Montag den 14. AprÜ. M D 1902. — Nr. 55. EM^s^W Ä"!''!DW MMD EWU M E WgM NWM -.._Ä "'■Sßfe imm zu Herzen dir die Lehr: Renn nicht hinterm „Gestern" her, Hasche nach dem „Morgen" nicht, Sieh dem „Heute" in's Gestcht! Lemke. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) „Ach Böje", begann der Müller wieder, „wie un- zähligemal muß ich an die Zeiten zurückdenken, als wir bei dem alten Föns Mathematik lernten." „Ja, es war schändlich/ wie Du ihn aufzogst." „Gleichviel, er hatte miä)- gern, der alte Humpelbein, wie viele Ohrfeigen er mir auch erteilte. Ich habe übrigens oft daran gedacht, meinen Doktor in der Mathematik zu machen. — — Ja, Du lachst! Aber ich will nicht Thomas heißen, wenn ich Dir nicht heute noch die ganze Algebra und Geometrie herleiern kann: die Oberfläche der Kugel 4/s rsrc, der verkürzte Kegel — „Nein, halt, halt! Das ist verkehrt." „Wie? Das ist verkehrt? Und das ist doch das einzige, was ich kann.--Mensch, Tu hast ja gar nichts in Deinem Glas." „Tanke, ich will nicht mehr trinken." „Unsinn!" Ter Müller ließ beit Sherry zwischen den Fingern hindurch laufen, und zwang ihn dadurch- die Hand vom Glas zu nehmen. „Siehst Tu, Alter, jetzt trinken wir auf die ewige Gesundheit, die tief im Herzen wächst." Böje sah mit wehmütiger Verwunderung sein sommersprossiges Antlitz an; es war, als ob die stiermäßige Gesundheit, die in diesem großen, roten Kopf glühte, ihn selber doppelt schwach machte. „Und die Molle breiten wir auf dem Boden aus, Helene! Tu wirst wohl damit fertig, — ja wohl! Wie? — Nicht? Ich meinte, hinter dem Schornstein, — ja, wir können nachher darüber sprechen." Tie Tapetenthür öffnete sich abermals, jetzt aber mit einem raschen Schwung. Es lvar der alte Müller, Thomas' Vater, ein kleiner gelber, heiterer Greis, dessen kahler Kopf aus einem gewaltigen Rockkragen hervorguckte. Er kam mit einem Tüderpfahl in der Hand herein, laut ein Lied vor sich .hinsingend, plötzlich aber stutzte ex und hielt inne — er hatte den Fremden erblickt. „Wart einmal, tvärt einmal!" rief er mit pfeifendem Näseln aus, es klang, als sitze ihm eine unsichtbare Zeugklammer über der Nase. „Was bringst Tu denn da mit, Vater?" „Nein, nein, nein, nein, nein, nein! Wart einmal^ wiederholte der Alte, mit dem Tüderpfahl auf Böje zeigend. „Didrickfen!" kam es endlich mit der Kraft de« Ueberzeugung heraus. „Nein, es ist Böje", erklärte der Sohn. „Kannst Tu Dich Hans Böjes nicht entsinnen, Vater! Er war Unterverwalter auf Christianslund." „Ja, ja, ja, natürlich! Gärtner Böjes Sohn! Guten Tag, guten Tag, lieber Böje! Willkommen!" „Mas ist das für ein Tüderpfahl?" fragte der Sohn nochmals. „Tüderpfahl? Hm! Das weiß' ich wirklich nicht. „Ich komme direkt von den Kälbern. Kann er hie« nicht ein wenig am Boden liegen, liebe Lene?" Er setzte sich und nahm eine Prise. „Ach nein! (nnf! nuf!) ist das wirklich des alten Gärtner Böjes Sohn? Kristen!" er wandte sich an seinen Bruder, den Exredakteur — „hast Du jemals Sören Böje. gekannt?" Ter Gefragte schüttelte den Kopf, und sandte dem Frager einen Blick zu, der zu sagen schien: „Bleib mir mit Teeinen Dummheiten vom Leibe." „Das war doch merkwürdig", sagte der alte Müller, fortfahrend, „daß ich Sie gleich wieder erkannte! Sie sehen übrigens ein wenig elend aus. (Der Sohn gab ihm einen Puff mit der Spitze seines Morgenschuhes.). Mas willst Du? Was soll ich?" „Soll ich Dir nicht ein Glas einschenken, Vater?" „Ein kleines Glas? Hm, na ja! Na, was ich sagen wollte, — und ich habe Sie doch gewiß nicht öfter als einmal gesehen." „Nein, das haben Sie wohl kaum, deshalb war es. auch kein Wunder, daß Sie mich nicht gleich erkannten", erwiderte Böje ein wenig malitiös. „Nein, wie könnte ich auch? — Das war damals, als mein Neffe und die da (Helene erhob sich und verließ das Zimmer). — Können Sie sich der Waldpartiq noch entsinnen?" „An der ich als ungebetener Gast teilnahm!" „Ungebetener Gast! Unsinn! Wir lnden Sie und Ihre Schwester Emilie ja ein, als wir Sie beim Moor trafen, — weißt Du es wohl noch, Thomas? Ach, das ist jal wahr, Du warft damals in Kopenhagen." „Ach ja! Ach ja! Wie die Zeit vergeht! Aber was ich immer sage, lieber Böje, man muß sich nur eine frohe Lebensanschauung bewahren, dann geht das Ganze. Und jetzt sind <5ie?" fragte er, den Kopf fast ganz unter dem Rockkragen verschwinden lassend. „Ich habe mich ein paar Jahre in Kopenhagen autz gehalten, um mich auf mein Forstexamen vorzubereiten.j — 218 — . " Der Mte schüttelte beit Kopf uttb' zog die trockene Nasenlaut in Falten. „Forstexamen! Forstexamen? Was ist denn das nun wieder? Nein, wissen Sie, was' Sie thun sollten, junger Mann? Sie sollten Politik studieren, das ist die zeitgemäße Gissenschaft. Forstwesen! Du barmherziger Gott, wer kümmert sich heutzutage um Jagdjunker und Forstknltur? Nein, die Bolkszuchi, die Erziehung des Volkes zur Selbst- leituug, die Erziehung des Bauernstandes und des gewöhnlichen Mannes — ja, es kann nicht nützen, daß Du mir Grimassen zuschueidest, guter Kristen, Du und Deine Freunde, Ihr habt solange am Ruder gesessen, nun wollen wir endlich auch 'mal heraus" „Damit das ganze in die Binsen geht", warf Böje ein. „Potz Donnerwetter!" brüllte der Alte los, dem Gast auf den Leib rückend. „Geben Sie mich an! Hier sehen Sie einen Mann, der achtundsiebzig Jahre zählt! Glauben Sie etwa nicht, daß Verstand und Erfahrung hinter dieser Stirn wohnen?" „Ja, bas glaube ich allerdings." „Du großer Gott! Haben Ihre Gesinnungsgenossen jemals Männer «gehabt wie Oberst Tscherning, Grnndtvig, Balthasar —" „Alle Achtung vor Oberst Tscherning und Grnndtvig als Beamte und gute dänische Bürger, aber freilich nicht als Politiker." Der Redakteur ergriff sein Glas und sah zu dem jungen Mann hinüber mit einem inwendigen „Hm, darf ich?" Der Forstmann aber war inzwischen tief in eine Auseinander- fetznng über „Zimmerpolitik und Jbealismns" geraten. Die Müllersfrau, die an dem Staub, der in der Luft herumslog, merken konnte, daß sich die Herren int Kriegs- tanz der Politik bewegten, benutzte die Gelegenheit, um sich Klarheit über eine Frage zu verschaffen, mit der sie ihr Gehirn schon eine ganze Weile zermartert hatte. „Liebe Helene, was für ein Leierkasten war das, von dem Böje vorhin sprach?" „Nein, er sagte Schwiegertochter — Sie können wohl Wit Ihrer Schwiegertochter zufrieden sein." „Ach so! Ich wußte wirklich nicht. — Ja, ja, da hat zer aber auch recht, mein Kind." Das Mißverständnis amüsierte die alte Frau offenbar sehr, wenigstens ließ ihr Lächeln noch lange Spuren zurück. „Neunen Sie das Freiheit?" fragte Böje, mit der Gabel äusholend. „Das ist bte reine Gewaltherrschaft." „Ganz recht!" brummte der Redakteur und ergriff das Glas mit so -gierigen Fingern, daß der Wein wie in tödlicher Klngst hüpfte und sprang. Der Wortwechsel ward immer heftiger. Thomas trat auf Seite seines Vaters und meinte, die Volkspartei werde, weiß Gott, schließlich siegen, wenn sie nur ausharren wollte, der Redakteur und Böje dagegen hoben das ewige Vorrecht der Bildung und der Sachkenntnis hervor, wo es sich darum handele, die Zügel zu halten. Der Redakteur hatte einen Korkzieher ergriffen, der zwischen seinen zitternden Händen krachte und sich grausend wand, während er jebeit Augenblick mit einem „Vollkommen richtig" einfiel, besonders sobald sein jüngerer Gesinnungsgenosse den beiden Müllern eine gehörig enge Fangschlinge um den Hals ivarf. Thomas wurde schließlich ganz hitzig und erkühnte sich 'zu denr Aussvruch, die Politik des Schwiegervaters rieche verschimmelt, er habe längst seine Rolle ausgespielt. „So?" rief der alte Mann knrz aus, stampfte mit dem Absatz auf den Boden, erhob sich dann schnell und verließ das Zimmer. Böje meinte, es sei das richtigste, die Sache fahren zu lassen. „Das mußt Du Dir Nicht so zu Herzen nehmen. Man kann kein Wort zu ihm sagen, ohne daß er sich gebärdet wie ein Bock, der lauf einen Hund losgeht." „Ja, ja, ja, ja! Du bisftauch viel zu hitzig, Thomas", weinte der alte Müller, der die ganze Zeit hindurch auf dem Stuhl hin und her gehüpft war und wie ein Rasender Mit den Armen in 6er Luft gefochten hatte. Die beiden Freunde besichtigten das Gehöft und die Bäckerei und frischten alte Erinnerungen aus ihrer Kinderzeit auf. „Es ist übrigens sonderbar", meinte Böje, „daß wir beide in der Politik so aneinander geraten können; wenn es schließlich darauf ankommt, « so bin ich int Grunde doch' Fortschrittler, besonders aüf kirchlichem Gebiet bin ich sehr freisinnig." „Na, das lass' ich mir gefallen! — Aber was sagst Du zu dem Apfelschimmel da? Stammt von „Hingist" auf Christianslund." I Schließlich kamen sie an das einfache, aber höchst gemütliche Heim des Redakteurs, wo es Thomas bald gelang-, den alten Politiker wieder zu beruhigen. „Findest Du nicht auch, Böje, daß der Schwiegervater hier recht schön und gemütlich wohnt?" „Freilich -finde ich das." ! Helene trat au Sie Kommode und drehte die Lampe halb herum, so daß die Päpierflicken, mit denen die Kuppel zusammengekleistert war, nach der Wand hist' kamen. , „Aber hier ist auch eine Haushälterin, die das Ganze in Schick zu bringen weiß. Nicht wahr, Helene?" Sie lächelte gezwungen, und wischte einen, Stanb- flecken von der Kuppel. Thomas faß in der Sofaecke und pustete vor Wärmet Er trocknete die Stirn, warf ein Bein auf den Sitz, unbl breitete sich über das ganze Sofa aus. „Ach, wie gut mau es hat! Und doch juckt einem die Nase danach, es noch besser zu bekommen! Denk Dir, Helene —" nur noch zwei Monate — in zwei Mo-, naten, Helene!" Zwei Jahre lang hatte er die Sache in Malmö aufrecht gehalten. Er wollte, weiß Gott, die Schweden tüchtig anspumpen, meinte er. Aber das Auspumpen hatte leider mit einem gründlichen Fiasko für ihn geendet. Ter alte Müller war daheim umhergegangen- hatte feine Schnupftabaksdose zugeschlagen, den Kopf geschüttelt und ihn tiefer und tiefer im Rockkragen verborgen. „Hm! — — Was soll ich mit dem Esel nur einmal anfangen?" Um feiner habhaft zu werden, hatte er ihn schließlich nach Hause gerufen, und ihm das Mühlengehöft übertragen. Helene war nach ihrer Verlobung sehr glücklich gewesen, bis sich im Laufe des zweiten Jahres Gedanken einfanbeit, bte eine tiefe Kluft voller Angst und Unruhe mitten in ihr Glück hineiugruben; aber mit der trockenen Vernunft, die sie vom Vater, ererbt hatte, und der. schonungslosen Selbstzucht, mit der sie von Hause her gewohnt gewesen, sich unter das Gebot der Pflicht zu' beugen — verscheuchte sie alle ängstlichen Träume und setzte das feste Siegel ihres Willens unter ihr gegebenes Wort. Sie war Thomas ganz unentbehrlich geworden. Oft, wenn er des Sonntags dasatz und gähnte, konnte sch kommen und ihm ein gutes Buch in die Hand stecken- oder sie setzte sich auch neben ihn, und wußte ihn ist ein Gespräch zu verwickeln, das seine Gedanken aufrüttelte.: Oder auch, sie ließ ohne sein Wissen den kleinen rotgelben Oeländer vor den kleinen Wagen spannen, nnd kam plötzlich fertig angekleidet, den Fonragekorb am Arm, zu ihm, um ihn zu einem kleinen Ausflug in den Wald oder an den Strand einzuladen. Dann pflegte Thomas dunkelrot zu werden vor Verliebtheit, er schlang die Arme um sie, und versicherte ihr, daß sie, weiß Gott, ein Prachtmädel fei. Gegenüber den politischen Bewegungen der Zeit stand sie fremd da. Es konnte sie wohl zuweilen eine Angst überfallen bei dem hallenden Dröhnen der Weltkämpfe, und der heißeste Wunsch erfüllte sie, daß sich Friede und Liebe über das wildempörte Menschenmeer lagern möge; im übrigen aber erblickte sie in den Kämpfen eine allgemeine Zeitbeweguug, die sie selber nichts anging. Ein! heißes Sehnen kannte ihre Brust nicht, niemals hatte ihre Einbildungskraft die Arme nach fernen Luftbildern aus- geftreckt, niemals hatte sie jene zitternde Unruhe empfunden, die das Gemüt unter dem Flügelschlag rastloser Gedanken einem großen Geistesziel entgegenführt; sie war. in der Beziehung eine nüchterne Natur, die echte Tochter des alten, steifen Redakteurs. Wer tief int Innern ihres Herzens lag ein warmer, inniger Drang, durch! stilles Wirken innerhalb der vier Wände Nutzen zu schaffen- ein Drang, andern das Leben leicht und licht W machen, die Gifttropfen aufzufangen, die die Herzen ihrer Lieben bedrohten. Sich für das Glück anderer zu opfern, ftch Ä 219 — Mk ihrem ganzen, treuen Sinn dem! Ernst der! Pflicht hinzugeben i— das war der Geburtsstempel ihrer Natur, den sie von einer pslichtgetveuen, sanften Mutter geerbt hatte. Und' in den Herzenskamnieru, wo Ausdauer und Wille wohnen, wird es nicht leicht öde; sie besaß! Kräfte wie nur wenige, aber sie wandelte ihren Lebensweg still und bescheiden; sanft und milde sorgte sie für ihre Umgebung und vermochte der Luft eine Wärme zu verleihen, die bewirkte, daß sich! sowohl Blumen als Herzen wohl fühlten. Unter ihrem Einfluß war der Trieb des Mannesalters, Männesthat zu verrichten, in dem vorher leichtsinnigen, groben Müllerburschen erwacht, und hatte einen his dahin Unbenutzten Quell gesunder Kraft in seiner Brust erweckt. Man mußte doch, weiß Gott, zeigen, daß man zu etwas zu brauchen war! Ties „Weiß Gott" war einer der würzigen Kraftausdrücke, die von alter Zeit her tief in ihm Wurzel gefaßt hatten. Er hatte eine ganze Anzahl davon besessen, die den ganzen Tag hindurch! knatterten, brannten und blitzten; Helene aber hatte allmählich! einen nach bem' andern aus gejätet, ohne daß er es so recht gewahr wurde, wie das Beet, auf dem sie wuchsen, allmählich kahler wurde, nur dies! „Weiß Gott" konnte sie nicht ausrotten; es war ein so schneidiger Ausdruck, der Achtung erweckte, und dabei ein vornehmer — der Graf aus Christianslund bediente sich dessen bei den großen Jagden mit Vorliebe. , (Fortsetzung folgt.) < Wilhelm Busch?) ! Zu seinem 70. Geburtstage. 15. April 1902. ■ I । Von Paul Wittko. tora ■"" (Nachdruck verboten.) ' Ein großer Meister lachender Kunst feiert morgen, am 15. April, seinen 70. Geburtstag, und allenthalben in deutschen Landen wird man an diesem Tage Wilhelm Busch, dem „König der Karrikatur", wie ihn ein Franzose nannte, huldigen, der in seinen Werken eine Art Siegesallee deutschen Humors geschaffen hat. In Wiedensahl, Kreis Nienburg, im Hannöverschen, kam das Kuäblein im kinderreichen Hause eines Krämers zur Welt . i ' > !.. ' -j L ■ ; Früh zeigt er seine Energie, Indem er aus dermaßen schrie; Tenn früh belehrt ihn die Erfahrung: Sobald er schrie, bekam er Nahrung. Tann lutscht e.r emsig und behende, Bis daß die Flüssigkeit zu Ende. Auch schien's ihm höchst verwundersam, Wenn jemand mit der Lampe kam. Er staunt, er glotzt, er schaut verquer, Folgt der Erscheinung hin und her , Und weidet sich am Lichteffekt. Man fieht bereits, was in ihm steckt. Schnell nimmt er zu, wird stark und feist An Leib nicht minder, wie an Geist Und zeigt bereits als kleiner Knabe Des Zeichnens ausgeprägte Gabe. So deklamiert er im 2. Kapitel von seinem „Malep Klexel", um in den folgenden immer mit den kräftigsten Zügen und schneidenden Tonquixoterien den Lebenslauf eines! Künstlers zu erzählen. ; Doch ach! wie bald wird uns verhunzt ! ! Tie schöne Zeit naiver Kunst. ! Wie schnell vom elterlichen Stuhle Setzt man uns aus die Bank der Schule! Ter Schulmonarch ist leider kein Kunstverehrer und nach höchst tragikomischen Konflikten zwischen Lehrer und Schüler bringt man den Knaben „Zum Zweck moralischer Erhebung In eine andere Umgebung". So kommt er denn endlich auf die Akademie. *) Unsere Leser seien darauf aufmerksam gemacht, daß die meisten der Werke von Wilh. Busch in Einzelausgaben zum Preise von 1 Mk. bis 1,50 Mk. im Verlage von Fr. Basscrmann in München erschienen find. Bon allen Schülern, die da! sitzen, Kann keiner so den Bleistift spitzen. Auch sind nur wenige dazwischen, Tie so wie er mit Gummi wischen. Und im Schraffieren, was das Schwerste, Ta wird er unbedingt der Erste. Nach drolligen Erlebnissen im Düsseldorfer Antikensaal und Studien nach! der Natur, malt er ein Historienbild, dass einen Zimmerkampf mit einem Kritiker herbeiführt, hat die absonderlichsten Liebesabenteuer uftm ' „Hartnäckig weiter fließt die Zeit; Tie Zukunft wird. Vergangenheit. Von einem großen Reservoir , Ins andre rieselt Jahr um Jahr." lieber Antwerpen wanderte er nach München*) und dort begann er im Jahre 1859 die berühmten „Münchener! Bilderbogen" zu zeichnen, die von seinem Verleger anfangs lächerliche gering honoriert wurden. „Doch größern Ruhm wird der verdienen, Der' Farbe kauft und malt mit ihnen", meint er. ' Darum, o Jüngling, fasse Mut, Setz auf den hohen Künstlerhut, Und wirf Dich, auf die Malerei; Vielleicht verdienst Tu was dabei. Und so begann er in Lenbachs Atelier zu arbeiten, und der Meister selber fand den Kopf des jungen Malbeflissenen' würdig seines Pinsels. Doch das Lenbachsche Bildnis von Busch ist Pose, und daher unwahr. Es mag ähnlich sein, aber nicht ehrlich; niemand hat sich mehr jeder Pose, jedes Gezierten, Affektierten dauernd abhold gezeigt wie gerade Busch. Busch ist ein Original im Leben, wie in der Kunst. Er sitzt heute, inzwischen der Feder wie dem Stifte untreu geworden, vor der Welt „ohne Haß" verschlossen, in einsamer Naturbetrachtung, in den: Dörfchen Mechtshausen in der Hildesheimer Gegend. Dort schaut er gern dem Leben der Bienen zu, wie einst der alte Vergil, und wie neuere dings Maeterlinck. Hinneigung zu dem wundersamen Leben! des Bienenvolkes pflegt ein Zeichen sinnigen poetischen Gemütes zu sein. Wer nur oberflächlich Busch als Zeichner und Poet kennt, wird über diese Bienenliebe staunen. Doch oberflächliche Betrachtung führt zu schiefem Urteil. „Sv kommt die rechte Unterhaltung ! j Nur ungenügend zur Entfaltung." Wer seine Schriften und Zeichnungen besser kennt, unterhält sich! mit ihm anders. Denn Busch, ist mehr, als die Menge glaubt. Er ist ein fcharssichtiger Kommentator feiner Zeit, im Grunde ein melancholischer Philosoph, der sich mit den Mysterien des Lebens befaßt, ein Weltverächter, der da weiß, daß ein kaltes, nüchternes Erwachen der tollen Nacht folgt. Ihm paßt die ganze Richtung unserer Zeit nicht. Wir quittieren über seine parodistischen Witzgeschosse mit Lachsalven und denken nicht daran, daß sie aus einem verbitterten, stark kritischen Herzen herausgeschleudert wurden, in dem die Welt gar finster sich spiegelt, deren ganzes unabwendbares Elend nicht wert ist, daß man es bejammert, sondern nur wert, daß man dieses ewige bedeutungslose Einerlei, das unsere Mitmenschen thöricht genug sind, gar wichtig zu nehmen, verlacht. Denn nichts ist, so meint er, komischer als dieser Kontrast zwischen der Nichtigkeit dieses Lebens und der Wichtigkeit, die man ihm beimißt. Darum unterwirft er feinem Spott den ganzen Widerspruch der Welt. Mit einer Fülle derbsten, volkstümlichsten Witzes, mit energischem, manchmal cynischem Realismus, und dann wiederum mit fast graziöser Ironie und jener Genialität, die dunkle Punkte des menschlichen Daseins blitzartig erhellt, giebt der Künstler ein Weltbild, eine Wiederspiegelung von tausend Verhältnissen und Zuständen seiner gärenden Zeit, aus dem die fröhliche Naivetät und bie phantastische Abenteuerlichkeit eines echten Künstler- Herzens niemals völlig verschwinden, ©-eilte Kunst ist ein ständiges Schillern zwischen realer und allegorischer Bedeutung. Daraus erklärt sich die Doppelnatur seiner Werte, *) Heilere Erinnerungen aus Wilhelm BnschS Münchener Zeit veröffentlicht Theodor Pixis in der „Kirnst für Alle". Ensch kam im Herbst 1854 nach München. Pixis schildert ihn als einen bildhübschen Burschen mit langen, goldbraunen Haaren und einem jugendlichen Lchnur» nnd Knebelbärtchen. 220 — e ttt aarbeutel" Redaktion: I. B.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Tuch- und Steindruckcrci (Pietsch Erben) in Gießen. Silbenrätsel. (Nachdruck verboten.) Aus ihren 1—2 einen 8 Hat sie voll Glut ihm geschenkt, So daß seit diesem 1—2—3 Er nur an sie noch denkt. (Auflösung in nächster Nummer.) Arlflösung der Schachaufgabe in vor. Nr. W. Kc2, Ta2, Sc4, d8, Ba4, s.7, LG, ä2. Schw. Ka8, Bb4, b5. 1. Kc2—b3, bc+. — 2. Kb4:, c3. 3. Ta2. — 1......ba+. 2. Kb4:, a3. — 8. Sb2. — Tie Buschschen Verse sind ebenso echte Kunst, Jute seine Zeichnungen, obwohl sie ebenso kunstlos flüchtig hingeworfen scheinen, wie diese. Gewiß hatte der Künstler, trotz aller grüblerischen Melancholie, seine herzliche Freude beim Zeichnen wie beim Verseschmieden. Seine Geschichten sind nicht überraschend erfunden, sondern typische Figuren erleben typische Schicksale. Darum werden seine flüssigen Verse nie vertrocknen, seine Blätter aus der Münchener Zeit nie verwelken. Wie als Zeichner, so hat er als Poet seinen persönlichen unnachahmlichen Stil. Niemand schafft ihm Knittelverse nach von so verblüffender Ungezwungenheit und von so urkomischer Wirkung des Reimes. Ebenso staunenswert wie seine Freude am Unkalligraphischen in Der Zeichnung, ist seine Freude am burlesken Reim und an schief gebildeten neuen Worten. Wie reich er ist an glücklichen Gebärden, so reich ist er an glücklichen Worten, die in ihrer diskreten Plattheit so wunderbar parodistisch wirken. Zu den gewöhnlichen Vorgängen wählt er oft ein kurioses Pathos und umgekehrt für poetische Situationen Tie technische Wirkung, die der Zeichner Busch mit ein paar anscheinend nachlässigen Strichen von kluger Berechnung hervorbringt, ist staunenswert. Welche außerordentliche Oekonomie in der Verwendung der Mittel! Sobald er sich in die Bagatellen des Lebens mischt, stehen sie vor ihm — und stellt er sie vor uns zu wunderbarem Popanz vergrößert. Nichts ist komponiert, alles scheinbar flink hingeschrieben, wie die Zeit flüchtig ist — und jede rm Leben geschaute Szene. Er ist ein sehr großer Meister der Bewegung, namentlich der schnellen oder gewaltsamen Bewegung durch die Unmittelbarkeit seiner Beobachtungsgabe. Aesthetische Formeln beengen ihn nicht, er greift ins Leben mit unfehlbarer Sicherheit. Er charakterisiert den Philister meisterliche und findet im engen Dorfidyll keinen Unterschied zwischen schön intb häßlich, sondern alles in der Natur zur Darstellung verwendbar, die verzwicktesten, verrücktesten Situationen, tote im „Geburtstag" den Ritt auf Ziege und Schlvein, die Küchenkämpse in „Plis ch und P l u m", den gefallenen Meier im „Haarbeutel" usto. usw. Jedes seiner Werke ist ein Blatt im großen Buche der menschlichen Tragikomödie und zugleich ein vortrefflicher Erzieher zur Abkehr von allem Geschraubten und Unwahren. Busch ist ein Momentphotograph ohne Gleichen, ein Physiognomiker, wie es Breughel, Jan Steen, Brouwer waren, die er in Antwerpen lieben gelernt hatte. So summarisch die Behandlung ist, so vereinfacht die Kontur. Mimik, Gestikulation und Anordnung sind stets ausdrucksvoll Seine Linienführung ist immer groß und einfach, trotz alles scheinbaren Wirrwars, alles anekdotisch Gleichgültige abstrahiert zur Form der Dinge an sich, trotz aller Neigung zum anekdotisch Grotesken. Er bewegt sich zumeist in den seltsamsten Kontrasten, er bevorzugt z. B. die ganz dicken Leute von beneidenswerter Konstitution oder die ganz dünnen von abschreckender Zimperlichkeit. Er zeigt den Menschen durch alle Altersstufen, von der frühesten Jugend bis zum Verfall, und begleitet seine Zeichnungen mit monumentalett Strophen. einen trocknen Kanzleistil. Naturlaute ahmt er wie kein anderer Dichter nach (Julchen macht „räväh, räbäh", der Spitz „rawau, rawau", die Venusstatuette fällt mit einem „Klickeradoms" zu Boden usto.). Und schließlich giebt er eine kraus verdrehte grausame Moral dem Leser mit auf den Weg und dreht ihm hinterdrein eine Nase. Busch lehrt uns endlich eindringlich und unwiderleglich, daß es gut ist, sich loszulösen von der Bewunderung des allgemein Gepriesenen der jeweiligen Zeit. Er trat in bewußte Opposition zu dem ganzen schwächlichen, un- selbständrgen Epigonentum seiner Münchener Tage, er kehrte ostentativ bett Rücken einer Zeit, die die Kunst nur erblickte in der Nachahmung einer längst begrabenen Periode, und verspottete dieses Anklammern an die verschlissenen Rockschöße einer großen Vergangenheit mit Recht. Darum wies er mit Laune auf die geschmähte Wirklichkeit und zeigte, wie lustig sie genommen werden kann. Er entdeckte wieder, wie einst die Niederländer, die kleine Welt für die Kunst und nahm seinen Weg aus der Museumsstadt München nach der stillen Natur seiner engen Heimat. Wir besitzen in dem Reim- und Federspieler Busch keinen Zeichner der Größe wie Cornelius, dessen Figuren zumeist in einer bestimmten Pose erstarrt sind, keinen Thoma oder Klinger, sondern, um ein Analogon zu dem guten Worte „Kleinmaler" zu brauchen, nur einen Kleinzeichner; auch? keinen satirischen Poeten von Bedeutung. Doch in seiner Art ist auch Busch wahrhaft groß; er ist in aller Angst des Daseins nicht nur sich selber, sondern dem deutschen Volke einer der bestell Tröster. Zum Schluß einige der hervorstechendsten Sentenzen aus seinen Werken, die allerdings aus dem Rahmen eines Geburtstagsfestartikels hinausgehen, manchem Leser aber als Sprüche lapidarer Lebensklugheit, ob sie gleich zum Teil die höchsten Ideale ins Lächerliche ziehen, zum Teil Selbstverständliches sagen oder höchst Anfechtbares als tiefe Wahrheit vortragen, willkommen sein dürften. Haben sie doch ihre litterarische Bedeutung schon als wohlgelungene Parodien auf jene anspruchsvollen Tichterfentenzen, die nichts anderes sind alv Binsenwahrheiten in pomphafter Form. „Tas Gute, dieser Satz, steht fest, Ist stets das Böse, das man läßt." „Wer sich freut, wenn wer betrübt, Macht sich meistens unbeliebt." „Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein!" „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr." „Enthaltsamkeit ist das Vergnügen An Sachen, welche wir nicht kriegen." „Die Sorge, wie man Nahrung findet. Ist häufig nicht so unbegründet." „Des Lebens Freuden sind vergänglich, Tas Hühnerauge bleibt empfänglich." „Groß ist die Welt, besonders oben." „Kaum hat mal einer ein Bissel was, Gleich giebt es welche, die ärgert das." „Mit Recht erscheint uns das Klavier, . Wenn's schön poliert, als Zimmerzier. Ob's außerdem Genuß verschafft, Bleibt hin und wieder, zweifelhaft." „Ach, reines Glück genießt doch nie, Wer zahlen soll und weih nicht wie!" tu denen zahlreiche mit seiner biedermeierhaftert schlichten Komik vor getragene Kapitel so wenig einer Erläuterung bedürfen, wie etwa der Struwwelpeter, während andere Teile schier eines Kommentares benötigen. Es ist nicht gar so verwunderlich, daß die Berliner Lessinggesellschaft die erste deutsche Korporation war, die dem Künstler zu seinem 70. Geburtsjahre, bereits vor länger denn Monatsfrist, eine wohlgelungene Huldigungsfeier widmete. Denn schließlich spann auch Busch, der Einsiedler, an dem Faden des Lessingschen Sichbescheidens. Wer aber nicht nur über der eigenen Zeit, sondern über dem Menschlichen überhaupt steht, wer sich und die Welt überwindet, der genießt jene Ueberlegenheit, jene unerschütterliche Sicherheit, die Humor ist: selbst der Humor des Kummers bildet schließlich gegen alles Mißgeschick, gegen die ewige Tragik der menschlichen Existenz das schlichtende Gegengewicht. Tas ist die Weltanschauung, die aus seinen ernsten Gedichten, seiner „Kritik des Herzens", spricht. Der ist ein idealistischer Phantast, der die Welt, dieses Narrenhaus, schön ftndet, sagt er in seinem „Schmetterling". Darum seien wir selber närrisch, dann werden wir uns mit ihr ganz gemütlich abftnden können.