Freitag den 10. Januar. W 1902. — Nr. 5. Stil IWWW M 1 iÄ-i'vi'K-K* ■ e .-T-- MM^Wz I W 11111 WWUM ZN 18 ÄlSs' <^Wo sind sie! Ja, das ist so ihre Art! Mch Was lebt mit ihnen, achten sic gering, Und zerren dran und treten cs mit Fußen! Was ist, gilt nicht, nur was da war, ist heilig. __ Halm. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) „Die Madonna wolle unserer teuren Signora barmherzig sein, und ihr Thränen erbitten! — sie geht sonst an ihrem Kummer zu Grunde" sagte Bianca drunten im Gärtchen zu ihrem Franzesco, unterdem sie ihm erzählte: wie unheimlich starr die wunderschönen Augen der Herrin sie jedesmal anblickten, wenn sie es wage, das totenstille Gemach zu betreten — sie beginne bald iick au fürchten, verlassen aber lverde sie die Signora doch nie-' Franzesco belobte dies ihr Vorhaben mit leisem Vorbehalt, seine Hauptaufmerksamkeit aber richtete sich auf die Erzählung von dem geheimnisvollen Brief. Der war diesmal nicht aus Frankreich, sondern weit aus Deutschland gekommen und hatte den Poststempel Breslau getragen. Das hatte ihm der Bote bereits verraten, sonst freilich wußten weder er, noch Bianca kein Sterbenswörtchen weiter, um einen Halt auf denl weiten Felde der Vermutungen zu finden, das sich vor ihnen aufthat. Darüber schwatzten sie dann tapfer, und kamen endlich, nachdem sie alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten erwogen, darin überein, Franzesco solle diese Nacht in Nikolo's Hütte bleiben, um für alle Fälle bei der Hand zu sein; denn, erklärte Bianca's redselige Zunge: bei der Exzellenza ihrer stillen Verzweiflung sei's nicht geheuer, und wenn dem Prinzips in der Ferne ein Unheil zugestoßen sei, es könne niemand dafür stehen, daß die Signora hier sich nicht selber ein Leid anthue — da sei es doch ein Trost, Franzesco in der Nähe zu wissen! Und erst, als sie dieses Trostes versichert war, kehrte sie einigermaßen beruhigt in das kleine Haus zurück. Während die beiden jungen Leutchen in dem kleinen Garten nicht müde geworden waren, fremdes Leid zu erörtern, und droben in dem stillen Gemach ein anderes junges Menschenherz einsam mit seinem wilden Weh rang, breitete sich ruhig die Nacht über das weltabgeschiedene r111*3 ,®n dkm hohen, azurblauen Himmel zogen all- wieder die goldenen Sterne ans, zahllos, unzählbar- Erfreuend und tröstlich grüßten sie die schlummerstille Erde, und die jugendliche Gestalt, die nach Mitternacht, als ringsumher kein Wesen mehr sich regte, hinaustrat auf den hölzernen Ballon. Gegen dessen Geländer! gestützt, stand Clarita regungslos, die lichten Sterne leuchteten ihr keine Freude ins Herz, ihr brachten sie keinen Trost. Ihr Stern, ihr heller, glänzender Stern, der sie fortgelockt aus einer schuldlosen Kindheit, und einer glücklichen Heimstätte, er. war erloschen, versunken in finsterer Nacht. Für sie blieb es finstere Nacht rings umher, gleichwie in ihrer sturmdurchtobten Seele. Sie starrte wob' empor zn dem wunderbar schönen Firmamente, aber, kein Hauch einer weicheren Gemütsregung spiegelte sich' in bleichen Zügen —. dieselben schienen wie versteinert- Wer.le sie sich gegen, die innere Empfindung, welche zurückwieS aus die verachtete Mahnung: „Einst wirst Du erkennen, welche Liebe Dich umgab, und welchen Wert die Treue wahrer Freunde hat, und wie die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt?" Vielleicht! doch nein, sie wandte sich nicht zurück- Allen Trostes bar, mochte ihr stolzes Herz brechen — was kümmerte sie mehr die ganze Welt, wen» ihr Alexis — Ju diesem Augenblick fühlte die tief in Gedanken .Verlorene plötzlich ihre Schulter berührt- Unwillkürlich zuckte sie zusammen, und sich hastig umwendend, sah sie Dominica vor sich- Ließ das Silberlicht des MondeA deren Antlitz so weiß und verstört erscheinen? Nein, ihre Lippen bebten: „Exzellenza — das Kind!" Dies Zauberwort brachte die Verzweifelnde zu sich. Sie hatte ihrer kleinen Dolores völlig vergessen- Seit Gott ihr dies Kleinod geschenkt, war noch kein Abend gekommen, ohne daß. sie ihr. Töchterchen geküßt und geherzt hätte — bis heute, wo sie in leidenschaftlichem, sündhaftem Schmerz alles vergessen, selbst ihr Kind. Schwer fiel ihr dies auf die Seele- Hastig rief sie: „O, meine kleine Dolores, was ist mit ihr?" „Sie leidet unter Zahnfieber", lautete die gepreßtö Antwort, „Ich befürchte Krämpfe, Signora!" Mit der wachgerufenen Mutterliebe wurde Clarita sich jäh des Schatzes beivußt, für den es sich wohl noch zu leben lohnte- Ungestüm eilte sie in das Nebenzimmer au das Bettchen der Kleinen- Leises Wimmern klang ihr entgegen, des Kindes zarter Körper wand sich in Schmerzen — die befürchteten Krämpfe hatten sich bereits. eingestellt- „Den Arzt! dein Arzt!" rief Clarita außer sich, während sie entsetzt über die jähe Veränderung in dem verzogenen Gesichtchen ihres Lieblings diesen mit ihren Armen umfing- Und alsdann lief wiederum ein Bote, diesmal der flinke Franzesco, nach dem Arzte, dessen Hilfe und guter Mille am Morgen so höflich kühl zurückgewiesen worden war, Monsieur Berger war diesmal schneller gefunden, er mußte nur aus tiefem Schlafe geweckt werden, doch nm eia' 's uniinvn — 18 — weder dies, noch die erfahrene kurze Wfertigung minderte seine Willfährigkeit. Binnen der kürzesten Frist war er mit Franzesco unterwegs, wo er erst aus desseu verwirrten Auseinandersetzungen entnahm, daß es sich diesmal um das Kind, und nicht um die Signora handele- Unterdes wachte Clarita voll unbeschreibbarer Mutterangst bei ihrer Kleinen, deren Leiden sich von Minute zu Minute steigerte. Noch kannte Dolores die Mutter, bittend streckte sie die Händchen zu ihr empor, die niedergebeugt voll heißer Liebe zu ihr flüsterte: „Mein Engel! mein Engel!" Aber kein Schmeichelwoxt, keine Liebkosung vermochte, alsbald mehr das im Fieber bebende Kind zu beruhigen. Keine Pflege, keine Sorgfalt, noch was immer Clarita oder die Wärterin thun mochten, half der kleinen Leidenden Linderung zu bringen- Die junge Mutter war völlig ratlos, o, wie sehnsüchtig flogen nun ihre Gedanken zu der guten, alten Donna Frasquitta, die stets für alles Mittel und Hilfe gewußt- Was hätte sie nun darum gegeben, nur einen Moment diejenige um sich zu haben, die sie einst so undankbar getäuscht und verlassen. — Verlassen war sie jetzt selbst- „Wenn doch nur der Arzt käme!" stöhnte sie leise, fast vergehend unter dem schmerzlich auf sie gehefteten Blick des Kindes- Ihr Wunsch erfüllte sich schnell; der Arzt kam, diesmal hatte sie Worte für ihn- Sie beschwor ihn mit heißen, heftigen Bitten: zu helfen! ihr Kind, ihr Kleinod zu retten, es dem Leben zu erhalten. Der Arzt that, was er zu thun vermochte, er that es mit Eifer und Geschick — doch alle ärztliche Kunst, alle menschliche Geschicklichkeit, alle mütterliche Sorgfalt vermochten hier keine Hilfe mehr zu bringen- Die schwachen Kräfte des Kindes verzehrten sich unter dem Fieber allzu schnell. Wie der Tag graute, wurde die Heilte Dolores ruhiger Ünd schwächer, in den Armen ihrer Mutter schlief sie unter leisen Zuckungen ein- Sachte war der Todesengel in das Gemach. eingetreten, sanft küßte er das Kind und nahm seine reine Seele mit in das himmlische Paradies- Clarita war völlig betäubt: sie wußte und beachtete Nicht mehr, was um sie geschah. Als jedoch der Arzt darauf bestand, sie hinweg zu führen, entsprach sie mechanisch seinem Willen- Sie war ihm dankbar für die geleistete Hilfe, sie wollte nicht wiederum verletzend sein, obgleich der alte Wunsch in ihr lebte, allein, sich selber überlassen zu bleiben- Der Arzt erriet ihre Gefühle; er sah ihre Erschöpfung und Unter dem Versprechen, nach einigen Stunden wieder vorsprechen zu wollen, wies er sie dringend an, zunächst die durchaus notwendige Ruhe zu suchen- — Clarita versprach alles mit heiserer Stimme. Sie weinte nicht. Sie schloß Nur die Augen, um von ihrer ganzen Umgebung nichts mehr wahrzunehmen, und verfiel so von ihrer tiefen Gemütserschütterung überwältigt in jenen Zustand halbwachen Schlummers, der gleich Blei die Augenlider niederdrückt, ohne den rastlos arbeitenden Gedanken Frieden zu gönnen- Friede — was das war, davon blieb dem todwunden Herzen der armen Frau keine Ahnung mehr- Mit unwiderstehlicher Gewalt wurde sie jedoch daran erinnert, als sie einige Stunden später, leise, unbemerkt in das Zimmer zu ihrem toten Töchterlein schlich. Die Coutadina hatte die Heine Tote, ihren Pflegling, in einem wahren Blütenmeer von Blumen gebettet- Mitten darunter ruhte das liebliche Kind, die früh gebrochene junge Menschenknospe, schuldlos und schön wie ein Engel, den Gott heimgerufen in seinen Paradiesesgarten, um ihn dort sicher zstr bergen vor allem Leid und Weh der Erde- Süßer, sanfter Friede, ein Schimmer der Verklärung leuchtete aus der holdeu Unschuld bleichem Gesichtchen wieder- Die Schmerzen, die Angst und Todesnot, die es vorhin verzehrt und entstellt hatten — weit waren sie entflohen, Und an ihre Stelle ihr liebliches Lächeln getreten- Es übte auf Clarita eine tiefe Wirkung; der Anblick sprach zu ihrer Seele. Sie sank neben ihrem toten Liebling Nieder und ein heißer Thränenstrom entquoll ihren Augen. Ihr Stolz brach; ihr leidenschaftlicher Schmerz ergab sichst sie konnte weinen, und sie weinte aus Herzensgrund- So fand sie Dominica. Selber die Augen voll Thränen, stand die bescheidene Coutadina zurück, doch als endlich der Herrin Blick dankend für die bewiesene Liebe, dem ihrigen begegnete, da meinte sie tröstend: Nun habe die Exzellenza ein Engelein im Himmel, das für sie vor Gottes Thron bete! ■ . • > - . Das einfache Wort aus dem schlichten, fromm gläubigen Herzen zündete. Clarita nickte sinnend, als müsse sie erst ihre Gedanken zurückrufen und sammeln, ehe sie sanft erwiderte: „Sie haben Recht, Dominica, an unserm unschuldigen Kinde werden wir einen Fürbitter haben, mein Gatte und ich." — „Die kleine Dolores wird für ihren Papa beten und für mich um Barmherzigkeit flehen!" — ergänzte sie unhörbar mit brechender Stimme. Dann sprach sie nicht mehr, aber lange noch kniete sie neben der kleinen Verstorbenen und betete, betete um Licht und Kraft. Was sie während der letzten Jahre vergessen, lernte sie in dieser Stunde des tiefsten Schmerzes, da sie ihr Herz der Gnade nicht verschloß, aufs neue erfassen und erkennen, daß sie ohne Gott nicht leben könne- „Entschuldige, mein Herr!" hörte Dominica öfter leise in heißer Reue ihre Herrin klagen- Sie verstand die! spanischen Worte nicht, aber sie fühlte ahnungsvoll, was! die Seele ihrer Signora bewege, und betete mitleidig mit für die Arme, die in heißem Kampfe mit sich selber rang.; Allgemach mußte daraus ein fester Entschluß erwachsen sein, Clarita mochte die gesuchte Klarheit gesunden, sich über den Weg entschieden haben, den sie gehen wollte- Und mit der einmal gefaßten Willensrichtung kam ihre fl'ühere Entschiedenheit zurück- Bald weinte sie nicht mehr, doch auch ihre stumme Verzweiflung kehrte nicht wieder, ebenso wenig die stolze Abweisung jeder fremden Teilnahme- Bis! zu einem gewissen Grade nahm sie solche dankbar an, darüber! hinaus blieb sie freilich unnahbar- Sobald die kleine Dolores auf dem stillen Dorfkirch^ Hofe gebettet war, erklärte Clarita der Dienerschaft ihre Absicht, sie zu entlassen, da sie selber zu ihrem Gatten! abreisen müsse, bett die Verhältnisse verhinderten, sie ab-, zuholen. Sie ordnete alles mit sicherer, freigebiger Hand. An Geld mangelte es ihr ersichtlich nicht. Dem Patrone Nicolo bezahlte sie die Miete noch für den ganzen! Sommer; Dominica erhielt reichlich Reisegeld zur Rückkehr ins Mailändische, und auch Bianca, wie der flinke Franzisco kamen nicht zu kurz. Die Signora war gut gegen alle. Gut, schön und traurig erschien sie allen, und! alle schauten ihr teilnehmend nach, als sie am Borabende ihrer Abreise zum letztenmale nach dem Kirchlein hinaufl wanderte, in dessen Schatten das kleine Grab lag. Die Stätte bezeichnete ein weißes Marmorkreuz. Darauf stand in goldenen Buchstaben: Clarita Dolores. Sinnend las! die Frau vor dem grünen Hügel weilend, jene zwei Worte — ihre zwei eigenen Namen, als wenn sie dort begraben! läge. Bei dem Gedanken lächelte sie schwermütig — gewiß, sie kam sich selber vor, als sei sie gestorben mit all'' ihrem Jugendglück, und stehe nun als eine andere einer fremden, ungekannten Welt gegenüber, mit der sie ringen und kämpfen müsse, um ihr Recht, um ihren Alexis! — Rasch wandte Clarita sich ab von dem grünen Hügel, da siel ihr umflorter Blick auf einen schlichten Leichenstein mit der ergreifenden Inschrift: „La debolezza umana plange, sorride l'immortale speranza!"*) „Ja sagte die kummervolle Frau zu sich selbst, indem sie scheidend zum letzten f Male das kleine Grab grüßte, ja, ich will sie festhalten, die unsterbliche Hoffnung!" Andern Tages war die kleine Idylle unten itt dem Wiesenthal verlassen, Patrone Nikolo hatte sein Häuschen wieder zu freier Verfügung. Ausgeflogen, fortgezogen waren die beiden letzten Gäste — Signora Clarita und! Bianca. Franzesco hatte sie bis zum Lago gefahren; wo die Exzellenza ihre treue Dienerin entließ, und selber über den See weiter flchr. Damit aber war sie dem engen Menschenkreis, unter dem sie fast ein ganzes Jahr gelebt, aus den Augen entrückt. Sie war wie verschwunden, und! galt bald für verschollen. Niemand hörte mehr etwas von ihr, mit der Zeit verblaßte selbst die Erinnerung an sie. Nur anfangs hatten wohl noch die Arbeiter, wenn sie von ihrem Tage-, werk heimkehrend, den Weg entlang schritten, wo sie häufig der armen Fremden begegnet waren, von ihr geplaudert, wobei einer gemeint: „Sie war doch die herr-t lichste Dame der Welt, Deine schöne Prinzipessa, nicht wahr, Franzesco?" „Gewiß", bestätigte jener — „sie war sehr gütig gegen uns, sie hat Bianca so reich ausgestattet, daß wir im Herbst Hochzeit halten können,"' *) Die menschliche Schwäche klagt/ derweil die. un-' sterbliche Hoffnung lächelt, v ;J I 19 —» „Ja", nickte ein Dritter: „Euer Glück hat sie begründet, obgleich von ihr selbst das Glück floh. Sie iah zuletzt geradeso unsagbar traurig aus, wie jemand, oer alles verloren, was ihm die Erde schön macht. Sie erschien ganz verändert seit dem Tode des Kindes." „Nein", ries wieder einer dazwischen — „das war's nicht allein, sie erhielt von der Post zu Pallanza einen geheimnisvollen Brief herübergeschickt, der ihr fast den Verstand geraubt, nicht wahr, Franzesco?" „Die Signora erhielt mehr Briefe als einen. Ich weiß nicht, was ihr wollt!" „So Weitz auch kein Mensch, wo der Prinzips, ihr Gatte geblieben, und sie selber hingezogen ist?" Niemand wußte es, selbst Franzesco mußte ver- stummen, da meinte plötzlich einer: „Am Ende hat der Irländer doch noch Recht behalten, mit seiner düsteren Prophezeihung. Wenn auch nicht unsere Toccia, so könnte doch vielleicht unten der Lago erraten, wo die Verschollene hingekommen ist. Gott wolle ihrer Seele gnädig sein!" Einige bekreuzten sich bei dieser Rede. „Ja" — stimmte einer bei — wer weiß es!" „Möglich wär's schon!" ergänzte ein anderer, und ehe ein paar Tage weiter ins Land gegangen waren, da ging — man wußte nicht recht, wie und von wannen es gekommen — das unbestimmte Gerücht um: die schöne, traurige Fremde habe in dem blauen Lago-Maggiore ihr .Grab gesucht und gefunden. (Fortsetzung folgt.) Medizinische Wissenschaft und Volksgesundheit. Von Dr. A. S o l m s e n (Danzig). (Nachdruck verboten.) Der häufigste Vorwurf, den der ärztliche Stand und die medizinische Wissenschaft, zuweilen im Scherz, meist aber im Ernst zu hören bekommt, lautet wohl: „Wir geben ja zu, daß die medizinische Wissenschaft großartige Fortschritte gemacht, geniale Entdeckungen gezeitigt hat. Wer was nützt das der leidenden Menschheit? Die Menschen sind kränker, denn je!" Bei der großen Bedeutung, die dieser Frage, für die Allgemeinheit zukommt, dürfte es sich lohnen, jene viel gebrauchte Phrase einmal aukihren wahren Gehalt zu untersuchen. Eine mathematisch sichere, jeden Zweifel ausschließende Entscheidung dieser Frage wäre nur möglich, wenn sich aus alter und neuer Zeit ausführliche, sämtliche Krankheitsfälle umfassende Statistiken gegenüber ständen. Da dies natürlich nicht der Fall ist, so wird man sich auf die vorliegenden kleineren Erkrankungs-, sowie auf die Sterb- lichkertstabellen beschränken müssen. Sehr wichtig für die Beurteilung werden ferner die persönlichen Eindrücke des ernzelnen Arztes und die im gegenseitigen Ideenaustausch gewonnen Erfahrungen der Allgemeinheit fein. Und da muß nun allerdings der unparteiische Beurteiler zugeben, daß in der That gewisse Krankheitsarten in der Zunahme begriffen sind — oder wenigstens zu sein scheinen. Ich sage scheinen; denn es ist sicher, daß infolge einer gegen früher gesteigerten Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe und durch die Verbesserung der medizinischen Untersuchungs- methoden eine große Anzahl von Krankheitsfällen, die früher un Verborgenen blieben, nunmehr zur Kenntnis belangen, und den Eindruck einer Krankheitshäufung er- Zu dreien Krankheiten gehört vor allem das ganze Heer der Nervenkrankheiten, angefangen von den leichten Graden der Nervosität durch alle Stufen der neurastheni- ichen Zustande hindurch bis zum Irrsinn, von dessen Zunahme dre alljährlichen Erweiterungsbauten unserer Pro- vmzral-Jrrenanstalten eine stumme, aber deutliche Sprache reden. Dre Ursachen hierfür sind nicht schwer einzusehen. Den gestergerten Anforderungen in Schule und Hochschule, “t”1 folgenden schweren Kampfe um das Dasein, dem Getobe der Großstadt, der Jagd nach dem Vergnügen, E Unnatürlichen Lebensweise, dre die Nacht zum Tage Alkohol usw., ist das Nervensystem vieler Menghen nrcht gewachsen; es unterliegt. Erne Weite Art Vock Krankheiten, deren Zahl in neuerer Zert gewachsen ist, möchte ich als Gewerberrarrk- .herten bezerchnen, h. h. als Erkrankungen, die bei einer größeren Zabl von Personen als unmittelbare oder mittel- Sare Folge Ges Verrrfes entstehen. Ich rechne dazu alle jene unzähligen Unfälle und Verletzungen im Betriebe der Eisenbahn und Schiffahrt, der Bergwerke, Fabriken. Werften, im Baugewerbe, Militärdienst usw., ferner jene überaus häufigen Erkrankungen infolge Einatmens schädlichen Staubes (Stein- und Eisenarbeiter), giftiger Gasej (chemische Industrie), Vergiftungen mit Schwefelkohlenstoff, Benzin, Anilin, ich erinnere an die Bleivergiftung, die jahrein, jahraus bei Malern, Schriftsetzern, Schiffbauern ihre Opfer fordert. Sehr erfreulich ist diese Uebersicht nicht; dabei macht ste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber beweist dies eine Lücke in der Wissenschaft, ihre Unfähigkeit, lkranks zu heilen? Mit Nichten. Die Zunahme der genannten! Krankheiten ist aber die leider überall unausbleibliche Folgeerscheinung einer gesteigerten Kultur, und ihrs Schädigungen wären unendlich größer, wenn nicht dis Wissenschaft nach Möglichkeit ihre Ursachen aufgedeckt und die Mittel zu ihrer Verhütung und Heilung angegeben! hätte. Ich erinnere an die Thätigkeit der Äerzte in der Frage der Schulüberbürdung (Gründung des allg. deutsch. Vereins f. Schulgesundheitspflege 1899), ihr Wirken als Schulärzte, als Vorkämpfer gegen den Alkoholismusj ich erinnere an den Nachweis der gewerblichen Gifte, und die dadurch erst ermöglichte Einführung hygieinischer Maßnahmen in den Fabriken. Wenden wir uns nun zu der erfteulicheren Seite unseres Themas, so sind die Krankheitsplagen, von denen in neuerer Zeit die Menschheit ganz oder teilweise be-, freit worden ist, so zahlreich, daß es schwer wird, eine genügende Uebersicht und einen passenden Anfang zu finden. Da sind es vor allem die Infektionskrankheiten (d. h. die durch kleinste Lebewesen erzeugten), denen die moderne Hygieine den Garaus zu machen sucht. Leider ist auch hier, wie so häufig, das Gedächtnis der Menschen für durchgemachte Leiden ein erstaunlich kurzes. Wie lange ist es her, da mußte man die Ueberfiedelung oder den Besuch ut gewissen Städten Deutschlands innerhalb einiger Wochen unfehlbar mit einem Typhus bezahlen? Man nannte das „sich akklimatisieren". Wie lange ist es her, daß pockennarbige Gesichter auf der Straße zu einer Seltenheit geworden sind? Und das waren nicht einige wenige? Menschen, die dem Typhus und den Pocken erlagen, auch nicht einige Hundert, sondern Tausende und abermals Tausende. Aber das haben die natürlich längst vergessen,^ die von einem „Jmmer-kränker-Werden" der Menschheit reden. Die. Pocken sind bei uns dank der durch Jenner! entdeckten, und bei uns durchgeführten Schutzimpfung eine vergebene Krankheit, der Typhus ist auf ein Geringstes herabgemindert, Cholera und Pest werden erfolgreich von den Grenzen ferngehalten. Die Sterblichkeit an Diphtherie rst rn den preußischen Großstädten von 155 unter 100 000 Lebenden im Durchschnitt der Jahre 1885—1894 auf 90 im Jahre 1895, 76 im Jahre 1896 und 62 im Jahre 1897 funken (S. Heft 157 der Veröffentl. d. Kais. Gesund-, hertsamtes). , Durch das Milchsterilisierungsverfahren Nach Soxhlet ist rn dem Kampfe gegen die enorme Säuglingssterblichkeit eine wirksame Waffe gewonnen worden, durch die Ein-, fuhrung der Antisepsis, in die Geburtshilfe, die Sterblichkeit an Kindbettfieber sehr beträchtlich gesunken. Der gefürchtete Hospitalbrand ist aus unseren Krankenhäusern verschwunden; an Hundswut braucht niemand mehr zn sterben, der rechtzeitig in sachgemäße Behandlung gelangt. Ja ,ogar bei der Tuberkulose, dieser gefährlichsten Feindin unserer Volkswohlfahrt, ist seit einigen Jahren nach übereinstimmendem Urteile der Statistiker eine deutliche, jeden Irrtum ausschließende Abnahme zahlenmäßig nachgewiesen worden. Seit Robert Koch den Tuberkelbazillus und das Tuberkulin entdeckte, können wir die Lungenschwindsucht mit größerer Sicherheit und in einem früheren Stadium! nachweisen, die Kranken in Behandlung nehmen, die Ge-, sunben vor Ansteckung schützen. Zahlreiche Heilanstalten für Bemittelte und Unbemittelte, früher nur im fernen Süden, jetzt auch in Mittel- und Norddeutschland erhalten alljährlich Hunderte ihren Familien und ihrer Arbeit.- Und nun gar die Fortschritte, die unsere moderne Chirurgie gemacht hat. Mit Hilfe des Chloroform und unter dem Schutze der Antisepsis unternimmt sie schwere Eingriffe in den menschlichen Organismus, und vermag Kranke zu heilen, die man früher einfach ihrem traurigen Schicksale überlassen mußte, mit Hilfe der Röntgenstrahlen 20 entdeckt und entfernt sie Fremdkörper aus den Tiefen des Körpers. Mit Befriedigung ersehen wir aus den Be-- richten von den Kriegsschauplätzen der letzten Jahre, wie sehr sich die Heilungsaussichten der Kriegsverwundeten dank der modernen Wundbehandlung gebessert haben. Ueberblicken wir so die Summe des Erreichten auf dem Gebiete der Volksgcsuudheitspflege, so können wir uns eines gewissen Gefühles der Genugthuung nicht er- wehren. Schwere Wunden zwar hat die Kultur, wie wir oben sahen, dank der eigentümlichen Entwickelung, die sie bei uns genommen hat, der Volksgesundheit geschlagen- größer aber. sind die Segnungen, die sie ihr gebracht hat durch die glänzende Entwickelung der medizinischen und Naturwissenschaft, aber auch durch die Erhöhung der allgemeinen Intelligenz und durch das Erstarke» der allgemeinen Nächstenliebe. Beweisend hierfür ist an sich schon drc Thatsache, daß in allen Ländern, die Sterblichkeitstabellen führen, die Sterblichkeitsziffer seit zwanzig Jahren fortdauernd abnimmt oder was dasselbe ist, die durchschnittliche Lebensdauer der Bevölkerung zunimmt. Nun rst allerdings, ein langes Leben noch nicht gleichbedeutend mit Gesundheit; Sterblichkeit noch nicht übereinstimmend mit Krankheit; aber das eine wird von dem anderen doch in so hohem Maße beeinflußt, daß schon die einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung dafür spricht, daß auch, Mer schwarzseherische Ausspruch von dem „Jmmer-kränker- Werden" der Menschheit thatsächlich der Berechtiauna entbehrt. ' Erfolge siird also schon im Kampfe um die Volksgesundheit errungen worden, aber größere Aufgaben harren noch der Lösung. Hoffen wir, daß das neue Jahrhundert uns ihrer Erfüllung näher bringt. — Für schlaflose Nächte Professor Dr. C. Hilty. 11. bis 15. Tausend. Preis geß. Mk- 4,—. Leipzig, I. C. Hinrichs'sche Ver- lagsbuchhandlnng. ,, _ „Schlaflose Nächte sind ein schwer zu ertragendes Uebel, und sie werden von Gesunden und Kranken gefürchtet. Denn die Ersteren wissen, daß von dem regel- mäßigen Schlaf die Erhaltung ihrer Gesundheit wesentlich abhangt; den andern aber werden ihre Leiden und Schmerzen in den langen, dunkeln Nachtstunden, ohne dce Unterbrechung eines lindernden und stärkenden Schlafes doppelt fühlbar. Und wenn sich vollends gar Sorgen und Kümmernisse dazu gesellen, was ja sehr oft der Fall sein wird, so fällt den körperlich geschwächten und geistrg deprimierten Menschen die Furcht vor der Zukunft an „wie ein gewappneter Mann", dem zu widerstehen schwer ist, und bem man nicht einmal entfliehen kann. Dennoch, so wahr dies alles ist, hat man in solchen Fallen, seien - sie vorübergehender, oder dauernder Natur keine andere Wahl, als entweder die richtigen und erfolgreichen Mittest dagegen an zuwenden, sofern solche zu finden sind, oder aus der Schlaflosigkeit wenigstens den Nutzen zu ziehen, der möglich ist. Beides läßt sich sogar bis zu einem gewissen Grade miteinander verbinden; dagegen ist bloßes Klagen ohne den Versuch einer Abhilfe offenbar etwas. Unvernünftiges und eine Erschwerung, Leidens^Echterung des ohnehin schon schweren So leitet Hilty sein Buch ein und gicbt daimt zugleich einen Hinweis, wie man schlaflose Nächte 8“ verwerten suchen soll. Wer je die Qual anhaltender schlafloser Nächte am eigenen Leibe erlitten, und. erfahren hat, wie der sieche Leib auch die stärkste Seele iu Mitleidenschaft zieht, der wird dem Verfasser von Herzen Dank wissen für die durchgreifenden Heilmittel, die er rn semem Buche bietet, und bleibenden Gewinn ziehen lernen auch aus peinlicher Bedrängnis Leibes und der Seele. Bdt. Msde. Fasching 1902.- Die Weihnachtszeit ist nun vorüber, dre Zeck 6er Bälle, Gesellschaftsabende, Maskenkränzchen, Kostumfeste und dergl- tritt nunmehr in den Vordergrund. Da durfte es doch gar mancher unserer Leserinnen sehr willkommen sein, wenn wir sie auf eine im Verlage de« „Deutschen Moden-Zeitung", Aug. Pölich, Leipziu erschienene neue Serie höchst origineller, künstlerisch' aus- gefuhrter und geschmackvoller, farbiger Maskenbilder für Damen, junge Mädchen und Kinder sowohl, als auch für Herren aufmerksam ,nach en. Der billige Preis von 50 Pfg. für ein einzelnes Blatt, größtenteils mehrere Maskenbilder enthaltend, ermöglicht einem jeden die Anschaffung einer Vorlage zu einem schminken, leicht selbstanzufertigende» Masken-Anzug. Man verlange den ausführlichen Prospekt, welchen der Verlag der „Deutschen Moden-Zeitung, Leipzig", ailf Verlangen umsonst und portofrei versendet- GLmeinttützrges. Mittel gegen Frostbeulen. Mau löse 30 Gr. Tannin in ein fünftel Liter Wasser und 3 Gr. Jod in 50 Gr. Weingeist, vermische beide Lösungen gut, und verdünne das Ganze zu iy2 Liter. Dann gieße man diese Flüssigkeit in eine Porzellanschale oder einen irdenen Topf, stelle ihn auf ein ganz gelindes Feuer, tauche, während die Flüssig- kect noch kalt ist, den leidenden Teil, z- B. die Hände, so lange hinein, bis beim Bewegen der Flüssigkeit die zunehmende Wärme unerträglich wird- Alsdann nehme man das Gefäß vom Feuer und lasse die Hände, ohne sie abzutrocknen, über demselben trocken werden- Das Mittel ist täglich nur einmal anzuwenden- Eine und dieselbe Flüssigkeit kann immer wieder von neuem gebraucht werden- Wenn die Menge des Jods nicht überschritten wird, dann erscheint die Hautfarbe der gebadeten Teile unverändert- Eine vier- bis fünfmalige Anwendung genügt nach eigener Erfahrung, um eine vollkommene Heilung zu erzielen- Ein gutes Hust enmitt el ist folgendes: Eine Hand voll gute, nicht enthülste Gerste siedet man y2 Stunde lang in 1 Liter Wasser auf lebhaftem Feuer- Dann fügt mau reinen Kandiszucker, soivie fein geschnittenes Johannisbrot hinzu, läßt noch eine Zeit kochen, seiht alsdann durch und läßt das Ganze abkühlen. Kurz vor dem Schlafen^ gehen ein. Glas hiervon lauwarm getrunken, löst den Schleim und mildert den Hustenreiz. . Von blühenden Pflanzen müssen die abgeblühten Blumen und die Samenbildungen immer entfernt iverden. Beides verunziert sie, und Samenbildungen zehren sehr, so daß die Hauptkraft in diese geht, die nachfolgenden Blüten in der Entwickelung zurückbleiben, und unansehnlich werden, oftmals auch gar nicht mehr zur richtigen Entfaltung kommen. Primeln und Alpenveilchen neigen bei günstigem Standort besonders leicht dazu, Samen anzusetzen; weshalb man gut thut, die Pflanzen öfters daraufhin nachzusehen, wenn anders man die Blüte nicht beeinträchtigen will. (Prakt. Wegweiser, Würzburg.) Ergänzuttgsräisel. (Nachdruck verboten.) . . r T . a. er . s . n . . h . s w . . t, .o l . n . . r b . ei . . . u H . . s; D..H g.h. e . . . f . a . k ., S . h . l . . . d . . . c . S . . m . ns! Statt der Punkte sind passende Buchstaben zu setzen, sodaß das Ganze i vicrzeiligcn Sinnsprnch ergibt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflöstmg des Arithmogriphs in vor. Nr.: Eislauf, Ilias, Saul, Lias, Affe, Ufa, Fels. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 186 der Familienblätterr 2 9 4 7 5 8 6 18 Es gingen insgesamt 272 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 1, Einsender: Li Petri II., Gießen, Ludwigstr. 1 — Preis: Moltkes Briefe in einem Bande, geb.; Nr. 169, Einsender: Gottfried Weber, Lang-Göns (Pfarrhaus) — Preis: Frenssen, Jörn Uhl, geb.; Nr. 212, Einsender: A. Rabenau, Rödgen b. Gießen — Preis: 1 Rex- Spiel. Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonne- mentsqnittung in der Geschäftsstelle der „Familicnblätter" in Empfang zu nehmen. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.