Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) „Ihre Mama fand den Ermordeten?" wiederholte die stille Zuhörerin tonlos. „Ja, die arme Mama, sie hat sich furchtbar erschreckt- Sie wollte an jenem Abend noch einmal nach mir sehen, da ich in der Kinderstube krank lag — im Gang hörte sie in der tiefen Nachtstille das Röcheln des Sterbenden, sie eilte in Wladimirs Zimmer und sah ihn in seinem Blute halb vom Divan zur Erde niedergesunken. Sie schrie entsetzlich.; auf ihren Hilferuf kam die ganze Dienerschaft herbei, aber nicht Alexis, er war nirgends zu finden, und das Bett in seinem Zimmer noch unberührt-" - Endlich fand man ihn im Park, wo er in großer Aufregung umherlief. Als man ihm Wladimirs Tod mitteilte, kam er völlig außer sich, er eilte zu dem Toten, warf sich neben ihm nieder, und die Wunde untersuchend, sprach er zu ihm in selbstanklagenden, flehenden Worten, die niemand verstand, welche aber gleich einer Bitte um Verzeihung lauteten. Wladimir konnte keine Antwort mehr darauf geben — er war tot! Das alles hat man mir später erzählt: in jener Nacht lag ich im Fieber, ich hörte da nur Mamas gellenden Schrei — und erst andern Morgens, daß Wladimir gestorben sei- Ich! verlangte erschreckt nach Alexis, aber Alexis war nicht mehr da — er war entflohen! Seine Flucht hat allen Verdacht bestätigt — das müssen Sie selbst zugeben, Clarita; denn wenn er schuldlos war, warum floh er?" Ja, warum floh er? Die Frage durchbohrte aufs neue, gleich einem Schwerte, seiner Gattin Herz, Vielleicht hätte gerade sie die rechte Antwort darauf geben können, doch auch der, welche Feodor daraus zog, fehlte es nicht an Berechtigung. Die gequälte Frau fühlte das tief. Der Kindermund mochte die Wahrheit gesprochen, die richtige Lösung gefunden haben- Ein unbeherrschter Augenblick konnte den leidenschaftlichen, aufbrausenden Mann zu der unseligen That hingerissen haben- „Und wie ging es weiter mit Ihrem Bruder?" lispelte Clarita bebend- — „Hat man ihn nicht verfolgt?" „Man suchte ihn zu schonen, um seinetwillen eine öffentliche Untersuchung zu vermeiden. So erfuhren viele nur Wladimirs plötzlichen Tod, den man seinem Herzleiden Montag den 10. Februar. 1902. — Nr. 22. x v SS eiben sind wic Gewitterwolken; in der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns kaum grau. zuschrieb — hier die Dienerschaft sogar meinte — ein Blut« stürz habe ihn getötet- — Mama verwandte sich selbst bei ihrer hohen Gönnerin am Hofe für Alexis — sie wünschte sein Entkommen ins Ausland. Er würde dasselbe auch erreicht haben, hätte ihn nicht unterwegs das Fieber befallen an dem er in einem kleinen Grenzstädtchen starb. O, wie ich geweint habe, als Mama mir seinen frühen Tod mitteilte, durch den hoffentlich seine Schuld gesühnt ist! Meinen Sie nicht, Clarita, daß er Ruhe gefunden hat, obgleich die Leute hier sich zuflüstern — nachts gehe ein rastloser Geist hier im alten Baue um-" Clarita hörte die letzten Worte nicht: heiße Thränen rannen unaufhaltsaln über ihre schmalen Wangen- „Wo starb Alexis? Wo ist sein Grab?" Kaum verständlich drang die Frage über ihre bebenden Lippen- „Ich! kenne beit Ort nicht; Mama spricht nicht gerne davon, auch verbot sie mir streng, mit anderen davon zu reden, da Alexis' Name am besten gar nicht genannt werde. Ich vergesse ihn aber dennoch nicht, und wenn ich in ein paar Jahren erwachsen bin, dann erfahre ich alles, besuche Alexis' Grab und lasse seine Gebeine nach Ornatosfsko in die Gruft bringen." Clarita umschlang unwillkürlich den Knaben und küßte ihn. „Sie haben ein gutes, treues Herz, Feodor, bewahren Sie es sich, bleiben Sie Alexis in Ihrer Liebe treu!" Etwas verwundert blickte der Knabe sie an, doch in demselben Momente schraken beide heftig zusammen durch ein dröhnendes Geräusch über ihren Häuptern, das unten in dem stillen Gemach wiederklang- Ein abergläubischer Gedanke war ersichtlich das erste, was Feodor durchzuckte, gleich darauf jedoch lächelte er über sein eigenes Erschrecken. „Das ist Eudotja" — erklärte er dabei in ganz anderem Ton, als bisher; denn nicht allein die arme Soldatka, sondern alle Welt bekommt von ihr Schelte — so bös haben wir sie gemacht- Sie tragen mit Schuld daran, meine Clarita!" „Ich? — Wer ist denn Eudotja!" „Dieselbe, über welche sich gestern die Nina beklagte, sie ist Dimitri's Mutter, und war früher Alexis' Wärterin. Jetzt wohnt und haust sie für sich allein oben in deN Giebelstuben des alten Bau's; Papacha hat ihr noch das Recht unantastbar bewilligt und ihr ihre Stellung gesichert, sie ist ihre eigene Herrin, und selbst Taliana nicht untergeben. Sie lebte mit dieser früher stets im Kriege, doch nun verläßt sie ihre Stuben nicht mehr, weiß aber dabei doch alles, was im Hause vorgeht, und war gestern empört über Taliana's Eingriff in die alten Koffer, welche das Reitkleid für Sie lieferten- Unser Eindringen hier hat sie sicherlich noch mehr erzürnt —; und endlich, Clarita, haben Sie die Alte noch nicht besucht-" - „Wie hätte ich das vermocht?" rief Clarita eifrig, nicht einmal von der Existenz Eudotja's wußte ich Ich will sie gern besuchen." Gewiß, die arme Clarita wollte Eudotja gern besuchen. Trotz der soeben erlebten Gemütserschütterung hatte sie achtsam aüfgehorcht, sobald sie hörte, daß Mexis' einstige Wärterin, und zugleich Dimitri's Mutter in nächster Nähe lebte. „So lassen Sie uns jetzt gleich zu der alten Matuschka hiuaufgehen", schlug Feodor vor- „Das wird dieselbe am ersten versöhnen und beruhigen-" Clarita willigte sofort ein. Ihre Thronen trocknend, zog sie vorsichtig die Vorhänge wieder zu, und den Besuch der folgenden Stuben für später aufschiebend, verließen beide den Ort, der zu dem ergreifenden Gespräch geführt hatte. XVIII. Eine treue Seele. Es muß Herzen geben, welche die Tiefe unseres Wesens kennen und auf uns schwören, selbst wenn die ganze Welt uns verläßt. Gutzkow. Clarita staud noch völlig unter dem Eindruck der eben geführten verhängnisvollen Unterhaltung, Feodor hingegen betrat kaum eine andere Umgebung, als auch feirm Gedanken eine andere Richtung nahmen- „Ich bin neugierig, wie Eudotja Sie empfängt", sagte er lebhaft; „ich glaube, sie weih schon um unser Kommen- Richtig", setzte er flüsternd bei — „richtig, da oben steht sie am Treppenaufgang!" Laut rief er dann aus: „Wir kommen. Dich zu besuchen, Mutter, ich bringe Dir einen Gast!" „Viel Ehre für die arme, alte Eudotja Ossipowna!" erwiderte die zitternde Stimme einer alten Frau, welche oben inl Flur stand, die Kommenden erwartend- Sie war eine Greisin, ging etwas gebeugt, und leicht auf einen Stock gestützt, doch ihr Gesicht erschien weniger alt, und ihre Augen keineswegs blöd und trübe- Klug und lebhaft blickten sie vielmehr der Fremden entgegen- Vor dieser und Feodor lnixte die Alte tief, unterließ aber den Saum von deren Kleidern zu küssen- Clarita redete sie freundlich an, bei ihrem melodischen Stimmen- ton, der den Worten einen so eigenen Klang lieh, lächelte die Alte. Die gnädigen Herrschaften erweisen einer alten Frau viel Güte und Ehre, daß sie zu ihr heraufkommen, und es nicht verschmähen, in die niedrige Stube einzutreten, welche die gnädige Barinitschi Wera Sergewna niemals betritt-" „Du weißt doch, Eudotja Ossipowna" — warf Feodor hier rasch ein — „Mama ist gar nicht mitgekommen nach Ornatoffsko!" „Ja, ich hörte es; die gnädige Herrin befinden sich doch wohl?" „Ganz wohl; wie aber geht's Dir heute, Matuschka? Du warst gestern ungeduldig- — Warum hast Du mit der armen Nina gescholten? Sie hat sich darüber die Augen rot geweint-" „Pah! Nina ist ein einfältig, leichtfertiges Ding, Feodor Iwanowitsch; ich habe das Dimitri stets gesagt, nun, er wollte es nicht glauben — dafür wird er jetzt bald vergessen sein", schloß die Alte mürrisch. „Ihr Sohn Dimitri wurde zum Militär genommen, Mütterchen?" mischte Clarita sich mit freundlicher Teilnahme ein- „Welch Leid für Sie, ihn so viele Jahre missen zu müssen, doch vielleicht kürzt sich sein Dienst? Ist er Ihr einziger Sohn?" „Mein einziger Sohn, und sein Dienst dauert fünfzehn Jahre; mich findet der Junge nicht mehr, wenn er überhaupt heimkehrt- Ich sehe ihn nicht mehr wieder!" „O, wie hart, arme Mutter!" entschlüpfte es Clarita unwillkürlich „Ja — es ist hart", nahm die Alte jene Worte auf, indem sie bitter hinzusetzte: „jedoch wir müssen uns an viel harte Dinge im Leben gewöhnen. Mußte ich's doch tragen, daß mein Seelchen, mein Goldkind, mein süßer Bärin Alexis dahin ist! Was will dagegen alles andere Leid sagen!" Clarita erbebte bis ins Herz- Zum ersten Male schlug ohne ein Zuthun ihrerseits der geliebte Name an ihr Ohr; so war er doch nicht ganz verschollen in diesen Mauern; jemand gab es noch, der ibn gern nannte. „Es scheint, Ihr habt den jungen Bärin sehr geliebt!"• meinte sie daher bewegt- „Wie soll ich das nicht, Barischni: Niemand konnte ihn sehen, pH ne ihn zu lieben, er war so schön! so gütig! so treu! — mein Goldküabe, mein stattlicher Bärin! Er kannte keinen Stolz, nie hat er die alte Eudotja vergessen, auch nicht, als >er erwachsen war, und wenn er, was freilich gar selten geschah, nach Ornatoffsko kam, daun war sein erster Gang nach seinem alten Mütterchen- — Nie hatte er die vergessen, die ihn einst auf den Armen getragen und seine Kindheit behütet!" „Er muß ein schöner Knabe gewesen sein!" sagte Clarita. „Ich sah unten sein Bild. „Wirklich? Sie waren in Wladimirs Zimmer? Feodor Iwanowitsch, haben Sie die Barischni in jene Zimmer geführt? Sie fürchteten sich nicht?" „Ich mich fürchten, Amme?" erwiderte darauf der Knabe stolz. „Wo denkst Du hin!" „Ja — Sie sind ein tapferer, mutiger, junger Bärin!"- nickte die Alte vor sich hin; Feodor aber, der sich damit beschäftigt hatte, die zahlreich an der Wand angeklebteu Heiligenbiledr zu betrachten, lenkte das Gespräch jetzt darauf, „Tu hast keine neuen Bilder mehr bekommen, Eudotja? Doch warte! ich habe Dir eines mitgebracht, ein prächtiges, ein ganz glänzendes der heiligen Laura von Kiew- In Petersburg habe ich es für Dich gekauft-" „O, wie Sie gnädig und gütig sind, Feodor Iwanowitsch- Sind Sie auch glücklich in dem großen Petersburg an der Newa?" „Na — Eudotja — lieber bin ich schon tausendmal in Ornatoffsko als in dem langweiligen Institut — indes — so ganz übel ist's dort immerhin nicht-" Und nun begann er der Alten frischweg zu erzählen von dem Institute^ von Petersburg und den gemachten Reisen- Dadurch gewann seine Gefährtin etwas Zeit, sich zu sammeln- Alles, was sie heute gehört und entdeckt, arbeitetei gewaltig in ihren Gedanken, sie vergaß darüber selbst der vorgerückten Stunde, an die sie endlich ein Blick aus die Uhr mahnte- „Wir müssen hinunter, Feodor, es ist spät — aber wir kommen noch öfter, wenn wir dürfen, Eudotja Ossipowna? Es ist gar behaglich in Eurem Stübchen." „Ich werde stets die Stunde segnen, welche die gnädige Barischni zu mir führt!" erwiderte die Greisin sich tief verneigend. Als sie aber den Kopf wieder hob, blickte sie mit ihren grauen klugen Augen der schönen Fremden fest ins Antlitz. Dasselbe mochte sie befriedigen, denn als Cla- rita ihr Versprechen bald wiederzukommen wiederholte, fügta sie noch hinzu: „Die Heiligen mögen Sie geleiten und wieder zu Eudotja führen." Clarita hielt ihr Wort- Gleich andern Tages, während Feodor bei seinem Mentor und Lisavetta mit Madame: Tuflois studierte, schlich sie sich hinauf in den alten Ban zu Eudotja. Sie überraschte die Alte nicht- Es war wirklich, tote! Feodor gesagt, Eudotja toußte alles, was im Hause vorging. So schien sie auch jetzt Maritas Kommen geahnt,, vorausgesehen zu haben- Ihr runzeliges, vertoittertes Gesicht zeigte einen eigentümlich intelligenten Ausdruck bei ihrer demütigen Begrüßung des Besuches- „O, Barischni — es thut meinen alten Ohren toohl, Ihre süße Stimme wieder zu Höven. Wollen Sie der alten: Matuschka die Gnade erweisen, in ihrer armen Stube Platz zu nehmen?" „Gewiß, gern möchte ich ein wenig mit Euch plaudern, Mütterchen" — sagte Clarita weich. „Ihr habt gewiß Vieh erlebt und wißt manches zu erzählen, worauf man gern: lauscht." „Ja", ga,E> die Alte bereitwillig zu, „erlebt hab' ich schon genug, doch nicht lauter Dinge, die freuen — dagegen sahen meine Augen mehr, als mir lieb — und auch bin ich alt und einsam! Die letzten Jahre haben mir nur Thränen gebracht. Doch 'was soll ich Ihnen klagen, schöne Barischni- Sie sind fremd hier und wissen's nicht, was! Ornatoffsko einst war und jetzt ist!" „Es ist Ihnen traurig geworden, Mütterchen. Die; welche Sie liebten —" „Tie sind nicht mehr", ergänzte die Alte eifrig mit dem greisen Kopf nickend- „Gestorben und verschollen sind sie, und statt ihrer sind böse Geister in Ornatoffsko ein- gezogen." ' „Aber Eudotja — Ihr glaubt doch nicht an das Mär- 87 a c t c c ?! t t t s a ); 11 t a c. t Ex i t 3i > a t r t ü t t c L t K z< i cheu, demnach ein ruheloser Geist durch diese Räume irrt, Ihr würdet sonst Wohl nicht so völlig allein hier wohnen." Tie Greisin lächelte wieder ihr eigenes Lächeln. „Nein, ich glaube mehr an böse Geister in Fleisch und Blut, wie an Tomowoi. Der und ich, wir schicken uns schon in einander. Uebrigens bitt ich gern einsam; nut unten den Leuten von gestern" —- sie meinte damit die seinerzeit mit Mera gekommene Dienerschaft — „habe ich nichts gemein, da gehe ich lieber mit einem Gedanken in die Vergangenheit. O, Barischni, damals hätten Sie müssen hier sein, als meine gnädige Herrin noch lebte, und Alexis, mein Seelchen, mein Herzenskind, noch solch goldlockiger Knabe war, wie unten das Bild ihn zeigt!" „Wie traurig", klagte Clarita, „daß, er gestorben ist!" „Gestorben!" wiederholte die Alte düster. — „Ja — sie sagen's: er sei gestorben!" „Und Ihr glanbt das nicht?" fragte Clarita bebend. „Ich? — oh, was macht's, wenn die greise Eudotja glaubt und meint- Sie denkt eben, es werde viel gelogen. Doch" — setzte sie forschend hinzu: „Woher wissen Sie, Barischni, von Alexis!" „Feodor erzählte mir gestern von ihm-" „O, Feodor, er lügt nicht" — murmelte die Alte, „aber er ist ein Kind. Ein solches glaubt, was man ihm sagt."' „So ist es wohl auch unwahr, daß Wladimir Ornatoff ermordet wurde?" Tie Greisin blickte scharf die Fragerin an, ehe sie langsam sagte: „Doch — er wurde erdolcht-" „Und Alexis?" flüsterte Clarita voll unsagbarer Angst- „Er war nicht der Mörder, Barischni, davon seien Sie fest überzeugt." Die Stimme der Alten zischte ordentlich vor Erregung, während sie leidenschaftlich fortsuhr: „Und wenn die ganze Welt ihn so nennen würde, ich —- die alte Eudotja sage es: Er ist schuldlos! — Er that seinem Bruder kern Leid! — Er liebte ihn!" (Fortsetzung folgt.) von unten nach oben umgekehrt wurde. Diese ausgelassenen, ja ausschweifenden Feste, welche ungefähr um die Zeit der Weihnachten gefeiert wurden, sahen unserem Fasching ähnlich wie ein Ei dem andern. Die Kirche suchte sie als Ueberbleibsel heidnischen Kults zu unterdrücken, und, da dies trotz jahrhundertelanger Bemühungen nicht gelang, schob sie diese wenigstens zeitlich aus der Nähe des die Geburt des Gottessohnes feiernden Festes weg, sooah der Fasching allmählich; von denjenigen Wochen des Jahres Besitz ergriff, welche gegenwärtig der Huldigung des Prinzen Karneval gewidmet sind. Entsprechend der Eigenart der einzelnen Völker, von denen fast ein jedes nach Weihnachten und Neujahr in eine Periode der Lustbarkeiten tritt, haben sich diese Festesfreuden sehr verschiedenartig ausgestaltet. In Spanien sind es „Freßseste" im wahren Sinne des Wortes, bei welchen Unmengen der zahllosen nationalen Gerichte verspeist werden, danach die steifen Dons und graziösen glutäugigen Sennoritas gar nicht aussehen. Der Karneval von Rom und derjenige von Venedig mit seinen Tombolas, Tierhetzen, Feuerwerken und Herkulesspielen sind zur Genüge durch tausendfache Darstellungen nicht zum wenigsten durch die Beschreibung Goethes in seiner zweiten, italienischen Reise bekannt geworden, und in Triest, wo die großen Veglione (Maskenbälle in den Theatern) den Mittelpunkt! bilden, setzt sogar der hohe obrigkeitliche Magistrat aus öffentlichen Mitteln alljährlich! große, die Sehnsucht deutscher Schriftsteller wachrufende Prämien auf das beste, natürlich singbare, Karnevalsgedicht aus, welches dann für etliche Jahre dauernd dem Liederschätze des Volkes einverleibt wird. Aehnlich steht es mit der Faschingslust in Deutsch- Oesterreich, wo sich alles zu den großen öffentlichen Maskenbällen schart. Besonders gilt dies von Graz, wo die großen; Jndustriehallenfeste jeden Donnerstag und Sonntag Nacht bis zu 7000 Menschen, das ist also mindestens jeden neunten erwachsenen Einwohner der etwa 130 000 Köpfe zählenden Stadt, zu Spiel und Tanz anlocken. Volkstümlicher und urwüchsiger als diese Massenmaskeraden, zu denen die Bewohner der steierischen Berge oft zwanzig Meilen weit hergereist kommen, ist das ebenfalls in den Alpenländern weitverbreitete „Blockziehen", welches Reinsberg-Düringsfeld, der Verfasser von „Das festliche Jahr" irrtümlich als eine Spezialität des Oberinn- thales anspricht. In den wunderlichsten Kostümen begiebt sich ein langer Zug von Berittenen und Fußgängern, welche an den Vorübergehenden und namentlich an den Mädchen, die aus den Fenstern der vom Zuge berührten Häuser herausschauen, die erdenklichsten Streiche verüben, in den nahen Wald, wo schon der „Block" (ein gefällter und von den Aesten befreiter Baum) zum Transport bereit liegt, um auf einen Wagen geladen, zu werden. Fünfzig bis hundert Menschen, besonders die liebe, als Mohren, Affen und dergleichen verkleidete Jugend, spannen sich nun vor diesen. Je mehr Kuriosa der Zug enthält, desto besser. Fast niemals fehlt eine riesenhafte Kaffeemühle, in, welche oben ein altes Weib hineingestopft wird, um nach fleißigem, mit ungeheurem Geräusch verbundenem Drehen unten als chnges, bildhübickies Mädchen herauszukommen. So wird unter Böllerschüssen der Block zurückgeleitet, mancherorten wohl auch zu Guusten der Festkässe versteigert, und dann begiebt sich alles eilends zu dem Blocksball mit seinen Täfel- freuden und „Polstertänzen", bei welch letzteren nicht das Kissen, sondern das „Küssen" die Hauptsache ist. In vielen Alpendörfern ist noch heute am Faschingsdienstag das Perchtenlaufen in Uebung, bei welchem sich Burschen und zuweilen auch Mädchen, teils mit schönen, teils mit manchmal ausgesucht häßlichen Masken mit Teufelskopf bekleiden, Herumlaufen und, wenn es schöne Perchten sind, Geschenke austeilen, als häßliche Perchten aber den Menschen Ruß und Asche ins Gesicht werfen. Noch am selben Tage, sicher aber am nächsten, dem Aschermittwoch!, muß dann der Fasching ertränkt werden. Wo es zu machen geht, nimmt man eine Strohpuppe, welche ins Wasser geworfen wird. Größeres Gaudium erregt es freilich, wenn ein Bursch; gegen gute Bezahlung die Unannehmlichkeiten eines kalten Bades im Winter aus sich nimmt und sich in phantastischem Aufputz in die Fluten schleudern läßt. In Ermangelung eins andern holt man ich beim Fastnachtsballe auch einen Musikanten ans der Kapelle heraus, der vom Orchester in den Saal geworfen Deutsche Faschingsfreuden. Eine Plauderei aus der Zeit des Karnevals. Von Dr. Max Neuwirth. (Nachdruck verboten.) In den Kreisen wo alles Ausländische schon wegen seiner Herkunft einen höheren Wert hat, rodet man zwar gern vom Karneval; aber dort, wo im deutschen Volke noch die echte unverfälschte Freude am ausgelassenen Frohsinn lebendig ist, in Süddeutschland, am Rheme, in ganz Deutschj- österreich, in Schlesien, in Sachsen und in vielen anderen Gegenden bezeichnet man noch immer mit dem kerngermanischen Worte Fasching (mittelhochdeutsch Vaschanc gleich Fastnacht) die lustige mit dem heiligen Dreikönigstag beginnende und mit Aschermittwoch; endende Zeit der rauschenden Ballvergnügungen; der Maskeraden und der Umzüge, in welcher der holde und tolle Uebermut und oft genug auch der vergnügliche Blödsinn der zu Scherz und possenhaften Streichen aufgelegten Menschheit aus den geschlossenen Räumen des Ballsaales auf die Gassen dringt, wie es in alten Zeiten der Fall war, als der Winter in fast jede Arbeit einen Stillstand brachte und den Menschen mehr Zeit als heute gewährte, sich einmal unbeschränkt dem Frohsinn zu überlassen. Wenn man das ganze übrige Jahr tote, ein geplagtes Lasttier im drückenden Joche schwerer Arbeit den Lebensweg dahintrottet, so will man doch wenigstens einmal auf eine kurze Spanne Zeit der schwarzen Sorgen vergessen. Mag da auch manches augenblicklich entbehrliche Schmuckstück und noch notwendigere Sachen in jenes Haus wandern, wo man Geld vorschießt, und welches mit stets geöffneten Liebes- ärmen die unglaublichsten Gegenstände vom Fahrrad bis zum Bügeleisen und- den Betten aufnimmt; getollt muß werden nach dem Grundsätze des Weaners, der da singt: Das Drah'n, das ist mein Leben; 's kann ja nichts Schönres geben Als drah'n die ganze Nacht, Bis neu der Tag erwacht- Allerdings ist Faschingsulk und Faschingstreiben durch- aus nichts spezifisch Deutsches; schon damals, als noch die Götter der antiken heidnische Welt regierten, waren die römischen Saturnalien die Zeit, wo Narrenkappe und Schellen Sinnbilder des höchsten Ansehens waren und alles 88 und vor lauter Festesfreude manchmal nicht auf das Sanfteste bearbeitet wird, tote es sogar ans der Grazer Nobelredoute noch vor etlichen zwanzig Jahren geschehen ist. Wie andere Feste, hat natürlich and"} der Fasching sein eigenes Gebäck, „die Krapfen", die der Norddeutsche als Pfannkuchen bezeichnet und jahraus, jahrein ißt, während sre in den Heimatsländern des deutschen Karnevals nur tu der Zeit vom Dreikönigstag bis Faschingsdienstag gebacken werben. Man behauptet, daß die Erfinderin dieses schinackhaften Faschingsknchens eine Wiener Bäckerin Namens Cacilta Krapfen gewesen sei, die gegen Ende des 16. Jahrhunderts gelebt haben soll. Dies steht jedoch in Hellem Widerspruch mit einer Stelle aus Wolfram von Eschenbachs Parsifal, der schon anfangs des 13. Jahrhunderts von der Hungersnot im Lande Pelrapeire singt: „Ein Trübendinger Pfanne Mit Krapfen selten da erschien." Perntutlich führt der Ursprung des Krapfens in noch toett frühere Zeiten zurück, sodaß man wahrscheinlich schon sfetn IMlhährtges Jubiläum hätte begehen können. Er'ist übrigens unter bett verschiedensten Namen in ganz Deutsch- beliebt und heißt am Rheine und Maine „Krüppel", tu r hü ringen „Horuaffc", in Schwaben „Fasteküchel", in Frankfurt a. M. in der Mehrzahl, da mau sich an einem ntcht begnügt, „warme Brüderchen", während seine Halb- ichwester die niederdeutsche Fastenbretzel, durch deren Spende sich die Mägde von den sie mit Ruten streichenden Burschen lopfanfett müssen, „Heetweck" genannt wird, und bei kcmem Fastnachtsvergnügen fehlen darf. Der Glanzpunkt deutscher Faschingsfreuden ist jedoch nach tote, vor der rheinische Karneval, und wenn auch nicht in allen Stücken von ihm der Vers gilt: Löblich wird ein tolles Streben, Wenn es kurz ist und mit Sinn! womit Goethe 1825 auf die an ihn ergangene Einladung de^, Kölner „großen Rats" antwortete, so kommt er doch "iS1 von allen ähnlichen Veranstaltungen am e§ bo,rt nie gänzlich witzlos hergeht und die Hauptfestlichkeiten sich auf die drei letzten Tage zusammen-- drangen, wennschon kleinere Vergnügungen natürlich wäh- ten nt r ,9a*täen Faschingszeit abgehalten werden. Obwohl der Kölner Karneval in seiner heutigen, für Deutschland vorbildlichen Gestalt erst ein Kind des ani Z^ö^vUilderts ist, führen seine Anfänge in das graue Altertum zuruck. Vielleicht eine direkte Fortsetzung der schon genannten altromtschen Saturnalien, artete er im Laufe t>e^x$a^r^unrertc Es, daß er int Jahre 1432 und später 'roch ost verboten wurde, was bei der Kölnischen Bevöl- vergeblich blieb. Auch die französische Frenidherrschaft der Rheinbundszeit war ihm nicht günstig. A.alltsche Geflt witterte dahinter, von sich: auf audere gttruckschlteßend, Verschwörungen, und unterdrückte das Fest. Später, als man seine Harmlosigkeit erkattnte, versuchten bre Franzosen, um die Bevölkerung für sich einzunehmen, »tn e®-Cr toIcb?;r .l1? Schwung zu bringen,, jedochi vergeblich. Die Kölner verhielten sich- teilnahmslos gegenüber den E'rn von fetten der Eroberer gnädigst veranstalteten Festen. 18,-^ kam wieder neues Leben hinein. Man versam- welte sich zu festlichen Beratungen tn dem in der Sternengasse belegenen Geburtshause des berühmten Rubens: auf Vorschlag des Generalmajors Freiherrn v. Czettritz wurde TC^e Kopfbedeckung die Narrenkappe gewählt, I rodes Jahr eine andere Form erhielt, und man großen Hauptversammlungen, dem sogenannten großen Rat, und tu den ihnen unterstehenden Sitzungen .bec narrischen Beredsamkeit freie Bahn. Redner, der von der in Form eines Wafch- ) oder irgend eines anderen origi- rnHn^Dm9eir«tanb,e3 erbauten Rednertribüne aus die Narren ®*ttt ungeheure, über dem Redner an dünner ^^erbr Narrenkappe beginnt erst bedenklich zu r'nrn» sentt= ^uh langsam und bedeckt des geist- und witz- während der Witzes sprüh ende b der Mu,tk gefetert wird. Am Rosenmontag findet hTn ~ C berühmte große Maskenball statt; den Höhepunkt der Freude bildet aber doch der große Fest- ^>!^stn^^^attung ein Vermögen gesteckt wird. Es liegt ihm stets erne besondere einheitliche Hauptidee zu I Grunde, welche der Ausführung in den Einzelheiten den freiesten Spielraum läßt, und so gestaltet sich der Festes- trubel zu einem großen Theater, bei welchem die Häuser und Gassen der ehrwürdigen Colonia die Kulissen bilden. Aehnlich geht es in Mainz zu, dessen Karneval sich neben dem Kölnischen getrost sehen lassen kann. In der großen, am Rheine erbauten Stadthalle, dort, wo die Dampferlandungsplätze sind, an diesen Tagen „Narrhalla" genannt, halten die Narren Sitzung, und der langweilige Redner versinkt hier gar rettungslos in der Versenkung. Besondere Sitzungen sind auch den Damen zugänglich. Am Fastnachtssonntag beginnt schon früh morgens der Lärm mtt dem Umzuge der „Ranzengarde", und mit Narreteien, welche meistens auf die Zeitverhältnisse Bezug nehmen, werden die drei nächsten Tage verthan. Mit besonderer Zu- frtedenhett aber geht ein Schlagwort von Mund zu Mund, welches an ein lokales oder weitere Kreise interessierendes! Begebnis atiknüpft und seine Runde in allen rheinischen Stadien macht. Im vergangenen Jahre, als Präsident Kruger vergeblich den Versuch machte, in Berlin empfangen' werden, raunten alle sich schmunzelnd die Worte zu: „Willy, geh dem Ohnt 's Häudche!" . Einen netten Aufschwung gewinnt feit einigen Jahren derFaschmg auch in München, Deutschlands Kunststadt ohne- gletchen, wo Hunderte von witzigen Künstlern ihre Arbeit rr.t betu Dienst des lustigen Treibens stellen, und von wo aus vielleicht erne Wiedergeburt des Karnevals ausgehen wird. , Auch im deutschen Norden bestehen Hunderte von Brauchen und Feiern, welche sich als Ueberreste der frohen Faschingszeit erhalten haben. Alle Versuche, sie auf die Straße zu verpflanzen, sind aber erfolglos geblieben; denn diese Freuden gedeihen meist nur dort, wo ein milderes Klima waltet und des Bacchus Gabe auch dem minder Bemittelten zugänglich ist. In Norddeutschland, wo man ja überdies das ganze Jahr hindurch tanzt, imb nicht auf besondere Zeiten der Ausgelassenheit beschränkt ist, wird der tolle Faschiitgsjubel kaum je mehr zu vollem Leben erwachen. Die Gymnastik der Stimme. Von O s k a r G u t t m a n n. Mit 24 Textabbildungen. Sechste, vermehrte und verbesserte Auflage. In Originalleinenband 3.50 Mark. Verlag von I. I. W e b e r in Leipzig. Diese beliebte Anweisung zum Selbstunterricht in der uebung und dem richtigen Gebrauch der Sprache und Gesangsorgane, die nun schoii in sechster Auflage erscheint, stützt sich durchaus auf physiologische Gesetze. Der erste Abschnitt der „Gymnastik" lM es deshalb auch ausschließ^ lich mit den Atmungsorganen und dem Kehlkopf zu thun. Der zweite Abschnitt wendet sich: der Stimme, der Erzeugung des Tones und der Erhaltung und Befestigung des Stimmorgans zu. Der dritte Abschnitt, über die richtige Aus^ spräche des Alphabets, hat nicht nur für den Sänger und Schauspieler, sondern auch; für jeden Redner großen SBert' Das Atmen spielt in der Rede wie int Gesang eine Haupt-- rolle, es ist ihm deshalb auch int vierten Abschnitt der Schrift eine große, wenn nta)|t die größte Aufmerksamkeit gewidmet worden. Bei genauerer und gewissenhafter Befolgung alles, dessen, was in diesem Buche über das Atmen und die Fundamentalgesetze der Tonbildung gesagt ist, wird der Säuger wie der Schauspieler und Redner sichere Erfolge zu verzeichnen haben. Rätsel. Nachdruck verboten. Wer es anstellt, prüft und übt; Kopflos ist's bei Frau'n beliebt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Lgl, Dhl, TcB, Ld6, Sd5, Ba4, c2, c4; Schw. Kd4, 8»5, La7, e2, Bb6, d2, 47, k5. 1. Tc3-f3, Lf3:; — 2. Dal +. — 1. .... ., Sc4:; — 2. Td3 +. — 1 dlD:; — 2. Dh4 +. — 1 Kc4:; — 2. Tf4 + — 1 Ld3:; — 2. TdB +. — 1- ..... D beliebig; — 2. Dh4 +. — Redaktion. E. Burkhardt. Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.