Nr. 134 1902 m SW W Mittwoch den 10. September. In den Bergen. Von Boleslaw Prus. Autorisierte Uebersetzung aus dem Polnischen. (Nachdruck verboten.) >,ßteber Herr", sprach zu mir ein Bekannter, der ein großer Sonderling war, „lieber Herr, die Homöopathen haben ein vorzügliches Prinzip: „Gleiches wird durch Gleiches geheilt." Die Allopathen wenden doch auch Pocken gegen Pocken an, und Pasteur impft doch auch gegen Tollwut. Wozu über all diese Beispiele? Ich werde Ihnen einen Fall erzählen, den ich mit angesehen habe und wobei ein Mensch "von seiner eingebildeten Angst durch thatsäch- liche Gefahr geheilt wurde." Nach dieser Einleitung steckte nrein Freund sich eine Zigarre an und fuhr fort: „Zum ersten Mate sah ich die Alpen vor zwanzig Jahren, als ich nach Thusis kam. Einige Tage nach meiner Ankunft in diesem Städtchen machte ich mit einer Gesellschaft einen kleinen Spaziergang. Bet dieser Gelegenheit erlebte ich einen solchen Schrecken, daß ich Thusis sofort ganz bestimmt verließ und einige Jahre lang keine Berge sehen konnte. , , ,, An jenem Ausfluge nahmen sechs Personen teil; es waren zwei Polen, ein Deutscher, ein Engländer und zwei Französinnen dabei, die alle in demselben Hotel wohnten. Mir nahmen keinen Führer, da der Engländer die Gegend kannte; auch schien die Spitze, zu der wir hinaufklettern wollten, so leicht ersteigbar, wie dieser Stuhl, der mitten int Zimmer steht. Durch das Fernrohr bemerkte ich am Mhange des Berges zwar Quer- und Längsrisse, da diese aber nur klein waren, dachte ich nicht an sie. Es wunderte mich sogar, daß wir schon um neun Uhr morgens aus dem Hotel aufbrachen; da ich aber nicht verraten wollte, daß ich vom Gebirge nicht viel Ahnung hatte, machte ich keinerlei Bemerkungen und benahm mich unterwegs wie ein Tourist, der das Hymalahagebirge durchquert hat. Das verschaffte mir allgemeine Achtung und die besondere Gunst des Deutschen. Letzteres beruhte auf Gegenseitigkeit, denn es ivar ein außerordentlich angenehmer Mensch, der aber leider einen Fehler Hatter er litt an Kopsschwindel. Unterwegs ging es sehr lustig zur alle, auch der Engländer, waren ausgelassen wie Kinder, nur ich war ernst, während der Deutsche bei jedem Mhange rückwärts sah und Stellen aus Virgil zitierte. Er hielt das für die beste Art, die Aufmerksamkeit von Dingen abzulenken, die man Uicht sehen mag. ~ „Haben Sie auch hier das Gefühl des Schwindels?j fragte ich. . .,, „Ja", entgegnete er schnell, „aber sprechen wir nicht davon, sonst kann ich keinen Schritt werter gehen." Ich hielt inne, während der Deutsche immer lauter Kirgil deklamierte und sich immer häufiger umsah. Einmal faßte er mich sogar bet der Hand und flüsterte mir ins Ohrt „Ihre Ruhe flößt mir Mut ein; wenn Sie uicht mit wären, würde ich zurückbleiben müssen oder ... das Genick brechen. . . Kalter Schweiß bedeckte meine Stirn, da mein Seelen^ zustand in vollstem Gegensatz zu dem stand, was mein armer Gefährte von mir dachte. Bor allem beunruhigte es mich sehr,, daß der Berg, den wir besteigen wollten, trotz des zweistündigen Spazierganges gar nicht näher rückte: es schien mir, als ob er stets eine Meile entfernt bliebe. Aber meine Verlegenheit wurde; am größten, als der Berg, zu dem wir wollten, verschwand, und ich an seiner Stelle eine Unmenge Erde und Felsen erblickte, die tief unten begannen, und — bis cm die Sterne reichten. Die Wand, die wir hinauf lletterten, glich einer! riesenhaften Treppe, deren Stufen mehrere hundert Schritte hoch waren. Wenn ich unterhalb einer solchen Stufe stand), dachte ich, es wäre bereits der Gipfel, doch nach einer! viertelstündigen Wanderung überzeugte id) mich, daß wir nicht den Gipfel, sondern eine neue Stufe erreicht hatten oder auch einen neuen Uebergang zu einer neuen Stufet So ging's ohne Ende. Indessen wurde der Weg imwer wilder. Es verschwanden die Wälder, das Gras, die Sträucher, selbst der feste Boden. Wir fchritten über Steinhaufen, die immer größer und lockerer wurden. Immer dichter umdrängten uns die! riesigen Berggipfel, die rings von Wolken umkleidet waren, und die Schluchten, denen bläulicher Dunst entstieg. Zuweilen glätteten sich die Felsen der Berge; ihrs großen Stufen und Terrassen verschwanden, statt ihrer sah, ich eine schräge Wand, die meinen Füßen entglitt und steil zu den saphierblauen Wäldern hinablies, die tief unten schlummerten. Ms ich für einen Augenblick vergaß, daß ich oben war, schien es mir, daß ich auf einer Ebene stehe, die plötzlich unter meinen Füßen weicht, während em Teil bis zum Himmel emporsteigt und der andere in die Tiefe hinabfällt. Mir schwindelte; um nicht abzustürzen, packte ich den vor mir gehenden Deutschen. Er beschleunigte den Schritt, und bald kamen wir an eine weniger steile Stelle, „Ich danke Ihnen . . ." flüsterte er, und drückte mir fest die Hand. „Jetzt geht's mir besser... ©je haben mtr das Leben gerettet. . ." Ich erstarrte vor Staunen. Die vor uns schreitenden Damen zogen ihre Kleider und Schleifen zurecht, die sich nach ihrer Meinung nicht ästhetisch genug legten. „Eine furchtbare Hitze!" sagte die Eine. „Welch' schlechter Weg!" klagte ihre Kameradin. Nach einer Viertelstunde ruhigeren Weges hörte die Wand, an der wir entlang gingen, aus. Ich s"w daß wir von allen Seiten von nackten oder schneebedeckten Berg- gipfeln umgeben waren, daß zwischen uns und chn«i nichts als Luft lag. Ich weiß nicht warum, aber ich fühlte in diesem MgenbllF einen ruhigen .Stolz nnd eine gegen- standslose Begeisterung, 534 . Wir sind auf dem Gipfel", sagte der Engländer, sich vor den Damen verneigend, und steckte eine Zigarre an. „Welch' prächtige Aussicht!" riefen beide Damen. Sie nahmen kleine Spiegel aus der Tasche heraus und brachten das ein wenig verwirrte Haar in Ordnung. „Zwei Uhr!" bemerkte mein Landsmann. „Zum Teufel ist das Mittag- und vielleicht auch das Abendbrot. .. Der Deutsche setzte sich; das Gesicht zur Erde gebückt, begann er Virgil zu deklamieren. ■_ „Sehen Sie Thusis?" fragte ich ihn. „Es steht ans, wie ein paar Erbsen." „Ich sehe nichts und will nichts sehen", entgegnete er. „Vor ollem weiß ich nicht, ob ich von hier heruntevwmme. Der Engländer bemerkte, wie bleich er war, schüttelte den Kopf und reichte ihm eine Flasche Kognak. Der Kranke trank davon, ruhte ein wenig, und es wurde ihm besser. Wir blieben eine Viertelstunde ruhig sitzen, doch plötzlich erhob sich ein ziemlich starker Wind. Ich blickte nach der Richtung von Thusis und sah eine sonderbare Erscheinung. In der tiefen Schlucht, die zu unseren Füßen lag, hatte der bläuliche Nebel eine hellere Farbe angenommen. Allmählich ging er in zartestes Blaii über und wurde schließlich ganz weiß. Dann begann er schnell alle Thaler auszusüllen, sodaß es schien, als ob wir von einem Milchmeer umgeben wären, auf dessen Oberfläche Berggipfel schwömmen. Allmählich drangen diese tiefer hinein und versanken im Meer. Ich sah ganz deutlich eine Bewegung zwischen dem Nebel und den Bergen, aber ich erschrak, als ich bemerkte, daß der Gipfel, auf dem wir standen, hinunterzusallen begann .... Ich hätte schwören können, daß wir auf eine sich vor uns ausbreitende Wolke in rasendem Sturz hinunterfielen. „Was bedeutet das?" fragte eine der Damen den Engländer. ! r . , _ „Der Nebel steigt", sagte er etwas verstimmt. „Wir müssen hinunter", fügte er hinzu. >,Also nicht wir fallen, sondern der Nebel steigt zu uns auf!" dachte ich sehr beruhigt. Wer die Wolken fliegen schnell. Kaum hatten wir Uns von unseren Plätzen erhoben, als der Nebel uns bereits von allen Seiten umgab. Es wurde so dunkel, daß man picht drei Schritte wert sehen koimte. An den Händen und auf dem Gesicht fühlten wir Feuchtigkeit, dann begann es tti regnen und zu schneien — so dichte Flocken fielen, wie sonst, während eines Schneesturmes. Trotzdem gingen wir, einander an den Händen haltend, weiter, denn der Weg war ungefährlich, und der Engländer kannte ibn genau. Manchmal glitten die nassen Steine Unter unseren Füßen ab, dann rutschten wir unter großem Gelächter einige Meter hinunter. Am lautesten lachte der Deutsche, der in die beste Stimmung gekommen war seit dem Augenblick, als der Nebel die steile Wand und die darunter liegenden Whänge verdeckte.' Bei einer dieser Rutschpartien waren wir nicht zwei oder drei, sondern etwa dreißig Meter tiefer gekommen. Die Damen begannen bereits zu schreien, da aber wurde unsere Fahrt wieder langsamer; bald fühlten wir einen harten Felsen unter den Füßen. Der Deutsche erhob sich zu allererst und wollte recht vergnügt weiter gehen. Wer der Engländer hielt ihn zurück. „Verzeihen Sie", sagte er, „ich muß mich erst orientieren, Wo wir sind." Tastend machte er einige Schritte, verschwand Uber bald im Nebel. „Ho! ho! . . . ." Als er zurückkehrte, bemerkten wir eine Unruhe aUf seinem Antlitz. „Vielleicht können Sie einen Kompaß gebrauchen?" fragte mein Landsmann. „Gewiß, zeigen Sie ihn her!" erwiderte der Engländer Und ergriff ungeduldig den kleinen Kompaß, den der Pole an der Uhrkette trug. Der Engländer drehte den Kompaß hin und her, schüttelte den Kopf, schließlich schnalzte er mit der Zunge und sagte lächelnd zu den Damen: „Wir müssen warten, bis der Nebel vorüber ist." Uns aber flüsterte er zu: „Wir haben uns verirrt; setzt sind wir auf einem ganz anderen Teile des Berges . . ." „Wie hoch sind wir denn?" fragte der Deutsche. „Vielleicht auf der Hälfte des Weges; übrigens. wer kann's wissen?" „Ist hier vielleicht irgendwo ein Whang?" fragte der Deutsche wieder. „Auch dafür stehe ich nicht ein", entgegnete der Engländer. „In jedem Falle sind die Wände dieses Felsens sehr steil." Die Damen saßen verstimmt da. „Schade, daß wir keine Chokolade kochen können", sagte eine vpn ihnen. - , v. <_ _ ,± Es war schon vier Uhr durch, als von der Serie ern starker Wind wehte und sür einen Augenblick den Horizont freigab. Ein Schauer lief mir über den Rücken- Ich sah, daß wir auf einer etwa zehn Meter breiten Felswand saßen. Hinter uns stand die steile, mit glatten Sternen bedeckte Bergwand, die man unmöglich hrnaus klettern konnte, während vor uns tief unten das Thal lag. Von einem Hinabsteigen ins Thal konnte nicht die Rede sein, denn an dieser Stelle siel die felsige Bergwand fast senkrecht hinab... „Wann gehen wir weiter?" fragte erne der Damen. „Wenn der Nebel sich verzogen hat", antwortete der Engländer. I.., ...! J „Und wenn er bis zur Nacht nicht weicht?" „Dann übernachten wir hier." fc$)ci?§en ?/z "Durchaus nicht", entgegnete er ernst. „Wir sind in die Falle geraten und müssen jetzt geduldig fern. „So geben Sie doch irgendwelche Zeichen , bemerkte die andere. „Die Gegend ist doch nicht öde- Vielleicht hört es jemand." „Das wollen wir soeben thun." Mein Landsmann hatte einen Revolver, vermittelst er ins Thal hinunter zu schießen begann. Wer der Knall war so schwach, daß ich zweifelte, ob ihn jemand horte. Unterdessen wurde der Nebel immer dichter. Die Damen hüllten sich in Tücher und saßen traurig da, während der Deutsche in höchster Erregung aus und ab ging. Plötzlich faßte er mich bei der Hand und führte mich zur Seite. Sein Geficht trug einen wilden Ausdruck- „Mein Herr", fagte er mit veränderter Stimme, „ich weiß, daß wir über einem Whang sitzen; wenn ich, ihn auch nicht sehe, fühle ich bei dem bloßen Gedanken entert solchen Schwindel, daß . . . ich es nicht länger aushalte . . . - „Was wollen Sie also thun?" fragte ich erstaunt. „Ich stürze mich hinunter! Lieber sterbe ich, als daß ich diese Qualeii länger ertrage... Ich teile es nur Ihnen mit; die anderen brauchen nichts zu wissen . - .- Sind Sie von Sinnen?" „Ja, ich fühle, daß ich von Sinnen bin . . ." In diesem Augenblick näherte sich ber Engländer, und bevor ich zur Besinnung kam, hatte er den Rasenden gepackt. Er wollte ihm die Hände binden, und mir ries er mit halblauter Stimme zu: „Werfen Sie ihm ein Tuch über den Kopf!" „Wer der BUnglückliche ri-h sich tos, stieß uns beide fort und lief links die Wand entlang. Nach einer Weile hörten wir einen schweren Sturz und das gedämpfte Getöse rollender Steine. ... ,,Was ist dort geschehen?" rief eine der Damen, als sie den Lärm vernahm. t c r . „Nichts", entgegnete der Engländer dumpf. „Unser Kamerad versucht, den Berg zu besteigen . . ." Und zu mir flüsterte er: „Kein Wort davon, sonst folgen ihm die übrigen. In solch einem Augenblick ist die Tollheit eine ansteckende Krankheit. Eine peinliche Lage. .." ,, ,, Er nahm einen kräftigen Schluck Kognak, gab auch mir zu trinken, und dann begann er mit hübscher Tenor-, stimme eine Arie aus einer Operette zu singen. Die Ge- I sichter der verstimmten Französinnen klärten sich, und die Damen begannen ebenfalls zu fingen. Sogar mem Landsmann vergaß das Mittag und stimmte Mit falschem Vaß ein, der die Melodie fortwährend störte. Nur ich schwieg erstaunt und erschreckt. Dieser Gesaiig über dem Abgrund, nach einem solchen entsetzlichen Falk ließ mich den übermenschlichen Mut, aber auch den Ernst hpr 9d(ie eifeiutErt. „Zngen Sie!" rief mir eine der Damen zu. .„Das ist das beste Mittel gegen Langweile und Kälte." „Vielleicht werden die Bergleute dadurch auf uns aufmerksam", fügte die andere hinzu. Und sie begannen m dreien eine neue, noch lustigere 535 Arie. Diesmal schrie aber mein Landsmann in seiner Sprache, ohne sich zu genieren, aber auch ohne verstanden zu werden: „Der Teufel hole Dich, Engländer, zusammen mit Deinem Berg! Wenn ich die Schweizer nicht fürchtete, so würde ich Dich anstatt Kalbfleisch zu Mittag verspeisen!" Der Engländer wandte ihm sehr höflich sein bleiches Gesicht zu und schlug den Takt mit der Hand. Da . . . hörten wir plötzlich eine Stimme von unten. Der Engländer sprang auf und lief dorthin, von wo der Deutsche abgestürzt war. „Hop! hop!" rief man von unten. „Hop! hop!" antworteten wir im Chor. Die beiden Damen küßten sich vor Freude. „Ich bin nicht tot!" rief die Stimme. „Steigen Sie hier herunter!! Ern famoser Weg!" Erstaunt erkannten wir die Stimme unseres Deutschen. „Von dieser Stelle können die Herren herunterspringen, es ist kaum einige Meter hoch ... Die Damen muß man aber auf die Schulter nehmen!" schrie der Deutsche. „Gott sei Dank!" ries mein Landsmann; „wenigstens komme ich heute noch zu meinem Wendbrot!" Und er sprang in den Nebel hinein. Wieder hörten wir die Steine rollen und die Stimme t>eS' Landsmannes schimpfen: „Der Kuckuck hole ihn mit solchem Weg . . . Wahrscheinlich habe ich mir den Fuß verstaucht!"- Dann hörten wir unten eine Unterhaltung. Die Beiden mußten einander schon gefunden haben. Wir gingen alle der Reihe nach hinunter, trotz des Widerspruches der Damen, die aus keinen Fall auf die Schultern des Engländers Keltern wollten. Schließlich besannen sie sich jedoch. Der Felsen bildete nämlich an dieser Stelle eine Art Schwelle, die drei bis vier Meter hoch war; man mußte entweder hinunterspringen oder mit Hilfe einer untenstehenden Person hinuntergehen. Nachdem wer den fatalen Felsblock verlassen hatten, befanden wir uns auf einem steilen Whang, der von oben bis unten mit Steinen beschüttet war. So gingen wir nicht, sondern liefen in größter Hast und lärmend, alle vier an die Hände gefaßt: die Damen in der Mitte, der Engländer und ich zu beiden Seiten. Vor unsi ein wenig zur Seite, sahen wir im Nebel zwei Schatten sich vorwärts bewegen: meinen Landsmann und den mißratenen Selbstmörder. Trotz der bedeutenden Geschwindigkeit liefen wir mehrere Minuten den stellen Whang hinunter. Je tiefer wir jedoch kamen, desto durchsichtiger wurde der Nebel; endlich sahen wir das Thal.' ' ~ Als wir eine Viertelstunde später alle auf der Wiese zusammentrafen, faßte der Engländer den Deutschen unter und sagte zu den Damen: „Wissen Sie, daß dieser Mensch sich 'vor einer Stunde töten wolltet Der Selbstmörder ging beschämt zur Seite, und als die Französinnen sahen, mit welchem Ernst der Engländer sprach, begannen sie zu lachen. Selbst mein Landsmann hielt es für einen guten Witz. Als wir aber den Fall erzählten, begann eine der Damen zu weinen, und die andere bekam einen Weinkrampf. Thatsächlich verdankten wir dem augenblicklichen Wahnsinn unseres Kameraden unser Leben. Denn der Felsblock hing über einem Abgrund, und nur von dort aus, wo der Deutsche hinuntersprang, konnte man ins Thal steigen, ohne sich der Todesgefahr auszusetzen. Uebrigens verlief sein Abenteuer ziemlich einfach. Als er sich vom Felsen hinabstürzte, traf er auf eine Schicht Steine; um seinen unerträglichen Kopfschwindel schneller ein Ende zu machen, lief er blindlings vor sich hin. Nach einigen Minuten hatte er die Zone des Nebels hinter sich und er sah — den gefahrlosen Weg. Sobald er sich von der Erschütterung erholt hatte, Kelterte er nicht ohne Mühe wieder hinaus, um uns den Weg zu weisen." „Wollen Sie glauben", schloß mein Freund, „daß der Deutsche seit diesem Vorfall nicht mehr an Kopfschwindel leidet! ... Er ist sogar Mitglied des Alpenklubs geworden, und heute finde ich seinen Namen in den Listen der Touristen, Hitz die höchsten Berge besteigen , z." vermischtes. Der Herzensroma« einer österreichischen Erz. Herzogin. Aus München schreibt man: Die Verlobung Herzog Siegfried in Bayern mit der Erzherf zogin Maria Annunziata von Oesterreich wurde mit beiderseitigem Einverständnis gelöst. Diese in lakonischer Kürze abgefaßte Nachricht wurde vor kurzem durch den offiziellen Draht den Redaktionen übermittelt, während die Blätter vor acht Wochen gelegentlich der Verlobung des lebenslustigen in München nicht unbeliebten Herzogs Siegfried mit der österreichischen Erzherzogin zu erzählen wußten, daß mit dieser Verlobung ein wahres HerzenK- bünduis nur offiziell bestätigt wird. Ein Herzensbündnis! Nicht doch. Ein solches bestand zwischen'den Verlobten nie, denn es war den Eingeweihten bekannt, daß die Erzherzogin nur dem Drängen ihrer Verwandten, namentlich ihres Stiefbruders, dem österreichischen Thronfolger, nachgab, als sie dem um sie werbenden Herzog Siegfried das Jawort gab. Richtig war also nur, daß den Herzog Siegfried gerade die kalte Ruhe seiner Braut anzog, und nur von dieser Seite von einer Neigung die Rede fein konnte. Erzherzogin Maria Annunziata ist eine ernste Natur, die, wie am Wiener Hofe bekannt ist, seit Jahren ihr Ideal im Herzen trägt. Bor acht Jahren lernte die Erzherzogin einen jungen deutschen Fürsten, der vorübergehend am Hofe zu Wien weilte, kennen tmd — lieben. Dem Range nach hätte kein Hindernis bei der Ehe zwischen der Erzherzogin und dem jungen Fürsten, der zu den Lieblingen Kaiser Wilhelms II. gehört, obgewaltet; allein der Fürst ist — Protestant und die Erzherzogin strenggläubige Katholikin. Ta aber das Herz der Erzherzogin mit allen Fasern ihrem Ideale nachstrebte, so hatte diese nach erlangter Majorität die Absicht, dennoch dem Zuge des Herzens zu folgen. Bei gewöhnlichen Menschenkindern wäre dies leicht ntög> lich gewesen, nicht über bei der Nichte des österreichischen Kaisers, der sonst auch in Herzensfragen in seiner bekannten Ritterlichkeit und Mite tolerant ist. Ter Kaiser schlug aber die Bitte seiner Nichte aus GewissenHkruPeln ab. Man hoffte, daß die Zeit die Herzenswunde der Erzherzogin hellen werde, und der Kaiser verlieh feiner Nichte die Würde einer Aebtissin des adeligen Tamenstifteo auf dem Hradschin in Prag. — Still, ergeben ging die junge Erzherzogin ihren Pflichten nach, bis man im Februar d. I. die Erzherzogin aus Gründen der Vernunft mit Herzog Siegfried verbinden wollte. Die Prinzessin setzte dieser beabsichtigten Ehe ein entschiedenes Nein entgegen, und nach und nach erst gelang es, die Erzherzogin zu überreden, daß sie Herzoge Siegfried spreche. Das Resultat einer mehrmaliger: Aussprache war die offizielle Verlobung und es schien anfangs, als hätte die Liebenswürdigkeit des Herzogs über die kühle Ruhe der Braut einen Sieg davongetragen. Die Verlobung fand Mitte Juni statt, aber schon Ende desselben Monats erklärte die Braut, daß sie nach eingehender Prüfung mit sich selbst den Herzog bitten werde, ihr das Jawort zurückzugeben. Wieder gelang es, die Braut zu überreden, den beabsichttgten Schritt nicht auszuführen. Für die Eingeweihten stand aber eine bevorstehende Katastrophe fest, als die sechsundzwanzigjährige Braut des Herzogs Siegfried sich in Begleitung der Ihren nach München begeben sollte, um sich dem Prinzregeuten und den Verwandten des Bräutigams als Braut vorzustellen. Damals mußte ein außerordentlicher Druck angewandt werden, um die herzogliche Braut zu veranlassen, nach München zu reisen, um diese gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Dieser Besuch wurde aber von Woche zu Woche aufgeschoben, da die Braut plötzlich von einer Art „Agv- raghobie" — Platzfurcht vor der schönen Residenz an der Isar befallen wurde. Die Erzherzogin bildete sich ein, es geschehe in München ein Unglück. Als auch diese Erregung endlich durch Zureden überwunden ward — man nannte sie in der Umgebung der Erzherzogin umschreibend jungfräuliche Scheu — erschien die herzogliche Braut in München und wurde mit herzlicher Freude sowohl von Seite des greisen Prinzregenten, als! auch von beit Mitgliedern des Hofes Und der herzoglichen Familie empfangen. Die Braut blieb all diesen Liebesbezeugungen gegenüber kalt. Wieder in Wien eingetroffen, erKärte die Erzherzogin, daß es nicht christlich sei, Herzog Siegfried zu verschweigen, daß sie sich an seiner Seite unglücklich fühlen würde. Sie wolle nicht die uualücklichen @5eit int 536 Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'lchen UmverkiiätS-Buä- und Eteindruckerei eDüUL Erben) in Gikhen. Anagramm. (Nachdruck verboten.) Nektar, Haut, Angel, Amsel, Vater, Elba, Rauch, Mais, Gans, Falte, Reich, Emil, Beile, Launen, Genie, Tanger. Von jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umstellung der Buch« staben ein anderes bekanntes Hauptwort zu bilden. Die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter müssen, im Zusammenhang gelesen, ewe jur das irunst« leben wichtige Veranstaltung bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Rätsels in Nr. 182 t Der Hunger. zuging, ihn unter fortwährendem Erzählen von deut Schnürvb'art) tote die Buren an denselben nicht glauben wollten 2C., wieder auf den Stuhl niederdrückte und ihm die beiden Brillen von der Nase nahm) da fing ich auch an, meinen Apparat aufzubauen und kümmerte mich schließlich ebenso wenig um den Groll des! Wen, der sich, noch hin und wieder in tonten Ausbrüchen Luft machte. Zum! Unglück mußte ich noch erfi-ärett, daß es dort zu dunkel sei, weil das breite Werandadach zu viel Schatten gab) und ich glaubte schon tiUeS1 verloren, aber wenn (Stoff sich einmal ins Mittel legte, dann that ers ganz. Er nötigt« kurz entschlossen den Men durch ein nicht mißzuver-. stehendes Bornüberkippen des Lehnstuhles zum Auf steh en,- packte das schwere Möbel mit seinen derben Fausten, trug es, als ob es ein Wiener Rohrstuhl wäre, auf die Veranda Unfl führte dann OHM Paul, dessen Widerstand schon wieder anfing, lebhafter zu werden, mit sanfter Gewalt hinterher, und binnen wenigen Minuten waren zwei Auf-, nahmen fertig, die er dann auch ruhig über sich, hatte er-; gehen lassen. Als die Leibärzte vom Frühstück zurücklamech war ich schon beim Einpacken, und ihr Schelten über di« gesundheitsschädliche Aufregung irr die wir den Präsidenten! versetzt hatten, war ebenso Unnütz wie dessen iMrner wieder herdorgestoßenes ^Verdummte schellems!" (verdammt« Schelme). Wir hatten unfern Zweck erreicht- und vergnügt zog ich Mit meinen beiden Ausnahmen Von dannen. Tas, erste Bild davon bekam selbstverständlich Elofs, das zweit« erst Ohm Pastl. i Eine Skandalgeschichte ans dem New-Yorker „High Life". Aus New-York wird berichtet: Aufsehenerregende Enthüllungen über das Leben und Treib M unserer „besten Gesellschaft" werden in einer Ehescheidung^ klage gemacht, welche von Adele Watt geMN ihren (Satten Archibald Watt, einen wettbekannten Iach^i man und einstigen Kommodore des „Amerrcan, vWW KlNb", angestrengt worden ist. Die Fran beschuldigt den Gatten, sich saft täglich, bis zur Bewußtloftgkett berauscht zu haben, Orgien aN Bord des Schiffes mtt Damen gehalten und sich in anderer Weise vergangen zu Wen. Uw der Gatte, dessen Vermögen nach Millionen geschätzt wird, der behauptet, vollständig verarmt und' nur von der Gnad« einer alten- reichen Erbtante abhängig Ku sern, zeiht dr« Frau des verbotene:: Umganges! Mit einem Newyorker. Geistlichen, der in einer der vornehmsten Kirchen Man-! hattans die Pfarre bekleidet und großen Einfluß auch rM politischen Leben der Stadt ausübt. Nächtlich, wenn der Gatte im Schlafe lag, so heißt es in der Erwiderung der Klageschrift, kam der Geistliche an Bord, Und trank mrt de« Frau des Jachteigentümers dessen Champagner. Auch mrt anderen Männern soll die Frau verbotenen ^rkehr nntM-i halten haben. Die GatttU behauptet, dre Jacht verschlrng« 8000 Mark wöchentlich. Frau Watt verherratete s^ mrt Archibald Watt, dem Abkömwlrng erner der ältesten Knicker« bocker-Familien, 1895, an demselben Tage, an welchem sw von ihrem ersten Gatten, dem millionenrerchen FabrrkanteN Mc. Laughlin, geschieden wurde. Watt behandelte sre gleich, von Beginn der Ehe sehr glerchgrttrg und war öfter ber feiner reichen Tante, Mäulern Mary &u f'«tom/ in seinem eigenen Hause. Sern en Hauptwohnsitz harr« das Ehepaar aus der Jacht- auf welcher es gastfreies Haus hielt. Mau Watt behauptet, daß sie gezwungen war, dw Gäste sehr oft allein zU empfangen, da ihr Mann schon, vor Anbruch der Nacht sich in einem' solchen Zustande der Trunkenheit befand, daß Man ihn zu Bett bringen mußten Habsburger Herrscherhause vermehren. Da Man der Erzherzogin wieder ihre Skrupel auszureden suchte, um ein Eklat zu vermeiden, wandte sich die Prinzessin vor der Mreise des Kaisers Franz Josef Nach, Ischl, flehentlich an diesen mit der Bitte, ihr zu gestatten, den Herzog, den sie um seiner liebenswürdigen Eigenschaften schätzen gelernt, aber nie lieben werde, zu bitten, ihr das! Jawort rurückzugeben. Der greise Herrscher gab den flehentlichen Bitten seiner Nichte Gehör, und die Prinzessin schrieb Ende vorigen Monats selbst dem Herzog im Sinne ihrer Bitte an den Kaiser. Die Aufhebung der Verlobung erfolgte nach mehrtägiger mündlichen Verhandlungen zwischen den Verwandten. Die Erzherzogin hat die Absicht, sich Nun ganz in das adelige Tamenstist in Prag, dessen Aebtissin sie ist, zurückzuziehen. Ohm Paul als Photographenopfer. In launiger T eise erzählt G. Männchen in der „La Plata Post", in der er in einer langen Reihe interessanter Skizzen seine Erlebnisse als freiwilliger Mitkämpfer auf der Burensette schildert, wie es ihm am Schlüsse seiner Kriegs-zett gelang, OHM Paul auf der Veranda seines provisorischen Regie- rungsgebäudeS in Watervalonder zu einer photographischen Sitzung zu zwingen und so den Schnurrbart im Bilde z i verewigen, den der alte Herr sich gegen seine Gewohn- h nt in der unruhigen Zett seines! Rückzuges hatte wachsen Kissen. „Beharrlichkeit, List und Schläue", so erzählt er, „und nicht zum wenigsten das! Opfer meines letzten Pfundstückes! als Trinkgeld für den Lieblings-Enkel und Leibkutscher des Präsidenten führten mich schließlich doch zu dem gewünschten Ziele. Es! war ein eigentümliches Verhältnis zwischen Ohm Paul und diesem seinem Enkel und Leibkutscher. Ein Bursche von etwa 22 Jahren, natürlich schon verheiratet und Vater Mehrerer Kindler, von saft ungeschlachtem Körperbau, trotz ferner Jugend so dick und mastig wie seine Gäule, mit flachsbtondem Haar und Vollbart, gesunder Gesichtsfarbe und' kleinen, listigen, blauen Augen, war im Hofstaate Ohm Pauls' das enfant terrible. Wie häufig Großeltern für ein Enkelkind, so hatte auch Ohm Paul für diesen eine besondere Schwäche und ließ sich von ihm fast aus der Nase herumtanzen Ter Kutscher (Stoff, so hieß der Bengel- aß, da er seine Familie in Pretoria gelassen hatte, mit dem Präsidenten und den Staatsministern tot einem Tische, mischte sich dabei dreist in die Unterhaltung über hohe Politik und brachte zuweilen die Staatsmänner in nicht geringe Verzweiflung, wenn Ohm Paul, wie gewöhnlich, der Ansicht seines' Kutschers zuneigte und nicht so wollte, wie sie. Sie hatten sich aber mit der Zeit daran gewöhnt. Mit ihm zu rechnen, und poussierten ihn schließlich ebenso, wie alle andern, die mit Ohm Paul in Verbindung standen. Daß der schlaue Bursche diese seine Macht weidlich zu seinem Vorteil aus- nutzte, das kann man ihm im Grunde genommen nicht verdenken. Die Trinkgelder in Gestalt von Pfunden, deren Zahl er sehr gut mit der Größe des zu leistenden Dienstes in Einklang zu bringen verstand- flogen ihm nur so zu. Wochenlang hatte ich schon wegen einer Sitzung bei Ohm Paul angebohrt, und er hatte mich immer gröblich ablaufen lassen, nicht selten mit der bescheidenen Anfrage, ob ich ganz und gar verrückt geworden wäre, bis ich mich endlich hinter (Stoff steckte . Dieser fiel auch zuerst heftig ab', und ich mußte zweimal mit meinem Apparat unverrichteter Sache wieder abziehen. Beim dritten Male jedoch drückte ers mit Gewalt durch. Er hatte einen Moment äbgepaßt, daß die beiden Leibärzte zum Frühstück in das gegenüberliegende Hotel gegangen waren. Wir standen beide vor der Thür des Zimmers, in welchem Ohm Paul am Fenster saß, und (Stoff rief zur Thür herein: „Ohm! Tie Kerl is nu dar!" Mit Donnerstimme rief er zurückr „Wie Kerl?" (welcher Kerl). „Na, die Kerl mit die Photographie! Mag ik em rinlate!" (Dars ich ihn herein lassen?) fragte Elofs. Wieder donnerte der We: „Nee! Ik will dre Kerl niet feen niet! Laut em my niet rin." Aber mit den Worten: „Ohm, tk laat em doch rin!" hatte mir (Stoff schon einen Stoß gegeben- und ich stolperte ins Zimmer. Me ein grollender Löwe erhob sich Ohm Paul von seinem Lehnstuhle und brüllte uns die denkwürdigen Worte entgegen: »Fs helle heele mal geck?" (Seid Ihr ganz und gär verrückt?) Ich hätte am liebsten gleich wieder Kehrt gewacht, »ber als ich sah, wie sorglos (Stoff auf den alten Herrn