Mittwoch den 12. November. Nr. 168. 1902. Ulf MM M ,-. i:;' WWSi (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) 63. Kapitel. Julie saß, die Ellbogen auf ihre Kniee gestützt, den Körper nach vorn geneigt, mit gespannten, aufmerksamen Blicken und lauschte ihrem Meister. „Tu weißt, ich habe schon seit langem ein Mittel gesucht, mich in das Palais Doroukoff zu schleichen, und dort einige Stunden zuzubringen. Und rch habe keins gefunden; ich hätte schließlich die Maskerade noch einmal machen können, die ich schon einmal gemacht habe: unter irgend einer Form und einem Namen mich als Gärtner vorstellen. Wer man wäre wieder meinen Schritten gefolgt wie das erste Mal, oder im besten Falle hätte man mich einige Augenblicke allein gelassen; ich aber brauche wenigstens eine Stunde vollständiger Freiheit, um den Streich zu vollfuhren. Dann dachte ich mir auch: Es giebt nur ein Mittel — und das heißt: im Palais selber wohnen. Aber in welcher Eigenschaft? Als Sekretär des Grafen? Diese Stellung hatte ich schon beim Prinzen Tschigorin innegehabt. Ich liebe es nicht, zweimal dasselbe zu thun. Außerdem hat der Graf auch gar keinen Sekretär. Tiefer Grund allein wiegt schon die anderen auf. — Als Bedienter? — Ach, meine Eitelkeit hätte ich schließlich verleugnet. Aber die in Herrschaftshäusern Angestellten, seien sie Kammerdiener, Lakaien oder Pferdewärter, tragen meistens weder Bart noch Schnurrbart. Sie müssen alle rasiert sein. Denk nur: mich rasieren lassen — mich! Meine Brillen abnehmen, meine Gestalt aufrichten, mit all.meinen Vorzügen erscheinen, mit denen mich die Natur erschaffen hat, bedeutete gerade so viel, als wollte ich über alle Dächer rufen: „Ich bin Paul Ouerzewski, der Sträfling!" Denn meine Verlleidung, mein Alter, meine Schwächen und Mängel, und die dem Keßler entwendeten Papiere sind es allein, die heute meine Stärke ausmachen. Wenn ich diese Maske zum Teufel jage, dann wirft mich der Teufel in Gestalt eines Müller oder sonst eines Spürhundes aufs neue direkt in den Rachen des Zuchthauses." Erst hatte er seiner Geliebten erklärt, daß die Zeit kostbar sei, daß man kurz und bündig sprechen müsse, und jetzt verlor er sich selber in einen Wust von Worten und breitete sich selbst des langen und breiten aus. Der gewesene Statist kam immer wieder zum Durchbruch. Gr konnte es sich nicht versagen, lauge <Äitze zu drechseln, und empfand eine Art Entzücken dabei, sich selbst reden zu hören. Julie Farkas repräsentierte zwar ganz allein bas Publikum, aber welch ein dankbares Publikum! Wie dies Mädchen, trotz Querzewski's großer Klugheit, im stand« wär, ihn um den Finger zu wickeln! „So war ich denn gezwungen, in meiner Rolle zu bleiben. Und sobald es sich darum handelte, auf länger« Dauer im Palais zu bleiben, blieb mir dies Haus vern schlossen. Aber ich ließ es nicht aus den Augen und spionierte immerfort um dessen Bewohner herum. Bald! hatte ich herausbekommen, daß der Kämmerer des Hauses, ein Mann von etlichen fünfzig Jahren, vermutlich irgend ein alter Diener der Doroukoff, stets zwischen Frühstück und Mittag auf dem Wilhelmplatz einen kleinen Rundgang zu machen pflegte. So lenkte ich denn meine, Schritte nach seinem Lieblingsweg und wählte, um meine rheumatischen Glieder sich etwas erholen zu lassen, sein« Lieblingsbank; kurz, am Ende einer Woche hatten wir miteinander Bekanntschaft geschlossen. Eines Tages kam! er an, mir zn vertrauen, er habe einen Brief von größter! Wichtigkeit zu schreiben, dessen Abfassung ihn aber in große Verlegenheit setzte: es mangele ihm nämlich an Stil. Na, ich bot ihm meine Dienste an, und führte ihn in meine Wohnung." „Hierher?" rief Julie dazwischen. „Nicht doch — in die Zimmerstraße, in die beiden! Zimmer, die ich, um auf alles vorbereitet zu sein, gemietet habe. Ich bin kein Freund von diesen möblierten Hotels, diesen Maisons Garnies. Auf die hat die Polizei immer ihr Auge. So bin ich immer innerhalb meiner; eigenen Einrichtung und wohne in einem anständigen Hause. Es kommt ja zwar etwas teuerer; aber, wenn es gilt, den Kopf zu retten, darf man keine Auslagen scheuen. Mein Mann war über meinen Brief begeistert^ und er bat mich gleich um andere. Er hatte einen ganzen Stoß Korrespondenzen zu erledigen, und ich erledigte sie nach und nach. Das gab nun mir das Recht, ihn auch meinerseits um einen Gegendienst zu ersuchen, und ich that es auch unverzüglich. Ich sprach ihm von einer! Person, der ich wohlwollte, die ich gerne in einem guten Hause unterbringeu möchte. Der Zufall war mir günstig. Ich hatte den richtigen Mann getroffen. Die Gräfin hatte eben einer ihrer Kammerfrauen gekündigt, und der Kämmerer, der ihr vollstes Vertrauen genießt, hoffte, daß' er mein Protektionskind, das er nun unter feinen Schutz genommen hatte, unterbringen könnte. — Und er hatte, auch guten Erfolg. Die Sache ist jetzt abgemacht- Man wird Dich heute morgen der Gräfin vorstellen, die Dich, wenn ihr Dein Meußeres und Deine Manieren gefallen^ in ihren Dienst nehmen wird." „Also, Du rechnest auf mich —" „Um das Versteck zu durchwühlen, und unsere Million herauszuholen? Jawohl! Das ist eine Arbeit, die Dir zukommt. Wenn Tu einmal im Palais angenommen bist, wird es für Dich nichts Leichteres geben als das. Eines Nachts, wenn Herrschaft uno Diener schlafen, wirst Du geräuschlos Dein Zimmer verlassen, Und Dich als wahre Viper, die Du bist, in das.Melier schleichen. Das klein« Kabinett liegt links hinter einem, älten Gobelin, der die! 670 von Amoretten umgebene Benns vorstellt. Bist Du einmal im Kabinett, wirst Tu leicht unsere Stelle wiedersinden. Wir haben ja die Sache zusammen versteckt und vermauert. Tu mußt dann das überklebte Papier zerreißen; die Ziegel, die ich von der Stelle genommen und dann wieder hingelegt habe, liegen ganz offen und lose. Du kannst sie leicht, einen nach dem anderen, entfernen, denn sie sind durch keine Masse festgekittet. Dann wirst Du sofort die Pakete Banknoten bemerken. Tu darfst Dir keinen großen Pack vorstellen; eine Tausenderbanknote ist dünn und leicht. — Tu nimmst sie alle aus, legst wieder schön alles an Ort und Stelle, und kehrst dann auf Tein Zimmer zurück. — Ten folgenden Tag verläßt Du ganz unbefangen das Palais, suchst mich in der Zimmerstraße auf, wo wir, ohne uns zu zeigen, einen günstigen Augenblick abwarten, um ins Ausland durchzubrennen." „Aber der Kämmerer kennt doch Deine Wohnung in der Zimmerstraße", bemerkte sie. „Nun, warum sollte er Dich denn gerade dort suchen? Weshalb sollte man Dich denn in Verdacht haben? Hast Du denn etwas Schlechtes im Palais Doroukoff angestellt? Weiß denn die Gräfin, daß sich schon seit mehreren Jahren die Million in ihrem Atelier befunden hat? Tu hast sie ja weder bestohlen noch ihr ein Leids gethau. Worüber sollte sie sich denn aufregen? Ter Dienst bei ihr konveniert Dir nicht, Tu verläßt sie, — und das ist eben alles." „Ja, ja, das alles scheint mir ja famos ausgedacht", gab Julie zu, „und ich bin glücklich, daß Tu mir diese Rolle durchzuführen übertragen hast. Du bist dann weniger der Gefahr ausgesetzt. — Aber, sag tun, was geschieht mit dem andern, der nebenan schläft?" „Thut Dir's etwa leid, ihn zu verlassen?" „Ihn? Geh doch! Er langweilt mich schon lauge genug. Er geht sogar, denke Dir nur, mit dem Gedanken um, mich zu heiraten." „Er hat gar keinen schlechten Geschmack. Wirst eine hübsche Mitgift bekommen. — Na, aber jetzt vorwärts. Alles ist schon abgemacht." „Tu meinst, es ist Zeit für mich, wieder nach der anderen Seite zurückzukehren?" „Nein, dahin brauchst Tu überhaupt nicht mehr. Du gehst einfach aus diesem Hause weg, und begiebst Dich direkt in die Zimmerstraße. Der Portier dort ist schon verständigt. Er weiß, daß Tu mit einem der Nachtzüge heute morgen in Berlin ankommen mußt." „Und meine Wäsche, meine Sachen, meine Koffer?" „Dummbart! Glaubst Du, ich habe das alles nicht vorausgesehen? Deinen Koffer hast Du bereits seit zwei Tagen abgeschickt. Mein neuer Portier selbst hat ihn hinaufgetragen. Darin findest Du alles, was Du brauchst, um Dich bei der Gräfin anständig vorzustellen. Du machst Dir von Kopf bis zu Fuß eine neue Haut, meine kleine Viper. Minna ist verschwunden, und Tu nennst Dich Klara." „Für den Untersuchungsrichter aber bin ich nicht verfchr müden. Er wird mich suchen lassen." „Gewiß, überall, nur nicht bei der Gräfin Doroukoff." „Und Tu?" „Ich verdufte auch. Es ist gescheiter. Man weiß nie, was geschehen kann. Ich werde mich dann auch in der Zimmerstraße verstecken, von wo ich nur an dem Tage, da Du mich mit dem Schatz aufsuchen kommen wirst, in neuer Verkleidung ausgehen werde; und daß sie, sowie die Deinige, gelungen sein wird, dafür stehe ich Dir." „Aber alle die Möbel hier, — alles, was Dir gehört?" „Das lasse ich zurück. Man muß auch lernen, Opfer zu bringen. Ich nehme nur mit, was uns noch von den 20 000 Mark übrig bleibt, die Sempach Deiner Sanden gegeben hat. — Ah! Tas Geld hat uns- ordentliche und gute Dienste geleistet. Es hat uns gestattet, gut zu leben, uns in der Zimmerstraße vollkommen zu möblieren, und uns die Million geduldig abwarten zu lassen. — Nun? Worauf wartest Tu noch? So geh doch! Wenn Du mich reden läßt, weißt Tn doch, daß ich nie aufhören kann." „Ich folge ja — ich gehe ja schon. — Wer wird mir denn die alte Peters öffnen? Es ist ja noch Nacht." „Wenn sie Dir nicht öffnet, dann machst Du Dir selber stuf. Dtt schleichst Dich dann in ihre Loge. Du weißt ja, wo der Strick hängt, und ziehst an. Erwacht das Ehepaar Peters, und erkennt es Dich, so sagst Du ganz einfach, Dein Herr wäre krank, und Du gingst, einen Arzt zu holen." Sie verließen das Schlafzimmer, und traten auf den Zehenspitzen in das Vorzimmer, ohne durch den Salon zu gehen. Plötzlich blieben beide, wie angewurzelt, gleichzeitig stehen. Sie glaubten nebenan in der Nachbarwohnung ein Geräusch zu hören. Sie legten ihr Ohr an die Wand des Kabinetts und horchten. Es war eine Art Knirschen von Eisen wider Eisen. „Er macht das Schloß ab von der Thüre, die vom Salon ins Vorzimmer führt", flüsterte Minna ihrem Geliebten ins Ohr. „Ist die Eingangsthür in Dein Zimmer abgeschlossen?" fragte er hastig. „Ja, doppelt abgesperrt." „Na, dann hat er noch lange zu thun, ehe er Dir nachrennen kann. Doch jetzt adieu- — Fahr ab!" — Gleichzeitig öffnete er die Thür ohne das geringste Geräusch, und Julie verschwand int Dunkel des Treppenhauses. 64. Kapitel. Einige Tage vor der Gerichtsverhandlung hatte Canft- leben folgende Depesche erhalten .... „Berlin-Monte- Carlo. System gesprungen, ruiniert. Wenn Sie mich noch brauchen, schicken Sie telegraphische Anweisung 1000 Mark für Reise und Hotelrechnung. Müller." Ohne einen Augenblick zu überlegen, schickt Sanftleben sofort die tausend Mark. Er war nicht mehr wie früher der Ansicht, die Hilfe Müllers umgehen zu können, und hielt es auch fiir ein brillantes Geschäft, sich um so einen Spottpreis einen derart tüchtigen, intelligenten und pflichteifrigen Menschen, noch dazu gewesenen Kriminalinspektor verschaffen zu können, der seiner Agentur erst zu einer Bedeutung verhelfen und seinen Klienten mehr Vertrauen einflößen würde. Müller ließ auch nicht lange auf sich warten und trat eines Tages wie vom Himmel gefallen bei Sanftleben ein, ehe dieser noch seine Kanzlei geöffnet hatte, bedankte sich für die Geldsendung und bot ihm sofort seine Dienste an, um so rasch wie möglich seine Schuld ihm gegenüber abtragen zu können. „Also, mein armer Freund," begann der Agentur- Direktor, „Ihr vorzügliches System ist also schließlich doch gesprungen?" „Leider ja, Herr Sanftlcben", antwortete Müller niedergeschlagen. „Es giebt, scheint's, keine sicheren Systeme. Es bewährt sich nur das eine länger, das andere kürzer — das ist dann alles." „Sie hatten doch, wie mir scheint, eine ganz hübsche Summe gewonnen ehe Sie begonnen haben, zu verlieren. Da hätten Sie doch von vorn ansaugen können wie zuerst." „Das wohl, aber man hat dann kein rechtes Vertrauen mehr. Man vertiert schließlich allen Mut- Man sagt sich endlich: „Versuch mal willkürlich, nach Deiner Phantasie zu spielen". Phantasie im Roulette! O Herr Sanftleben, wenn Sie wüßten! Man setzt zweihundertmal auf dieselbe Nummer: sie kommt nicht. Endlich giebt man sie aus: bums! Jetzt kommt sie dreimal hintereinander heraus. Ich habe das mit der 32 erlebt, einer Nachbarzahl der Null. Und was hat mir diese elende Nummer für einen Streich gespielt? Mein ganzer Gewinn ging zum Teufel, sie zu mästen. Und welche Undankbarkeit ihrerseits! Sie erschien wohl von Zeit zu Zeit, wenn sie nicht anders konnte — aber niemals zweimal nacheinander. Niemals eine Wiederholung, die mich hätte herausreißen können." „Warum spielten Sie denn auch immer die 32?" „Weil das meine Mterszahl und die Nummer meines Hotelzimmers war. Jeder ■ Spieler hat so seinen Aber- glauben. Es sieht zwar jeder ein, daß er grenzenlos dumm ist, aber das hilft nichts. Bald baut man auf einen Talisman, der einem ganz entschieden Gewinn bringen muß, — bald ist man wieder von einer Person fest überzeugt, daß sie einem Pech bvingt. Da waren dort zwei Weiber in Schwarz. So ost ich in den Saal trat und sie bemerkte, da war ich meiner Sache schon sicher: in fünf Minuten war ich böte." „Wenn Sie das so bestimmt wußten, hätten öte eben nicht spielen sollew" 671 „Ja, Sie sagen das so, wie Sie es eben verstehen. Menn man sich immer in gewissen Fällen im entscheidenden Momente Einhalt thun könnte---ja dann—! Aber Zurückhaltung, kaltes Blut oder Charakter von einem Spieler verlangen, heißt so viel, als wollen Sie von einem Dieb Ehrenhaftigkeit fordern." „Kam Ihnen denn nicht der Gedanke", bemerkte Sanftleben, „nachdem Sie Ihr ganzes Geld verspielt hatten, sich der Leitung von Monte-Carlo vorzustellen und ihr Ihre Dienste anzubieten? Waren Sie denn nicht zu diesem Zwecke hingefahren?" „That ich ja.--O, die zu Grunde Gerichteten besitzen nicht mehr viel Eitelkeit! Der Direktor, ein sehr liebenswürdiger Mensch, antwortete mir: „Mein lieber Herr Müller, Sie sind jetzt als Spieler einmal bekannt. Daher können Sie nicht in unfern Dienst treten. Die erste Bedingung, Beamter bei uns werden zu können, ist die: niemals ein Goldstück auf den Spieltisch zu werfen. Haben Eie je unsere Croupiers, unsere Inspektoren, unsere Saaldiener aus ihre eigene Rechnung spielen gesehen?" „Aber, Herr Direktor, wenn ich in Ihre Dienste trete, werde ich nicht mehr spielen", entgegnete ich ihm. „Ach, gehen Eie mir mit dieser Absicht. Es wird stärker sein als Sie selbst. Wer getrunken hat, der trinkt auch weiter. Sie werden es vielleicht nicht wagen, öffentlich zu spielen — aber Sie werden sich einen Bekannten beiseite nehmen, und ihm den Auftrag geben: „Setzen Sie für mich diesen Louis auf .die 321" —, denn Sie lieben die 32 außerordentlich, Herr Müller." — Leider ja! Ich liebte sie nur zu sehr. Diese Leute wissen alles in Monte-Carlo. — Ich hielt es für überflüssig, noch weiter auf meiner Bitte zu verharren. Ich war fertig. Ich ließ mir dann nur noch mein Reisegeld geben." „Wieviel hat man Ihnen gegeben?" „500 Francs." „Und damit hatten Sie nicht genug, um zurückzukehren?" „Ja, ja, genug hätte ich schon gehabt; aber da ich nicht mehr in die Spielsäle zurückgedurft habe, bat ich einen Herrn, dessen Bekanntschaft ich am Roulettetisch gemacht habe, diese 500 Francs für mich zu spielen." „Er hat sie verloren?" „Das weiß ich nicht genau. Entweder hat er sie verloren, oder aus Vorsicht gleich in die eigene Taiche gesteckt. Ich iveiß nur das, daß ich keinen Pfennig davon mehr wiedergesehen habe. Daraufhin habe ich Ihnen gleich depeschiert." „Und ich ließ Ihnen auch unverzüglich die 50 Louis anweisen. Ra, diese wenigstens haben Sie nicht verspielt, weil Sie ja glücklich da sind." „O, verzeihen Sie! Ich habe wenigstens versucht, der Verwaltung ihre 500 Francs wieder zurückzuzahlen. Das verschaffte mir tvieder die Möglichkeit, in die Säle zu gelangen und Ihr Geld zu riskieren. Aber es hat mir kem Glück gebracht. Ich habe ein entschiedenes Pech. In drewrertel Stunden war ich damit fertig." „Immer wieder durch die 32?" „Rein. Seit dem vorherigen Tage !oar ich dreiund- drerßrg Jahre alt geworden. Ich habe mir dort selber zu meinem Geburtstage gratuliert, aber eigentlich in ziemlich deprimierter Stimmung." „Sie spielten also auf die 33?" . ,"3?' jchd diese 33 kam auch heraus. Sie ivollte mrch für dre vorhergegaugenen Tage entschädigen. Sie wurde, wie man sagt, eine „warme" Nummer. Man sah überhaupt kerne andere mehr, als nur sie. Endlich war alles zu Ende. Ich hoffte einen Augenblick, von dort einen mächtigen Geldsack mitzubringen, — brachte aber nur meinen Reisesack mit Und in dem ist nicht einmal etwas Besonderes drinnen. Ich ließ im Hotel meine sämt- lichen Effekten als Pfand zurück, und kam hier in der Drrttwr Klasse an. — Jetzt geben Sie mir, bitte, Arbeit, •— uh brauche notwendig welche." „Ich will es versuchen", sagte Sanftleben, „doch be- zwersle ich sehr, daß es etwas für Sie zu thun gießt Sie tmffen Wohl, wie es um den Prozeß Sempach steht?" „Ja, ich habe in der Bahn den „General-Anzeiger" gelesen." „Run, und was denken Sie über die ganze Sachet „Ich denke, daß der Angeklagte ohne das Dazwischenkommen dieses jungen Mädchens unfehlbar verurteilt worden wäre. Sie kam noch gerade zur rechten Zeit, ihn zu retten." (Fortsetzung folgt.) Unser Garten im November. (Nachdruck verboten.) Menn wir im Oktober mit unseren Pflanzungen begonnen haben, sei dies nun mit Obstbäumen, Beerensträuchern, Rhabarber, Stauden, Ziersträuchern usw., so müssen wir mit verdoppelter Energie die Pflanzungen im November fortsetzen. Man kann ja auch noch im Dezember pflanzen — die Witterung W ja manchmal günstig dazu —, je früher aber der Baum in die Erde kommt, desto schneller bildet er Wurzeln und gerade die milden Herbstmonate sind für die Bewurzelung von ungemeinem Wert. Im Dezember droht auch der Frost mehr wie im November, daher beende man alle Pflanzungen, die überhaupt im Herbst gemacht werden sollen und dürfen, im November. Das Reinigen der Obstbäume, der Kalkanstrich, der Anstrich mit Schwefelkalium, das Nachsehen der Raupeu- leimringe gehört zu den täglichen Arbeiten des Novembers. Man vergesse auch nicht das Ansputzen und Auslichten der Krone. Man versäume nicht das Anfrichten schiefgewordener Stämme und das Mschneiden der vorhandenen Misteln. Sehr wichtig ist der Schutz gegen Hasen - ? ; r. Wehe, wenn die erste Schneedecke liegt, uuo wir beim ersten Gang durch unseren Baumgarten ausrufen müssen „zu spät". Da nützt es nichts mehr, wenn wir die richtige Maschenweite nehmen, nämlich 2 bis 3 Zentimeter, da nützt es nichts mehr, daß wir den Draht hoch genug verwenden — 1 Meter hoch — und ihn verstellbar anbringen. Das „zu spät" macht die Arbeit fast wirkungslos. Ende des Monats find die Obstmadenfallen abzunehmen und zu verbrennen, auch diejenigen, welche in den Obstaufbewahrungsräumen untergebracht sind. Die wenigen Kirchen, die es in diesem Jahre gab, waren arg madig, darum den Boden unter den Kirschbäumen tief umgegraben und ihn mit Kalk einige Zentimeter hoch bedeckt. Der Schnitt des Weinstockes ist jetzt in Angriff zu nehmen. Pfirsich und Aprikosen am Spalier sind mit Tannenreisig zu schützen, Verbesserungen des Bodens mit Kalk und verrottetem Mist in Düngungsgräben sind bei allen kranken Spalierbäumen vorzunehrnen. Dort, wo es viel rissige Birnen gab, erinnere ich besonders nachdrücklich daran. Tas Einwintern der Rosen macht Zweifel. Hier wird ein besonders strenger, dort ein besonders milder Winter prophezeit. Wir möchten gern an den Knöpfen abzählen, ob wir zudecken sollen oder nicht. So mancher ist hineiu- gefallen, weil er zu spät an den Winter dachte, so manche- , weil er sich so früh in den Winter hineinlebte. Vorsicht ist gerade bei den Rosen geboten, sie faulen und stocken bei feuchtem, warmen Wetter, sofern sic zugedeckt sind. Daher nur niederbiegen die Kronen, Tannenzwcige danebengelegt, und wenn es etwas friert, die Erde auf die Krone! Auch zarte Coniferen, Magnolien müssen bei Frostwetter ihre Decke erhalten. Im Gemüsegarten heißt es graben, düngen, rigolen. Land für Spargel, ftir Obstbäume, für Rhabarber, für Beerensträucher wird mit Vorteil rigolt Die Kohlstrünke mit ihren dicken Füßen ins Feuer. Wo Engerlinge gewütet haben, Gräben ziehen, diese mit Dünger füllen. Die Engerlinge ziehen sich dahin und können gesammelt werden. Blumenzwiebeln werden noch ins Freie gepflanzt, Winter-Teppichbeete hergerichtet. Man sät Spargelsamen, Apfel- und Birnkerne, Pflaumensteine. Man leert die Mistbeete, setzt Dünger auf Haufen. Alles Gemüse wird eingewintert. Im Zimmer blühen herzige Primeln und Alpenveilchen. Diese Pflanzen nur nicht zu warm halten, 8 bis 12 Grad sagen ihnen zu. Die Azaleen, die Myrte, die Kamelie wollen nur 2 bis 4 Grad warm stehen. Vorsicht beim Gießen aller im Kübel stehenden Gewächse! Im Wohnzimmer dagegen, wo das Heizen beginnt, öfters 672 Mbstäubender Blätter, öfteres Spritzen, auch öfteres Gießen. Die ersten Hyacinthen werden warm gestellt. Es können nur Romaine blanche sein. I- C. Schmidt, Erfurt. Die Uganda-Eisenbahn. (Nachdruck verboten.) Die soeben vollendete Uganda-Eisenbahn ist in vieler Hinsicht eine ebenso romantische als tüchtige Arbeit des modernen Ingenieurs. Vom Port of Mombosa ausgehend, K sie auf einer Strecke von beinahe 900 Kilometern, wilde, abwechselungsreiche Landschaften nach der Grenze der Schutzherrschaft Uganda und endigt an der Kavirondo-Bay am Viktoriasee, von wo man den Dampfer nach Port Entebbe benutzen kann, der Hauptstadt der Schutzherrschaft Uganda. Keine existierende Eisenbahn bietet, wie Cassels Magazine berichtet, dem Reisenden so eigenartige Szenerien, besonders wenn man das Herz des großen Kontinents erreicht. Es ist ein ganz gewöhnlicher^ Anblick, beim Durchfahren der weiten Ebenen ungeheure Herden von Antilopen, Zebras und Straußen zu sehen/ Merkwürdiger Weise scheinen sie sich kaum um den Zug zu kümmern — nicht mehr als dies Schafe oder Rinder in anderen Ländern thun. Gelegentlich entdeckt man. wohl ein Nashorn, oder eine Giraffe, während der Eisenbahnzug sich durch die Thäler und Hügel dieses tropischen Paradieses hindurchwindet. Während des Baues der Bahnlinien bereiteten die Löwen den Beamten keine geringe Angst. Mr. Ry all, der Direktor der Eisenbahn-Polizei, wurde von einem Löwen fortgetragen, als er mit einigen Gefährten in einem Eisenbahnwagen schlief. Einmal wurde eine Truppe Soldaten beauftragt, eine Löwin zu erschießen, welche sich in einer Falle gefangen hatte, doch als sie den Käfig erreichten, waren sie so erschrocken über das Gebrüll ihres Opfers, paß ihre Flinten alle gleichzeitig losgingen und die Holzstäbe des Käfigs teilweise zertrümmert wurden, auf diese Weise einen Ausweg öffnend, durch den das Tier unverletzt entkam. Mittels der Eisenbahn ist es jetzt für jeden möglich, das Herz des schwarzen Erdteils in soviel Tagen zu erreichen, als Livingstone und Stanley, Monate für dieselbe Reise brauchten. Vermischtes. Der Theeverbrauch der Wett ist neuerdings durch ausführliche statistische Erhebungen festgestellt worden, die sich auf fast alle bedeutenden Länder erstreckt haben. Der stärkste Verbrauch findet, wenn man China aus dem Spiel läßt, wofür Zahlen überhaupt nicht anzugeben wären, in Rußland statt. In Rußland trinkt jeder Mensch im Jahr den Aufguß von 2 dreiviertel Kilogramm Thee. Bet dieser Rechnung aber ist die gesamte Bewohnerschaft mitgerechnet, also auch einerseits die kleinen Kinder und andererseits die vielen Trunkenbolde, die aus verschiedenen Gründen keinen Thee zu sich nehmen. Daraus ergiebt sich, wie stark der Theeverbrauch in gewissen Kreisen der russischen Bevölkerung sein muß. England steht übrigens nur sehr wenig dahinter zurück, denn jeder Engländer braucht jährlich etwas über 2,4 Kilogramm Thee. Alle anderen Länder Europas haben nicht annähernd so große Zahlen aufzuweisen, auch die Vereinigten Staaten nicht. Der größte Verbrauch innerhalb Europas tritt demnächst in der Schweiz ein, wo jeder Einwohner 750 Gramm jährlich verbraucht. In den Bereinigten Staaten kommen auf das Jahr und den Kopf 590 Gramm, in Holland 364, in Deutschland 350, in Dänemark 250, in Schweden und Norwegen 210, in Oesterreich 80, in Belgien 68, in Spanien 40, in Frankreich 22, und in Italien 15 Gramm. In dieser Liste zeigt sich, was ja auch zu erwarten war, daß der Theeverbrauch in den nördlichen Ländern ein größerer ist, als in den südlichen. Andererseits erscheint die Beziehung der Länder zum Theehandel im Verbrauch deutlich ausgeprägt. Endlich kommt noch ein drittes Moment hinzu. Ein sehr starker Theegenuß findet auch in der Türkei statt, nämlich zu 205 Gramm auf das Jahr und den Kopf der Bevölkerung. Die Erklärung liegt hier in dem Verbot geistiger Getränke. In Afrika ist der Theeverbrauch sehr schwach, in Asten sehr beträchtlich, für beide Erdteile liegen aber keine Zahlen vor. Australien folgt dem Beispiel seines Mutterlandes und hat den sehr beträchtlichen Ver-! brauch von 470 Gramm pro Kopf aufzuweisen. Lttterarifches. Das soeben erschienene 3. Heft von Velhagen & Klasittgs Monatsheften birgt wiederum einen ebenso vielseitigen, wie gehaltvollen Inhalt. Neben den großen Romanen „Allein i ch w i l l . . ." von Frieda v. Bülow und „I u n g f r a u Königin" von Franz Rosen zunächst eine höchst originelle, abgeschlossene Erzählung „Das verwunschene Dors" von Ludwig v. Ploetz. Dann einen mit zahlreichen Aufnahmen berühmter Bühnenleiter gezierten Aufsatz über „Deutsche Regisseure", einen geschmackvoll! illustrierten Artikel von Fritz v. Ostini über „Schöne Brunnen" und einen Beitrag von E. v. Hesse-- W a r t e g g, dem bekannten Weltreisenden, über die schönste Stadt Indiens, das rosenrote „JeyPore". Gedichte, die immer fesselnde Bücherschau von Heinrich Hart und eine illustrierte Rundschau über neue kunstgewerbliche Erscheinungen runden den Inhalt des Heftes ab. Einen besonderen Schmuck aber erhält dasselbe durch die wundervollen Reproduktionen farbiger Kupfer drucke älterer englischer Btldnismaler, kleiner Kunstwerke von. unvergleichlichem Reiz, wie sie in ähnlich vollendeter Wiedergabe wohl noch nie geboten wurden. Neu erschienen: Simptteiffinms-Kalender für 1903, mit Illustrationen und Beiträgen der bekannten Künstler und Mitarbeiter des Simplieissimus. Umschlag-Zeichnung von Th. Th. Heine. ^Verlag von Albert Langen, München. Preis 1 Mark. Maxim Gorki, Ein Verbrechen, Novellen, Deutsch von Korfiz Holm, Umschlagzeichnung von Walter Georgi, geheftet 1 Mk., eleg. gebunden 1,50 Mk. Verlag Albert Langen, München. (Kl. Bibl. Nr. 53.) Giebt es einen gebildeten Deutschen, der nicht wüßte, wer Maxim Gorki ist? In unglaublich kurzer Zeit ist der junge Meister einer der hellsten Sterne der Weltlitteratur geworden. Und in diesem Bande der Kleinen Bibliothek Langen werden uns zwei seiner erlesensten Novellen in einer Uebersetzung geboten, wie sie Gorki in deutscher Sprache wohl noch nicht zuteil geworden ist. Tie Titelnovelle „Ein Verbrechen" ist eines der letzten Werke Gorkis und in d e u t s ch e r S p r a ch e, bisher noch nicht erschienen. Wir finden Gorki in ihr wieder bei seinem liebsten Thema, er schildert uns! mit Meisterschaft, schlicht und treu, das Leben der Armen, und Elenden. Ein anderes Bild entrollt er in der zweiten Geschichte, in der seine phantasievoMs, Dichterkraft in wundervollen Landschaftsschilderungen, in der Geschichte eines merkwürdigen, rebellischen Lebens und hochgestimmten Märchenbildern zur Geltung kommt. Und in beiden so verschiedenen Erzählungen fesselt er seine Leser mit der gleichen sinnberückenden Gewalt. Guy de Maupaffant, Bett 29, Novellen, Umschlagzeichnung von F. von Reznieek, geheftet 1 Mk., eleg. ge-i bunden 1,50 Mk. Verlag Albert Langen, München. (Kl. Bibl. Nr. 54.) Dieses neue Maupassantbändchen der kleinem Bibliothek Langen enthält eine Fülle der übermütigsten und amüsantesten kleinen Geschichten des klassischen Melters! der modernen französischen Novelle. Es ist erstaunlich, hier aufs neue zu sehen, daß kein Stoff zu gewagt sein kann, um unter den Händen Maupassants ein Kunstwerk zu werden, in dem alles Heikle des Gegenstandes unter der schönen Form verschwindet, in der der große Künstler ihn uns. darbietet. Wie die Sonne eine Pfütze in ein M'e - iwn| Brillanten wandelt, so macht die Kunst, die wahre Kun,^ alles zu Gold, was sie berührt. j Merkrätfel. (Nachdruck verboten.) - Orangutan, Festdiner, Klangwirkung, Allgemeinheit, Mutwille, Heiligtum, Behauptung, Benzin. . Von jedem der vorstehenden Wörter ist eine Gruppe von drei neben« einanderstehenden Buchstaben zu merken, und zwar derart, daß diese Gruppen im Zusammenhang gelesen ein bekanntes Sprichwort ergebe». (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des geographischen Rätsels in vor. Nr.: Elbe, Lahn, Bart, Eisleben, Rchmühle, Feto, Ebbe, Lena, Deutz. Elberfeld. Redaktion: Curt Plato, — Rotationsdruck und Verlag dex Vrübl'scheu Universitäts-Buck» und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.