Freitag den 12. September. sM W M K Sjlili iMS ■,V/2v'-,‘,:.';'||li Mit dem Abdruck des Romans Die Viper nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel beginnen wir am 15. September d. Js. Die Redaktion der „Gießener Familienbliitter". Aus dem Leinpfad lahnabwärts. Von 91 P. (Nachdruck verboten.) Nicht auf den Kriegspfad des Wilden, sondern auf den Leinpfad friedlicher Wanderung soll der Leser folgen. Beide Wege haben nur das gemein, daß sie in ein von Vielen, nicht gekanntes, von den Meisten nicht begangenes Gebiet führen. Alle Leser zu Leinpfadfindern im Lahnthal zu machen, ist die Absicht dieser Touristenskizze. Es ist überflüssig, Lahnanwohnern den Leinpfad vorzustellen als den schmalen, dicht neben dem Fluß herführeirüen Wegstreifen, auf dem man noch jetzt Schiffer ihre Kühne lahnaufwärts, ziehen sieht. Der Leinpfad ist unsere Marschlinie, soweit nicht aus andern Gründen die streckenweise parallel der Lahn laufende Landstraße vorzuziehen ist. Er ist der beste Führer durch's Lahnthal, ohne gerade den trefflichen, bei Emil Roth in Gießen erschienenen überflüssig zu machen. Wie man in allen Wirtshäusern nachfragen und in allen Fremdenbüchern nachsehen kann, sind die Lahnthalbesucher in der Regel Besucher der Lahnthalstädte; das Lahnth al aber sehen sie nur vom Eisenbahncoupä aus, oder besser;: sie sehen es nicht wegen der berüchtigt vielen Tunnels der Lahnthalbahn. Gerade dort, wo die Felsenberge die Lahn in ein enges Bett zwängen, liegen die Reize der Landschaft und — naturgemäß — die Tunnels. Auf, laßt uns wandern! Abmarschiert wird von Weilburg, der Perle des Lahnthals, aber nicht der einzigen. Man lasse die dreiseitige interessante Historie der Stadt in dem Rothschen Führer nicht ungelesen und die Altstadt und Schloß nicht unbeftchtigt. Frischen Muts und benagelten Schuhwerks betrete man dann den streckenweise steinigen, stets aber gut gangbaren Leinpfad am linken Ufer zum dreistündigen Marsch nach Aumenau — eine Einführung für Auge und Stiefel ins Wesen der Leinpfadgänge. Schon hier beginnt der Zauber des Lahnthales zu wirken. Nur schmale Wiesenstreifen haben Neben der Lahn Raum in dem tiefen, von Bergwäldern und Kalkfelsen flankierten Thale. Munter fließt die Lahn in ihrem, von den Reflexbildern der Höhen seltsam bemalten Bett. Die Dörfer, die drunten keinen Platz zum Laben haben': OderMachIirschbosen und vor allem, GrL>enÄk, Ragen verstreut auf den Anhöhen, die Weltabgeschiedenhett des Thales' hier und da unterbrechend. Bald werden auch solche Zeugen des Lebens den Wanderer nicht mehr grüßen.' Von Aumenau, das rechts der Lahn liegt, geht's nach kurzer Rast über die Brücke aufs linke Ufer zurück und weiter auf guter Chaussee nach Villmar — ein einstündiger Erholung sw eg für den Leinpfadgänger. Der Blick, bisher in der Thalenge gefangen, kann sich nach allen Seiten hin wreder weiten und über reiches Fruchtgelände schweifens In Villmar mag jeder, insbesondere wer von den Wander-, freuden allein nicht leben kann, sondern allerorts etwas Positives zulernen muß, in den zugänglichen Villmarer Marmorwerken von Dyckerhoff und Neumann die Gewalt bewundern, mit der eiserne Sägen mächtige MarinorblöL von dort und überall in Platten zerschneiden und die Eleganz bestaunen, mit der diese Platten poliert und für die ver- schiedensten Zwecke hergerichtet werden. Hat so der Wissen^.; durstige der Göttin der Weisheit sein tägliches Opfer gebracht, dann kann auch er beruhigt dem Gott des Schlafes; srch in die Arme legen — und zwar thut er das am besten rm „Wirtshaus zum Lahnthal", wo hübsche, nach der Lahn und den jenseits gelegenen Marmorbrüchen zuliegende Zimmer zu billigem Preis erhältlich sind. Am nächsten Morgen in aller .Frühe geht's in der Richtung auf Runkel weiter — auf der links' der Lahn sich hinziehenden Straße. Im Vorbeigehen an der Boden-, steiner Ley grüße man Konrad I. —„911—918 deutscher König und Graf des Lahngaues" —, dessen Standbild sich auf dem Felsen erhebt und vergesse nicht, von hier aus die hübsche Mrssicht vor- und rückwärts zu genießen. Nach halbstttn- digem Marsch in Runkel, einem altertümlich-anheimelnden Städtchen, wird Ahnensaal, Terrassengärtchen und Turm, und Schloß zu Runkel besichtigt. Leider sind nur die Namen und nicht die Lebenszeiten der 80, in Oel erhaltenen Ahnen der Nachwelt überliefert, sodaß für die interessanten Kostüm- studien die sicheren Grundlagen fehlen. Wer mehr für die Lebenden als für die Toten schwärmt, sehe nach b’etttl Mittelbau des Schlosses, der einer ländlichen Haushaltungsschule eingeräumt ist und aus dessen altem Gemäuer hie und da ein hübscher Mädchenkopf herausschaut — ein für sentimentale Leser gewiß unvergeßlicher Anblick, ließet eine steinalte Brücke geht der Weitermarsch 'rechts, des Ufers! nach Steeten und Dehrn in dem sich weitenden Lahnthal. In Steeten wird der Lernbegierige von einer Fülle des Sehenswerten überrascht. Als Führer fei der junge August Gramb (2. Haus links am Dorf eingangs empfohlen und' hiermit 'offiziell in die Liste der Tvuristenführer eingereiht.. Steeten haben sich unsere Vorfahren aus der Mammutzeit' aus nicht mehr ersichtlichen Gritnden zur ersten Ansiedlung erwählt. IN einem steilen Kalkfelsev im Hochparterre haben sie sich in zwei Höhlen einlogrert, in die dem jungen! Gramb uach'znklettern Pietät und' Wißbegierde treibt. In Miden H die kleiner« heißt Mldhans, die größere MG- scheuer = weit sich Merzchenknochen, Waffen und! HanK 538 gerät; man lese den interessanten Bericht in Roths Führer. Vom jungen Grarnb lasse man sich auch die ausgedehnten Kalksteinbrüche und Hochöfen zeigen und erklären. Nach diesem Anschauungsunterricht aus Urzeit und Neuzeit begleiten wir die Lahn weiter bis Dehrn. Um mit ihr noch vertrauter zu werden und sie Ms nächster Nähe kennen; zu lernen, fahre man die kurze Strecke bis Limburg lauf de,m niedlichen Dampfbootchen (1.15 Uhr nachm- a6 in Dehrn); man genießt auf diesem Wasserwege von weitem ab die beste Ansicht des Limburger Doms, dieses aus den Felsenmassen emporwachsenden, himmelanstrebenden Wahrzeichens der ecclesia militans. Der nach der Mittagsrast in Limburg eingeschlagene Weg entfernt sich auf kurze Zeit von der Lahn; die Landstraße von Limburg nach Diez führt durch die weite fruchttragende Ebene und gießt dem Ange wieder die Fernsicht als genußreiche Wwechslung nach der Thalwanderung. Diez selbst bietet nichts Sehenswertes als das Aeußere von Shloß Oranienstein in der ruhigen und doch prächtigen architektonischen .Gliederung feiner auf der Zugangsstraße von weither heraufgrüßenden Frontseite; den Schmuck des Innern bilden 175 Kadetten. Im übrigen ist Diez ein sauberes, aber kein adrettes Städtchen, einfach ohne Zierlichkeit, von merklich preußisch- militärischem Zuschnitt. Den Wanderer interessiert nur noch die Kunde, daß die Badeanstalt Sonntagnachmittag von 5 Uhr ab geschlossen ist. Für die Diezer scheint das Baden kein Sonntagsvergnügen zu sein. Wenn auch nicht in die Lahn, so geht's doch wieder an die Lahn. Jenseits her Brücke, am rechten User entlang läuft der Leinpfad und führt in zwei Stunden nach Balduinstein, dem Ziele der Tageswanderung. Bald wiederum umfängt den Leinpfadwanderer der Lahnthalzauber. Von Huben und drüben nahen sich die Felsen, das Thal einzuengen. Groteske Felsbildungen, die ein romantischer Wanderer für Burgtrümmer halten mag, treten ans den Bergwäldern heraus und fügen der friedlichen Harmonie von Wald und Fluß ein phantastisches Motiv hinzu. Auch der.unwilligste Wanderer lernt hier das Sinnen und Träumen. Ruhig fließt die Lahn des Wegs nebenher bis Fachingen, wo man sich von einem! Fährmann aufs linke User übersetzen lassen mag — zum Zweck einer Bootsfahrt auf der Zahn und eines Trunkes «ms der Fachinger Mineralquelle. Aufs.rechte Ufer zurückgebracht, geht's auf ausgezeichnetem Wege his Balduinstein. Der Leinpfad von Fachingen bis Balduinstein erschließt das Eldorado des Lahnthals. Nichts stört mehr die Stille!; nur ein junger Fink, um bei der Wahrheit zu bleiben, versucht im fernen Busch die Vogelsprache zu erlernen. Zur Linken steigen dichtbewaldete Höhen hinan, während den Wiesenstreifen zur Rechten reicher Feldblumenflor, vor allem Ginster und Farren, bedeckt. Der Reiz der Anhöhe, der in dem Emporstrebenden und in der Linie zum Horizont liegt, wirkt hier umsomehr, als in einem herrlichen Ebenmaß die Bergwälder emporsteigen UNÄ :acks in klassischer Linienführung die Höhen sich vom Horizont abheben. Berge zur Linken, rechts sanfte Anhöhen, Wasser und ein blaues Himmelsstück bilden die Umrahmung der Welt, in der man wandert — einer sich auf kurzen Wegstrecken stets erneuernden Welt. In immer neuen anmutigen Windungen schlängelt sich die Lahn durchs Thal an den Felsen vorbei, die ihr den Weg versperren. Jedes solche Felsenthvr ist die mächtige Coulisse eines Landschaftsbildes, die durchwanderte Thalwelt abschließend und leine neue eröffnend. Stillen Laufs begleitet die Lahn den Wanderer, geschmückt mit dem Baum grün des Waldes, das ans ihren Wassern herauf leuchtet, und auf beiden Ufern bekränzt von Schilf und Erlen und Seerosen. Wem es vergönnt ist, im Sonntagsfrieden durch dieses Thal der Stille zu wandern, der wird sich von der Sehnsucht nach diesem weltverlorenen Erdenwinkel nicht mehr freimachen können. Am Ziele der Wanderung erhebt sich der Blick, der eben noch verträumt im Thule sich erging, hinauf zur nächsten Bergspitze, die Schloß Schaumburg trägt. In diesem Kontrast erscheint das aus dem .Bergwald schlank empor- steigende, von blauer Himmelsfarbe umflossene .Schloß wie ein duftiges Luftgebilde, wie die jn Erfüllung gegangene Verheißung, die in seinem Namen Hegt In Balduinstein wird nach dem mühen- mtß freudenreichen Tag gerastet. Frühmorgens geht's Mf die Schaume bürg, von der nur der Turm dem Besucher offen steht. Die Aussicht, die er bietet, entschädigt für den Verlust der Schloßbesichtigung: in der Nähe das Lahnthgl und die sich um das Schloß lagernden fürstlichen Wäldüngen, in die Ferne hinaus die im Morgensonnenschein herauflachende weite Ebene, von der am Horizont sich hinziehenden dunklen Linie der Gebirgskämme umschlossen. Von der Schaumburg führt der Weg durchs Ruppachthal über Wasenbach in zwei Stunden wieder der Lahn zu. Die prächtige, den zierlichen Windungen der Ruppach folgende, rechts und links von Feld und Wald begleitete Landstraße führt an dem Nassauischen Diabaswerke vorbei, in welchem — besichtigenswert — gewaltige Basaltsteine durch den mittels! Dampfkraft bewirkten Zusammenprall zweier gewellter Stahlgußplatten faift mühelos zu Steinen, Kies und Staub zermalmt werden. Kurz vor Lauternbürg feiern wir Wiedersehen mit der Lahn, überschreiten die Lautemburger Brücke und betreten den Leinpfad des rechten Ufers. Mn einem besichtbaren Silber- und Bleierzwerke vorbei wird in zwei Stunden ü®er Kalkofen nach Obernhof marschiert — auf einer Thalstrecke, die mit den Reizen der übrigen eine erhöhte Großartigkeit der Felsbildung verbindet. Trotz des vierstündigen Weges besteige man noch den bei Obernhof gelegenen Aussichtspunkt. Goethe soll ihn auf einer seiner Lahntouren als den schönsten des Lahnthales bezeichnet haben; die dankbaren Obernhofer Haben ihn den Goethe- Punkt genannt. Der Goetheverehrer wird auch diesem Urteil feines Meisters beipflichten können. Die Mühen und Umwege, die der Aufstieg zu Goethes Standpunkt Notwendig mit sich bringt, lasse man sich nicht verdrießen. Die reichlich verdiente Mittagsruhe bietet in vorzüglichster Weise das jenseits Obernhofs gelegene, im Dürst'ach th al lieblich eingebettete Gasthaus zur Arnsteiner Mühle. Von hier am Kloster Arnstein vorbei — äußere Besichtigung genügend, innere jedoch gestattet — führt ein am Bergabhang sich chinziehender Weg, meist längs der Lahn, deren sonnenbeschienenes Wasser durch Birken und Bucheu- griin heraufschimmert, in einer Stunde nach Nassau. Hier in Schloß Kielmannsegge sind manche Erinnerungen an den in ihm geborenen Freiherrn von Stein vorhanden und besichtigenswert. Der Fahrweg der Eisenbahn von Nassau nach Ems läuft wie der Fußweg stets nahe der Lahn, weshalb! es nicht pflichtvergessen ist, den Leinpfadgang auf dieser Strecke durch die Bahnfahrt zu ersetzen. In Ems wird — letztmalig im Lahnthal — übernachtet. Der Wanderer wird trotz der Vorzüge der Sage und Umgebung von Ems nicht lange in ihm verweilen können. Wer ans Glanz und Wonne wechselreicher Formen und Farben einer lieblichen, anmutigen Natur herkommt, wird den Anblick der selten geschmackvoll, meist geschmacklos aufgeputzten Häuser und Menschen, der gezierten Gärtchen und der noch gezierteren Kurgäste, der Künstelei und Unnatur eines Luxus bad es nicht lange ertragen. Er flieht auf hinaus ins weite Land, d. h. hier in unferm Fall: er betritt den Leinpfad, der ihn von Ems nach Fachbach bringt; bis Fachbach führt er links der Lahn, von Fachbach aus (Fähre!) rechts der Lahn bis zur Mündung. Doppelt freudig nach der Emser Kur ist die Wanderstimmung; der Abschied von der Lahn liegt noch in zweistündiger Ferne. Hurtig fließt der Fluß, als eile er, das Ziel zu erreichen; dem Wanderer aber ist die Bewegung alles, das Endziel nichts. Noch einmal freut er sich feiner treuen Weggefährtin, die der Wanderung die Frische und Mannigfaltigkeit verlieh. Er denkt zurück an den Wechsel der Launen und Stimmungen, in denen er den Fluß sich ergehen sah. Wenn man von einer Pflanzenseele spricht, so darf man billigerweise auch dem Fluß seine Seele nicht vor enthalten. Wie sahen wir ihn bald mißmutig und träge dahinfließen, bald fröhlich in Strudeln sich überstürzen, bald im Sonnenglitzern über ein Wehr eilen, im Spiel der Wellen Schaum und Perlen emporwirbelnd. Wie wir ihn aber auch "sahen, ob ruhig, munter, eilig, toll, ob! still oder laut, ob heiter oder zornig, stets war es flutende Bewegung, strömendes Leben, das neben uns dahinfloß, Und diese stetig bewegte, lebendige Nachbarschaft ist vielleicht von allen Reizen einer Lahnthalwande- rung der reizvollste. Schon um seinetwillen lohnt sich der Leinpfadgang flußabwärts. — Wem die Lahn ein Ruhe- und Freudebringer gewesen ist, der wird ihr auch über; Niederlahnstein hinaus pietätvoll das Geleite geben bis zu der Stätte, wo der Vater Rhein sie in seine Arme nimmt. Hier an der Grabstätte der Lahn steht einsam die Johannis- Arche mit ihrem alten, verfallenden Gemäuer, neben ihr ein vom Blitz getroffener toter Baumstamm — zwei Wahrzeichen des Vergehens, deren Anblick den romantisch-senti- — 539 — mentalen Wanderer Wer das Wschledswey ’unb' vor allem Wer das prosaisch-nüchterne Einfließen der Lahn in den Rhein Hinwegtrösten wird. Die Andern werden sich heim Abschied an dem Gedanken erfreuen, daß hier Mar die Anmut und Lieblichkeit des Lahnthals ihr Ende findet, ein neuer Zauber aber Ku wirken beginnt mit der Macht und Größe und Herrlichkeit des Rheinstromes. Der Dornenweg eines russischen Dichters. Nischnij-Nowgorvd, im Juli. Es gießt Leute, deren Leben nach allen äußeren Merkmalen als ein glückliches bezeichnet werden kann. Sie scheinen vom Schicksale begünstigt zu sein und werden sogar von vielen beneidet. Ihr Lebensweg scheint mit Rosen bedeckt. Wer wenn man dieses Leben genauer kennen lernt, findet man statt der Rosen Dornen, nur Dornen. Zu diesen Glücklich-Unglücklichen, diesen Schein-Günst- lingen des Schicksales gehört auch der russische Dichter Maxim Gorki.*) Selten, daß ein Schriftsteller mit einer solchenSchnellig- keit zur Anerkennung und Weltberühmtheit — denn bei Gorki kann ja die Rede von Weltberühmtheit fein — gelangt. Selten, daß ein Mann aus den niedrigsten Schichten der Gesellschaft in so kurzer Zeit eine so ungeahnte Höhe in der Litteratur erklimmt, wie es bei Gorki der Fall war. Vor wenigen Jahren noch Bäckerlehrling, bann Kwas- Berkänfer, bann Arbeiter untersten Grades, ist er heute ein Mann, der in der vordersten Reihe der modernen Lttte- ratur steht. Auch die finanzielle Lage dieses einst hungernden Proletariers, der selten satt zu essen bekam, hat sich geändert. Gorki hat in weniger als zwei Jahren 80000 Rubel für die Buchausgabe feiner Novellen und Romane erhalten. Wfo, dieses Leben scheint recht glücklich zu sein. Wer es scheint eben nur; in Wirklichkeit ist es ganz anders. Einige Mitteilungen über Gorkis Leben seit einem Jahre bis auf den letzten Dag dürften diese Wirklichkeit zeigen. Seit etwa zwei Jahren wird Gortt unter der Beschuldigung, ein „politischer Verbrecher" zu fein, verfolgt. Es kann nichts Thatsächliches' gegen ihn Vorgebracht werden. Trotzdem wurde die Bestimmung der Petersburger Akademie, die ihn zu ihrem Ehrenmitgliede ernannte, von der russischen Regierung auf Grund irgend eines Paragraphen als ungiftig erklärt. Wer das ist nicht so schlimm. Gorki wird auch ohne den Akademikertttel leben können. Viel schlimmer ist es, daß Gorki ein ganz unfreies Leben führen muß und ihm das Recht nie zusteht, dort zu leben, wo feine Gesundheit es erfordert. Er wird auf Schritt und Drttt verfolgt und fühlt sich gegenwärtig ganz unglücklich. Hören wir. Gorki ist lungenkrank, und fein physischer Zustand verlangt ein anderes Klima als das von Nischnij-Nowgorvd. Mit unsäglicher Mühe gelang es ihm im vorigen Jähre, die ErlaWnis zu erhalten, wach der Krim gehen zu dürfen, und zwar nach dem Flecken Korehis, freilich nur unter der Bedingung, daß er „sich nicht in Jalta zeigen soll". Diese Erlaubnis war nicht für lange Zeit gütig; sie währte nur bis zum 15. April b. I. Und die russische Polizei nahm es mit Gorki sehr genau. Am 15. April wurde er auf Grund' eines telegraphischen Befehls aus Petersburg im Verlaufe von zwei Stunden in der angenehmen Begleitung von Gendarmen nach dem Bahnhof gebracht und wieder nach Mschnij-Nowgorvd Wergeführt. Wohl versuchte er sich bei einem Bekannten zu verstecken, denn es war ihm unmöglich, so rasch seine Familie zu verlassen, weil fein Sohn Maxim gefährlich erkrankt war. Es half aber nichts; nachdem die Polizei Wind von seinem Versteck bekommen hatte, wurde er ausfindig gemacht und' — ckuSgewiefen. Nun ging die Ueberführung nach; Mschnij-Nowgorvd von statten. Auf allen größeren Stationen bildeten die Gendarmen zwei Spaliere, durch die Gorki hindurchgehen mußte, wenn er uach dem Buffet kommen wollte. Es waren auch höhere Beamte anwesend, so z. B. in Kursk, wo der Wice-Gouver- neur sich auf dem Bahnhof einfanb und auf die Frage des mit dem Zuge reisenden russischen Millionärs £)., ob etwa *) Eine deutsche Gesamtausgabe der Werke Gorkis erscheint z. Z. int Verlage von Eng. Tiederichs in Leipzig. Jeder Band ist $um| Mette von 2 Mk, einzeln käuflich. der Minister v. Plehwe — der gerade zu dieser Zeit die Krim besuchte — reise, zur Antwort gab: „Q nein! Nur der Schriftsteller Gorki reift." Auf die erstaunte Frage des Herrn O., warum denn alles so feierlich zugehe, antwortete der Vice-GoWerneur: „Um Demonstrationen und Ovationen für Gorki vorzubeugen." Auf solche Weise kam der gebemütigte Maxim Gorki ganz beunruhigt über das Befinden feiner Familie, besonders über das seines ernst erkrankten Sohnes Maxim, in Nischnij-Nowgorvd an, wo er Unterkunft in einem Hotel suchen mußte. Wer hier zu bleiben, war es unmöglich; beim bekanntlich ist Mschnij-Nowgcwod zu allen Jahreszeiten, besonders aber im April, für Lungenkranke sehr gefährlich. Außerdem war es auch der Regierung unbequem, Gorki in einer großen Stadt wie Mschnij zu sehen. So wurde nun Gorki Ende April nach Arsamas versetzt, wo er gegenwärtig lebt. Es ist ein gottvergessenes, staubiges Nest bei Nischnij-Nowgorvd. Ich betone besonders das Wort „staubiges", weil der lungenkranke Gorki durch häufig eintretende Hustenaufälle es klar und deutlich genug auch betont .... In Arsamas steht er unter polizeilicher Aufsicht, und der „Jsprawnik" hat das Recht, ihn zu jeder Tages- und Nachtstunde anfzusuchen und Antworten auf alle feine Fragen zu verlangen. Es kam auch gleich in den ersten Tagen zu einem Zusammenstoß, der für Gorki sehr schlechte Folgen hatte. Als einmal der Jsprawnik bei ihm erschien und, auf einen Herrn, der bei Gorki zu Besuch war, hinweisend, fragte: „Wer ist dieser Herr?" und die Antwort: „Fragen Sie im Hotel", erhielt, da geriet der Jsprawnik im Zorn und sagte: „Wenn Sie so sprechen, so werde ich Ihnen schon zeigen, was Sie zu thun haben." Und nun „zeigte" und „zeigt" er ihm noch gegenwärtig so viel, daß Gorki es nicht mehr nötig hat, Schopenhauer und andere pessimistische Philosophen zu lesen, um „Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens", zu erfahren. Er „zeigte" ihm folgendes: Er verordnete, daß neben der Gorkischen Wohnung ein Schutzmann stehen und daraus Acht geben soll, wer ihn besucht, und was Gorki selbst treibt. Für das letztere sind ja allerdings die Fenster vorhanden. Gorki, der jetzt ein Drama und einen Roman schreiben will, muß es vorläufig beim Wollen bewenden lassen. Tie allzu oft sichtbar werdende Kokarde am Fenster macht ihn ganz nervös. Wenn er mit feiner Frau, die unterdessen zu ihm gekommen ist, ausgeht, geht ihm immer — ganz zufällig natürlich — der Jsprawnik nach. So lebt der Dichter Maxim Gorki, der das ungeheure Glück hatte, in kurzer Zeit berühmt zu werden und viel Geld zu verdienen. Lungenkrank, heimatlos, überwacht, kann er feine schöpferischen Pläne nicht ausführen. Er verkommt in einem staubigen Städtchen, ohne sich selbst anzugehören, ohne zu wissen, wohin er am nächsten Tage gebracht werden kann, und welche Liebenswürdigkeiten ihm nvch „gezeigt" werden können. Da gegen Gorki, wie wir bereits erwähnten, nichts Thatsächliches vorgebracht werden kann, so hat es den Anschein, daß er eben nur als Schriftsteller, der einen großen Einfluß auf die moderne russische Gesellschaft, teuf die russische Jugend ausübt, verfolgt wird. Jene große Freiheitssehnsucht, die in den Gorkischen Dichtungen lebt, ist also in Anbettacht all dieser Widerwärtigkeiten nur wenig eigentliche „Litteratur". ES ist vielmehr der Schrei einer gequälten, unterjochten Seele, die in Frieden leben will, in einer Welt, die frei und schon ist, in der er aber auf Schritt und Tritt von Willkür und Rechtlosigkeit gepeinigt 'wird. Wie das Leben aller großen Geister Rußlands, des „Mütterchen Rußland", das ihnen ein „Stiefmütterchen" war, ist auch das Leben Gorkis finster und freudlos. Vielleicht ist in der rohen und rauhen Wirklichkeit, die den Dichter umgiebt, auch der Grund seiner Romantik zu suchen, jener anderen Wirklichkeit, zu der er seine Zuflucht nimmt. Das große, unermeßliche und grenzenlose Rußland mit seinen so vielen und schönen, licht- und sonnenvollem Gegenden hat für einen seiner größten Söhne derGegenwart, für den lungenttanken Dichter Maxim Gorki, nichts mehr als Staub und die Obhut eines Jsprawnik übrig! Ter Dichter Gorki findet in dem weiten russischen Reiche fein ruhiges Heim, wo er ungestört wachen, schlafen und arbeiten darf! Furioso. 640 Vermischtes. Parlamentarische Redeblüten. Heiteres aus dem bayerischen Abgeordnetenhaus« teilt ein Mitarbeiter der ,,M. N. N." mit, der seinen Herrn Volksvertretern stets ein aufmerksames Ohr geliehen. Interessant waren namentlich die Sprüche eines, die Schleusen seiner Beredt- samkeit stets unbedenklich öffnenden Deputatus, der in seinem Katnpfe gegen die Homöopathie zwar eine gute Meinung, aber eine um so schlechtere Dialektik entwickelte. Wenn Sie dem homöopathischen Prinzip — erklärte er — auf die Fersen gehen, so kommen Sie in Utopien hinein. Klipp und klar behauptete er: Diejenigen Urtinkturen, die ich bezeichnet habe, sind Trugschlüsse. Nachdem er Front gegen einen „pharmakognosttschen Unsinn" gemacht, sprang er aus das chirurgische Gebiet über und meinte: So lange man im alten chirurgischen Thun und Treiben sich bewegte, waren die chirurgischen Kranken das vernachlässigte Kind. Mit Befriedigung konstatierte er, daß es gelungen sei, die Hüftgelenkkranken so zu heilen, daß sie brauchbare Glieder der Menschen werden. Zum Beweise zog er auch den bekannten Brief an, den Richard Wagner geschrieben habe, nicht der Musikmeister/ sondern ein anoerer Physiologe. Wir nehmen es ihm nicht übel, daß er glaubte, Behauptungen eines seiner Kollegen „hochgradig" unterstützen zu sollen. Es kann eben nicht jeder, ein „hochgradiges" Talent für seine Muttersprache haben. Nur dagegen müssen wir Verwahrung einlegen, daß nach seinen Worten „der Segen der Bildung noch viel handgreiflicher werden muß", weil wir uns daran erinnern, in welchem (Münchener Kindlkeller) Lichte die Fraktion dieses theoretischen Verwandlungskünstlers' die Bildung zu betrachten gewohnt ist, Von notleidenden Agrariern haben die Leser dieses Blattes wohl schon bis' zum Überdruß gehört, aber von einer „notleidenden Frequenz einer Universität" die auch ein Mitglied der Kammer entdeckte —, werden sie wohl noch kaum etwas vernommen haben. Wenn halbgebildete Leute mit Fremdworten um sich werfen, wird es immer gefährlich. Dann kommt es vor, daß jemand der Staatsregierung für ihr Entgegenkommen dankt, das zur Realisierung der höchst traurigen Verhältnisse der Heizer beigetragen habe. Aus solch' ein Kompliment kann die Staatsregierung — urtt ein Wort des gleichen Gernegroß zu zitieren — doch unmöglich anders, als mit Lächeln „reaschieren". Oder soll sie, wie man es beklagte, auch diesen Leuten mit Hemmschuhen entgegenkommen? Einen ganz neuen Ausdruck erfand ein Mitglied der Rechten, dem man sonst nicht nachsagen kann, daß es gerne schlechte Witze verbricht, indem es jene Regierungs- bureaux, in denen man blos hie und da einen Beamten erblicken kann, als „Monoptikum" bezeichnete. Ganz unzweifelhaft recht hatte ein biederer ländlicher Abgeordneter, der behauptete, daß durch den internationalen Eisenbahnverkehr die Bewohner geschädigt werden, die durch Eisenbahnzüge durchzogen werden. Sehr hübsch drückte sich ein radikaler^ Volksvertreter aus, als rr davon sprach, ein Mitglied der Majorität habe einem, von einem Liberalen geborenen Kinde (er meinte damit natürlich! einen Antrag), um es lebensfähig zu erhalten, den Zentrumsstempel aufgedrückt. Daß man sich nicht gerne an Handlungen beteiligt, die mit dem Vergnügen oder der Realität nichts zu thun haben, ist klar. Daß aber ein Führer unserer Kanrmeragrarier erklären konnte: „Wir beteiligen uns nicht an dieser politischen Situation", dürfte entschieden den Reiz der Neuheit für sich beanspruchen können. Die Minister thun nicht immer, was unsere Kammergrößen wollen, und kleiden ihr „non possumus" je nach/der Stimmung in der sie sich befinden, in ein mehr oder minder freundliches Gewand. Merkwürdig aber ist entschieden, was ebenfalls ein Radikaler entdeckte, daß der Herr Minister: mit formellen Bedenken um seinen Antrag herum-« zu schiff en versuchte. Manchmal sind übrigens unsere Herren Volksvertreter, 'elbst zu allerhand Ulk aufgelegt. Oder ist es kein solcher, wenn ein recht ernsthafter Redner bei seinen Worten „Als mein Kollege auf der Linken seine Rede hielt, war er in der Hoffnung . . ." durch ein kräftiges Oho! unterbrochen wurde, dem natürlich verständnisvolle stürmische Heiterkeit folgte?! Litterarisches. Abstammungslehre und Darwinismus. Von vr. R i ch a r d Hesse, a. o. Professor in Tübingern Mit 31 Figuren im Text. („Aus Natur mtb Geisteswelt/« Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 39. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Die große Errungenschaft der biologischen Forschung des vorigen Jahrhunderts, die Abstammungslehre, welch« einen so ungemein befruchtenden Einfluß auf die sog. beschreibenden Naturwissenschaften geübt hat, wird in diesem Schrisichen in kurzer, gemeinverständlicher Weise für weitere Kreise dargelegt. Die Darstellung zerfällt in zwei Hauptabschnitte, deren erster sich mit der Frage beschäftigt: „Was nötigt uns zur Annahme der Abstammungslehre?" oder; „Wie wird die Abstammungslehre bewiesen?", während der zweite die viel schwierigere Frage behandelt: „Wie geschah die Umwandlung der Tier- und Pslanzenarten, welche bte Abstammungslehre fordert?" oder: ,Me wird bte Abstammung erklärt?" Es wird gezeigt, daß die Wstammungslehre zu einem sicheren Besitz der Wissenschaft geworden ist, daß aber unsere Kenntnisse über bte Ursachen der Artum- wandlung noch ungenügende sind. Besonders wird hier die Theorie Darwins vom Ueberleben des' Passendsten tm' Kampfe ums Dasein erörtert und den natürlichen Ursachen für das Wandern der Lebewesen nähere Aufmerksamkert gewidmet. Eine Anzahl von Abbildungen zur Erläuterung des Textes sind beigefügt. Wir können die interessante und wertvolle, dabei aber sehr preiswerte Schrift warm empfehlen. 39 645 Wörter enthält das soeben im Verlage der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin und Leipztg erschienene Ausführliche Wörterbuch der deutsche« Rechtschreibung. Bearbeitet von K. Erbe, Rektor des Königl. Gymnasiums in Ludwigsburg. Gebunden.,1.50 Ml. „Erbes Wörterbuch" kommt etwas spät, aber immer noch rechtzeitig, da die Einführung der neuen Orthographie erst 1903 erfolgt. Die längere Bearbeitungsfrist ist dem' Buche! von Vorteil gewesen, denn es enthält außer der oben erwähnten Anzahl von 39 645 Wörtern die neuen Rechtschrelli- reqeln, die Lehre von den Satzzeichen, die Fremdwortverdeutschung und ist zugleich ein Handbüchlein der deutschen Wortkunde, sowie ein Ratgeber für Fälle schwankenden Sprach- und Schreibgebrauchs. Ausstattung und Druck sind sehr gut, die Anordnung des Satzes ist zweckmäßrg und überraschend übersichtlich. „Erbes Wörterbuch" [et deshalb allen denen empfohlen, welche sich mühelos mit der tm Deutschen Reich, in Oesterreich und der Schweiz vorgeschrte- benen deutschen Rechtschreibung vertraut machen und etn ausführliches, zuverlässiges und gut ausgestattetes Wörter-: buch zur Hand haben wollen. Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) Wnndngrllndzwstmtnindnrnchstnbst Sdnkdssvllchtschnmrgnnth.bnllrrdnsrgn Vrbdslbnstndmtdmlbnchdrzwst. Vorstehende Buchstabenreiheu sind in Gruppen zu zerteilen, die sich durch Einfügung passender Vokale zu sinngemäßen Wörtern bilden lasten. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Anagramms in vor. Rr.r Karten, Utah, Nagel, Selma, Trave, Abel, Urach, Siam, Sang, Tafel, Erich, Leim, Liebe, Ulanen, Neige, Garten. — Kunstausstellung. Redaktton: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerri (Pietsch Erben) in Gießen.