p 1902. — Nr. 101. gWELij MM ZW MMN lücklich ist, wer jede Gabe, Die ihm wird, mit Freuden nimmt; Wer von Neid jedoch erfüllt ist, Der ist ewiglich verstimmt. Denn die beste eigne Habe Scheint ihm „kärglich" zugewogen, Und der Anderen Besitztum Niederträchtig — ihm entzogen. Märzroth. (Nachdruck verboten.), Manneswert. Roman von Marte Stahl. (Fortsetzung.) Zwanzigstes Kapitel. Als Traute uitb Graumann von diesem Spaziergänge heimkehrten, kanr ihnen Frau Graumann schon in der Thür mit erregter Miene entgegen. „Eine Depesche, eine Depesche für Fräuleinschen", rief sie, Traute das Dokument überreichend. Die Ahnung einer Unglücksbotschaft lieh Traute erbleichen, und mit zitternden Fingern rih sie das Papier auseinander. Ja, da stand es geschrieben: „Papa schwer krank, komm, so schnell Du kannst. Hulde." Traute stand stumm und starr. Also auch das noch! Sie reichte ihren Wirten das Blatt, die in laute Klagen und Beileidsbezeugungen ausbrachen. „Was soll ich thun? Ich muh nach Hause, und doch kann ich unverrichteter Sache nicht abretsen. Was soll ich thun?" fragte Traute händeringend. Auch die alten Leute wußten keinen Rat. Herr Lehmigke wurde erst in einigen Tagen erwartet. „Ich muh zu Frau Lehmigke gehen und mit ihr sprechen", sagte das junge Mädchen endlich nach einem kurzen, scharfen Besinnen und schweren innerlichen Kampf. Und da sie keinen anderen Ausweg wußte, führte sie ihr Vorhaben sofort ans, denn es galt, keine Minute unnütz zu verlieren. Mit zitternden, fast versagenden Knieen und hoch- llopsendem Herzen betrat sie das frühere Vaterhaus zum ersten Male wieder. Aber sie sah wenig, es schwamm ihr alles vor den Augen, sie hatte nur den Eindruck, als wäre ihr alles fremd geworden, ganz fremd, als hätte sie dies Haus noch nie gesehen. Sie schickte Frau Lehmigke ihre Kürte und wurde darauf in ein Empfangszimmer geführt. Dort blieb sie eine geraume Weile, undd hatte Zeih zur eingehenderen Erkenntnis ihrer Umgebung zu kommen. Das war ja ihr frühere- Schulzimmer gewesen! Dort an der Wand hatte die Kuckucksuhr gehangen, und hier stand das alte Tafelklavier, auf dem sie ihre ersten Studien gemacht hatte. Hier war der Schultisch gewesen, und dort das lederne Kanapee — wie fremd und inhaltlos sahen sich die gegenwärtigen Prunkstücke des Gemaches an, diese gepreßten Sammetmöbel, die frisch aus einem Möbelmagazin gekommen und noch nie benutzt zu sein schienen, die zur Schau ausgelegten Prachtwerke auf den Tischen, die Paradebilder an den Wänden* Sie sank auf ein gesticktes Taburett mit vergoldeten Füßen, das vor einem Marmortischchen stand, und starrte schmerzlich' vor sich hin. Da wurde ihr Blick durch das Bildnis eines Mannes gefangen: es war eine Photographie Paul Lehmigkes in einem Aluminiumrahmen, die auf dem Tischchen stand. Sie betrachtete es aufmerksam. Und sie machte eine neue Entdeckung. Das war kein gewöhnlicher Kopf. War sie denn damals so blind gewesen, so ganz blind? Hatte sie gar kein Auge gehabt für die wahre Bedeutung eines Menschen? Das-war kein schöner, eleganter, vornehmer Mann, aber das war mehr. Ein interessanter Mann, eine ganze Persönlichkeit. Welch wuchtige, groß gezeichnete Linie um die stark gewölbte Stirn, welche Energie um Nase und Mund, um die Kinnpartie, und was war das für ein intensiver Ausdruck der Augen? Seltsame Augen! Weder schön an Form und Farbe, aber sie hielten einen fest. Was sagten sie nur? Es war etwas Dringendes, etwas Großes und zugleich etwas Einsames, Unverstandenes in diesen Augen. Traute hätte noch lange darüber nachdenken mögen, aber die Thür ging auf, und Alma Lehmigke trat ein. — Sie hatte augenscheinlich für die Gelegenheit Toilette gemacht, sie sah aus wie die neueste Nummer des Modejournals, und ihre Miene schwankte zwischen ablehnender Kälte, Herablassung und Neugier. Sie war eine schöne Frau, ohne Zweifel, mit der üppigen Gestalt, der Alabasterhaut und dem rötlich-braunen Haar; aber Traute beschlich ein kaltes Unbehagen in ihrer Gegenwart. „Gnädige Frau, ich kam hierher, um Ihren Herrn Gemahl zu sprechen in einer sehr dringenden geschäftlichen Angelegenheit. Zu meinem Bedauern höre ich, daß er verreist ist, darum wende ich mich an Sie mit der großen Bitte, den Vermittler für mich bei Herrn Lehmigke in dieser Sache zu machen." „Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte Alma, indem sie Traute aufforderte, neben ihr auf dem Prachtsofa Platz zu nehmen. , ,, „ Es war bitter, dieser Frau den ganzen Umfang ihres Elends zu bekennen, aber es mußte sein. Mit fliegenden Worten und bebender Stimme schilderte. Traute die Lage der obwaltenden Verhältnisse. »Wenn Ihr Herr Gemahl die Beschlagnahme nicht auf- hebt, find wir verloren, die Häuser kommen unter Sequester, und meinen Eltern, meinen armen, alten Eltern bleibt nickts. Ich flehe Sie an, gnädige Frau, vertreten Sie meine Sache bei Ihrem Herrn Gemahl, bitten Sie ihn in meinem Namen, uns noch einen Aufschub zu geben", stammelte Traute mit erstickter Stimme. „Ich will mit meinem Mann darüber reden, sobald er zurückkommt, kann Ihnen jedoch nicht versprechen, ohne weiteres für Sie Partei zu nehmen. Gegen den gesunden Berstaiid handle ich niemals. Sie haben ja selbst erfahren, Fräulein Velten, wohin das fuhrt. Wenn Sie es sich recht überlegen, können Sie wohl kaum verlangen, daß mein Mann aus Gutmütigkeit Ihren! Vater große Opfer bringt. Ich wüßte nicht, daß Ihr Vater, so lange er meinen Mann Nicht branchte, sehr freundschaftliche Gesinnungen gegen ihn gehegt hätte. Da war er zu vornehm für uns, und wer nicht «in Graf oder Baron tvar, der galt in seinen Augen Nichts. Na, uns konnte es ja gleich sein, wir konnten wohl ohne ihn bestehen, und was das Ende sein würde, wußte jeder vernünftige Mensch voraus. Wissen Sie, mit Ihrem Vater kann kein Mensch Mitleid haben, denn er ist selbst an allem schuld. Wer so wirtschaftet, wie er hier gewirtschaftet hat, nud sein Hab und Gut verschleudert, der verdient es, an den Bettelstab zu kommen. Und was hat er denn für feine Kinder gethan? Er hat Sie ja doch ganz unvernünftig erzogen, wie Prinzessinnen, für die nichts gut genug ist, als ob die Prinzen nnd Grafen nur so für Sie auf den Bäumen wachsen; und wenn er einmal die Augen zumacht, hinterläßt er Ihnen nichts als Schulden. Aber Schulden sind ja wohl vornehm, nnd es verträgt sich sehr gut mit der Ehre der großen Herren, andere Leute um ihr sauer erworbenes Geld zu bringen. Sehen Sie, mein Mann und ich haben andere Begriffe von Vornehmheit. Wir halten es für- viel anständiger, zu arbeiten und zur rechten Zeit auf unseren Vorteil bedacht zu sein, als Schulden zu machen. Gott sei Dank, wir haben es nicht mehr nötig, aber wir schämen nns keiner Arbeit, uitb wem wir darum nicht vornehm genug sind, der braucht ja nicht in unser Haus zu kommen. Wer die Leute kommen recht gern zu uns, und wenn wir sie einladen, sagt keiner ah. Sie hätten nur sehen sollen, wie liebenswürdig Herr und Frau Landrat von Kieselhart neulich auf unserem Diner waren; und Herr von Westernberg sagte mir die größten Elogen über die Geflügelpastete, als er hörte, daß ich sie selbst bereitet hätte. Na, und die Offiziere aus Scherenberg! Die reißen sich darum, bei uns verkehren zu dürfen. Im Winter luden sie uns zu einent großen Ball im Kasino ein, und halbtot haben sie mich getanzt! Der Oberst wnzte eine Quadrille mit mir. Meinem Mann wird der ganze Verkehr schon zu Piel, er läuft den Leuten gewiß nicht nach, aber man macht ihm überall den Hof." Leichenblaß und wortlos saß Traute bei dieser harten Lektion. ' Dahin war es also gekommen- Das mußte sie sich sagen lassen und dann noch demütig um Gnade bitten? Das war das Ende von der hochfliegenden, stolzen Gesinnung, in der fte aufgewachsen war? So schutzlos war sie jedem Steinwurf preisgegeben? Wo waren die Männer nun, die so hoch in ihren Augen ge- standen hatten? War keiner da, sie zu verteidigen und vor solcher Schmach zu behüten? Wo war das Bollwerk von Ehre, Adel der Gesinnung, idealer Weltauffassung und StandesbewUßtsein, auf das mau sie gelehrt hatte, ihr ganzes Leben aufzubauen? Tand, nichts als Tand, auf «and gebaut! Taube Blüten ohue Früchte, Edelsteine, aber kein Brot, um davon zu leben! Und sie konnte dieser Frau nicht den Rücken wenden, sie durste nicht den Staub von ihren Füßen schütteln, sie mußte bitten, noch einmal bitten! Ihr sterbender Vater Wartete ja auf ihre Hilfe und zählte oie Minuten bis zu ihrer Wrederkehr, ob sie ihm nicht Trost und Hoffnung bringen möchte. Frau Alma kostete in dieser Stunde einen süßen Triumpf. M lTn& sie wollte ihn ganz auskosten. Darum antwortete sie auf Trautes wiederholte Bitte etwas gnädiger; sie wollte sehen, was sich thun ließe, man sei ja kein Unmensch und hätte selbst mit dem Unverstand und der Thorheit der Menschen noch Mitleid. Darauf lud sie Traute freundlich zu einem kleinen Frühstück ein und führte sie durch alle Prachträume des ganzen Häufest nach dem stilvollen Eßsaal. Dort ließ sie ein opulentes Frühstück servieren, wobei sre sehr viele Dienstboten rn Bewegung setzte und fortwährend mit königlicher Miene Befehle erteilte. Ein Diener rn Livree, der sonst nur zu großen Festlichkeiten zum Servieren benutzt wurde, mußte während des Mahles hinter ihrem Stuhle stehen. , Schließlich führte sie Traute durch das ganze Haus, zeigte ihr ihre Ausstattung, alle Vorratsräume, den ganzen Reichtum, dessen Herrin sie war. Sie wurde sogar vertraulich und ließ Traute die Schlaf- gemacher bewundern, verriet etwas von den Geheimnissen des feuersicheren Werthheirn in ihres Mannes Stube und holte die Schätze ihrer Schmuckkassette ans Tageslicht. machte ihr so viel Vergnügen, das bettelarme Mädchen, die so tief gedehmütigte Nebenbuhlerin das ganz erdrückende Uebergewicht ihres Reichtums und ihrer bevorzugten Stellung fühlen M lassen, daß sie aufrichtig bedauerte, den Tag bei ihr znzubringen, nicht folgen konnte. Sie ging in ihrer Großmut sogar so weit. Traute in ihrer eigenen Equipage zur Bahn zu fahren. Sie hatte auf dem Lande als Gutsherrin angesangen, dem Sport zu huldigen, sie besaß ein Reitpferd und einen eleganten KUtschierwagen mit zwei Juckern von Rasse, außer dem Coupe und dem Landauer, sehr gegen den Geschmack ihres Gatten, der keinen d erartigen Luxus liebte, sondern Pferde und Wagen nur als Mittel zum Fortkommen benutzte und zur Arbeit. . In diesem Kutschierwagen, in dem sie selbst, in einem etwas auffallenden Sportkostüm, die Zügel führte, einen Groom hinten auf, begleitete sie Traute. Es war ihr eine süße Genugthnnng, ans der Chaussee vor Scherenberg einigen Offizieren zu Pferde zu begegnen, die sie begrüßten und dann bis zum Bahnhof nebenher ritten, und es geschah Trautens wegen, daß sie in einem übermütigeren Ton mit dresen verkehrte, als es sonst ihre Gewohnheit war. Traute kannte keinen von diesen Herren persönlich und verhielt sich gänzlich stumm und zurückhaltend, was Alma zur willkommenen Folie diente und ihre laute Unbefangenheit noch mehr hervortreten ließ. Die Offiziere wußten nicht recht, was sie aus dem schweigsamen jungen Mädchen machen sollten, und konnten mcht erraten, in welcher Stellung sie sich zu Frau Lehmigke befand, da letztere nicht den Takt besaß, sie sofort darüber aufzuklären. Sie zogen es darum vor. Traute zu ignorieren, um keinen Fauxpas zu begehen. Sie kamen eben vom Frühschoppen und in fröhlicher Weinlaune reagierten sie stark auf Almas herausfordernde Lustigkeit. Ein Hauptmann von Eckebrecht, ein Junggeselle von dem Typus der raffinierten Feinschmecker aller Lebensgenüsse, verkehrte mit der jungen Frau in einem.Ton, der Trante im höchsten Grade mißfiel und sie peinlich verlegen machte. Er neckte sie mit der Zügelführung, tadelte an dem Gespann, erbot sich, Alma Unterricht im Kutschieren zu geben, wobei allerlei freie Scherze über den Gatten, der nichts davon verstände, hinüber und herüber flogen. Er schlug bestimmte Unterrichtsstunden für die Woche im höheren Sport vor, und als Alma mit der Eifersucht ihres Gatten kokettierte, wurden die Scherze no,ch> freier. Schließlich fand ein kleines Trabwettrennen dieChaussee hinunter statt, und als man endlich sich verabschidete, lud Alma die Herren für einen der nächsten Tage zu einem Spargelessen mit Erdbeerbowle ein, was bereitwilligst angenommen wurde. Sie war so entzückt bei dem Gedanken, Traute gehörig imponiert zu haben, daß sie sich äußerst gnädig von dieser verabschiedete mit der tröstlichen Schlußbemerkung, es sei ein Glück für Traute, sie allein und nicht ihren Mann getroffen zu haben, denn dieser sei sehr aufgebracht gegen ihren Vater, und würde ihr seine Meinung nicht verhehlt haben. Traute atmete auf wie erlöst, als sie endlich wieder allein war, und sich mit geschlossenen Augen in die harte Sitzecke eines Wagens dritter Klasse drücken konnte. Es roch nach schlechtem Tabak und getheerten Stiefeln im Wagen, ihr gegenüber saß ein Arbeiter in schmieriger Bluse und neben ihr eine sehr dicke schwitzende Frau, die Fettige Butterbrote kaute, dazwischen Kirschen aß und die Steine über sie hinweg zum Fenster hinausspuckte, aber Traute war stumpf gegen solche Aeußerlichkeiten. Sie dachte nur immer an ihren totkranken Vater, und daß sie — 403 ihm keinen Trost bringen konnte. Sie dachte an das entsetzliche Wiedersehen d er alten Heimat und an Camills Worte : »Wenn es denn sein muß/' Und ihre Gedanken wanderten zu Frau Alma und Paul Lehmigke, sie hielt beide nebeneinander und grübelte über das vermittelnde Band zwischen ihnen. Sie fand keins. Dann maß sie Almas Persönlichkeit mit der ihrer Mutter, ihrer Schwester und sich selbst. Giebt es eine Gerechtigkeit? Und wo liegt nun der wahre Wert des Menschen? Ml diese quälenden Gedanken erstickten aber in d er Angst um das Unglück, das daheim ihrer wartete. Keuchend und ächzend jagte der SchUellzug mit ihr durch den staubigen Sommertag, und jeder heulende Pfiff der Lokomotive schien ihr wie ein Schpei, ein ungeheurer Schrei der Angst und Qual, der schaurig über die weite Ebene tönte. Endlich tauchten die Türme und Schornsteine von Leipzig auf, in einer Dunstschicht von Rauch und Qualm, in der die sinkende Sonne wie eine blutrote Feuerkugel hing, endlich brauste der Zug in die kohlenstaubige Einfahrts- Halle. Die dicke Frau steht in ihrer ganzen Breite an Fenster Und versperrt jeden Blick auf den Bahnsteig, sie hat bereits seit fünf Minuten dort Posto gefaßt, um zuerst mit ihren Schachteln und Körben zur Thur hinauszukommen, und sie war noch nie in ihrem Leben so erschrocken und empört, als sie plötzliche zwei zitternde Mädchenhände von rückwärts fassen und sie mit solcher Energie auf den Sitz zurückziehen, daß es keinen Widerstand giebt. Aber Traute stürzt an ihr vorbei, zur Thür hinaus, sie Hat ihren Bruder Armin in der Menge gesehen. Die dicke Frau zappelte noch auf dem Rücken und ächzt: „Das will eine feine Dame sein!" als Traute schon mit beiden Händen des Bruders Arm umklammert hat. ^„Armin! Armin!" Weiter kann sie nichts sagen, sie liest alles in seinem Blick, und die Geschwister halten sich in wortlosem Jammer Umfaßt. Sie werden von der hastenden Menge gestoßen, gedrängt und geschoben, aber sie sind in diesem Augenblick allein mit sich und ihrem Schmerz. (Fortsetzung folgt.) Eine verhängnisvolle Mitgift. Eine hübsche Schnurre erzählt Ernest Blum in seinem letzten „Journal d'un Vaudevillrste", in dem er durch die Ucberraschungen, die die Bilderverkäufe der letzten Zeit Mit sich gebracht haben, zu tiefsinnigen Betrachtungen angeregt wird. „Einer meiner Freunde", schreibt er, „hatte ein reizendes junges Mädchen geheiratet, das ihm als einzige Mitgift ein prächtiges Bild von Deeamps mit in die Ehe gebracht hatte. Sein künftiger Schwiegervater hätte ihm gesagt: „Ich kann meiner Tochter kein Geld mitgeben, aber ich gebe ihr einen Deeamps mit, den ich früher einmal für Lin Butterbrot von einem Künstler, der in der Klemme war, gekauft habe: er ist heute 50 000 Francs wert, und wenn Sie wollen, so können wir ihn ja von einem Bilder- Händler abschätzen lassen." Man ging in der That zu einem Mlderhäudler, Und dieser erklärte sich sofort bereit, 50 000 Francs für das Werk zu geben, und er meinte sogar noch, daß er sie dabei um 10 000 betrüge. Mein Freund war entzückt, und da er die Malerei lickte, und selbst auch fand, daß! es ein prächtiger Deeamps wäre, heiratete er oas junge Mädchen. Er war in der Ehe verhältnismäßig glücklich; nur war dabei, da alles doch nicht ewig rosig sein kann, und kleine Streitigkeiten kamen, der Uebelstand, daß die junge Frau niemals verfehlte, zu ihrem Manne zu sagen: „Schließlich hast Du mich absolut nicht um meinetwillen geheiratet, sondern nur wegen meiner Mitgift von 50 000 Francs!" Worauf der Ehemann erwidern konnte: „Deine Mitgift! Sie hängt ja an der Wand; was willst Du eigentlich, daß ich damit thun soll?" Eines Tages war er jedoch dieser ewigen Vorwürfe überdrüssig, ging wieder zu dem Mlderhändler und bat ihn, sein Bild noch einmal als Sachperständiger abzuschätzen. „Es ist noch immer 50 000 Francs wert, nicht wahr?" >,50 000 Francs? . . ; Im ganzen Leben nicht! Die Deeamps sind sehr gefallen, sie sind überhaupt nicht mehr in Mode, die Amerikaner wollen keine mehr, was alle Talente im Preise sinken läßt". „Und was ist denn mein Deeamps wert?" „Ich werde keine 15 000 Francs für geben, und überdies. . . ." Mein Freund ließ die Ohren hängen, und kehrte mit seinem Bilde und seiner Enttäuschung unter dem Arm nach Hause zurück; indessen machte er sich die Sache doch zu Nutze, indem er zu seiner Frau sagte: „Wenigstens wirst Du mir jetzt nicht mehr Deine 50000 Francs Mitgift vorwerfen, ich habe Dich für höchstens 15 000 Francs geheiratet, und ich verliere dabei!" Die Frau neigte jetzt ihrerseits das Haupt und wurde wieder lieb und sanft, denn sie begriff, daß sie ihren Mann auf diese Weise für den Verlust von 35 000 Francs von ihrer Mitgift schadlos halten mußte. Mein Freund gewann also im Grunde dabei. Ein Jahr darauf erschien aber der Bilderhändler wieder. „Haben Sie noch immer Ihren Deeamps?" „Meine Mitgift!" antwortete die junge Frau. „Aber gewiß, sie ist noch immer da." „Ich biete Ihnen dafür 60 000 Francs. Die Deeamps steigen wieder, sie kommen wieder in Mode; die Amerikaner beißen wieder an und haben fast Lust, einen Trust daraus zu machen." Natürlich war die Freude groß. Trotzdem schlug der Ehemann, der besonders schlau sein wollte, das Anerbieten aus. „Da mein Gemälde diesen neuen Sprung von 15 000 auf 60 000 gemacht hat, so wird es auch noch einen weiteren machen, wenn die Amerikaner wieder Geschmack daran gewrnnen." Aber von diesem Tage an fing die Frau wieder an, ihrem Manne nicht nur die 50 000 Francs, sondern die 60000 Francs und vielleicht sogar die 100 000 vorzuwersen. Und mein Freund sagte sich: „Ich hätte vielleicht besser gethan, das Gemälde ehemals für 15 000 Francs zu verkaufen, ich wäre dann we- nigstens in meinem Heim glücklich." Endlich, an einem verhängnisvollen Tage, als die Streitigkeiten zu groß geworden waren, ließ man den Mlderhändler wieder kommen, der 500 Francs für das Bild bot! Nicht nur die Amerikaner wollten keinen Decanlps mehr, auch die Engländer nicht, und natürlich dann auch die französischen Sammler nicht, die immer den Amerikanern und Engländer:: auf dem Fuße folgen. Jetzt konnte mein Freund seiner Frau vorwersen, daß er sie ohne Mitgift geheiratet hätte, was er aber als guter Mann nicht that. Nur hat er geschworen, daß er, wenn er sich wieder einmal verheiraten wird, niemals eine Frau nehmen wird, die eine Ware als Mitgift hat." Das aufgehobene Verlöbnis König Ludwigs II. Aus den persönlichen Erinnerungen des Freiherru v. Völderndorsf brachten wir bereits eine Probe. In der Fortsetzung erzählt der Verfasser folgende interessante Episode über die Aufhebung des Verlöbnisses König Ludwigs II.: Es war anfangs September 1867; ich wollte eben, nachdem es! 1 Uhr über der Arbeit geworden, und ich, seit 7 Uhr morgens im. Bureau beschäftigt, starken Hunger verspürte, mich nach Hause zum Mittagessen begeben, als der Bureaudiener kam: „Durchlaucht lassen bitten!" Da muß es etwas sehr Dringendes geben, dachte ich, denn mein Chef war immer so rücksichtsvoll, mir die Mittagsstunden freizulasseu. „Da lesen Sie, etwas Neues", empfing mich Fürst Hohenlohe, und reichte mir ein königliches Handschreiben, worin der König kurz mitteilte, er habe sich entschlossen, die Herzogin Sophia in Bayern, nut welcher er seit Mitte Januar des Jahres verlobt war, nicht zu heiraten. Er vertraue der „bewährten Geschicklichkeit des! Fürsten, diese Sache zur allgemeinen Zufriedenheit zu ordnen." „Ich habe mich sofort zur Audienz bei Seiner Majestät gemeldet", bemerkte der Fürst, „da kommt die Nachricht, wann ich empfangen werde", setzte er bei, als! die Rückkehr des in die Residenz geschickten Generalsekretärs gemeldet wurde. „Seine Majestät — meldete dieser — sind vor einer Viertelstunde ins Gebirge gefahren; wann er heimkommt, 404 ist unbestimmt, und wohin sich MajeM begeben, unbekannt." Wir sahen uns alle Drei an, und ich sagte: „Das wird unsere diplomatischen Beziehungen zu Oesterreich (Kaiserin Elisabeth war die Schwester oer Braut) wesentlich fördern." Der Fürst zuckte die Achseln. „Was will ich machen: das ist offenbar ein unabänderlicher Beschluß. Besser ist es doch noch immer so, als wenn mir nach einem Jahre die Erwirkung einer Scheidung aufgetragen worden wäre." „Ich bewundere die Fähigkeit Eurer Durchlaucht, jeder Sache eine gute Seite abzugewinnen", bernerkte ich, „das ist allerdings richtig, aber es ist ja gar kein Grund vorhanden, der den König berechtigt, sein Verlöbnis zu lösen." „Eben darum muß diese Lösung von Setten der Braut ausgehen", sagte der Fürst, „ich muß es so einrichten, daß sie einen genügenden Anlaß findet, zurückzutreten. Das wird nicht zu schwierig werden. Aber, da fällt mir eben ein, das Erste, um ivas ich Sie ersuche —. ich bewunderte im Stillen, wie umsichtig der hohe Herr auch an Kleinigkeiten dachte —, ist: gehen Sie sofort auf die Münze, und geben Sie Avis, daß vorerst die Ausprägung des Geschichlsthalers mit dem Doppelbildnis des Brautpaars sistiert wird. („Das gelang mir denn auch", bemerkt hierzu der Verfasser, „noch heute müssen die Stanzen unter Siegel liegen. Dagegen hat eine Privatanstalt lu jener Zeit eine Medaille mit den beiden Köpfen prägen rassen, die nunmehr als große Rarität gilt.") Dann aber machen Sie, daß Sie nach Hause kommen, und essen Sie ordentlich zu Mittag; denn heute wird es spät werden, bis Sie zum Souper kommen". Die Mittagsstunde war allerdings längst vorüber, bis ich zur zürnenden Gattin heimkam, und da icfy natürlich bas Amtsgeheimnis nicht verletzen durfte, hatte ich Mühe, nach zu rechtfertigen. Als ich aber sehr wenig aß, und gleich nachher wieder in das Ministerium eilte, meinte meine Frau kopfschüttelnd: „Das ist gewiß wieder ein recht verbrannter Pfannkuchen, um den Ihr solch' eine Wirtschaft macht." König Ludwig II. hatte die geschickte Hand, und den diplomatischen Takt des Fürsten nicht überschätzt; aber allerdings that er auch alles, was Letzterer anriet. Zuerst eine Hinausschiebung des Termins der Heirat mit dem Bei- fügen, daß die Absicht zu letzterer nach wie vor bestehe. Dann auf die Aufforderung, mindestens einen endlichen Zeitpunkt zu bestimmen, die ausweichende Erklärung, „dieser lasse sich mit Rücksicht auf die Gesundheit des Königs nicht wohl festsetzen." Das gab denn natürlich dem herzoglichen Hause den genügenden Grund, „unter solchen Verhält- nissen lieber das Verlöbnis als aufgelöst ansehen zu wollen"; welche Erklärung der König „mit dem tiefsten Bedauern" entgegennahm. So gelang es, die Angelegenheit zu ordnen, ohne daß eine allzu große Verstimmung entstand. Etwa ein Jahr darauf verlobte sich Prinzessin Sophie mit dem Herzog von Alenyon. Am 26. September 1868 war in Possenhofen — soviel ich mich erinnere — das Verlobungsfest. Plötzlich erscheint Seine Majestät in Begleitung der Kaiserin von Rußland und bleibt eine volle Stunde da, ohne im Mindesten zu fühlen, daß seine Anwesenheit höchst peinlich empfunden werde. Vermischtes« Hohe Patienten. Im Anschluß an die Operation des Königs Eduard erzählt die „Westminster Gazette" folgende Geschichten von hohen Patienten und ihren Ärzten: Der König hat nicht nur die besten Aerzte zur Verfügung, sondern er gehorcht ihnen auch aufs Wort. Das ist nicht mit allen hohen Patienten der Fall. Vor einem Jahre weigerte sich der Sultan ganz entschieden, eine Operation an sich vornehmen zu lassen, die ein Münchener Spezialist für notwendig erklärte. Abdul Hamid entließ den deutschen Arzt und vertraute sich wieder seinem eigenen Doktor an. Vor einigen Monaten verfiel er nun in einen solchen Zustand von Schlafsucht, daß eine Operation notwendig erschien. Er unterzog sich dieser Operation aber erst, nachdem er seinen arabischen Arzt auf den Koran hatte schwören lassen, daß schlimme Folgen ausgeschlossen seien. Dr. Lappoui hat mrt der Behandlung des Papstes manche Schwierigkeiten. Seine Heiligkeit verstößt häufig gegen die Vorschriften des Arztes in Bezug auf Ruhe und Empfang von Besuchern. Mr. Gladstone setzte großes Vertrauen in Sir Andrew Clark, Merschritt aber oft die ihm von diesemi im Interesse feiner Gesundheit vorgeschriebenen Grenzen. Man glaubt, daß Cecil Rhodes so früh sterben mußte, weil er die ärztlichen Vorschriften unberücksichtigt ließ. Dr. Schweninger, Bismarcks Arzt, duldete keinen Ungehorsam., Als er einst eine gewisse Diät vorgeschrieben hatte, fand er Bismarck eine verbotene Speise essend. Ohne ein Wort! zu sagen, ergriff er den Teller und warf ihn aus dem Fenster. Der Mann von Blut und Eisen war sprachlos, fügte sich dann aber. » Hohe Intelligenz eines Hundes. Ein Waidmann aus Flensburg giebt in der „D. I. Z." das folgende Erlebnis zum besten: Ich fuhr Anfang Juni d. I. des Morgens früh per Rad auf die Rehbockpürsche und nabm, wie gewöhnlich meinen etwa zweijährigen Brauntiger edler Abstammung mit. Als ich durch das Dorf F. fuhr, in welchem der Förster des fiskalischen Reviers wohnt, und bei welchem mein Hund im vorigen Jahre längere Zeit in Dressur gewesen war, stand die Hausthüre zur Wohnung des Försters offen, und mein Hund lief in das Hans hinein. Ich hatte nun bereits mehreremal den Hund, sobald ich' mein Rad in das Gehölz hineingeschoben hatte, bei dem Rad« abgelegt, um ihn nötigenfalls bei der Hand zu haben, weshalb ich so bei mir dachte, er hätte wohl den Aufenthalt im Hause beS: Försters dem Liegen beim Rade vorgezogen, und fuhr, da mir auch, die Zeit knapp war, ohne den Hundj zu rufen, durch das langgestreckte Dorf dem Holze zu. Hier angekommen, wählte ich für mein Rad einen anderen Ort, etwa fünf Minuten vor demjenigen entfernt, wo ich früher dasselbe eingestellt, und den Hund abgelegt hatte. Nach etwa drei Stunden kehrte ich zu meinem Rade zurück und fand dort zu meiner großen Ueberraschung meinen „Tell" bei demselben liegen. Er war mir also, nachdem er in der Försterwohnung die Hundeschüsseln eingehend revidiert hatte, die ca. lr/s Kilometer nachgelaufen, hatte an der Stelle, wo ich vom Rade abgesprungen war, mein« Spur aufgenommen und sich alsdann ruhig bei dem Rade hingelegt, ohne zu wagen, meiner Spur weiter zu folgen. Ei« «euer Berns. Aus Marien bad wird dem „Hann. C." geschrieben: Im hiesigen „Tagebl." bietet eine „intelligente Dame", die deutsch, englisch und französisch spricht, ihre Dienste als „Promeneure" an. Einsame Badegäste können also auf ganz, ordnungsmäßigem Wege zu! einer gewiß unterhaltsamen Begleitung auf den ihnen verordneten Spaziergängen gelangen. Die kühne Hinwegsetz- unq über sprachliche Engherzigkeiten, mit der der neue Titel gebildet ist, verspricht jedenfalls das Beste. Einige sozialpolitisch angehauchte Kurgäste haben bereits fest- gestellt, daß man es hier mit einem neuen Typus, dem der „ständigen Saisonarbeiterinnen", zu thun hat, die, wenn die Saison im rauhen Norden zu Ende geht, nach südlichen Gestaden. ziehen, um, wenn die ersten Lerchen schwirren, zu uns zurückzukehren. Die Erfindung der „Pro- meneuren" ist ein Beweis dafür, daß die Differenzierung der Berufe noch einer ungeahnten Entwickelung fähig M — eine Thatsache, deren sozialpolitische Bedeutung bet der zunehmenden Uebervölkerung nicht unterschätzt werde« darf. — ' Zahle« rätsel. (Nachdruck verboten.) 123345645748 vielersehnte Erholungszeit. 2 1 7 5 7 1 altägyptische Gottheit. 3 4 4 5 geographische Bezech ung. 8 2 14 1 alttestamentarische GestcM. 4 5 2 1 griechischer Gvtt. 5 2 14 Blume. 6 4 5 1 4 Teil des Fußes. 4 7 8 1 Zahlwort. 5 7 4 1 4 Märchcngestalt. 7 5 7 1 Teil des Auges. 4 7 1 4 8 Metall. 8 4 5 2 römischer Kaiser. (Auflösung in nächster Nummer.) Austösung des Wechselrätsels in vor. Nr.r Reck, Geck, Deck, Leck, keck, Neck. Redaktion: Curt Dlato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttats-Vuch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.