1902. — Ur. 28. 'tiffLöntn drcißigmal man Gutes thät, Unit eine Misscihat begeht: Xl» Des Guten wird vergessen, Das Böse voll gemessen. Freibank. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung' von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) „Aber Mütterchen — man sagt; Alexis sei gar heftig gewesen — vielleicht übermannte ihn ein Augenblick des Zorns?" „Nein, nein — wehrte die Erregte bebend — nein, es ist nicht wahr. — Wohl war mein Goldknabe aufbrausend und heftig, aber die Hitze verflog rasch, und selbst int höchsten Zorne würde er kein Messer gegen einen kranken, wehrlosen Menschen gezückt haben. Dafür kenne ich ihn! Er war edel und gut allezeit. Nicht seine — eine falsche Hand hat des armen, verdüsterten Wladimir Leben geendet." ; „Mütterchen! Ihr sprecht, als wenn Ihr den Mörder kanntet!" „Thue ich das? Wirklich, ich glaube, der alten Endotja Zunge läuft heute zu schnell. Ich weiß kaum, tote ich dazu komme, mit Ihnen, Barischni — einer Fremden — von den Dingen zu retten,; deren nur zu erwähnen, hier in diesem ganzen Hause streng verboten ist." ? „Laßt Euch's nicht gereuen, Mütterchen, scheine ich Euch auch noch fremd, so dürft Ihr mir doch vertrauen." „Tas weiß ich; ich las es bereits gestern ist Ihren Augen, Barischni. Sie kennen Kummer und Weh; es hat Sie teilnehmend für das Leid anderer gemacht. Ast dem meinen fürchte ich manchmal zu ersticken; denn die alte Matuschka weiß zu schweigen. Doch zu Ihnen, liebe Barischni will ich reiten, Uno wenn ich will — kann selbst Mera Sergewna es mir nicht verbieten. 'Mein Alter schützt mich vor Strafen, und übrigens — was wollten sie nur auch mehr thnn, als sie bereits gethan! Mit meinem Seelenkind, meinem Augapfel, meinem Bärin Alexis Iwanowitsch ist mein Glück untergegangen." „Mütterchen, sprecht, o erzählt mir von dem armen, unschuldigen Bavin." „Ihr glaubt also fest an seine Schuldlosigkeit?" „Ich glaube daran", lautete die feierliche Antwort, >,Alexis Iwanowitsch ist kein Kain!" „Aber warum floh er?" „Ich weiß das nicht; er wird's schon gewußt haben, warum! Etwas Geheimnisvolles zog ihn in die Ferne zurück. Sein altes Mütterchen forschte nicht neugierig nach Mittwoch den 12. Februar. 7_: 10 st dem, was er . nicht offenbaren wollte, und auch Dimitri sagte mir nicht, was es wär ; er hatte seinem Bärin treu zu jein." „lind er war treu!" ließ Clarita sich entschlüpfen, ergänzte aber rasch: „er begleitete seinen Herrn auf dev Flucht?" „Ja; in kopfloser Eile giug's fort, doch Dimitri haben sie in Moskau aufgegriffen und ins Militär gesteckt." „War sein Herr zu der Zeit schon tot?" Endotja lachte bitter; „Tot! Ich sagte Ihnen, Barischni, Alexis Iwanowitsch Ornatoff ist nicht tot Sie haben ihn nur lebendig begraben. Nach Sibirien ist er verbannt, dort in den schrecklichen Minen schwindet sein junges, blühendes Leben hin, während sein Name, wie sein Andenken in der Welt verschollen ist!" Ein Thränenstrom aus den alten Augen machten die letzten Worte kaum verständlich. Endotja schluchzte bitterlich, ihre Zuhörerin war ohne Thränen, starr und stumm blickte sie vor sich. Endlich sagte sie mühsam: „Weshalb glaubt Ihr das, Endotja?" „Ich glaube das nicht nur, — ich weiß es!" versicherte die Gefragte in zornigem Schmerz, „ich weiß es von Dimitri !" „Hattet Ihr Nachricht von ihm?" „Ja: aber Barischni, Sie dürfen mich nicht verraten. Tann will ich Ihnen erzählen. Es muß mir von der Seele, ehe ich sterbe und — ich bin alt. So Höven Sie: Timitri war nahe bet dem Bärin, als dieser verhaftet wurde- Alexis Iwanowitsch hat klug die drohende Gefahr erkannt und hieß Dimitri ; rechtzeitig verschwinden, damit er wenigstens über die Grenze komme, wo im Ausland ein wichtiger Auftrag zu besorgen war- Dimitris Kräfte reichten dazu aber .nicht mehr aus, er hatte kaum die Grenze überschritten, als er in einem wildfremden Ort zusammenbrach, wo er dann in ein Krankenhaus gebracht wurde. Tort schrieb er in Todesangst den Auftrag seines Herrn in einem Brief nieder, versichert, daß ein solcher im Ausland richtig seinen Weg. finden werde, sobald er von der nächsten großen Stadt aus befördert würde. Dorthin nahm einer seiner Leidensgefährten das Schreiben mit, der genesen das Krankenhaus verließ, Dimitri glaubte zu sterben, er starb jedoch nicht- Sobald er sich etwas erholt. Peinigte ihn die Angst um den Bärin mehr als alles andere. CH« er int Ausland weiter reiste, wollte er nochmals nach seinem Herrn ausspähen, dessen Geschick ausknndschaften. Sv schlich er sich über die Grenze zurück — wurde erwischt, nach Moskau transportiert und dort unter die Soldaten gesteckt. Unser süßer Bärin konnte ihn nicht retten, ec selbst war verurteilt und damals schon viele hundert Werft weit auf dem Wege nach Sibirien-" „Und woher wißt Ihr dies alles?" forschte Clarita atemlos- Tie Alte blickte sie groß und feierlich au, ivährend sie stark betonend antwortetet „Durch einen Jurodtwyhl" 90 — „Wer ist das?" „Ein Heiliger! Bei seinen Fußwanderungen durch das ganze heilige Rußland hat er Dimitri in der fernen Garnison gesehen und ihm versprochen, mir seine Mitteilung zu überbringen — mir allein: Der Heilige spricht nicht mit jedermann, und fragen darf man so einen Jnrodiwyh*) nicht- Mich, die er seit langem kannte, da der Sohn des Dorfältesten aus meinem Geburtsdorfe ist, mich hielt er feiner Rede würdig, mir überbrachte er deshalb aus freien Stücken genau Dimitris Worte und der Nina nur viel« Grüße. Sie und das Dorf erfuhren dadurch erst, daß sie eine Soldatka geworden; denn wir wußten bis dahin nicht einmal, daß Dimitri rekrutiert worden- Gr war nur mit dem Bärin verschollen!" „Und Alexis Ornatoff schmachtet nun wirklich in Sibirien schuldlos verbannt? Wie i*ft| solches nur auf einen Verdacht hin möglich? Warum rettet man ihn nicht? Warum sucht man nicht den wirklichen Mörder? O, Eudotja! Sie wissen mehr darüber!" „Vielleicht weiß ich's", versetzte die Greisin abbrechend, „doch was könnten meine Worte nutzen, glauben würde man mir doch nicht!" „Warum nicht?" „Vielleicht weil man den Schuldigen nicht finden will!" Clarita wandte die Augen nicht von der Alten- „O, Eudotja — so schlecht kann hier doch — niemand fein?" „Es ist schon mancher schlecht geworden, sobald sein eigenes Interesse in die Wagschale fiel-" „Wer könnte denn ein Interesse daran haben, den Schuldigen zu schützen?" Diesmal blieb eine orakelhafte Antwort aus; di« Greisin starrte stillschweigend vor sich nieder- „Wie!" — wiederholte Clarita, sich über die heiße Stirn fahrend; denn in ihrem Gedanken leuchtete jäh ein grelles Licht auf. Die alte Eudotja half ihr auf eine Spur, vor der sie doch noch zurückbebte. — „Wer könnte ein Interesse an Alexis Verbannung haben-" „Die, denen sie Nutzen, Vorteil brachte!" „Und wem brachte sie Nutzen?" „Feodor Iwanowitsch ! Er ist dadurch der einzige Erbe seines Väterchens — der Bärin von Ornatoffsko!" „Feodor! Der Knabe!" rief Clarita außer sich- „O, sein Herz, seine Seele kennt keinen Falsch!" „Sie haben Recht, Barischni, seine Seele ist unschuldig, sein Herz arglos,, er denkt nicht an seinen Vorteil- Ander« aber mögen es für ihn thun und gethan haben — indes! schweigen wir davon, Barischni! — Ich könnte mich noch Um den Hals sprechen; kein Wort kommt nun mehr über meine Lippen." Dabei blieb die Alte. Kein Versuch, die Unterhaltung weiter zu spinnen, glückte, und Clarita mußte vorläufig davon abstehen- Tie Greisin sah ermüdet, von der tiefen Aufregung erschüttert aus- In ihren Augen leuchtete ein eigenes Licht, sie mochte sich bei dem langersehnten Genuß i— leidenschaftlichen Aussprechens — weiter haben fortreißen lassen, als sie selber gewollt, und es ihr nun lieb lein, daß ihr Besuch aufbrach, welches aber nicht hinderte, daß die beiden als Freundinnen schieden. Am liebsten hätte Clarita die Greisin umarmt, mit solcher Wonne hatte deren felsenfestes Vertrauen an Alexis' Unschuld sie erfüllt- Eine unsagbare Wohlthat, stille Seligkeit lag für die junge, vereinsamte, angsterfüllte Frau darin, sich sagen und wiederholen zu dürfen: So ist auf seiner Heimstätte Alexis doch eine Seele treu geblieben, eine, die fein Andenken unbefleckt hält- Ter alten Matuschkä Vertrauen und Treue rührte sie tief, ebenso befremdete es sie aber, wie verhältnismäßig obenhin die Alte von ihrem eigenen, verlorenen Sohne sprach. Höchstens nannte sie ihn den „armen Dimitri" und hatte sich damit völlig genug gethan, während sie nicht Schmeichelnamen genug zu finden wußte für das fremde Kind, dessen Pflegerin sie gewesen in längst vergangener Zeit, und das chr ungleich teurer schien, wie das eigene-! An dem jungen Bärin hing eben ihr ganzes Herz. *) Ein durchs Land ziehender, bei dem russischen Volke hochan gesehener Fanatikers XIX. Das alle Stammhaus. Klage nicht den Himmel an, wenn er zu strafen zögert; Tem Ungewitter gleich, das auf sich türmt, Wird sein Gericht nur um so-strenger sein- Webster. Tie Nacht hatte ihr Reich begonnen; wieder umfing, tiefe Ruhe die Erde und ihre müden Bewohner. In demj alten Herrenhaus von Ornatoffsko lagen bereits alle in tiefem Schlafe. Nur eine wachte. Mlein in ihrer Stube! sah Clarita noch auf, di« Nacht lag noch lange vor ihr- schlafen konnte sie ja doch nicht; denn alles, was sie gestern und heute vernommen, lieh ihre Gedanken nicht zur Ruhe! kommen. Dabei war ihr das Herz so voll und schwer, daß sie zuweilen sich aufrichten mußte, um nur wieder einmal frei und tief . atmen zu können- Sie wußte es selbst kaum, wie sie all die Qual und Aufregung der! letzten Tage überstanden, ohne ihr Geheimnis zu verraten,; Mas hatte man ihr nicht alles von Wexis erzählt — ihr, seiner Gattin! Und sie hatte dabei gesessen und zugehört, als ob es sich um einen Fremden handele, dessen trostloses Geschick jedes mitfühlende Herz ergreifen mußte-; Aber die Gewalt, die sie sich angethan, brach in dem Momente zusammen, wo sie sich allein fand mit ihrem Schmerz, jetzt war sie nichts als ein verlassenes, hilfloses! Weib — die trostlose Gattin eines Verbannten- — Alexis! lebte, er siechte hin in den sibirischen Minen- Die alt« Eudotja hatte die Wahrheit gesprochen; davon fühlte Clarita sich überzeugt, fajst jedes Wort der Greisin erweiterte« ihren Blick in die Vergangenheit. Wie richtig und bedeutungsvoll war insbesondere nicht deren Ausspruch gewesen r „Ein Kind glaubt leicht, und Feodor ist ein Kind!" Offenbar! hatte man den Knaben getäuscht und gestrebt, dem ganzen; traurigen Vorgang ein möglichst schnelles Berges,en zu sichern. Aber gerade dieses Streben, sprach eS nicht für etwas/ was verborgen bleiben sollte? Fürchtete man den Verbannten, daß man es sicherer fand, ihn zu den Toten zu zählen, statt die Untersuchung nach dem Schuldigen frei; ehren Weg nehmen zu lassen? Warum schützte man diesen und ließ einen Schuldlosen büßen? Wer endlich konnte« den Mord verübt haben? Ein grelles Streiflicht warf in diese Gedankenrichtung Eudotjas zweite rücksichtslose Andeutung, deren Sinn nicht geheimnisvoll genug war, um — doch vor der notwendigen Folgerung schauderte Clarita zurück. War es möglich? Wales denkbar? Nein, nein, die kleine zarte, juwelengeschmuckte Hand, die so manchesmal beim vierhändigen Spiele dicht neben der ihren graziös über die Tasten geglitten war —i die hätte nimmer die Kraft gehabt, einen Dolch zu führen/ mit einem sicheren Todesstoß ein blühendes Leben zu enden.; Und doch — verstanden in ihrer fernen eigenen Heimat nicht spanische Frauen sehr wohl ein Stilet zu gebrauchen- wenn sie haßten? Der Haß führt eben zu Unglaublichem.; Und Wera Sergewnasie hatte Wladimir Ornatoff gehaßt-; Sie, Clarita, wußte dies recht gut aus gelegentlichen Er-, zählungen ihres Gatten, der mehr als einmal erwähnt hatte, wie- wenig hold seines Vaters zweite Frau ihm selber fei, wie geradezu feindselig sie und Wladimir sich jedoch gegenüber ständen- , al Gerade jener Wladimir war aber nun durch seines Vaters Tod Familienoberhaupt, Barm auf Ornatoffsko ge-i worden, vor dem selbst Wera Sergewna sich beugen mußt--; Beugen! Nein, das verstand jene stolze, ehr- und herrsch-, süchtige Frau nicht, nein, eher, viel eher — „O Himmel!" stöhnte die in solches Sinnen Verloren« leise, „zu welchem Argwohn komme ich? jene Frau für die Schuldige zu halten!" • Tie Schuldige — ja sie ist's, flüsterten die jagenden! Gedanken — wenn auch vielleicht nicht der That nach-— so doch deren intellektuelle Urheberin. Was sie gewünscht/ mag ein anderer ausgeführt haben und diesen andern -h — den schützt sie durch ihren Einfluß- Deshalb all das! Dunkel! Deshalb auch ihre Abneigung gegen Alexis, ihr Widerwille, nur seinen Namen zu hören! Ter Argwohn, der in Maritas Seele geschlichen, zeitigt« schnell Frucht; die erregte Frau zog rasche Schlüsse, und bald bäuchte es ihr unzweifelhaft, daß Wera Sergewna die Hand im Spiele gehabt. Wer aber, hatte ihr Hilfs geleistet?/ ’ „ . ■ ■ 1 (Fortsetzung folgt.). 91 Aschermittwoch. Novellette von Edmund Handtke. (Nachdruck verboten.) Wagen auf Wagen rollte vor der festlich erleuchteten Villa des Kommerzienrats Holzendorff in der Der gart en- «vor, und eilfertig verschwanden die Insassen derselben m geräuschlos sich öffnenden und schließenden Portal. Fastnacht! Mit einer prunkvollen Festlichkeit sollte dre Saison geschlossen werden, denn schon am nächsten Tage gedachte der Kommerzienrat mit seiner jungen Gattin nach Nizza abzureisen, um sich dort die Erholung zu gönnen, die er im Laufe des Winters nicht gefunden. Er fühlte sich müde, ruhebedürftig. Wer für heute war an ein Ausruhen nicht zu denken. Immer mehr Gäste erschienen, und die Pflichten des Hausherrn nahmen ibn völlig in Anspruch. Noch einmal gab! sich heute, wie schon so oft im Laufe des nun zu Ende gehenden Winters, die Aristokratie deM. Geburt, des Geistes und des Geldes ein Stelldichein in den gastlichen Räumen, die jahrelang verschlossen gewesen und sich erst nach Einzug der neuen Herrin dem Leben, der Geselligkeit wieder erschlossen hatten. Der Kommerzienrat, ein noch recht stattlicher Herr, dem es niemand anfah, daß er die Fünfzig bereits überschritten, war nach fünfjähriger Witwerschaft zum zwecken Male vor den Traualtar getreten. Er hatte feine jetzige Gattin im Sommer gelegentlich eines Badeaufenthaltes in Heringsdorf kennen gelernt und sich von dem heiteren, lebensfrischen jungen Mädchen derart gefesselt gefühlt, daß er schon nach mehrwöchiger Bekanntschaft um ihre Hand anhielt. Erna von Brunneck war die Tochter einer verarmten adligen Familie, die den vielfachen Millionär natürlich mit offenen Armen aufnahm; brachte diese Verbindung doch für sie die Befreiung von mitunter recht drückenden Sorgen. Die Hauptbeteiligte stimmte jedoch in die Freude ihrer Angehörigen keineswegs ein; erst nach schweren Kümpfen, und von ihren Eltern unablässig gedrängt,, entschloß sich Erna, dem alternden Manne ihre Hand zu reichen. Bedeutete dieser Schritt doch für sie die Einsargung ihres Zugendtraumes von Liebe und Glück. War es auch zwischen Erna von Brunneck und ihrem Vetter Hans zu einer bindenden Aussprache noch nicht gekommen, so betrachteten beide es doch nur als Frage der Zeit, die Einwilligung ihrer Eltern zu ihrem Herzensbünd- Nis einzuholen. Vor den Augen der Eltern fanden jedoch die Millionen des kommerzienrätlichen Freiers mehr Gnade, als der adlige Name des- mit irdischen Gütern gleichfalls nur mäßig bedachten Leutnants. Von der Hochzeitsreise zurückgekehrt, war die junge Frau in den ersten Wochen wie geblendet von dem Glanz Und Reichtum, der ihr überall im Hause ihres Gatten entgegentrat. Mit vollen Zügen genoß sie die bisher un- hekannten Annehmlichkeiten des Reichseins'. Es bereitete ihr großes Vergnügen, in eigenem Wagen, der Hochzeits- aabe ihres Gatten, durch die Straßen der Hauptstadt zu fahren, und in den ersten Geschäftshäusern nach Belieben einkaufen zu können, ohne sich um die Bezahlung irgendwie kümmern zu müssen. Holzendorff verlor kein Wort über diese ost recht kostspieligen Launen. Nach einem kurzen, Aufflammen der Leidenschaft hatte er sich wieder in ferne hergebrachten Gewohnheiten emgelebt, und der nüchterne, trockene Geschäftsmann gewann in ihm die Oberhand. Ein beschauliches Stillleben war aber keineswegs nach dem Wunsch der vor Lebenslust glühenden jungen Frau. Sie verstand es, ihr Haus in kurzer Zert zum Mittelpunkt eines anregenden geselligen Verkehrs zu machen. War es anfänglich nur die Freude am Leben und am Genießen, die sie von einem Vergnügen zum andern trieb, so änderte sich dies, als ihr auf einer Festlichkeit im Hause eines Geschäftsfreundes ihres Mannes, welche sie in Gemeinschaft mit diesem besuchte, unvermutet Hans von Schmettow, ihr Zugendgeliebter, begegnete, der zur Dienstleistung bei der Kriegsakademie nach Berlin kommandiert war. Wohl verrieten beide weder durch Worte noch Gebärden die innigen Beziehungen, die zwischen ihnen obgewaltet, die gegenseitige Begrüßung fand genau in denjenigen Grenzen statt, die das entfernte Berwandtschafitsverhältnis gestattete. Wer das Aufleuchten seiner dunklen Augen, die mit verzehrendem Feuer auf ihr ruhten, klärten Erna darüber auf, daß die Vergangenheit keineswegs für immer begraben. Holzendorff hatte von der Jugendthorheit seiner Frau, wie er es nannte, oberflächlich Kenntnis erhalten, derselben aber nicht die geringste Bedeutung beigelegt. War doch nach seinen Lebensanschauungen nichts so hinfällig und leicht zu überwinden, als das, was junge Leute erste Liebe nennen. Gleichsam als Bekräftigung dieser seiner Ansicht kam er dem jungen Manne mit unbefangener Freundlichkeit entgegen und sprach den Wunsch aus, ihn öfters bei sich zu sehen. Seiner leidenschaftslosen Denkweise entsprechend, hielt er das Einst für längst vergessen, kam es ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß der Götterfunken erster Liebe unter der Asche noch sortglimmen könne . Leutnant von Schmettow machte von der Einladung Holzendorffs öfters Gebrauch, und bald war er ständiger Gast im Hause des Kommerzienrats. Erna verstand es, trotz dieser häufigen Begegnungen jedes Alleinsein mit Hans zu vermeiden, das Pflichtgefühl trug über das dem Geliebten entgegen schlagende Herz den Sieg davon. Aber trotzdem es noch nie zu einer die Grenzen guter Sitte überschreitenden Aussprache gekommen, sagte beiden doch die stumme Sprache der Augen deutlicher als Worte, daß es nur eines Anlasses bedürfe, um die durch Herkommen und Pflicht aufgerichteten Dämme zu durchbrechen. Mit gleicher Deutlichkeit fühlten beide aber auch, daß sie nicht lange mehr die Kraft besitzen würden, diesen Schrecken ohne Ende zu ertragen. Seit dem ersten Zusammentreffen mit dem Zugendgeliebten lebte die junge Frau wie in einem Taumel dahin, von Vergnügen zu Vergnügen eilend, um die mahnende Stimme in ihrem Innern zu übertönen, das leidenschaftlich verlangende Herz nicht zur Befinnung auf sich selbst kommen zu lassen. Jedoch vergebens, die einmal angefachte Flamme ließ sich nicht mehr ersticken, die Natur erwies sich stärker als das haltlose Gebäude künstlicher Schranken. Auch zur heutigen Fastnachtsfeier war Hans von Schmet- §ow mit einer Einladung bedacht worden, und er hatte nicht gezögert, ihr Folge zu leisten. „Nehmen Sie sich meiner Frau ein bischen an, lieber Schmettow!" begrüßte ihn der Hausherr mit jovialer. Freundlichkeit. „Wie Sie ja wohl wissen, tanzt sie leidenschaftlich gern, während mich die zunehmende Bequemlich? keit von diesem Vergnügen der Jugend fernhält." „Ich will versuchen, Ihre Stelle bei meiner Base nach besten Kräften zu vertreten, Herr Kommerzienrat!" eNt- gegnete Hans, aus den scherzenden Ton Holzendorffs eingehend. Bald schwebten die Leiden jugendschönen Gestalten iM Tanze dahin. Wie in seliger Selbstvergessenheit schmiegt« sich Erna an die Brust des Geliebten. Verwirrt, erschöpft hielt sie endlich inne. „Laß uns für einen Augenblick in den Wintergarten treten, Hans. Er wird gegenwärtig menschenleer sein, und ich bedarf kurze Zeit der Ruhe." Er bot der jungen Frau den Arm, und geleitete fte hinaus. Müde ließ! sich Erna auf eine Ruhebank gleiten und schloß wie betäubt die Augen. Wie in tiefem Mitleid ruhten die Blicke des jungen Offiziers auf ihr. Heftig sprang sie empor. „Sieh mich nicht so an, Hans, ich ertrage es nichts rief sie mit bebender Stimme. „Ich fühle es wohl, Du verachtest mich, aber bei Gott, Du hast keinen Grund dazu! Nicht die Sucht nach Glanz und Reichtum fetteten mich an den alternden Mann. Nur um dem unaufhörlichen Drängen der Eltern zu entgehen, die mir das Leben zur Hölle machten, entschloß ich mich zu dem verzweifelten Schritt, den ich jetzt schon so oft und so tief bereut habe. Wenn ich jedoch auch ein wärmeres Gefühl für meinen Gatten nicht hegen kann, meine höchste Achtung kann ich ihm nicht versagen, und schon aus diesem Grunde darf und will ich der Welt nicht das Gesicht einer unglücklichen Frau zeigen, muß ich meine Rolle so gut wie möglich spielen. Um so schmerzlicher ist es also, gerade von Dir verkannt zu werden." m . Heftiges Schluchzen verschlang ihre letzten Worte. Hans führte die Weinende Mr Bank, ließ sich ,neben ihr nieder und barg ihr Haupt an seiner Brust. Sie heg es widerstandslos geschehen. „ „Thörichtes Kind!" sagte er leise, glaubst Du wirklich, Hätz sich innige, treue Liebe so schnell in das Gegenteil! — 92 ~ Charade. (Nachdruck verboten.) Das Erste ist ein Teil der Erde, DaS Zweite ist ein Teil vom Bier. Das Ganze schätzt ein jeder Raucher, Und fein geschnitzt verehr ich's btt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Rätsels in vor. Nr.: Probe — Robe. in rosigem Licht." .. Innig umschlungen saßen sre da, und |ie duldete es, daß er ihre zitternden Lippen, ihre Stirn, ihr Haar mit zahllosen heißen Küssen bedeckte. Ein seliges Gefühl der Selbstvergessenheit war über sie gekommen. Doch plötzlich machte sich Erna sanft los und sprang In den früheren Auflagen dieses Buches war bisher die Jelensperger-Lobeschei vereinfachte Bezifferung der Harmonien bezw. Akkorde angeführt. Da sich "bes diese Bezerch- nuna bis zur Gegenwart nur wenrg angeführt hat, so M in dieser Auflage die von den älteren Meistern angeführte Bezifferung und Benennung des Generalbasses niihre Rechte wieder ein getreten. Mehrere Kapitel über einfachen unb. doppelten Kontrapunkt, Kanon und Zuge, welche der Ber- kasser seinerzeit wegen größeren Umfangs des BZ er les mcyr aufaeiiominetl hatte, haben jetzt Aufnahme finden können. Mit der Anleitung, die die dritte Abteilung des Katechrs-t mus üott den mufikalischen Formen", grebt, rst es möglich, obne mündliche Lehre und nur durch eigene Uebung sich zum KEvonUten auszubilden. Die Hauptsache ist: man bet- mache mau so viele Uebuugen nach jeder einzelnen' bis die sichere Ausübung derselben gewonnen ist. - verwandeln könnte? Ich kenne Deine Beweggründe wohl, . samkeit zu lenken. An das Lüften und Ausputzen der in den dw Dickt -ü dieser Berbmdung geführt, und meine Gefühle Gruben und Kellern lagernden Gemüse sei kurz erinnert, für Dich Und noch dieselben wie einst!" * Komposthaufen, Erdhaufen sollen nicht vergessen „Du liebst mich noch, Hans, Du liebst mich!" rief die 1 werden. junge Frau aufjanchzeno. „Dieses Geständnis läßt mich die Vergangenheit vergessen und zeigt mir die Zt zugmg. I Unser Garten im Februar. $on ^Chr^ist Lobe. Siebente, vermehrte und (Nachdruck verboten.) verbesserte Auflage von Richard Hofmann. In YRgural- Schon wagen sich Schneeglöckchen, Marienblümchen 1 leinenband 3 Mk. 50 Psg- Verlag von 3- (Bellis) und andere Frühlingsblumen mit ihren Blüten I Leipzig. £ ;* hervor, verleitet durch die Wärme des heurigen Winters, I Ist es da zu verwundern, daß wir immer energischer und emsiger bestrebt sind, unsere Treiberei im Mistbeet allmählich in Gang zu bringen, damit wir alles nötige für spätere Pflanzungen gewinnen und auch einmal an selbstgezogenen Frühradies, Salat und Karotten uns laben können? Wir dürfen es getrost wagen, den ersten Mistbeetkasten zu packen. Wo er nachher nicht warm werden sollte, wird etwas Aetz- kalk dazwischen gepackt oder werden heiße Steine, heißes Wässer zur Anregung des Düngers verwendet. Später werden wir über den Mistbeetkasten noch ausführlichere Mitteilungen bringen, für heute merken wir uns, daß Karotten, Radies, Salat, alsbald ausgesät werden, daß auch Sellerie und Porree zur Anzucht von Pflanzen auszusäen sind, wenn wir recht kräftige t^emplare zum Aussetzen gewinnen wollen. Mitte Februar folgen Blumenkohl, Friih- kohlrabi, Frühwirsing und Frühkraut. Auch werden alsdann die ersten Treibgurken in Töpfe ausgesät. Menn man wüßte, dcüß der Winter milde bliebe, könnten Erbsen, Puffbohnen, Petersilie, Schnittsalat, frühe Karotten ins Freie ausgesät werden, könnte mau ferner Aussaaten von Sellerie zur Spätkultur im Freien machen. Friert es, sobald diese Zeilen gelesen werden, dann sind die Aussaaten natürlich bis auf günstigere Zeit zu verschieben. Ich darf wohl daran erinnern, daß das Werkzeug: Spaten, Hacken, Gartenschnuren, Kannen rc. in gebrauchsfähigen Zustand zu setzen sind, daß man das Gartenland umgraben und düngen muß. Auch an Meliorationen durch Drainage, durch Gräbenziehen, durch Rigolen ist die Aufmerk- I Ter Obstgarten verlangt Düngung, Lockerung; Säge, Zukunft Messer und -Schere dürfen nicht ruhen, um überflüssig es, hemmendes Gezweig wegzunehmen, Krebswunden, Pilzstellen sind auszuschneiden. Unzufriedenheit mit einer Sorte, läßt sich schon jetzt durch Umveredeln begegnen. Alle Obstbäume, insonderheit Kirschen, Aepfel, Birnen, sind in älteren Stämmen noch zum Umveredeln gut Tie ersten Veredlungen beginnen bei' den Kirschen, Aepfel und Birnen bilden die , Fortsetzung. Man schneidet Stachelbeeren, Johannisbeeren, „Es darf nicht sein, Hans ! Ich bin es meinem Gatten macht von den frfiuThin fein eit Namen rein zu halten, — wenn auch das I den geschnitten, Schüdlausherde durch Änßretcyen nur LL. darüber bricht Dieser ersten Stunde der Schwäche 1 Schwefelkalium vernichtet, Raupennester verbrannt, ■Ö keine zweite folgen Äeh jetzt und sage meinem Gatten, ringe nachgesehen, Nistkasten aufgehaugt. Forinbaun.e d *!* ■*' Ei" Schl-t. Zwielicht nmspielt« bereits bin östlichen «*.“■** --* « - *™sH 5ÄDA Ä " Lpel MUtte alles i« ein f«W, tchiges W bet. W«, »elf Sl ff eit auch schon jetzt Canna- uicht gleich erkennen. Aber als. Holzendorf ihre Hand mennscy Tövie aev anzt Wo kein S M ÄSÄEäen M»« i-°ch et -m ln°llen, ' ”* Bette zusammen. Als mit dem dämmernden Morgen der genügend'stark^'KgEuferii bat schon im vorigen Monat alte Hausarzt erschien, fand er neben der Toten einen Z^Z^uua d8 Re«iua begonneu, sie wird fort- milden gebr-chen«, «.», beffen Haar m emer Stande die -echte ^teckllnuSM gendes Bitten verschrieb ich der gnädigen Frau Morphium I le, nachdem die Eigenart d Pf z 9 MÄ? ******@?e -611 •**tet SÄÄ5Ä ZMi- S K et7er wußte es besser. zersetzt sich ftVVÄ&mS „Aschermittwoch des Lebens!" murmelte tief-! fammenliegt und ist nachher w g k , ^urt erschüttert Hans von Schmettow, als ihm die Trauerkunde I ' Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm UniversitätL-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.