Mittwoch dm 9. April. KB Rfl ll| 1902. — Nr. 52. llül fJÄ’6 nicht zu schnell dein Wort, so brauchst du's nicht zu brechen; KN Viel besser ist es, mehr zu halten, als versprechen. Rückert. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von ZiachariaS Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Jeden Sonntag ging sie mit der Tante in die Kirche. Eie pflegten sehr früh dahin zu gehen, da die Tante gern vor dem Gottesdienst eine Weile mit gebeugtem .Haupt und «eialleten Händen dafitzen mochte. Es war so feierlich iN dem großen, stillen, kühlen Raum, wo Gottes Geist unsichtbar unter der Wölbung schwebte und hin und wieder einmal an die Spinnengewebe stieß, und wo die Fußtritte der schweigsamen Männer und Frauen und das dumpfe Mappen der Thüren in weiter Ferne widerhallten, gleichsam aus einer anderen Welt. Und dann kam der alte, weißhaarige Pfarrer, Doktor Rudelbach, langsam, gebeugten Hauptes, in Gedanken versunken, den Mittelgang herauf. Es kribbelte ihr in allen Gliedern, sie fühlte Gott in den Luftschwingungen, die sein langer, schwarzer Talar hervorrief. Wenn dann die Orgeltöne durch den Raum brausten, gedämpft und ernst, gleichsam lockend mit süßem, himmlischem Flüstern, da hatte sie stets em Gefühl, ab, ob setzt die Engel unsichtbar flatternd hermederschwebten. Jeden Gehörs- und Gesichtsnerv angespannt, saß sie da und starrte verwundert durch den Raum, voll von unklaren Erinnerungen au Gehörtes und Gelesenes, tote die Herrlichkeit des Herrn Salomos Tempel erfüllt hatte, und von dem sanften Brausen des Windes an der Hvrebshohle. Und toemt dann endlich der alte, weißhaarige Kopf über dem Samtrand der Kanzel sichtbar wurde, faltete sie ihre Hande und gelobte Gott heilig uno teuer, die Welt zu vergeben und nur zu lauschen. Aber es war schwer, dem alten gelehrten Pfarrer zu lauschen, wie es schwer für sie war, dre Propheten zu verstehen. Sie bildete sich stets ein, daß er vorher eine Zusammenkunft mit dem lieben Gott tn der Sakristei gehabt habe und setzt dastehe und der Gemeinde die Offenbarungen des Herrn in einer ihren Fassungskräften angemessenen Form mitteile. Boll der riefsten Ehrfurcht saß sie da und schaute ihn an. Sie wußte, daß er Gott ein auserwähltes Werkzeug war, durch das dieser die reine Lehre verbreitete. Ste hatte mehrere von seinen Schriften auf dem Bücherbort des Oheims gesehen, sowohl deutsche als auch, dänische: „Das Wesen des Rationalismus", „Hieronymus Aavonau-la und seine Zeit"/. „Kirchenpostille über die Evangelien" und verschiedene andere. Sie wußte, daß die ganze Welt diese Werke laS, alle mußten seinen Worten lauschen. Er Hütte sich lange Jahre in Deutschland aufgehalten, um die Leute dort die wahre Religion zu lehren. Der Oheim sagte auch, daß ec einer der gelehrtesten Männer der Welt fet. Wie konnte ein Mensch nur so viel in seinem Kopf haben? Aber das konnte ja auch nur möglich sein, weil Gott es ihm erngab. — Ach, wenn sie ihn doch nur verstehen könnte! Dann spannte sie aufS neue ihre ganze Aufmerksamkeit an und versuchte, rgend eine Wendung aufzufangen, an die sich eine Vorstellung knüpfen ließ. Aber wenn sie auch keine weitere Ausbeute von srtnett Predigten hatte, so war doch der Eindruck seiner Persönlichkeit, besonders des wunderbaren Glorienscheines alt- testamentarischer Hoheit, der seine Stirne umstrahlte, um so stärker. , „ , _ ... Niemals vergaß sie den Eindruck, den es aus sie machte, wenn sie ihn mit seiner alten Schwester über bte Straße wandern sah. Jeden Tag konnte man drese beiden alten Leute Hand in Hand aus der Thür des PfarrhofeS kommen sehen. Langsam, mit vom Alter gebeugten Häuptern bewegten sie sich mit geisterhaften Schritten. Unwillkürlich kam ihr der Gedanke, daß dies alte Gefchwtster- paar wunderbar sicher nur Gottes Wegen wandeln müsse. Sie war fest überzeugt, falls Gott ihnen eines Tages begegnet wäre und zu ihnen gesagt hatte: „Jetzt rst daS Grab geschaufelt, geht nun da hinaus" — daß sie dann ruhig hingegangen wären, sich Hand in Hand gelegt und die Äugen geschlossen hätten. So konnten Menzchen leben und sterben wenn ihr Mandel auf Gottes fester Weltordnung begründet war. , ~ . Ms sie zwölf Jahre zählte, starb die Tante, und nun kehrte sie in die Heimat zurück, wo bald wieder alles tu dem alten Geleise ging. Ihr Leben war so genau geregelt und glitt so ruhig und sicher dahin, tote ent Strom der in einem schnurgeraden Bett durch ente Ebene fließt. Ter Vater sprach oft über das Gewissen als den Führer des Menschen auf der Wanderung des Lebens Ste begriff, daß es ein von Gott selber eingesetztes Hochgericht des! Herzens sei. Gegen das Gewissen zu handeln, war,o gut, als sich "der Selbstverbrennung hiuzugeben. Und wenn ihr Baier anfing, von dem „Gewissen des Volkes" zu reden und von dem Puls des allgemeinen RechtlichkeitsgefuhlS [brach, von der „Leitung der Naturtriebe der Menschen re., da begriff sie mit dem ihr eigenen seinen Naturtriebe, daß die Weltordnung nur durch eine tn den Volkern ttefbegrun- dete Ehrfurcht vor der kirchlichen und weltlichen Obrigte.r festgehalten werden könne. . w Eine förmliche Umwälzung fand tn ihrem Ueinen Herzen statt, als Vetter Thomas ans dem Ostholmstruper Mühlhof noch einmal seine Sommerferien in ihrem Heim verbttichte.^^ toar ein langer, rothaariger, kommerk 206 — sprossiger Junge mit einem sprossenden Flaum über der Oberlippe, kerngesund und lebenslustig, ein richtiger Spaßmacher dabei, aber weich und gutmütig. Sie fand es so amüsant, daß er ihr. Vetter war; er war weit liebenswürdiger als ihr Bruder, der immer so mürrisch war, wenn er sich zu Hause aufhielt. Sie wurde ihm gegenüber immer kühner, zupfte ihn an den gelblichroteu Bartstoppeln, umspannte seine Kehle mit beiden Händen und schüttelte ihn; konnte nicht ohne ihn fertig werden. Etwas an ihm vermochte sie aber nicht zu fassen: er priemte — nicht Lakritzen, sondern richtigen Tabak, „Augustinus 9h1. 2." Mit gespreizten Beinen vor sich hinsehend, in einer eigenen, versunkenen Ruhe konnte er wie ein alter Seemann dastehen, die Blechdose aus der Tasche holen und ein Cmde von dem fetten, schwarzen Wurm abbeißen, der zusammengerollt darin lag. „Pfui! Das ist abscheulich!" rief sie dann wohl aus, den Mund verziehend, als habe sie selbst in den Wurm gebissen- Es gelang ihr schließlich, durch Ueberredung und verschiedene Kunstgriffe, ihn zu bewegen, daß er es aufgab. „Dir zuliebe !vill ich es lassen", sagte er und sah sie mit ein Paar Augen an, die sie überzeugen mußten, daß er ihr ein großes Ocher bringe. „Helene, ich gebe Dir diese Dose, verwahre sie zur Erinnerung an diesen Tag — an den 2. August." Es war übrigens ein sonderbares Ding, der Deckel war mit einem Kopf verziert, der so gemacht war, daß man, ioenn die Dose richtig gehalten wurde, ein lächelndes Antlitz erblickte, von der entgegengesetzten Seite aber hatte man eine abscheuliche Fratze mit herabhängender Unterlippe vor sich. Sie ergötzte sich sehr an diesem Geschenk und bewahrte es seither getreulich. Im folgenden Sommer durfte Helene ihre Mutter nach Ostholmstruv begleiten, wo sie eine Zeitlang blieben. Dies war eines der großen Ereignisse in ihrer Kindheit, ein Sprung mitten in die Romantik des Lebens hinein. Wie deutlich erinnerte sie sich der Fahrten, die sie Und Thomas auf eigene .Hand auf der Kjögerbucht unternahmen! Das große offene Meer mit den weißen Schaumkämmen, den Fischerbooten, den Krabbenreusen, den Riesenbergen des Seestrandes mit der feinen Verbrämung von silberweißem Schaum, mit den Sturmvögeln und den schwarzhaubigen Möwen, alles wirkte mit dem frischen Zauber des Ungewohnten und der Poesie auf ihr Gemüt. Jeden Tag ruderten sie aus die Bucht hinaus. Sie lernte bald die Handhabung des Ruders, und ihre kräftigen Arme, die von Hause her an ein Spannen der Sehnen gewöhnt waren, standen an Ausdauer hinter denen des Vetters bald nicht mehr zurück. Eines Tages wagten sie sich so weit hinaus, daß sie Stevns Klint auf Möen sehen konnten; die Weiße Felswand, die mächtig über der blauen Meeresfläche emporragtje. und in dem reinen Licht des Sommertages strahlte, erregte ihre Bewunderung in dem Maße, daß sie die Arme sinken ließ und ausrief: „Ach, Thomas, etwas so Schönes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!" Angespornt durch ihre Bewunderung und erfüllt von dem Gefühl des Stolzes, ihr in feiner Heimat einen so großartigen Anblick bieten zu können, erzählte er in hochfliegenden Worten von der wunderbaren Aussicht, die man von der Felsklippe habe, von den hohen Treppen, den Kalkbrüchen, von der Höhle des Felsenkönigs und der Höje- ruper Kirche. Ihre Phantasie legte ein Zauberglas mit wechselnden Farbentönen über die Bilder und verlieh diesen dadurch eine Hoheit und Schöne, die jedes sehnende Verlangen in ihrem Sinn gefangen nahm. Dabei beachteten es beide nicht, daß von der Insel her ein Gewitter heranzog und heftige Windstöße über die Bucht sandte; erst als das Wasser in Spritzwelleu gegen die Seiten des Bootes schlug, wurden sie aufmerksam auf das Wetter und griffen zu den Rudern, um heimzukehren. Eine tiefschwarze Wolkenmasse schob sich über das Meer, hin und wieder flammte ein Blitz auf, der die Klippe in einem blendenden, märchenhaften Schimmer hervortreten ließ. Der ganze südliche Teil des Himmels war in wenigen Minuten von schwachblauen Wolken bedeckt, während die Stadt Köge und der dmhinterliegende Wald im Nordwesten in gelblich dämmerndem Sonnenlicht dalagen. „Da ist die Möwe!" rief Thomas plötzlich aus und zeigte in die Höhe. „Ja! Diese eine hat sich seit mehreren Jähren hier aufgehalten; jetzt will sie heim!" 7 laugen Schwingenschlägen kämpfte sich der iveiße, schone Vogel durch den Wind in der Richtung der Felswand. , „In dem Sturm kann sie doch nicht hinüberkommen" meinte sie. -Du kannst Gift darauf nehmen, die kommt hinüber, sie hat eine eiserne Willenskraft, wenn es darauf ankommt, sieg durchzukämpfen." Schweigend ruderten sie eine Weile. Thomas war ein wenig unruhig geworden, sie aber bemerkte es nicht, ihr Blick folgte der Möwe, die sich hoch in dem Sonnenschein emporschwang und sich so rein und schön von dem schwarz- blauen Himmel abhob. Ihr Flug war wellenförmig, bald war sie hoch oben, bald schwebte sie ganz unten über der Meeresflache. Zuweilen machte sie eine Schwingung nach der Seite, als wolle sie sich schräge durch die Windwelle kämpfen. Von Zeit zu Zeit warf sie sich gleichsam ermattet aufs Wasser und ließ sich von den Wogen schaukeln, im nächsten Augenblick aber erhob sie sich mit neuer Kraft und kreuzte mit Willensstärken Flügelschlägen durch den Sturm. Endlich entschwand sie ihrem Gesichtskreis und kam nur zum Vorschein, wenn ein Blitz aus den dunklen Wolken aufflammte. Der Wind drehte sich und nahm zu an Stärke, ein Donnerschlag nach dem andern rollte über das Meer hin. Als sich Helene nach Thomas umwandte, durch-- schauerte sie eine tätliche Augst: er war bleich wie eine Leiche. „Wenn wir nur das Land erreichen, Thomas!" „Ach was!" erwiderte er mit ein wenig erkünsteltet Ueberlegenheit. „So leicht werfen wir das Gewehr nicht in den Graben!" Eine Welle nach der andern spritzte über den Rand des Bootes. Jetzt reichte ihnen das Wasser schon bis an die Knöchel. Thomas sah sich unschlüssig um. „Ich bin doch ein wenig--hm." Sie war starr vor Entsetzen und wußte kein Work hervorzubringen. Endlich zog er das Ruder ein und klemmte die Ellbogen gegen den Körper. „Gott im Himmel —i Mutter!" Helene war nahe daran, das Ruder fahren zu lassen und auf der Bank umzusinken, plötzlich aber richtete sie sich energisch auf und sagte: „Wir müssen aushalten, Thomas --so rudre doch!" Sie biß die Zähne aufeinander und holte aus. „Ach, Mutter! Mutter! Wenn wir jetzt ertrinken und ich Dich nie wiedersehe!" „So greif doch zu, Junge! Siehst Du denn nicht, daß sich das Boot ganz auf die Seite legt, woher die Wellen kommen?" Thomas griff wieder zum Ruder. „Nein, tiefer hinein damit, es streift ja nur die Wellens kämme, und dann mußt Du mehr Kraft einsetzen!" Neber eine halbe Stunde laug kämpften sie mit dem Unwetter, der Regen peitschte ihnen in den Nacken, und der Schaum der Wellenkämme spritzte ihnen um die Ohren. Thomas nahm seine ganze Kraft zusammen und that fein Bestes, sie ließ ihn aber die ganze Zeit hindurch nicht aus den Augen. „Du hältst teilten Takt, Thomas; Du mußt Dich nach mir richten." Endlich schien es, als wenn der Wind ein wenig nach-- ließe. Mer nun mußte Thomas zur Schöpfkelle greifen, und da sie nicht unthatig dasitzeu konnte, wußte sie nichts Besseres zu thun, als den einen Schuh auszuziehen und damit zu helfen. Bis auf die Haut durchnäßt, erschöpft, mit blutigen Händen, erreichten sie die Küste. Als sie ans Land ge-i kommen waren, sank sie im Tang um und brach zusammen. Thomas aber schaute stolz über das Element hinaus. „So leicht lassen wir uns doch nicht uutertriegen." Die Erlebnisse dieses Tages machten einen tiefen Einq druck auf Helenens Gemüt. Die Felsenklippe, das Ge-, Witter, die Augst, — dies alles beschäftigte ihre Gedanken 207 aufs lebhafteste. Und in all ihren Träumen zeigte der weiße Vogel sich ihr wieder und wieder, mit ausgebreiteten Schwingen, keck dem Sturme trotzend. Der Eindruck der sicheren Kraft, die in seinem ginge lag, hinterließ Spuren in ihrer Seele, die nie verwischt wurden. Im übrigen tummelte sie sich mit Thomas fröhlich in Wald und Feld herum und hatte manch flüsterndes Zwiegespräch mit ihm in einsamen Winkeln. Es war ein Trauertag, als Helene Ostholmstrup wieder verlassen mußte. Als Thomas ihr Lebewohl sagte, schaute er ihr fest in die Augen: „Vergiß mich, nicht, Helene!" Diese Worte tönten ihr in den Ohren wieder und machten sie so verwirrt, daß sie, als sie zu Hause angelangt war, ihr Zeug hinwarf und in den Keller hinablief, wo sie sich auf eine Heringstonne setzte und weinte. Noch lange Zeit ging sie schweigend umher und entsandte heimliche Seufzer nach Ostholmstrup. Eine unverstandene Sehnsucht wühlte und kämpfte in ihr, in einzelnen Augenblicken aber war es, aL- trage sie ein lebhaft klingender Tonstrom an fernklingende Orte, wo es geheimnisvoll und verheißend schimmerte. Unter den nüchternen Ansprüchen des Alltagslebens beruhigte sich jedoch der Gedankenaufruhr nach und nach: nur ein geheimes Sehnen blieb in ihr zurück, das hin und wieder zu heißem Begehren aufslammte, nach jener Zeit, wo sie erwachsen sein und auf entfesselten Schwingen ausfliegen würde, um den Honig aus den Blumen des Lebens zu-chaugen. Nach ihrer Konfirmation hatte sie noch, einige Zeit Unterricht in fremden Sprachen und in Handarbeit, und hielt sich daun ein Jahr lang auf einem Gute in der Nähe der Heimat auf, um die Wirtschaft zu erlernen. Mit zlvanzig Jahren erhielt sie dann durch Vermittlung ihres Onkels, des Mühlenbesitzers Rabe, einen Platz als Erzieherin in dem Pfarrdorf zu Kirchholmstrup. Die Bekanntschaft mit Vetter Thomas wurde erneuert, und eines schönen Tages stand er dunkelrot und stotternd vor ihr und teilte ihr mit, daß er jetzt nicht länger schweigen könne, — sie möge ihm antworten, was sie wolle, falls sie ihn aber zurückwiese, so ginge er, weih Gott, vor die Hunde. (Fortsetzung folgt.) Ihr Schicksal. Novelle von H. W a l d e m a r. (Nachdruck verboten.) „Darf ich die Herrschaften! um Ihre Fahrkarten bitten?" Eine junge Dame, die den einen der beiden Fensterplätze inne hatte, sah wie geistesabwesend zu dem uniformierten Manne auf. „Es ist der Kontrolleur", beeilte sich ihr Gegenüber zu sagen, ein dunkelbärtiger Herr in eleganter Reisekleidung. „Ach so!" Damit entnahm sie ihrem Reisetäschchen ein Rundreiseheft und gab es dem Beamten. Kanin hatte dieser einen Blick darauf geworfen, als er ausrief: „Mer Sie siud ja in den falschen Wagen geraten und fahren nach ganz anderer Richtung. Die Frankfurter Wagen sind längst dorthin unterwegs." Einen Augenblick war die Daine verblüfft, dann zuckte sie gleichmütig die Achseln. „Ich komme noch zeitig genug an mein Ziel." „Wenn Sie in Aschaffenburg umsteigen, haben Sie sehr bald wieder Anschluß nach Frankfurt." „Ich danke") erwiderte die Fremde nachlässig und legte sich in das Polster zurück. Ihr Reisegefährte hatte keinen Blick von ihr gewandt. Seit Stunden war er in dem engen Koupee des D-Zuges mit ihr allein, und trotzdem er öfter den Versuch gemacht hatte, sie ins Gespräch zu ziehen, hatte er über sie selbst nichts zu erfahren vermocht. Ihr kapriziöses, südländisches Gesichtchen reizte ihn, vielleicht noch mehr die Art, wie sie ihn anfangs übersehen hatte, daun aber ihren Blick so forschend auf ihm ruhen ließ, als wolle sie ihm bis auf den Grund seiner Seele schauen, und dabei ihm die größte Gnade zu erweisen schien, auf seine sondierenden Bemerkungen einzugehen. Daß sie aus wohlhabendem, ja feinem .Hause stammte, hatte ihm sein erfahrener Blick verraten, auch glaubte er heriaus- geftluden zu habe», daß irgend ein Kummer oder doch eine unangenehme Erinnerung sie bedrückte. Dies Zniermezzo mit dem verwechselten Durchgangs, wagen wollte er benutzen, um sie wieder zum Sprechen anzuregen. Doch ehe er einen richtigen Anknüpfungspunkt gefunden, begann die Reisende von selbst: „Können Sie mir sagen, wann wir ungefähr in Aschaffenburg sein werden?" „Ich will sofort nachsehen —" „O bitte, ich möchte Ihnen keine Mühe verursachen, aber —" „Es verursacht mir keine Mühe, Gnädigste. Ich kann mir denken, daß der Verlust von Stunden Sie unangenehm berührt." „Meinen Sie?" fragte sie spöttisch. „Am Zeitverlust liegt mir nichts, wie ich vorhin schon sagte, ich möchte nur orientiert sein. Ich begreife auch nicht, tote es möglich war — als wäre dies meine erste Reise!" Sie lachte, uno es klang wie ein silbernes Glöckchen, dabei sah sie ihn fast neckisch au. Dann aber mochte ein trüber Gedanke durch ihr schwarzes Köpfchen fliegen, denn sie wurde plötzlich ernst. „So unfreiwillig bm ich allerditrgs noch nie aus dem hohen Norden nach dem Süden gereist." „Hat man Sie dazu veranlaßt?" Ihre vertrauliche Mitteilung entzückte ihn so sehr, daß er es sich nicht überlegte, indiskret zu sein. „'Man' tväre zu viel gesagt. Die Verhältnisse waren stärker als ich Wer trotzdem ich allen Zwang hasse" — ihre Augen sprühten und erschienen fast schwarz — „fügte ich mich, weil — ach, das kajun Sie ja nicht interessieren, mein Herr —" dann lachte sie leise auf und snhr fort: „Dort oben bauen sie Ehrenpforten und planen Festlichkeiten aller Art für ein junges Paar, während eine der Hauptpersonen am entgegengesetzten Ende des Landes weilt und sich königlich freut, der ganzen Geschichte entronnen zu sein. Drollig, nicht wahr, und kaum glaublich, aber dennoch Wahrheit." Sie lachte wieder, doch etwas hart, und um ihren ausdrucksvollen Mund grub sich eine bittere Linie ein, die das pikante Gesichtchen entstellte. „Wenn Sie von sich selbst sprechen, dann ist's allerdings Wahrheit, und zwar eine mich beglückende", erwiderte, er, während sein Blick über sie hinflammte. Sie fing diesen Blick auf. Eine leise Röte verbreitete sich über ihr Antlitz, als sie halb abweisend, halb schmollend sagte: „Komplimente passen gar nicht gut zu Ihnen. Thun Sie mir den Gefallen und stören Sre den Eindruck nicht, den ich von Ihnen während unserer gemeinsamen Reise empfangen, tote soll ich sonst den Mut finden, Sie um Rat und Hilfe zu bitten?" „Wie Sie wünschen, meine Gnädigste, ich stehe gern zur Verfügung. Doch — haben Sie auch geprüft, ob ich,, den Sie ntcht kennen, Ihres Vertrauens wert bin?" fragte er ernsten Tones. „Ich besitze mehr Menschenkeitntnis, als Sie annehmeu, und — verzeihen Sie — die Adresse der Briefschaften, die Sie vorhin lasen, wies einen Namen auf, der für Ihre Gesinnung bürgt." Er verbeugte sich mit einem feinen Lächeln. Sollte er ihr sagen, daß seine Briefe unter der Adresse eines Freundes aitgekommen waren, und ihr damit ihr rührendes, fast kindliches Zutrauen täuschen? Er vermochte es nicht. „Kurz und gut", sagte sie nach kurzem Zögern, „ich muß einen Rat haben, ehe ich weitere Schritte unternehme, und habe niemand, den ich darum augehen könnte, denn — so tote Sie mich hier sehen, bin ich dnrchgebramtt." „Nicht möglich!" rief der Herr und unterdrückte mit Mühe ein Lächeln über ihre wichtige Miene. „Ja, ja, es ist schon so, und Sie sollen auch wissen, warum: weil man mir goldeite Fesseln anlegen will." „Die Sie verschmähen? Recht so. Auch das Weib soll seine Selbstbestintmung für sich in Anspruch nehmen. Was aber kann ich thun, wenn Sie bereits alle Brücken hinter sich abgebrochen haben?" „Sie sollen mir raten, mir sagen, ob ich recht gehandelt, woran ich jetzt manchmal zweifle. Ich hätte „ihn" mir doch erst ansehen müssen, meinen Sie nicht?" „Wenn Ihr Herz frei ist, ja, denn das Ansehen verpflichtete zu nichts." , „O, Sie kennen die Menschen dort tticht —" fiel ste lebhaft ein. „Ich bin Waise und arm, wenigstens im Vergleich zu ihm — Vormund und Schwestern stürmten aus 208 Tas junge Mädchen zog entsetzt ihre Hände zurück. „Sie — kennen mich?" stammelte sie. „Wer — sind — Sie? — Nein, sagen Sie nichts — wo hatte ich nun Betonungsrätsel. (Nachdruck verboten.) Das ist i-J, sprach der Jurist, Der schwer nur zu entscheiden ist. Doch Hoss' ich, daß eS mir gelingt, Wenn mir ein guter — winkt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.t Osterhase. Redaktion: I. v.: R. Dittman«. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm UniversitütS'Buch. und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. sprechen Sie mir —" Ihre Augen standen voller Thränen und herzzerreißend war das Lächeln, das sie auf ihre Lippe,l zwang, als sie zuckenden Mundes entgegnete: „Alles, alles, verspreche ich Ihnen. Seit langer, langer Zeit, fast seit jenem Tage, da „er" die Schuld im Garten auf sich nahm, war niemand so gut zu mir, wie Siel Und doch kenne ich Sie nicht einmal, während die andern —" Sie brach, zusammenschauernd, ab. „Alles?" flüsterte er. „Haben nicht eben erst Ihre Lippen das Anathema über mich geschleudert, Suse von Weyherns Kopfrolle schläft, wie sie auf jedem Paradebett in Schlößern zu sehen und in Ländern nichtdeutscher Sprache ziemlich gebräuchlich ist, dem wird es unmöglich sein, den Unterkiefer beim Liegen so herunterhängen zu lassen, um zu schnarchen. Die Rolle füllt den Hohlraum zwischen. Schultern und Hinterkopf, also unter dem Halse aus und giebt dis einzig richtige Ruhelage, auch, und sogar erst recht für diejenigen, welche gern abwechselnd auf der Seite liegen. Man kann dem Einliegen der Rolle etwas Vorbeugen durch Ueberlage eines dünnen Roßhaarkissens oder dergleichen. Auf meinen vielen Reisen, bei denen mir häufig, besonders im Gebirge, die bedenklichsten Turmbauten durch Kopfkissen geboten werden, schreibt ein Mitarbeiter des „Prakt. Wegweisers", Würzburg, wähle ich das geeignetste, unb mittels zweier doppelter und an einig«» Stellen zum Gegenhalt mit Knoten versehener Bindfaden wird das Usen. oder deren zwei ineinander, zu emer Schlafrolle festgehalten. So bewirken die Federkissen keine unangenehme Hitze. Das gräßliche Keilkissen, welches, wie die vielen Federkissen und Federbetten, «in Zubehör deutscher Sprachgebiete ist, >mrd natürlich entfernt, auch wenn es unter der oberen Matratze liegt. M ’ä* mich ein. Natürlich sollte ich es als unverdientes Glück betrachten, daß er mich heiraten will, den ich seit fünfzehn o.nhren nicht gesehen und der von mir nur ein Bild er- . —. „ .. . halten, das man ihm ohne sein Wissen nach Amerika ge- meine Gedanken, meine .lugen ®i£ feMt smd Harald schickt wo er Güter besitzt. Ich könnte ihn hassen, wenn —" I Trebor, dem lch — zu entrinnen glaubte kein Mensch .Wenn?" forschte ihr Gegenüber gespannt, dessen Augen entgeht, seinem Schicksal! fict ihren lebten Worten seltsam aufgeleuchtet. „So spricht I „Furchten Sie nichts, Suse, ich kenne ja, dank ^hrer Ihr Uz doch FrWTn? Sie »oHen es" schweigen Offenheit Ihre Gefühle für mich!" beschwichtigte er sie. heißen?" Sie sah beschämt vor sich nieder. Sie sah ihn gedankenvoll an. Erst nach einer Weile „Wie konnte ich ahnen - verzeihen Sie, wenn ich Ms antwortete sie: „Ich war etwas über fünf Jahre alt, als verletzt habe, aber — gaben Sie selbst mir nicht recht er der mir damals wie ein Held erschien, mich vor einen vorhin?" emviindlichen Strafe bewahrte. Ich hatte beim tollen Spiel I „Weil ich hoffte — doch wozu Sie damit belästigen? im Garten eines der Rosenbäumchen erfaßt, die mein Vater Wir werden uns nie mehr begegnen, denn ich habe soeben! fast mehr liebte als seine Kinder. Ich fiel und knickte den I beschlossen, nach einigen Wochen wieder nach Südamerika Stamm, denselben mitreißend. Ich ahnte das Unheil erst, zurückzukehren." als mein Vater, der in der Nähe gewesen, voller Zorn „Tas dürfen Sie nicht", rief sw erschreckt, „ich — könnte herbeikam und feinen Stock nach mir erhob - „er" nahm den Gedanken nicht ertragen, schuld zu fein — hie ganze Schuld auf sich und verschaffte meinem Vater j „Und doch muffen Sie sich damit ab finden, oder Ersatz - Sehen Sie, so harmlos und selbstverständlich sich „Nun?" Ihr vertrauensvoller Blick traf den fernen, dies abspielte, bewahrt mich die Dankbarkeit davor, den der sie namenlos verwirrte. , zu hassen, der mir zum Gatten bestimmt ist." „Oder mir folgen als wem Weib Hat der Gedanke „Warum aber", fragte der Fremde nach langer Pause auch jetzt noch, so viel Schreckhaftes für Sie? sichtlich gerührt, „wenn in Ihrer Erinnerung der Mann „Lassen Sie nur Zeit, zu iah traf mich der Wechsel als ein Held lebt, versuchen Sie nicht, ihm gut zu sein?" I der Dinge", bat sie tieferglüh end. cujm nut zu sein?" rief sie erregt. „Glauben Sie ! „Es sei", stimmte Trebor lächelnd zu. „In Fmnkfurt wirklich, daß ein ganzer Mann damit zufrieden sein würde?" — natürlich geleite ich Sie dahin — erwarte ich ment Und wenn er es wäre, mir genügte dies „gut sein" noch Schicksal aus Ihren kleinen Händen. — lange nicht. Der Mann, dem ich mich fürs ganze Leben Vier Wochen später meldeten die Zeitungen die Ver- zu eigen gebe, muß mich heiß und innig lieben, er muß mählung des jungen Paares und dessen Mreise nach Trebors sich ein Dasein ohne mich gar nicht vorstellen können. Und siw amerikanischen Besitzungen. so soll es auch umgekehrt der Fall sein. Ach, nur nichts _ Halbes, feine Lauheit und Gleichgültigkeit in der Ehe, I zwischen Gatten, die sich alles, alles sein sollen! Ich wäre | GemsrNNÜtzrZSS. niemals imstande, eine Konvenienzheirat einzugeheik. I .. fmft man „Warum blieben Sie nicht dort und sagten ihm ehrlich, I Schnarchen. Wenn die Tatsache feststeht daß man mag Sie denken io wie Sie es jetzt aethan?" j nicht schnarcht, Wenn man den Mund geschlossen hat, .w. eu Mn« E 5GMÖ iSWM» “Bs” wielch^TgeNz!^ überhan^^^^^^ ul^erW danken'" schloß sie leidenschaftlich, während, ihr selbst un- entgegengesetzter Kopflage gegen die Brust Megenipum dm.'«-- auf »-M Reisegefährten ruhte. „Kehren Sie um", sagte dieser ernst und eindringlich, „versuchen Sie die Situation mit Ruhe zu erfassen und sich selbst klar zu werden. Der Mann, von dem Sie sprechen, wird Sie zu hoch achten, als daß er Sie gegen Ihren Willen zu seinem Weibe machte. Er wird auch die Seele seines Weibes besitzen wollen. Ich bin überzeugt, es kostet Sie nur ein Wort, um ihn zurücktreten und auch diesmal alle Schuld auf sich nehmen zu lassen, damit Sie vor Unannehmlichkeiten bewahrt bleiben. Aber dies Wort müssen Sie selbst sprechen, soll es den gewünschten Erfolg haben." „Das habe ich mir selbst unzählige Male gesagt, zumal ich begründete Ursache habe, anzunehmen, daß man dort diese Verbindung mehr wünscht, als es von seiner Seite geschieht. Und gerade dies demütigende Bewußtsein, feil- geboten zu werden dem Meistbietenden, trieb mich unaufhaltsam fort. „Ach", rief sie und schlug beide Hände vor das Gesicht, „nicht mal den Glauben an die Menschen haben sie mir gelassen. Wäre es nicht besser, solchem Dasein ein Ende zu bereiten?" „Da fei Gott vor, gnädiges Fräulein!" rief der Fremde erschreckt, nahm sanft ihre Hände und zog sie herab. „Ver-