(Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Sie waren alle Genußmenschen, die ohne Mühe und Anstrengung nur die ideale, ästhetische Seite des Lebens genießen wollten, und mit Geringschätzung auf diejenigen yerabbltckten, denen der Staub der Arbeit anhastete. Und sie waren unfähig gewesen, den Geist der Zeit zu verstehen. Sie hatten ihre Kniee gebeugt vor den Götzen einer überlebten Vergangenheit, und mit Schauder erkennt sie, daß so vieles, was ihr heilig und ewig wahr schien, nur Karri- katur der Wahrheit gewesen. Giebt es noch eine Rettung? Jener Mann, den sie mißachtet, hatte sie retten wollen, er hatte erkannt, auf welch schwankendem Boden ihre Existenz begründet war. Großmütig hatte er seine Hilfe geboten, und im Vollgefühl der eigenen Kraft sich nicht gefürchtet, sich mit der Unfähigkeit und Schwachheit zu verbinden. Wie schnöde war ihm gelohnt, und als er zum zweiten Male helfen wollte, und ihr warnend die Wahrheit sagte, hatte sie ihn nur halb verstanden, und gar nicht auf ihn geachtet. Mit dem alten, haltlosen Hochmut war sie ihm begegnet. Und nun mußte sie mit ihrer ganzen moralischen und materiellen Niederlage als Bettlerin zu ihm kommen, an der sich seine Worte buchstäblich erfüllt hatten! Traute stöhnte leise, und ganz in diese qualvollen Gedanken versunken, achtete sie nicht auf ein leises Knicken und Brechen von Zweigen im Gebüsch, auf einen vorsichtig nahenden Schritt. Erst als sie zwei Arme von innig umfingen, und eine zärtliche Männerstimme flüsterte: „Endlich ! — Geliebte!" schrak sie entsetzt empor. Mit einem Sprung war sie auf den Füßen, und starrt« ven Fremden sprachlos an, der ihr ebenso entgeistert und erblassend vor Schreck einen Moment in die Augen sah. Darauf stammelte er einige unzusammenhängende Worte der Entschuldigung, und den Hut lüftend, verschwand er, woher er gekommen, im Gesträuch. Traute hatte auf den ersten Mick den Kavalier in ihm erkannt, einen noch jungen Mann mit auffallend hübschen Zügen, denen jedoch schwere Schicksale oder Leiden- Ichaften bereits ihren Stempel aufgedrückt hatten. Er Mittwoch den 9. Juli. * J ann man die Segel schießen (affin, Sa ist das Ruder leicht zu fassen; Doch wenn die Not tritt an den Mann, Da sieht man erst, wer steuern kann. Heinrich JLde. trug das einfache, leichte Zivil des Landjunkers. Jeden«! falls hatte er eine andere an diesem Platz zu finden erwartet, Traute blickte sich scheu um, und da sie wenig Lust zu einer zweiten Begegnung empfand, und der Abend indessen weit vorgerückt war, ging sie auf den entlegensten Wegen in das Dorf. Sie stand lange an der hölzernen Gitterthür des Graumann'schen Hofes, und sah ihrem alten Freund, den: früheren Diener ihres Vaters, zu, der vor der Küchenthür Holz spaltete, ehe sie sich entschließen konnte^, ihn zu begrüßen. Der Keine Hof .mit seinen hölzernen Ställen, dem alten Brunnen, der Hundehütte, und dem großen Wallnutzbaum war das Bild tiefen Friedens unter dem hlaßblauen Karen Abendhimmel mit der schmalen Mondsichel. Zuweilen ein leises, traumhaftes Gacker»» von Hühnern, das Grunzen eines Schweines aus den niedrigen Ställen und von fern, auf der Torfstraße, sangen Burschen und Mädchen zweistimmig ein Volkslied. Jetzt trat Frau Graumann unter die Küchenthür, und mit ihr erschien Bello, der vor Alter schon blind auf einem Auge war, aber er hatte Traute sofort erkannt^ und sprang mit rasendem Gebell auf sie zu. Tas gab ein Wundern und Stchfteuen, als man nun des späten Gastes gewahr wurde. Aber als die beiden alten Leute sahen, wie schwer ihrem Liebling das Sprechen wurde, und wie die Thränen Trauten in der Kehle saßen, fragten sie wenig und erzählten viel. „Also Herrn Lehmigke wollen Fräulein Trautchen sprechen?" nickte Graumann gedankenvoll, „das paßt sich schlecht, der ist auf ein paar Tage verreist." Traute erschrak heftig. „Auf ein paar Tage? — Aber ich muß ihn sprechen!" „Nun, dann bleiben Fräuleinchen bei uns bis er wieder- kommt!" fiel Frau Graumann lebhaft ein. „Wenn Fräulein Trautchen nun doch einmal nicht im Schlosse wohnen will, so soll es hier auch an nichts fehlen. Ich weiß jaf wie Fräuleinchen es gewöhnt sind, werde alles zum Besten machen." Tie alte Frau verschwand eilfertig, um ihre Worte wahrzumachen, und ihre beste Stube für Traute aÄ Schlafgemach herzurichten. Und diese beste Stube konnte sich sehen lassen; denn Frau Graumann war keine gewöhnliche Frau. Sie hatte Jahrzehnte hindurch in vornehmen Häusern als Kammerjungfer gedient und wußte, was sich gehört. Das Stübchen war nett und geschmackvoll mit Polster^ möbeln, Blumen, Bildern, und tausend zierlichen Kleinigkeiten geschmückt, mit weißen Gardinen und Teppichen, meistens Geschenke aus Frau Graumanns Dienstzeit, und für den lieben Gast wurde ein blütenwetßes Bett mit dem besten und feinsten Leinen aus des Hauses Wäscheschrank hergerichtet, sodaß Traute ein Gefühl von Behagen und' tiefer Rührung Überkam, als sie den traulichen Raum betrag um sich endlich, nachdem sie noch lange mit Qhw 898 mann aus der Bank unter den» Wallnnßbaum gesessen, zur Ruhe zu legen. Frau Graumann brachte sie selbst zu Bett, und bediente sie, als ob sie eine Prinzessin vor sich hätte. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihr selbst das schöne Haar auszukämmen, ihr die Stiefel auszuziehen, und ihr einen Schlaftrunk, wie ihn Traute als Kind so liebte, von Himbeersaft und Wasser, an das Bett zu bringen. Traute ließ es sich müde gefallen, die Anhänglichkeit und Ergebenheit der alten Leute that ihr so unendlich wohl. Mit tiefem Tank nnd feuchten Augen streichelte sie Frau Grau- tncmn die runzeligen Wangen, und als diese ihr die Hand küssen wollte, fiel sie der alten Frau um den Hals. Der ganze Jammer, und die niedergekämpften Thränen des Tages kamen jetzt zu einem elementaren Ausbruch, und wie ein Kind weinte sie sich endlich nnter den tröstenden Worten ihrer Wirtin in den Schlaf. Neunzehntes Kapitel. Am folgenden Morgen hatte sich Trante in ihr Schicksal gesunden, einige Tage bis zur Rückkehr Paul Lehmigkes in Brantikow zu bleiben. Und als sie an dem lachenden Sommertage in der Bohnenlaube von Grau- mauus Gärtchen saß, wo die alte Frau einen zierlichen Frühstückstisch mit allerlei guten Dingen für sie gedeckt hatte, wäre ihr dieser verlängerte Aufenthalt wie ein Glücksgeschenk, wie eine Ruhepause in den Stürmen des Schicksals erschienen, wenn sie nicht gewußt hätte, mit welcher Unruhe und Angst sie daheim erwartet wurde. Während sie ihren Kaffee trank, saß Frau Graumann plaudernd bei ihr, und rupfte ein Hähnchen, das für Traute zu Mittag gebraten iverden sollte. „Ja, ja, Fräulein Trautchen, es ist alles anders geworden da oben auf dem Hof", erzählte sie, „na, mau kann ja der neuen Herrschaft auch viel Gutes nachsagen, aber mein Manu und ich sind alte Leute, und für uns ist das nichts mehr, da halten wir uns fern. Im Anfang hat mein Alter versucht, auf seinem Dienerposten auszu- harren, aber es zeigte sich bald, daß Herr Lehmigke kein Einsehen hatte, was ein fechzigjähriger Mann ist, und was rinem herrschaftlichen Diener zukommt. Er verlangte mehr Arbeit von ihm als recht und schicklich war, und als Graumann darauf aufmerksam machte, daß er sich als Diener, aber nicht als Lohnknecht für alles vermietet habe, begegnete ihm der Herr sehr grob und sagte, wenn er nicht mehr arbeiten könne und wolle, solle er in ein Hospital gehen. Sein Haus sei keine Bersorgungsanstalt für Müßiggänger. Na, das ließ sich denn Graumann nicht zweimal sagen. Und ebenso ging es mir mit der Frau Lehmigke. Im Anfang wurde ich bei Gelegenheiten, wie Gesellschaften und Wäscheplätten, zur Hausarbeit zugezogen wie bet der gnädigen Frau Mama. Ja, die Frau Mama! Das war eine Dame. Da hatte alles seinen Chic, und man wurde anständig behandelt. Sie wußte, man thut, was man kann, und mehr kann man nicht. Und so nobel in allen Dingen! Ta ist Frau Lehmigke anders/ nicht einen Krümel mehr giebt sie, als sie muß, und da feilscht und knausert sie noch. Und als sie mir noch eines . Tages vor allen Waschfrauen sagte, meine Arbeit sei Bummelarbeit, und die Plätterinnen in der Stadt leisteten dreimal so viel an einem £age, sagte ich ihr mit altem Respekt, der einem vor der Herrschaft zukommt, mag sie nun sein wie sie wolle, wenn gnädige Frau sich wollen eine Plätterin aus der Stadt kommen lassen, bin ich es zufrieden, und wissen Sie, was sie mir darauf antwortete? Das sei ihr sehr lieb; denn ich ruiniere ihr alle Oberhemden ihres Mannes durch mein schlechtes Plätten. Seitdem sind wir nun geschiedene Leute." Trante sah nachdenklich vor sich hin, während Frau Graumann weiter plauderte: „Fast alle alten Leute haben den Dienst gekündigt vder sind entlassen worden. Die Löhne sind wohl erhöht worden, dafür muß aber auch dreimal soviel gearbeitet Werden. Und furchtbar scharf ist Herr Lehmigke. Der sieht durch ein eichen Brett. Er selbst ist alle Tage der erste und letzte aus dem Posten, und es kommt ihm gar nicht darauf an, bei der schwersten und niedrigsten Arbeit selbst mit Hand anzulegen. Gr kann arbeiten wie ein Knecht. Mit Faulheit und Unehrlichkeit hält er sich nicht lange auf. Aber ich frage Sie, Fräulein Trautchen, schickt es sich wohl für einen reichen Herrn, so auf seinen Vorteil bedacht zü »ein? Und Frau Lehmiake ist noch tausendmal schlimmer. fragte Traute. Kinder?' Da ist mir der Herr zehnmal lieber; denn einem ordentlichen Arbeiter gönnt er auch sein ordentliches Brot, aber die Frau gönnt niemand etwas, außer sich selbst. Di« behandelt alle Dienstboten ganz niederträchtig, und giebt niemand recht satt zu essen. Aber wenn Besuch kommt,, oder wenn es Gesellschaften giebt, da kann es nicht hoch genug hergehen, und dann geht sie in Sammet und Seide, und spielt sich auf als die große Dame. Und ich will Ihnen was erzählens Fräuleinchen, ich glaube, zwischen dem Herrn und der Frau ist nicht alles so wie es sein follte, und die Liehe ist wohl schon zu dem Schornstein hinaus, wenn sie überhaupt mal dagewesen ist. Es kann einen eigentlich wundern, denn sie ist doch immerhin eine schöne Person, wenn sie auch nichts Feines ist, aber der Herrj kümmert sich eigentlich wenig um sie. Man sieht sie nie zusammen, ja jeder geht seine Wege, und er kommt nicht mal immer zu den Mahlzeiten. Sie haben auch getrennte Zimmer. Und die Leute erzählen ja, daß sie oft scharf aneinandergeraten. Die haben alle beide harte Köpfe. Ich! glaube, Frau Lehmigke möchte gern ein großes Haus machen; denn wenn sie auch noch geiziger ist, als der Herr, so ist sie doch auch sehr eitel, und hochmütig, und möchte hier mit all den adeligen Herrschaften in der Nachbarschaft verkehren, und es allen noch zuvorthun. Aber für so was hat nun der Herr gar keinen Sinn, der denkt -—— — seine Arbeit. Da giebt es denn auch ost anzusehen. . . ,. Traute willigte ein; denn sie war neugierig, die Erfolge von Paul Lehmigkes Wirken und Schaffen zu sehen. Sie mußte diesen Manu, dessen Persönlichkeit sie quälte, ganz kennen lernen. Sie mußte versuchen, ob nicht ein Punkt zu finden war, von dem aus sie ihn m ihren eigenen Augen entwerten konnte, und sich selbst rechtfertigen. Er war so beängstigend gewachsen vor ihrer inneren Kritik. Mer dieser Spaziergang hatte den entgegengesetzten Erfolg. Sie kannte die alte Heimat kaum wieder. Der friedliche Gutshof mit dem gemütlichen, wirtschaftlichen Schlen- drian war zu einer Stätte intensiver Erwerbsthatlgkeit geworden. , , rL Uebcrall neue, stattliche Gebäude mit den besten und zweckmäßigsten Erfindungen der Neuzeit ausaestattet, überall peinliche Ordnung und Sauberkeit. Der Viehbestand und die Arbeiterzahl um das dreifache bis fünffache vermehrt, und überall Arbeit mit Anspannung aller Kräfte, mit Zuhilfenahme der zweckmäßigsten Maschinen. Wie ein ausgezogenes Uhrwerk schien sich das ganze Getriebe: aus dem Hofe zu vollziehen, und die ganze große Werkstatte, die Riesenmaschine, war wie von unsichtbarer Hand geleitet, sodaß alle Funktionen tadellos ineinandergriffen. Staunend ging Traute an Graumanns Seite durch die Ställe. Der alte Kuhstall mit seinen Spinnweben und Schwalbennestern unter den Balken, der stets einer Dung- grübe geglichen, war verschwunden, an seiner Stelle stano ein massiver Palast mit eisernen Säulengängen, auf bereu Steinfließen man mit Tanzschuhen hätte gehen können, mit Ventilation und Röhrenleitungen, mit Dampfpunipen uiw Futterschneidemaschinen, mit ungezählten Reihen aalglatte, herrlicher Rinder. immer nur an Uneinigkeit." „Haben Sie .....—. -------- , „Sie haben einen kleinen Jungen gehabt, aber das arme Würmchen ist gestorben. Und daran ist seine Mutter schuld; denn sie ist mitten int kalten Winter, als es kaum zwei Monat alt war, mit ihm nach Leipzig gefahren zu den Eltern, um dort einen Geburtstag zu feiern. Ta hat \ es sich erkältet und den Tod geholt. Sie war überhaupt V schrecklich hart mit dem Kind, sie ließ es immer allem liegen und schreien, weil sie keinen Dienstboten dafür halten wollte. Aber der Herr soll es ihr nicht vergessen können, daß das Kind gestorben ist durch ihre Schuld; denn er hat das kleine Ding doch wohl Heb gehabt. Die Leute sagen — ich weiß nicht, ob es wahr ist es {jabe bann einmal einen schrecklichen Auftritt zwischen den Eheleuten gegeben, er hätte ihr gesagt, sie sei eine schlechte Mutter gewesen, die das Leben ihres Kindes leichtsinnig aufs Spiel gesetzt habe, und er wolle keine Kinder mehr von ihr haben." Graumann kam jetzt in die Laube und fragte, ob Fräulein Trautchen nicht einen Spaziergang mit ihm machen wolle, um sich die neuen Bauten und die Fabrik — 399 — ■f Denrentsprechenbl wärest PferbestMe, Schweine- und Schafställe eingerichtet, auch die Geflügelzucht wurde in Kitzem Maßstabe betrieben. Ein eigener, kleiner Park mit ut- und Zuchtställen, mit Teichen und Drahtzaunabteilungen war für sie geschaffen, und Traute gewahrte edle Und seltene Rassen unter dem Geflügel. Der Gartenbau war auf die höchste Stufe der Kultur aeführt. Treibbeete und Wärmhäuser, Obstspaliere und Baumschulen lieferten das Auserlesenste und Beste, und überall herrschte eine übersichtlich systematische Ordnung. Ein Wirtschaftsbeamter, der Traute auf ihre Frage, ob sie sich alles ansehen dürfe, sehr höflich begegnete und sich ihr anschloß, um sie selbst zu führen, lieferte überall den nötigen Kommentar, und gab Traute ein Bild von der umfassenden und rastlosen Thätigkeit des' Besitzers. Alles hatte Herr Lehmigke selbst geschaffen, überall war er die Seele und das leitende Prinzip. Trotz des großen, notwendigen Beamtenpersonals war er stets sein oberster Baumeister, sein oberster Inspektor und Gärtner selbst und es geschah nichts auf dem Gute, was nicht durch! seine Hände oder durch seinen Kopf gegangen war. Der Wirtschaftsbeamte führte Traute durch die Fabrik Und nach der Ziegelei. Und hier staunte sie von neuem über den großen Geschäftsbetrieb und welche Schätze aus dem Gute gewonnen wurden. Ihr Vater hatte auch mit einem schönen Vermögen zu wirtschaften angefangen, aber er hatte es nicht verstanden, damit zu wuch!ern. Das Geld War ihm in den Händen zerronnen, und nun klagte er Gott und die Welt dafür an. Die Not der Landwirte! Bestand sie bei ihm nicht einzig und allein in der Unfähigkeit, sich moderner Intelligenz anzupassen und ihren Ansprüchen zu genügen? Nach dem Rundzange durch die Brantikower Wirt- chaft war Traute von einem großen, aufrichtigen Respekt ür den Mann erfüllt, den sie einst in kindischem Unver- ! tändnis so gering geachtet hatte. War nicht diese Schaffensstraft, diese Arbeitstüchtigkeit, selbst wenn sie im staubigen Werkeltagskleide einherging, höher und edler als der vornehme Müßiggang, der sich seiner Unberührheit mit dem Staub und Schmutz der Arbeit rühmt, der nur die Früchte -genießen will, die andere im Schweiße ihres Angesichts bauen? Als sie im Geiste den Wert eines Camill Stauffen mit dem eines Paul Lehmigke abwog, wie tief sank die Wagschale zu Gunsten des Mannes mit der harten Arbeitshand gegen die des glänzenden Kavaliers, der nur vergeuden und nichts schaffen konnte, dessen Arm zu schwach war, sie in der Stunde der Not zu schützen. (Fortsetzung folgt.) Die Hotelpolizei. Von Fred Hood. (Nachdruck verboten.) Die grenzenlose Vertrauensseligkeit derjenigen Leute, welche sich viel auf Reisen befinden und sich daran gewöhnt haben, die Hotels als ihr normales Heim anzusehen, hat wesentlich zur Entwickelung der großen internationalen Hoteldiebe beigetragen. Die Hotels bieten überhaupt einen überaus günstigen Boden zu Verbrechen jeder Art, sei es, daß dieselben an den Hotelgästen oder dem Inhaber des Hauses verübt werden. Der große Ktedit, welcher notgedrungen in vornehmen Hotels den Gästen bis zu ihrer Abreise, oder wenigstens einige Tage oder Wochen, gewährt werden muß, hat jene Klasse von Hotelschwiudlern -großgezogen, welche auf Kosten des Wirtes gut zu leben verstehen, um plötzlich unter Hinterlassung eines Papierkragens zu verschwinden und an anderer Stelle das gute Leben fortzusetzen. Eine andere Kategorie von Hotelverbrechern stiehlt nur Uhren und Juwelen aus Zimmern, welche die Gäste vorsorglicher Weise beim Verlassen des Hotels oder bei Nacht offen lassen, damit die Diebe nicht etwa durch das notwendige Oefsnen der Schlösser unnötig aufgehalten werden. Wieder eine andere Kategorie kapriziert sich daraus, sich lediglich in Hotels zu erdolchen, zu vergiften,^ zu erschießen oder aus denr Fenster zu stürzen. Endlich könnte ich noch an die gemeingefährlichen Subjekte erinnern, welche die Betttücher, die kostbaren Teppiche oder Vorhänge, die Damastbezüge der Hotelmöbel rc. zerschneiden, um einzelne Stücke derselben als Unterröcke, Kravatten, Schnupftücher oder Packmaterial zu verwenden. Unter diesen Umständen ist die Kriminalpolizei in größeren Hotels kein seltener Gast; ja viele derselben haben, genau wie die großen Warenhäuser, ihre eigenen Privatdetektivs, die gemeinsam mit der öffentlichen Sicherheitsbehörde arbeiten, um die gefährlichen Subjekte hinter Schloß und Riegel zu bringen. Es ist vielleicht für die Besucher der großen Hotels keine angenehme Empfindung, zu vernehmen, daß ihre Physiognomie beim Betreten des Hotels von einem Geheimpolizisten aufmerksam geprüft ward, aber andererseits ist es doch für sie eine Beruhigung, zu erfahren, daß es an wachsamen Augen nicht fehlt, die ihnen einen Teil der Sorge um das eigene Hab und Gut und die persönliche Sicherheit abnehmen. Am glänzendsten ist dieses Polizeisystem in den großen Londoner Hotels, diesen enormen Karawansereien, durchgeführt, deren Einrichtungen in jeder Hinsicht zu den Lenkbar vollkommensten gehören. Jedes der Londoner Rtesenhotels hat seinen Stab von Geheimpolizisten, an deren Spitze einer der tüchtigsten Detektivschteht, die man überhaupt gewinnen kann. Es ist stets ein Mann, der die Hotelgauner und ihre Kniffe bereits auf das Genaueste kennt, und zwar kennt er den einheimischen Spitzbuben so gut, wie deu kosmopolitischen Schwindler und Dieb, der die ganze Welt zu seinem Tummelplatz macht. Der große Hotelschwindler oder Hoteldieb versucht sein Glück in London, bald darauf ist er in Paris, Berlin oder New- York — kurz überall, wo er auf Opfer hoffen kann. Diese Gauner wechseln so schnell und unerwartet ihr Domizil, daß sie zweifellos nur mit Expreßzügen und Schnelldampfern reisen. Doch wohin sie auch immer gehen mögen, so können sie sicher sein, daß einer ihnen gewachsen ist und ganz genau über sie unterrichtet ist. Dieser eine ist der Hoteldetektiv, der sich durch- geschickte Kniffe und Verkleidungen nicht leicht täuschen läßt. Solch ein Detektiv hat kein geringes Einkommen; es beläuft sich nach Tit-Bits auf jährlich 20 000 Mk., ja, auch auf 30 000 Mk. nebst vorzüglicher Wohnung und Beköstigung. Er ist ein Mann von Bildung und vorteilhaftem Aussehen, ein Mann, den man viel eher für einen angesehenen Gast des Hotels als für einen Polizisten halten würde. An der Hoteltafel ist er einer der liebenswürdigsten Plaudererr, der mindestens drei bis vier Sprachen vollständig beherrscht und aus aller Herren Länder Interessantes zu erzählen weiß. Aber manche schöne Frau, der er bei Tisch Sirtigkeiten sagt, ist noch nicht sicher, ob diese Freundschaft bis zum Abend dauernd werde. Kein einziger Gast betritt jemals das Hotel, ohne vor den prüfenden Blicken des Detektivs zu passieren, und kein verdächtiges Moment wird ihm entgehen; doch wird der Gast nichts von dieser Aufmerksamkeit bemerken. Wenn der Gast aber ein Hotelschwindler von Prosession ist — ein Mann, welcher unter der Maske eines noblen, wohlhabenden Gastes die großen Hotels zum Schauplatze seiner Gaunereien erwählt, so wird kurzer Prozeß mit ihm gemacht. Die Sache geht ohne Lärm und Aufsehen vor sich Der Detektiv nimmt nur einen passenden Augenblick wahr, um ein paar Worte mit dem unliebsamen Fremden zu sprechen, und in unglaublich kurzer Zeit befindet sich ein Gast weniger im Hotel. Der Schwindler weiß natürlich, daß jeder Widerstand nutzlos wäre und zu unangenehmen Weiterungen führen müßte. Er und feine Schliche sind der Polizei nur zu wohl bekannt. Er p-ackb so schnell wie möglich ein, um sich ein anderes Quartier zu suchen. Die bloße Kenntnis, daß ein solcher Detektiv sich in einem Hotel befindet, genügt aber auch, unliebsame Gäste fernzuhalten. In der Regel bedarf es nur einer Anspielung, daß der Herr in einem anderen Hotel bequemer wohnen würde — das Haus wäre so voll — um einen Schwindler zu verscheuchen, und nur die wenigst intelligenten unter ihnen warten auf eine deutlichere Ermahnung. Natürlich arbeitet der Hoteldetektiv nicht allein; seine Pflicht beschränkt sich auch nicht darauf, nur den professionellen Schwindler und Dieb fernzuhalten. Er hat zahlreiche. Untergebene, die sich alle aus den Angestellten des Hotels rekrutieren und zur Geheimhaltung ihrer Aufgabe verpflichtet sind. Niemand im Hause weiß aber, welche Leute im Dienste des Detektivs stehen. Der, Kellner, der Dir die Suppe serviert, mag ein Geheimpolizist sein, sowie der Portier, der nach Deinem Gepäck sieht, oder das Zimmermädchen, welches Dein Bett macht. 4ÖÖ Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UnIversitätS-Buch. und Etcindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«. Wechselrätsel. (Nachbildung verboten). ES ist dem Turner wohlbekannt; Mit andrem Kopf ein eitler Fant. Mit andrem Kopf des Schiffers Freud; Mit andrem Kopf des Schiffers Leid. Mit andrem Kopf ist's Jugend meist; Mit andrem Kopf ein Wassergeist. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.k Magnetnadel. Vermischtes. Im Krater eines Vulkans während eines Ausbruchs. D^ N S. SHaler, Professor der Geologie an der Harvard- Universität zu Cambridge (Massachusetts)) hat, tote er im neuesten Heft der „Rorth American Review" schildert, im l882, Wagestück vollführt, sich während des Ausbruchs im Krater eines Vulkans aufzuhalten. Aus semem fesselnd geschriebenen Bericht geben wir einige Hauptstellen wieder: „In Gesellschaft meines stämmigen Tragers gewann rch den Rand des Kraters. Als ich das Milcht durch. eine Papiermaske geschützt hatte, war es mir möglich., in den Abgrund hinabzublicken und den Sitz eines Ausbruchs vielleicht aus größerer Nähe zu sehen, als irgend em Geologe bis jetzt. Die Hitze war beinahe unerträglich, und die Luft manchmal zum Ersticken von Rauch und Schwefeldampf erfüllt. Ueberdies wurde ich ber den meisten der aufeinander erfolgenden l^plosionen den aschebedeckten Abhang heruntergeworfen, ehe ich Ge- legenheit hatte, genau zu sehen, was geschah. Dennoch war die Anstrengung nicht ganz fruchtlos, denn ich konnte gewisse charakteristische Vorgänge beobachten, die auf den Verlauf eines Ausbruches Lickt werfen. Der Kraterschlund hat mehrere hundert Fuß Durchmesser und war ein- oder Nbihundert Fuß tief. Da nichts in Sehweite war, das als Maßstab dienen konnte, so konnte die Größe nicht sicher bestimmt werden. Die inneren Abhänge der Höhlung führten ^ch^rformig zu einer Art Brunnenschacht, der ungefähr 60 Fuß Durchmesser hatte, und fast senkrecht herabhing. obere Teck des Trichters war nicht heiß genug, um zu glühen, aber das untere Drittel war matt rotglühend und bfbcker unten glänzender gefärbt, und der senkrechte Schacht glühte tote ein Schmelzofen. Ungefähr vier- oder fünf- der Minute wurde dieser gewöhnlich leere Schacht nut weißer, sehr flüssiger heißer Lava gefüllt, die an- schernend so flüssig war wie Wasser und schnell aufwärts Moll, brs sie den Krater in einer Tiefe vor- vierzig Fuß oder mehr füllte. Dann schwoll der Strudel tote eine große ausbrechende Blase, so daß die Lavatrümmer auf- toarts getrteben wurden, als ob sie aus einer Kanone geschossen würden. Der Vorgang verlief so schnell, daß von der Zeit, da die Lava in dem Schacht ungefähr fünfzig I Thatsächlich kannst weder Du noch die Dienerschaft wissen, wer ein bevollmächtigter Spion ist und wer nicht. Dieser Zustand der Ungewißheit, und das Bewußtsein, daß es in solch einem Riesenhotel überall Augen giebt, bewirken, daß nur der Unerfahrene sich versucht fühlt, fremdes Eigentum zu annektieren. Die (Hrlichkeit des Hotelpersonals ist schon aus diesem Grunde über jeden Argwohn erhaben. Du kannst einem Hotelkellner weit eher Dein Geld anvertrauen, als einer Hypothekenbank! Das System der Kontrolle ist ein so vollkommenes, daß man ohne Ueber- treibung sagen kann, die Wände haben Augen und Ohren. -Bisweilen kommen Irrtümer vor, doch sind diese sehr selten. Ein Detektiv! erzählte einmal, wie nahe er daran gewesen, einen ebenso großen als lächerlichen Schnitzer zu machen. Ein Gast, welcher sich im Hotel einlogiert hatte, besaß einte höchst verdächtige Aehulichkeit mit einem wohlbekannten Schwindler, auf den in mehreren Ländern gefahndet wttrde. Der Detektiv hatte ein sehr wachsames Auge auf ihn, und als er in einer vertraulichen Unterhaltung mit dem Fremden merkte, daß dieser ebenso vertraut mit den Schlichen der Hotel-Schwindler und -Diebe war, wie er selbst, wurde sein Verdacht zur Gewißheit. Während er noch überlegte, welche Schritte er thun sollte, hatte der Fremde zuml Glück den wirklichen Beruf des Anderen erkannt; das gab ihm Veranlassung, sich sofort vorzustellen. Es war einer der tüchtigsten und bekanntesten Pariser Detektivs, der sich auf einer Studienreise in England befand. Da haben wir den köstlichen Stoff zu einer Kriminal- Humoreske, den sich viele meiner geschätzten Kollegen nicht entgehen lassen werden: Ein berühmter Detektiv kommt nach London, um dort einen Verbrecher ausfindig zu machen, und wird selbst verhaftet, weil er einem anderen Gauner tauschend ähnlichisieht, bis dann die Entdeckung des wahren i Attentäters die Befreiung des unglücklichen Beamten her- betführt. I M unter dem Trichter sichtbar wurde, bis zum Augenblick I des Platzens nicht mehr als drei Sekunden vergingen. So- bald die Entladung erfolgt war, siel die nicht ausgestoßene | Lava tn die Tiefe des Schachtes zurück und ivar nicht mehr I LU seh em Augensch einlich wurde die Explosion durch das I Entweichen von Gas oder Dampf unter sehr hoher Span- I nung hervorgebracht. Im Augenblick der Explosion wurde, I die Höhlung unter der zerrissenen Oberfläche sichtbar. Der I Tampf war zuerst vollkommen durchsichtig: nach einem I Augenblick nahm er jedoch stahlgraue Färbung an, und I "ach ein oder zwei weiteren Sekunden hatte er die weißliche Farbe des Rauches. Als die Wolke über mich hinweg fegte, war ich sicher, daß sie aus Wasserdampf mit Schwefel- I ßas und wahrscheinlich! etwas Chlor und anderen Gasen bestand.. In vier oder fünf Sekunden trieben die von der Httze und dem Sturmwind veranlaßten Luftströme den I Rauch aus dem Schlund, sodaß alle seine Teile wieder deutltch sichtbar waren. Ich- berechnete die Schnelligkeit des Auffliegens ber Trümmer daraus, daß sie in der Se- kimde wenigstens 400 Fuß in die Höhe.geworfen wurden. * Die Zeit, die zwischen dem Bersten der Blase und dem ! Krachen der auf die andere Seite des Nigels fallenden Massen verfloß, zeigte, daß sie zu einer Hohe von mehr als laOO Fuß aufflogen. Meine Beobachtungen am Krater wurden plötzlich durch ein Nachlassen des Sturmes unterbrochen, der sie ermöglicht hatte. Jetzt begannen I Lavamassen in meiner Nähe niederzufallen, sodaß ick mich schleunigst zurückziehen mußte." Dr. Shaler führt nun weiter aus, daß die Vulkanausbrüche durch Dampf hervorgebracht werden, indem das aus dem Meer, bett' Seen ober burch Ginsickern von der Erdoberfläche eingedrungene Wasser durch die Berührung mit dem geschmolzenen Massett unter ber Erdkruste zum Sieden gebracht wird. J D' heilig Kindheit. Wie ivic kürzlich berichteten, hat ein Karlsruher Kaplan, Hr. Kröntet, sich über die ausge- schnittenen Kleidchen der Schulmädchen entrüstet. Köstlich und treffend empfiehlt nun ber bortige „Volksfreund" bent gestrengen Herrn das nachstehende Gedicht eines Freiburger Dichters, das sich in dem ausgezeichneten Merkchen „Danne- zapfe ns ent Schwarzwald" von August Ganther (Stuttgart/ Verlag von Bonz u. Cie., 3. Auflage) findet. Es ist betitelt; D' heilig Kindheit. D'r Pfarrv'rweser kummt in d' Schuel: ’r macht e finschder G'siecht. 's Meerröhrli legt 'r uf b’r Stuehl: Des git e bösi G'schiecht! Herrschaft toi« ferchde d' Büetoli sich! Sie merke d' G'toidderwolk. „Pfui", rüeft ’r, „pfui au! Schämme-nü-chi Ihr sin & sütvers Volk! Mi Maidtili, potz Höllebrand, Hen ihr jo badet gescht! Du bisch d'rbi gsi, Ferdinand! G'starws, ober 's git Arrescht! „Jo", sait b’r Ferdili, i bin D'rbi gsi; boch t ya Nit g'toißt, baß Maidili drunter sin. 's het keins e RöMi g'ha." Ja, fügt der „Volksfreunb" bei, so ist die Kindheit. Und darum soll man die Kittber nicht ganz nnnützertoeisei auf Dinge aufmerffam machen, an welche bas unschuldige! Kindergemüt sonst gar nicht denkt.