(Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) In seinem kahlen, unwohnlichen Zimmer saß Paul Lehmigke auf einem Koffer und hatte die Fäuste geballt wie in einer großen Anstrengung. Er saß unbeweglich, er würgte etwas hinab, dessen er sich schämte. Es waren Thränen. Nein, er wollte es sich selbst nicht eingestehen, daß es Thränen waren, das wäre zu schwächlich. Es war ihm bisher so gut gelungen, brüsk und rücksichtslos zu sein — die einzige Rettung gegen diese fatale Weichheit! Wo blieb da seine Manneswürde? Sie verschmähten und verachteten ihn ja — all sein Geld wog nicht ihren Stolz auf — ja, wie gering mußten sie ihn schätzen, daß sie lieber das Liebste und Beste, die Heimat, opferten, statt ihn aufzunehmen in ihren Kreis! Freilich, er»war nicht wie dieser elegante Leutnant mit seinem Prinzengesicht! Gut! er wollte auch nicht so sein, er wollte sein, was er war! Er verachtete diese bettelstolzen Kavaliere, die das Gewerbe und das Geschäft gering schätzten, die zu hochmütig waren, um einen Vorteil zu streiten und sich, alberner- weise gebärdeten, als ob sie Geld für Treck hielten! Nein, seine Arbeit und sein Geschäft waren sein Stolz! Sie sollten es bleiben! Sich einen Vorteil abringen lassen und einen erworbenen oder ererbten Besitz wieder verlieren, das war in feinen Augen lächerlich und verächtlich. Er wollte sich keiner Arbeit schämen, und ob sie noch so mühselig durch den Staub und Schmutz des Werkeltages ihren Weg machen muß, er wollte immer und überall seinen Vorteil wahren auf Heller und Pfennig! Er wollte rechnen, und feilschen und handeln — ganz gleich, wer ihn dafür über die Achsel ansah! Ganz besonders den bcttelstolzen Kavalieren gegenüber wollte er sich von der schäbigsten, krämerhastesten Seite zeigen — sie würden sehen, tver zuletzt den Sieg behält! Und kein Weib ans Erden sollte ihn zum Assen des Hochmuts und des Müßiggangs machen. Nein, keine! — auch Traute nicht! Traute — armes Kind — wie blaß ihre blühenden Wangen, wie voll Thränen die großen, lachenden Augen! Und wie sie bebend nnd schluchzend am Halse ihres PferdFreUag den 18. Juni. w eine Neue ist so schmerzlich wie die vergebliche. MU Dickens. chens hing! Er war zufällig unter die Stallthür getreten und hatte sich ungesehen zurückgezogen. Ihr armes, junges Herz schien fast zu brechen von Abschiedsweh. Doch sie will lieber den bittersten Schmerz leiden, lieber die Heimat opfern, als ihm angehören. Ter Gedanke war ein Messerstich in eine frische Wunde. Er sprang auf — das öde.Zimmer war unerträglich. Ev lief auf den Hof, er ging in die Ställe und ließ sich den Inspektor rufen. Es mußte alles anders werden. Tie Bummelwirtschaft sollte nun ein Ende haben. Er selbst hatte die Landwirtschaft einige Jahre von der Pike auf gelernt. Er ging mit dem Inspektor in den Kuhstall, um ihm zu zeigen, welche Mißstände beim Füttern der Kühe eingerissen waren, imb wie sie abgeändert werden müßten. Bei ihrem Eintritt sahen sie das weibliche Dienstpersonal in einer Gruppe beisammen stehen. Einig« schluchzten, andere weinten laut. „Ach mein Jott, unsere Fräuleins! So scheen, so gut—'< „Ja, Freilein Traute, dat olle Herz lachte mir immer im Leibe, wenn ick se so über den Hof kommen sah; der reene Sonnenschein!" „Se jing nie an mich, vorbei, ohne zu sagen: na, Kar-< line, wie jeht's? Was macht's Reißen?" „Und Freilein Hulde! Die heiratet nun so'n forschen Leutnant!" „I, für unsere Freileins is keen Prinz jut jenug nich/< „Hier Up mine olle Arme habe ick se beide jetragen, als se noch so ne lütte Jören waren — ach du mein Fotzt — dat ick das erleben muß — und unsere jute jnäd'ge Frau — mir is et, als wäre et heute, wie se hier Einzug hielt — schön als 'n Engel — und unser Herr — so eenen kriegen wir niemals nich wieder!" Tie Gruppe stob auseinander, als der neue Herr vorbeiging. Paul Lehmigke hatte Müiye, seine Gedanken zusammenzuhalten, um dem Inspektor die neuen Instruktionen mit dem nötigen Nachdruck zu geben. Seltsam! Auch in seiner Familie war die Spritfabrik ein ererbter Besitz, vom Großvater auf den Vater, auch er war unter den Augen der Arbeiter ausgewachsen. Aber er war noch nie Regungen von Anhänglichkeit oder Zärtlichkeit für seine Person oder Familie, begegnet. Sie waren jetzt fast ohne Ausnahme Sozialdemokraten. Zwischen ihnen und seinem Kater herrschte nur der erbitterte Kanipf um den Vorteil. Der „Profit", das war der Gott, an den er von Kindesbeinen an glauben gelernt hatte. Paul Lehmigke war kein Philosoph \tnb kein Grübler, aber der Unterschied entgegengesetzter Lebensanschauungen drängte sich hier handgreiflich, auf. Und mit Staunen gewahrte er zum ersten Male den Zauber, der von denen ansging, die nicht seines Glaubens und seines Wesens waren, den Zauber, den er zum ersten Male im Leben an sich entbehrte und den er nicht für Geld kaufen konnte. Fünftes Kapitel. Ein trüber Oktoberabend hing über der alten Stüdt Leipzig. In der Grimm ascheu Straße war es schon um vier Uhr dunkel, und bei Felsche, im Lass Francais, an der Ecke des Augustusplatzes, zündete man bereits die Lampen an. Tas Lokal mit seinen kleinen, elegant ausgestatteten Räumen war um diese Zeit gedrängt voll. Tie Besucher strömten ein und aus und manch ein Gast, der keinen Platz mehr finden konnte, mußte mit enttäuschter Miene den Rückzug antreten. Durch das Gewühl drängten sich eben zwei junge Männer. Ter eine, groß, blond, prächtig gewachsen, war der Typus des Vollblut-Aristokraten, der andere, hvchjaus- geschossen und schülerhaft, zeigte eine liebenswürdig knabenhafte Vornehmheit, die mehr in seinen! Wesen, als in feinen! noch unentwickelten Aeußern lag. Er waren Armin Velten und sein Begleiter Graf Camill Stansfen, init dem er seit kurzer Zeit in der Oberprima der Leipziger Thomas- schule saß. Armin blickte dem Davoneilenden untleidig nach, sein neuer Freund imponierte ihm aber doch gewaltig. Dieser bestellte für sich Kaffee mit Kognak und für Arnim Kafee M!t Schlagsahne, Torte und Fruchteis. Sie hatten sich eben zufällig in der Grimniaschen Straße getroffen und Stauffen lud Armin zu Felsche ein. „Kern Platz mehr", sagte Arnim beim Eintritt in das Cafe. „Wollen sehen", erwiderte Stauffen, „ivenn nicht, dann schmeißen wir ein paar von diesen Spießern raus." „Aber Stauffen", opponierte Arinin, „hier ist doch keine Kneipe." „Angsthase", erwiderte Stauffen, „wetten — ich verschaffe uns einen Fensterplatz." Am Fenster im gelben Tamastkabinett saß allein an einem der kleinen runden Marmortische ein Jüngling, dem man fein Geschäft auf den ersten Blick ansah. Stauffen bat mit tadelloser Höflichkeit um die Erlaubnis, den Tisch mit benützen zu dürfen, trotzdem dieser Viel zu klem war. Ter junge Mann erlaubte, wurde aber sehr beengt. Kaum hatten die beiden Ankömmlinge Platz benommen, so sagte Stauffen: ' „Gott sei Dank, daß die Messe vorüber ist, diese ver- dammten Schacherer haben wieder mal die ganze Stadt infizrert." Rach einigen Minuten erhob sich der junge Herr, nachdem er plötzlich mit großer Eile das soeben besohlens Glas Melange hinuntergestürzt hatte, und empfahl sich. Stauffen grüßte mit großer Zuvorkommenheit. „So, nun ist die Lust rein, wir haben das Terrain für uns." Als Armin prtoestierte, lachte er: „Mitgefaugen, mitgehangen! Sie müssen sich heute mal auf mein Wohl den Magen verderben." Sie blickten dann beide durch die hohen Spiegelscheiben auf das Gewühl in der Straße, das sich hier an der Ecke der Goethestraße oft staute. r „Nun, wie gefällt Ihnen dieses Rattennest Leipzig?" fragte Stauffen, „haben Sie je etwas Oederes, Tristeres gesehen? Widerwärtige Nation, diese Sachsen! Erkannte Sie sofort als Preußen und war froh, einen Landsmann in der Klasse zu haben .Sehen Sie sich nur diese Weiber an, dm Leipzigerinnen sehen alle wie Köchinnen aus. Wenn Sie hier eine Dame mit Geschmack und Chic gekleidet auf der Straße sehen, wissen Sie gleich,, das ist nichts Genaues." ^..„Armm bemühte sich, verständnisvoll auszusehen. Im Stillen dachte er darüber nach wie es nur komme, daß Graf Stauffen, der bereits dreiundzwanzig Jahre zählte und das Aussehen wie das Wesen eines Dreißigers besaß, noch auf der Schulbank faße. ' Tie Stauffens waren eine der ältesten, reichsunmittel- voren Familien Deutschlands und Camill der älteste Sohn des Stammhalters, wie Armin gehört hatte. .. „^n Ihrer Stelle würde ich lieber ein Berliner Gymnasium besuchen", bemerkte Armin hach fragend. „Wenn es auf,lieber' ankäme, wäre ich heute in Paris, im Salon der reizenden Marquise Mimi, die ich in Biarritz kennen lernte, letzten Herbst — oder auf der Jagd in Gems- stem, unserem Jagdschloß in den bayerischen Alpen. Mein Alter hat sich nun mal den verfluchten Unsinn in den Kopf ffeiW'.. baß ich das Abiturrum machen soll, oder vielmehr- der Fürst Trachenberg dessen Tochter Lori niir eigentlich schon in der Wiege verlobt wurde, will keinen unstudierten Schwiegersohn. Ich befinde mich hier in einer Art Zwangsverbannung, aus der mich nur das bestandene Hainen erlösen soll. Ich rühre natürlich kein Buch an, denn das Abitur ebenso wiedie Lori Trachenberg stiid mir höchst Wurst. Weihnachten reise ich nach Hause Uiid keine zehn Pferde bringen I mich zurück üach Leipzig." Er goß seinen Kognak in den Kaffee und trank diesen Mit Behagen.. Plötzlich sprang er fast von seinem Stuhl auf und beugte sich weit vor: „Donuerwetter — da sind ein paar schöne Mädchen, die sind nicht von hier —" „Wo?" fragte Armin neugierig. „Dort an der Ecke — schnell — werden gleich verschwinden — nein — wir haben Glück — sie kommen zurück, hier aus unserer Seite —• da, die große, mit dem schwarzen Rembrandthut — wie ein Bild — die anders, kleine Blondine — vornehm — reizend —" , „Ach", das sind ja nur meine Schwestern", sagte Armin mit naiver Enttäuschung. „Nur Ihre Schwestern? Mensch, Sie 'find solcher Schwestern gar nicht würdig!" „Ha, ha, ha", lachte Armin, „das sind ja die Hulde und die Traute, was ist denn da Besonderes, die kann ich alle Tage sehen! Das muß ich ihnen erzählen, daß ich mir fast den Hals ausgerenkt habe, um sie zu sehen — Traute wird mich schön auslachen!" „Traute —" sagte Stauffen leise vor sich hin. „Hulde und Traute, feite Namen sind wie geschaffen für solche Mädchen — welche ist Traute?" „Die Große mit den roten Backen", erklärte Armin estrig, „jetzt bleiben sie wahrhaftig da am Schaufenster stehen — wenn sie doch mal hersehen wollten — da!" Die beiden Schwestern standen mit harmloser Neugier vor dem großen gegenüberliegenden Konfektionsgeschäft und betrachteten eifrig die Schaufenster. Fast alle Vorübergehenden sahen ihnen mit mehr oder weniger Ungeniertheit unter die Hüte. Hulde empfand dies bald unangenehm und zog Traute mit sich fort. Sie erblickten Armin im Fenster des Cast und machten eine lebhafte Bewegung nach ihm hin. Als sie ihn jedoch kn Gesellschaft eines Fremden sahen, grüßten sie nur leicht und gingen die Straße hinunter. Stauffen hatte jede Bewegung lebhaft verfolgt und bald darauf schlug -er vor, das Lokal zu verlassen. Er wußte auf der Straße so zu manövrieren, daß sie den Schwestern an der nächsten Ecke entgegenkamen. Gruß und Gegengruß folgte. „Was hat denn Armin da für eine Bekanntschaft ge- maclsi", sagte Hulde erstaunt, „das kann doch kein Schüler „Famos", bemerkte Traute, „ich habe selten einen so hübschen Menschen gesehen." „Vollendeter Kavalier", fügte Hulde hinzu, „bin neugierig, wer das ist." Als sie nach Hause kamen, fanden sie ihre Mutter genau auf demselben Punkt, wo sie sie verlassen hatten und auf dem sie sich seit ihrem Einzug in Leipzig befand. Nämlich ratlos, wo sie in der engen Stadtwohnung ihre Sachen unterbringen sollte. Tie Hälfte der Möbel war «juf einem Lagerboden, es hatte sich als unmöglich erwiesen, sie durch den Engpaß des Entrees zu zwängen,' denn ihre Dimensionen waren für das geräumige Branti- kower Herrenhauses berechnet gewesen. Man hatte zwar die Belle-Etage der großen Mietskaserne in der Sebastian-Bach- straße bezogen, aber selbst diese erwies sich als höchst unzugänglich, was Raum und Komfort betraf. „Sage mir nur das eine", sagte Fran Velten gerade; zum hundertsten Male zu ihrem Gemahl, „wo lasse ich mein großes Kleiderspind und wo den Wäscheschrank auf- schlagen? Hier im Entree ist absolut kein Platz, eine Garderobe giebt es nicht und die Zimmer sind alle so klein." „Um Gottes willen, mach, was Du willst, ich habe ganz andere Dinge im Kopfe", fuhr Herr Velten etwas ungeduldig auf. „Ter Bierwirt unten hat mir verraten, daß der Schlößer Langhanns, oben im vierten Stock, wahrscheinlich die Nacht rücken wird, er schuldet die Miete für das letzte Quartal. Ich muß mir gleich einmal den Hausmann kommen lassen." „Was ist denn das, „rücken?" fragte Traute. „Die Leute ziehen heimlich mit ihren Siebensachen aus". 343 »erklärte Frau Ulten, „mit denen sie für den Mietzins haftbar sind. Nm giebt es ein Gesetz, daß man nicht mehr Hand an ihre Sachen legen darf, sobald sie aus dem Haus und jenseits der Lrottoirs sind. Da muß man scharf aufhassen." Ms Armin nah Hause kam, wurde er lebhaft mit Fragen wegen seiner neuen Bekanntschaft bestürmt. Man fühlte sich so verloren und verlassen in der fremden Stadt, die erste Bekanntschaft war doch ein Anhaltspunkt, eine Beziehung zu dem unheimlich Unbekannten umher. „Er ist ein Graf Stauffen, ein Landsmann, der einzige passende Umgang in meiner Klasse, die anderen sind alle echt Leipziger Spießer", erklärte Armin mit preußischem Nationalstolz. „Und denkt Euch, er war schon in der Wiege mit Lori Trachenberg, der einzigen Tochter vom Fürsten Trachenberg, verlobt." Huld-e und Traute fänden diesen Umgang ebenfalls sehr passend und die Verlobung sehr romantisch. Sie wunderten sich nur, daß er noch auf der Schulbank säße, und erhielten die nötige Erklärung. Als Traute hörte, wie ihr Anblick ihn in Ekstase versetzt hatte und daß er fast mit dem Kopf durch die Scheiben gefahren war, um sie zu sehen, lachte sie erfreut und geschmeichelt. Tie großen Aristokraten, die alles das besaßen, was ihr von Jugend an als das Begehrenswerteste hingestellt war, hatten für sie stets einen märchenhaften Zauber. Ihre warmblütige Phantasie beschäftigte sich gern mit einem Jdeälprinzen, ähnlich denen, die einst im Hause ihres Vaters verkehrt hatten und die den Glanzpunkt der Familienerinnerungen bildeten. Frau Belten freute sich ebenfalls, daß ihr Sohn „Passenden Umgang" gefunden hatte. Sie kannte einige Glieder der Familie Stauffen Persönlich und wußte ganz genau, daß die Stauffens eine der ältesten und reichsten Familien des Landes waren. (Fortsetzung folgt.) Unser Garten im Juni. (Nachdruck verboten.) Der Juni bietet den letzten Zeitpunkt, um alles das auszupflanzen, was bislang noch nicht ausgepflanzt war. Wo ein Beet frei wird, sei es, daß man Radies, Kohlrabi, Salat oder, etwas abgeerntet hat, da wird es schnell wieder bepflanzt oder besät mit Erbsen, Bohnen, Winterkohl, Karotten für den Herbstbedarf, Endivien. — Bon den Endivien sät mau in der ersten Mitte des Mai nur die krausblättrigen Sorten. Sie entwickeln sich schneller und sind nicht so dauerhaft als die glattblättrigen, können daher im Herbst nicht lange ausbewahrt werden. Bon Winterrettig sät man in der ersten Hälfte des Monats nur wenig —- -gewissermaßen die Probe — nachher mehr. Man muß die Stangenbohnen anranken, auf Salat- beeten den Trahtwürmcrn nachstellen, Winterkohlarten pflanzen und kräftig wachsende Gurken zum ersten Mal flüssig düngen — nachdem sie vorher gehörig verzogen sind. — Tas Verziehen dichter Saaten ist übrigens bei allen Gemüseaussaaten notwendig! Tie wichtigste Arbeit besteht in häufigem Hacken, Jäten, Düngen und Wässern . Am 24. des Monats hört die Spargelernte auf. Nun wird das Düngen des Spargels, das Niederkämpfen des Ungeziefers mit voller Wucht betrieben!. Komposthaufen, Misthaufen verlangen ebenfalls Pflege, die ersteren öfteres Umsetzen, die letzteren öfteres Anfeuchtn, damit die Stoffe sich nicht durch Erhitzen und Trockenwerden des Düngers verflüchtigen. Ob der Frost im Obstgarten alles vernichtet hat, noch wissen wir es nicht niit Sicherheit. Es scheint aber, als wenn in den geschützteren Lagen mehr durchgekommcn wäre, als erwartet worden ist. Auf jeden Fall müssen wir im Juni an die Düngung unserer Obstbäume denken und denen, die nichts tragen, reichlich Phosphorsäure geben, den anderen mehr Stickstoff und Kali. Der Grünschnitt an den Formbäumen nimmt was Interesse und unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Wildtriebe an den Veredelungen sind zu entspitzen, Erdbeeren zu entranken, nur Monatserdbeeren entrankt Man nicht, weil ihre Ranken die Haupternte bringen. Alle, Erdbcerbeete müssen dringend mit einer Schicht strohigen Düngers bedeckt werden, damit die Früchte darauf gut reifen und nicht faulen. Das Entspitzen des Weinstockes, das Geizen desselben ist ebenfalls dringend notwendig. Die Rosenbeete werden mit einer Schicht verrotteten Tungs bedeckt oder es wird ihnen eine Torfstreuschicht gegeben, der vor dem Aufstreuen 40prozentiges Kalisalz Doppelsuperphosphat und etwas Chilisalpeter beigemischt war . Nach der Blüte den Sommerschnitt der Rosen nicht vergessen! Alle Wildlinge, die veredelt werden sollen, biegt man so weit nieder, daß der höchste Punkt die zukünftige Veredelungsstclle bildet. So wird an diesem Punkte gutes Lösen erzwungen. Man kann schon ans treibendes Auge veredeln. — Die nötigen Vorarbeiten werden bekannt sein. — Dahlien, Malven, Gladiolen muß man anbinden, Nelken absenken, Goldlack, Winterlevkoyen aussäen, alle einmal- blühenden Rosen — Kletterrosen, Moosrosen, Centifolien usw. nach der Blüte ganz energisch schneiden. Es beginnt der Schnitt der Zier- und Schutzhecken. Gießen, Anbinden und Spritzen sind die Hauptmomeute bei der Zimmerpflege. An jedem warmen Morgen muß man spritzen und am Abend das Spritzen wiederholen. Bei kaltem Wetter spritzt nian nicht. Im Zimmer bilden Bestäuber und Auflockerungsholz die Hauptinstrumente bei der Pflauzenpflege. Mindestens alle 14 Tage ist die Erde der Töpfe auszulockern, auch zeitweiliges Düngen mit Nährsalzen ist nicht zu vergessen. Es geschieht dies, indem wir vor dem Auflockern einige Gramm Nährsalz aufstreuen und dasselbe beim Auflockern mit unterspateln. Tas Stecklingmachen von Kakteen, Fuchsien, Abutilon und Pelargonien rc. soll unseren Vorrat an Pflanzen vermehren. Alle Stecklinge wachsen leicht, sobald sie schattig ausgestellt sind und genügend feucht gehalten werden. Tas Heranziehen von Pflanzen im Sommer ist insofern von großer Bedeutung, als uns die Stecklingszucht im Sommer Pflanzen liefert, die bis zum Herbst hin nicht allein einen Flor geben, sondern auch so kräftig entwickelt sind, daß sie vorzüglich durch den Winter kommen. I. C. Schmidt, Erfurt. Die Hautflechte. Von Dr. Wilhelm T e s ch e n (Berlin). (Nachdruck verboten.) Viele Laien und selbst wissenschaftlich hochstehende Aerzte betrachten die Hautflechte, dieses so ungeheuer verbreitete Leiden lediglich als eine Hautkrankheit und behandeln sie demgemäß, das heißt äußerlich. Das ist ein Irrtum, dem int Interesse aller an dieser Krankheit Leidenden entschieden widersprochen werden muß. Tie Flechten siild eine Krankheit, die im Innern des Organismus ihreu Ursprung haben, im Blute des Menschen; sie gehören zu d en sogen. „B l u t e n t m i s ch u n g s k r a u k - h-eiten". Ich weiß, viele moderne Merzte lieben diesen Ausdruck nicht, besonders die Anhänger Virchows- Es bleibt sich aber für die Sache ganz gleich, ob man von einer Blutentmischung oder nach Virchow von einer Z e l l e n erkränk- ung spricht. Unter Blutentmischung, Dyskrasie, versteht man beit Zustand des menschlichen Organismus, wo der Stoffwechsel nicht mehr normal ist, wo die naturgemäße Verwandlung der aufgenommenen Nahrungsmittel nicht gehörig vor sich geht. Tie unausbleibliche Folge dieser chronischen Verdauungsstörung ist eine Entmischung, Entartung des Blutes. Das Blut hat nicht mehr seine normale Beschaffenheit, es ist nicht mehr imstande, alle Stoffe zu verwerten oder naturgemäß auszuscheiden. Aus dieser Beschaffenheit des Blutes können entstehen: Tie Gicht, wo die Harnsalze zu wenig ausgeschieden werden, die Tuberkeln und Skropheln, wo dem Blute Eisen mangelt, und schließlich die Flechten und Hämorrhoiden, wo das Blut zu kohlenstoffhaltig ist. Leider sind alle Blutentmischungskrankheiten sehr erblich. Eltern, die an Dyskrasie leiden, bekommen meistens nur Kinder, die mit schlechten Blutbildun-gsstättcn ausgerüstet sind. Erworben wird die Dyskrasie durch die moderne Lebensweise. Personen, die in schlecht gelüfteten Räumen wohnen oder arbeiten, die andauernd schlechte, unzureichende Nahrung zu sich nehmen, Gelehrte, Beamte und Kaufleute, die zuviel am Schreibtisch sitzen, Frauen und Mädchen, die zu lange am Nähtisch oder an der Nähmaschine arbeiten, kurz alle Menschen, die sich nicht genügend in der frischen freien Luft bewegen, werden mit der Zeit chronisch b lut-. 344 tränE; sie ziehen sich die eine oder andere Bvutentmischung zu. Tie Flechsen charakterisieren sich durch chronische, schwer zu beseitigende Hautausschläge. Gewöhnlich treten diese Ausschläge als Bläschen oder Pusteln aus, die entweder abtrocknen oder eitern, wonach man trockene oder nasse Flechten unterscheidet. Jeder Flechtenausschlag kennzeichnet sich durch ein lästiges Jucken. So groß die Versuchung auch ist, das Kratzen muh vermieden werden, denn es würde Aufscheuern der Pusteln und dadurch Schorfbildung sowie Zunahme des Uebels verursachen. ‘ Da man die Flechte, sie mag heißen ivie sie will, als eine örtliche Ablagerungsstelle betrachten muß, wo das Blut seinen Krankheitsstoff ausscheidet, so ist es verständlich, daß man den Ausschlag nicht mit Gewalt, wie durch starke Quecksilbersalben, vertreiben darf. Thut man es doch, so gefährdet inan edle innere Organe. Bei Flechten, es gießt deren nämlich eine ganze Menge, ist Heilung von innen heraus zu erzielen. Daneben kann inan auch äußerliche Mittel anwenden. Das lästige Jucken kann man stets ungestraft durch tägliche Bähungen von schleimigen Flüssigkeiten, wie Kleienwasser, Althee- oder Malventhee, sowie durch reines Oel lindern. Die sorgsamste Hautpflege ist zur Heilung jeder Flechte unumgänglich notwendig. Es ist völlig unverständlich!, ivie selbst tüchtige Aerzte die Anwendung von Wasser bei Flechtenausschlag fürchten. Die ordentliche Hautpflege ist eine Pflicht gegen die Gesundheit wie gegen den Nebenmenschen. Selbst der Pferdeknecht weiß, daß sein Pferd ohne gründliche tägliche Hautpflege nicht gesund und leistungsfähig bleiben kann. Tie Haut des Körpers ist der Regulator des Gesamtorgax, nismus, sie ist ein absonderndes, atmendes Organ, dessen Poren man stets offen halten must Alle Personen, die an Dyskräsie leiden, haben eine gleichmäßige Lebensweise zu führen, wenn sie völlig genesen wollen. Neben peinlichster Haupflege ist genügende Bewegung im Freien unbedingt notwendig, damit durch kräftiges Atmen in reiner Luft der Stoffwechsel gehoben, das Blut verbessert werde. Personen, die ihren sitzenden Beruf ausgaben und beispielsweise Briesträger wurden, verloren gichtige und skrophulöse Krankheiten bald. Tie Anstrengung in frischer, freier Luft war das beste und billigste Heilmittel gegen jede Dyskräsie. Bei angemessener Lebensweise und bei nahrhafter leicht verdaulicher" Kost kann man bei Flechtenkrankheiten verschiedene innere und äußere Heilmittel in Anwendung bringen. Da gerade die Flechten meist sehr hartnäckig sind, sodaß oft Arzt und Patient'Geduld und Hoffnung verlieren, so seien hier die bekanntesten Flechtenarten und ihre Heilmittel angegeben. Bei allen Flechtenkrankheiten hat sich, das Trinken von Blutreinigungs- und Holzthee sowie von Theerwasser bewährt. Der Holzthee ist in jeder Apotheke zu erhalten. Um Wirkung zu erzielen, muß man mindestens ein Liter Thee warm oder kalt täglich trinken. Man setzt drei Eßlöffel Holzthee mit U/2 Liter kalten Wassers abends an, läßt die Nacht über stehen nnd kocht am anderen Morgen bis auf 1 Liter ein. Etwas bequemer ist das Trinken und die Bereitung von Theerwasser, da man solches in großer Menge vorrätig machen kann, weil es gut verkorkt dem Verderben nicht ausgesetzt ist. Auch vom Theerwasser muß täglich 1 Liter Wasser kalt getrunken werden. Wenn es auf die Dauer nicht bekommt, das heißt wessen Magen es nicht verdaut, der greife lieber zum Holzthee oder zu einem ärztlich, verordneten Mittel. Das Theerwasser stellt man dar, indem man auf einen Teil Holztheer zwölf Teile Wasser gießt, täglich gut umrührt und einige Tage stehen läßt. Nach drei, vier oder längstens acht Tagen gießt man vorsichtig das klare gelbe Wasser ab und hebt es in gut verkorkten Flaschen auf. Theerwasser ist entschieden besser, als Theerkapseln, die oft marktschreierisch angeboten werden. Gerade das Wasser ist bei den Flechten ein wichtiger Heilfaktor, innerlich wie äußerlich angewendet. Theer ist auch äußerlich von guter Wirkung, sei es in Form von Seife, Liniment oder Salbei. Letztere besteht aus einem Teil Theer mit drei Teilen Schweineschmalz oder Vaseline. Das Liniment bereitet inan, indem man einen Teil Theer mit zwei Eidottern verrührtirnd diese Mischung so lange mit Olivenöl versetzt, bis sie dünnflüssig geworden ist. V. Tie häufigsten aus der großen Flecht sind folgende: Der Kleine Grind- oder £ aussch lag> der sich meistens auf der Kopfhau und mit der: Zeit das Brüchigwerden und Ausfä tzopfhaare verursacht. Hier ist neben den genannten auch Sublimat von großer Wirkung. Man wäscht haut morgens und abends mit einer Suhlimatli i 0,1 auf 200 Gramm Wasser. Der Gneis, bei welchem sich sonst gesunden Kopfhaut die asbestartigen Schstpp ockneten Haut-, talges bis zur Ticke eines kleinen F häufen können, ist durch lauwarmes Seifenwasser ■ ^folgende ©in», reibung von Oel in kurzer Zeit . neuen. Fallen die Haare bei dieser Flechte aus, so wachsen sie aber gleich wieder nach, wenn die Kopfhaut durch sorgsame Pflege gereinigt ist. Ebenso behandelt man die Bläschen flechte und die bekannte Milchborke der Säuglinge, die sich gern auf Stirn nnd Wange zeigt. Hier heilt auch Kamillenthee, dem man ein wenig Borsäure zusetzt, sehr schnell. Die Bart flechte und die fressende Flechte, auch Lupus genannt, entzieht sich der Behandlung durch Laienhand, da kann und darf nur der erfahrene Arzt eingreifen. , Es empfiehlt sich aber bei jeder, auch der unschuldigsten Flechtenart, ärztliche Hilfe zu suchen. Je früher das geschieht, desto besser ist es für Arzt und Patient, denn vernachlässigte Flechten können selbst das Wissen und die Bemühung des besten Arztes zu Schänden machen. Gsmernnütziges. Gehirnerschütterung. Unter Gehirnerschütterung machen sich die meisten Menschen eine falsche Vorstellung, indem sie glauben, es sei dies ein Vorgang, mit dem eine unmittelbare Lebensgefahr verbunden sei. Das ist nicht der Fall, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt. Gehirnerschütterungen treten sehr leicht auf, nur in verschiedenen Graden. Die Folgen sind Schwarzwerden vor den Augen, Funkensprühen vor den Äugen, Schwindel, Ohnmacht, längere Bewußtlosigkeit, Nervcn- störnngeu ufto. Ter Tod tritt wohl mir in den Fällen ein, wo Arterienverletzungen stattgefunden haben. Nicht selten bleiben nach Gehirnerschütterungen Nervenstörungen, Sprachgebrechen usw. zurück und in den weitaus meisten Fällen ist dies auf eine falsche Behandlung zurückzuführen. Namentlich stellen sich bei Kindern solche Leiden nach unscheinbaren. Unfällen ein. Man soll es darum nie leicht nehmen, wenn ein Kind gefallen ist, oder einen Schlag aus oder an den Kopf erhalten hat. Man, bette ein solches Kind unter allen Umständen einige Zeit, je nach der Stärke der Erschütterung auf das Sopha oder ins Bett. Am besten ist es, das Kind schläft sofort einige Stunden nach dem Unfall. Es liegt hierfür auch immer ein großes Bedürfnis vor, denn die Kinder schlafen sofort ein. Ist das Kind aber aufgeregt und kann nicht schlafen, so lege man ihm kalte Kompressen auf die Stirn und mit heißem Wasser gefüllte und mit nassen Strümpfen bezogene Flaschen ober Krüge an die Füße und schlage diese mit den Füßen ut eine wollene Decke ein. Auch Fuß- und Sitzbäder erweisen sich als gut, ebenso Armbäder und auch Klystiere; kurzum alles das, womit mau vom Kopfe ableitet. Je länger die 8iuhe und Schonung anhält, desto besser. Niemals animiere man solch ein Kind zum Aufstehen. Tie normalen Funktionen stellen sich, von selbst ein, Bäder niid Packung zur Nachbehandlung erweisen sich als sehr gut. Kapselrätsel. (Nachdruck verboten.) Gastein, Maus, Geist, Führer, Verlust, Gleichnis, Kiste, Unbesonnenheit, Serbien, Halskette, "Weintraube, Fe'isch, Mutter, Prolog, Abscess. Es ist ein Sprichwort zn suchen, dessen einzelne Silben in verstehen« den Wörtern versteckt sind ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.: Der Buchstabe A, a. Redaktion: lk. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Berlaa der Brübl'scheu Universitäts-Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. I t i 1 a ■i 5 .1 1 ü < ä i 1 1 t Z t ü c 5 c t ii