Nr. 6. 1902 Samstag den 11. Januar. e>; Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. as soll die stete Klage Um den verlornen Traum? Es schwinden deine Tage Wie Blatt um Blatt am Banm. Laß hell dein Auge glänzen. Und lerne es versteh'», Mit Blumen dich zu kränzen, Die auf den Gräbern steh'n. Heinrich Seidel. (Fortsetzung.) IV. Ein friedlicher Hafen. Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich hier; Ich hab' es rein und hab es ganz zu Dir. Goethe's Tafso. Etwa zur selben Zeit, da auf dem weltverlornen Fleckchen Erde dessen redselige Bewohner Clarita in die Wogen des See's versenkten, steuerte diese einem sichern Hafen entgegen. Rettend winkte derselbe ihrem bedrängten Ebiste, da alles sich von ihr zu wenden schien, und ihr .Geist slch zu umnachten drohte vor der neuen Enttäusch- Mig, dre mitsamt ihren bittern Folgen gerade in dem Momente chr entgegentrat, wo sie gehofft, den Leitfaden zu erhaschen, der sie durch den Strudel eines wirrnisvollen Lebens geleiten könne. Dieser dritten tiefgehenden Gemutserschutterung binnen weniger Wochen war die zarte Frau nahe daran zu erliegen, und der Schaffner, welcher der bleichen Dame zu Breslau das Abteil erster Klasse u£e?«- Wischer Eilzug aufriß, schüttelte bedenklich den Kopf über dre Kranke, die so mutterseelenallein die weite Fahrt unternahm. Clarita selbst, welche die letzten Tage und Nächte fast nur auf der Eisenbahn verbracht, und die Strecke von Werona bis Breslau ohne Aufenthalt wie im Fluge durch- Aogen hatte, sah in der Tour nach Wien nur eine notwendige Abweichung von ihrem ursprünglichen Plane, die ^,-Achehmeude Kraftlosigkeit forderte. Sie mußte einen ™ der ihr half, eine Seele, der sie ihr er- ^ecendes Geheimnis Mitteilen, ein Freundesherz, an dem r ,ounte, ehe sie die Riesenaufgabe unternahm, fckreckeu Ä Enttäuschung und keine Gefahr sie zurück- ichrecken sollte. Mit intensiver Gewalt hatte sie dies Ver- W,» empsilnden und all' ihr Denkvermögen durch die der Welt?^s^W ' K sie denn ganz allein sei' auf Wels? ob alle, alle ihre Liehen ihr unerreichbar geworden? Und während sie dies gedacht, winkte schüchtern aus holder Kinderzeit in ihre Seelenpein hinein eine liebe Erinnerung. Diese hielt die Aermste fest; bei dieser suchte sie auch jetzt Trost, während der Bahnzug durch daA ihr völlig unbekannte Land Oesterreichs Hauptstadt entgegenbrauste. Clarita sah wenig von der Umgebung, die sie durchfuhr, äußere Dinge hatten für ihren "nach Innen gerichteten Blick alle Anziehungskraft verloren, bis endlich aus der Ferne der hohe, pyramidenartige Turm des Stephans-Domes in der lichten Luft majestätisch hervortrat. Das lustige Wien, die alte Kaiserstadt voll neuen, heißblütigen Lebens, die Freudenstadt, in der dem ankommenden Fremdling auf Schritt uud Tritt Glanz und Pracht, und Jauchzen, Witz und schwellender Lebensgenuß in einem Maße begegnet, als könne dort niemand elend sein, lachte nun auch mit seinem bestrickenden Reiz unsere müde Reisende an. Himmel! wie würde diese bunte Menschenmenge, diese blühende, leuchtende, tönende Gegenwart voll Farbe, Glanz und Rauschen Clarita's junges Herz noch vor Jahresfrist entzückt, ihr ganzes Wesen elektrisiert haben, heute wandte sie todmüde das Auge davon ab, emzig darauf bedacht, sich eines Fiakers zu versichern, der ,te möglichst schnell durch das Menschengetriebe nach ihrem ersehnten Asyl bringe. Die ihr eigene Energie, sobald sie handeln mußte, half ihr schnell sich zu orientieren, und das Gewünschte zu finden, so daß alsbald ein leichtes Fuhrwerk mit ihr den Nordbahnhof verließ, der erhaltenen Direktion folgend. , Dieselbe wies nach einer der still vornehmen Vorstädte. Dort an der Pforte eines von dem Weltgetriebe abgelegenen Klosters, fand die lange Reife ihr Ziel. „Ich wünsche Schwester Stefanie Hohberg zu sprechen!" erklärte Clarisia, sobald die geöffnete Pforte sich hinter ihr wieder geschlossen. Sie sprach französisch, und ihre Stimme klang so sicher, als könne gar keine andere Antwort, wie eine bejahende ihr werden. Dennoch klopfte ihr das Herz in heißen Schlägen aus Furcht und Angst vor neuer Enttäuschung. Solche ward ihr indes nicht. Die ältliche Pförtnerin führte mit wohlthuender Freundlichkeit dre Fremde durch die hohen, luftigen Korridore dem Sprechzimmer zu. Ein eigentümliches Gefühl beschlich Clarita während dieses Ganges, niemals hatte ihr Fuß diese Stätte betreten, und doch kam sie ihr bekannt vor, es wehte sie ein unbestimmbares Etwas daraus heimatlich an. Sie fühlte sich eben in jene Zeit zurückversetzt, wo sie zu Marserlle ein übermütiger, fröhlicher Zögling gewesen. Freilich, Marseille und Wien lagen weit auseinander, aber das Kloster dort, wie das Kloster hier, durchwehte ein Geist, der die Aehnlichkeit hervorrief, welche das müde, vereinsamte Menschenkind anheimelte. Dieses selbst aber erinnerte unwillkürlich an jenen Denkspruch, welchen ein alter Mönch seinem übermütig ins Leben stürmenden Scho- laren einst auf den Weg mitgab: „Mancher, der tote Du als eilt Springer aus dem Kloster in die tolle Welt hinein--' fuhr — schlich mit gebeugtem Sinn, unter der schweren Bürde eigener Schuld itt das Kloster zurück. Gedenke, daß am Altäre eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer Last!" Müde, gar todmüde, war auch dies leichtlebige Weltkind geworden, das einst so unbedacht nach der Rose der Liebe gegriffen, ohne die Dornen zu beachtens Und nun von diesen verwundet, von eigener Schuld gedrückt eine Ruhestätte suchte bei der Freundin aus ‘ der Kindheit, die das beste Teil erwählt. Gar verschieden waren die Lebenswege der beiden Mädchen, die int Kloster zu Marseille miteinander gespielt, und sich treue Freundschaft versprochen hatten. Zeit und Verhältnisse hatten sie bald weit, weit auseinander geführt. Stefanie Hohberg war in ihre Heimat nach Deutschland zurückgekehrt, von dort aber mir Clarita noch in brieflichem Verkehr geblieben, bis sie die Welt verließ, und zu Wien den Schleier nahm. Diesen Entschluß hatte sie Der Freundin mitgeteilt so ziemlich zu derselben Zeit, als jene das Haus Donna FraAquittäs verließ, um sich in Santa-Cruce heimlich trauen zu lassen. In den Tagen sonnigen Glückes und leidenschaftlicher Liebe vergaß dann die sorglose, junge Fran der Freundin, pder gedachte höchstens mit mitleidigem Bedauern der jungen Nonne, die aus dem lachenden Leben sich hinter düstere Klostermauern geflüchtet, um dort selber eine jener stillen Ordensftauen zu werden, die sie einst beide als Kinder zwar geliebt, zugleich jedoch beklagt hatten wegen des eintönigen, traurigen Daseins, das jene — der Kindermeinung nach —; führen mußten. Unter solch' zurückschweifenden Gedanken war Clarita der voranschreitenden Führerin nach dem Sprechzimmer gefolgt, wo letztere sie verließ, um die Oberin von dem Besuche zu benachrichtigen. Clarita hatte nicht lauge zu warten, ihre Bitte stieß jaUf keine Schwierigkeit. Binnen weniger Minuten betrat eine junge Ordensfrau das Gemach, und trotz der wenig Kleidsamen Kopfbedeckung erkannte Clarita darunter augenblicklich das frische Gesichtchen ihrer sanften Stefanie.^ Dieser hingegen kostete es Mühe, in der bleichen Fremden die einstige fröhliche Mitschülerin wiederzufinden: nur deren Augen mit ihrem tiefen Strahl übten die alte Macht. Sowie der Blick voll dem ihrigen begegnete, da wußte Schwester Stefanie — wer vor ihr stand und int ändern Momente hielten ihre Arme die geliebte Freundin umfangen. „Clarita, meine liebe Clarita, welche Freude, daß Du mich besuchst!" rief sie herzlich, vollständig die peinliche Ueberraschung beherrschend, welche das Aussehen Der Leidenden ihr verursachte. Ihr Ton, ihr GrnA ihr ganzes Sein und Wesen war voll solch schwesterlicher Güte, daß die arme Clarita sich Willenlos deren freundlicher Macht überließ. „Ja, Stefanie", sagte sie sanft, gewaltsam die auf- steigenden Thränen zurückdämmend, „ich komme zu Dir r— eine Ruhelose zu einer, die den Frieden gefunden —" „Mein liebes Herz, Du bist offenbar sehr ermüdet, ja ganz erschöpft" — unterbrach die ändere sie rasch — „laß mich vor allen Dingen ein wenig für Dich sorgen. Dir einige Erquickungen verschaffen; nachher erzählst Du mir, tote Du von Teneriffa hierher gekommen bist!" „O Stefanie — verlaß mich noch nicht!" ries Clarita, das Gewand der Nonne festhaltend, „höre zunächst meine Bitte; darf ich bei Dir bleiben? ich meine ein paar Tage — ich bedarf so sehr der Ruhe, das Geräusch in den Gasthöfen betäubt mich — zudem bin ich ganz allein so erschrecklich einsam!" Sie hatte rasch gesprochen, als wolle sie jede Rede äb sch neid en. Stefanie's gute Augen blickten sie innig an. -„Meine Clarita — Du bist ganz allein, ist Donna Fras- quitta —" „Still, Stefanie — Donna Frasquittas trautes Heim habe ich längst verlassen. Mehr als zwei Jahre schon bin ich verheiratet und" — ihre Stimme brach, ihre Kraft Ijcrfocjtc iljr. Stefanie's Blick glitt über Clarita's Trauerkleidung hin — jäh durchzuckte sie der Gedanke: „So jung noch, und schon den Gatten verloren — nur Gott kann sie trösten!" So meinte sie leise für sich, aber Clarita sing die Worte aus. „Jä, Stefanie" — rief sie in plötzlich auflodernder Heftigkeit — „ich habe meinen Gatten verloren, doch nicht wie Du wähnst durch den Tod. Nicht Gott hat mir meinen Alexis genommen, nein, die Menschen thaten's! O, diese grausamen Menschen! Ein furchtbares Geschick trennt mich und meinen Gatten. O, Stefanie, Stefanie — ich unterliege diesem, ich gehe zu Grunde an der Last jenes Geschicks und — meiner eigenen Schuld", ergänzte sie dumpf. Die junge Klosterfrau umschlang fester die bebende Gestalt. Milde, besänftigend redete sie Der Erregten zu, doch hütete sie sich wohl durch eine Frage deren Erregung zu steigern. An Selbstüberwindung gewohnt, hielt sie ihre Neugierde in der Gewalt- Vorab mußte diese nebst aller mitfühlenden Teilnahme schweigen. Tröstende Worte konnten der Leidenden erst später Helsen, zunächst mußte diese sich schonen und folgen. Clarita erwies sich auch willig dazu, und liebreich führte die Freundin sie nach eilig eingeholter Erlaubnis bei der Oberin in ein freundliches Gaststübchen, wo dieselbe sich alsbald unter dem geräuschlosen Walten werkthätiger Liebe und hingebender Freundessorgfalt so wohl zu fühlen begann, wie ein verirrtes Kind, das eine linde Hand unter ein schützendes! Obdach gebettet hat. (Fortsetzung folgt.) Die Hexe. Von Hans von Basedow- (Nachdruck verboten.) Sie war als exzentrisch bekannt, die blonde Gräfin-! Ihre tollen Ritte bei Nacht in die Wälder, das Gebirge hinaus, hatten die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt- Seit sie das alte Kastell mit seinen unterirdischen Verließen, Fallthüren und seiner Folterkammer bewohnte — schon das war unheimlich, daß der Gebirgsfluß int Burgberg! verschwand, um erst viel später wieder an das Tageslicht zu treten — war sie sogar als Hefxe verschrieen, obgleich ihr übermodernes, raffiniert-luxuriöses Boudoir so gar nichts Hexenhaftes an sich hatte- Man munkelte sogar, daß einige Freier, — bereit gab es zahlreiche, trotz des Hexenrufes; denn Gräfin Ilona war nicht nur schön, sondern auch reich — in den unterirdischen Verließen auf Nimmerwiedersehen verschwunden seien, obgleich die Möglichkeit, einen Menschen verschwinden zu lassen, im 19- Jahrhundert ebenso zur Seltenheit gehörte, tote sie häufig war zur Zeit der Erbauung des Kastells. Heber dies Verschwinden plauderte! eben Sandor Gnglai, der zarte Dichter und Günstling der schönen Schloßherrin, mit dieser- „Und, Teuerster, halten Sie es thatsächlich für möglich, daß ich — ich ein Menschenleben opfern würde?" „O, schönste Ilona, Sie sind so unergründlich, quälen mich, der Sie liebt, bis aufs Blut — so daß ich alles, alles glaube —" „Und Sie wollen mich lieben?" „Fühlen Sie denn nicht, wie tief meine Liebe fein muß, wenn ich trotzdem nicht von Ihnen lassen kann?" Sie sprang heftig auf, durchmaß nervös das Zimmer^ blieb vor ihm stehen mit spöttischer Miene- „IN der That, Sie sind von einer nicht zu unter schätzenden Ehrlichkeit- Sie halten mich also für eine Mörderin?" „Aber, teuerste Ilona, Mörderin — das ist ein zu hartes Wort." „Das einzige, das sich für ein Wesen gebührt, welches ein Menschenleben vernichtet-" „Nein, nein — Ihre Handlung war einem Duelle zu vergleichen-" „Gleichviel. Auch ein Duell ist ein Mord. Fordert ein Mann den anderen, thut er es, weil er sich als der Stärkere fühlt, nicht, weil er weiß, daß das Recht auf seiner Seite! ist- Nicht der Ehrliche, der gute Schütze, der gute Schläge« wird siegen — das Recht des Stärkeren tritt das innere! Recht nieder- — Hebrigens, — was hat das Duell mit dem zu thün, was Sie mir ansinnen?" — „Nun — der Kampf, den Mann und Weib um Siebe kämpft, ist ein Duell - der Sieger ist Herrscher über den Unterlegenen, dessen Leben in seiner Hand liegt- Um nicht — wir wollen bei der Duellsprache bleiben — neuen Belästigungen, neuen Forderungen ausgesetzt zu sein, vep>i Nichten Sie den Unterlegenen-" — 23 dem Geschwätz nachhängen thut es mir weh — sehr — was kümmert mich da ,©ie quälen?" Za — gerade von Ihnen Er hörte ein leises Knistern, — dann Wurde ihm die Binds von den Augen genommen- Er stand vor der Geliebten., Einen Augenblick hindurch sah er nichts, als sie- Dann blickte er sich um- Eine niedrige, düstere Halle, durch das blutrote Licht einer Fackel erleuchtet. Inmitten sie in langem/ weißem Gewände, lose von einem Gürtel um die wundere volle Taille zusammengehalten. Ihr Blondhaar wallte offen herab. Die blauen Augen hatten etwas Spöttisches, Hartes, eine finstere Falte entstellte die edle Stirn- Der feine Mund erschien ihm verzerrt, höhnisch, grinsend, wie die Mundhöhlen der Skelette, die ringsherum an den Wänden standen. Geräuschlos war die alte Beschließerin hinauf geschlichen — er war mit Ilona allein, allem in dem un- heimlichsten Raume, den er jemals betreten- Sie trat auf ihn zu, sprach — , „Ein Wort wolltest Du hören von mir, em Wort, das Dir alle Himmel oder alle Höllen eröffnet, Sandor Guglai, sprich, verlangst Du noch dies Wort von mir?" „Ich habe nur einen Wunsch auf Erden, das tft bie|er !'< „Du liebst mich also?" „Ilona, Du weißt es ja-" „Liebst Du mich so, daß Du alles vergessen kannst?"< Alles >" "Nun, wohl denn —" Sie beugte sich zu ihm herab, zog seinen Kopf an ihre Brust, hauchte einen Kuß auf feilte Stirn —. „Alles — auch daß ich eine Mörderin?" „Auch das-" Sie riß sich los- „So liebst Du mich — ohne Vertrauen — "llud ohne Vertrauen ist keine wahre Liebe- Geh, Saudor Guglai, geh —" meh „Ilona — Sie lieben mich — was kümmert mich da das Geschwätz; — meine Liebe macht mich alles vergessen, trotzdem und alledem flehe ich Sie an, die Meine zu werden, mich zum glücklichsten Menschen der Erde zu machen. Ilona, erhöre mein Flehen, ich werde Dich gegen eine Welt verteidigen." Die schöne Gräfin wollte sich zu dem Knieenden hinabbeugen, aber sie bezwang sich. Es leuchtete Liebe in ihren Augen, n-ls sie auf den schönen Mann hinblickte, der ihr mit Leib und Seele ergeben war — trotzdem- Und nun huschte ein düsterer Schatten über chr Antlitz. Wenn sie ihn auch liebte, wenn sie auch fühlte, daß er sie wahrhaft liebe — ihren Stolz durfte sie nicht brechen — er sollte bestraft werden für seine Vermessenheit- Als sie sich wieder zu chm wandte, umspielte ein seines Lächeln ihre Lippen- — „Stehen Sie auf, Sandor Guglai-" — „Nicht eher, bis Sie mir ein Wort gesagt — ein einziges, beseligendes Wort-" „Nein — nicht jetzt — lassen Sie nur Zell — gehn Sie, Sandor, gehen Sie —" . „Nichts kann mich von der Stelle reißen — als Dem Wort — nur ein Hoffnungsstrahl —" „Nun wohl, dann — heut' um Mitternacht holen Sre sich die Antwort „Für ja?" „Vielleicht —" „Ilona, Süßeste — ich komme —" „In der Vorhalle — um Mitternacht —" „Um Mitternacht!" //3*01tCt —" Er wollte auf sie zustürzen — plötzlich schwankte er, —- der Boden öffnete sich unter seinen Füßen em heiserer Schrei — dann Stille — Stille — Als Sandor wieder zu sich kam, befand er sich in völliger Finsternis- Er wagte sich sticht zu rühren; denn er hörte ein leises Rauschen an seiner Selle- Der H-luß/ der den Burgberg durchfloß, in dem er fern Ende finden sollte, sein Ende- So war er doch den Weg gegangen, den so mancher vor ihm gegangen war — mid er Halle gewähnt, sie liebte ihn- Wenn seine Lage Nicht so entsetzlich gewesen wäre, jetzt hätte er lachen können über diesen Glauben, lachen- Regungslos lag er da, kaum den Kopf wagte er zu wenden- Er versuchte, die Finsternis zu durchbringen, er konnte nichts sehen, nichts- Nicht den kleinsten Lichtschimmer. Und das Rauschen klang lauter und lauter — bald wird ihn der Nimmersatte Strudel in die Tiefe ziehen und er würde nie mehr die schöne Erde sehen, nie mehr. Und! er hatte geglaubt, sie liebte ihn; Thor, drersacyer st-yor, der er war- Sie hatte ihn zum Tode verdammt, wie all die anderen. Wer nein, sie sollte nicht über ihn triumphieren, das sollte sie nicht; nein, das sollte sie nicht- Er wollte sich befreien, ja das wollte er, wollte es um leben .Preis, Almr tote? War er nicht völlig machtlos? Er wufte ja noch? nicht einmal, wo er sich befand- Ob er einmal nutzer Hand um sich fühlte? Er wagte kaum, den Arm au-zu- strecken- Ein paar Mal versuchte es es, immer wieder zog er ihn zurück- Wer weiß, wie breit der Raum war, auf dem er lag? Er könnte das Gleichgewicht verlieren rn den Fluß stürzen- Cudlich wagte er es. Neben sich fühlte er etwas Glattes, Kaltes- Entsetzt zog er du Hand zuruck. , War das nicht ein menschlicher Körper? ©eine Nerven zitterten, seine Pulse flogen- Er mußte seine ganze Kraft zusammenraffen, um noch einmal zu tasten- Er folgte den Linien — wahrhaftig, ein Körper, kalt, tot, starr- Em entsetzter Schrei entrang sich ihm, tote em Echo tonte es von "bett Wänden nieder, aber klirrend, hart, tote wenn ein nacktes Schwert an hartes Gemäuer fcyluge- O, M war llug, llug, die Schlange — wenn ihn nicht der jhtg mit sich zog, würde ihn der Hunger dahtnrafsen, wie ' seinen kalten, stummen Nachbar- Wie entsetzlich, neben dem Toten zu liegen, unerträglich! — tooUte fori: Jbon fort! Aber das Rauschen! Und doch, — besser tot, als lebend neben dem zu liegen, der das Los zeigte, was ihm bevorstand — qualvoller Hungertod! Also sorgfältig nut ber Linken getastet- Ah — was war bas, das, das? Ev fühlte, fühlte etwas Weiches — ein Fett- Entsetzen, Entsetzen/ „Empörend 1" „Nein, nicht empörend, das Recht souveräner, das Recht der Herrschernaturen — und, eine solche sind Sie, Ilona, die mich, den unbesiegbaren Sandor Guglai, zum Sllaven Vom Turme des alten Kastells schlug es in dumpfen Tönen Zwölf- Sandor stand in ber bunklen Vorhallest die alte Beschließerin — er mochte sie nicht leiden verband ihm die Augen- Er wollte sich dagegen wehren, aber die Alte dämpfte jeden Widerstand mit den Worten: „So will's Ilona." Als die Alte ihn dann an der Hand nahm und ihn aus der Halle hinausfübrte, ward es ihm recht unheimlich zu Mute- Was sollte bte geheimnisvolle Wanderung bedeuten? Sollte auch er beit Weg gehen, ben so mancher attbere gegangen war? Nein — bas wollt« er nicht- Lieber umkehren. Umlehren? Auch bas war unmöglich. Vor ihr, bie er liebte, feige erscheinen, bas wollte, bas bürste er nicht- Also vorwärts. 3n berJemen fühlte er die kalte, runzlige Hand ber Wen, die ihn fast gewaltsam weiterzog. Warum gewaltsam? Folgte er denn nicht willig? Und warum so schnell? Wenn er, der sehnende Liebhaber, keine Eile hatte, warum hatte sie nie Alte? Jetzt hallten die Schritte an einem Gewölbe wieder, es umwehte ihn kalte, dumpfe Luft, er fröstelte, trotzdem es ihm fieberheiß über den Rücken rieselte- Wo befand er sich? Wohin wurde er geführt? Die Alte hatte fern Wort für ihn- Seine Knie begannen zu zittern, seine Augen toetteten sich unter der Binde- Jetzt wurde eine Thur geöffnet, dumpf siel sie wieder ins Schloß. Noch ein paar Schritte, bann, plötzlich, wurde er gezwungen, stehen zu bleiben. gemacht." t , , . , „Lieber Freund — ich muß denn doch sagen, daß ich trotz Ihrer auf recht schwachen Füßen stehenden Verteidigung darauf verzichte, eine souveräne Natur zu sein, die ihre Freier vernichtet- Wenn das Volk, was hier um das Kastell herumhaust, schlecht von mir redet, so thut es wohl weh, aber was kann ich dagegen thun? Die Landbevölkerung ist nun einmal noch im Irrwahn befangen — daß so viele Gebildete, daß Sie bte albernen Märchen glauben „O, wären es Märchen —" „Sie machen mich ernstlich böse — boch nein, bas nicht — Sie sind eben ein Dichter, bei dem die Phantasie oft mit dem Verstände durchbreunt, das Abnorme reizt Sie — und vielleicht ist es auch nur das Abnorme, das Phantastische, das Sie bei mir anzieht —" „Ilona — ich liebe Sie —" „Sie lieben mich und zweifeln an mir?!" — „Zweifeln — an Ihnen — nie unb nitnnter!" _ „Nun also, wie können Sie i Ist' .. unb mich damit quälen?" 24 ein Tier lag da — zähnefletschend — ja, er hatte ganz deutlich die großen, spitzen Zähne gefühlt. Und da — da — leuchteten wohl die blutunterlaufenen Augen, starr auf ihn gerichtet? Und spürte er nicht den heißen Atem, den feuchten Geifer? Und die Bestie lag still, um ihr Opfer zu quälen- Er wollte schreien, aber nein, das durfte er nicht- So lange er sich ruhig verhielt, starr in die Unheil drohenden Augen blickend, konnte er die Bestie in Schach halten. Und nicht rühren, nur nicht mehr rühren. Aber denken konnte er, denken — und das Denken mußte ihn wahnsinnig machen. Voller Hoffnung war er hierhergeeilt, und nun — nun? Ein Wort von ihr würde ihm den Himmel oder die Hölle öffnen! Ja, die Hölle, die hatte sich ihm geöffnet — die Hölle mit all ihren Schrecken. Unerträglich, immer nur nach der einen Richtung zu blicken — unerträglich- Und es mußte doch ausgehalten werden — einmal mußte doch der Tag wieder kommen, der herrliche, lebensvolle Tag mit seinem Sonnenschein, Blumenduft und Vogelsang. Ach — daran zu denken, hier, in der finsteren Gruft, neben dem toten Mann und der toddräuenden Bestie, beim Rauschen des Flusses und Klirren der Schwerter. Gab es denn überhaupt einen Tag? Nein — er hätte ja sonst hineinleuchten müssen in die Gruft der Lebendigen. Und sie war nicht mehr zu ertragen, die Regungslosigkeit — er fühlte, wie etwas zitterte zu seinen Füßen, es kroch empor — kalt — feucht — entsetzt fuhr er mit der Hand empor — er schlug an etwas Kaltes, es fiel klirrend herab auf seine Brust — es rieselte an ihm herab — sein Blut — sein Blut — er fühlte es deutlich auf seiner Hand. So war es also aus — aus — sein Blut floß dahin — und die Bestie würde sich nun auf shn stürzen- — Wie ein Taumel überkam es ihn — er wurde matter und matter- Er wollte rufen — aber kein Ton rang sich aus seiner Kehle — und dann hörte er ein Klingen und Singen — die Todeselfen waren es — sie lockten und winkten — wie das schöne Weib gelockt und gewinkt hatte, das ihn hier dem Tode geweiht- Aber nein, er wollte ihnen nicht folgen — wollte nicht — wollte nicht — gewaltsam riß er sich empor- Aber da, die Bestie an seiner Seite — wollte sie sich nicht auf ihn stürzen? Mit Aufgebot all' seiner Kräfte packte er sie — er fühlte, wie sie sich aufrichtete — dicht vor seinem Gesicht spürte er die Schnauze, — die Zähne — kraftlos sank er zusammen — sein Kopf fiel auf den Toten. Er fühlte nichts mehr — nichts — aber da, wurde nicht der Tote lebendig — und er — er, der Lebende, starb, — jawohl — der Tote — lebendig — und sein eigenes Blut rieselte, rieselte, rieselte — schlaff sanken seine Arme herab — er würde matter, — matter — und die Bestie über ihm Und das Rauschen des Flusses — und aus weiter — weiter Ferne ein Schrei, den er selbst ausgestoßen. Er selbst? Nein, er selbst nicht; denn er war ja tot, tot — oder doch nicht tot? — Denn da — ha — auf einmal Licht um ihn, Helles, flutendes Licht — war das das Jenseits, oder war es das Diesseits? — Ilonas Lachen- Er blickte sich um — es war Ilonas Boudoir, — neben ihm die Statue des sterbenden Fechters, auf ihm ein Eisbärenfell und eine zerbrochene Blumenvase — der Zimmerspringbrunnen plätscherte in der Ecke, und über sich sah er die Klappthür zum Aufzuge, durch die er hinab — kaum vermochte er zu sagen, gefallen — gesunken war- Die Einbildung hatte seine Phantasie übberretzt — welchen Streich sie ihm gespielt, das sah er jetzt- Verwirrt, fassungslos, sprang er ans- Und er hörte ihre Stimme: — „Nun, mein Freund, bist Du nun geheilt von Deinem Märchenglauben, von Deinem Zweifel an mir, der Strafe verlangte?" — Mer dann stieß sie einen Schrei aus- „Mein Gott!" Er wußte nicht, was das heißen sollte; als er sein Bild im Spiegel sah, wußte er es — sein Haar war weih geworden- — Sie eilte auf ihn zu. „Für Deinen Zweifel wollte ich Dich strafen, aber das wollte ich nicht, — das nicht." Er richtete sich hoch aus. „Madame — daß Sie eine Mörderin sind, glaube ich mehr denn je- Wenn Sie auch nicht Menschen morden, so morden Sie doch Gefühle." — „Sandor!" — „Was ich in den Stunden ertragen —" „Stunden? Nicht eine Viertelstunde." = „Was ich durchlebt — das waren viele, viele Stunden, wenn es nach der Uhr vielleicht auch nur eine Viertelstunde itrar. — Sie haben mit mein ein Leben gespielt; denn eine Gefahr, die man nicht erkennt, die man sich einzubilden gezwungen ist, ist viel schlimmer, wie eine wirkliche Gefahr, davor man sich verwahren kann- Sie fragten, ob ich geheilt bin! Ja, Madame — gründlich — sogar von meiner Liebe zu Ihnen!" „Sandor — sage das nicht, sage das nicht — ich liebe Dich ja — liebe Dich ja." — „Sie wollen lieben? Nein, Madame — ein Weib, das liebt, spielt nicht mit dem Geliebten-" — „Und-ein Mann, der liebt, glaubt an die Geliebte — und weil Du das nicht thatest, wollte ich Dich strafen-^ „Sie haben es gethan, Madame — vielleicht mit Recht- Ich war ein Thor — jetzt bin ich es nicht mehr —l und darmn scheide ich von Ihnen, Madame-" — „Sandor Guglai!" — „Leben Sie wohl-" — Erhobenen Hauptes ging er- „Sandor" — klagend, schmerzerfüllt tönte es hinter ihm her — er wollte sich umwenden; denn er liebte sie ja doch noch — doch noch — aber nein, er raffte seinen Stolz zusammen und ging hinaus — einsam in die schweigende Nacht- — — Ein Jahr darauf traf Sandor Guglai Gräfin Ilona in Rom- Sie sah elend aus; durch ihr blondes Haar zogen sich weiße Strähnen- Er wußte warum, der Gram! war es, ihn verloren zu haben- An der Fontana Trevi war es, wo sie sich trafen- Sie lächelte ihn wehmütig an' — er ergriff ihre Hand — küßte sie- „Das Schicksal sührt uns hier zusammen — zwei weißhaarige Menschen — wollen diese beiden Menschen den Mut haben, es noch mitsammen zu versuchen?" Sie drückte ihm plötzlich lächelnd die Hand- — „Ja — denn unsere Liebe ist noch jung-" „Und stark genug, das Vergangene zu vergessen." Kurze Zeit nachdem das junge Paar in das alte Kastell zürückgekehrt war, wagte niemand mehr, von der „Sge^e" zu reden — nur der junge Ehegatte- Und dann lächelten! beide — sie wußten wohl, warum!? Schachaufgabe. Von F. Beckers in Demmin. (Nachdruck verboten.) abcdef g h a b c d e f g h 8 8 6 6 5 5 4 3 3 2 Weiß. (8 + 8) Matt in drei Zügen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Ergänzungsrätsels in vor, Nr.: Der Thaler ist nichts wert, So lang er bleibt zu Haus; Doch geht er auf den Markt, So holt er dir den Schmaus. IM-- wohlfeiles Schachfxiel "W für 20 Pfennige zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.