Nr. 151, 1902. fff] iTZphfl agHi W WM ; WM! Wl! (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dein Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Julie Farkas packte ein neuer Schauer, heftiger als bas erste Mal. „Wenn 'Du wenigstens noch- verdient hättest, lebendig begraben zu werden! Mer nein! Du hast ja nie an das Werbrechen gedacht — es nicht einmal vorausgeahnt. Ich endlich gerade so wenig. Du hast mir nur mitgeteilt, daß Sempach Deiner Alten 20 000 Mark in Papiergeld übergeben hat, die sie dann in einer Geheimlade des Schreibtisches! im Salon eingeschlossen hatte. Ta natürlich war sofort der Raub, du h. d er 'Diebstahl, zwischen uns beiden beschlossene Sache — der Diebstahl und nichts weiter. Tu kennst meine Grundsätze, ich habe Abscheu vor Blut. Und trotz meines letzten Aufenthaltes im Zuchthause, trotz der Gespräche und Ratschläge meiner Kameraden, die mir immer wiederholten: „Es ist immer besser, umzubringen; die Toten reden nicht —" trotzdem hab' ich mich nicht geändert. — Na — da kamst Du eben eines schönen Abends herauf zu mir und sagst: Die Mte hat mich auf mein Zimmer yinaufgeschickt und will sich niederlegen. Ich kenne sie: sie schläft sofort ein und bleibt mit geballten Fäusten zwei bis drei Stunden, ohne sich- zu rühren. Ihr erster Schlaf ist der beste. Da kann sie nichts aufwecken. Jetzt ist der Moment da, zu handeln. Schleich Dich hinab! Da sind die Zimmerschlüssel und ein Nachschlüssel zum kleinenSchreib- tisch. Den geheimen Berschlag kennst Tu ja. Wenn Du das Geld in der Tasche hast, dann halte es bei Dir versteckt. Wer wird dann denken, 'Dich- zu verdächtigen? Hier im Hause zweifelt kein Mensch an Deiner Ehrlichkeit. Ich allein laufe Gefahr. Bei mir wird man vielleicht eine Nachsuchung vornehmen — aber wenn man nichts findet Also geh!" Er hielt einen Augenblick inne und fragte dann, indem er sie anfah: „Hast Tu mir damals nicht das so gesagt?" „Ja, ganz genau so", antwortete Minna dumpf. Er steckte eine neue Cigarre in Brand und fuhr fort: „Ich schleiche mich also hinab. Kein Mensch sieht mich. Ich hatte dicke Wollstrümpfe übergezogen, die jeden Lärm erstickten. Ich öffne, wie eben nur ich int stände bin zu öffnen, ohne das Schloß knarren zu machen — und trete in den Salon. Er ist ganz finster — kein Geräusch. Die Sanden schläft ganz entschieden schon. Ich stoße die Thür auf, die Du halb offen gelassen hast. — Deine Beschreibungen siud immer so» genau, baß ich- trotz der Finsternis den Schreibtisch gleich suche. Schon habe ich meine Hand auf dem Gelbe — dä öffnet sich die Thür ins Schlafzimmer — Deine Mte erscheint. Zuerst stößt sie einen Schrei aus; doch mutig, tote das Weib war, stürzt sie sich auf den Kamins packt dort den auf dem Marmvrsims neben der Uhr liegenden Dolche und wirft sich mir entgegen. Ich fühle, daß ich- verloren Bin. Sie wird mich entweder töten oder zeigt mich morgen bett Gerichten an. 'Da fällst Dn mir ein: ich seh' 'Dich im Kerker, im Zuchthaus •— ich höre die Worte: „Töte! Die Toten reden nicht!" — nun — ich- packe ihren Arm — ich fasse sie an der Gurgel, reiß« ihr die Waffe aus der Hand — sie schreit — ich- bekomm'A mit der Angst — steche." Er hielt inne und ging, au seiner Cigarre kauend, einige Augenblicke auf und ab und warf einige Blicke auf Juliep die ihm von ihrem Platze aus seelenruhig zugehört, damit fuhr er fort: „Tie schmale, schlanke Dolchklinge hakte gerade bte Herzgegend getroffen. Gleich mein erster Stoß war tätlich. —- Sie war tot, mausetot. — Was' machen? Es war auch ihre Schuld. Warum hat sie mich auch überraschen und mich stören müssen? Weshalb mich angreifen? Ich suchte Dich sofort hier auf, wo Du auf mich gewartet hast. Zuerst stillte ich das Blut der Rißwuitde, die sie mir, als sie sich mit dem Dolche verteidigte, am Finger geritzt hatte. Mn« unbezahlbare Wunde — denn der Zufall wollte, daß sich der arme Teufel von Sempach eine ähnliche Wunde am gleichen Tage zugezog-en hatte. Man entdeckte am Hals« des Opfers Blutspuren und nahm dies Blut als das seinige. Armer Junge! Hat fein Glück!" Müde von dem langen Auf- Und Mrenuen im Salon setzte sich Paul Querzetoski feiner Spießgessellin gegenüber an die andere Tischseite und begann von neuem: „Mährend ich meine Wunde stillte, hast Du angefangen zu meinen und zu verzweifeln und immer gerufen: „D,- wenn ich!das hätte voraussehen können!" — Ich erklärt« Dir, daß es meine Schuld nicht war, und daß auch ich das nicht habe Voraussehen können; sonst hätte ich mich nicht ohne Waffe hinuntergeschlichen, und Tu weißt ja, daß ich keine bei mir hatte. Sie selbst hat mir die Waffe verschafft, die ihr den Tod gegeben Teufel auch! Ich habe mich schließlich nur verteidigt! Endlich bist Tu ruhiger geworden, und nun fragten wir uns, was wir denn nun thun sollten. Du wolltest gleich durchbrennen. Wahnsinn! Dummheit! Tas hieße so viel, als unser Verbrechen und unsere Mitwisserschaft eingestehen. Man hätte uns noch an demselben Dag, ehe wir über die Grenze und den- nächsten Tag ttt Belgien oder England waren, hopp genommen. Glücklicherweise hast Du es auch eingesehen, und noch in derselben Nacht haben wir sofort unseren Plan entworfen, wie wir uns verhalten sollten. Er war nicht schlecht — sage selbst!" „Er war nicht schlecht", iviederholtc sie etwas düster. „Den nächsten Morgen bist Tu wie gewöhnlich Deiuent Dienst nachgegangen; ganz außer Dir stürzest Tat zur Portiersfrau. Tein Entsetzen und Deinen Schrecken hast Tm wirklich ganz wundervoll gespielt." - 602 — . O, vad W W 'M niM gesplekt!" rief ME« keb- Vaft. „Ich trat in den Salon, sah dort den Leichnam--" '' „Ja, ja, ich weiß", unterbrach er sie. „Tu ähnelst jenen Komödianten, die sich an dem Tage einer Premiere künstliche Ausreguugen verschaffen, um dramatischer zu wirken. Wie oem 'auch sei, die Wirkung, die Du erzielt hast, war jedenfalls ausge^ichnet. Es ist niemand auch nur im Traume eingefallen, mich oder Dich zu verdächtigen. Tann hat uns auch der Zufall viel geholfen. Alle Berbächltig- ungen fielen Meist aus Sempach, und wir haben daraus geschickt unfern Vorteil gezogen. Deine Antworten vor dem Untersuchungsrichter sind ein wahres Meisterwerk. Nicht ein einziges Mal hast Tn fest behauptet: „Er ist's." Tu läßt es im Gegenteil nur durchblicken und erraten/' Ties Kompliment schmeichelte ihr sehr, und sie wollte damit nicht hintenanstehen: „Meine Aussage allem hätte gar nichts genützt. Du warst es, der erst aus die Idee verfiel, zu erffären, Tu hast Sempach abends um 10 Uhr unter dem Hausihore erkannt." „llnd Tu? Diese Perle, diesen schon längst unten ge- ftl,«denen Hemdenknops, den Tu so geschickt in die Mitte des Salons, mitten ins Blut geworfen hast, Kind, der hätte genügt, zehn Unschuldige ins Verderben zu stürzen! Jeder von uns beiden hat sein Bestes gethan, 'feine Freiheit und seinen Kopf zu retten, um weiter zusammen leben zu können. Mles ist uns g eglückt und wird uns auch noch in der Folge glücken, wenn nicht — —" „Was denn?" „Wem« man Dich nur nicht eines Tages erkennt, das ist meine einzige Angst. Ein Mann kann sich leichter unkenntlich machen als eine Frau. Man hat mich früher immer nur mit Schnurrbart, später in den Zuchthäusern nur glatt rasiert gesehen. Jetzt habe ich mir einen Vollbart stehen lassen, und nichts verändert mehr als das, von allen anbern Veränderungen und Maskeraden abgesehen. Ich verstehe die Kunst, mich zu verkleiden und zu schminken, aus dem ff. Kein Mensch versteht es, sich eine solche Maske aufzu- setzen wie ich. Diese KUnist verdanke ich meinem einstigen Lehrer, als ich noch Statist in unserem Stadttheater war. Während der Zwischenakte hatte ich Zeit, beu großen Schauspieler Westendorf, der darin sehr stark war, zu studieren. Tann haben die auf dem Polizeipräsidium droben auch noch nie eine ordentliche Photographie von mir erhalten können. Ich habe mich vor dem Apparat immer so sehr gerührt, daß kein Bild gelingen konnte. Einmal kamen sie sogar auf den Einfall, mich zu binden. Aber mit Nase, Augen und Lippen habe ich nicht ausgehört zu zucken und habe ununterbrochen Gesichter geschnitten, und so wurde ich immer schlecht und unkenntlich getroffen. Bei Dir ist die Sache ganz anders. Geschmeichelt und eitel. Dein Bild zu besitzen und Dich vewunveru zu können, hatten sie Dir ein Probebild davon versprochen--ja, die Leute kennen eben auch die Weiber! — und Tu hast ihnen richtig gesessen, wurdest auch sehr hübsch getroffen, — und int großen Buch. Du weißt, im Verbrecheralbum, prangt ein reizendes Bild mit einer Nummer drunter, durch die man etwa folgende Notiz nachschlagen kann: Julie Farkas, achtzehn bis zwanzig Jahre alt, recht hübsch, gut gewachsen, kleine Gestalt, blondes, warmes Haar, lebhafte Augen. Besondere Merkmale: sehr Weiße, etwas spitz zulausende Zähne, eine Narbe auf der linken Wange, Sommersprossen und eine sonderbare An- tzewohnheit, sich immer die Lippen mit der Zunge zu lecken." „Ich habe es mir schon abgewöhnt", warf Minna rasch ein. „Nicht ganz. Tu thust es noch manchmal, ohne es zu merken, wenn Du aufgeregt bist. Und dann die Narbe auf der linken Wange und die Sommerspr ossen, die I)ab eit wir nicht verschwinden lassen können." „Man hat mich bis jetzt auch noch nicht erkannt", sagte sie. „Ms jetzt nicht, weil Du Dich nun tticht rührst. Im Dienste der Frau Sanden bist Tu beinahe gar nicht ans- gegangen. Und wenn es einmal unbedingt notwendig war, hast Tu Tir unter dem Vorwande von Zahnschmerzen einen Teil des Gesichts mit einem Foulardtuch verbunden." „Ich setze diese Vorsichtsmaßregeln auch weiter fort." „Gerade diese könnten die Aufmerksamkeit auf sich lenken und Mißtrauen erwecken. Ms jetzt warst Du immer nur mit dem Polizeikommissar und dem Untersuchungsrichter in Berührung. Und denen fehlt die Praxis. Ganz etwas Anderes wäre es, wenn Tu's plötzlich mit einem langlassen, — das sind die Er blieb stehen und blickte sie an: „Ich versichere Dir, der Chef der Kriminalabteilung brauchte nicht zwei Mnuteu, um Dich zu erkennen." „Er ist nicht mehr derselbe. Er hat längst um Ent- lassung gebeten." 1 „Ja, ja, ich weiß wohl, — aber da existiert noch ein gep wisser Kriminalwachtmeister —" „Müller", rief sie rasch ans. „Jä, Müller, der Dich damals so gerissen verhaftet: hatte, als Tn nach England entfliehen wolltest, und uns so die Sache Tschigorin zerstört hat. Tas war sein Meisterstreich." „Tu hast mir doch versichert", begann Julie aufs neue/ auf die der Name Müller tiefen Eindruck zu machen schien, ,chaß er gleichzeitig mit seinem alten. Chef den Kriminaldienst quittiert hat." „Jawohl, jawohl, das stimmt alles. Aber der Kerl ist rastlos und klug. Man schätzt ihn aus dem Präsidium ungeheuer hoch. Er wird gebraucht — Du weißt, ich bin von allem immer genau unterrichtet — und man könnte ihn doch heute oder, morgen bewegen, seinen alten Dienst wieder aufzunehmen." „Das ist aber bis jetzt noch nicht geschehen", sagte sie, wie um sich selbst zu beruhigen, ohne jede innere Ueber- zeugung. „Und wo sollte er mich denn sehen? Ich rühre: mich ja nicht von meinem Zimmer weg." „Und der Prozeß? Tie Gerichtsverhandlungen?" „Tie Gerichtsverhandlungen! Was willst Tu damit? Hast Tu nicht selbst gesagt, daß man mich krankheitshalber dispensieren und sich damit Begnügen wird, meine Aussagen einfach zu lesen?" „Ja, wenn Tu weiter im stände bist, gut Komödie zu spielen, kanwst Tu ja vom Erscheinen enthoben werden.. Mer ich? ■ Beide Hauptzeug en dürfen nicht fehlen." „Du hast also Angst, erkannt zu werden?" „Ich fühle manchesmal so ’ne Schwäche." „Tann war das vorhin unnötig zu erklären, daß Du in der Verkleidungskunst Hervorragendes leistest, daß Du vollkommen unkenntlich bist, daß niemand im stände ist, Paul Querzewski unter der Maske des Anton Keßler zu erkennen." „Niemand--außer Müller." „Er hat Dich in diesen drei Jahren längst vergessen.^ Ter glaubt Dich noch dort." „Ach, ich bitte Dich! So oft ein Sträfling entwischt, wird sofort das Berliner Alexanderplatz-Präsidium davon verständigt, da man ganz genau weiß, daß jeder Verbrecher wieder durch Berlin oder London kommt. Wenn Muller in seinem Dienste geblieben wäre, würde er mich suchen. Und der Mensch ist so schlau, so tüchtig, daß--" „Du ihn fürchtest?" „Ihn — — ja." „Wenn Tu also nicht bloß für mich, sondern auch für Dich fürchtest, so gehen wir doch. Laß uns ins Ausland fliehen." „Unmöglich!" „Warum? Am ersten Tage nach dem Morde war es gefährlich. Aber heute glaubt die Justiz ihren Schuldigen zu haben; fte hat ihren Angeklagten." „Er ist noch nicht verurteilt, und die Situation ist noch" genau dieselbe. Kannst Tu denn nicht den -Vorteil erkennen, den der Verteidiger aus unserer Mwesenheit ziehen würde? Zwei Zeugen, die am Vortag des Prozeßverfahrens die Flucht ergreifen! Und das ist noch lange nicht alles. Wir können überhaupt Berlin noch gar nicht verlassen. Tu weißt ja! Wir haben noch etwas Hochwichtiges zu vollbringen." „ mV((. „Tu denkst also immer noch an diese Millionen?- fragte sie. , „Pschakreff! Ich bin doch der Kerl nicht, mir einen so schönen Fang entgehen zu lassen, Schatz!" 34. Kapitel. Seit einer Weile hatten sie ihre Plätze verlassen und fick) einander gegenüber an den Ofen gesetzt. June, vor Hast, etwas zu essen, hatte bloß ihr Foulard, da^ ih, den Kopf umhüllte, ohne irgendwie an eme, Jffiotetter zu denken, herunter genommen. Sonst war das immer das. jährigen KrimkualVeamten zu Mn bekämst, ntS einem von denen, die täglich «m Alexanderplatz so und so viel tu der Nacht verhaftete Personen