Mittwoch den 11. Juni. Nr. 85. 1902 WMMW DMSÄM W E^rN W adeln ist leicht; deshalb »ersuchen sich so viele darin. Mit Ver- M stand loben, ist schwer; darum thun cs so wenige. V Feuerbach. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Später als Armin und Traute zusammen eine große Kiste mit Arinins Steinsammlungen und anderen Schützen packten, lief Hulde allein hinaus in den Park. Es war, als erwarte sie etwas oder jemand, denn sie spähte immer wieder die große Allee hinunter, die auf die Landstraße führte, und achtete nicht des seinen, durchdringenden Regens, der ihr ins Gesicht sprühte. Sie zog den Regenmantel sester um die schlanke Gestalt Und ging rastlos in den Parkwegen auf und ab. Das tote Laub rauschte unter ihren Füßen und welke, verwaschene Rosen auf den Blumenbeeten sahen sie traurig an. Hulde schauerte zusammen, ein Frösteln ging ihr durchs Herz. Sie lehnte an einem Baumstamm unter dem schützenden ilvch vollen Blätterdach! und große Thränen liefen über ihre blasseli Wangen. Ach, wie that das Scheiden so weh und wie bang blickte sie plötzlich in die Zukunst mit einer ungelösten Frage im Plötzlich, horch! Was war das? Ein freudiges Aufleuchten ging über ihre Züge, ein Wagen rollte in die Einfahrt des Parkes. Er war es! Gewiß, ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen. Ein Mietswagen kam die Allee herunter, Hulde eilte ihm entgegen. Der Wagen hielt und ein junger Offizier in Leutnantsuniform sprang heraus. „Hulde!" weiter war er keines Wortes mächtig. Er sah das blasse, verweinte Gesicht und eine starke Erregung zuckte über seine hübschen, gutherzigen Züge. Der Wagen suhr langsam dem Hof zu und das junge Paar schritt ihm auf einem Umweg durch den Park nach. Der Leutnant, Egon von Lodenstein, ein Neffe von Frau Velten, war fast wie ein Bruder mit seinen Cousinen ausgewachsen und hatte stets eine starke Vorliebe sür Hulde gezeigt, die nur sechs Jahre jünger war als er. Doch war der Verkehr zwischen Vetter und Cousine bisher stets streng in den Schranken der Konvenienz geblieben, denn Frau Velten erlaubte ihren Töchtern auch, nicht die harmloseste Intimität mit jungen Männern. W war als ob das Leid, das über Huldes junges Leben hereingebrochen war, diese Schranke zum ersten Male niederreißen sollte. schrie fast entsetzt auf, ? Bist Du verrückt?" um Eure Einwilligung bitten." Sie vergast, den Vater über die Person chres Verlobten aufzuMren, und Herr Velten " "" 0 2 m' ' „Wa—«—as? Wer hat sich verlobt. ..... ... Egon hielt Huldes Hand fest in der seinen und streichelte sie unaufhörlich.' Tie ganze, tiefe Teilnahme seines warmen, übervollen Herzens lag in dieser zarten Liebkosung, die er sich noch nie bisher erlaubt hatte. Und Hulde, die sonst das Muster vornehmer Zurückhaltung war, die Egon noch nie ihre wahren Gefühle verraten hatte, in echt mädchenhaftem keuschen Stolz, der erobert sein will, ließ ihm heute ohne Widerstand 'die kleine, zitternde, kalte Hand. Ach> das Leid war zu groß, zu neu in ihrem Leben, sie brauchte den Trost eines Glücksjgefühls zu nötig und sie wußte, dcH sie an einer Krisis stand, die ihr entweder jede Hoffnung ihrer heimlichen Wünsche rauben oder dieselben erfüllen mußte. Ein leises Beben, ein Aufschluchzen ging durch ihren Körper. Sie hatte das Köpfchen gesenkt und sprach kein Wort, während der Regen über ihre Wangen und an den Falten ihres Mantels herniederfloß und ihr die blonden Haare naß in die Stirn hingen. Sie bot einen traurigen, rührenden Anblick, und das war zuviel für das liebeheiste Herz des jungen Mannes. In dem alten Lindengang war's, unter einer durch einen Blitzstrahl mitten entzwei geborstenen Linde, einem Lieblingsspielplatz ihrer Kinderjahre, wo er sie plötzlich fest an seinem Herzen hielt. Wie war es nur gekommen? Sie wußten es beide nicht und die Schauer der ersten Liebeswonne schlossen ihnen den Mund. Sie hatten nur den unaussprechlichen Blick der Liebe sür einander und ihre Lippen fanden sich bebend in dem ersten, scheuen Kuß, mit dem sie sich, wie sie wußten, auf Leben und Tod vereinten. Es bedurfte auch weiter keiner Worte zwischen ihnen, sie wußten genau, was nun geschehen mußte. Sie gingen geradenwegs in das Haus, die Eltern zu suchen. Und so geschah es, daß Herr und Frau Velten im dunklen Weinkeller bei einer qualmenden Oellampe, mitten in dem; prosaischen Geschäft, die Weinsorten zum Verpacken zu sondern, darum angegangen wurden, dem jungen Paare ihren Segen zu geben. Das Außergewöhnliche wurde jedoch nicht sofort von ihnen begriffen und bei der mangelhaften Beleuchtung erkannten sie Egon nicht gleich. „Lieber Papa", begann Hulde feierlich, „Ach!, Kind, gut, daß. Äu kommst, zähle doch mal schnell/ wie viel Flaschen Medoc dort in der Ecke stehen!" „Papa, ich komme nicht allein —" „Um so besser. Wer ist denn da noch? Ah, Fritz Krüger" (Herr Velten hielt Egons Uniform im Dunkel für die Livree° des Leibrutsch ers), „schnell, Fritz, Tu kannst hier die Kiste zunageln, und dann nimm doch mal den Besen —" er drückte Egon den Besen in die Hand, da lachte Hulda laut auf: t „Wer Papa, wir haben uns ja verlobt und wollten Euch 338 ich stand ja , u________ ... _____u_... „Ich hatte ein rosa Tüll kleid "an mit Moosrosen, Es war an demselben Tage, als die alte Gräfin Haken-- In der nächsten Sekunde klärte sich das' Mißverständnis auf, und tit dem alten, dunklen Keller unter Weinflaschen und Spinnweben spielte sich nun eine rührend schöne Fa- nnlrenszene ab. Aber Herr Velten mußte sich doch erst einen Augenblick. aus die nächste Weinkiste setzen, ehe er seine Fassung wiederfcmd, so war ihm der Schreck in die Kniee gefahren. Und zur allgemeinen, unendlichen Belustigung sagte er spater in der Zerstreutheit zu Hulde: „Liebes flE, wenn Du D-ich eiiinial wieder verlobst, drücke Dich doch ja gleich etwas deutlicher aus." Egon war immer ein großer Liebling in Brantikow gewesen, und das Elternpaar Velten zögerte keinen Augenblick, seine Einwilligung zu dieser Verbindung zu geben, trotzdem der künftige Schwiegersohn nichts als ein Se- kondeleutnant war, der noch von der Zulage seines Vaters lebte. An eine Heirat war fürs erste nicht zu denken, aber das Paar war noch jung und konnte warten. Herr und Frau Velten strahlten beide von freudigem Stolz, einen preußischen Leutnant als Schwiegersohn zu bekommen und Frau Velten empfand es als eine süße Genugthuung, daß llsre Tochter dereinst wieder ihren eigenen geliebten Mädchennamen „von Lodenstein" tragen sollte, auf den sie immer noch heimlich stolz war. Das Glück des jungen Paares !var ein unendlicher in dem allgemeinen Herzenskummer und Traute ime Armin hatten sogar wieder «eine Anwandlungen von Uebermut. Beide waren sehr überrascht, als sie, eifrig mit dem Einpacken ihrer Kiste auf einem Vorflur beschäftigt tgulbe und Egon Hand in Hand eintreten sahen und dahinter die Eltern, den Papa mit einer dickbäuchigen Flasche Sekt rin Arm, tote ein Kellermeister mit einer blauen Schürze angethan und einer seltsam feierlichen Miene, d« Mama heimlich ein Thränchen trocknend in ebenfalls nicht sehr saloumäßigem Aufzug. ist lo8""^^ter!" rief Armin aufspringend, „was Traute wußte in einem Augenblick, trag- geschehen war. „Hulde! schrie sie auf und flog der Schwester lacheiid uitb toetnenb in bie Arme. Armin stand immer noch mit offenem Munde und war seiner Sache nicht ganz sicher. c Eer Junge, so gratuliere doch!" rief der Papa fröhlich und gab seinem Sohn einen herzhaften Klaps auf die Schulter. 3 _ "Hurrah!" schrie Armin, „das ist famos! Tas ist wirtlich fams!" Und nun gab es ein allgemeines Umarmen und Küssen. Auf dem Kistendeckel wurde der Sekt entkorkt, Traute brachte schnell die Bauerntassen herbei, aus denen man vorher Kaffee Mrunken, und mit diesen stieß man auf das Wohl des Brautpaares am _ r, dlisin gönnte sich ein halbes Stündchen Ruhe, um btt Erste Freude zusammen zu genießen. Braiitpaar saß in der Mitte auf einer bereits geschlossenen Kiste, Armin und Traute hockten zusammen auf etnem Heubüudel, bas zum Verpacken bienen sollte, und bte Ellern auf bem einzigen anwesenden Schemel. Traute behauptete, es wäre zum Photographieren, Arntm sagte in jedem Satz dreimal „Schwager" und die Eltern waren in weicher, gerührter Stimmung. Herr Velten schlang den Arm um seine Frau: „Weißt Du noch. Klärchen, wie wir uns verlobten? Wie die Zell vergeht! Mir ist's, als wäre es gestern gewesen!" . t^au Veltens Augen leuchteten auf. „Ja, das war «in bischen anders tote heute! Es war auf dem Ball beim Onkel General. Der Prinz Hohenloh war da und er war der erste, der mir grckkulierte. Er sagte — was sagte er doch, Theophil?" Frau Velten wußte ganz genau, was er gesagt gatte, und bte Kinder kannten alle bie Geschichte aus- toenbtg, bte immer bei Familienfesten erzählt wurde, ober sie hörten sie alle immer wieder mit demselben Vergnügen. 1 fagte: „mein gnädiges Fräulein, ich bin ent» ruckt, daß die Schönheit zu unserer Fahne schwört", ergänzte Herr Belten. „Ja, Eure Mama war schön an dem Tage", fuhr er mit zärtlichem Stolz fort, „und stand ja im Regiment des Prinzen." berg von mir sagte: ,1a belle petite en rose danse la valse parfaitement bien!*" erzählte Frau Velten. „Und der unser Brautführer auf der Hochzeit, es waren s chs Exzellenzen, zwei Prinzen und vier Grafen in unserem rVl-tlblLgLlU " In diesem Augenblick trat Graumauu ein. „Gnädiger, Herr, zwei Packlliechte sind betrunken und prügeln sich-/ und bie Fuhrleute fluchen unb sagen, bret Möbelwagen seien zu wenig für all bie Sachen." §err Velten erhob sich mit einem Seufzer. Tie rauyL Wirklichkeit zerstörte unbarmherzig bie schönen Erinnerungen an eine sonnige Vergangenheit. „ „Ach", sagte Traute mit einem Seufzer, „der arme Alte in, dem kleinen Kreis empfanden in diesem Augenblick bitter den grausamen Schicksalswechsel. Mer bei. der fügend siegten Mut und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. ' Nur Frau Velten ging mit tief sorgenvoller Miene °u die Arbeit zurück. Wie stolz, wie kühn war ihr Lebensschiffleln hinausgesegelt in wolkenloses Blau und als welch trauriges Wrack trieb es jetzt einer trüben Zukunft entgegen! Es bedurfte ihres ganzen Gottvertrauens, um ihren finkenden Mut aufrecht zu halten. Viertes Kapitel. , Tte Abschiedsstunde kam mit ihrem Bitteren Herzweh, mit jenem herben, zweischneidigen Schmerz, der seine Narben zurückläßt. Im grauen trüben Dämmerlicht hielt der Wagen vor der Hausthür, der die Familie Velten zur Bahn bringen sollte. Zum letzten Mal! Tenn Wagen, Pferde, Kutscher, Diener, alles blieb in Brantikow zurück und ging an den neuen Herrn über. Der prächtige, große Landauer, den mau so gern Schabt hatte, bie lieben braunen Kutschpferde, die jedem einzelnen in der Familie aus Herz gewachsen waren — ach, und Fritze Krüger und Graumauu! Tie saßen beide auf dem Bock als sollten sie heute ihr Liebstes zu Grabe fahren. Man hatte mit dem Mittagszuge abreisen wollen, aber bie Möbelwagen kamen nicht zur rechten Zeit fort und so mußte man bis zum Abendzuge warten. Da traf, um den Kelch des Unbehagens voll zu machen, Paul Lehmigke am Nachmittag ein, der bte Familie bereits am Morgen ab gereist glaubte. Wahrscheinlich empfanb er bas Peinliche ber Situation ebenso lästig, aber er trug eine ruhige Gleichgiltigkeit zur Schau. Er fing an sich in einem der leeren Zimmer des Hauses mit bem Notwendigsten einzurichten was er mit» gebracht hatte. Es war ein Parterrezimmer der Vorder» front. Er suchte die Familie Velten nicht auf, unb begrüßte sie nicht, doch war ein Zusammentreffen nicht zu vermeiden. Einmal kamen Hulde und Traute mit blassen, verweinten Gesichtem die Haustreppe herab, um einen letzten Bang durch den Park zu machen, da stand er unten im . ansflur unb ließ von einem Knecht seine Gepäckstück« in das Zimmer tragen. Man grüßte sich formell unb Traute empfanb in diesem Augenblick mehr als Abneigung gegen ihn. Wie unvorteilhaft er aussah mit bem harten, verschlossenen Ausdruck, dem scharfkantigen Kopf auf der gedrungenen Figur und tote häßlich dieses Reisekostüm! Der alte Paletot unb bte abgegriffene Geldtasche am Riemen. Ganz tote ein Passagier der dritten Klasse! Wie taktlos, bereits Einzug zu halten, während sie noch im Hause waren! Später ereignete sich sogar etwas Unangenehmes. Herr Lehmigke junior ließ Frau Velten um Audienz bitten. Er trat etwas brüsk in das leere Zimmer, in dem Frau Velten mit ihrem Reisegepäck beschäftigt war, und sagte ohne viele Zeremonie: „Ich sehe soeben, daß Ihre Leute die Küchengerätschaften aufpacken wollen, trotzdem im Kontrakt ausbedungen ist, daß die Küchen-Einrichtung nicht entfernt werden soll. Ich muß doch sehr bitten, die Kontraktbedingungen einzuhalten." Frau Velten richtete sich hoch auf und war ganz vornehme Dame, als sie mit ausgesuchter Höflichkeit erwiderte: „Ich bedaure unendlich, Herr Lehmigke, wenn hier ein Irrtum vorliegt. Ich habe nichts von diese? 339 Klausel des Kontrakts gewußt, werde aber sofort meinen Mann fragen." Es stellte sich heraus, daß Herr Belten allerdings von dieser Bedingung wußte, die er aus kavaliermäßiger Gleichgiltigkeit auf Kleinigkeiten eingegangen war, die er ebenso vergessen hatte. Die Lehmigkes hatten ihm auf diese Weise allerlei kleine Vorteile abgerungen. Paul Lehmigkes Miene, als wäre er einem absichtlichen und bewußten Zuwiderhandeln gegen den Kontrakt noch zur rechten Zeit auf die Spur gekommen, empörte die ganze Familie Velten bis aufs Blut und war ein bitterer Tropfen mehr in dem Kelch ihrer Trübsal. „Krämerseele!" sagte Herr Velten nur verächtlich, als er durch das Fenster gewahrte, daß Paul Lehmigke sich bei den Möbelwagen aufstellte und jedes Stück prüfte, das noch aufgeladen wurde. „Paulchen, nur nicht bange!" zitierte Arnim höhnisch, der sich bereits das geflügelte Wort angeeignet hatte, und Egon, der Leutnant, fragte, ob er nicht hinuntergehen und dem Kerl alle Knochen entzwei brechen sollte. Hulde und Tante liefen durch den Park. Zum letzten Mal! Die lieben alten Spielplätze — die Bäume — die sterbenden Blumen — lebt wohl, lebt wohl! auf immerdar! Sie waren bereits in ihren Reisemänteln und jetzt horten sie den Wagen vor das Haus rollen, der sie nach der Bahn bringen sollte. Trante riß sich los und stürzte nach dem Hof. Sie lref m den Pferdestall — da stand ihr Pony, ihr lieber, «r Hansel! Sie flog ihm an den Hals, fast mit einem Aufschrei, der niedergekämpfte Schmerz machte sich gewaltsam Luft — beide Arme um das treue, gute Tier legend, weinte sie zum Herzbrechen. „Traute! Traute!" rief man vom Hans her. Was nun kam, war ihr später wie ein Traum. . Vater und Mutter kamen Arm in Arm in ihren Rersemäutelu die Treppe herab. Waren sie das wirklich? Sre sahen so merkwürdig alt aus, so still und ruhig, tote man Wohl hinter einem Sarg hergeht. Aber ehe sie in den Wagen stiegen, sahen sich beide um. Ja, das Haus! das liebe, alte Haus, es hatte ia rhr Glück gesehen. Maute taumelte in den Wagen, sie sah sich nicht um, sie konnte nicht, oder sie hätte laut aufgeschrieen. Sre sah nur wie durch -einen Nebel Hulde folgen und -dre alten Dienstboten drängten schluchzend noch an den Wagenschlag — nur noch einen Handkuß, noch ein Lebewohl! — Da — o Gott — da war noch der alte Hektor, Papas Lleblrngshund, der hatte sich losgemacht, trotz des strengen Befehls, ihn an der Kette zu halten. Er sprang winselnd am^ Wagen in die Höhe — es zuckte über Herrn Veltens Ge,icht und er winkte nervös mit der Hand ab. Der Hund wurde abgeführt. Jetzt. rollte der Wagen zum Hofthor hinaus, Egon und Stemm folgten in einem Jagdwagen. Leb wohl — leb wohl — auf immerdar! Der Wind seufzte um das alte, öde Herrenhaus und erzählte, daß der Sommer tot sei und die Rosen gestorben. (Fortsetzung folgt.) Auf der Musi. Skizze von Lina Lei dl. Nachdruck verboten. nachmittag gehts Keglham zu, gelt?" fragt der ^mgnmgrrgl den Schnerderandrä, aus dessen dargeveichtem „^abaksglasl er eben eine „Pris" zu sich genommen W der, indem er selber einen Handballen LS.. "Schmalzler" unter die aufgeblähten Nasenflügel chhrt. „Ich bm nrt aufgelegt dazu, kannst Dirs eh denken zwegen was." . 1 'r5Lmei”f/ HLbet G-tegl geringschätzig. „Dies wirst J H ,etne Weil runter hängen lassen! — Bleibst , mutterseelenallein sitzen daheim als wie ein -LL ,Lon schön — zwegen einem solchen lausigen Weiberleut da! Als wie Wenns nit noch genug andere geben thät!" , ,, ^mrst leicht schwatzen", seufzt der Andrä. „Du öms noch nre empfunden wie einem da zu Mut ist, wenn man auf eins „traut" und „baut" und auf einmal nachher wahrnehmen muß, daß man der „Hirsche Der Schnerderandra, em arbeitsamer, sauberer Bursch hatte namlrch erst vor kurzem bitteres Liebesleid durch- zukampfen gehabt. Weil eben der Vater seines Dirndls" der Holzbaumbauer, mit einem Schlag der Liebschaft ein End gemacht hat und drauf bestanden ist, daß die f° hat dem Andrä sein Schatz geheißen, einen 'großen Bauernsohn geheiratet und ihn, den armseligen Schlucker aufgegeben hat. „Uii — dalda, Un — dalda, Tra — di-ri ritata — —; Nudl auf d'Nacht — Knödl auf d'Nacht — und a Bratl a!'< So und in noch vielen verschiedenen und doch wieder wie ein Ei dem andern gleichenden Variationen schallt es vom Wirtshaus in die dämmerige Stille des Dorfes hinaus. Ungezählte Paare, die Mannsleute den Hut fest auf den Kopf gedrückt, den brennenden Glimmstengel im Munde; die Weibsbilder das steifgestärkte, weiße, au den Eckell mit rot und blau gestickten Sprüchen verzierte „Sack- tüchl" in der ausgespreizten Hand flattern lassend, schieben sich in dem niederen, rauch- und dunstgeschwängerten Saale rundum. Und immer noch strömen neue Besucher dem hell-- erleuchteten Wirtshause zu. Auch der Schneiderandrä, bei dem die Ueberredungs- kunst seines „Spezels" gesiegt hat, nimmt teil an der „Lustbarkeit." Er hat aber keinen Gefallen dran und schon nach kurzem reut es ihn, daß er sich- hat beschwätzen lassen und hingegangen ist. Zu gewaltig haben ihn hier die Erinnerungen „übergangen". Hat er hingeschaut, wo er wollen hat, alles hat ihn an „seine" Rest gemahnt. Wie schnakerfidel fiel noch gewesen ist auf der letzten „Musi" wo er sie hingeführt hat! Er meint, er sieht sie heut noch stehen, da vorn im Saaleck, wie sie, die kugelrunden Arme leicht in die Hüften gestemmt, sich nach dem Takte der Musik wiegend, mit blitzenden Augen vor sich hingesungen hat« „A so muß maus machen: Schön stad muß man lachen, „Ja, ja" muß man sag'n Und für'rr Narrn muß man's hab'n!" Es ist auch grad gewesen als wie wenn sie alle Burschen, die sich nicht schlecht um das saubere, ver- mögliche Dirndl „gerissen" haben, zum Narren gehabt hätt und — ihn, den Andrä noch zum besten. Aber nein, da hat er ihr unrecht gethan — ihn hat sie nicht zum Besten gehabt; ihn nicht. Er weiß, wie gern sie ihn gehabt hat und wie sie sich „abtrentzt"*) hat derselm, wie ihr ihr Vater, der Holzbaumerbauer seinen Willen zu wissen gemacht hat und auch drauf bestanden ist, daß sie den von ihm bestimmten, „geringen'* Hochzeiter genommen hat. Ja, und weil es also dem Andrä gar nicht „gleich'« gesehen hat auf der „Musi", drum hat er den festen Vorsatz gemacht, daß er, sobald als möglich wieder „abschiebt", das heißt, wenn er sein „Maßt" austrunken hat. „Aber da trifft man einen Seltsamen an!" hat sich auf einmal hinter des Burschen Rücken eine Stimme vernehmen lassen und wie der sich verwundert um- schaut, kommt ein anderer junger Bursch, der Rotbuch- ner Lenz, auf ihn zu. „Traust Dir leicht doch noch unter die Leut?" fragt er unter hämischem Augenzwinkern. Der Rotbucher Lenz, das war der Bruder des jungen Bauern, den man der Holzbaumer Resl als Mann auf» gezwungen hatte. Hatte der Andrä schon von jeher keine besondere! Sympathie für den protzigen Bauernsohn, so mochte er denselben seit dem Zeitpunkt, wo er „seiner" Resl Schwager geworden, erst recht nimmer leiden. Kein Wunder, daß es ihm bei dessen verfänglicher Begrüßung gleich „hantig" aufgestiegen ist, zumal der Andrä auch noch ein wengerl auf der „hitzigen Seite'« gewesen ist. „Du — gelt — thu mich nit so dumm anreden!'* verwarnt er deshalb unter aufsteigender GesichtsrötÄ den Lenz. „Zwegen was soll ich mir denn nimmer! *) abgeweint. 340 unter die Leut trauen? — Hab ich leicht was G'fehltes angestellt?" „9ta, na — fragen wird man doch noch dürfen, ich hat halt grad gemeint", lenkt der Lenz eüt. Dann sich neben den Lenz breit und ungeniert niederlassend, schreit er die eben vorbeikommend-e Kellnerin an: „Thu mir mein Bier auf den Tisch her da und nimm für den Andrä auch eine Maß mit — auf meine Rechnung!" „Sauf Dein Bier selber, ich brauch nix von einem solchen Protzen!" lehnt der Andrä die Gastfreundschaft ab. „Hihihihi!" kichert der Angeredete nicht im mindesten beleidigt. „Nachher bleibt mir fein mein Geld, frag auch nix darnach. — Aber gelt, dies hat Dich halt doch recht nentisch gewurmt, daß Dir beim Resl der Schnabel so sauber geblieben ist? — H ah ah aha! — Hast gemeint, es braucht sonst nix als wie her und auf den Baum auf ft! — Ja mein, solche Narren gab es noch mehr. Drum ntuß mau halt alleweil auf dies Sprüchl einen Bedacht haben: „Schuster bleib bei Deinem Leisten!" Wie wird sich denn ein „Häuslmann" bei einem großen Bauern als Schwiegersohn anmeldcn dürfen? — Dies hältst Du Dir doch schon in der Erst abfingerln können, daß der----" Klatsch—hatte der Rotbuchner Lenz Schneider-Andräs Bier mit samt dem Krug im Gesicht, daß ihm die Scherben stecken blieben. Und als habe man im Tanzsaal auf dieses Signal gewartet, so gings nun los. Hageldicht fielen die Hiebe mit Fäusten und Stöcken. Maßkrüge und einige aus dem „Nebenzimmer" herbeigeholte Stühle dienten als Wurfgeschosse. Auch die Musikanten, deren brillante Leistungen so plötzlich unterbrochen wurden, blieben keine müßigen Zuschauer, sondertt sie bemühtet: sich nach Kräften den Streit zu schlichten, und möglichst viele Beulen an ihren Blech- rnstrnmenten einzuheimsen. „D'Obrigkeit kimmt!" donnert nun eine Stimme zur offenstehenden Saalthüre hinein — „Aus ist's — ich bin gestochen!" tönts mit lautem Aufschrei aus dem wirren, sich am Boden herumbalgenden Knüttel und im 'selben Moment wankt ein junger Bursch, von zwei anderen gestützt, kreidebleich und blutüberströmt der Thüre zu, vorbei an dem in vollster Amtswürde dortstehenden Ortspolizeidiener, die Treppe hinab und dem sich vor dem Wirtshaus auf der „Gred" befiudlichen, steinernen Wasser- troge zu. „Fehlts weit, Han Jakl?" fragt einer der Begleiter den Verwundeten mitleidig. „Bluten thust als wie eine Sau." - Nein, es fehlte nicht weit. Nachdetn die „Montur" und das Gesicht draußen am Brunnentrog vom meisten Blut gereinigt waren, stellte sich heraus, daß nur die eine Ohrmuschel entzwei geschnitten war. „Na„ wann es sonst nix hat, nachher trinken ivir noch ein „Maßl" auf den Schrecken auffi!" seufzt der Verletzte erleichtert auf, und hinein gehts wieder in Gam- brinns' geweihte Hallen. Dort hat inzwischen eine robuste Hausmagd die letzten Spuren der Verwüstung im Tauzsaal hiitweggeräumt und: „Utt — dalda, Un — dalda, Tra — di -i ritata —" Nudl,auf d' Nacht — Knödl auf d' Nacht — und a Bratl a!" tönt es den Wiederkehretiden Entgegen. — GemeßirnÄtzrgss. Koh len o xy d v e r gif tun g durch T a b a k r a n ch. Man sollte wirklich meinen, daß es schwer wäre, zur Auklage und zur Verteidigung des Tabaks, noch etwas Neues zu sagen, aber es scheint sich doch noch jemand gefunden zu haben, der das große Register der Anfeindungen gegen die „Rauchsucht" noch um ein neues Glied vermehren zu können glaubt. Daß der im Tabak enthaltene chemische Stoff, der nach der wissenschaftlichen Gattungsbezeichnung der Pflanze (Nicotiana) den Namen Nikotin erhalten hat, zu den Giften gerechnet werden muß, ist allerdings unbestritten. Wenn das Nikotin mit den Schleimhäuten des Mundes und Halses in Berührung kommt, so reizt es sie bis zur Entzündung, verursacht Heiserkeit, ferner auch nervöse Erscheinungen usw. Andererseits lehrt jedoch die Erfahrung, daß bei einem nicht übertriebenen Tabakgenuß die schädlichen Wirkungen des Nikotin so geringfügig sind, daß von einer Schädigung der Gesundheit nicht gesprochen werden kann. Der Hygieniker Pommerol hat nun aber herausgefunden, daß der Tabak außer dem Nikotin einen bisher gar nicht gewürdigten Stickstoff enthält. Er ist zu dieser Ueberzeugung durch die Beobachtung gekommen,' daß die Krankheitserscheinungen bet Zigarettenrauchern eine große Aehnlichkeit mit denjenigen besitzen, die sich als Folge der Einatmungen von glühenden Kohlen bei Köchinnen, Plätterinnen usw. gelegentlich zeigen und in Blutleere, Appetitlosigkeit uud Nerveuafiektionen bestehen. Auch die Folgen für das Allgemeinbefinden sind angeblich in beiden Fällen ähnliche; Gedächtnisschwäche, eine gewisse Gedankeitträgheit, unbezwingliche Schläfrigkeit u. a. m. Tie Zigarettenraucher haben namentlich die Gewohnheit, den würzigen Rauch eiuzuschlncken, der in einer Mischung der Berbremtungsgase des Papieves und des Tabaks mit der Atemluft besteht, und lassen ihn bis in die tiefsten Verzweigungen der Atmungswege eindringen. Nun ist aber im Tabaksrauch, wie in jedem Rauch, Kohlenoxyd enthalten, und zwar in beträchtlichen Mengen, und die Zigarettenraucher verschlucken auch dieses durch seine Giftigkeit besonders berüchtigte Gas. Dadurch entsteht eine langsame Blutvergiftung. Alle anderen Arten des Tabakgenusses sind weit weniger schädlich, weil dabei der Ranch nicht eingesogen wird. Kohlettoxydvergiftung durch Tabak- rauch will Pommerol aber auch als Berufskrankheit bei den Personen festgestellt haben, die sich zum Zwecke der Bedienuug bett größten Teil des Tages in verräucherten Räumen aufzuhalten haben. Soweit hat er zweifellos recht, als das Verschlucken des Rauches beim Zigarettengenuß nicht oft und nicht strenge genug verurteilt werden kann. Bei seiner endgiltigen Wirkung wäre das Kohlenoxyd bei dieser Art des Tabakrauchens sogar verhängnisvoller als das Nikotin, da dieses nur örtliche Entzündungen hervorruft, während jenes zu einer langsamen Zersetzung des Blutes und zu eigenartigen Störungen des Allgetnein- befindens führt. Gewöhnung zur Thätigkeit. Sobald ein Kind soweit entwickelt ist, daß es die Hilfeleistungen anderer nach und nach entbehren kann, sollte man es daran gewöhnen, andern Hilfeleistungen zu gewähren. Wieviel leichte Arbeiten gießt es in der Küche, Hof und Garten, die auch von Kinderhänden verrichtet werden können! Wer die Gewöhnung zur Thätigkeit fehlt leider nicht selten. Manche Eltern meinen, ihre Kinder seien zu „gut", zu „fein" dazu, tut Haus, Hof uud Garten mit Hand anzulegen. Sie wissen gar nicht, wie sich das Kind freut, wenn es an ihm zusagender Stelle Mitarbeiten kann als ein Rädchen im Wirt- schaftsgetriebc. Freilich, wenn das Gift jener thörichten Meinung von dem „Zu gut" und „Zn fein" erst in die kindlichen Seelen hiueingesät ist, dann wächst darin der Hochmut, und statt anderen behilflich zu sein, läßt sich das verwöhnte Kind von anderen bedienen. Die Frucht einen solchen Erziehung sind dann z .B. jene — übrigens gar nicht seltenen, schreibt der „Praktische Wegweiser", Würzburg, — erwachsenen Töchter, die der Mutter alle häuslichen Arbeiten überlassen, selbst aber mit einer „Handarbeit" oder gar mit einem Romane die Zeit totschlagen. Buchstabenrätsel. (Nachdruck verboten.) Im Wald und auf der Haide Das Kleine ist alleine; Jedoch im Alltagskleide, Da stecken alle beide, Das Große wie das Kleine. Es sitzt in jedem Wagen, Man trifft's bei jedem Stand. Man hat es stets im Magen Und stets auch in der Hand. Doch wer es hat am Bart, Ist von besondrer Art. (Auflösung in nächster Nummer.) Austösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.r ZORN OBOE ROHR NERZ Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.