Ftrttag den 12. Dezember. 1902. — Nr. 184 (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) „Mer jetzt", wagte Tatiaua einzuwenden, „spricht jedermann von Elektrizität und Elektrotechnik. Tas Telephon, die elektrische Beleuchtung, die elektrischen Straßenbahnen regen zu solchen Gesprächen an. Warum soll ich in wichtigen Dingen unwissend bleiben, zu deren Studium mtr die beste Gelegenheit geboten ist." „Ach was", grollte Jesim, „Du hast über solche Dinge nicht mitzureden. Das ist eben das Unvernünftige in der heutigen Welt, daß jeder über dem ihm zugemessenen Kreis hinaustritt und sich mit Sachen beschäftigt, die ihn nichts angehen. Man soll keine Seitensprünge nach rechts oder links machen, sondern unverrückt ein Ziel verfolgen, das Einem nahe liegt. Dir ist das Ziel gesetzt, eine Hausfrau zu werden, und dementsprechend hast Tu Dich zur Führung eines Haushalts vorzuberciten." „Das thue ich auch, Papa", sagte sie begütigend, „und wenn ich noch etwas mehr weiß, so gereicht mir das sicherlich nicht zum Schaden. Man kann sich dem Fortschritt nicht ganz verschließen." „Fortschritt!" fuhr Jefim aus. „Ich kann das Wort nicht hören! Iwan Sarkissow hat jüngst sehr treffend gesagt, daß der Fortschritt, von dem Du und Deine Schwester so viel reden, kein Fortschritt, sondern nur der Hochmutsteufel sei, der die Menschen ungläubiger, schlechter, boshafter und unglücklicher mache. Wer immer mehr zu wissen suche, merke schließlich, daß er im Grunde genommen gar nichts wisse und nie etwas wissen werde. Tas aber erzeuge eine pessimistische Stimmung. Fortschritt sei, wenn die Menschen immer mehr das Gebot der Schrift beachten: Liebet Euch unter einander!" Aergerlich griff er zur Zeitung. Aber nach einer Weile klärten sich seine Mienen auf. „Die Schisfahrt auf dem Dnjepr ist wieder eröffnet", sagte er vergnügt zu ferner Frau, die eben ins Zimmer getreten war und sich zu ihm gesetzt hatte. „Natürlich ist der erste Dampfer, der von Odessa den Strom heraufgekommen ist, der Rurik. Die Rhederei von Boris Lyschnin ist die beste, die wir haben." Tatiana horchte auf. „Tie Fahrt soll wegen des Eisganges sehr gefährlich gewesen sein", fuhr Jefim fort, „aber Lyschnin ist eben nichts unmöglich. Du weißt, er hatte vor einigen Jahren das Menteuer im Kaukasus, von dem damals so viel gesprochen wurde." „Was für ein Abenteuer?" fragte Alexandra Michai- lowna. „Ich entsinne mich nicht mehr." „Nun, er rettete bei einer Besteigung des Elbrus zwei Begleitern, die mit ibm am Seil angebunden waren und abstürzten, durch ferne Energie das Leben. Er ließ das straff gespannte Seil nicht fahren, sondern hielt es mit Aufwendung aller Kraft fest, obwohl ihm dabei die Fingev der einen Hand fast abgeschnitten wurden." „Schrecklich!" riefen Alexandra Michailowna und Wera. „Die Geschichte erregte damals großes Aussehen und erwarb Lyschnin in allen Kreisen die höchste Anerkennung"« betonte Jefim. Lautlos hatte Tatiana zugehört. Sie hielt ihr Haupt gesenkt, sodaß niemand die Bewegung in ihren Zügen wahr- nchmen konnte. Also darum die verstümmelte Hand! Nun wußte sie es. Er stand im Geiste wieder vor ihr, diese» hohe, feste Mann mit den durchdringenden Augen und der Eigenart seines Wesens. Sie fühlte wieder seinen Blick, der sie geradezu niedergezwungen hatte, und den Druck seiner großen Hand, in der die ihre wie eine Kinderhand verschwunden war. Eine That wie die auf dem Elbrus konnte er nur vollbringen — gewiß, kein anderer, auch nicht Di- mitry, nein, nur Boris Mitrofanowitsch! „Stehst Du mit ihm in Geschäftsverbindung?" fragte Alexandra Michailowna ihren Gatten. „Schon seit einigen Jahren. Seine Frachten sind zwar teurer als die der Konkurrenz, aber seine Dampfer fahren schneller und pünktlicher. Er ist ein Mann, auf den man sich unter ällen Umständen verlassen kann." Jefim vertiefte sich von neuem in die Zeitung. Eine Notiz fiel ihm ins Auge, die so wichtig erschien, daß er sie zur Warnung laut mitteilte; sie betraf den Ueberfall einer Dame durch einen Jswostschik am Ufer des Dnjepr. Alle hörten gespannt zu. „Abscheulich!" rief Alexandra Michailowna. „Immer zahlreicher werden die Fälle. Man scheint gegen die Bande völlig machtlos zu sein. Der Thäter, der im vergangenen Jahre das junge Mädchen beraubt und ins Wasser geworfen hat, ist noch immer nicht entdeckt!" „Entsetzlich!" pflichtete Wera bei. Tatiana beugte sich noch tiefer auf das Buch; ihr Gesicht war bleich geworden, und ihre Gestalt durchs schauerte ein Frösteln. Tie Gefahr, in der sie geschwebt, trat mit voller Gewalt vor ihre Seele, und zugleich regte sich die namenlose Angst, daß man ihr Abenteuer erfahren werde. Wie ein Keulenschlag hatte sie die Mitteilung getroffen, daß Boris Mitrofanowitsch Lyschnin ihrem Vater kein Fremder war. Wie leicht konnte es geschehen, daß sich beide in ihrer Gegenwart treffen würden. Sie bedurfte ihrer ganzen Kraft, um den Anschein der Gleichgiltigkeit zu bewahren. Aber höhnisch und unablässig zauberte ihr die wühlende Furcht Schreckgespenster vor Augen. .Lyschnin steht draußen und begehrt Einlaß", summte ihr sogar schadenfroh eine innere Stimme zu, als eine Visitenkarte ins Zimmer gebracht wurde. Zitternd blickte sie mit angstvollen Augen nach Jefim, der die Karte mit freundlicher Miene überflog. — 734 „Kind, bist Tu krank?" fragte die Mutter, der das sonderbare Benehmen nicht entgangen war. „Stein, Mama", gab sie nut möglichster Ruhe zurück. „Andrei Pawlowitsch Steinbrech!, der Prokurist von I. A. Sinowjew & Co. in Moskau, will mich sprechen", sagte Jesim. Tatiana mußte tief aufatmen, als ob ihre Brust von einer Zentnerlast befreit sei. Zwischen den Eltern entstand ein kurzer Streit, vb der Besuch anzunehmen oder abzulchnen sei. Jefim befahl, ihn einzulassen. Steinbrecht? Tatiana dachte nach: So hieß ja der Herr, der zu ihrem Moskauer Bekanntenkreise gehört und Timitry stets mit spitzen Redensarten ironisiert hatte. Am Liebsten Hütte sie em Zusammentreffen mit ihm vermieden, aber sich zurückzuziehen ging nicht mehr an, denn er trat bereits ins Zimmer. Alexandra Michailowna konnte kaum einen Ausruf des Staunens unterdrücken, denn ein Hüne stand vor ihr, zu dem sie wie ein Kind aufschaute. Ehrerbietig küßte er ihr die Hand, und auch den jungen Damen nahte er sich mit solcher ruhigen Bescheidenheit, daß sie sofort für ihn eingenommen waren. „Ich habe bereits die Ehre gehabt, gnädige Fran, Ihren Fräulein Töchtern in Moskau im vergangenen Jahre vorgestellt zu werden", sagte er, „und vielleicht werden sich die Tamen meiner Person noch erinnern." „Gewiß", gab Wera zur Antwort, „es war bei Prak- sins. Sie sind wiederholt dorthin gekommen — ich erinnere mich noch sehr genau an den Riesen unter den Zwergen. Wir haben angenehme Abende dort verlebt." „Ja, bei Praksins. Leider ifft! nach der Abreise der Tamen in dem angenehmen Kreise eine merkliche Lücke entstanden." „Tie Sie natürlich schmerzlich empfunden haben", warf Tatiana ironisch ein. „Schmerzlich nicht, aber unliebsam", meinte er trocknen Tones, während sein Blick die Gestalt Weras streifte. „Tie vielen geschäftlichen Schmerzen lassen andere gar nicht aufkommen. Jefim gefiel die Antwort außerordentlich. „So ist es recht", rief er gut gelaunt, „das Geschäft muß immer die Hauptsache bleiben. Nun, Andrei Pawlowitsch, um was handelt es sich?" „Um etwas angenehmes. Unser ständiger Vertreter in Hankow telegraphierte unter sofortiger Rückantwort, daß er zufällig fünftausend Pikul Galgant kaufen könne; wir haben in der Erwartung, in Ihnen einen bereitwilligen Abnehmer zu finden, zustimmende Ordre gegeben. Ter Posten steht, wenn Sie wünschen, via Odessa zu Ihrer Verfügung." Jefim hätte vor Freude laut aufjubeln mögen, aber er bezwang sich und gab seinem Gesicht den Ausdruck aufrichtigen Bedauerns. „Leider kann ich von Ihrem Anerbieten keinen Gebrauch machen", sagte er gleichmütig, „ich bin noch überreich versorgt — nicht ein Pud kann ich unterbringen, mein Lager ist voll bis oben!" Um den Mund des Prokuristen legte sich ein kaum merklicher Zug des Spottes. „Tann sind Sie beneidenswert", erwiderte er ruhig, „denn alle Ihre Konkurrenten jammern über den Mangel an Galgant. Daß wir, ob- wohl unser Hauptgeschäft Thee ist, Ordre gegeben haben, geschah lediglich in der Absicht, Ihnen, unserem ältesten Kunden, eine Gefälligkeit zu erweisen. Sie wissen doch, Galgant gehört sonst nicht zu unseren Artikeln. Wir werden also den Posten Alapm & Co. in Moskau anbieten, der froh sein wird, wenn er unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen ein Quantum erlangen kann. " Jefim zuckte leicht zusammen, denn der Name seines schärfsten Konkurrenten pflegte auf ihn zu wirken wie das rote Tuch auf den Stier. Gr fühlte, daß er zu weit gegangen war und suchte so gut als möglich einzulenken. „Nun ja", warf er möglichst nachlässig hin, „wenn Sie den Preis billig stellen, will ich auf das Geschäft eingehen, obgleich mir eigentlich nichts an ihm gelegen ist." „'Nein, Jefim Aedorowitsch", lachte der Prokurist, „aufdrängen wollen wir Ihnen die Ware nicht. Wie gesagt, Abnehmer sind genug vorhanden. Ihnen eine Unbequemlichkeit auch nur der leisesten Art zu bereiten, liegt unserer Firma durchaus fern." „Ach was, Unbequemlichkeit", rief Jefim. „Man ist sich ja gern gefällig, nur müssen Sie mäßig rechnen. Also, wie stellt fiel) ein Pikul?" „Aus sieben Stubel frei Odessa!" Jefim that, als ob der Himmel einstürze. Er fand den Preis fürchterlich hoch während ihn Anorei Pawlowitsch für sehr gering erklärte. Ern langes Handeln begann, ohne daß der Prokurist auch nur eine einzige Kopeke ab- gelassen hätte. „Sie wissen", sagte er bestimmt, „daß wir die Preise gleich von Anfang an so stellen, um sie mit unseren eigenen Interessen und beiten unserer Kunden vereinigen zu können." Und Jefim sah sich schließlich gezwungen, die sieben Rubel zu bewilligen. Im Stillen war er über den Abschluß sehr vergnügt, während er laut das Geschäft als eins der schlechtesten bezeichnete, das er je gemacht habe. Aber als ihn Andrei Pawlowitsch kalt lächelnd ansah, merkte er, daß seine Klagen ihren Zweck verfehlten. Er hatte, das fühlte er, in dem Prokuristen einen geschäftskundigen Mann gesunden, der ihm ebenbürtig war; aber mit dem Aerger über die kleine Mederlags verband sich eine gewisse Bewunderung der kaufmännischen Tüchtigkeit des Gastes. Tie Gerechtigkeit zwang ihn, diesen Vorzug anzuerkennen. Einen Moment schloß er, wie abwesend, die Augen. Wie schön wäre es gewesen, wenn das Schicksal ihm einen solchen energischen, festen und sachkundigen Mann als Sohn zugewiesen hätte. Aber sein Sohn--nein, er hatte keinen Sohn! Fluch über diesen Menschen, der einst sein Sohn gewesen war. Es. stahl sich etwas Feuchtes in seinen Blick, daß er schnell mit der Hand nach oben fahren mußte. Nur gut, daß keiner die Bewegung bemerkt hatte. Sie waren ja alle in lebhafter Unterhaltung mit Andrei Pawlowitsch begriffen, und besonders konnte sich Wera nicht genug thun, die alten Moskauer Erinnerungen aufzufrischen. „Sagen Sie, was macht Timitry K'alussoff?" fragte sie neugierig. „Spricht er noch immer so romantisch- wie früher?" „Ich bin selten mit ihm zusammen gekommen", lächelte der Gast, „denn zu den hohen Regionen, in denen er sich stets belegt, vermag ich nickst zu folgen. Nun, Sie kennen ihn ja zur Genüge; jeder Satz ist bei ihm eine Phrase." „Tas begreife ich nicht", mischte sich Tatiana lebhaft ins Gefpräch. „Auf mich hat er stets den Eindruck eines kenntnisreichen Mannes gemacht, der leider nicht das Glück hatte, überall das rechte Verständnis zu finden." Ihre Augen blitzten bei diesen Worten so feurig, und ihrs ganze Haltung verriet eine solche Leidenschaftlichkeit, daß Wera stutzte und Andrei Pawlowitsch' begütigend sagte: „Verzeihung, ich wollte nur sagen, daß er kein Geschäftsmann ist, obwohl es besser wäre, wenn er sich dieses Vorzuges rühmen könnte." „Ter Geschäftsmann macht doch nicht den Menschen", entgegnete sie mit unverminderter Heftigkeit. „Es wär« traurig in der Welt bestellt, wenn jeder nur nach feiner kaufmännischen Veranlagung beurteilt würde. Tas weiß ich jedenfalls, daß Timitry Kalussoff in unserem Kreise stets ein belebendes Element gewesen ist und manche anderen Herren völlig in den Schatten gestellt hat." Sie empfand es als eine Wohlthat, mit diesen Worten für Timitry eintreten zu können. Ihn bei solchen Angriffen unverteidigt lassen — nein, das sollte nie und nimmer geschehen, mochte auch ihr Geheimnis an den Tag kommen und ihr das größte Unglück widerfahren. Ueber das Gesicht des Prokuristen flog ein Schimmer von Unmut, aber er behielt seine kühle Ruhe bei. „Einem Abwesenden übles nachzureden, Tatiana Jefimowna", sagte er höfliche „ist nicht meine Art. Aber ein Urteil über Timitry Kalussoff darf ich wohl ohne Bedenken abgeben, nachdem ich in Gegenwart des Herrn nie mit meinen Ansichten über seine phantastischen Redensarten zurückgehalten habe. Ich tadle sein Bestreben, sich für einen ausgezeichneten, kenntnisreichen und erfahrenen Kaufmann auszugeben, während er selbst sehr genau weiß, daß er in seinem Berufe eine Null ist. Das Talent eines Schauspielers mag auf der Bühne sehr erfreulich sein, aber im gewöhnlichen bürgerlichen und noch dazu im kaufmännischen Leben begegnet man ihm nicht gern. Wie wenig Erfolg Timitry Kalussoff mit seinem hohen Gedankenfluge hat, geht am besten daraus hervor, daß seine geschäftlichen Verlegenheiten von Tag zu Tag wachsen." 735 Jefim war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden. Taß seine Tochter so lebhaft für Kalussoff eintrat, bereitete ihm das größte Unbehagen. Sofort mußte er wieder an seine Halluciuation denken und sich fragen, ob er nicht die pure Wirklichkeit erlebt habe. Als Tatiana sogar von Mißgunst sprach, konnte er sich nicht enthalten, ihr ärgerlich in die Rede zu fallen. „Ach was", rief er laut, „er ist kein bedeutender Mensch, sondern ein aufgeblasener und leichtsinniger Flaneur, der sich schämen sollte! Andrei Pawlowitsch hat völlig recht, wenn er ihn für eine Null hält. Wäre nicht sein Bruder Jury ein fleißiger Mann, ich hätte längst mit der Firma Gebrüder Kalussoff gebrochen." Eine peinliche Pause war entstauben. Mit Mühe hielt Tatiana ihre Thrünen zurück, während der Prokurist unbemerkt ihr Mienenspiel beobachtete. „Kalussoff hat auf sie tiefeu Eindruck gemacht", dachte er, „mich wundert nur, daß ihre Angehörigen nichts davon bemerken. Man müßte sie warnen, einem solchen charakterlosen Menschen zu vertrauen. Ihre Schwester ist bei toeitem vernünftiger und praktischer; sie ist für Phrasen nicht empfänglich und hat den edlen Timitry genügend erkannt." Unwillkürlich giitt fein Blick nach Wera hinüber; er begegnete ihren glänzenden Augen, die mit Interesse auf rhm ruhten. Sie errötete leicht und senkte ein wenig das Haupt, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Tas waren noch dieselben freundlichen lieben Züge, die ihn wesentlich zum Besuche des Praksin'schen Kreises bewogen hatten, und sie schienen auch noch immer der Spiegel desselben frischen und natürlichen Empfindens zu sein, das ihm damals zwischen all dem unfruchtbaren Sande wie ein erguickender, klarer Brunnen entgegengeströmt war. Wollte er sich ein offenes Geständnis ablegen, so mußte er zugeben, daß ihn jetzt nicht nur das geschäftliche Interesse in Jefim Godunows Haus geführt hatte, sondern auch die Hoffnung, Wera wieder- zujehen. Freundlich mabnte ihn die Hausfrau, den Thee und die Ssakuski nicht zu verschmähen, während Jefim die Magerkeit des Imbisses scherzend mit den Fasten entschuldigte. f »Sie als Deutscher werden unseren Fasten nicht sehr hold sein", meinte lächelnd Alexandra Michailowna, „aber Eie müssen mit den Wölfen heulen." Andrei Pawlowitsch aber erklärte unter allgemeiner Heiterkeit, daß er ein ebenso guter Russe wie die Godunows sei, denn seine Vaterstadt fei Riga, sein Vater Arzt in Torpat und seine Mutter eine waschechte Russin, in der nicht ein Tropfen deutschen Blutes kreise. Tie Unterhaltung wurde immer lebendiger, obwohl Tatiana sich wenig an ihr beteiligte. Um so gesprächiger war Wera, die besonders von dem bevorstehenden Bazar nicht genug zu erzählen wußte und lebhaft bedauerte, daß Andrei Pawlowitsch schon vor der Eröffnung nach Moskau zurück- kehre. Jefim sprach von der Messe in Nischni, die er selbstverständlich besuchen werde, und Andrei Pawlowitsch teilte mit, daß er wahrscheinlich zur Vertretung seines Hauses ebenfalls nach Nischni reise. Tann sprach, man von Fin- land und von der Berechtigung, mit den Sonderrechten daselbst aufzuräumen und das Land dem Reiche vollkommen zu assimilieren. Ter Eine lobte das energische Vorgehen der Regierung über die Maßens-der Andere aber verlangte, damit das Stammes'gefühl der Finen nicht allzu sehr verletzt werde, einen weniger gewaltsamen Assimila- tionsprozeß. Tas Wasser brodelte lustig im Ssamovar, aus dessen durchbrochenem Becken die Holzkohlen gleich glühenden Augen funkelten. Immer aufs neue füllte Wera die geleerten Gläser mit dampfendem Thee, fein geschnittene Citvonenscheibchen hinzufügend, und unermüdlich sandten die zerren und Alexandra Michailowna feine Rauchwolken aus den aromatisch duftenden Papyros zur Decke. Als endlich die Wanduhr mit tiefen melodischen Schlägen die elfte Stunde kündigte, wunderte sich mit Ausnahme Ta- tiauas jeder über die außerordentliche Schnelligkeit, mit der die Zeit dahingeschwunden war. Es war ein Abschied, der durchaus nicht erkennen ließ, daß der Besuch geschäftlichen Zwecken gegolten hatte. Jefim und seine Gattin gestanden sich, nie ein solches Behagen empfunden zu haben, wie an diesem Abend. Wera abeitz vor deren Augen noch immer die sympathische Gestalt des Gastes stand, hörte die beifälligen Aeußerungen der Eltern mit geheimer Freude. Ja, sie liebte Andrei Pawlowitschi sie hatte immer an ihn gedacht, die ganze Zeit hindurch^ die seit ihrem Moskauer Aufenthalte verflossen war, und sie hatte sich unaufhörlich gesehnt, ihn wiederzusehen. Am liebsten toftr« sie der Mutter um den Hals gefallen und hätte ihr anvertraut, was sie bewegte und hätte ihr leise gestanden, daß ihr Glück nur allein in ihm beruhe. Aber das ging ja nicht an. — „Wer weiß", dachte sie, „ob er von denselben Empfindungen beseelt ist. . (Fortsetzung folgt.) Weihnachtsbücher. Paul Heyse, Romane und Novellen Wohlfeile Ausgabe. Erste Serie: Romane. 48 Lieferungen zu je 40 Pf. Alle 14 Tage eine Lieferung. Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. in Stuttgart und Berlin. — In der vor kurzem zur Ausgabe gelangten fünfzehnten Lieferung von Paul Heyse's Romanen findet der Roman „Kind er der Welt" seinen Abschluß. Dieser Roman machte bet seinem ersten Erscheinen das größte Aufsehen. Es war geradezu ein Ereignis, daß Paul Heyse, der bis dahin lediglich als Meister der Novelle gefeiert wurde, nun mit einem großen Roman vor das Lesepublikum trat, daß er in den „Kindern der Welt" ein meisterhaftes Lebensbild in großen Zügen geschaffen, und man war freudig überrascht, sich überzeugen zu können, daß die Vorzüge, die d n Novellisten auszeichneten, sich auch in dem Roman wiederfinden: die lebendige Darstellung, die plastssche Abrundung der Glieder der Erzählung, die wohtthuende «!k* schlossenheit der Form und eine ungemein s ch a r s e Beobachtung der verschiedensten Gesellschaftskreise. Auch die kleinste Nebenfigur ist mit charak^ ch !- scheu Eigenschaften ausgestattet, vermöge derer sie b > dem Leser einprägt, wie denn der Roman als ein fest- umrissenes in sich abgeschlossenes Ganzes unverwischbar im Gedächtnis haften bleibt, und die Ge st alten weiter- leben, als habe man sie persönlich kennen gelernt. Silbenrätsel. (Nachdruck verboten.) AuS folgenden 11 Silben: an, be, bien, ba, düng, ge, heim, la, rei, such, ter sollen 5 bekannte Hauptwörter gebildet werden und zwar derart, daß dir bei jeden, Wort in der Milte stehenden zwei Buchstaben aneinandergereiht ein hohes Gut bezeichnen, das die Menschen meistens erst schätzen, wenn sie es verloren haben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Ka2, DH3, Sbß, 15, Bb5, hl. Schw. Ke4, Lai, a8, Sb7, Be5, 16, 7, hß. 1. Sbß—d7, Kd5. 2. Df3 +. — 1. . . ., Kf4. 2. Dfl +. — 1.....beliebig. 2. 816: +. Modenöencht filier UaMei-er. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaltur Drcsden-N. Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmusterbuch zu 50 Pfg. daselbst erhältlich. Wer hätte es nicht schon an sich selbst erfahren, wie sehr eine gutsitzende Toilette, in der man sich gefällt, die Stimmung hebt und wiederum, wie einem die ganze Freude eines Festes verdorben werden kann durch ein Kleid, das nicht recht gefällt oder welches nicht paßt und in dem man sich unbehaglich fühlt. Ein schon altes Sprichwort lautet sehr bezeichnend: „Ein Kleid, das nicht paßt, ist eine Last". Die Garderobe ist demnach gar nichts so unwichtiges, wie viele glauben, und besonders unsere Festkleider müssen wir mit Sorgfalt und einer gewissen Liebe zur Sache auswählen. Die Mode, jene gütige Fee, kommt uns hierbei in diesem Jahre besonders entgegen; denn gerade in Bezug auf Ball- und Gesellschaftskleider bietet sie eine überraschend große Auswahl, welche wobl iedem 736 etwas speziell für ihn passendes bieten dürfte. Den Schlanken bringt sie lose, schmiegsame Empiregewänder, den Starken schwarze Tüll-, Chiffon- und Pailettenkleider, den Jungen bieten die duftigen Seidenmousseline, Spitzengarnituren, bunten Wnder usw. die denkbar reichste Auswahl und für reifere Damen giebt es wundervolle neue Seidenstoffe, welche im weichen Fall des modernen, leicht- geschweiften Schlepprockes prächtig zur Geltung kommen. An Schnitt und Bearbeitung werden dabei natürlich die denkbar größten Ansprüche gestellt, und oft will es uns beim Anblick der kunstvoll zusammengesetzten Gesellschaftskleider scheinen, als ob nicht Menschen-, sondern Feenhände sie angefertigt Hütten. Besonders gilt dies von den immer mehr in Ausnahme kommenden Spitzeninkrustationen. Dieselben werden oft in so reichem Maße angewandt, daß die ganze Toilette aus Spitzen zusammengesetzt erscheint. Wirkungsvoller jedoch als diese, oft ein recht krauses Bild, ohne feste Konstruktionslinien darstellenden Toiletten, sind solche mit eingearbeiteten Spitzenteilen. Einzelne Spitzenmedaillons, einzelne Serpentinevolants am Rock mit nach oben auslaufenden, die Rock- nähee markierenden Spitzen oder Streifen, eingearbeitcte Passen an Taillen und Röcken, all das ist von höchster Eleganz und vornehmster Wirkung. Besonders die Hüft- vassen aus Spitzen für Röcke sind eine reizende Neuheit dieser Saison; denn sie ermöglichen die Anwendung dichter Falten für dünne Stoffe, ohne die Hüften zu verbreitern. Auch die fertig käuflichen, gestickten Spitzen- ober Tüll- kle^der werden gern in dieser Form verarbeitet, welche am besten das Leichte und Duftige des Materials zur Geltung bringt. Im übrig.n kann man in diesem Jahre eine ganz besondere Vorliebe für Faltenvolants konstatieren und zwar in der größten Verschiedenheit. Für schwerere Stoffe dominieren die gelegten Falten, für leichtere die plissierten, von denen nicht selten mehrere übereinander fallen. Tie Serpenlincvolants dagegen bleiben nur den dichteren Stoffen reserviert, wie Seiden- und Wollstoffen. Auch bei diesen zeigt sich deutlich das Bestreben, möglichst leicht und locker zu erscheinen, weshalb man an Stelle des einen Volants lieber mehrere übereinander fallen läßt. Zwei sehr hübsche derartige Arrangements zeigen die beiden Modelle 247 und 255. An leyrerem ist der untere Nockrand mit drei kleinen Serpentinen besetzt, welche vorn unter einer doppelten Quetschfalte verschwinden. Diese übrigens hochmoderne Quetschfalte, mit der eine gleiche Falte auf der Blusentaille harmoniert, ist besonders vorteilhaft für die Figur; denn die geraden Längslinien lassen die Figur bekanntlich länger und schlanker erscheinen. Eine gleiche Wirkung hat das jetzt so sehr beliebte Längsarrangement von Bandbesatz. Die buntfarbigen Bänder werden auf Rock und Taille in vollkommen tothrechter Richtung angebracht, wodurch auf dem Rock eine strahlenförmige Anordnung entsteht. Den unteren Rand eines derartig besetzten Rockes h Modell 248. V 4 X X da die Stoffhülle erst unterhalb der Passe beginnt. Reihfalten, Quetschfalten, Plisseefalten, vor allem aber bte so hochmodernen Sonnenvlissöes, alles dies wird in Verbindung mit den Hüftpassen gearbeitet, unter denen es auch die verschiedensten Variationen giebt. So sieht man z. B. sehr häufig die Hüftpasse in Verbindung mit dem Vorderblatt des Rockes geschnitten, was die Figur stets schlanker erscheinen läßt und daher stärkeren Damen zu empfehlen ist. Auch die Form der Hüftpassen an sich bieten die größte Verschiedenheit, indem dieselben rund, spitz, nach hinten aufsteigend oder ganz schmal ringsum erscheinen. Natürlich rst auch außer Spitze jede andere Garnitur dafür angängig, sodaß man bequem die Hüftpasse im Einklang mit der übrigen Toilette garnieren kann. Außer der Form mit Hüftpasse existieren noch eme große Anzahl anderer Nvckformen, speziell für Gesellschaftskleider, welche aber alle in ausgeprägtem Matzstabe, wie schon seit Jahren, die untere Verbreiterung anstreben. Die obere, prall anschließende, Enge ist daber endlich immer mehr im Schwinden begriffen und man hört schon hie und da von hinteren, eingereihten Falten reden. Der ringsum leicht eingereihte Rock ist schon Mode, wenn auch vorerst nur in leichten anschmiegenden Stoffen, wie Crepe de chine, Chiffon oder bergt Unser Modell 251 zeigt einen derartigen Rock aus schwarzem Chiffon, zu welchem eine ausgeschnittene Jäckchen-Taille aus schwarzem Sammet mit Creme-Spitzen reich garniert, vorzüglich paßt. Mvvell 255. 251. umgiebt dann irgend ein Volant, auf welchen die Wnder als Schluppen fallen. Bandbcsatz in jeder Form ist überhaupt in diesem Winter sehr beliebt, merkwürdigerweise aber weniger in seiner ursprünglichen Bestimmung als Schleife, sondern mehr als flacher Besatz, wie die oben erwähnten Längsbesätze, ebenso Querbefätze; auch ganze Volantgarnituren aus Band sieht man häufig und nehmen sich dieselben in den schönen, modernen Bändern, welche die Industrie jetzt bietet, äußerst elegant und reich aus. Für die Taillen zu Gesellschaftskleidern ist und bleibt die Blusenform unverändert modern. Dieselbe ist nicht ohne Einfluß aus den Ausschnitt, welcher infolgedessen mehr breit, als tief gehalten wird. Er wird immer noch gern mit Volants aus Spitze oder plissiertem Chiffon umrandet. Auch ganze Ranken von Blumen sieht man häufig den Ausschnitt umgeben, was besonders für junge Mädchen recht kleidsam ist Die Aermel für Ballkleider haben jetzt die ganz besondere Neigung, den Oberarm ein kleines Stück freizulassen, um dann nach dem Ellenbogen zu als voller Bausch auszuladen. Ueberhaupt wird der halblange Aermel, allerdings stets aus durchsichtigen Stoffen bestehend, jetzt mehr und mehr dem ganz bloßen Arm vorgezogen, was entschieden kleidsamer und auch dezenter ist. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und ä-erlag der Drübl'schen UniversitLtS-Bucb. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.