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Wie riesige weiße Rosse stürmten die Wogen heran, um hoch aufsprühend auf dem Sande zu zerklatschen und zersplittern. Ottilie machte es wie die anderen Damen, sie legte sich, um nicht umgerissen zu werden, vorn platt auf den Sand und unter lustigem Geschrei ließen sie die Wogen über sich znsammenschlagen. Nur eine von ihnen allen getraute sich weiter hinaus. Ihre schlanke Gestalt war von einem leuchtend roten Tricot umspannt, bald war sie von den Wellen begraben, bald schaukelte sie, mit Armen wie von Stahl zerteilend, hoch oben, gleich einer Wasserelfe, auf den weißen Kämmen. „Bell!" schrie ihr entsetzt Ottilie vom Strande zu und auch die Badefrauen, die so etwas noch nicht erlebt hatten, mischten ihre Zurufe hinein. Wer Bell hörte nicht. Nur ihr froh gerötetes Gesicht, das zwischen den Wellenmassen auftauchte, schien zu antworten, daß man um sie keine Augst zu haben brauchte. Im Schwimmen, wie in jedem anderen körperlichen Sport war sie Meisterin und die rechte Tochter ihres Landes. Oben auf der Düne in vorschriftsmäßiger Entfernung, hatten sich als Zuschauer auch ein paar Herren angesammelt. Auch Herwarth befand sich unter ihnen. Er kam vom Herrenstrande, war mit seinem Bade fertig und Pflegte von hier aus auf Ottilie zu warten. Er konnte Bells Gesicht in der Entfernung nicht erkennen, aber eine sichere Ahnung sagte ihm, wer diese Schwimmerin war. Das Benehmen dieser Dame wurde geradezu unleidlich. Unten auf der Wandelbahn vor dem aufgesteckten Pfahl, der den Damenstrand abtrennte, kamen ihm daun die beiden Damen entgegen. Er hatte für Ottilie, wie jeden Morgen, eine Rose mitgebracht. „Ich danke Dir", sagte sie, „es war herrlich. Schade, daß Du Bell nicht gesehen hast." „Ich habe Miß Cooksen gesehen", erwiderte er. Bell errötete. Gleich darauf ärgerte er sich über seine Antwort. „Wie ist das möglich?" Ottilie beruhigte sie heiter. „Er meint nur, von der Düne aus. Da sind Witz nur so groß wie Stechnadelknöpfe." Schon im Laufe des gestrigen Abends hatte Herwärts vor ihr von dem ungünstigen Eindruck, den Bell in ihm hervorgerusen, keinen Hehl gemacht, und sie hatte ihm erwidert: „Thu' mir wenigstens den einzigen Gefallen und sei höflich gegen sie. Sie ist doch nun einmal unser Gast." Sie merkte seinen unbedacht gereizten Ton, der auch Bell nicht entgangen sein konnte, und sie wollte zwischen den beiden wenigstens eine Brücke bauen. „Nun — und dann machst Du Bell nicht einmal ein Kompliment?" scherzte sie. „Ich glaube, daß, eine Dame, wenn sie soviel Mut zeigt, wie Miß Cookson, auf Komplimente keinen Wert legt." Bell schien von der Herausforderung, die in seinen Worten lag, nichts zu merken. „Da haben Sie Recht", sagte sie einfach und arglos. Jetzt erst sah man, welche Verheerungen der Sturm auf dem Strande augerichtet hatte. Die in den Sand gebauten Burgen mit ihren aufgesteckten bunten Fahnen waren wie weggefegt und ihre ehemaligen Besitzer — Herren, Damen und Kinder — warm im Schweiße ihres Angesichts bemüht, eifrig schaufelnd, den Schaden wieder gut zu machen. c r „Jetzt sind wir zu Drei", sagte Ottilie — „da haben wir die nötigen Arbeitskräfte, da bauen wir uns auch eine Burg." Bell machte geltend, daß der Geheimrat dann ganz allein in seinem Zelte bleiben würde, aber auch dafür wurde gesorgt: Die Burg sollte sich dicht vor dem Zelt- eingang erheben! Am nächsten Nachmittage war sie fertigt Ein runder Wall lief um sie herum und in der Mitte erhob sich ein Hügel mit einem darin aufgepflauzten Flag- gmstecken, an dem eine Fahne hing mit einer Inschrift, die Ottilie selbst ersonnen hatte: „Zum vergnügten Brer- blatt!" Die Tage verliefen in ruhiger Gleichmäßigkeit. Vormittags ging man baden, spazierte auf der Trampelbahn, saß in der Burg, hörte die Kurmusik an, begab sich dann zur Table d'höte, und hielt darauf zu Hause im schattigen Zimmer eine kleine Siesta; am Nachmittage kroch man in den Dünen herum oder man machte kleine Ausflüge in die nahe Umgegend und am Wend begab man sich ins Kürhaus zum Konzert oder in den Strandpavillon, wo eine Zigeunerkapelle zu hören war. Nur an den Reuuions, die jeden Mittwoch im Kurhause stattfanden, naym man nicht teil. Ottilie machte sich aus dem Tanzen majt viel und Bell erst recht nicht, obwohl Herr Westheim, wenn er an dem Reunionabend, in tadellose ®a(a gekleidet, den Damen im Garten begegnete, über eine solche Abstinenz 466 der „gnädigen Frau" und des „gnädigen Fräuleins" ganz untröstlich war. Oft machten Ottilie und Herwarth' ihre Spaziergänge und Ausflüge auch miteinander allein^ und Bell blieb bei dem Geheimrat zurück, um ihm vorzulesen. Erst wollte der Geheimrat ein solches Opfer, wie er es nannte, nicht annehmen. Wer Bell wußte ihn zu überzeugen, daß es gar kein Opfer von ihr tvar, denn sie las selber leidenschaftlich gern — nicht Romane und Unterhaltungsbücher, sondern Werke. der Wissenschaft. Sie hatte zwei Jahre lang in Boston die Universität besucht und namentlich ein starkes Interesse für die moderne Philosophie gefaßt. Was sie jetzt las und in ihrem kleinen Koffer mitgebracht hatte, waren die Studien der Soziologie von Spencer. Auch für den Geheimrat war es ein Lieblingsbuch geworden. Beider Gefühl hatte sie nicht betrogen, sie waren sehr gute Freunde geworden. „Ich glaube, Miß Bell", sagte eines Nachmittags mit Behagen der Geheimrat zu ihr, als sie wieder zusammen allern in seinem Zelte saßen und in der Lektüre eine Pause machten — „die Natur hat an Ihnen etwas versehen. Sie hätten als Mann geboren werden müssen." „Das ist wahr", erwiderte Bell ernst, als hätte sie sich das schon selbst gesagt. . „Nun legen Sie das Buch einmal hin und erzählen Sre mir von sich. Sind Sie jetzt glücklich?" „Ich wünschte", sagte sie, „es könnte immer, ewig so bleiben, wie jetzt." „Haben Sie keine Sehnsucht nach Ihrer Heimat? Nach Menschen, die Sie dort zurückgelassen haben?" Sie schüttelte den Kopf — plötzlich hielt sie inne. „Nach Einem vielleicht, ja." „Wer ist das?" „Ein Vetter von mir. Fred Nennet. Wir waren in Unserer Kindheit Spielkameraden. Von ihm weiß ich, daß er es gut und treu mit mir meint. Er liebt mich, und er würde mich auch lieben, wenn ich arm wäre. Mein Reichtum krankt ihn vielleicht noch mehr als mich selbst." „Das heißt, er hat Sie heiraten wollen?" „Ja. „Wenn Sie von seiner aufrichtigen Liebe überzeugt sind — warum nehmen Sie ihn nicht?" ,, „Weil ich nur seine Freundin sein kann, weil ich ihn nicht wieder liebe." z „Haben Sie schon einmal einen Mann geliebt?" „Nein". „Dann wird die Stunde auch für Sie kommen, Miß Bell, wie sie in dem Leben jedes Weibes kommt." „Niemals wird sie kommen", erwiderte sie mit fester, fast harter Stimme, „niemals!" Er merkte, daß ihr das Gespräch unangenehm wurde. . „Wenn es Ihnen recht ist. Miß Bell, dann fahren wir rn der Lektüre fort." Und Bell las weiter. Nach einer Weile brach sie ab Sie sah, daß Angern eingeschlafen war. Das geschah öfters mrt ihm. Tie Seeluft bekam dem Kranken eigentlich nicht. Sre machte ihn matt und müde. Bell ließ das Buch in ihren Schoß sinken und sah hmaus auf den buntbelebten Strand und das dunkle ruhige Meer. . Wie eine. ungeheure Wüste lag es vor ihr da. Kein ernziges Segel war auf ihm zu sehen. Die starke Brandung machte das Anlegen nrcht nur von großen Schiffen, sondern auch von kleinen Booten hier am Strande unmöglich. Nur an fast ganz windstillen Tagen kamen von Munkinarsch, der Spitze der Insel, die Schiffer mit ihren Booten her. So lag das Eiland da wie von der Welt abgeschlossen. Sie war mit sich ällein. „Dann wird die Stunde noch für Sie kommen, wie sre rn dem Leben jedes Weibes kommt", tönte es in ihr nach. '• Es war, als raunte ihr diese Worte jemand von Neuem rn's Ohr. Es war ein Mann, an den sie dabei denken mußte. Wenn ihr sonst die Männer nahten, so legten sie sich rhr samt ihren Huldigungen zu Füßen. Er aber blieb aufrecht vor ihr stehen — aufrecht, kühl und stolz. Ev beachtete sie kaum. Ottilie hätte ihn geliebt. Vielleicht, ohne daß sie es wußte, liebte sie ihn noch... ^^„Er behandelte sie mit Höflichkeit. Wer in seiner Höflichkeit lag Hochmut, den Hochmut auf seine Rasse I — M, der Armen, der Plebejerin gegenüber. Und doch mußte sie sich gestehen, daß ihm dieser Hochmut gut zu I Gesicht stand. Wenn er wüßte, wer sie war - und sie lächelte bctter. Vielleicht wurde er seinen HochUmt dann bei Seite setzen. Vielleicht würde er dann werden wie die andern Ottilie hatte ihr feierlich Schweigen zugeschworen — und so war es gut. Niemals sollte er über sie die Wahrheit erfahren. ■ ’ Oben in dem nahen Musikpavillon begann jetzt das Nachmittagskonzert, und die Klänge störten sie aus ihrem Sinnen auf. Sie versenkte sich wieder in ihr Buch. Eine Viertelstunde später kamen Ottilie und HerwarthI von ihrem Spaziergang zurück. Sie waren in einem nahen Dorf gewesen, wo es ein berühmtes Hünengrab zu sehen gab und der Rückweg führte sie an ihrem Hanse vorbei. „Ich könnte wohl gleich mal nachsehen", sagte Herwartch „ob die Post und die Zeitungen schon da sind." Die Post kam des Tages zweimal, am Morgen und am Nachmittag. Herwarth ging in das Haus hinein und Ottilie blieb vor der Gartenthüre wartend stehen. Es fiel ihr auf, wie lange er blieb. Endlich kam er. „Was gießt es?" rief sie ihm bei seinem Anblick betroffen entgegen. Er. sah sehr blaß aus. „Nichts von Bedeutung", erwiderte er in so ruhigem Ton, daß Ottilie sich wieder besänftigen konnte — „etwas Dienstliches. Ich muß noch heute nach Berlin zurück." Ottilie erschrak. „Du willst uns verlassen?" „Ja, in ein paar Tagen bin ich wieder hier." Derartige Ordres waren in seinem Amte nichts Ungewöhnliches. Auch Ottilie war damit genügend vertraut. Aber unangenehm blieb ihr die Störung deshalb doch.' „Dienst ist Dienst", sagte der Geheimrat, als er die Ncich- rrcht erfuhr. Im Stillen fiel ihm allerdings auf, daß Her- Warth, wie es sonst seine Gewohnheit war, ihm nichts Näheres über dieses Dieustgeschäst sagte, aber eben deshalb fragte er auch nicht darnach. Am späten Abend reiste Herwarty, um in Hamburg noch den Berliner Frühzug zu erreichen, ab. „Wenn er blos schon wieder hier wäre", sagte am nächsten Tage Ottilie, als sie mit Bell wieder zusammen zuur Baden ging, „findest Du nicht?" Mit einer plötzlichen Kopfbewegung sah sie Bell an und Bell errötete. „Du sagst ja nichts", lachte Ottilie, „und rot bist Du geworden. Am Ende hast Du Dich in ihn verliebt/i Sie sagte es scherzend, aber Bell fühlte bei ihrew Worten eine heiße Blutwelle nach ihrem Herzen strömen. „Laß das!" sagte sie kurz und abweisend, und in so ruhigem Tone, als cs ihr möglich war. Aber Ottilie klagte von neuem. Sie fand das Leben hier ohne Herwarth langweilig. Nun saß man, wenn man vom Baden kam, den ganzen Tag im Zelt. Herr Westheimi war doch nur ein sehr fragwürdiger Ersatz. Amüsant an I ihm war nur, wie er sich gegen Bell benahm. Er hatte sich ihretwegen, nachdem er ihren Namen in der Kurliste gelesen, direkt an den Geheimrat gewandt. „Cookson? Cookson aus Newhork? Den Namen, Herr Geheimrat, kenn' ich doch von der Börse her. Cookson hieß der große Salpeterkönig. Ist das amerikanische Fräulein mit dem verwandt?" Der Geheimrat hatte Herrn Westheim darüber beruhigt^ „Schade", meinte er. Eine Verwandte des Sal- petermillionärs wäre für ihn eine angenehme Partie gewesen. Seitdem war Bell vor seinen Huldigungen gesichert. Bell ertappte sich dabei, daß sie öfter an den Abwesenden dachte, als zum Beispiel au Fred. Aber warum erinnerte sie auch Ottilie unaufhörlich an ihn. Vier Tage war er nun schon fort, kein Brief und kein Telegramm war vou ihm gekommen, und Ottilie fing bereits an, unruhig zu werden. Endlich am fünften Tage langte eine Depesche an, die seine Ankunft anzeigte, und am späten Nachmittage traf er selber ein. „Bist Du krank? Du siehst leidend aus?" sagte Ottilie gleich nach der Begrüßung zu ihm. Bell fand, daß Ottilie mit ihrer Besorgnis Recht hatte. Aper Herwarth erklärte, nur eine strapaziöse Reise gehabt zu haben. Das Dienstgeschäft war erledigt. EI, 467 war ein unbewölkter, milder Abend', der Mond schien und nach dem Essen hatte Ottilie noch! Lust zu einer Strand- Promenade. „Ich bleibe bei Ihnen", sagte Bell zu dem Geheimrat. Es war vergeblich/sie zu bewegen, sich der Promenade anzuschließcn. Sie hatte, als Herwarth plötzlich wieder vor ihnen stand, von neuem das ungewöhnliche Klopfen ihres Herzens verspürt. Sie wollte sich von seiner Gegenwart nach Möglichkeit befreien. Ottilie und Herwarth gingen allein. (Fortsetzung folgt.) Geschmacksrichtung. Humoristische Skizze von T h e s i B o h r n. (Nachdruck verboten.) Köllig außer Fassung brachten sie ihn — seine sechs Cousinen nämlich — völlig aus der Fassung! Das spielte und sang, hüpfte und sprang, malte und zeichnete, dichtete und deklamierte, fiedelte und meißelte, politisierte, rezensierte, modisierte, balgte und zankte sich — schjauderhaft! 's war zum Haarausraufen! Und da heraus sollte er sich seine Frau holen! Doppelt schauderhaft!! — „Felix", hatte sein Pater gesagt, „Du brauchst eine Frau, ein Kaufmann muß eine Frau haben, drum geh', und such' dir eine." „Sixt", hatte seine Mutter gesagt, „Du mußt heiraten, das Junggesellenleben paßt nicht für einen Kaufmann. Nimm Dir bod) eine von den Kvontorffs, sind durchwegs schöne, feine Mädchen nnd mein Bruder ist gewiß froh, eine von seinen sechsen au den Mann zu bringen. Und weißt Du, jetzt ist die günstigste Zeit dazu, die Familie ist bereits in der Sommerfrische, besuche sie auf einige Wochen, amüsiere Dich mit ihnen und triff dann Deine Wahl — 's ist doch nicht so schwer, sich in ein hübsches Mädel zu verlieben." Ja, schwer war's allerdings nicht, das.Verlieben nämlich, aber — h--. Uebrigens hatten seine Eltern recht, er brauchte unbedingt eine Frau, — also heißt's, einen Anlauf nehmen! Ter Koffer,war bald gepackt, eine Depesche hin, eine zurück, — dann die zweistündige Fahrt im Schnellzug, ein halbes Stündchen in Onkels Wagen imb fest sah er in ber Billa Krontorff. In einer Billa? nein, in eiitent Bienenhaus, in dem er ben ganzen Tag umsummt unb gestochen wurde. „Mein lieber Junge", sagte Onkel Krontorsf, „freut mich, baß Tu endlich einmal zu uns gekommen bist, — amüsiere Dich so gut es geht; wir haben hier eine brillante Schießstätte, eine gute Kegelbahn, guten Wein, gute Zigarren; mein Reitpferd und mein Fahrrad stehen Dir zur Verfügung, voila! — Du brauchst nur zu wählen." „Mein lieber Junge", sagte Tante Krontorsf, „ich weist Tu wirst T-ich nicht langweilen, denn wo in einem Hause sechs junge Mädchen sich tummeln, ist das ausgeschlossen, umsomehr, da jede von ihnen eine andere Geschmacks- xichtung verfolgt. — Also, laß Tir's gut gehen und mach', als ob Tu zu Hause wärst." Felix verstand anfänglich nicht, was Tante mit dem „Verfolgen der Geschmacksrichtungen" meinte, aber es sollte ihm bald furchtbar klar werden. Anfänglich gefiel's ihm sehr in der Villa Krontorff, das weibliche Element war hier vorherrschend und durchwegs hübsche ja schön, von der Hausfrau angefangen, bis herab zu der überaus niedlichen Köchin und dem koketten Stubenmädchen; er hatte noch nie in einem Hause so viele schöne Frauen beisammen gesehen, und die sechs Töchter — ja, diese Töchter!! Mini, die älteste, spielte Klavier und machte nebenbei ein wenig in „Medizin". Lini geigte und studierte unter der Hand ein bischen Rechtsschutz; Fini sang und machte chemische Versuche; Mali malte und trieb dabei mit Eifer Kunstgeschichte; Dalli bildhauerte und bildete sich in den orientalischen Sprachen aus, und Vali dichtete und verfolgte landwirtschaftliche Ziele. Einige Stunden vor- und einige Stunden nachmittags war's ziemlich still im Bienenhause, denn bte Bienen waren an ber Arbeit und wollten nicht gestört sein, man war ihnen überall im Wege. „Ach, bitte, Felix, später, später,, ich muß nur rasch noch ein Stündchen Skalen üben". „Höre, Vetter, stelle Dich gefälligst dort hinüber. Du genierst mich da, denn Dein Schatten fällt mir auf die Leinwand und das kann sch nicht brauchen." — „Lieber Felix, guck mir nur nicht zu, da greife ich' immer daneben und da giebts falsche Töne, und' — krach, siehst Tu, jetzt ist wieder eine Saite kaput gegangen; ich bin so ungeschickt, wenn mir wer zusieht." — „Bitte, störe mich nicht, Lixi, ich muh noch rasch drei Strophen dazu dichten, hernach will ich Dir Red' und Antwort stehen." Ja, man störte nur und war im Wege. Wer bei den Spaziergängen zwischen Licht und Dunkel, beim Kegeln und Tennisspiel und bei den gemeinsamen Mahlzeiten, da schwirrte und summte und brummte es zum Närrischwerden, und die Luft war erfüllt und die Sonne förmlich verdunkelt von Notenblättern, Pinseln, Federn, silberübersponnenen G- Saiten, nux vomica, strofantus, Heinrich IV. und Papst Pius IX., von Cadenzen, Andante, allegro-moderatv, Retorten, Reibschalen, Spinat und Magermilcht licht und dunkel Ocker, ultramarin und Schweinfurtergrün, Hexametern, Jamben, Rembrand und Dürer, von Drehscheiben und Pergamentstürzen, Plaidoyers, Apfelmost und Leberwürsten, von Cadenzen und Tremolo und so fort; und: „Felix, weißt Tu", und „Felix, meinst Tu?" und „Lixi, dies", und „Lixi das!" Und Lixi sagte ja und nein, und ich glaube, ich vermute, es kann sein, es ist richtig, es ist wichtig, und so weiter. Und wenn Papa mit einer Frage dazwischen fuhr: „Wie findest Tu den Lendenbraten, Junge?" „Großartig, lieber Onkel!" „Und was sagst Tu zu dieser Sülze und den Erdbeertörtchen ?" „Einfach unübertrefflich, Onkel!" „Ja, ja, ja, mein Junge, großartig, unübertrefflich! Ha, ha, ha! Ich sage Dir, ist die einzig richtige Geschmacksrichtung !" „Papa, Du bist profan, und Lixi wird's unter Deiner Leitung." „Ja, die einzig richtige, die einzig wahre Geschmacksrichtung, Kinder! Die einzig lohnende Geschmacks^ richtung!" ltob; iFelix hielt sich erst den Kopf mit Leiden Händen und drückte ihn nachts tief in die Kissen hinein und träumte allerlei wirres Zeug von dem, was die Luft erfüllte und die Sonne verdunkelte in der Villa Krontorsf. Wenn nur die Mädels nicht alle so verteufelt hübsch wären, längst schon wäre er mit einem Sprung über den Gartenzaun dem Bienenhause entlaufen, so aber wurde er immer wieder festgehalten, denn er war doch auch nur ein Mann aus Fleisch Und Blut und hatte ein Herz, das im Dreiviertel- Takt zu schlagen verstand, und das sich heute Fini und morgen Mali zuneigte und übermorgen von Lini aufgefangen wurde, um an Bali weiter befördert zu werden. Wahrhaftig, die Mädels spielten Fangball mit seinem Herzen, und mehr als einmal war es dabei in Brand geraten; der Brand wurde aber immer wieder gelöscht mit einem eiskalten Sturzbad, gleichviel, ob das' Bad aus einer Retorte oder einer Reibschale kam, aus einem Geigen- oder Farbenkasten, es kam unfehlbar und versetzte Felix in einen Fieberzustand, es war ihin abwechselnd heiß und kalt, er schwitzte und fror, und bekam Wallungen und Zähneklappern und gelangte endlich zu der Ueberzeugung, daß kein Sterblicher einen solchen Zustand lange auszuhalten vermag. Er sah förmlich schlecht aus und nur Tantes exquisite Küche rettete ihn vor gänzlichem Verfall. Alle Vorsicht, alle List und Diplomatie half nichts, das Fieber packte ihn immer wieder, und dann tanzten die blitzenden Schelmenaugeu,' die weißen Zähnchen, die goldig schimmernden Haare, die niedlichen Füßchen in den zierlichen Saffianschühlein einen tollen Reigen mit all den Attributen der Kunst und Wissenschaft zusammen. Felix sah endlich ein, daß ein Entschluß gefaßt werden müsse, um jeden Preis. Seine Zeit war abgelaufen, er mußte wieder heim, es galt daher handeln. Und eines schönen Tages lächelte er selbstzufrieden vor sich hin und strich sich liebkosend den Schnurrbart, wie nach einem gehabten Genüsse. Onkel ertappte ihn dabei: „Na, mein Junge, was schmatzest Du so? Du schwelgst wohl noch in Rückerinnerung an das heutige Menu — war's nicht großartig?" „Großartig, Onkel, wie immer." „Die zarten Hähnchen mit den grünen Erbsen, was?" „Wunderbar, Onkel!" „Und die Hachees in der pikanten Sauce, wie?" „Unübertrefflich!"« 468 „Na, mnb das Dessert, das war doch heute raffiniert süß — was?" „Tas Dessert, o, o, v, — raffiniert süß!" Und Felix schlug verzückt die Augen auf und strich wieder Nebkosend seinen Schnurrbart, denn der hatte auch etwas abbekommen von dem süßen, süßen Dessert, nach dem Dessert — ihm ganz allein serviert von ettt paar frischen, Loten Lippen---ah!--- Tags darauf saß er mit seinen: Koffer im Bahnzug und fuhr heim. „ , „Nun, Felix, mein Sohn, hast Du eine Wahl getroffen?" SßCÜMl/7 ,Lixi, mein Junge, welche ist's, die Dein Herz gewann?" „Fanni, Mama." „Fanni? Du willst sagen Finni?" „Nein, Mama, Fanni." „Wer es ist ja keine Fanni, Jünge." ^,Doch, Mama doch." Maina stellte sich in Positur und zählte an den Fingern ab: „Mini, Lini, Fini, Mali, Dali, Bali — wer heißt da Fanni?" „Tie — Köchin, Mama, die Köchin, — sie hat dre einzig richtige, die einzig wahre Geschmacksrichtung." — Tableau. Vermischtes« Toilettenkuxrrs der Chinesinnen aus dem Korso in Shanghai. Die „Deutsche Export-Revue" schreibt: Man hat aus der bekannten Anspruchslosigkeit der chinesichen Bevölkerung häufig den ganz falschen Schluß gezogen und findet diese Ansicht noch heute in Deutschland verbreitet daß China nur geringe Bedürfnisse für europäische Erzeugnisse habe. Wenn man aber Stäote wie Singapore, Hongkong und Shanghai kennen lernt, sieht man sehr bald, daß sich die Bedürfnislosigkeit in einene sehr starken Hang zum Luxus verwandelt, sobald der Bevölkerung nur Gelegenheit geboten wird, Geld zu erwerben und die Sicherheit geschaffen ist, es vor der Habgier der Beamten zu bewahren. Bei dem üblichen Korso der eleganten Welt Shanghais, der jeden Nachmittag auf dem Bubbling- Well-Road, dem schönen, von großen Gärten und Privatvillen eingefaßten Spaziergang ins Land hinein, stattfindet, sieht man sich nicht nur die Damen der europäischen Gesellschaft beteiligen, sondern hier erscheinen auch in ihren geschlossenen Glaskutschen die reichen. Chinesinnen mit ihren gemalten Gesichtern und kostbaren Geschmeiden, und die zahlreichen Luxuswagen, in denen man jeden Tag die in blauseidene GAvänder gekleideten chinesischen Großkaufleute protzig zurückgelehnt erblicken kann, geben in keiner Beziehung den elegantesten Fuhrwerken von Paris, London oder Lissabon auch nur das geringste nach. Das der Geschmack der chinesischen Klassen vorläufig noch ein chinesischer ist, versteht sich bei der bisherigen Abgeschlossenheit des Landes von selbst. Regeubogen-Averrdrot. In der „Meteorologischen Zeitschrift" wird eine merkwürdige Dämmerungs-Erscheinung beschrieben, die einigemale in den Tropen beobachtet wurde. Das Dämmerungsrot umsäumte in prächtiger Weise die Berg- oder Hügelkonturen da, wo die Sonne untergegangen war. Aber der ganze Himmel nahm an der Dämmerung Anteil. Längs des Horizontes zog sich ein ziemlich breiter, intensiv ziegel- bis blutrot gefärbter Streifen, in sanftem Uebergange folgte darauf die verhältnismäßig schmale Spektralzone des Orangegelb bis zum reinen Gelb. Das darauffolgende Grün war von allen Farben am undeutlichsten, jedoch auch noch bemerkbar, dann kam ein schmaler Streifen blau, bis zu dem man sich ungefähr 45—60 Grad mit der Blicklinie über die Horizontale erhoben hatte. Dann war das ganze übrige Firmament bis über den Zenit violett getönt. Der Beobachter dieser Erscheinung, Dr. Wutlaner, meint, daß vielleicht jedes Abendrot ein größerer oder kleinerer Teil des Sonnenspektrums sei, das Rot in unmittelbarer Nähe der Sonne ist so kräftig, daß es alle anderen Farben übertönt. Diese Erklärung dürfte von den Naturforschern kaum angenommen werden, das Abendrot entsteht nach ziemlich' allgemeiner Annahme nicht durch irgend eine Brechung des Lichtes, sondern durch Wsorption. Der Wasser- damps, welcher stets in der Luft vorhanden ist, absorbiert die blauen und violetten Strahlen außerordentlich stark, während er die gelben und roten Strahlen sehr gut durchläßt. Bei dem tiefen Stand der Sonne am Morgen und Abend haben die Sonnenstrahlen einen weiten Weg durch die tieferen, reichlicher mit Wasserdampf beladenen Luftschichten zu durchlaufen. Hierbei werden die blauen und violetten Strahlen stark absorbiert, wodurch die Erscheinung zu stände kommt. Das Morgenrot ist merst sehr viel weniger lebhaft gefärbt als das Wendrot, weil die Luft in den Morgenstunden weniger Wasserdampf enthält als des Abends. Besonders feuriges Morgenrot ist immer der Vorbote des Regens. Die oben beschriebene Dämmerungserscheinung mit aufeinanderfolgenden Regenbogenfarben, wobei das Violett über den Zenit, bis nach Osten hinreicht, ist also etwas wesentliche anderes. Dr. Wutlaner hat sie im ganzen dreimal in den tropischen Gegenden beobachtet. — Eine Umwälzung in der Oelmalerei. Aus Paris wird der „Allg. Ztg." berichtet: Der bekannte Maler Rafsaölli lud dieser Tage eine Anzahl Kollegen nach fernem Atelier ein, um ihnen von einem neuen Malverfahren, dessen .Erfinder er ist, Mitteilung zu machen. „Sie kennen", sagte er zu den Herren, „die Uebelstände der Oelmalerei: Pinsel, Paletten, Messer, ein ganzes unbequemes, lästiges Arsenal, das nach jeder „Sitzung" eine lange, peinliche Reinigung erfordert. Wer in seinem Atelier arbeitet, hat nur einen sehr unbequemen Zeitverlust zu beklagen. Wenn man aber in freier Lust arbeitet, werden diese materiellen Einzelheiten zu einer wahren Plage. Der Pastellstift hat diese Unannehmlichkeit nicht im Gefolge, aber er hat andere, die noch weit schlimmer sind: seine Farbe verfällt und verwischt sich, sie wird selbst unter Glas nach einigen Jahren blaß. Seit langer Zeit suchte ich nun die Vorzüge des Pastellstifts und die guten Eigenschaften der Oelmalerei, die mit zunehmendem Alter nur neue Schönheiten offenbart, zu vereinigen. Ich glaube, das Mittel gefunden zu haben. Ich habe die Oelfarben in Stangenform gebracht, die wie „crayons" gehandhabt werden; man kann mit diesen Oel- stiften auf Holz, Leinwand, Elfenbein und Papier malen. Hier sehen Sie ein Bild, das in Bezug auf Farbe und Zeichnung sehr kompliziert ist. Ich will es jetzt in Ihrer Gegenwart kopieren, um Ihnen zu zeigen, welche Vollkommenheit sich mit meinem Verfahren erreichen läßt. Tiefe Malerei bietet noch zwcm andere Vorteile: sie trocknet sehr schnell und ist, wenn sie einmal trocken ist, unverwüstlich. Rafsaölli kopierte nun vor den Augen seiner Gäste einen Teil des Vorbildes mit solcher Treue, daß die Kopie nicht von dem Original unterschieden werden konnte. Alle waren erstaunt, und Besnard, der große Kolorist, rief begeistert aus: ,„Das ist ja eine wahre Umwälzung in der Oelmalerei!" Bilderrätsel. «Nachbildung verboten,'. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Quadraträtsels in vor. Nr.r BIND • I S A B NASE D B E I Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schm Universitäts-Luch, und Steindruckerei lPietsch Erben) in Gießen.