Nr. 53. 1902. ® l'-i SRI Freitag den 11. April- A * - he man tadelt, sollte man immer erst versuchen, ob man nicht Lichtenberg. entschuldigen kann. (Nachdruck verboten.) • Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Vetter Thomas war inzwischen leider ein ziemlich lockerer Bursche geworden. Bollblütig, gesund, durchströmt von unbändiger Naturkraft, hatte er sich in der Stadt und auf dem Lande umhergetrieben, hatte Kegel und Billard gespielt, Champagner getrunken, Scherz mit den Kellnerinnen getrieben und Händel mit kampflustigen Nebenbuhlern gesucht; aber trotz aller seiner Wildheit war der Kern in ihm gesund geblieben, das sah Helene an dem reinen, herzlichen Blick seiner Augen, als er um sie warb, und sie glaubte auch zu erkennen, daß auf dem Grunde seiner ungehobelten Natur ein schimmerndes Gefühlsleben liege, das unter günstigen Bedingungen sich mit starken Atemzügen heben und die Decke der Roheit sprengen würde. Eine Zeitlang hing die Angelegenheit in der Schwebe, denn sie wollte ihm unter keiner Bedingung ihre Hand reichen, bevor sie mit den Eltern Rat gepflogen hätte. Sie befand sich in großer Bedrängnis. Sie hatte Thomas von Herzen lieb und sie wußte, daß sie es auf dem Mühlenhofe gut haben würde, aber trotzdem--In ihrer Ratlosigkeit reiste sie schließlich nacy Haufe und legte den Eltern die Sache vor. „Dabei ist nichts zu denken", hieß es sofort mit dem festen Klang väterlicher Autorität, „einen solchen Antrag lehnt man nicht ab." So gab sie sich denn Thomas mit ihrem zwanzigjährigen Kinderherzen hin, und da ja zu einer Verlobung nun einmal Träume von Sonnenschein und Rosenduft gehören, ließ sie dem Lichten in ihrer Natur die Oberhand und schaute freudigen Herzens der Zukunft entgegen. Es war auch alles gut gegangen. Freilich hatte er nach einige schlimme burschikose Angewohnheiten, die ärgsten aber hatte sie mit sorgsamer Hand zu entfernen gewußt und seine Lebenslust in neue Bahnen gelenkt. Ihrem Wunsch gemäß hatte er sich während des letzten Jahres in Kopenhagen aufgehalten,, um sich aur die landwirtschaftliche Hochschule vorzubereiten, aber zu iyter großen Ueberraschung hatte er ihr jetzt gemeldet, daß er das Studieren an den Nagel gehängt habe, „sintemalen er eine Dampfmühl« in Malmö gepachtet hätte". Ihr Kopf schmerzte von dem Druck gegen die Mauer. Sie erhob den Kopf und sah Lum Fenster hinaus; im selben Augenblick strömte ihr das Blut in die Wangen, sie stand auf und nickte. Tie Thür wurde aufgerisseu, ein großer, roter Bursche strömte herein und öffnete seine Arme drei Ellen weit. Im nächsten Augenblick verschwand rhr Gesicht in einem Wald zigarrenduftender Haare und ein paar dicke, warme Lippen wurden aus ihren Mund gepreßt. „Ach Thomas!" bat sie. , Aber wieder und wieder preßte er sre gegen seinen Mund. „Tu süßes — schönes — geliebtes Mädchen! Ich wußte ja nicht, daß Du schon nach Hause gekommen seiest!" Glücklicherweise trat ihre Mutter ein, so daß sie für diesmal von dem gualvollen Tode befreit wurde. „Guten Tag, Schwiegermutter!" „Ach, nein, nein, nein, Thomas, ich habe Kopfschmerzen." _ „Ja, ich wollte nur--Guten Tag! Na, wie geht's? Ihr habt wohl eben erst meinen Brief erhalten? Ich konnte es wahrhaftig nicht länger bei den Büchern aushalten. Ihr habt keinen Begriff davon, was eS heißt, sich so tagaus, tagein mit der Grammatik herumzuschlagen und Wurzeln auszuziehen. Weiß Gott, ich, mußt's verlaufen!" . „,r ... „Ja, aber was ist denn das mrt der Dampsrnuhle?" fragte Helene. Ach, das ist die drolligste Geschichte, die mir jemals vorgekommen ist." Er schlang die Arme um ihre Taille, und wollte sich mit ihr setzen. „Komm her, dann will ich —" * , , ,, „Nein, ich will Vater rufen". Sre entwand srch rhm und lief hinaus. , ... „Hm!" Er erhob sich wreder. „Ich frnde, sre rst nicht so recht bei Laune!" „Sie gehört zu den ernsten Menschen, Thomas, das tücifot Du i ex \u Tie kleine Frau sah selber sehr ernsthaft aus, wre sie so in ihrem engen. Ligengemachten Klerde oastand, den kleinen eingebündelten Kopf gegen eure unsrchtbare Mauer von Geduld gestützt. Er hatte so viel Mitgefühl mrt dreser kleinen, demütigen Frau, die ein Menschenalter hindurch ihren stillen Pflichtgang irr diesen Zimmern gegangen, war, bis zum äußersten mit ihrer immer mehr entsäMrndcn- den Kraft kämpfend, um alles rn demselben festen Tritt $ Ter Redakteur trat ein. Indern er Thomas begrüßte, klärten sich seine strengen Züge so vrel auf, als es sich nach seiner Ansicht mrt einem für em „offizielles Antlitz passenden kleinen Lächeln vertrug. „9hm", begann er, den Kopf rn den .iackeW 210 — werfend, „Tu hast es also für gut befunden, das Studium aufzugeben?" „Ja, — hm! Tie Sache war nämlich die, daß! — t— wollen wir uns nicht setzen, Schwiegervater?" Und nun kam seine drollige Geschichte, wie er vor ein paar Tagen einen kleinen Ausflug nach Malmö semacht hatte, imt> dort durch ein merkwürdiges Zu- ammentreffen von Umständen an einer Tampfmühle hängen geblieben war, deren Pächter sich aus dem Staube gemacht hatte. Es war dies ein Geschäft, das einen so kolossalen Ertrag versprach, daß er auf den Kopf gefallen sein müßte, wenn er nicht darauf einginge. „Ja", sagte der Redakteur, den Unterkiefer nach der einen Serie hinschiebend, und die fünf Finger der rechten Hand ausspreizend, „wenn Dein Gewissen Dich W diesem Schritt treibt, so ist nichts gegen die Sache zu sagen". Thomas wußte sehr wohl, daß es etwas gab, was Gewissen hieß, er hatte selber eins; aber offen gestanden fand er, daß er nur selten Verwendung für diese Einrichtung hatte. „Wie geht es Dir denn sonst, Schwiegervater?" Sragte er, nachdem er die Gewissensfrage in einen glück- ichen Wust von wirrem Gerede hineingetrieben hatte, wo sie schließlich selbst ihrem Urheber abhanden feint. „Wie kann es einem gehen, wenn man in einem steten Regen von Unannehmlichkeiten lebt?" erwiderte der Redakteur, sich über das dünne, graue Haar fahrend, das ihm flach auf dem Scheitel lag, als sei es von heftigen Hagelschauern niedergeschlagen. „Du solltest das dumtne Blatt aufgeben, Schwiegervater, und nach Ostholmstrup hinausziehen. Das Baden in der Köger Bucht würde Dir gut thun." Ter Schwiegervater sagte nichts, sondern stieß nur das höhnische Wort „Unsinn!" hervor, worauf sich Thomas veranlaßt sah, einen etwas weniger kameradschaftlichen Ton anzuschlagen. Ter Redakteur ging in sein Arbeitszimmer hinüber, wo ein angefangener Artikel über den Leichtsinn der Zeit feiner Vollendung harrte. Thomas nahm Helenens Hände, und schwenkte sie nach rechts und links; durchströmt von Liebesdrang, erfüllt von einem glücklichen Wohlsein, stand er eine Weile da, und sah sie mit strahlenden Augen an. Daß dies kleine, süße, treue Mädchen in kurzer Zeit zu ihm in die Fremde ziehen, und seine kleine, süße, treue Gattin werden sollte! „Was meinst Du, Helene? Wir bauen uns so ein nichtig warmes, gemütliches Nest für uns selber, wo wir fitzen, und glücklich sein können." „Du vergißt die Mutter!" sagte sie, und machte eine Bewegung mit dem Kopfe nach dem Schlafzimmer hin, wo Frau Rabe verschwunden war. Thomas zuckte die Achseln, und seufzte. „Ja, ja, mein Schatz, unsere Zeit kommt wohl auch einmal. Ich glaube nicht, daß Du Dich so sehr nach mir sehnst, wie ich mich nach Dir, wenn wir voneinander getrennt sind." „Weswegen glaubst Du das nicht?" „Ich weiß nicht so recht. Aber manchmal bin ich nahe daran, den Verstand zu verlieren vor lauter Sehnsucht." Sie drückte ihm die Hand. „Du guter, lieber Thomas." Als Helene des Abends in ihre Kammer gekommen war, setzte sie das Licht auf die Kommode und zog eine Schublade heraus, nm ein Tuch zu suchen. Alles lag noch bunt durcheinander nach der Reise. Plötzlich zuckte sie zusammen. Ein kleiner dürrer Buchenzweig war ans dem Buch herausgefallen, das sie beiseite legen wollte. Sie wußte gar nicht, daß sie diesen Zweig noch besaß, sie hatte das Buch seit langer Zeit nicht in Händen gehabt. Ein leichter würziger Duft entstieg den trockenen Blättern. In stillem Hingleiten zwischen den vielfarbigen Bildern der Erinnerung und der Einbildungskraft stand fie da, den Zweig in der Hand, den geflochtenen Docht anstarrend, der sich rotglühend in der Flamme krümmte. Ein leichter Nebel stieg vor ihren Augen auf und schuf einen schwachen Regenbogenglanz um den kleinen, schläfrigen Feuerpunkt; im selben Augenblick aber begann der Lichtglanz zu flackern und zu beben, wie durch Zauberhauch — er nahm zu an Stärke, verbreitete sich über einen großen Saal mit goldenen Spiegeln und Leisten, über ein Gewimmel von jungen, frohen Menschen, die sich in lustigem Spiel tummelten. Ein Faden wurde hingehalten, zwei Gesichter näherten sich einander, kauend, lachend, das eine mit weißen Zähnen und schwarzem, weichem Barthaar, ein ganzer Kranz von Köpfen und unzähligen Locken, Blumen, blitzenden Pin- cenezgläsern versammelte sich um sie, dichter näherten sich die beiden Münder einander, die Luft zwischen ihnen wurde warm, ein eigentümliches Kitzeln machte sich an den Lippen bemerkbar; endlich zog sich das eine Gesicht errötend zurück unter einer Salve von Händeklatschen und Gelächter. Helene richtete sich auf, und schöpfte mehrmals langsam und tief Atem. Aber der Lichtglanz verbreitete sich weiter — über Feld und Wald, den ganzen Himmelsraum mit einem zitternden, weißlichgelben Licht erfüllend, das sich in einem braunen Wasserspiegel brach und zwischen Schilf und Wasserrosen spielte. Auf einer Rasenbank unter einer Hagebuche saßen zwei junge Menschenkinder. Dieselben zwei. Vom Walde her ertönte Lachen und Rufen, aber die Töne drangen zu ihnen nur mit jenem unbestimmten Wohllaut, den ein Rufen im Walde an einem warmen Sommertage haben kann. Sie saßen und sprachen so freundlich miteinander, wie ein paar Geschwister, bald ernsthaft, bald scherzend. Hin und wieder zog ein Lufthauch über das Moor, bildete lange streifige Schatten über der Wasserfläche, huschte durch das Schilf, und nahte zu ihnen mit einem Duft von Moorbalsam und Sumpfpflanzen. Da kam einer von jenen Einfällen, mit denen sich ein paar große Kinder belustigen können. „Ist es nicht sonderbar", fragte er, „daß man fortwährend mit den Augen blinzelt? Man weiß es nicht, aber man kann es nicht lassen." „Tas kann man doch sicher, wenn man nur will", meinte sie. „Nein, man kann es nicht. Versuchen Sie es einmal, mir in die Augen zu sehen." Er beugte sich vor, und sie begannen, einander fest anzusehen. „Ja, jetzt müssen Sie mich auch ordentlich ansehen, so ganz fest", kommandierte er, und ließ seine kohlschwarzen Augenbrauen den tiefen, ruhigen Blick beschatten. Lange hielt sie aus, ohne zu blinzeln; nach und nach aber empfand sie eine wunderliche Hitze, die ihr in den Kopf stieg, es war ihr, als schaue sie in eine bräunliche Tiefe hinab, auf deren Grund es glänzte und flammte, und wohin ein Zauber sie mit unsichtbaren Fangarmen zog. Plötzlich fing alles an, sich vor ihren Blicken zu drehen, das Blut sauste ihr vor den Ohren, sie hatte ein Gefühl, als wenn sie sänke — sänke.--Ta mußte sie die Augen niederschlagen, und den Kopf in ihrem Taschentuch verbergen. „Ach,, ich bin so schrecklich nervös — nicht alle können so etwas aushalten." Er lachte, und warf ihr einen kleinen Zweig, den er vom Baume gebrochen hatte, in den Schoß — das Ganze wurde ins Lächerliche gezogen. Durch die Wand hörte sie Thomas im Fremdenzimmer husten, und im selben Augenblick verschwanden Lichtglanz und Traumbilder, etwas Nüchterues, Leeres hinterlassend — sie wußte selber nicht was. Sie griff nach der Stirne, setzte sich aufs Bett und stützte den Kopf auf die Tischkante; plötzlich aber richtete sie sich aus, nahm den Zweig, den sie hingelegt hatte, zerrieb ihn zwischen den Händen,, und warf die Ueberreste in den Ofen Thomas klopfte an die Bretterwand. „Geht es Tir gut?" „Ja, danke!" „Gute Nacht, mein teures, süßes Herz!" „Gute Nacht!" „Träum' auch von Deinem Schatz!" . Sie setzte sich wieder aufs Bett, bohrte den Kops in die Kissen, und brach in Thränen aus. Ter Morgenzug begrüßte den kleinen Halteplatz mit einer zischenden Dampfentleerung, die sich unter die Bretter des Bahnsteiges drängte, und aus den Oesf- — 211 und bekamen einen Kastanien- ■ fest gegen die Augen auf den Weg und 5i c und Zukunftsaussichten noch leben?" hörte er diesen trüben Grabes- Bäder jeden Abend." Ach, was konnte das alles helfen, wenn der Herr doch den Finger auf . sein Rückgrat gesetzt, und gesagt Seine Augen wurden feucht, leichten rötlichen Anflug. „Tiefe schöne, herrliche Welt!" Er drückte die eine Handfläche lieh die Eindrücke sich sammeln eben gehen wollte, Erinnerungen verschmelzend. „Wie lange kann ich denn und neigte den Kopf. Tann machte er sich wieder und bilden, so gut es hatte: „Stirb!" Tie alte Gärtnerei, der Garten, sich selber fragen. „Ach was! Fort mit all gedanken! Fort damit, aus dem Kopf heraus, in die Ostsee! Kein Studieren mehr, nur Müßiggang, fette Milch hrinken, Bekassinen schießen — und dann kalte bäum mit dem rostigen eisernen Ring, Vater und Mutter, die Weihnachtszeit — er sah das alles wie ferne Bilder, durchlebte es aufs neue. Diese sangerfüllten Tage, die keine andern Sorgen kannten als einen Seufzer über ein zerbrochenes Pustrohr; wie lag jetzt fern die S Kinderzeit, begraben unter einer stets wachsenden ischicht, aus der sie nie wieder bervorgeschaufelt werden würde! Wozu hatte ihn das Leben zum Fest geladen, wenn es ihn doch nur zum besten haben wollte, und ihm die Kirchhofsthür öffnete statt der Paradiesespforte? Eine überwältigende Müdigkeit lag wie Blei auf seinen Lenden; zum Glück kam ein Torfwagen des Weges, mit dem er eine Strecke fahren konnte. Als er abstieg, mußte er anfänglich ganz kleine Schritte machen, um wieder in Gang zu kommen. Dort stand die Ostholmstruper Mühle in der Ferne und schwang die grauen Flügel gegen einen Hintergrund von weißen Wolken. Was Thomas Rabe wohl sagen würde? Gern hätte er sich noch eine Weile gegen die weiche Grasdecke des Grabens gelegt und 'ein wenig in den alten Erinnerungen geschwelgt, aber der Tau. perlte von allen Stengeln und Blättern — er mußte auf dem Wege bleiben. (Fortsetzung folgt.) Münzen. Es Ivar nun gerade in der Zeit, da Kaiser Friedrich seine kurze Regieruugszeit angetreten hatte. Tie ersten Münzen mit seinem Bildnis waren herausgekommen, alles haschte nach ihnen, und viele erzielten beim Verkauf ein hohes Agio. Zufällig hatte nun Ecklich mit anderem Gelde zwei Kaiser-Friedrich-Münzen erhalten, beide schon von weitem erkenntlich an ihrem neuen, glänzenden Silber- gewand, und hocherfreut legte er beide, da er gerade beschäftigt war — es geschah das an einem Samstag Nachmittag — in seinem kleinen Kontor die Löhne für seine zahlreichen Gehilfen abzuzählen, auf eine der Rollen obenauf, um sie nach Beendigung seiner Arbeit in einem besonderen Kasten zu verschließen. Bevor er indessen ferne Thätigkeit beendet, wurde er durch feilte Frau abgerufen. Ein vornehmer Kunde wünschte bei ihm persönlich, eine Bestellung zu machen, er begab sich zudiefem hinüber in die sogenannte „gute Stube", wohin ihn die Frau Malermeisterin geführt hatte, und konferierte wohl eine Stunde angelegentlich mit dem Besucher. Als er dann in fein Kontor zurückkehrte uud sein Geld vorsorglich nachzählte, fehlte eine Rolle mit 15 Zweimarkstücken und zwar gerade die, deren Abschluß die beiden ihm so wertvollen Kaiser Friedrich-Münzen gebildet hatten. Erschrocken zählte er noch einmal und noch einmal, er suchte und suchte — das Geld blieb verschwunden. Nun ging er hinaus, um zu forschen, ob jemand während feiner nungen wieder hervorströmte. Der Bahnhofsvorsteher mit der goldgeränderten Mütze steckte den Bleistift hinters Ohr und musterte mürrisch und verschlafen die Wagen. Eine Meile schwankten die Planken unter Sttefelgetrampel und Magenrollen, Abschieds- und Willkommengrüße wurden ausgetauscht, dann erscholl der schrille Pfiff der Lokomotive, und dahin glitt der lange dunkle Gliederwurm. Unter den abgestiegenen Reisenden befand sich ein fchwarzbärtiger, etwas bleicher junger Mann in graugestreiftem Sommeranzuge und mit einem breitkrämpigen Panamahute. Er trug eine grüne Blechkapsel an einem Riemen in der einen Hand, und eine tigerfellartige Reisedecke auf dem andern Arme; raschen Schrittes ging er durch den Wartesaäl und die Vorhalle, stellte sich einen Augenblick draußen auf die Steintreppe, und hielt Umschau. „Fahren Sie etwa in der Richtung nach Ostholms- trup zu?" fragte er einen Knecht, der ntit seinem Fuhrwerk ein wenig abseits hielt. „Nein, ich soll nach einer ganz andern Gegend." Ter junge Mann hängte den Riemen der Botanisiertrommel über den Nacken, krempte die Beinkleider aus, und machte sich in südlicher Richtung auf den Weg. Als er einen kleinen Hügel erklommen hatte, stand er einen Augenblick still, legte die Hand hinter die Lende und richtete sich mit einem schmerzlichen Ausdruck auf. Tie feinen, scharfen Züge klärten sich jedoch mehr und mehr auf, während er den Blick über die. Natur hingleiten ließ, die in morgenlichtem Frieden dalag. Weißblaue Nebelwogen lagerten über den Torfmooren und dem Erlenbruch, und in der Ferne lächelte das Meer gleich einer Silberfläche unter einer Wölbung aus blauer Luft, und kleinen, weinroten Wollen. Die Kaiser Friedrich-Münze. Kriminalgeschichte von Friedrich Thieme. Nachdruck verboten. Im Honoratiorenstübchen des Hotels „Goldener Adler" gab es eine lebhafte Debatte. In Berlin war ein aufsehenerregender Mord vorgekommen, und trotz aller Bemühungen war es der Polizei bis jetzt nicht gelungen, den Mörder zu entdecken. Die Anwesenden knüpften an diese Thatsache die verschiedenartigsten Meinungen, ein Teil nahm für, der andere gegen die Polizei Partei, und einer der Herren, der! Fabrikant Welser, stellte das Axiom auf, jedes Verbrechen biete auch in sich selbst die Handhaben, welche zur Ent-, deckung seines Urhebers führen müßten. Der Oberstaatsanwalt a. D. Möller, der sich bisher nur. mit wenigen Worten an der Konversation beteiligt hatte, ließ hier ein kaptes „Nein, nein" vernehmen, und als die übrigen StaimHaste ihn, in Erwartung einer näheren Begründung, anblickten, erklärte er kopfschüttelnd: „Meine Herren, wenn Sie zu einer solchen Annahme, wie Freund Welser gelangen, so stellen Sie an den menschlichen Scharfsinn zu weitgehende Ansprüche. Die Polizei ist eine menschliche Institution, ihr-e Mitglieder sind sterbliche Wesen, und Sie alle kennen ja das alte Wort: irren ist menschlich! Ich leugne nicht, daß einem intelligenten mit logischer Denkkraft ansgestatteten, in der analytischen Methode Ivohl bewanderten Kriminalisten oder Juristen oft die Lösung der verwickelsten Fragen gelingt, es giebt jedoch auch Fälle — uud ich entsinne mich deren mehrerer aus meiner Praxis —, in welchen der menschliche Scharfsinn absolut nicht in Thätigkeit zu treten vermag und wo nur der Zufall, der plumpe, unwägbare Zufall die Wahrheit au den Tag bringen kann. Es kommt vor, daß die vorhandenen Verdachtsmomente einen Angeklagten derart belasten, daß das Gericht nicht anders kann, als ihn schuldig sprechen, denn das Leugnen der Schuld durch den Angeklagten allein ist nicht ausreichend, ihn zu entlasten. Fast alle Schuldigen leugnen, die Richter verntögen nur selten zu unterscheiden, ob Wahrheit oder Verstellung aus dem beharrlich jede Schuld in Abrede stellenden Jnquisiten spricht. Wie wären sonst die zahlreichen Verurteilungen Unschuldiger zu erklären uud zu entschuldigen? Wenn Sie Lust haben, mich anzuhören, will ich Ihnen einen der letzten Fälle aus meiner amtlichen Praxis erzählen, in Ivelchem nur der Zufall imstande war, die Angeklagte, ein armes Dienstmädchen, vor dem Gefängnis zu bewahren." „Erzählen Sie, erzählen Sie", rief es von allen Seiten, und der Oberstaatsanwalt, während er bedächtig den Rauch feiner Zigarre in die bereits stark verdichtete Lust des Zimmers hineinstieß, kam bereitwitligst dem Wunsche nach. „Sie alle", begann er in seiner langsamen Art, „haben den vor etwa zwei Jahren verstorbenen Malermeister Ecklich gekannt? Er war ein wohlhabender, vielbeschäftigter Gewerbetreibender, und ein leidenschaftlicher Samniler von 212 ift gut." Pauline beteuerte schluchzend, sie habe es nicht. „Wenn Sie nicht gestehen, schicke ich zur Polizei!" Das Dienstmädchen schrie laut auf, blieb aber bei ihrer Angabe. Der Meister rief nun seine Frau, welche das Mädchen durchsuchen mußte. Es wurde nichts bei ihr ge- ''Mir hat jemand drüben Geld — habt Ihr es vielleicht Geld weggenommen, viel genommen, um damit zu durch seine Heftigkeit erspielen?" Beide Kinder behaupteten. Der Meister wandte sich zuerst an seine Ander: „Wäret Ihr im Kontor, während ich draußen war?" „Nein, Vater." ,,, ... 'Sagt die Wahrheit. Hans, warst DMdruben?" „Nein, wirklich nicht." „Du.auch nicht, Bertha?" Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Vuch- und Steiudrnckcrei (Pietsch Erben) in Gießen. herunterfiel und bei seinem Fall eine Anzahl Geldstücke um sich her verstreute, die klirrend umherrollten. „Halt — da haben wir es ja!" rief triumphierend der Maler, indem er sich nach dem Gelbe bückte, die er in der That sämtlich bis auf das eine Kaiser Friedrich-Zweimarkstück, an dessen Stelle ein anderes gewöhnliches getreten war, in die Smnbe bekam. Pauline stand wie eine Bildsäule, mit großen, starren Augen und leichenblassen Wangen — erst als Ecklich und seine Frau zornig auf das Mädchen einschrieen, löste sich der Bann, sie Hub von neuem zu schluchzen an, bei Gott und ihrem Heiland schwörend, sie habe nichts gestohlen. „Woher wäre d'enn dann das Geld, Sie eigensinnige, Verstockte Person!" brüllte der Meister sie an. „Das? Das habe ich mir nach und nach gespart." „Und Sie bewahren es in Ihrem Hute auf?" „Ich hatte es erst von der Sparkasse mitgebracht, weil ich es meiner Mutter schicken wollte. Da ich nicht gleich Geheimschrift. «Nachdruck verboten.) Mbstnmchstdglchdndngmnfngrcht Nchbssrngmchtfthlbgtsvllgschlcht. Vorstehend- Buchstabenreihen sind in Grupper-zu z-rlegeri d ° s ch durch Einfügung passender Vokale zu smugemaßen Wörtern büdm.lasses Das Ganze ergibt einen Smnsprnch aus Rückerts » Brahmanen". (Auflösung m nächster Nummer.) Auflösung des Betonungsräisels in vor. Nr.: Ein Fall — Einfall. »welerteU d-s tont« fetteten ljate. ein Fremder tarnte . S-U H-fe,-- »»ff« -inzufchNek-n, f» legte ich M Ä« W, fe» der»«-- und bw-, L in er es betreten wollte, mutzte die Geduld verlor. Die Summe stimmte ja vollständig, bie^Wolmitube hindurch Zn letzterer aber befanden nur die eine Kaiser Friedrich-Münze fehlte; doch war diesem durch die Wohnstube yinonrq. P zelmsäbriaer Sohn Umstand kein besonderer Wert beizumessen. Pauline war K?nrt> fei ÄT&« ÄT n* fn,wf[ch°n anigeUfen, ft. lernte das zweimar,stück da» Wer fe- LnreanMeu sich nach dem Len, »nd wenn Ihr dnrch [ein glünj-nd-s Aenfe-e » «»» «»J »a lnrft inif im erklärlich, offen stand, so war leicht ent ernt oder umgefau cht haben, das zweite hatte! 1 hirf anein%iSgennijt denken. Jrn sie wahrscheinlich in der Eile nicht bemerkt Ecklich sandte Garten befand sich nie.nf.nd, und ein fremder Spitzbube daher einen Lehrling mit dem Auftrage fort, einen Polizei- BihbS, S "n - N. Ei .Ew-rt- M 'j ti-X v Ql r Sollen Sie gestehen? Wenn Sie es nicht thun> lasse ich Sie sofort einsperren!" , „Ja, ich will es gestehen", schrie Pauline. „Sie haben das Geld genommen?" Ja". ",Wo' haben Sie das andere neue Zweimarkstück hin- gethan?" „Ich weiß es nicht." , „Lügen Sie nicht wieder — haben Sie es gewechselt? ■ Ter Meister beratschlagte mit seiner Frau, was zu. SÄÄ» iw» - *“5ÄÄ -ntwmd-t w-rdm", -r °« ff U-?ch wollt-"nn?"die Hntilltft- h-rwshol-n», I Man b-At° dt° Ung?Ech-E '“‘"S6 warnm l-ngn-l-n Sie Ä« erst? Sie haben das Geld genommen, gestehen Sie nur!" Kontor gej wart hatte di S^t hl © wahr. Sie haben das Geld? Geben Sie es her, und es | ^llugfwt,^ p^zugsquelle des Geldes angegeben,^ und zuletzt ein Geständnis abgelegt. Dazu kam, daß sie, wie sich ergab, bereits wegen Diebstahls vorbestraft war. Freilich war 'sie damals noch sehr jung gewesen kaum 14 Jahre, und das Objekt war ein sehr . unbedeutendes, eine5 schwarz-weiß-rote Schärpe. Ter Richter hatte die a mit einem SSctlnciS für Gefügt etcid)tct. ^ebcxtfcxWS funbett. . .... . | 6lD|es Vorkommnis aber doch das Vorhandensein „Kommen Sie einmal Mit in Ihre Kammer, schließen bewies da-s «o r » ilt haft und sah ihrer Sie Ihren Koffer auf." Aburteilnna - und sicherlich auch Verurteilung - vor Weinend gehorchte Pauline. Die Eheleute durchsuchten Aburteitung un bett Koffer sorgfältig, aber das Gesuchte entdeckten sie nicht, dem Gericht„eMg g - 6ereit§ gegen fünf Wochen Ecklich sah sich nun weiter m der Kammer um, er suchte Unterfuchnngshast als eines Abends Meister Ecllich in und unter dem Bett, m den Kleidern, kurz überall, m Unter)u 3 91 , Ehrling und zwei bei ihm wo sich nur eine Gelegenheit zum Verstecken bot. Schon nnt semeH Gehilfen beim Abendbrot saß. Der wollte er seine Versuche als fruchtlos einstellen, als Plötz- «n -Haufe w y , aufgelegt, er hatte gerade eine lich, beim hastigen und ärgerlichen Herumzerren der an Meister ™ J ® erhalten und traktierte des- der Wand aufgehängten Kleidungsstücke, der Sonntagshut groß.w e SiJ “JP ^it Mer. Nachdem das Mahl Paulinens, aus den er sein Augenmerk gar nicht gerichtet, Z^det war schickte er den Lehrling fort, um noch em *-* ^lditucke I beenöet mar, r) Schon hatte der Junge mll dem Kruge dw Thür erreicht, als einer der Gehilfen ein junger Mensch von 18 Jahren, aufsprang, lhmnachrres und ihn beauftragte, auch für ihn stoch em Seidel Mit- zubringen. Dabei drückte er rhm ern Geldstück in die Hand, mit dem Ersuchen, es wechseln zn lasten. (Schluß folgt.)