindruck empfangen wir beim Besuche der Bibliothek. Dieselbe umfaßt mehr als 200000 Bände, das Archiv dazu etwa 8000 Pergamenturkunden, 2500 Papierurkunden, 260 Urkundenbücher und dergleichen, 4000 Aktenbündel und 12 000 Autographen. Eine besondere Bereicherung erfuhr die Bibliothek im Jahre 1875 durch die Stadt Nürnberg, welche ihre ganze, etwa 19 000 Nummern umfassende Kunstsammlung, besonders Kupferstiche und plastische Arbeiten aus dem 15. und 16. Jahrhundert, dem Museum zur Aufbewahrung übergab. Es liegt auf der Hand, daß bei den fortgesetzten reichen Zuwendungen, die dem Museum seitens hochherziger Stifter und Gönner zu teil werden, sowie infolge der Neuanschaffungen, welche durch die vorhandenen Mittel ermöglicht werden, die ursprünglichen Räumlichkeiten bald nicht mehr ausreichten. So wurde das Museum in neuerer Zeit insofern vergrößert, als zum ehemaligen Karthäuserkloster, das durch Direktor Essenwein entsprechend ausgestaltet und erweitert worden war, ein Anbau kam, indem das ehemalige, in Ruinen liegende Augustinerkloster wieder aufgesührt und für die Museumszwecke eingerichtet wurde. So bildet das Museum ein besonderes, höchst malerisches Stadtviertel für sich. Auch, auf die innere Ausstattung wird, große Sorgfalt verwendet. Die Dekoration der Räumlichkeiten entspricht möglichst den in ihnen aufbewahrten Gegenständen, und reicher Bilderschmuck trägt dazu bet, die Stimmung des Besuchers zu heben und künstlerisch zu beeinflussen. Wirkungsvoll besonders ist das Riesengemälde. Kaiser Otto III. besucht die Totengruft Karls des Großen in Aachen. Bekanntlich war der jugendliche Sachsenkaiser Otto III. (983 bis 1002), eine schwärmerisch veranlagte Natur, die in der düsteren Romantik der Vergangenheit Trost und Erhebung für die wenig erfreuliche Gegenwart suchte. Das Gemälde zeigt uns nun zur Rechten den jungen Fürsten, wie er mit seiner Begleitung die Stufen zur Gruft hinabsteigt. Tiefe Ergriffenheit und heilige Scheu malt sich auf seinen bleichen, doch noch jugendlichen Zügen, als er sich plötzlich der auf dem Throne sitzenden, majestätisch aufgerichteten Gestalt des großen Frankenkönigs gegenübersieht, dessen geisterhaftes, von langem Bart umwalltes Antlitz zu leben scheint. Eine wirkungsvolle Verteilung der Lichtesfekte vollendet den Eindruck des Gemäldes, das eine Szene aus der Geister- Welt darzustellen scheint. Heute sind wir Zeugen, wie der jugendkräftige dritte Hohenzollernkaiser das Jubiläum des Germanischen Museums auf Einladung des Prinzregenten von Bayern durch seine Anwesenheit weiht und verschönt und so längst entschwundener deutscher Größe huldigt. Fürwahr, ein sprechenderer Beweis für die Bedeutung dieses Nationalmuseums könnte nicht erbracht werden, als wie er in der Anwesenheit deutscher Fürsten, in ihrer Mitte der Kaiser selbst, liegt. Denn gerade die deutsche Geschichte ist eng mit derjenigen der deutschen Fürsten verknüpft, die ihre Träger sind, und die Ruhmeshalle des deutschen Königtums 0 Cremona,