Nr. 102 1902. Samstag den 12. Juli. H U ML i uM: Pitz-»»«! S8Sl. Wffl --AS!»QM WZKMW (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Einundzwanzigstes Kapitel. Das Unglück, das über die Familie Belten hereingebrochen war, wirkte in seiner Größe betäubend und lähmend. Herr Velten war an einer Herzlähmung gestorben. Er hatte in seinem Leben so viel mit eingebildeten Krankheiten zu khun gehabt, daß man nicht recht an die wirkliche, ein angeborenes Herzleiden, geglaubt hatte. Und nun war es plötzlich schrecklicher Ernst geworden. Der Tod raffte ihn Unerwartet hin, ehe seine Frau Zeit sand, den homöopathischen Leitfaden zu Rate zu ziehen. Seine Schwestern, Tante Emmeline und Tante Bertha, kamen zur Beerdigung und außer ihnen Egon, Huldens Verlobter. Onkel Lothar war in Karlsbad und durfte seine Kur nicht unterbrechen. Die Anwesenheit der Tanten erwies sich jedoch, als kein Trost für die unglückliche Familie, sondern als eine neue, schwere Prüfung. Sie hatten sich die Verhältnisse ihres Bruders nicht so schlimm gedacht, wie sie in Wirklichkeit waren, denn Herr Belten hatte es verstanden, sie darüber im unklaren zu erhalten. Der völlige Zusammenbruch seiner Existenz überraschte sie darum und versetzte sie in namenlose Bestürzung, da sie ihm große Opfer gebracht hatten. Nachdem man die traurige Pflicht erfüllt hatte, den Toten zur Ruhe zu bestatten und in die verödete Wohnung zurückgekehrt war, hätte Frau Velten dringend völliger Ruhe bedurft. Aber dazu hatten die Tanten keine Mußen. Tante Emmeline setzte sich zu der unglücklichen Frau, die erschövft in einem Sopha zusammensank, und sagte, es sei besser, sich auszusprechen und ,das Herz zu erleichtern, als sich den traurigen Gedanke:: zu überlassen. Ihre HerzenserlÄchterung bestand aber darin, daß sie Rechenschaft forderte von ihrer Schwägerin über Dinge, von denen diese wenig wußte und noch weniger verstand, und daß sie dieselbe über das Thun und Lassen ihres Leipziger Lebens ins Verhör nahm. Ebenso »rächte es Tante Bertha, die Pastorin, mit ihren beiden Nichten. Traute hatte sich nach der Beerdigung in den entlegensten Winkel der Wohnung zurückgezogen. Dort lag sie, den Kopf in den Händen vergraben, zermalmt von dem Gefühl menschlicher Hilflosigkeit gegenüber der geheim- nrsvollen Macht des Todes. Aber auch hier wußte sie Tante Bertha auszustöbern und setzte sich mit einem großen, grauwollenen Strickzeug bei „Mein liebes Kind, überlaß Dich nicht einem hoffnungK» losen Schmerz, er entnervt und schwächt, niemand aber hat seine Arbeitskräfte nötiger als Ihr", sagte sie, lebhaft mit den Nadeln klappernd. „Bedenke, was Gott thut, das ist wohlgethan. — Sag mal, weißt Du denn, daß Emma Neubert stiehlt? Seitdenl ich hier bin, hat sie ein viertel Pfund Zucker, den Rest des gestrigen Bratenschmalz und eine Menge Kartoffeln gestohlen. Ist das Wohl erhört? Und davon; wißt Ihr nichts? Kinder, Kinder, da kann man sich nicht wundern, daß unser armer Bruder an den Bettelstab gekommen ist. Ist es Wohl glaublich, sich zwei Dienstboten; in einer Stadtwirtschaft zu halten? Ich fragte eben Auguste, was Ihr die Woche an Kohlen gebraucht. IHv braucht ja mehr, als wir in unserm großen Landhaus. Wie mag das erst im Winter gewesen sein! Und sag' mal, eßt Ihr denn alle Tage Fleischsuppe und ein Fleischgericht? Was muß das monatlich für eine Rechnung geben! Und da hat man es sich ani Leibe abgespart, um Deinem Vater zu helfen, und Deine Mutter hat's leichtsinnig vergeudet. Mein Gott, Kinder, Ihr dauert mich, aber unverdient ist ein solches Schicksal nie. Ich habe oft genug gewarnt und mir die Zunge verbrannt. Als Deine Eltern noch ein großes Haus machten in Brantikow, da hat man die Landpastorin belächelt, wenn sie den Kopf s chüttelte und Unglück ahnte. Drei feibene, Kleider hat sich Deine Mutter einmal zu Weihnachten schenken lassen, drei seidene Kleider ans einmal! Und für Euch wurde eine französische Bonne gehalten, als Ihr kaum deutsch sprechen konntet." Tante Emmeline und Hulde traten ein. „Mein Gott, Bertha, mit Clärchen ist nichts anzufangen. Sie weiß über nichts Bescheid und bekommt Weinkrämpfe, wenn man ein Wort sagt", jammerte Tante Emmeline. „Mama muß heute Ruhe haben, sonst wird sie ttanE", sagte Hulde mit Thräuen in der Stimme. „Aber ich muß morgen abreisen und doch kann ich nicht fort, ehe ich nicht genau weiß, tote es hier steht, ob wirklich alles verloren ist. Es ist schrecklich, ich wage es meinem Manne gar nicht zu sagen, was bevorsteht! Herr Gott, hätte ich geahnt, welch ein Faß ohne Boden dieses Leipziger Mietshaus ist, ich hätte nicht mein schönes Geld hier hineingeworfeit!" Tante Emmeline sank händeringend auf einen Stuhl, der unter ihrer Last ächzte, sie war eine große, dicke Dame, und ihre schwarze Krepphaube war in ihrer Aufregung schief auf ein Ohr gerückt. „Und ich meinen Sparpfennig!" seufzte Tante Bertha, die ebenso dünn wie lang war und an der stets mit peinlicher Akkuratesse alles gerade saß. Hulde und Trattte standen blaß und wortlos neben den Tanten. „Das schöne Gut und das schöne Vermögen —- alles hin!" schluchzte Tante Emmeline, und dann erging sie sich in einer langen, weinerlichen Tirade über das, was geschehen war und über das, was hätte geschehen können« wenn man zur rechten Zeit ein Einsehen gehabt hätte, dazwischen kamen Ausbrüche von Schmerz über den Verlust des Bruders, und zwischen Vorwürfen und Anklagen, herzliche Aeußerungen von Liebe und Mitleid für seine bedauernswerten Kinder. Armin und Egon bon Lodenstein kamen eben vvn einem Geschäftsweg zurück, und beide Tanten stürzten sich nun auf die jungen Männer, um mit diesen ein „vernünftiges Wort" zu reden, was jedoch so ziemlich in der Wiederholung des eben gesagten bestand und die allgemeine Ratlosigkeit nicht erheblich verbesserte. Denn auch Egon, obgleich einsichtsvoll genug, um die Lage der. Dinge ziemlich zu übersehen, wußte lernen Ausweg aus der dringenden Not und war am allerwenigsten in der Lage, seiner Braut und deren Familie eine materielle Stütze zu gewähren . „Hulde", sagte Traute, als die Schwestern allein waren, „wir gehen nicht zu den Verwandten, nicht auf einen Tag! Soll sich Mama alle Tage die drei seidenen Kleider, die französische Bonne und die tägliche Fleischbrühe Vorhalten lassen?" „Die Tanten meinen es nicht so böse", schluchzte Hulde, die bei dem Gedanken, unter fremde Leute gehen zu müssen, in abhängige Stellung, schauderte. „Ich für meine Person begebe mich nicht in ihre Abhängigkeit", beharrte Traute, und dann versank sie in dumpfes Brüten. Der Ton der Hausglocke schreckte sie auf. Sie ging selbst zu öffnen. Sollte um diese Abendstunde noch Besuch kommen? Tie Jugend, der es so schwer wird, zu verzweifeln, glaubt stets an Wunder und hofft auf Wunder. Traute erwartete irgend etwas Ungewöhnliches, als sie die Thür aufmachte. Sie hatte sich! dieslnal nicht getauscht. Paul Lehmigke stand vor ihr, und auf den ersten Blick sagte sie sich: „Da ist Hilfe." Er sah so ganz anders ausj als sie ihn in den letzten Jahren zu sehen gewohnt war. Das Mitleid stand in feinen Augen und löschte die Härte aus seinem Gesicht- Sie reichte ihm stumm die Hand und führte ihn in ein Zimmer, wo sie allein mit ihm war. Sie wußte, daß er sie allein sprechen mußte. Als sie sich im Zimmer gegenüberstanden, sagte ler weich: „Das Maß Ihres Unglücks ist jetzt voll, Sie müssen mir erlauben, von dieser Stunde an wie ein Freund und Kruder für Sie zu handeln." Und dann fragte er mit herzlicher Teilnahme nach allem, was das Leiden und Sterben ihres Vaters betraf. Er sah dem jungen Mädchen so warm und traurig in das weinte, blasse Gesicht, daß Traute fühlte, ihr Schmerz gehe ihm wirllich, zu Herzen, und das war, als ob sich eine Weiche, beruhigende Hand auf die frische Wunde ihres Herzens legte. „Sie werden heute nicht im stände sein, Geschäftliches mit mir zu erörtern, ich will morgen vormittag wiederkommen", sagte er, als er sich verabschiedete. Als Traute ihrer Familie von diesem Besuch Mit- teillmg machte, verursachte die Nachricht große Aufregung. Die Tanten s chöpsten Hoffnung, daß sich nun doch wohl noch etwas arrangieren lasse, und beschäftigten sich den Rest des Abends mit Plänen Und Entwürfen, was' sie Lehmigke sagen und Vorschlägen wollten. Frau Belten, die ihre rührende Harmlosigkeit nie einbüßte, schien anzunehmen, daß er als deus ex machina erscheinen werde, um all ihrer Not ein Ende zU machen, und sie in dem unumschränkten, schuldenfreien Besitz des Hauses zu belassen. Sie traute jedem Menschen märchenhaften Edelmut zu und hätte mit derselben Unbefangenheit ein großes Opfer angenommen, wie sie es gebracht hätte. Egon und Armin sahen dem Eingreifen Paul Lehmigkes in ihre Familienverhältnisse mit einigem Unbehagen entgegen. Für sie blieb er der „Schnapsritter!", und es war hnen im höchsten Grade peinlich, sich von irgend einer Großmut von seiner Seite beschämen zu lassen. Wer da ie selbst kerne Hilfe und keinen Rat wußten, mußten sie ich einer bitteren Notwendigkeit fügen. Traute erhielt noch an demselben Wend einen Brief von Camill, -em sie eine Todesanzeige geschickt hätte. Er kam aus Ungärn, wo sich der Schireiber zum Besuche auf der Herrschaft der kürzlich verheirateten Schwester aufhielt. Dm KondolativN erging sich in den konventionellen Phrasen ungeübter Briefstilisten und auch das Bedauern, Traute in den schweren Tagen nicht zur «Seite stechen zu können, war steif ausgedrückt. Der Brief schloß mit der Versicherung, daß er sich nicht wundere, daß Dräute ihn unter den obwaltenden traurigen Umständen nicht bei ihrer Rückreise in Berlin aufgesucht hätte, und mit der Hoffnung, daß sich „alles übrige" zum Besten wenden möge. Traute wußte nun zwar längst, daß Camill ein schlechter Schriftsteller war und nie int stände sein würde, irgend eine! Gemütsbewegung oder ein Empfinden schwarz auf weißt, natürlich und wahr zum Ausdruck zu bringen, aber so kalt wie dieses Schreiben hatte sie noch nichts aus seiner Feder angemutet. „Das ist also der ganze Trost, den er für mich hat, er, der mir der Nächste auf Erven fein sollte", sagte sie, sich. Zugleich fühlte sie ,daß er längst ausgehört hatte, der Nächste für sie zu sein. Die langjährige Trennung hatte sie^ ohne daß sie es merkte, langsam entnüchtert und das eine! Wort, das eine fatale Wort, das neulich gefallen, „wenn es denn sein muß", hatte die letzte Illusion zerstört. An diesem Wend fühlte fie deutlich daß sie ihm nte$ angehören könne, ohne sich in ihren eigenen Augen toegk zuwerfen. Sie hatte keine Achtung mehr vor ihm. Sie,' hatte erfahren, daß sein genußsüchtiges Leben keinen sitch lichen Wert in sich barg, nichts, was über das Triviale! hinausging. Da war kein Schutz, kein Halt für sie, nichts für Gemüt, Herz und Geist, nachdem der Rausch verflogen war. Sie Ivar entschlossen, das Verhältnis sobald als möglich zu lösen, sie wußte nur noch nicht recht, wie sie ihren Angehörigen diesen Entschluß beibringen sollte, ohne ihnen neuen Kummer zu bereiten. Ihre Mutter wütde den Bruch dieses heimlichen Verlöbnisses, an dessen Festigkeit sie glaubte, für ein großes, entsetzliches Unglück halten. Camill Stauffen war in ihren Augen ein tadelloser Kavalier und von seinem glänzenden Aeußeren und seinen aristokratischen Mch, ttieren schloß sie aus die Noblesse feines Charakters. Zweiundzwanzigstes Kapitel. ; j Am folgenden Morgen beim Frühstück äußerten die Tanten den lebhaften Wunsch, bei Herrn Lehmigkes Besuch zugegen zu sein. Traute war damit nicht einverstanden und erklärte! energisch: „Ich muß ihn zuerst allein sprechen." „Liebes Kind, dürfte das wohl ganz passend sein?" fragte Tante Bertha spitz, indem sie mit der flachen Hand ihren fest angellebten Sanftmutsscheitel glättete. „Ich war schpn gestern abend etwas verwundert über Dein täte-ä-tSte zu so später Stunde mit einem Herren." Frau Welten zerkrümelte nervös das Weißbrot auf ihrem Teller. „Liebe Bertha, das ist ein Ausnahme^ fall." ■< Tante Bertha Nahm ihr mit einem strafenden Blich das mißhandelte Weißbrot aus der Hand. „Semmel kostet Geld, Clärchen. Wir essen immer Schwarzbrot zu Hause/ und wenn man täglich betet: „Unser täglich Brot gieb uns heute", dann ist einem jeder Krümel heilig." Frau Welten sah seit der Anwesenheit der Tauten wie ein geängstetes, gescholtenes Schullind aus. Taute Emmeliue, deren Interesse mehr auf Rettung ihrer Gelder als auf erzieherische Grundsätze gerichtet war, nahm Trautens Partei. „Wenn Traute glaubt, mehr unter vier Augen mit Herrn Lehmigke Luszurichten, so laßt sie ja erst mit ihm allein. Er ist doch ein verheirateter Marrn, mau kann wirllich in solcher Lage nicht so penibel sein." „Ich fürchte, Clärchen hat längst aufgehört, penibef mit ihren Töchtern zu fein", beharrte Tante BeNiha mit einem Blick auf Traute. Armin sah' aus, als ob er der Dante gern etwas aN den Kopf geworfen hätte, aber er mußte beschneiden sein und schweigen, ihm stand noch, das Geständnis bevor, daß er abermals vom Examen zurückgetreten sei, eine ansehnliche Summe Schulden hatte und gern umsatteln wollte. Egon räusperte sich unmutig. „Liebe Dante, kannst DN meine Braut irgend eines Verstoßes gegen Takt und Formen zeihen?" „Nein, lieber Egon, Deine Braut nicht, gewiß nicht", beteuerte Tante Bertha etwas emphatisch, indem sie sich eine Semmel sehr dünn mit Butter bestrich, „Bitte, was kostet das Pfund Butter, liebes Clärchen? Ich will sie nur einmal kosten, denn ich bin es nicht gewöhnt, zu dem teueren Weißbrot auch noch Butter zu essen. Solcher Luxus 4ÖT — kommt Bei Uns nicht vor. WaA? siebzig Pfennig das Stück? K>as ist ja horrend!" Das laute Schellen der Häusthürglocke war für Traute »ine Erlösung. „Das ist Herr Lehmigke", sagte sie und verließ, ohne weiter zu fragen, den FrüMlckstisch. Lehmigke begegnete ihr heute mit ruhigem, freundlichem Ernst, aber das weiche Gefühl von gestern abend war wieder aus seinen Augen verschwunden. Heute im Kellen Tageslicht hatte Traute den vollen Eindruck seiner Persönlichkeit. Sie wunderte sich was aus dem unscheinbaren, fast linkischen, jungen Mann von früher geworden war. Eine ruhige, bewußte Würde zeichnete ihn aus und Machte den Eindruck kraftvoller Männlichkeit und überlegener Intelligenz. Seine Gesichtszüge hatten sich macht- poll herausgearbeitet und fast etwas Wüchsiges, Imponierendes bekommen. Ein Mann wie er brauchte nicht elegant Ku sein, um seinen Platz überall im Leben voll und ganz Ku behaupten . „Ich komme, Ihnen heute einen Vorschlag zu machen, Fräulein Velten, und ich bitte, denselben ruhig mit Ihrer Mutter und Ihren Geschwistern zu überlegen, ehe Sie mir eine entscheidende Antwort geben. Die Hinterlassenschaft Ihres Vaters ist gleich Null. Denn selbst, wenn ich meine Forderungen stunde, und Ihnen Zeit lasse, das Haus zu verkaufen und mit den Gläubigern zu akkordieren, bleibt -Ihnen nichts. Ich werde Ihrer Mutter Vorschläge machen in Betreff meiner sofortigen Uebernahme des Besitzes und Verhandlung mit den übrigen Gläubigern, um die Last von Ihren Schultern zu nehmen. Doch davon später. Es «gilt jetzt, eine neue Existenz für Sie zu begründen. Oder Haben Ihre Verwandten — oder — oder — näheren Freunde Ihnen vielleicht bereits Mittel und Wege geöffnet — haben Sie schon einen Plan ■— oder — sind Sie irgendwie gebunden?" „Nein — in keiner Beziehung." Traute wollte Paul Lehmiakes Blick ruhig und fest begegnen, schlug jedoch in plötzlicher Verwirrung die Augen zu Boden. „Ehe ich in irgend welche geschäftliche Verbindung mit Ihnen trete, müh ich Ihnen die Frage vorlegen, ob Sie noch Beziehungen aufrecht halten, die ich Ihnen früher schon «einmal als Unheilvoll bezeichnete. Ich hätte in diesem Fall nicht das nötige Vertrauen in Ihre Zuverlässigkeit." Lehmigke sah sie hei diesen Worten durchdringend an. „Nein —" stammelte Traute, „ich habe eingesehen, daß Sie recht hatten, ich habe diese Beziehungen abgebrochen." Der Abschiedsbries an Camill lag angefangen in ihrem Schreibtisch. (Fortsetzung folgt.) Die Simulanten. Von A n t o n Tschechow. Deutsch von Stefania Goldenring. (Nachdruck verboten.) Die Generalin Martha Pjetrowna Pjetschonkina, von den Bauern Pjetschontschtcha genannt, praktiziert nunmehr feit zehn Jahren auf dem Gebiete der Homöopathie und empfängt an einem Dienstag im Monat Mai die Patienten in ihrem Sprechzimmer. Auf dem Tisch vor ihr steht dine homöopathische Apotheke, ein Rezeptenbuch und das Preisverzeichnis der Apotheke. An der Wand hängen neben dem Fenster, in goldene Rahmen gefaßt, die Briefe eines Petersburger Homöopathen, der nach Martha Pjetrownas Ansicht sehr berühmt und bedeutend gewesen ist. Daneben hängt das Porträt des Vaters Aristarch, dem die Generalin ihr Heil verdankt: er war es, der sie von der schädlichen Allopathie befreite und zur Erkenntnis der Wahrheit führte. Jin Vorzimmer warten die Patienten, meistens Bauern. Bis auf zwei! oöer drei sind sie alle barfuß, weil die Generalin wünscht, daß sie die übelriechenden Stiefel auf denr Hofe lassen. - Martha Pjetrowna hat bereits zehn Leute empfangen, KrusdA"^ nUTt ^CTt elften Patienten herein: „Gawrilä , Die Thür öffnet sich, aber anstatt Gawrila Grusdj tritt Samuchrischin herein, ein Nachbar der Generalin, em verarmter Gutsbesitzer, ein altes, kleines Männchen mrt traurig blickenden Äugen und einer Edelmannsmütze unter dem Arm. Er stellt den Stock in den Winkel, tritt zur Generalin herbei, und kniet schweigend vor ihr nieder. „Was ist Ihnen! Mrs thun Sie, Kusma Kusmitschi sagt die Generalin erschreckt und ganz erregt. „Um Gottes Willen!" „So lange ich Leben in mir verspüre, stehe ich nicht auf!" erwiderte Samuchrischin, ohne ihre Hand loszulassen. Möge das ganze Volk sehen, daß ich vor unserem Schutzengel, der Wohlthäterin des menschlichen Geschlechts kniee! Sie sollen es sehen! Vor der guten Fee, welche mir das Leben geschenkt, den wahren Weg gezeigt, meine skeptischen Zweifel beseitigt hat, will ich nicht nur nieder- knieen, sondern ins Feuer ginge ich für sie, unsere wunderbegabte Ratgeberin, Mutter der Waisen und Witwen! Ich bin gesund geworden! Neugeboren, — eine Zauberin!" „Ich . . . freue mich sehr . . ." stammelt die Generalin, und wird vor Freude ganz rot. „Es ist so angenehm, so etwas zu hören. Bitte, nehmen Sie Platz! Sie waren aber doch am Dienstag so schwer krank!" „Ja, sehr krank! Es ist schrecklich, ivenn ich daran denke!" sagt Samuchrischin, inoem er sich setzt. „In allen Organen steckte der Rheumatismus. Ächt Jahre habe ich mich gequält und kannte keine Ruhe. — Weder bei Tag noch bei Nacht, meine Wohlthäterin! Ich war bei Aerzten in Behandlung, bin nach Kasan zu den Professoren gereist, nahm verschiedenes Zeug ein, trank Brunnen und habe alles Mögliche versucht! Mein ganzes Vermögen ist dabei draufgegangen, schöne Frau. Die Aerzte haben mir nur Schaden verursacht. Sie haben mir die Krankheit nach innen getrieben, Hineinzutreiben vermochten sie dieselbe, nicht aber wieder hinaus — soweit sind sie in ihrer Wissenschaft nicht gekommen. Nur Geld nehmen sie gern, die Spitzbuben, ob sie der Menschheit einen Nutzen bringen, das "rührt sie wenig. Da wird eine Tinktur verschrieben, die du trinken magst. Seelenmörder — mit einem Wort. Wären nicht Sie, unser Engel, so wäre ich schon längst im Grabe! Vorigen Dienstag kam ich von Ihnen nach Hause, betrachtete die Graupen, die Sie mir damals mitgegeben hatten, und dachte: „Was liegt darin für ein Sinn? Können diese kleinen, kaum sichtbaren Körnchen mein langjähriges, schweres Uebel heilen?" Ich lächelte mit starkem Zweifel, kaum hatte ich aber das Körnchen verschluckt, so war alles wie weggezaubert, als wäre ich niemals krank gewesen. Meine Frau sah mich mit großen Augen an, und konnte nicht glauben: „Bist Du es denn, Kölja?" Ja, sage ich. Und wir knieten zusammen vor der Mutter Gottes nieder und beteten für unseren Engel: „Gott send ihr alles, was wir ihr wünschen!" Samuchrischin wischt sich die Augen mit dem Aermel, steht vom Stuhl auf, und will wieder niederknieen, aber die Generalin läßt es nicht zu. „Nicht mir danken Sie!" sagte sie, ganz rot vor Erregung, und betrachtet mit Begeisterung das Porträt des Vaters Aristarch. „Nicht mir! Ich bin hier nur ein gehorsames Werkzeug. . . Ein Wunder, fürwahr! Veralteter, achtjähriger Rheumatismus mit einem Körnchen fort- gebracht!" „Sie waren so freundlich, mir drei Graupenkörner zu geben. Eins davon nahm ich zu Mittag — und es wirkte momentan! das zweite am Abend, das dritte — am nächsten Tag, — und seit jenem Tage spüre ich nichts mehr! Nicht einen Stich! Und ich glaubte schon sterben zu müssen. Hatte meinem Sohn nach Moskau geschrieben, er möchte kommen! Gott gab Ihnen Verstand, Beschützerin! Jetzt gehe ich umher, und fühle mich wie im Paradiese . . 4 Vorigen Dienstag hinkte ich, als ich herkam, jetzt könnte ich es mit einem Hasen aufnehmen. . . Hundert Jahre möchte ich noch leben. — Eins macht uns nur Kummer — die schlechten Zeiten. Was fange ich mit der Gesundheit an, wenn ich nicht zu leben habe? Das Glend hat mich noch mehr heruntergebracht, als die Krankheit . .. Nehmen wir beispielsweise folgendes: Jetzt ist Zeit, Hafer zu säen, wie soll man aber säen, wenn man keine Saat hat? Man müßte welche kaufen, aber das Geld . . . man weiß, wie es mit dem Geld bei uns bestellt ist. . ." „Ich werde Ihnen Hafer geben, Küsma Kusmitsch Bleiben Sie nur sitzen! Sie haben mir so viel Freude und Befriedigung bereitet, daß nicht Sie, sondern ich Ihnen zu danken habe!" „Sie, unsere Freude! Welch großes Glück hat Gott geschaffen! Freuen ©ie sich, wenn Sie auf Ihre guten Thaten schauen! Wir, Sünder, haben keine Veranlassung dazu. Wir sind unbedeutende, kleinmütige, mutlose Deen- 408 Vermischtes. Intimes von König Eduard. Jahrzehnte lang hat Eduard VIL, als er noch Prinz von Wales war, die englische Gesellschaft nach seinem Geschmacke geleitet. Er hatte seinen eigenen Hof, der vielleicht gesuchter war, als der ofsizielle. Er war, so erzählt Ange Galdemar im „Gau- lois", von großer Gutmütigkeit, folgte oft der ersten Eingebung, aber er verabscheute die Vertraulichkeit. Bei einem Wotzlthätigkeitsbazar fetzte es eine junge Ausländerin von großer Schönheit und großem Reichtum einst durch, daß der Prinz an ihrem Buffet eine Tasse Thee nahm. Der Preis war hoch. Ehe die junge Frau dem wartenden Prinzen die Tasse reichte, setzte sie sie an die Lippen, und nachdem sie einen Schluck getrunken, sagte sie mit dem liebenswürdigsten Lächeln: „Jetzt, Königliche Hoheit, kostet sie 100 Mark." Der Prinz von Wales zahlte, und sagte dann ruhig, indem er die Tasse sanft zurückschob: „Dars ich jetzt um eine reine Tasse bitten?" Er begnügte sich nicht damit, in der britischen Gesellschaft zu glänzen, er gab den Ton in der Mode an, und machte das Glück vieler seiner Lieferanten blos dadurch, daß er ihnen gestattete, sich auf ihn zu berufen. Er entwickelte den eleganten Geschmack, der ihm angeboren war, durch Beobachtung und Benutzung von Zufälligkeiten. Eines Abends fällt ihm im Theater der besondere Schnitt eines Rockes auf, den der Schauspieler, der den Armand Duval giebt, trägt. Dieser ahnt nicht, daß seine elegante Kleidung die Aufmerksamkeit des Prinzen von Wales gefesselt hat. Nach dem Fallen des Vorhanges wird er in die Loge des Prinzen scheu ... zu nichts zu gebrauchen. Nur dem Namen nach sind wir Adlige, in materieller Hinsicht sind wir nichts als Bauern, sogar schlimmer . . . Wir wohnen in Steinhäusern, es ist aber nur eine optische Täuschung, denn — das Dach hat Löcher . . . Das Geld reicht nicht, um es tu Stand zu setzen." „Ich lasse es Ihnen machen, Kusttta Kusmitsch!" Samuchrischin erbittet sich! noch eine Kuh, einen Empfehlungsbrief für seine Tochter, die er nach dem Institut schicken will. Tief gerührt von der Freigebigkeit der Generalin, schluchzt er, verzerrt den Mund, und sucht umständlich nach seinem Taschentuch ... Die Generalin sieht, wie zugleich mit dem Taschentuch ein rotes Papier aus seiner Tasche hervorkriecht, und geräuschlos auf die Erde alle Ewigkeiten werde ich daran denken", brummt er. „Meine Kinder und Enkel sollen daran denken. . . und es sich erzählen. Das ist die Frau, Kinder, die mich« vor dem Tode gerettet hat, die. . ." Die Generalin begleitet ihren Patienten hinaus, und betrachtet eine Weile den Vater Aristarch mit thränenvollen Augen, sodann läßt sie ihren liebevollen, wohlwollenden Blick über die Apotheke, die Rezeptbücher, die Rechnungen und den Stuhl gleiten, in welchem soeben der durchs sie vom Tode gerettete Mensch gesessen hatte . . . und sie erblickt das Papier, das der Patient verloren hatte. Die Generalin hebt es auf, wickelt es auf, und findet darin drei Körnchen, dieselben, die sie Samuchrischin am vorigen Dienstag gegeben hatte. „Das sind dieselben . . . sagt sie erstaunt. Sogar das Papier ist dasselbe... Gr hat es nicht einmal aufgemacht! Was hat er denn eingenommen? Seltsam . . . Mr wird mich doch nicht betrügen!" Zum ersten Male in den zehn Jahren ihrer Praxis schleicht sich ein Zweifel in die Seele der Generalin . . . ®te ruft die folgenden Kranken, spricht mit ihnen über ihre Krankheiten, und bemerkt dasjenige, was sie bis jetzt stets überhört hatte. Die Patienten rühmen sie alle nacheinander, wie auf Verabredung, für die wundersame Heilung, sind von ihrer medizinischen Weisheit entzückt, schimpfen über die Aerzte, und wenn sie vor Erregung ganz rot wird, da beginnen sie über ihre Not zu klagen. Der eine bittet um ein Stückchen Ackerland, der andere um Holz, der dritte um die Erlaubnis, in ihren Wäldern zu jagen usw. Sie betrachtet das breite, gutmütige Gesicht des Vaters Aristarch, der ihr die Wahrheit gezeigt hat, und! die neue Wahrheit beginnt an ihrer Seele zu nagen, Es ist keine gute Wahrheit. . . Hinterlistig sind die Menschen! gerufen, der ihn zu der ergreifenden Wahrheit und freien Ungezwungenheit seines Spieles beglückwünscht. Und halblaut, wie ohne Gewicht darauf zu legen, fügt er hinzu; „Sie sind sogar natürlich in der Art, wie Sie Ihren; Rock tragen. Wer ist denn Ihr Schneider?" „Ein Mann, Namens Poole, Königliche Hoheit, der sehr geschmeichelt sein wird, daß Sie geruht haben, nach seinem Namen zu fragen." Und Poole wird der Schneider des Prinzen, und dadurch berühmt. Er bleibt des Vertrauens des! Prinzen würdig, er steigt sogar ständig in seiner Achtung. Poole schneidet zu: aber dem Prinzen fällt die Wahl der Stoffe zu. Und da sich hier der sicherste Geschmack! bethatigt, folgt ihm die Gesellschaft, und kleidet sich elegant. . . . Neulich nachmittag beobachtete ich Eduard VIL beim Derby in Epsom. Sein Bart ist jetzt „mehr Salz als Pfeffer" und das Embonpoint der letzten Jahre des! Prinzen von Wales hat sich! noch ein wenig vergrößerte Aber er ist immer noch derselbe anziehende Charme, dieselbe herzliche Einfachheit, dieselbe Blüte der Höflichkeit. Man führt ein hübsches Wort an, das er als Kind- bei seinem ersten Besuche in Frankreich gesprochen. Die Königin Viktoria und der Prinz-Gemahl machten Napoleon III. einen Besuch. Im Augenblick der unvermeidlichen Abreise bat der kleine Prinz die Kaiserin flehentlich, fie möge ihm erlauben zu bleiben. „Aber Ihre Eltern werden sich von Ihnen nicht trennen wollen, Königliche Hoheit", sagte die Herrscherin lachend. „Was sollten sie ohne Sie thun?" „Ach", antwortete das Kind, „das thut nichts. Ich habe so viele kleine Brüder und Schwestern in Windsor, die mich ersetzen können." Als er als Mann in Paris mit besonderer Sympathie ausgenommen, gesucht und gefeiert wurde, wurde er an dieses Wort von einer Schauspielerin,, deren royalistische Neigungen bekannt waren, erinnert, „Jetzt sollten Sie ber uns bleiben, Königliche Hohert, Sie würden das Königtum populär machen." Der Prrnz lächelte und sagte, wie sich entschuldigend: „Ach, Sie verbrauchen Ihre Könige zu rasch!." Beleuchtung. Meide nie den Trunk! Doch merke! Mehr erfreut des Weins Befeuchtung, Wenn das Land durch Himmelslichter Strahlt in günstiger Beleuchtung. Gerne such!' ich mir ein Plätzchen, Wo ich seh', wie die Gefilde, Sonne- oder mondbeschienen, Zeigen sich in heitrem Bilde. Wie verkläret lacht die Gegend, Wenn die lichten Sonnenstrahlen Ringsum alle Dinge schmücken Wie mit Hellen Zaubermalen. Und wenn Mond und Sterne leuchten In dem abendlichen Dunkel, Freu' ich mich bei ihrem Glanze Doppelt an des Weins Gefunkelt Dann glüht tief in meinem Herzen Auch ein Stern in Hellem Scheine; Alles strahlt im Zauberglanze Von dem Himmel und vom Weine. A. Ammann. Bilderrätsel. (Auflösung in nächster Nummer.) (M. Liraniiii*! Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.: Sommerfericn, Osiris, Meer, Moses, Eros, Rose, Ferse, Eins Riese, Iris, Eisen, Rero. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- ub>d Steindrnckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.