Samstsg den 13. Dezember. ■ Mjl & QH b |< jralinragEKs} MWWBWWWH E 1902. — Nr 185. ( ■ J Itl xZW MU (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original - Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) Schweigend gingen Wera und Tatiana zu ihren Zimmern hinauf. Wirkliches Vertrauen hatte zwischen berden nie bestanden; im tiefsten Wesen waren sie sich fremd geblieben. Besonders Latiana zeigte eine Verschlossenheit, die auf die jüngere Schwester stets erkältend gewirkt hatte. Nie harte Wera dieses kühle Verhältnis fo bitter empfunden, wie gerade jetzt, da sich ihr Herz nach Mitteilung sehnte. Als sie das unverhohlene Leid im Antlitz Tatianas wahrnahm, wallte ihr Empfinden über; sie breitete die Arme aus und zog die Trauernde zärtlich an sich „Sprich", flüsterte sie, „Tu hast Kummer, Dich quält etwas, erleichtere Dich von dem Drucke, der auf Tir lastet. Sieh, ich will Tir auch vertrauen, indem ich Tir gestehe, daß ich Andrei Pawlowitsch innig, innig liebe." Tie starre Rinde löste sich endlich: Tatianas Kopf sank an die Brust der Schwester, ein krampfhaftes Schluchzen brach, sich Bahn, Thränen stürzten aus ihren Augen, niw Uber ihre Lippen kam der Name „Timitry Kalussoff." „Tu liebst Timitry Kalussofs?" rief Wera erschreckt aus. „Ja, ihn, den ihr alle verkennt, — ihn, der hunderttausend Mal besser ist als sein Rus — ihn, der an Wissen und Können tausend Airderen überlegen ist! Ich werde sein Weib, und wenn sich auch die ganze Welt dagegen auflehnt." „Trost wollte ich Tir spenden", sagte Wera voll tiefen Mitgefühls, indem sie zärtlich mit der Hand über das Haar der Schwester fuhr, „aber jetzt bleibt mir nur übrig, Dich vor dem Sturz in das Unglück zu warnen, denn Timitry Kalussofs ist ein Mann, der Teiner Liebe nicht würdig ist. 6. In den schönen, festlich geschmückten Räumen des Gogol-Theaters zu Kiew wogte ein elegantes Publikum plaudernd, scherzend, lachend und bewundernd hin und her. Ter Bazar, den ein auserwählter Kreis von Damen der Stadt veranstaltet hatte, bot eine willkommene Gelegenheit, Triumphe zu feiern, und das Amüsement mit dem Wohlthun zu vereinen. Man opferte eigentlich! nicht der Armut, deren unglückliche Kinder aus den Erträgnissen des Bazars nach Beendigung 6er Fasten eine Oster- freude bereitet werden sollte, sondern der Anmut, die hinter den Verkaufstischen durch jugendfrische Mädchengestalten in bestrickendster Weise verkörpert war. Eifrig wären die Mitglieder der jeunesse dorse beschäftigt, die günstigen Chancen des Bazars wahrzunehmen, sich von der besten und edelherzigften Seite zu zeigen, das wärmste Interesse für das traurige Geschick der Enterbten zu bekunden, den graziösen Verkäuferinnen angenehme Verbindlichkeiten zu sagen und durch reiche Spenden leuchtende Tankesblicke aus schönen Augen zu gewinnen. Ebenso eifrig und erfolgreich waren die jungen, vornehmen Tamen bcniüht, jeden, der im Besitze einiger Rubel zu sein schien, wie mit einem unwiderstehlichen Zauberbanne zu fesseln und mit bestrickenden Worten, lächelnden Mienen und sanft einladenden Gesten zur Hergabe seiner Schätze zu bewegen. Tas Knistern und Rauschen der Seide, das Flimmern der Brillanten und das Schimmern der Perlen, der weiche Tust des Odeurs und der Blnmen waren in diesem Wettbewerb um die Freigebigkeit der Rubelbcsitzer schmeichelnde, lockende, verführerische Hilfsmittel. Es war eigentlich eine Ausstellung weiblicher Schönheiten, denn mit kritischem Talent hatte der hochstehende Vorsitzende deS Bazars verstanden, nur solche Tarnen für die Uebernahme von Berkaussständen zu begeistern, denen die Natur sich im höchsten Maße gnädig erwiesen hatte. Traußen, amt -Eingänge des Theaters, glühte in den Abend ein Transparent, auf dem eine liebreiche Charitas inmitten einer Gruppe verwaister Kinder dargestellt war und die in gewaltigen Kapitalbuchstaben ausgeführte Inschrift prangte: „Bazar zum Besten der Armen Kiews." Hungernde und frierende Leute aus dem Volke standen bewundernd vor dem Transparent, während andere stumpfsinnig auf die den Equipagen und Schlitten entsteigenden Herrschaften blickten oder bemüht waren, die Aufmerksamkeit auf ihr Elend zu lenken. Tie beiden Herren, die soeben vor dem Portal des Theaters eingetroffen waren, schienen von dem Transparent keineswegs erbaut zu sein. Nicht der Bazar hatte sie hergeführt, sondern die übliche Vorstellung, die nun in Wegfall gekommen war. „Ich verzichte auf das Vergnügen", grollte Kapitän Grekow. „Bazare find nicht meine Passion. Tie Armen hungern und frieren draußen vor der Thür, während sich drinnen die Wohlthätigcn nach Herzenslust amüsieren." „Kommen Sie nur, Kapitän", drängte Boris Metro« fanowitsch. „Ta keine Komödie auf der Bühne ist, wollen wir uns wenigstens die im Saal ansehen." Es herrschte ein fürchterliches Gedränge im Saal. Zeitweise stockte die Zirkulation vollkommen, bis endlich wieder ein ruckweises Borwärtskommen möglich war. Schon in wenigen Minuten war der »Kapitän von seinem Begleiter getrennt. Mit Mühe arbeitete er sich, indem er ein halbes Tutzend Schleppen abtrat, Püffe austeilte, entrüstete Blicke erntete und Entschuld iaunflcn murmelte, nach einer freieren 738 Stelle durch, wo er hoch aufatmend stehen blieb, um das Terrain zu rekognoszieren. Ader er war zweifellos in eine frei angelegte Falle geraten, denn sofort wurde er von einer Schar ambulanter Verkäuferinnen umringt, die ihn in bestrickendster Weise zum Ankäufen eines Warenlagers der sonderbarsten Gegenstände anfeuerte. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nicht für eine Kopeke zu kaufen, aber die jungen Tamen baten so hinreißend, daß sein Gesicht sich allmählich in freundlichster Weise glättete und seine Hand einen Rubelschein nach dem andern für bunte Kuhglocken, leere Bvnbonschachtelu, rote Plüschäffchen und federleichte Blattfächer hingab. Als gar die feurigen Weisen einer Zigeunerkapelle in all den Trubel hineinrasten, die Geigen klagten, zitterten, und Baß und Cello dumpf dazwischen stöhnten, hätte er am liebsten eine der listigen Teufelinnen um die Taille gefaßt und mit ihr die Masurka gewagt. Aber der Gedanke an seine grauen Haare und an die Fasten ließen ihn einen tadellosen Rückzug nach dein Busset antreten, wo sich seine bereits gesunkene Erbitterung gegen die Bazare infolge der geforderten Preise aufs neue zu wilder Glut entflammte. Mit Vergnügen hatte Boris Mitrofanowitsch von einer Loge aus die hochherzigen Anwandlungen und den schließlichen Rückzug des Kapitäns verfolgt. Tann ließ er den Blick über das Menschengcwoge schweifen, das vor den Verkaufsständen wie vor ben Felsen der Küste brandete. Weit hinten ragte ein zierlicher Riosk empor, oben in eine vergoldete Zwiebelkuppel auslaufend, aus deren Knäufen und äußeren Kassetten farbige Edelsteine, Imitationen in elektrischem Licht, still in den Saal funkelten. Tas kleine Architekturwerk war mit außerordentlichem Geschmack ausgeführt. Bewundernd glitt sein Blick von den hübschen Linien und Ornamenten des Aeuheren ins Innere, auf z>vei junge Tarnen in russischem Nationalkostüm, anmutige Ge° stalten, mit dem Kaschnik auf dem dunklen Haar, die unablässig bemüht waren, die dargebrachten Spenden der an» drängenden Bewunderer in Empfang zu nehmen. Mit Interesse verfolgte er ihre Bewegungen. Jetzt konnte er der einen voll ins Gesicht sehen. Ein leiser Ruf der Heber» xaschung entglitt ihm. Täuschte er sich? Er putzte sein Glas und fktzte es gespannt an die Augen. Ein Irrtum war vollkommen ausgeschlossen: die Tarne war die Unbekannte vom Rurik! Es gewährte ihm ein eigentümlicher Vergnügen, sie zu beobachten. Wie ernst sie drein sah, während die Andere ganz Leben war. Kaum daß sie ihren Mund öffnete. Freude schienen ihr die Huldigungen nicht zu bereiten; sie gab und empfing so mechanisch und gleichgiltig, als seien ihre Gedanken ganz wo anders. Tas Glück schien ihr fremd und das Lachen erfroren zu sein. Endlich ließ er das Glas sinken. Wer sie wohl sein mochte? Sein Auge fiel aus den Führer, den er in der Hand hielt. „Russischer Kiosk von Tatiana und Wera Godunow" las er. Er stutzte. Godunow! Toch nicht die Töchter von Jefim Godunow, mit dem er in Geschäftsverbindung stand? Merkwürdiger Zufall, wenn gerade sie es wären! Sinnend schob er das Glas in die Tasche, um seinen Platz zu verlassen. Zwischen den drängenden Menscheumassen hatte er den Saal langsam durchquert. Wenige Schritte von dem russischen Kiosk entfernt blieb er vor einer lebenden Mauer junger Elegants stehen. Gewiß, sie war es! Tas war dasselbe edle, feine Gesicht, mit den lebhaft blickenden Augen und i>!en feirigcschwungenen Lippen, das er noch genau im Gedächtnis hatte. Schönes vergißt man nicht so leicht, denn es ist eine Oase in der Wüste des Lebens. Ja, wenn sich mit der äußeren Schönheit die untere paart, denn sonst ist sie nur eitler, hohler Glanz, der zwar blendet, aber auf die Tauer nicht erfreut. Unwillkürlich mußte er über seine ästhetischen Reflexionen lächeln. Hinter der berückenden, glatten Außenseite dieser barmherzigen Samariterin, die da die Tugendreiche spielte, bargen sich Geheimnisse, Abenteuer und Lust an Extravagantem; denn anders ließen sich doch ihr Erlebnis und ihr sonderbares Verhalten auf dem Dampfer nicht erklären. Mit welcher Angst sie seine Absicht, den Heber» fall des Kutschers zur Anzeige zu bringen, bekämpft hatte! Natürlich, sie empfand Furcht vor dem Alten, dem als tüchtig und ehrenwert bekannten Jefim Godunow, der wahrscheinlich in Raserei verfallen würde, wenn er von solchen Abenteuern seiner Töchter hören müßte. Er lachte im stillen über die Schlauheit der Frauen, aber in diesem Lachen lag ein leiser Anflug von Bitterkeit. Dann fiel ihm das Bibelwort ein: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet." „Ja, wir sollen fein schweigen", fügte er hinzu, „denn wir sind allesamt Sünder." Er zarcherte, an den Kiosk heranzutreten; sie in Verlegenheit zu setzen und gar zu ängstigen, lag ihm fern. Und boctj zog es ihn wie mit geheimer Macht hin, als ob ihm in dem glitzernden Bau das Heil winke, das er so lange gesucht. „Ach was!" sagte er so laut, daß ihn die Hmsteheitden verwundert ansahen. „Ich habe nichts mit ihr zu schaffen!" Schon wollte er sich wegwenden, als ihn die nachrückende Menschenmenge zum Schalter des kleinen Bauwerkes vorschob. An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken, und so schaute er gerade hinein in den Kiosk und in Tatiana Godunows erbleichendes Antlitz. Boris Mitrofanowitsch war durchaus keine schwache Natur, die sich so leicht von Plötzlichkeiten unterjochen ließ, aber in diesem Moment empfand er ein Gefühl peinlichster Verlegenheit. Lüftete er auch mit höflichster Verbindlichkeit den Hut, so vermochte er doch kaum ein einziges Wort hervorzupresseu. Daß sie ihn zu ihrem Schrecken erkannt hatte, war ihm klar geworden. Er fühlte, daß er sie sofort beruhigen und aller Sorgen entheben mußte. „Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein", sagte er leise, nachdem sich ihre Augen wenige Sekunden gemessen hatten, „wenn ich so unvermutet vor Sie trete." „Warum verzeihen?" gab sie mit erzwungener Ruhe zur Antwort. „Ter Zutritt zum Bazar steht jedermann frei." „Tann gestatten Sie", bat er in warmem Ton, „daß ich Ihre Reichtümer für die Armen gegen ein kleines Andenken vermehren helfe." Einen Hundertrubelschein seinem Portefeuille entnehmend und auf den Tisch legend, musterte er flüchtigen Blickes die ausgelegten Gegetrstände. In einem zierlichen Körbchen gewahrte er auf feuchtem Moose duftende Rosen. Eine der farbenschönen Blüten hervorztehmd und sich vor Tatiana verneigend, sagte er ernst und fast feierlich: „Ich wähle die Rose als Symbol der Verschwiegenheit." Sie verstand, was er mit diesen Worten sagen wollte, und atmete auf. In ihren Mienen prägte sich Heber» raschuitg aus. Eine innere Stimme rief ihr zu: „Er wird dich nie im Leben verraten!" Im Drange über» wallender Empfindung wollte sie ihm die Hand bieten, aber ohne den Tank abzuwarten, hatte er sich bereits unter höflichem Gruß entfernt. Sie sah nur noch, wie er die Rose, als sA sie ein kostbares Kleinod, sorgsam barg, und dann war sie wie — versteinert . . . „Feuer! Feuer! Feuer!" Wie machtvolle Donnerschläge fuhren die fürchterlichen Rufe in die Ohren der Mensihen, wie die gewaltige Posaune des jüngsten Gerichts schmetterten sie durch den weiten Raum. Sekunden eisigen Schweigens folgten, als sei jeder zur Salzsäure erstarrt. Aber dann fuhr es los wie das Brausen des Sturmes, tote das Tosen des empörten Meeres, wie das Krachen zersplitternder Stämme. Gellende Aufschreie, wildes Kreischen, brüllende Laute, Ausrufe wahnsinniger, verzweifelter Todesangst, ohnmächtige Frauen, tobende, zu den Ausgängen stürzende Menschen, die sich immer mehr gueiner unlöslichen Masse einkeilten und alles, was sich am Boden wand, rücksichtslos niedertraten, ein furchtbares Kümpfen um das Leben, in dem jeder die höchste Kraft einsetzte und mit allen Fibern zu siegen suchte, insgesamt ein tolles, niederschmetterndes, ergreifendes Chaos, über dem Wolken bläulichen Rauches wallten und Flammen leckten, das war die Wandlung, die sich in kaum einer Minute vollzogen hakte. o Noch immer stand Tatiana da, starr, wie vor etwas Unfaßbarem. Plötzlich drang aus unmittelbarster Nähe eine kraftvolle Stimme an ihr Ohr: „SJIeiben Sie, rühren Sie sich nicht von der Stelle, denn in dem rasenden Haufen werden Sie erdrückt." Tie Worte Boris Mitro- fanowitschs klangen ihr wie Trost und Rettung. Ihre Augen suchten ihn. Tort, wo die Flammeri von einem in Brand geratenen Zelt mit unheimlicher Schnelligkeit nach einer Gardine und einem Gewirr von Guirlanden übersprangen, tauchte er auf. Sie sah, wie er die Arme hoch reckte und mit kräftigem Ruck flammende Stoffmassen und Dekorationen herunterriß und unter den Füßen zerstampfte, tote 73g er cm anderen gefährdeten Stellen mit gleicher Kaltblütigkeit den entstehenden Brand ersticken suchte, und wie die Funken gleich glühenden Trauben prasselnd auf ihn niederfuhren. Erleichtert hob sich ihre Brust, als eine kleine Schar beherzter Männer bei dem Bekämpfen des entfesselten Elements zu helfen begann. Ter Erfolg blieb nicht aus. Aber jetzt wallte dichter, schwarzer Qualm empor, der alles einhüllte, sich äusbreitete und gegen den Kiosk drohend heranwälzte. Ihre überreizten Nerven bebten, sie mußte laut aufschreien, und getrieben von einer inneren Gewalt, stürzte sie vorwärts. Stickiger, Heister Tunst schlug ihr entgegen, aber sie drang weiter vor. Ja, dort stand er, wenige Schritte von ihr entfernt, gelehnt an einen Tisch, und am Boden um ihn her ein wüstes Turcheinander glimmender, rauchender, knisternder Reste aller möglicher Stosse, in die zischend das herbeigcschleppte Wasser fuhr. Sein Haupt war gebeugt, seine Augen geschlossen, Haar und Bart versengt, und seiner Brust entrang sich nur mühsam der Atem. „Boris Mitrofanowitsch', rief sie angstvoll, die Hand auf seinen Arm legend. Er zuckte zusammen. „Boris Mitrofanowitsch kommen Sie! Eilen Sie! Sie haben genug gethan!" In fliegender Hast hatte sie diese Worte hervorgestoßen, aber er rührte sich nicht und war völlig teil- nahmlos. Vergebens spähte sie nach Hilfe; die wenigen Menschen ün ihrer Nähe waren eifrig mit Ablöschen beschäftigt. Ter Qualm trieb ihr die Thränen in die Augen urch verursachte ihr Stechen in den Lungen. «Sie sollen nicht hier bleiben!" rief sie irr namenloser Angst. Ihre Hände umspannten die verstümmelte Linke des Mannes, und als habe ihre Kraft sich verdoppelt, zog sre den Widerstandslosen, der gleich, einem Trunkenen hin- und herphwankte, nach dem Kiosk, wo sie ihn erschöpft auf einen Stuhl gleiten ließ. Man hatte die Fenster eingcschlagen, sodaß ein kühler,