Mittwoch den 13. August. P J.H45 Thh Ml. wj SSjjs 1902. — Nr. 119. O as über Nacht, unbewußt ihr selbst, zu keinem angefangen 'satte, und vom friedvollen blauen Himmel strahlte erwärmend die Sonne darauf. Wie ein jungfräulicher Mer war ihr Herz gewesen und nun wuchs daraus die Saat mit doppelter Kraft. Keine Rechenschaft wollte sie sich geben — nicht wissen, was es war. Nicht denken! Wer wenn sie allein mit sich war, so kamen ihr die Gedanken ungerufen, ungewollt — und sie dachte an ihn. Ueber sein verändertes Wesen dachte sie nach. Achtlos war er in den ersten Tagen an ihr vorübergegangen und nun war er ihr täglicher einsamer Begleiter. Wie war das gekommen? Als gäbe es nicht eine ganz einfache Frage daraus. Weil er Gefallen an ihr gefunden hatte. Warum durfte sie sich das nicht gestehen? Wie er selber von Tag zu Tag sein inneres Wesen ihr immer mehr enthüllte, das von dem ersten Eindruck, den sie von ihm empfangen hatte, sich ihr immer mehr entfernte, so erging es ihm wohl auch mit ihr. Sie hatte es nicht glauben wollen, daß sie ohne ihr Geld — Fred ausgenommen — einem Mann gefallen konnte. Nun durfte sie es glauben — und ein ruhiger wonnevoller Stolz kam über sie. Fing sie nicht sogar an, heimlich in den Spiegel zu sehen? Ottilie hatte ihr gesagt, daß der glatte Scheitel, den sie wie die Bostoner Studentinnen immer trug, sie alt mache, und hätte sie sich nicht vor sich selber schhmen müssen, so hätte sie vielleicht schon dieselbe Frisur angenommen wie Ottilte. Was gefiel ihm au ihr? Aber dann mußte sie sich auch fragen, was gefiel ihr an ihm? Jetzt hörte sie seine leisen Schritte hinter sich und es war ihr, als müßte er in diesem Augenblick erraten, was in ihr vorging. Vielleicht hatte er es schon erraten, vielleicht wußte eres schon? Nein — nur das nicht! Und wie sollte das alles enden? Er wußte nichts von ihrem Reichtum — und bei seinem Stande konnte ein armes Mädchen nicht in Betracht kommen. Das hätte sie vergessen. Sie wollte wieder sie selbst sein — keine Träumerin. „Noch zehn Minuten", sagte er, indem er jetzt wieder neben ihr ging, „dann sind wir da. Sind Sie nicht müde, Miß Bell?" Er nannte sie bei ihrem Vornamen. Seit wann — er wußte es nicht mehr. Er hatte ihn Ottilien und ihrem Manne nachgesprochen. Bell aber wußte es. Als sie enies Abends vom Strande aus beide der untergehenden Sonne zusahen, da war er zum ersten Male über seine Lippen gekommen. . . Ohne ihre Antwort abzuwarten, reichte er ihr feilten Arm und unwillkürlich legte sie den ihren hinein. So kamen sie ins Dorf. In einem Gasthausgarten, in einer Bohneiilanbe tranken sie Kaffee und unter heiterem Geplauder füllte Bell die Tassen. Er stellte sich vor, diese Laube wäre ein hübsches Frühstückszimmer und gehörte zu seinem Heim und diese seinen, weichen, kräftigen Hände wären die seiner jungen Frau. „Wie viel Stück Zucker?" fragte sie. „Sonst nehme ich gar keinen. Aber wenn Sie nur, Miß Bell, die' Stücke mit Ihren Fingern hineinzählen wollen, dann je mehr, je lieber." Er scherzte, und doch war es ihm dabet ernst. Sie wurde rot und antwortete: „So dürfen Sie nicht mit mir sprechen." Er faßte nach ihrer Hand und küßte fie. „Bell!" kam es mit Gewalt über seine Lippen. Und fühlend, daß die Gelegenheit da war, entflammt von einer Empfindung, die von ihr auf ihn herüberströmte, und doch sich dabei bewußt, daß er die Komödie, die er vor ihr zu spielen hatte, wenigstens einigermaßen glaubhaft machen mußte und so, daß auch für sein Gewissen eine Hinterpsorte ossen blieb, slüsterte er: „Bell, warum sind Sie ein armes Mädchen! Warum kann ich Sie nicht bitten, meine Frau zu werden." Die Sinne wollten ihr vergehen. Er zog sie zu sich nieder auf die Bank, er legte den Arm um sie, er flüsterte ihren Namen. Er dachte nicht mehr daran, daß er sie betrog. Aus feiner Mimme klang eine weiche, warme Zärtlichkeit und so tauchte fie berauschend in ihr Ohr. Plötzlich riß sie sich los. Schrecken und Grauen stand auf ihrem Geficht. „Lassen Sie mich! Lassen Sie miet) W streß sie hervor. (Fortsetzung folgt.) Reich als Dichter - arm als Mensch Ist (Ein Gedenkblatt an Nikolaus Lenau, geb. am 13. August 1802.) Von Paul W i t t k o. (Nachdruck verboten.) 's ist eitel Nichts, wohin mein Äug' ich hefte! Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern; Ein wüstes Jagen ist's von dem zum andern, Und unterwegs verlieren wir die Kräfte. Große Dichter sind in einem gewissen Grade auch immer Darsteller ihres eigenen Lebens. Ihre Dichtungen ^sind Lebenszeichen, abgcl.gt vor dem Beichtstühle der Welt. Bersenkeii wir uns in die Blätter der Weltlitteratur, so machen wir immer und immer wieder diese Beobachtung. Jeder echte Dichter dichtet sich selber, er giebt sein Innerstes der Welt, die sich von dieser inneren Wahrheit der Dichf- tnng ergreifen und c: schlittern läßt. Seeleneindrücke, aber *) Wir möchten unsere Leser ans das Erscheinen zweier Schriften ans Anlaß des 100. Geburtstages des großen Lyrikers aufmerksam machen. Bei O. Gracklauer in Leipzig kam eine Broschüre von Theod. Gesky unter dem Titel „Lenau als Naturdichter» zum Preise von Mk. 1.50 heraus, und im Berlage von Max Hesse in Leipzig erschien zu dem« selben Preike eine umfangreichere Gedenkschrift von E. Cast e. 475 nicht zufällige Ursachen schmieden zumeist das Einzel- schickfal. Je weiter der Abstand von Wille und Kraft, desto sicherer, daß in dem Streite zwischen Altem und Neuem, zwischen Erziehung und Erkenntnis, zwischen Pflicht gegen andere und Recht auf sich selbst, — daß in solcher Tragödie schwankende Naturen unterliegen. Zu den Dichtern, die fast ausschließlich sich selbst dichteten, und zu den Menschen, die in jenem angedeuteten Streite zu Grunde gingen, gehört Lenau (bekanntlich eigentlich Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau), dessen 100. Geburtstag wir am heutigen 13. August begehen. In einem Briefe vom 19. Juli 1804 sagt er: „Meine sämtlichen Schriften sind, da ich für Thaten keinen Raum finde, mein sämtlrches Leben", ein andermal nennt er seine Poesie ein Selbstopfer, und an einer dritten Stelle sagt er: „Die Poesie bin ich selbst; mein selbstestes Selbst ist die Poesie." Es ist ein eigentümlich unbestimmtes Halbdunkel, das des Dichters Individualität umgiebt. Obwohl er sich eine Zeitlang zum Gelehrten berufen fühlt, ist er durch und durch eine Künstlernatur. Man könnte ihn, den Menschen Lenau, fast als den Dichtertypus unserer Tage ansehen. Dieser unstete Drang, diese schon in seiner frühesten Jugend getadelte eigensinnige Ungeduld, diese launische, überreizte Stimmung, dieses ständige, hypochondrische Gefühl des Unglücklichseins, diese ausnehmende Abhängigkeit von seinen Nerven, dieses „einsame Menschentum" — das sind Züge, denen wir im modernen Leben auf Schritt und Tritt begegnen. Ein Mensch von ungemein reichem Geist, lautem Gewissen, aber früh gebrochenem Willen kommt es ihm nicht in den Sinn, gegen seine innere Unrast, das Zwei- seelentum in seiner Brust anzukämpfen. Fortwährend abhängig von äußeren und inneren Eindrücken, entrüstet er sich zwar darüber, aber er flieht immer mehr in sich selbst, als daß er Anfechtungen abwehrt. Ja, er ertötet sogar ganz rationell in sich alle Lebenslust und Lebenskraft. Er belauert, umschleicht, beobachtet sein Inneres bis ins Kleinste. Wer gerade darum bleibt er in den Händen des Schicksals ein Spielball, das ihn bald hierhin, bald dorthin, selbst über den Ozean schleudert. Sein geistiges Leben währt 42 Jahre (er starb am 22. August 1850), aber er findet keinen Beruf, kein Heim, kein Weib. Im Mer von 20 Jahren schon verteidigt „der Unbeständige" in einem ebenso überschriebenen Gedicht mit guten Gründen seinen fortwährenden Wechsel des Studiums. Er studiert ohne praktischen Lebenszweck, aber, wie einer seiner Freunde sagt, mit dämonischem Fleiß. Von der Philosophie wird er zum Jus, und vom Jus zur Medizin getrieben, besteht überall die ersten Prüfungen höchst glänzend, läßt es aber zu einem "Abschluß in allen seinen Fachstücken nicht kommen. Er strebt nach, einer Philosophie-Professur, geht aber bald darauf auf eine Ackerbauschule, um Landwirtschaft zu studieren. Tann ist er drauf und dran, zum Dr. med. zu promovieren und sich in Heidelberg zu habilitieren, gelangt abex bald wieder zu anderen Entschlüssen. Ueberall ein wehrloses Unterliegen seinen jeweiligen äußreren und inneren Einflüssen. Ueber ein Jahrzehnt führt er ein Wanderdasein. Zumeist hält er sich bei Freunden oder Verwandten in Stuttgart oder in Wien auf und wird von diesen unheilvoll verwöhnt. Niemals kommt er vom Weibergängelbande los. Schon seine Mutter verzärtelt den vergötterten Sohn über alle Maßen, macht ihn aber dadurch unfrei, eigenwillig, bequem, launenhaft, selbstsüchtig und mißtrauisch Sobald er aus ihren Händen ist, taumelt er in einen unglückseligen Liebesrausch Als Student verliebt er sich in ein schon sehr verblühtes und zänkisches Frauenzimmer von zweifelhaftem Ruf in untergeordneter Stellung — sie ist Haushälterin bet einem bürgerlichen Stadtrat Wiens — und kommt viele Jähre von diesem Weibe nicht los. Acht seiner schönsten Gedichte erzählen von diesem unwürdigen, ihn zerrüttenden Liebeshandel, durch den er um seine besten Jugendjahre betrogen wird. Es wird ein Töchterchen geboren, das aber nicht den Namen des angeblichen Vaters erhält. Dem laugen Liebesrausche folgt, als er an der Treue seiner Geliebten begründeten Zweifel zu hegen beginnt, bis sie ihm endlich offen einen griechischen Handelsmann vorzieht, ein fürchterlicher Katzenjammer, und er findet mit allen seinen großen Gedanken, von Gewissensbissen itnb körperlichen Schmerzen gefoltert, offenbar den Folgen einer unglücklichen Veranlagung, weder zum Leben noch zum Sterben den rechten Mut. Später verliebt er sich in ein vortreffliches Mädchen, Lotte Gmelin, die Tochter eines Professors der Rechte an der Univerfität Tübingen. Sie begeistert ihn zu seinen wundervollen „Schilfliedern", ei kann es aber zur Heirat nicht kommen lassen, da seine materiellen Verhältnisse es, wie er glaubt, unmöglich machen. Alsdann läßt er sich zwölf Jahre lang von einer verheirateten Frau regieren und verlobt sich zwischendurch mit einer Schauspielerin. Das Verlöbnis geht aber sehr bald auseinander und endlich findet der Zweiundvierzig- jährige ein liebenswürdiges Mädchen von sanfter Anmut und holder Weiblichkeit, Marie Behrens aus Frankfurt a.M., das er zu seiner Frau zu machen sich entschließt. Er wird trotz seiner Jahre ein überaus feuriger Liebhaber, schreibt aber gleichzeitig an seine verheiratete Freundin: „Wenn Sie es nicht wünschen, dann verheirate ich mich nicht", und bald darauf: „Meine ganze Seele gehört Ihnen auf ewig." Fragen wir nach den tiefsten Ursachen von Lenaus wandelbarem Charakter, seinem gärenden turbulenten Temperament, dem unruhig Flackernden in seinem Wesen, der weichlichen Rückgratlosigkeit seines Handelns, nach den Ursachen seiner unsteten und zerfahrenen Lebensweise, seinem unmäßigen Weingenuß u. s. w., so kommen wir von dem kranken Enkel und Sohn zu Großvater und Vater. Beide waren unbezähmbarer Spielwut ergeben, beide erschütterten ihre Gesundheit durch Ausschweifungen. Eine Schwester Lenaus starb früh an einem Gehirnleiden, sein Vater am der Schwindsucht. Nach dem Tode ihres Gatten heiratet die Mutter einen Arzt ohne Praxis und die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Die wunderlichen und zerrütteten Verhältnisse im Elternhause waren es, die Henau zu einem tief unglücklichen Menschen machten, darum die Schwermut in seinem Blick, darum der müde Zug im durH- geiftigten Gesicht. Darum enthalten seine Briefe so viele große Veden über weitgehende Pläne, und doch ist er fo willenlos, so ganz ohne Thatkraft und Selbstzucht, daß ihn selbst der Tod seiner über alles geliebten Mutter nicht aufrüttelt. Wir sehen also, erbliche Belastung, körperliche Ent» ortung, verwahrloste Erziehung tragen Schuld an dem zwiespältigen Charakter Lenaus- Von seiner Umgebung unverstanden, sowohl seinem Temperament und Willen uacch wie in seinem späteren geistigen Schaffen, gewinnt er zu Hause nie die notwendige Ruhe, und zeitlebens wird er von übler Unruhe geplagt« Er hat von Kindheit auf ein weiches, Anschluß suchendes! Gemüt und viel Güte, kann aber selbst bei kleinen Anlässen in einen unbegreiflichen Berserkerzorn geraten. In seines Brust hängen durcheinander, ungeordnet, anerzogene Gefühle und selbsterworbene Ansichten. Das wirft ihn in die wechselndsten Stimmungen. Bald ist er weichs bald hart, bald nachgiebig, bald unduldsam. Zwei Todfeinde trägt er, wie er selbst einmal sagt, in sich selber herum wie Siem und Stahl; diese Todfeinde sind sein heftiges Gemüt und seine reizbaren Nerven. , In seiner Kindheit war Niki, wie er von seiner Mutter genannt wurde, sehr fromm. Er betete nach dem int Hause seiner katholischen Eltern eingeführten Gebrauchs sein Morgen- und Abendgebet recht fleißig, und hatte eine besondere Freude daran, vor einem zun: Altar Hergerichtetest Stuhl die Messe zu lesen; späterhin ministrierte er dem Priester die Messe. Doch früh beginnen die Zweifel, und in peinvollem Seelenzwiste ringt er sich den Glauben der Väter vom Herzblut ab. Zwischen Glauben und Wissen aber schwankt er sein Lebenlang. So wird er, wie Auerbach sagt, der Dichter der reinen Skepsis. „Das Ringen nach absoluter Wahrheit und nach der subjektiven, die aus dem innersten Kern dess eigenen Wesens geboren, nichts Ueberkommenes an sich hat, ist nirgends dichterisch mächtiger hervorgetreteu, als in Lenau." Auf seinem angenommenen Standpunkte aber wird er nicht heimisch Im Alter von 28 Jahren entsteht das Gedicht „Glauben, Wissen, Haitdeln", das den besten Kommentar zu seiner Lebensentwickelung giebt, und noch nach sechs Jahren ist er in seinem „Faust" über die ganze Reihe der Daseinsrätselfragen, die er hier aufwirst, mit sich nicht ins Klare gekommen. Erst in den „Albigensern" ist seine Weltanschauung reifer, geschlossener. Ter Verlust seines Glaubens, für den der Unglückliche nirgends Ersatz findet, ist, das sagen uns die meisten seiner Dichtungen, ein Grund seines ständigen seelischen Schwerzes. Dieser Schmerz des 476 Zweifels lähmt ihn und nagt an ihm und fesselt ihn in Gestalt von allerlei Erinnerungen und Gefühlen an die Vergangenheit, von dessen Boden sich sein denkender Geist losgerissen hat. Das allmähliche Erliegen der heiligsten Empfindungen zerreibt seinen Lebensnerv, beugt seine Willensfreiheit, und es entsteht durch den Zwiespalt zwischen Kopf und Herz seine innere Zerrissenheit. Mit diesem Zweifel geht er zu Grunde. Lenaus Persönlichkeit, die in der Nacht des Wahnsinns untergeht, erfüllt noch heute unsere Seele mit jenem Ögen Gefühl, das wir mit dem Namen des Tragischen j.nen, und könnte später selbst ein Gegenstand der Poesie werden. Er ist so wenig ein ganzer Kerl, ein fester Charakter, wie es bei Goethe Wertster und Clavigo sind. Sein Lebensgang beantwortet zwei von den Dichtern unserer Tage häufig aufgeworfene Probleme: 1. ob die Menschen ohne Gott fertig werden können, und 2. ob ein Mann in der reinen Freundschaft mit einer Frau von Geist, die glücklich verheiratet ist, sein Glück finden kann, mit einem deutlichen Nein. Frau Sofie Löwenthal hat, wie er selbst sagt, zwölf Jahre lang sein ganzes Lebensglück ausgemacht. In seinem Hunger, sich einer gleichgestimmten und gleichgesinnten Natur mitteilen zu können, hat er sie gefunden, die Gattin eines in Wien lebenden höheren Staatsbeamten. Löwentstal, auf Lenau als neu aufgegangenen Stern am Himntel der deutschen Litteratur aufmerksam gemacht, führte ihn bei sich, ein, und der Eindruck, den der Dichter von der Frau des Hauses empfängt und auf sie ausübt, wird bedeutungsreich für sein ganzes Leben. Er wird von ihrem Wissen, ihrem selbständigen Urteil und feinen Geist sofort gefesselt, zunächst in aller Unbefangenheit. Nicht im Traume fällt es ihm ein, daß sein Interesse für diese Frau einen Tritten verletzen könne. Mer es bleibt nicht dabei. Seine dankbare Bewunderung für Frau Sofie setzt sich allmählich in ein heißeres Gefühl um; und auch ihr Herz scheint sich: mit einer tieferen Neigung zu erfüllen, wenigstens für einige Zeit .Sie scheinen sich aber doch wacker zu halten. Bald bedeutet diese Frau für sein Geistesleben Licht und Luft. Ihr Einfluß muß zum Unheil führen. Er wird von dem Zauber dieses Weibes bis zur Sinnlosigkeit Umsponnen, bis zu einem Selbstentmündigung gleichkommenden Aufgesten in ihrer Persönlichkeit. Eine Parallele zwischen den Charakteren dieses Weibes und des Dichters ist sür den Psychologen interessant. In ihrer entsetzlich launenhaften Evaart liegt etwas Sphinxhaftes. Welche Absichten hatte diese Frau? Hatte sie überhaupt einen wohlüberlegten Plan? Wohl kaum. Sie fühlt, Lenau ist kein gewöhnlicher Mensch, er ist anders wie die andern, er ist vor allem auf dem Wege, berühmt zu werden. Daß die Persönlichkeit des Dichters mit dem Reiz des Neuen sofort auf sie wirkt, steht ebenfalls außer Frage. Mit dem feinen Instinkt des Weibes wittert sie das Verwandtschaftliche ihrer Naturen Und Anschauungen, die bei ihr sich aus den hergebrachten Gleisen hinaussehnen. Es hat etwas Verlockendes für sie, in die geistige Werkstatt eines Mannes hineinzublicken, der, mit dem Rüstzeug genialer Ideen ausgestattet, in ganz eigenartiger Weise im Streite mit dem Leben steht. Macht über ein Menschenschicksal zu gewinnen, das Schicksal eines Einzelmenschen, nicht eines Dutzendmenschen, wie ihr Gatte, ist ihr Ehrgeiz, den sie. mit leidenschaftlicher Heftigkeit ständig nährt. Obs nun ein „verbummelter Student" ist, das ist ihr gleichgiltig. Er ist ein Mensch von reinem, hingebungsvollem Herzen. Man könnte vielleicht so weit gehen, zu behaupten, daß Lenau für Sofie Löwenthal eine Art Versuchsobjekt darstellte, an dem sie ihre geistige und moralische Spannkraft erproben könnte. So viel scheint sicher zu sein, daß sie an den späteren Herzenskonflikten Lenaus soweit interessiert ist, als sie ihre weibliche Eitelkeit verletzt sieht, daß er aber der alleinige leidende Teil ist. Trotzdem braucht man nicht nur an kalte, herzlose Koketterie ihrerseits zu glauben. Die faszinierende Wirkung, die ihre Persönlichkeit auf den Dichter ausübte, war vielleicht eine mehr unbewußte als gewollte. Es ist nicht erweislich,, daß ihre Klagen und Thränen, ihre Sorgen und Schmerzen Um ihn erbärmlicher Tartüfferie entstammten. Nahe aber liegt die Annahme, daß Mißgunst, Eifersucht, Genußsucht, rücksichtsloser Egoismus und Falschheit ihrem Charakter nicht fern lagen und viel zu den ständigen üblen llnlaunen Lenaus beitrugen. Schon war er mit Anna Behrens verlobt, als jener Moment kam, den er in „Tod und Trennung"- schildert: Doch! ein Anblick tieftet Trauer, Bänger als des Sterbens Schauer Wär' es, könnt' ein Äug' es fassen, Wie zwei Herzen sich verlassen." Frau Sofie aber ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor; Lenau, dem der Glaubeusizwift den Willen geknickt hatte, unterlag. So lange er sich ungestört der Freundschaft mit dieser Frau hingeben konnte, die er als! in allem ihm ebenbürtig ansah, mit der er über alles! sprechen konnte- die ihn verstand, ihm nicht selten vorausi- eilte — seine eigenen Worte —, so lange war er noch nicht ganz unglücklich. Nachdem er aber endlich, eingesehen haft daß seines Nächsten Weib zu begehren nicht angängig ist- da ist ihm das Dasein ohne sie schal und wertlos. Er hat aber weder den Mut das Mädchen zum Weibe zu nehmen- das er nehmen darf und das ihn liebt, noch: viel weniger aber die Kraft, der ersten zu entsagen. So bricht er jämmerlich in sich zusammen. Frau Sofie hetzt ihn, wohl unbewußt und ohne Absicht, durch ihre eifersüchtige Katzenart in den Wahnsinn. So entrollt uns Lenau der Mensch in seinem Lebens- gang ein herzbeklemmendes Seelengemälde. Lenau, der Poet, ist dem oeutschen Volke bekannt als einer der größten lyrischen Meister, der die gebrochenen Lichter bevorzugt- die Verschwimmenden Farben. Wohin er blickt, in das eigene Herz, in das Leben und in die Geschichte, oder, wo er am reichsten ist, in die Natur, überall sieht er das Licht schwinden, ahnt er in der Frucht den Wurm, denkt er bei der Blüte an den Herbst, beim Himmelsblau au die! nahende Nacht. Bezeichnend für ihn sind folgende Verse» „Rings ein Verstummen, ein Entfärben; Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln; Ich! liebe dieses milde Sterben." Seine Melancholie, die er selbst besungen hat, hat, wie wir gesehen haben, ihren tiefsten Grund im Gefühl eines! Schiffbruches, aus dem sich: nur Trümmer retten ließen- und in dem inneren Ringen mit einer Skepsis, die ihn unwiderstehlich anzog. Tie Melancholie bei ihm ist ursprünglich unmittelbarste naive Empfindung. Naivetät aber ist die Gottesgabe, deren Sonnenwärme das Wachstum einer Dichternatur vollendet. Denken wir an des Dichters tragisches Ende, dann fallen uns seine eigenen Verse ein aus dem Gedichte „Die Waldkapelle", das er nach der Trennung von seiner ersten unglückseligen Liebe schrieb und in dem er mit unheimlichem Vorgefühl, das sich so häufig bet ihm dokumentierte, sich selbst zeichnete: „Was hat, o Schicksal, dieser Mensch gethan. Daß mit des Wahnsinns bangen Finsternissen Du ihm verschüttet hast die Lebensbahn, Aus seiner Seele seinen Gott gerissen." Wir schließen unsere Betrachtung mit den trübe Be-< zeichnenden Worten, die der Dichter dem Grafen Johann dem Aelteren von Nassau nachempfunden und als Beitrag zu einem Schilleralbum nachgeschrieben hat: „Wer stirbt, ehe er stirbt, der stirbt nicht, wenn er stirbt." Silbenverfteckrätsel. Nachdruck verboten. Lademeister — Abkühlung — Unentschlossenheit — Arglist — Forderung — Tunnel — Begnadigung — Wachholder. Es ist ein Sinnsprnch zu suchen, dessen einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern, ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Anagramms in vor. Nr.r Nelke, Enkel. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitats-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erbeut in Gieße«.