fass? Montag treu 13. Moder. 1902. — Nr. 152 (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) 35. Kapitel. Trotz ihres schürfen Verstandes und ihrer Schlauheit ahnte Bertha auch keinen Augenblick, daß sie von dem ehemaligen Kammermädchen der Fran von Sanden angeführt worden war. Rechtlichkeit und hohe Ehrlichkeit lassen sich nur zu ost anführen. Auch, war es Berthas erster Gedanke, als sie Minna verlassen hatte, sofort nach, Siraßj- burg abzureisen und sich- nach dem von ihr beschriebenen Münster auf die Suche zu machen. Ihr Bruder aber, dem sie das ganze Gespräch und ihre Pläne mitgeteilt hatte, erinnerte sich, daß er in Straßburg einen klugen, ihm sehr ergebenen Menschen kenne, und schlug ihr vor, diesem lieber zu schreiben und ihn zu Bitten, die ersten Erkundigungen einzuziehen. Sie folgte ziemlich ungern seinem Vorschlag; denn in ihrem augenblicklichen Gemütszustand hätte sie Thätigkeit und Arbeit der Thatenlosig- keit vorgezogen. Reisen zerstreuen und wirken lvohlthätig auf jeden, der voll Unruhe ist und leidet. Ihre Unthätigkeit sollte aber nicht von langer Tauer sein. Tie Person, an die Georg geschrieben hatte, war auch wirklich auf die Suche all der zahlreichen Münser gegangen, die eben eine Stadt von hunderttausend Seelen in sich beherbergen konnte, hatte aber alle, einen nachdem andern, als nicht zutreffend ausrangiert, den einen, weil er ein zu gewöhnliches Aussehen hatte, den andern, weil er zu klein war, Len dritten, weil er zu dunkelbraun war, den vierten, weil er Straßburg nie verlassen hatte und Berlin überhaupt gar nicht kannte. «Endlich aber bildete sie sich doch ein, das gesuchte und gewünschte Individuum gefunden zu haben. Tiefer letzte Münser stimmte ziemlich- mit den ihm gegebenen Anzeichen unb! Angaben überein: er war groß, blond, von gutem Aussehen, eleganter Kleidung, war Agent von allerhand verdächtigen Sachen und hatte viel auf der Bahn zu thun. Er befand sich momentan in Straßburg, wohnte in der Ruprechtsauer Alle und war, wie man behauptete, vor kurzem erst in Berlin gewesen. Kaum hatte Bertha diese Nachricht erhalten, als sie sofort, von Frau Linden und Wilhelm begleitet, nach Straßburg abreiste. Ihr Bruder schlug ihr zwar vor, sich von ihm begleiten zu lassen, doch, geschah dieser Vorschlag ohne Nachdruck und Ueberzeugung: er bemerkte, daß im Interesse seiner persönlichen Nachforschungen eine Reise oder eine -Entfernung aus Berlin direkt nachteilig sein könnte, und sie hielt es für besser, ihm völlige Handlungsfreiheit zu lassem Waren diese Nachforschungen, von denen Georg sprach, auch wirklich -ernsthaft zu nehmen? In jedem Falle leisten ten sie nichts Aktives, sondern konnten bloß den Geist en müden. Dag für Tag kam er gegen zwei Uhr zu seiner! Schülerin, der Gräfin Torvukoff, setzte er sich neben sie aus den breiten Tivan im Atelier, und 'da suchten mid grübelten sie nun gemeinschaftlich. Seite an Seite, Auge in Auge, wer wohl der Mörder der Frau von 'Sanden gewesen sei« konnte. Ms sie dann die Unwahrscheinlichkeiten ihrer Annahmen erkannten, da sie sich jedesmal in dem weiten Feld! der Hypothesen verloren, als dann alles wieder nach reift licher Prüfung und -Ueberlegung wie ein Kartenhaus in, sich zusammenfiel, sprachen sie, um sich zu erholen, und einen klaren Kopf zu bekommen, über Malerei, Kunst und Über diei Liebe- Ja, über die Liebe. Sie fragte ihn als Freundin/ beinahe geschwisterlich, was er über sie dächte, was' er für Projekte im -Punkte der Liebe habe. Ob er nicht die Absicht habe, -sich- zu verheiraten, und ob er daran nicht etwa durchs irgendwelche Bande verhindert wäre, die so oft die ganze Jugend eines Mannes ausfüllten und sein Leben durchdrängen. Und er gestand ihr wieder, daß ihn Arbeit, seine Bruderpflichten, r— beinahe fein Amt als Vater, — von jeder ernstlichen Neigung zurückgehalten, daß er noch nie geliebt habe. „Wirklich- wahr?" gab st« ihm dann zur Antwort, ihn mit ihrem tiefen Blick durchdringend. Sie hingegen, um ihm sein Vertrauen zu erwidern/ erzählte ihnr in verblümter Rede und mit verschämten Pausen alle ihre Enttäuschungen im ehelichen Leben: trotze ihres Scheins von Kälte und ihrer Zurückhaltung, die allo Männer in respektvoller -Entfernung hielten, wäre sie geboren, um nur zu lieben, und ihr Herz berge einen Schatz! voll warmer Liebesglut. Ter Graf hätte sie zärtlich geliebt; jedoch hätte -er sich dann von ihr nicht aus Abneigung oder Uebersättigung entfernt, sondern infolge einer allgemeinen Abspaunnng, wozu sein Alter und seine Vergangenheit hinlängliche Aufklärung boten. Sie habe viel unter seiner Zurückhaltung gelitten. Unter dem Ansturm aller dieser Enttäuschung hatte sie Herrn von Sempach- kennen gelernt. Voll Jugend und liebenden Feuers verspracht er, ihr ein Herz voll Treue und Freundschaft bieten zu tönten, das der Graf ihr zu bieten nicht mehr im stände war; und sie hatte ihm Glauben geschenkt. Aber sie mußte nur neue Enttäuschung erleben: ihre Herzen fühlten keine Sympathie für einander, oder vielmehr hatte sie bemerkt, daß ihr eigenes Herz sich nicht an dem {einigen erwärmen konnte. Weshalb? Tie Herzen haben eben ihre Launen und Eigenstimmungen. Leider giebt man sich meist erst zu spät darüber -Rechenschaft. So kündete sie ihm ihre Hoffnungen und Enttäusch,-! ungen, ihre großen, -blauen Augen zu Boden gesenkt, ihre Wangen gerötet, ihren herrlichen Körper nach vorn gebeugt. Sie sprach- mit ihm wie mit einem alten Freunde, dem Mm alles vertrauen kann, wie einem Beichtiger, vor dem 606 ihre Teibettbc Seele eröffnete, auf baß er ihr Glück und Frieden wiedergebe. Er lauschte gierig und aufmerksam ihren Worten, voll Gluck und doch unglücklich, alle diese Geständnisse zu vernehmen, und sagte sich manchmal im Geheimen, daß der Zufall doch manchesmal recht ungeschickt handle. Wenn [ie damals, statt Sempach zu begegnen, ihm begegnet wäre, chre Herzen hätten sicher miteinander sympathisiert; eines hätte sich ins andere ergossen, und sie wären vereint geblieben für immer. Ms er eines Tages zu gewohnter Stunde zu ihr kam, sagte sie zu ihm: „Diesmal werde ich Sie blos einen Augenblick empfangen." „Weshalb?" fragte er, die Farbe wechselnd. Sie bemerkte sein Erblassen, ergriff seine Hand und sprach: „Wenn Sie erfahren, worum es sich handelt, lu er beit Sie mir nicht zürnen." „Was giebt es denn?" „Ich hatte es gestern so eingerichtet, daß mir der Justiz- minister vorgestellt wurde, und — wie Sie sich denken können — ich sprach sofort mit ihm über Sempach und seinen Prozeß/' „Wie! Sie haben nicht gefürchtet--" „Keineswegs. Ich stellte Sie auf die natürlichste Art und Weise in den Vordergrund. Sie verfertigten mein Porträt. Ihr Talent und Ihr Charakter seien mir äußerst sympathisch, und ich wollte Ihnen daher einen Gefallen erweisen Nach Ihrer Ueberzeugung sei Sempach unschuldig, and Sie hätten ihn derart verteidigt, daß ich beinahe Ihre Ueberzeugung teilte. Ich ersuchte daher den Justizminister, sich die Prozeßakten vorlegen zu lassen, dieselben mit Sorgfalt zu studieren und inzwischen deut Untersuchungsrichter einen Wink zu geben, daß er für den Angeklagten etwas Interesse an den Tag lege." „Und was hat der Minister erwidert?" „Daß es ganz nach, meinem Wunsche geschehen soll. Wer gleichzeitig verfehlte er nicht, mir zu bemerken, daß die Untersuchungsrichter auf ihre Autorität und unumschränkte Macht äußerst eifersüchtig und eingebildet seien, und daß gerade der, mit den: wir es in diesem speziellen Falle zu thun haben, gegen jede Anempfehlung, selbst von höchster Seite, vollkommen unempfindlich sei. Außerdem gilt er für zäh und autonom und wenig geneigt, seine Ansicht zu ändern." „Tas alles bietet gerade nicht viel Trost und Beruhigung." vielleicht bietet folgendes mehr: Ter Minister, leb- Haft von dem Wunsche beseelt, sich mir irgendwie gefällig «u erweisen, versprach mir, seine abgeschlossene Haft, falls der tonte Sempach sich noch in ihr befinden sollte, für Ihre ^Person aufheben zu wollen." „Ja. Begeben Sie sich also unverzüglich in den Justizpalast und stellen Sie sich! dem Untersuchungsrichter, der in diesem Prozesse zu thun hat, sofort vor. Er wird Ihnen jedenfalls — ich zweifle nicht daran — die Vollmacht geben, Ihren Freund zu besuchen." „Sie wollten also — —" »Jä, ich wünsche sehr lebhaft, daß Sie ihn zum Sprechen überreden und er Sie wissen läßt, womit er den Wend des Verbrechens zugebracht hat." „Mein Gott! Und Sie?" . . »Ich? Ich habe keine Angst. Er wird Ihren Bitten ferne Folge leisten." „Wozu also dann?" „Um Sie zu überzeugen, daß ich Sie nicht getäuscht habe, daß Sie, falls Sie gesprochen hätten, nur gegen seinen Willen gehandelt hätten." „Sie wissen wohl, daß ich davon fest überzeugt bin. Tenn sonst ---" „Tenn sonst?" "Hätte ich — trotz meines Respektes Vor Ihnen H vielleicht doch gesprochen. Wenn dieser Besuch also keinen änderen Zweck haben soll • >—" »Er hat einen viel ernsthafteren und tieferen. Mr forschen seit einigen Tagen vergebens nach dem Schuldigen. Sempach sucht ihn jedenfalls auch. Wer sagt uns, vb er nicht in der tiefen Einsamkeit seiner Zellen in der Vereinsamung seiner Gedanken in seinem Suchen glücklicher gewesen ist als wir! Mn Fingerzeig, der uns entgangen ist, kann ihm aufgefallen sein. — Gehen Sie, mein lieber Meister, und kehren Sie rasch wieder, mir von ihm Nachrichten zu überbringen." „Ich darf also wiederkommen?" fragte er. „Aber natürlich!" antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln. 36. Kapitel. Ohne einen Augenblick zu verlieren, begab sich Georg, nachdem er die Gräfin verlassen hatte, nach der zustän-''- digen Behörde. Taselbst schickte er seine Visitenkarte Herrn $. in dessen Bureau und wurde, ohne daß man ihn hätte zu lange warten lassen, direkt zu dieser bekannten Persönlichkeit eingeführt. Herr L. war ein Mann in den Fünfzig, mit kälten, strengen Zügen, von Natur aus und auch infolge seines Berufes sehr zurückhaltend, aber von hoher Bildung — ein Mann von Welt Leuten von Welt gegenüber. « „Mein Herr", begann er zu seinem Besuche, nachdem er ihn aufgefordert hatte, Platz zu nehmen, „ich kenne Ihren Namen und schätze mich glücklich, eine Gelegenheit gefunden zu haben. Sie persönlich kennen zu lernen. Wie mir mit- geteilt wurde, wünschen Sie Herrn von Sempach zu sehen und mit ihm zu sprechen?" „Ja, mein Herr." „Ich habe mein Versprechen gegeben. Ihnen die nötige Vollmacht auszustellen. Ich ließ sie bereits ausfertigen. Sie ist vollkommen in Ordnung. Hier ist sie. Sie können sich sofort nach Moabit in das Gebäude der Untersuchungsgefangenen begeben, wo sich Ihr Freund befindet, und der Tirektor wird es.Ihnen ermöglichen, mit ihm znsammen- zukommen." „Ich danke Ihnen vielmals, mein Herr, ich begebe mich sofort zu ihm, nm ihm die Hand zu drücken, den armen Jungen zu umarmen und ihm zu versichern, daß ich von seiner Unschuld felsenfest überzeugt bin." „Ich möchte gern Ihre Ueberzeugung teilen", erwiderte kalt der Beamte, „unglücklicherweise habe ich die entgegengesetzte Ansicht, und diese Ansicht wird auch von der Anklagekammer geteilt, die, wie Sie vielleicht wissen dürften, für den Angeklagten derart schwerwiegende Thatsachen vorgefunden hat, daß sie vollkommen hinreichend wären, ihn petzt schon vor bas Schwurgericht zu stellen." „Tas kann wohl anders nicht kommen, da Sie sich in diesem Sinne ausgesprochen haben, in ein Herr." „Ter Gerichtshof brauchte meine Ansicht nicht zu teilen." „Und wenn er diese teilt, so gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken, daH sowohl er als auch Sie sich getäuscht haben. Ich wiederhole es: Franz von Sempach ist an dem Verbrechen, dessen er geziehen wird, ebenso unschuldig wie ich, — und ich baue mit Sicherheit auf die Gerechtigkeit der Jury." Er sprach mit Ueberzeugung und mit sehr warmer Stimme. Ter ergebene Freund, seine leidenschaftliche, sanguinische Natur erwachte in ihm. Eben, als er sich zurüc^iehen wollte, setzte er noch hinzu: ,Mie auch immer diese unselige Sache ausgehen möge, lassen Sie mich Ihnen sagen, was ich auf dem Herzen habe: Seit dem Tage der Verhaftung meines Freundes verlange ich, ihn zu sehen. Jedesmal weisen Sie meine Bitte zurück. Weshalb denn diese äußerliche Strenge? Es war Ihr Recht; Sie haben es gebraucht, gut! Aber in unseren Tagen verzichtet die Mehrzahl der Untersuchungsrichter darauf, von diesem äußersten Recht, dem das Strafgesetzbuch auch seine Grenzen vorgeschrieben hat, Gebrauch zu machen." „Ich könnte Ihnen antworten, mein Herr, daß ich Ihnen keine Rechenschaft schulde. Aber die Freundschaft, die Sie für den Angeklagten hegen, erklärt und entschuldigt Ihre Fragen bis zu einem gewissen Grade — und ich will Ihnen antworten. Ich machte im Interesse des Angeklagten von meinem Rechte Gebrauch, Ich dachte, daß ihm die Wgeschlofsenheit heilsame Gedanken bringen könnte, daß er sich endlich entschließen würde, mir gegenüber eine seiner jetzigen Lage entsprechende Haltung anzunehmen und nicht in einem für ihn gefahrvollen Schweigen zu verharren." „Man ordnet also heute die Abschließung an, wie man einst die Tortur Mgewendet hat? Wenn sich ein 607 eures Verbrechens verdächtiger Mensch geweigert hat, sich für schuldig zu erklären oder seine Mitschuldigen zu nennen, so hat man ihm dereinst Taumschrauben angelegt und hat ihn gefoltert. Um heutzutage seinen Widerstand zu brechen, sondert man ihn von seinen Mitmenschen ab, beraubt ihn jeder Aussprache, wendet man eben eine moralische Tortur an, die mindestens ebenso schrecklich ist wie dre physische Tortur des Mittelalters." „Mein Herr, dieses Ihr System ist nicht meine Erfindung", sagte der Beamte, immer gleich unbewegt. „Ich fand es bereits im Strafgesetzbuch gedruckt vor und wende es an, wenn ich es für passend erachte. Aber lassen Sie, bitte, uns das Gespräch abbrechen. Wichtige Geschäfte harren meiner Erledigung. Mein Herr, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen." , Georg verließ, innerlich über den Richter wütend, wütend über sich selbst, Herrn X. . . . Er hatte sich geschworen, seine Gedanken nicht ausZusprechen und seine KUM Kaltblütigkeit zu bewahren. Und er war seinem Schwur untreu geworden. Um 4 Uhr kam er in Moabit an. Er gab seine MLl- macht, ab und wurde sofort in das Sprechzimmer geführt. . ^"Gefühl des Unbehagens, eine tiefe Traurigkeit und Beklemmung hatte ihn, seitdem er das Gefängnis betreten, erfaßt. Tie merkwürdige Bauart dieses Gebäudes, das rn all seiner Strenge angewandte Zellensystem, das sedoch fange nutzt so streng durchgeführt ist wie in Plötzensee oder Tegel, die furchtbaren Vorschriften und Bewachungs- maßregeln — — alles das verlieh ihm das düsterste, drückendste nussehen. An diesem Winternachmittage eriet)io oie fangen, vom Gas noch nicht beleuchteten Gänge duster und unheimlich. . Ueberall tiefstes Schweigen, nur unterbrochen durch das Knirschen der Schlösser, das Zu- werfen. einiger Tynren, die schweren Tritte der Wächter ^^^'UsPersouen, oder Lurch die leichteren Tritte eines Hastlmgs, der sich rasch vor den Richter, in das Sprech- ztmmer ooer auf den Spaziergang begeben mußte. wartete gefaßten Herzens. In diesem Augen- blfae dachte er nur.an feinen Freund. Er hatte die Gräfin vollkommen vergessen. Plötzlich siel sie ihm ein. Sollte er »ranz sagen, daß er sie kenne? Unbedingt. Er konnte doch nicht anders. Nur durfte er ihm nie die Mittel er» ,,te, eio an gewendet hatte, sie kennen zu lernen. Htanz wurde ihn schelten, — er wollte ja sehen. Tas alles hmge von der Verfassung seines Freundes ab. Tnrfte er chm aber von den Besuchen erzählen, die er der Gräfin maäjte, von all feinen Verbindungen mit ihr, von seiner täglich zunehmenden Intimität? Nein. Franz könnte da- runter leiden und würde etwa glauben, fürchten — — ■— Ci fürchtete ja selbst. Ja, er fürchtete, sie zu lieben, und manchmal fragte er sich mit Schrecken und Wonne zugleich, ob diese wzusagen unbewußte, noch nicht gestandene, stillschweigende Liebe mcht bereits erraten, verstanden und--- ftw« fchch.erwidert worden war. Wäre es nicht grausam, solche Gestaadmste emetn Manne zu machen, der ohnedies schon so schwer geschlagen war, der all seinen Mut aus der Erinnerung seines verflossenen, großen .Gefühls schöpfte, hielt.bt£ H"l>uung auf ein zukünftiges Glück aufrecht Ein Geräusch von Tritten näherte sich dem Sprech- zunmer. Eine Thür öffnete sich. Franz von Sempach CITI» .37. Kapitel. In Moabit, wie in der Mehrzahl der wirklichen Ge- ^chfaeuhlinser oder Strafanstalten, stehen die in Haft Be- flndlichen m kemer unmittelbaren Berührung mit ihren Besuchern. In der Abteilung für Verurteilte sind zwischen jeöent zwei Gitter angebracht, das jedes von dem anderen etwa einen Meter entfernt ist. Ein Wächter schreitet in diesem Raum zwischen den Gittern aus und nieder. Man EN sich kaum sehen und spricht nur aus der Entfernung. Händedrücken, Umarmungen oder Küsse find immer schwer manchmal ganz unmöglich. ' die Gefangenhausdirektoren, die in ihrem Reich, dm andrste Machtbefugnis haben, Übernehmen es oft auf eigeue Verantwortung, einige ihrer Gefangenen mit ihren Verwandten oder Freunden Tn direkte Berührung kommen zu lassen. Ter Direktor des Untersuchungsgefängnisses in Moabit hatte bezüglich der Herren Sempach und Rakenius spezielle Befehle erlassen. Sobald sie beisammen waren, konnten sie einander umarmen ertcartet , begann Franz von Sempach, sobald, ihm seme Aufregung bas Reden gestattete. „Ich ^ose, daß Tu nicht hierher gekommen bist. <;ch weiß daß der Untersuchungsrichter die Abschließungs- hqft anbefohlen hatte. - Wir haben uns viel zu erzählen. Doch zuerst sage nur, wie geht's Deiner Schwester'?" „Physisch befindet sie sich wohl, aber--" _ , »Sie leidet durch mich, für mich, — ich weiß es! — Ä M la "ie weder an Dir noch an ihr gezweifelt. - fach will Euch aucy Nicht den Schmerz anthun. Euch in fragen, ob Ihr mich für schuldig haltet!" „Wir! ?" „Nicht wahr, ich hatte recht? — Doch hat man gegen mich so meLerdrückende Beweise gebracht, — und Tu hättest Dich für einen Augenblick doch — antworte mir mit voller Offenheit!" „Nun beim,, ja. Eine Minute, eine Sekunde habe ich mich damals, gefragt, ob Tu Dich nicht infolge eines Auftrittes mit jener Unglücklichen, durch eine Zorneswallunq hast zu einer Gewaltthätigkeit hinreißen lassen." „Du glaubst es also nicht mehr?" „O nein. Ich habe gute Gründe, es nicht zu glauben." „Was für Gründe?" „Erstens ließ mich Bertha bemerken, daß Tu, wenn Dir wirklich ein solches Unglück zugestvßen wäre, offen und ehrlich Deinen Fehler, Dein Verbrechen, wenn Du willst, gestanden hättest." „Ach! Das hat sie gesagt? — Darin erkenne ich sie wieder ganz. Wie mich das Mädel kennt! — Mer was hast Tu noch für einen Grund, an mich zu glauben, mich nicht für schuldig zu halten? — Tu zögerst? — O, verbirg mir nichts, ich bitte Dich!" „Es ist, — r— es ist eben so peinlich." „Worum handelns sich? Sprich! Man wird uns nicht lange beisammen lassen. Unsere Augenblicke sind gezählt." „Nun denn", sagte Georg mit großer Ueberwindung. „Tu konntest einfach am Wend des Verbrechens nicht in der Ausgburger Straße gewesen sein, — weil Tu wo anders warst, weit weg von dort." „Wo war ich denn?" „In einem Haus in Neu-Friedenau." „Was? — Tu weißt? — — Wie? — Durch wen?" Georg zögerte anfangs, dann stieß er entschlossen heraus: „Durch sie." „Sie! Welche „Sie"?" Ter Maler neigte sich ganz zu seinem Freunde hin und sagte ihm ganz leis ins Ohr: „Durch die Gräfin Olga Dovoukoff." (Fortsetzung folgt.) Die Unzertrennlichen. Von Fred Hovd. (Nachdruck verboten.) Gustav Brinkmann und Albert Pietsch 'sind zwei un- zertreimliche Freunde. Und diese Freundschaft — das eben ist das Merkwürdige — besteht schon seit 12 oder 13 Fahren. 'In der ganzen Zeit haben sie sich nicht ein einzigesmal entzweit — nicht einmal für eine Stunde trübte eine Wolke ihren Frieden. Sie werden mir gewiß keinen Glauben schenken. „Wo in aller Welt", werden Sie einwenden, „giebt es denn eine Freundschaft, welche im Laufe von Jahren nicht durch die kleinste Tifferenz gestört worden wäre?" So werden Sie sprechen. Wer Sie kennen eben Gustav Brinkmann und Sllbert Pietsch nicht. Gustav Brinkmann ist Materialwarenhändler und Albert Pietsch ist Klempnermeister. Beide wohnen schon seit etwa 13 Jahren in der Taschenmacher-Gasse, einige Häuser von emarlder entfernt. Wie ihre 'Freundschaft besiegelt wurde, das kann ich nicht sagen; aber soviel steht fest, daß sie sich schon feit zwölf Jahren jeden Morgen gegen 11 Uhr in der „Wirtschaft zur gelben Katze", welche dem Laden Brinkmanns gerade gegenüber liegt, zusammenfinden, um Zwiesprache zu halten. Sie haben da ihren Stammsitz am Fenster der niedrigen, verräucherten Wirtsstube. Sie lassen sich in ihrer Unterhaltung durch nichts stören, weder durch das Rollen der Billardbälle, noch durch das Schlagen der alten Schwarzwälder Uhr, noch überhaupt durch irgend etwas und irgend wen, und erst wenn sie drüben den Rauch über dem kleinen Häuschen des Bäckermeisters Klopp aufsteigen sehen, erheben sie sich gemächlich und zahlen ihre 608 Zeche, um zu ihren Penaten heimzukehren. Sie gehen dann regelmäßig quer Wer die Straße bis vor Brinkmanns Ladenthür, plaudern noch drei bis vier Minuten — wobei der lange Pietsch stets seine gewaltige Rechte auf Brinkmanns linker Schulter ruhen läßt — und verabschieden sich dann unter lebhaftem Händeschütteln. Um ganz ehrlich zu sein, muß ich betonen, daß ich diese Szene nicht seit zwölf, sondern erst seit sieben Jahren beobachte. Wer ich- habe mir von einer sehr vertrauenswürdigen Person, nämlich dem Bäckermeister Klopp, welcher die Würde eines Stadtverordneten bekleidet, erzählen lassen, daß die Freundschaft noch weitere fünf Jahre zurückdatiert, und daß Brinkmann und Pietsch schon vor zwölf Jahren genau in derselben Weise ihre Zeit von 11 bis 1 Uhr ausfüllten. Zwar hatte Brinkmann im Winter 1893 den Hexenschuß, sodaß er einige Tage nicht ausgehen konnte, während Pietsch inr Frühjahr 1895 infolge einer Verletzung des rechten Fußes mehrere Tage ans Zimmer gefesselt wurde, aber auch während dieser Frist wurde der freundschaftliche Verkehr keineswegs unterbrochen, nur daß man sich eben das Bier in die Brinkmannsche bezw. Pietschsche Wohnung herüberholen ließ, bis man dann den Frühschoppen genau in der alten Form wieder aufnehmen konnte. Sie werden diese Details vielleicht überflüssig finden, aber sie sind es keineswegs; denn bevor Sie nicht einen Begriff von der Dauerhaftigkeit und Unwandelbarkeit dieser Freundschaft erhalten haben, können Sie den beiden Freunden auch nicht die Sympathie eutgegenbringen, welche sie unzweifelhaft verdienen und welche unbedingt erforderlich ist, damit <Äe meiner Erzählung bis zum Ende die erforderliche Aufmerksamkeit schenken. Sie werden nun befürchten, daß ich über Leben und Schicksale der beiden Unzertrennlichen während der ganzen Tauer ihrer Freundschaft berichten will. Ich sage Ihnen sogleich zu Ihrer Beruhigung, daß dies nicht der Fall ist. Es genügt, wenn ich Ihnen möglichst naturgetreu einen einzigen zwischen Brinkmann und Pietsch gepflogenen und von mir belauschten Dialog wiedergebe. Wenn Sie auch nur ein wenig Phantasie besitzen — und daran wage ich natürlich nicht zu zweifeln — so werden Sie gleich erkennen, daß — mutatis mutandis — dasselbe G-espräch an jedem Morgen während der zwölf- oder dreizehnjährigen Freundschaft geführt wurde; — denn dasselbe bildet ja eben den festen Kitt, welcher die beiden Unzertrennlichen so lange Jahre hindurch zusammenhielt. „Lieber Gustav", begann Pietsch, „ich muß Dir sagen, daß mir heute nacht gar nicht gut zu Mute war. Es sind wieder die Anzeichen meines Uebels, an welchem ich schon so viele Jahre leide, aber diesmal waren die Schmerzen weit heftiger als früher. „Es ist gewiß Dein Reißen; Deine Werkstatt ist so zugig." „Rein, es ist nicht das Reißen. — Also erst, wie ich erwachte, hatte ich solch erschreckliches Spannen hier über der Brust, dann fühlte ich ein fürchterliches Stechen in den Schultern, das immer heftiger wurde, sodaß ich mich gar nicht bewegen konnte. Ein heißer Schweiß 'bedeckte meinen ganzen Körper, in den Ohren hörte ich ein lautes Zischen und Sausen, die Kehle war ganz trocken, ich rang nach Luft, und jeden Augenblick glaubte ich ersticken zu müssen. Erst gegen Morgen wurde es besser." „Ach, ich kenne das ganz genau, lieber Albert", nahm nun BrinkMann das Wort. „Es ist ein böses Ding — ich leide, wie Tu weißt, schon seit zwölf Jahren daran. Es hängt mit dem Magen zusammen." „Mit dem Magen? Ich glaube, es ist die Leber." _ „Run, laß es doch die Leber sein, Albert; ich weiß das nicht so genau, aber ich habe ja nun das alles auch bei mir beobachtet. Hast Du dann nicht bemerkt, daß sich die Schmerzen aus der rechten Seite fortpflanzen, und daß Dir dann ist, als oft ein großer Wurm Dir die Eingeweide durchwühlt?" „Ganz richtig. Und hier an der Hüfte —" „Man hat das Gefühl, daß einem die Knochen zermalmt sind, und wie man sich auch legen mag, man hat das heftigste Brennen im Leibe." „Tas ist aber noch nicht das Schlimmste", fuhr nun Albert fort. „Das Schlimmste ist dieses dUmpfe Gefühl rm Schädel, dieses Stechen in der Kopfhaut. Manchmal ist mir, als ob mir jemand den Hinterkopf abgesäbelt oder gespalten hätte ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, aber es ist ein gräßliches' Gefühlt" „Ja, ja, lieber Freund, ich kenne dies ganz genau. So ging es Mir z, B. vorgestern nacht, und ich war schon ganz glücklich, als der Morgen herankam! Ich habe dann auch immer solch entsetzliches Drücken in den Schläfen und in den Augen '— ich suhle ordentlich, wie die Augen aus ihren Höhlen hervvrtreten wollen. Und dann sieht man blaue, grüne und rote Flecken vor den Augen herumtanzen, bis man ganz wirblig davon ist. Und ich rufe dann jedes- man meine Frau, und wenn sie mir eine kalte Kompresse auf die Stirn fegt, dann wird es imMer etwas' besser." „Sv! — Wird es- dann besser?" ,/Ja, dann wird'«es besser."--• Die Kellnerin brachte frische Schoppen, und dadurch wurde das interessante Gespräch für einige Sekunden unterbrochen. Tann begannen Gustav und Albert aufs neue die Krankheitssymptome zu schilderm Mir lief eine Gänse- haut über den Rücken, und ich dachte daran, wie es möglich sei, daß Leute, die mit so grauenhaften Krankheiten behaftet sind, noch unter den Lebenden herum-, wandeln und ihren Geschäften nachzugehen vermögen. Nach Verlauf von einer Stunde hatten sie so ziemlich die Symptome aller menschlichen und unmenschlichen Krankheiten und Gsbrechen erschöpft, und sie waren gerade im Begriff, Von neuem anzusaugen, als ich aufstand und meine Zeche beglich. — Wie ich nun nach Verlaus weiterer zwei Stunden von meinem Schreibtisch, aus nach dem Ärinkmannschen Laden hinüberschiefe, bemerke ich die beiden Freunde in jener bereits klassisch gewordenen Stellung. Pietsch, versetzte Brinkmann gerade noch die Spezifikation irgend eines, interessanten grauenhaften Leihens. Man sah es ihm an den Augen an. Wer was ich früher nicht beobachtet hatte, das frei mir jetzt deutlich auf. Beide waren sichtlich erfrischt und gestärkt. Was anderen ein erhebendes Gespräch über bte Knufft oder die Politik ist, das ist den beiden Unzertrennlichen ihre Krankheitsaeschichte, welche ihrer üppigen Phantasie Gelegenheit zu freier Bethätigung giiebt. Sie haben das eine Gebiet seit zwölf Jahren mit unermüdlichem Fleiße kultiviert, sie haben jeden Morgen neue Kraft und neuen Lebensmut daraus geschöpft. Ihre Krankheiten sind ihnen zum Lebenselement geworden. Sie könnten ohne diese nicht mehr existieren; weil sie sich als verwandte Seelen zusammengethan und an demselben Steckenpferde das gleiche Vergnügen gefunden, so ist ihre Freundschaft mehr und mehr gefestigt worden. Sie wird auch nie getrübt werden, es müßte denn sein, daß einer von beiden plötzlich gesund wird. Der Himmel bewahre sie vor diesem Unglück. Vermischtes. Ein kleines Versehen. Eine Dame, welche eine elegante Villa in einem Vorort bewohnt, hat einen kleinen Hang zur Sparsamkeit und v'ersteht sich ausgezeichnet darauf, die abgenutzten Cylinderhüte ihres Mannes in hübsche; Näh- oder Stickereikästen zu verwandeln, die sie ihren Freundinnen verehrt. Kürzliche bemerkte sie auf dem Tisch im Korridor einen prähistorischen, altehrwürdigen Hut. Triumphierend ergriff sie ihn, und eben hatte sie die Krempe abgeschnitten, den Hut mit himmelblauer Seide überzogen und ihn mit einem geschmackvollen Spitzen- und Schleisenarrangement ausgestattet, cüs sie durch das Mädchen in ihrer Arbeit unterbrochen wurde: „Gnädige Frau, der Klavierstimmer kann seinen Cylinder nirgends finden. Er sagt, er hätte ihn im Kvrridvr gelassen." — Zehn Minuten später verließ der Klavierstimmer das Haus mit einer Mutze auf dem Kopf und einem Zwanzigmarkstück in der Tasche. Gleichung. (Nachdruck verboten.) (a—b) + c + st, <1 = x. a musikalischer Ausdruck, b bekannter lateinischer Gruß. c Fluß in Asien, ci Planet, x Teil des Jahres. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: (W. Ka8, DM, La4, Sb8, Tb4, b6; Schw. Ka5, Df6, Te4, Baö, o4, eT.) 1. La4—e8, beliebig; 2. vierfach matt. (1. Ld7 scheitert an Db8l) Redaktion: Curt Plato.— Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn Universitäts-Buch« und Cteindruckerri (Pietsch Erben) in Gießen.