Samstag den 10. Mat. 1902. — Nr. 69. „Nein, ich werde nicht ein Wort von dem, was ich' sage, bereuen." r, c ,, Er schob den Teller auf beit Tisch, stand auf und verlieh das Zimmer. Madame Hansen, eine große, grobkörnige Frau mit schiefer Unterlippe und grauen Barthaaren, trat tut selben Augenblick zur Thür herein und starrte Helene an. „Mein Gott, was haben Sie nur? Me sehen Ste aus?" fragte sie. , .•*. „ „Ach, ich weiß nicht — der Kleine ist so unruhig, er ist gewiß nicht ganz wohl." „Das kommt von der Milch", memte Madame § entfett. „Ich glaube, Sie selber sind nicht so recht auf dem Schick/- „Ach, nein! Aber es ist wohl das Richtigste, thn zu entwöhnen; er ist in der letzten Zeit oft so unruhig gewesen." Madame Hansen nickte still vor sich hin. In der Nacht mußte Helene mit dem Kleinen stundenlang im Zimmer auf und nieder gehen. Böje erbot sich, aufzustehen und sie abzulösen, aber ste sagte, sie könne es sehr gut aushalten. In Selenes Küche war alles so rein und zierlich. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Schmalz, und daneben lagen ein Paar Schnitten Brot. Sie selber saß aus einem Schemel, eine Brotkruste in der Hand, eine Tasse Kaffee auf dem Schoß. Der Kleine watschelte mit einer Fettes schaufel durch die Stube und die Küche. Ste freute sich über sein gesundes Aussehen und dachte bet sich, daß er I der Pausbacken wegen sehr wohl die Dienste eines Posaunenengels verrichten könnte. Frau Eck trat ein und betrachtete Helenes Schmalzbrot mit gierigem Blick. „ _ „Ach, wie Ihnen das schmecken muß, Frau Bote! Wollen Sie nicht auch einen Bissen haben? ^ch kann Ihnen nur leider keine Butter anbieten/ . . Sie sind sehr freundlich, ich esse gerat,’ Schwerne- schmälz so gern! Ach, ich weih noch ganz genau, tote es I mir lcktmeckte wenn ich mich als Kind in dte Leutestube I geschlichen hatte und von dem Brot der Mädchen abbeißen aß mit einer Gier, die unheimliche Schlußfolgerungen in Helene erregte. " Mit dem rücksichtsvollen Takt, der,ihr eigen war, suchte I sie wo und wann sich ihr die Gelegenheit bot, dte un- I glückliche Nachbarin durch den Trost des Christentums auf- turichten; aber es war fast eine Unmöglichkeit, dte em armen Herzen beizukommen, dem so Übel mitaesptelt zu sem schten, daß es völlig den feinen Sinn verloren hatte, mr das Unfaßbare ergreift und sich von Glück durchschauert fühlt, I wenn es Gottes Odem in seiner Nähe empfindet. Ick> möchte so gern auf alles das eingehen, was Sie I Mr /sagen Frau Böte, aber was kann es mir nützen, wenn I ich nun einmal nicht kann? Me kM-M-h. Sie fmd! See. (Nachdruck verboten.) I Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen.! Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) „ . Ach, das sei ein Unsinn mit „Stille und Unterthäuig- feit"! Wie viele junge Thatkraft sei nicht geknickt, wie viele Millionen geistig erweckter Frauen seien nicht in ihrem Streben gehemmt durch diese Lehren des Apostels, die vielleicht in einer fernen Vergangenheit auf die bestehenden Verhältnisse gepaßt haben mochte, die aber mit dem Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts nichts mehr zu thun | habe, als ein Sklavenjoch mit einem freien Nacken. , „Ich glaubte", fuhr er fort, „daß Du allmählich em wenig Verständnis- für die Kümpfe der . Zeit gewinnen würdest, und ich hoffte, daß Du eine Stütze für mich werden würdest, aber wie es scheint, gehst Du darauf aus, mtr | Arme und Beine zu binden." I „Ich will Niemand Arm und Betue binden, aber ich will das Recht haben, meine Ansicht offen auszusprechen. „In der ersten Zeit unserer Ehe hatte es den Anschein, als wenn Du, gleich anderen jungen Frauen unserer Tage, den Kopf hoch tragen wolltest, jetzt aber verfmkst Du wieder mehr nut) mehr in die alte Gewohnheit." „Möchtest Du, daß ich neben Fräulem Strange austräte und mit frechen Worten über den heiligen Geist und über „Becher und Teller" beim Abendmahl spräche?" „Nein, das möchte ich nicht, aber ich möchte wohl, daß Du etwas mehr Fähigkeit besäßest, den gesunden Trotz der Zeit in Dich aufzunehmen, und daß Du imstande seiest, den Grundbetrieb zu erkennen, die ehrliche, warme Absicht, die hinter all meiner Arbeit liegt." , „Wann habe ich etwa gesagt oder gezeigt, daß tch an Deiner guten Absicht zweifelte?" „Du schuhriegelst mich bei jeder Gelegenheit." _ „Hans! Was giebt Dir ein Recht, so zu mrr zu sprechen?" ' ■ . „Kommst Du uicht alle Augenblicke und versetzest mtr einen Hieb mit Deinen Bibelstellen und all Deinen moralischen Züchtigungen? Dein Lieblingswunsch ist, MM in eine Zwangsjacke zu stecken mit all Deinen Tugendlehren. „Du bist erregt, Hans, Du wirst bereuen, was Du sagst." ein Müssen und dein Mögen, A Die sieh'n sich oft entgegen: Du thust am besten, wenn du thust, Nicht was du magst, nein, was du mußt." Fr. W. Weber. 274 sitzen so geborgen mit den Ihren unter den Fittichen der Vorsehung." „Ja — — glücklich?" dachte Helene. „Wer es auch so hätte!" „Sie sind zu schwach, Frau Eck, das ist das Ganze. Sie müssen Ihre Grillen verscheuchen — ja, es nützt Ihnen doch nichts, Sie müssen es thun. Nehmen Sie sich zusammen, versuchen Sie einmal ganz ernsthaft, sich aufzuraffen. Reisen Sie eine Zeitlang zu Ihren Eltern und bemühen Sie sich, zur Ruhe zu kommen." Die junge Frau sah vor sich hin. Langsam füllten sich ihre Augen mit Thränen: „Ich habe keine Eltern mehr, Frau Böje!" „Wie? Sind sie beide gestorben?" , „Ja, sie sind tot — für mich!" „Wieso?" „Ich verlobte mich gegen ihren Willen und reiste mit meinem Verlobten fort — das war damals, als Sie mich auf dem Bahnhof sahen. Seither ist mein Heim mir verschlossen gewesen — aber was haben Sie nur?" „Nichts — es überläuft mich oft so kalt." „Nein, ich weist recht gut, was Sie haben. Ich verstehe sehr wohl, daß es in Ihren Augen eigenwillig und sündhaft erscheinen must. Du sollst Vater und Mutter gehorchen! — nicht wahr?" „Ha — das sollte man ja stets thun!" „Vaterund Mutter sind Gottes Stellvertreter auf Erden, ich weiß das sehr wohl. Wer wenn Sie ahnten, Frau Boje, welche Qualen man durchzumachen hat, wenn man zwischen den Eltern und Dem wählen soll, den man liebt, wie unglücklich man sein kann--suchen Sie das Messer? Hier ist es —" „Nein — es war nichts." „Wer ich hätte für ihn durchs Feuer gehen können, und ich that es auch; unter solchen Verhältnissen treiben uns Kräfte, von deren Besitz nur bisher gar keine Ahnung hatten — man kann sich gegen Gott und die Menschheit cmflehnen und nur den einen Wunsch und Gedanken haben, all seine. Verzweiflung, all sein Glück an dem Herzen dessen J^U-vergen, dem man vertraut." Die Thränen rannen ihr von der Wange herab . „Sie müssen mich aber nicht zu hart beurteilen, Frau Böje!" „Nein, ich urteile nicht über Sie." „Ja, ich weiß sehr wohl, was Sie im Innersten Ihres Herzens von mir denken, aber Sie bringen es nicht übers Herz, es mir zu sagen. Sie können mir glauben, ich habe es auch entgelten müssen — ach, ich habe so viel durchf- ^emacht. ^Mer nun must ich gehen, liebe Frau Böje! Helene nahm wieder Plak auf dem Schemel. Erst lange, nachdem Frau Eck gegangen war, entdeckte sie, daß sie mit einer halben Tasse schwarzen Kaffees dasast, den sie, ohne es zu wissen, eingeschenkt hatte. Während der nun folgenden Zeit ging sie in einem Zustand von Angst und Gewissensunruhe umher, der um so schwerer zu ertragen war, als sich ihre Zukunftsaussichten verfinsterten — sie erwartete nämlich ihre zweite Niederkunft. Hierzu kam, daß sie ihre hübsche Wohnung ausgeben mußten. Böje konnte die hohe Miete nicht erschwingen, er hatte ein kleines Zimmer und zwei Dachkammern im vierten Stock eines Hintergebäudes gemietet; dort wohnten sie siebzig Kronen billiger und hatten außerdem noch mehr Platz. Es waren ein paar abscheuliche Löcher, dunkel und schmutzig; aber sie schwieg. Hatte derjenige, der den Zaun des Gesetzes überschreitet, denn nur Fluch und Unglück zu gewärtigen? Sie bat Gott so inbrünstig um Gnade und Hilfe. Sie hatte ja nur ihn, nur das große, allmächtige, allwissende Wesen — den Zuchtmeister der Sünde, den Vater der Barnr- herzigkeit — dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Böje war so in Anspruch genommen von seiner Politik und seinem Ärbetierkampf, dass er kaum Zeit hatte, sich um sie zu bekümmern. Hin und wider geriet er ernstlich mit Gärtner Christensen aneinander, der sogar einmal damit drohte, ihn zu entlassen. । , Wiederholt forderte ihn Helene auf, eine Försterstelle auf dem Lande zn suchen, aber daraus wurde nichts. Er war zu tief in das bewegte Leben der Hauptstadt hinein-. geraten, um sich in die ländlichen Verhältnisse und die Wald-, einsamkeit vergraben zu können. Und doch hatten sie allen Grund, ihre augenblickliche drückende Stellung mit einer bessergelöhnten zu vertauschen. Das Geld wollte niemals ausreichen. Sie bekam im Monat fünsundvierzig Kronen für den Haushalt, wenn der halbe Monat verstrichen war, mußte sie sich gewöhnlich schonl mit leeren Händen melden. „Der Monat ist ja aber erst halb zu Ende!" । „Ich schuldete so viel vom vorhergehenden." Es war etwas Peinliches für sie in diesemMonatsverhör< Oft nahm sie sich vor, daß sie nicht selbst die Verantwortung? haben wolle — Böje sollte jede einzelne Ausgabe bezahlen, dann könne er ja sehen, wei weit man mit fünfundvierzig Kronen reichte. Wer sie setzte es niemals durch, dahingegen gewöhnte sie sich allmählich daran, sich ohne Scheu zn melden. „Du mußt mir Geld geben, ich hab' nichts mehr." Das erste Mal, als sie so kam, sah er sie erstaunt nut „Was ist das für ein Ton!" „Ich kann mit dem besten Willen nicht auskommen., Du bist allmählich anspruchsvoller geworden, Du willst jeden Tag gutes, kräftiges Essen haben, was ich Dir auch von Herzen gönne; aber ich kann nicht Beefsteaks und bayerisch Bier aus den Tisch hexen." Daß sie selber fast niemals Butter aß und ihren Thed ohne Zucker und Sahne trank, davon sprach sie nicht; sie wollte sein Mitleid nicht durch Mitteilungen erkaufen, die wie Klagni klingen mußten. Bald mußte Feuerung, bald Schuhzeug für den Kleinen gekauft werden — da waren hunderterlei Dinge, und Witz sie sich auch wandte und drehte — es war ihr eine Pein,- sich zu melden. „Ja, ja, mein Schatz", konnte Böje anderseits auch wieder sagen, „ich weist, daß Du nichts Verthust. Wir bekommen schon das tägliche Boot." Zu andern Zeiten schäumte er dann wieder vor Wut/ daß er sich das ganze Jahr hindurch für elende elfhundert Kronen abarbeiten solle, während diese reichen Handels- Herren in ihren feinen Stuben saßen und ebenso viele oder doppelt oder zehndoppelt so viele Tausende verpraßten. Helene dankte ihrem Schöpfer, daß sie gesund war. Wenn! nur erst alles glücklich überstanden war, wollte sie doch sehen, ob sie nicht ein wenig verdienen konnte, indem sie kleine Mädchen in ihrem Hause unterrichtete. Da sah sie Frau Eck eines Täges noch verstörter als! sonst in ihr Zimmer stürzen. Unwillkürlich erfaßte sie die? Angst, daß ein Unglück geschehen sei oder geschehen würde-, deswegen folgte sie ihr und sah, wie sie eine kleine Flasche aus der Tasche zog. Durch Helenes Eintritt überrascht, liest sie die Flasche fallen, deren Inhalt sich über den Fußboden ergoß, die Luft mit einem durchdringenden Karbolgeruch erfüllend. „Was wollen Sie — was wollen Sie hier?" fragte sie, Helene wild anstarrend. „Nichts. Ich wollte nur —" Mit der wunderbaren? Ruhe, die ihr stets zu Gebote stand, wo es sich darum! handelte, andern behilflich zu sein, fuhr sie fort: „Ich wollte! Sie nur bitten, heute nachmittag ein wenig zu mir herüber-, zukommen — ich meine überhaupt in diesen Tagen — in? dieser Zeit. Ich muß eine Hilfe im Hause haben." Frau Eck hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und liest bie! Augen wirr durchs Zimmer schweifen. Helene holte ein Tuch und einen Besen, wischte die Säure auf und öffnete das! Fenster. „Das wollten Sie wohl zum Malen gebrauchen? Wie; schade, daß Sie die Flasche zerbrochen." Die junge Frau sank zusammen und schnappte nach! Luft. „Wer kommen Sie jetzt mit mir! Ich glaube, der Kaffee ist noch warm, und ich habe frisches Weißbrot und frische Butter vom Lande." „Ach nein! Lassen Sie mich nur sitzen." „Kommen Sie nur mit mir hinüber, ich fast da und? langweilte mich so entsetzlich." „Ich kann nicht, Frau Böje!" „Natürlich können Sie! Keine Ausreden! Das bißchew Schwäche geht schnell vorüber! Kommen Sie nur!" Helene zog sie mit sich in ihre Wohnung, deckte ihr auf, sprach ununterbrochen mit ihr und stellte sie schließlichj ans Plättbrett., 275 „Sie könnten mir einen großen Gefallen thun, wenn Aie über Nacht hier schlafen wollten, Frau Eck! Ich kann meine Niederkunft jede Stunde erwarten!" Die junge Frau blieb in der nun folgenden Zeit ganz bei Helene. Böje brummte über die vermehrten Ausgaben, aber Helene machte sich nichts daraus. „Wollen Sie jetzt die Bänder an diese kleine Jacke nähen, und wollen Sie dann — ach das ist ja wahr, die Blumen! Bitte, 'begießen Sie die erst, Frau Eck! Und dann waschen Sie die Tassen, bitte, ab! Ach, wie glücklich ich bin, daß ich Sie habe! Ich weiß wirklich nicht, wie ich sonst hätte fertig werden sollen!" Jeden Tag saßen sie stundenlang am Nähtisch und unterhielten sich. Mit einer sie nie verlassenden Frische gelang es Helene, die Freundin auf Gebiete zu leiten, wo Bilder Von der Versöhnung des Lebens Eindrücke in dem gemarterten Gemüt hinterlassen konnten. Durch eine Unmenge von Ueberzeugungsmitteln, die sie allen Strichen des Weltenraums entlieh, aus der heiligen Geschichte, aus der Natur, vor allein aber aus dem Heiligtum ihres eigenen Innern suchte sie Frau Eck klar zu machen, daß es einen lebenden, persönlichen Gott gäbe, und daß dieser Gott unter der lichten Wölbung seiner Liebe Platz habe für alle Sünder der Welt. Es war eine eigenartige Stärke in ihrem eigene« Glauben, es war, als werde sie aufrecht gehalten von „Silockms leise rinnenden Wassern." (Fortsetzung folgt). Frau Polhlrates. Novellette von G. Ellis. Ins Deutsche übertragen von Wilhelm Thal. (Nachdruck verboten.) Es war ein sonnenheller Frühlingsmorgen. Professor Holm saß in seiner Wohnstube bei der Zeituug und dem Morgenkaffee und genoß beides in Frieden und Ruhe. Er war ein alter Mann und er hatte sich, nachdem seine älteste Tochter geheiratet, in eine schöne Wohnung in der Stvck- holmsgade zurückgezogen. Heute wurde er jedoch in seiner Morgenruhe durch ein heftiges Klingeln an der Wohnungsthür unterbrochen. Der Professor runzelte die Stirn, — er liebte es nicht, gestört zu werden — als er eine ihm wohlbekannte Stimme hörte: „Ist Vater zu Hause?" „Emma — das ist Emma!" rief der Professor erschrocken. Doch sie hing ihm bereits am Halse und rief mit strahlendem Gesicht: „Hab' ich 'Dich erschreckt, Väterchen? Vergieb mir die Ueberraschung; ich bleibe jetzt bei Dir!" „Du bleibst....?" „Ja wohl, und zwar auf lange Seit!"' „Und Paul, wo ist Paul?" „Wo ich herkomme, in Meran, in Südtirol." „Ist er denn damit einverstanden, daß Du hierhergereist bist?" „Ich habe ihn nicht danach gefragt, Väterchen." „Was soll das heißen, Emma? Habt Ihr Euch gezankt?" „Im Gegenteil. Aber ich will mich scheiden lassen." „Scherze nicht mit so ernsten Dingen, Kind!" „Es ist Ernst. . . das heißt. . ." „Willst Du mir nun ohne Umschweife sagen, was los ist?" „Was los ist? Wir find zu glücklich!" „Zu glücklich?" , „Ja; von dem Augenblicke an ,ha ich meinen Mann kennen lernte, bis jetzt, war noch nicht eine Wolke an unserem Himmel, aber ich bin abergläubisch. Ich fürchte den Neid der Götter und muß deshalb ein Opfer bringen." „Die alten Götter sind tot." „Das sind sie. Doch den Neid haben sie zurückgelassen. Und uni sie zu versöhnen, trenne ich mich von Paul." „Das geht zu weit!" „Nein, ich bin dazu gezwungen. Ich fühle, es schwebt ein Unglück über uns." „Keine Prophezeiungen!" „Höre mich! Ich habe an Paul geschrieben, und ihm gesagt, ich hege eine unüberwindliche Abneigung gegen ihn und müßte ihn deshalb verlassen. Jetzt will ich sehen, wie er das ausnimmt." „Ein gefährliches Experiment, vor dem ich Dich auf das nachdrücklichste warnen möchte." „Ich habe es mir lange und eingehend überlegt Jetzt steht mein Entschluß fest. Paul ist gestern zu einem Aerzte- ', sagte er. ig nach Meran . . ch Innsbruck." Kongreß nach Innsbruck gereist, und ich bin jetzt hier. Den Brief habe ich auf seinen Schreibtisch gelegt. Glaubt Paul mir, — hält er es wirklich für möglich, daß ich auf die Weise von ihm gehen kann, dann war seine Liebe nicht echt, und die Scheidung muß stattfinden. Doch so weit kommt es nicht--davor habe ich keine Angst ..."--- Die ersten Tage ihres Aufenthalts in Kopenhagen vergingen ihr schnell, ©ie wartete in Ruhe und Sicherheit auf Pauls Antwortschreiben, worin er sie beschwor, doch endlich zurückzukehren, er könne nicht ohne sie leben usw. Doch dieses Schreiben kam nicht. Jetzt war es mit des Professors Ruhe und Frieden vorbei. Emmas Gefühle und Launen wechselten. Bald war sie eine Beute der wildesten Verzweiflung, bald klagte sie sich selbst an und bald Paul. Beständig war sie nervös, leidend und unglücklich. Als drei Wochen auf diese Weise vergangen waren, wußte sich der Vater keinen andern Rat, als nach Meran zu reisen und mündlich mit Paul zu verhandeln, da der Schwiegersohn augenscheinlich nicht schreiben wollte. Emnca war damit einverstanden; sie konnte diese schreckliche Ungewißheit nicht länger aushalten. In Meran augelaugt, begab sich Holm unverzüglich in die Wohnung seines Schwiegersohnes. Doch hier erwartete ihn eine schmerzliche Ueberraschung. Dr- Holst war seit drei Wochen abwesend, Emmas Bries lag uneröffnet aus seinem Schreibtisch, ebenso ein Telegramm, an Fran Dr. Holst adressiert. Der Prosessor brach es hastig auf, es war eine Mitteilung eines Krankenhausarztes aus Jnns- bruck, Dr. Holst wäre schwer krank, und seine Frau sollte schleunigst kommen. Holm wußte kaum was er thun sollte. Nach einiger Ueberlegung beschloß er, an seine Tochter zu telegraphieren: „Sei nnbesorgt. Komme nach Meran". Er selbst reiste mit dem nächsten Zuge nach Innsbruck. Im Krankenhaus augekommen, erhielt er auf feine ängstlichen Fragen die Antwort, Dr. Holst wäre allerdings noch am Leben, schwebte aber in großer Gefahr. „Wir hatten gerade einige eigentümliche Typhusanfälle, die Dr. Holst mit großem Interesse beobachtete, und er Pelt sich mehrere Stunden in dieser Abteilung auf, um die Krankheitsform, die ganz neu war, zu studieren. Es muß wobl eine Ansteckung stattgefundeu haben, denn Dr. Holst erkrankte plötzlich unter gefährlichen Symptomen. Drei Wochen hat er bewußtlos gelegen. Einer unserer Kollegen wußte, daß Holst verheiratet war, und wir telegraphierten an seine Frau, von der jedoch keine Antwort erfolgte. „Eine unglückselige Verkettung von Umständen", murmelte der Professor. „Es ist noch eine Frage, ob er durchkommt, denn seine Kräfte sind fast erschöpft. Wenn nicht sehr bald eine Wendung zum Besseren eintritt, müssen wir jede Hoffnung aufgeben. Der Professor war außer sich. Zunächst muhte er Enima jetzt auf das Schlimmste vorbereiten. Er beschloß, ihr bis zu einer Station entgegen zu fahren, die sie auf dem Wege uach Meran passieren mußte. Wie fürchterlich hatte sich ihr Geschick nicht in diesen wenigen Wochen verändert! Als er seine Tochter auf der Station aussteigen sah, konnte er seine Bewegung kaum bemeisteru. Wie schlecht sie aussah! Wie war das kleine, früher so rotwangige Gesicht jetzt schmal und blaß geworden! Und doch welcher Glanz tu ihren Augen, welche Freude im Blick, welche Elastizität in ihrem Gang! Auf den ersten Blick sah der Vater, welche gute Wirkung das Telegramm auf sie aus- geübt haben mußte. Er ging schnell auf sie zu. „Dein Gepäck?" fragte er. „Das kommt direkt!" versetzte sie. Er winkte einen Gepäckträger. „Komm schnell!" sagte er in kurzem' Tone. Etwas verwundert folgte sie ihrem Vater. „Wir fahren in zwanzig Minuten", „Nein, in zehn. Der Zirn „Ja, aber wir fahren nach _ „Nach Innsbruck?" „Paul ist krank!" „Doch nicht gefährlich?" „Das wollen wir hoffen." „Sag' mir alles!" flüsterte sie. , . Er sagte ihr alles, verheimlichte nichts, nicht seine Besorgnis, nicht die Zweifel des Arztes., Wahrend er sprach, traten ihm oft die Thränen in die Augen. — 276 - „Vater!" sagte sie leise, „fürchte nichts, Paul stirbt nicht! Ich weih, er wird wieder gesund werden." ' So mußte die Tochter, deren Schmerzensausbruch der Vater gefürchtet hatte, jetzt ihn selbst noch trösten und beruhigen. Sie führte den alten Herrn zum Koupee, besorgte die Fahrkarte und das Gepäck und schien so ruhig und gefaßt, daß der Vater erstaunt sein Kind betrachtete, das er nicht mehr verstand. Doch auch er hatte jetzt den festen Glauben, Paul würde durchkommen. Im Krankenhaus kani ihnen der Arzt mit fröhlicher Miene entgegen. „Gerettet!" sagte er. Emma wankte. Jetzt war sie nahe daran, die Fassung zu verlieren. „Wo ist er?" fragte sie schüchtern. „Sie müssen einen Augenblick warten, gnädige Frau. Der Kranke ist erst vor kurzem zu sich gekommen, und ist sich über seine Lage noch gar nicht klar. Wir müssen ihm jede Aufregung ersparen. Als er aus seinem Fieberwahn, von dessen Langwierigkeit er glücklicherweise keine Ahnung gehabt, erwachte, war seine erste Frage: „Wo ist Emma?" Die Krankenpflegerin, welche annahm, er meinte Sie, .Gnädige, antwortete: „Sie schläft jetzt, wird aber bald kommen; ich vertrete sie nur!" Als Emma die Schwester erblickte, ivelche ihren Mann so treulich gepflegt, während sie abwesend war, konnte sie ihre Bewegung kaum bemcistern. Sie war ihr dankbar aus der Tiefe ihres Herzens, und hätte ihr das so gern gesagt, und doch war sie nicht im stände, die Schwester anzusehen, sie fürchtete ihren scharfen, durchdringenden Blick, und so konnte sie in diesem Augenblick ein Gefühl brennender Scham und Reue nicht unterdrücken. Wie klein und jämmerlich kam sie sich jetzt vor mit ihrem eigenen Opfer, im Vergleich zu dieser Frau, die nur Entsagung und Güte kannte! „Es hat lauge gedauert, ehe Sie gekommen sind, Frau Holst", sagte Schwester Anna, „sind Sie krank gewesen?" Emma war nicht im stände zu antworten. Eine lange Pause trat ein. Endlich faßte sich Emma und sagte: „Schwester, weiß mein Mann, daß ich nicht hei ihm Ivar?" „Nein", versetzte diese; „er war ja nicht bei Bewußtsein." „Sagen, Sie es ihm nicht", bat Emma mit gefalteten Händen. Sie bedachte nicht, daß sie ihr Geheimnis mit dieser Bitte zum Teil verriet. „Ich will ihm selbst alles erklären, wenn er wieder kräftig ist." Die Schwester nickte. „Das würde mir nie in den Sinn kommen, das geht mich ja nichts an." Dann erhob sie sich. „Ich will sehen, ob der Herr noch schläft", meinte sie und öffnete leise die Thür. „Er schläft noch", flüsterte sie. „Setzen Sie sich an sein Bett, und wenn er erwacht, geben Sie ihm einen Löffel von dieser Medizin." Damit entfernte sich die Krankenpflegerin leise- Emma blieb allein bei ihrem Gatten. Sie preßte beide Hände fest aufs Herz, das zu spriugen drohte. Ach Gott, das war Paul! Dieser ausgezehrte, totblasse Mann mit dem langen, ungepflegten Bart, dem weihen Haar, den magern Händen und den tief in den Höhlen liegenden Augen! Ach Gott, !vas mußte er gelitten haben, wenn die Krankheit so fürchterliche Spuren hinterließ! Und inzwischen hatte sie, während der ganzen Zeit seiner Krankheit nur Aerger über seine vermeintliche Treulosigkeit empfunden; sie hatte ihn in ihrem Herzen angeklagt und sich selbst gesagt, seine Liebe wäre unecht. Allzu schnell hatte sie ihn aufgegeben. Ein Sturm vou.Gefühlen tobte in ihrer Brust; doch sie mußte still sitzen und durfte sich nicht rühren! Wie gern hätte sie ihn in die Arme genommen, ihn geküßt, ihm alles eingestanden und ihn so lange angefleht, bis er ihr schließlich vergeben hätte. Jetzt schlug er die Augen auf. Sie verriet ihre Aufregung mit keiner Miene. Mit sicherer Hand reichte sie ihm die Medizin, und führte den Löffel zu seinem Munde. Er sagte kein Wort, drehte sich nur ein wenig nach der Seite um und schlief weiter. Die Genesung schritt langsam vorwärts. Emma übernahm mit großem Takt und großer Tüchtigkeit vollständig seine Pflege, sodaß die Schwester sich zurückzog. „Ich muß zu Leuten, die meiner dringender bedürfen", erklärte sie auf Emmas Bitte, noch ein paar Tage zu bleiben. „Sie werden ja nichts verabsäumen, Frau Holst!" Wie gern versprach ihr Emma das, und mit welcher Selbstaufopferung pflegte sie ihren Manu! Der Professor reifte uach Hause. „Ihr habt mich ja nicht mehr nötig, Kinder, und ich sehne mich nach Ruhe." Da blieben die beiden allein. Erst nach Verlauf einiger Wochen war Horst soweit, daß er das Krankenhaus verlassen und in eins der prächtigsten Alpenhotels ziehen konnte, die Innsbruck in eine neue Schweiz verwandelt haben. Emma hatte es lange Zeit nicht über sich gewinnen können, ihre Thorheit einzugestehen. Sie hatte nie den Mut dazu. Erst uach Jahr und Tag, als sie in ihrer Villa auf der Veranda sahen, und hinausblickten auf die herrliche Frühlingslandschaft, die sich vor ihren Augen ausbreitete, da übermannte sie ein starkes Gefühl, daß sie vor ihrem Mann kein Geheimnis haben durfte, den» er war rein und gut, und liebte Reinheit und Schönheit über alles. Die Wiege mit dem schlummernden Kind stand au ihrer Seite. Und nun erzählte sie ihm, wie sie vor dem Glück geflohen war. Lächelnd schüttelte der junge Doktor den Kopf. „Wie oft hat mir meine -kluge Fran nicht eingeraunt, es giebt nur eine Gottheit: die Wahrheit! Sie glaubt, wie ich, an Schönheit und Güte, und hat vor nicht langer Zeit in ihrer schweren Stunde Gott um Hilfe angerufen. Und nun höre ich eine abenteuerliche Geschichte, wie diese selbe Frau — meine Frau — den seligen Polykrates in Szene gesetzt und meine erste Abwesenheit von Hause dazu benutzt hat, um — fortzulaufen? Wann werdet Ihr Weiber endlich zur Vernunft kommen?" „Das weih ich nicht", flüsterte Emma leise rind küßte das Kind. Ms de. Das Ideal moderner Frauenkleidung besteht, was die Verfertigung derselben anlangt, nach Prof.- Roller in Wien darin, daß sich jede Frau ihre Garderobe nach geläutertem, künstlerischen und individuellen Geschmack selbst herstelle. Aber wie frei jeder Kunst, ist auch bei der Bekleidungskunst -die mangelnde Technik das am schwersten zu überwindende Hindernis. Wenn also unter diesen Umständen das aufgestcllte Ideal schwerlich ganz erreicht werden wird, so bieten doch neuzeitliche praktische Hilfsmittel jeder Frau die Gelegenheit, ihm nahe zu kommen, und solche: Hilfsmittel sind die. als vorzüglich bekannten fertigen. Schnitte, welche die Internationale Schnittmanufakinr, Dresden-N. 8 für alle denkbaren Bekleidungsgegenstända liefert. Diese mit genauester Anleitung versehenen Modelle bieten die absolut sichere Grundlage für die Anfertigung; einer gutsitzenden Kleidung uach individuellem Geschmack, und wird dieses Hilfsmittel seitens aller Damen, die damit einen Versuch machten, sehr geschätzt und warm empfohlen. Die Auswahl der Modelle geschieht nach dem faisonmäßig erscheinenden „Reichhaltigen Modenalbum und Schnittmusterbuch" der genannten Mannfaktur, welches bei einem Preise vou nur 50 Pfg. eine großartige Modeschau, technische Belehrungen re., bietet. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Begier, Beier, Bier. Redaktion: I. V.: R. Dittm aun. — Rotationr-drnck und Verlag der Brüh l'scheu UniversitätZ-Buch- und Strindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.