Samstag den 8. November. Nr. 166. 1902. MU n uWiW NMÄBÄa» >5£d SC£=- (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Ms Georg nach Hause kam, fand' er seine Schwester !eingeschlummert. Tie Müdigkeit hatte über ihren Kummer den Sieg davongetragen. Tie Materie hatte den Geist unterjocht. Ten andern Tag hatte das Fieber etwas nachgelassen, und er konnte sich mit ihr etwas unterhalten. Er teilte ihr die Absicht der Gräfin mit, verschwieg ihr aber selbstredend die Motive, die sie zu diesem Entschluß getrieben. „Sie hat lange gebraucht, sich zu entschließen", war Berthas erste Antwort. „Sie hatte immer noch geglaubt, Franz würde freigesprochen werden, und daher fand sie es unnötig, sich zu kompromittieren. Heute liegt der Fall anders. Sie läßt es nicht zu, daß Tu ihre Stelle einnimmst und Tich für sie ins Verderben stürzest." „Gut, gut, — is ist schon gut", antwortete sie kält. „Von dem Augenblick an, da er gerettet ist--" „Es scheint mir", nahm er in vorwurfsvollem Tone das Gespräch wieder auf, „daß Tu Tich etwas glücklicher zeigen könntest." „Warum das? Weil er etwa durch sie gerettet wird Und nicht durch mich,? Nun denn: nein. Ich hätte vorgezogen . . ." Sie brach kurz ab und wägte nicht zu vollenden. Wer seit einiger Zeit begann sich der Verdacht und die Ahnung ihres Bruders, die ihm schon oft in den Sinn gekommen waren, zu bestätigen. Jetzt erst begriff er seine Schwester. Was er bisher nur für Zuneigung, für rein geschwisterliche Liebe gehalten hatte, war eine wahrhafte, echte Liebe. Vielleicht hätte er es früher erraten können. Aber diese Liebe hatte sich so langsam, so stillschweigend entwickelt und war nach und nach erst gewachsen, daß er sie hatte weder entstehen noch sich entwickeln gesehen. „Tu liebst ihn also sehr?" fragte er sie. „Ja, sehr." „Bloß wie einen Jugendfreund, wie einen Bruder?" „Ich weiß es nicht, — frage mich nicht", erwiderte sie unter zartem Erröten, indem sie sich von ihm entfernte. Er ging ihr nach, ergriff ihre Hände und sagte sanft Au ihr: „Bertha, Kind. — Tu bist mehr meine Tochter, als Tu meine Schwester bist. Unsere Mutter hat mich auf ihrem Dotenlager beauftragt, über Tich zu wachen, als wenn sie über Tich gewacht hätte. Ich habe das Recht, Kind, Tich um Deine Geheimnisse zu befragen, und Du hast die Wicht, sie mir zu bekennen." „Was für Geheimnisse?" „Tas Geheimnis Deines Herzens. . . Gehört es Dip nicht mehr an?" Sie legte ihr Köpfchen an die Schulter ihres BruderH und antwortete auf dessen Frage nur ein Wort, — e,in ehn? ziges nur: „Wei Ti!" Ties Wort hätte genügt, ihn äufzuklären, wenn eü nicht schon durch ihre That aufgeklärt worden wäre und besonders durch das Bedauern, das Bertha keineswegs zu verbergen suchte, jenem, den sie liebte, nicht selbst alles opfern zu können, — sich ihm nicht vollkommen weihen! zu dürfen. 60! Kapitel. i Wenn die Gräfin Dorvukoff in den Augen Berthas zu lange gezögert hätte, ihre Geständnisse zu machen, foi zeigte sie doch an dem Tage, da sie ihren Entschluß ge<- saßt hätte, nicht mehr das mindeste Zögern. Gleich au dem der Gerichtsverhandlung folgenden Tage zog sie all« Möglichen Erkundigungen ein, um mit Erfolg und' rasch vorgehen zu können. Tie Auskünfte, die sie von ihren! Freunden erhielt, hätte sie auch im Strafgesetzbuch finden! können. Es sieht zwar nicht jeden möglichen einzelnen! Fall voraus, — denn die Anzahl der verschiedensten MLW lichkeiten wäre eine zu große, — aber doch alle gewöhnlichen Fälle. In einem Paragraph des neuesten Gesetze buches beschäftigt sich dasselbe mit neuen Vorkommnissen, mit Zeugenaussagen solcher Natur, daß sie neue, für die, Entdeckung der Wahrheit wichtige Enthüllungen in sich schließen, — und befiehlt aus diese hin, daß der Gerichts^ Hof, das heißt der Präsident in diesem Kriminalfalle, einen! neuen Richter zu ernennen hat, vor dem sich eine neue Untersuchung zu entwickeln hat. Aber nichts verhindert, daß! diese zweite Untersuchung anch wieder demselben Richter übergeben werde, dem auch die erste anvertraut Mordest war. Wer sie ist ganz, unabhängig von der anderen. Sie, kann in ganz anderer Weise geführt und geleitet werden! und auch oft zu einem gan zianderen Resultate gelangen), z. B- gerade zu dem entgegengesetzten. Zu dieser zweiten Untersuchung wurde derselbe Unter-i suchuntzsrichter, Landgerichtsrat Klinger, bestimmt. Man dachte, daß er bei seiner Kenntnis des Falles rasche« zu einem Endergebnis käme, — da dasselbe schon sämtzi liche Tagesblätter so laut als möglich forderten Tie Gräfin erfuhr die Wahl, die der Gerichtshof 6^ troffen hätte, am Samstagabend. Gleich den daruffolgen-t den Morgen begab sie sich zu Landgerichtsrat Klinger in dessen Privatwohnung. Sobald er ihren Namen erfahrest hatte, beeilte er sich, sie zu empfangen. „Mein Herr", begann sie die Unterhaltung. „JchhäbH Ihnen in der Angelegenheit, die Sie schon so lange beschaff tigt hat, und die Ihnen aufs neue übertragen wurde, Enthüllungen von großer Wichtigkeit zu machen. Wer ich wünsche diese Aufklärungen dem Herrn Kl.inger zu gebens 662 der, tote man mir von allen Seiten versichert, ein Mann von Welt und von Galanterie sein soll, — und nicht dem Untersuchungsrichter." „Tann, gnädige Frau", gab er zur Antwort, „muß ich bedauern, Sie nicht anhören zu können, und muß ich Sie bitten, mir nichts zu sagen. Eine Amtsperson ist kein Beichtvater, der Geheimnisse entgegennimmt, um sie hinterher wieder zu vergessen. Wir müssen uns im Gegenteil, trotz aller Bitten und Gewissensbisse, alle die vertraulichen Mitteilungen, die uns gemacht werden, ins Gedächtnis rufen und aus ihnen jedmöglichen Nutzen ziehen. Tie Liebe zur Wahrheit, nach der wir suchen, um den Angeklagten oder die Gesellschaft reinzuwaschen, spricht uns von vornherein von dem Begehen einer Indiskretion frei." „Sonach also müßte ich das, was ich Ihnen heute hier in Ihrer Wohnung willens bin zu sagen, morgen im Justizpalast, in Ihrer Kanzlei in Gegenwart mehrerer Zeugen sagen Und wiederholen?" „Leider, Frau Gräfin, sofern ich es für nötig erachte, nachdem ich Sie gehört habe, Sie als Zeugin vorzuschlagen." „So sei es denn, Herr Landgerichtsrat", rief sie entschlossen. „Ich nehme alle Folgen dieses Schrittes auf mich. Ich werde mir nur Mühe geben. Ihnen zu beweisen, daß meine Zeugenschaft vor Gericht nicht unerläßlich notwendig ist." „Ich werde mir Mühe geben, Frau Gräfin, mich überzeugen zu lassen." „Ich danke. Ich gehe direkt auf das Ziel los, um Ihre kostbare Zeit nicht zu lange in Anspruch zu nehmen und Ihnen wenigstens einen Teil Ihres Sonntags zu lassen", fügte sie mit ihrem verführerischsten Lächeln hinzu. „Ein Sitzungszwischenfall — so nennt man es doch, glaube ich^ — hat an jenem Tage, da über den Fall von Sempach verhandelt wurde, die Sitzung unterbrochen. Ein junges Mädchen, eine gewisse Bertha Rakenius, hatte sich erhoben, um zu versichern, der Angeklagte hätte jenen gewissen, vielbesprochenen Abend in ihrer Gegenwart verlebt, also jenen ganzen Abend, dessen Verwertung man schon so lange bemüht gewesen war, zu entdecken. Nun, mein Herr, ich bin in der Lage, zu beweisen, daß Fräulein Rakenius, bloß um ihren Jugendfreund, um ihren Bruder, tote sie ihn zu nennen pflegt, zu retten, das Gericht getäuscht hat." „Gestatten Sie, gnädige Frau, daß ich daran zweifle." „Erlauben Sie mein Herr", nahm sie ihr Gespräch wieder von neuem auf, immer mit ihrem verführerischsten und lieblichsten Lächeln, um das leichter herauszubringen, was sie gestehen wollte, und um dies heikle Thema durch die Form in etwas gut zu machen. „Sie zweifeln ans dem Grunde, weil Ihnen der Gedanke angenehm ist, sich in Ihrem Urteil über Herrn von Sempach nicht getäuscht zu haben, und Sie bei der Ansicht verbleiben, daß er schuldig sei. Er ist es aber nicht. Fräulein Rakenius wird trotz ihres guten Willens, trotz ihres festen Entschlusses, Sie zu belügen, niemals beweisen können, daß sie sich an jedem Abend des Werbrechens in Gesellschaft des Herrn von Sempach befunden habe. Aber eine andere Person kann den Beweis bringen, daß er mit dieser beisammen gewesen war." „Welche andere Person?" „Ich, mein Herr", gestand sie oljite Zaudern. „Sie, Frau Gräfin?" „Ja, ich selbst. Tas Geständnis ist peinlich, das werden Sie mir zugeben, und wenn ich mich endlich entschließe, es zu 11)1111,, so können Sie mir wohl glauben." „Nein, gnädige Frau, gestatten Sie mir, daß ich daran keineswegs glaube, ehe Sie mir nicht Beweise für Ihre Aussagen bringen kömtett. Sie selbst geben ja zu, daß Fräulein, Rakenius die Gerichte aus Zuneigung und geschwisterlicher Opferliebe zu täuschen sucht. Warum sollten Sie nicht aus irgend einem ähnlichen denselben Versuch machen wollen, nicht dieselbe Lüge, fromme Lüge ersinnen?" , „Weil ich Gräfin Toroukoff heiße, weil mir mein Name, mein Rang hohe Pflichten auferlegen, weil ich einen Gatten besitze, der die höchsten Verbindungen unterhält, und den Ruf einer Frau, die niemals vom Wege abgeirrt war. Man pflegt nicht dies alles, die ganze Welt und sich selbst ohne die schwerwiegendsten Gründe zu opfern." „Ober infolge mächtiger Gefühle, die alles beherrschen, die alles vergessen lassen." Sie sann einen Augenblick nach und fragte dann mit einem Male: „Also diese moralischen Belege genügen Ihnen nicht?" „Sie hätten mir vielleicht etwas früher genügt, Frau Gräfin, können es aber heute nicht mehr, insbesondere nach den Erklärungen von Fräulein Rakenius." „Wenn diese junge Tame nächstens, vermutlich schon morgen, vor Ihnen erscheinen muß, daun werden Sie gewiß an sie zuerst die Frage richten: „Wo, an welchem Ort haben Sie sich mit Herrn von Sempach befunden?" „Gewiß. Tiefe Frage ist wesentlich." „Sie wird Ihnen ohne jede Schwierigkeit antworten. Tenti sie weiß bereits sehr viele Einzelheiten. Sie wird Ihnen sagen, daß sie sich in einem Hause, einer kleinen Billa in Friedenau, in der Peter Vischerstraße befunden hätten. Haben Sie aber dann die Freundlichkeit, mein Herr, ihr zu befehlen, das Innere, die Einrichtung des! Hauses $u beschreiben. Sie wird dazu nicht im ftanbe sein, — tch aber kann es thun. Sie werben den Auftrag erhalten, sich an Ort und Stelle zu begeben, unb Sie werben bas Interieur so finben, wie ich Ihnen basselbe mit seinen kleinsten Details beschrieben haben werde. Außerdem ist es unmöglich, daß Ihnen gewisse Details entgehen könnten. Fräulein Rakenius zum Beispiel ist brünett. Ich bin blond, stark blond sogar, und Sie werden mit Leichtigkeit auf den ersten Blick merken, daß die Villa nicht möbliert, tapeziert und ausgestattet worden war, um eine brünette, sondern um eine blonde zur Geltung zu bringen und deren Schönheit zu heben. Es ist dies zwar eine ganz weibliche Nebensächlichkeit, aber einem Lebemann, einem so feinen Beobachter wie Sie wird die Wichtigkeit derselben sofort ins Auge fallen. Tann werden Sie sich auch weiter gestehen, daß dieses Haus, so klein es auch ist, im Innern mit der raffiniertesten Koketterie ausgestattet ist, die nur eine an Luxus gewöhnte Frau von gewisser hoher, gesellschaftlicher Stellung richtig zu würdigen versteht, und ein so junges Mädchen mit so einfacher Erziehung wie Fräulein Rakenius nur befangen gemacht und geängstigt hätte. Und endlich noch, mein Herr, wenn ich auch mehrere Monate hindurch jener Person, die das Haus und die Bedienung zu besorget» hatte, niemals begegnete, so können wir doch überzeugt sein, daß sie wiederholt versucht haben wird, mich zu sehen und mich auch wirklich gesehen hat, — mich sogar vielleicht erkennen würde, wenn man sie mir gegenüber» stellte." „Tas, Frau Gräfin, würde mir allerdings genügen, mich zu überzeugen, daß uns Fräulein Rakenius täuschen und Ihre Stelle einnehmen will. Mer trotzdem würde immer noch nichts beweisen, daß Sie mit Herrn von Sempach daselbst den ganzen Abend des Verbrechens zugebracht haben. Und das ist der einzige Punkt — ich erlaube es mir Ihnen zu bemerken — auf den es in diesem Falle ankommt. Hat man Sie beide etwa zu der Zeit, während welcher es notwendig gelvesen wäre, gesehen?" „Ich habe allen Grund, es zu hoffen. Ich erinnere mich noch sehr gut, daß an jenem Abend — — denn alles^ was sich auf jenen letzten Abend bezieht, den ich mit Herrn von Sempach verlebt, ist mir noch sehr deutlich im Gedächtnis, — — ich erinnere mich also, daß ich im Erdgeschoß ein Geräusch vernommen habe, als wir uns gerade tn den oberen Zimmern befunden haben. Es war ganz entschieden jene Aufwartefrau, die sich an jenem Abend später als gewöhnlich zurückgezogen haben mußte." Sie unterbrach sich und blickte dem Landgerichtsrat in die Augen. „Glauben Sie nun, mein Herr, daß sich alle vorhin entwickelten moralischen Belege, deren Wichtigkeit Sie an- gehen, auch auf genügend materielle Beweise stützen?" „Ich glaube es jetzt, gnädige Frau, ich bin aber verpflichtet, Ihnen gleichzeitig zu gestehen, daß ich Ihre Zeugenaussage nicht umgehen kann und ich genötigt sein werde, Sie offiziell bei mir vorzuladen." „Ich glaube nicht, daß Sie dazu gezwungen sein werden, Herr Rat. Ich will versuchen, wie ich Sie schon gleich anfangs darauf borbereitet habe. Ihnen letzteres zu beweisen." „Gnädigste, ich bin ganz Ohr." „Wenn Ihnen nach jeder Richtung hin bewiesen ist, daß sich Herr von Sempach damals in Friedenau befand, stürzen alle gegen ihn gesammelten Beweise, die seine Anwesenheit in der Augsburgerstraße darthun sollten, in sich zusammen. Er ist nicht mehr schuldig; und doch, ein Schuldiger muß existieren. Sind Sie im stände, diesen zu entdecken, dann ist 663 das Erscheinen von nur, sowie von Fräulein Rakenius, sind alle unsere weiteren ErMrungen überflüssig. Ihre Untersuchung verfolgt einen neuen Weg, nimmt eine neue Form an; Sie hören auf, sich mit Herrn von Sempach zu beschäftigen, sondern haben nur mehr den neuen Angeklagten im Auge." „Ich habe ihn, ich habe ihn!" rief er lächelnd. „Tas heißt: ich habe ihn nicht!" „Wollen Sie mir erlauben, ihn mit Ihrer Unterstützung zu entdecken?" „Mit größtem Vergnügen, Frau Gräfin. Ich setze darin keine persönliche Eitelkeit. Ich forsche nur nach der Wahrheit, und es wäre mehr als thöricht, es auszuschlagen, dieselbe mit Ihrer Hilfe zu suchen." „Besonders an einem Sonntage", bemerkte sie mit feiner Koketterie. 61. Kapitel. Bequem in einen Stuhl geworfen, den Oberkörper etwas zurückgelehnt, befand sich die Gräfin Olga Dorouroff in so behaglicher Stimmung, daß es den Anschein hatte, als vb sie den Landgerichtsrat in ihrem eigenen Salon empfinge, nicht von ihm in dem seinigen empfangen wurde. „Ehe wir den Schuldigen suchen", nahm sie den Faden in vergnügterem Tone wieoer auf, „ist es von Notwendigkeit, Herr Landgerichtsrat, die Nichtigkeit der Hauptbelastf- ungspunkte Herrn von Sempachs nachzuweisen." „Thun Sie es, gnädige Frau", erwiderte er, ihr zu- lächelud, wie sie es that. „Diese Aufgabe würde vielleicht meine Kräfte übersteigen." Er stand bereits ganz im Banne dieser entzückenden Frau, die von unwiderstehlicher Verführungskunst war, wenn sie eben jemand verführen und bezaubern wollte. Dann muß man auch zugeben, daß jene Geständnisse, die sie ihm eben offenbart hatte, jene Frau ihm etwas näher brachten. Sie stand nicht mehr auf einem Piedestal, auf einem unnahbaren Throne, in einer Nische gleich einer Heiligen. Man konnte ihr voll in die Augen blicken, ohne gezwungen zu sein, die Augen zum Himmel zu erheben. Aber trotzdem wagte er sich auf jene feine Grenze, wo man, ohne gerade eine direkte Hoffnung zu haben, doch immer noch einen ganz schüchternen, ganz schwachen Hosfnungs- schimmer hegt. Jede Unmöglichkeit verschwindet in jenem Augenblick, da die Heilige zum Menschen wird, und da jener, der tags zuvor nichts anderes als ein bloßer Anbeter gewesen wäre, mit dem Gedanken umgeht, zum Bevorzugten vorzurücken. Als hätte sie seinen Jdeengang erraten, machte ihm die Gräfin sofort ein neues Geständnis, das ihn in seinen Hoffnungen, wenn er solche hätte hegen dürfen, unbedingt ermutigt hätte. „Ich werde also mit Erlaubnis des Architekten das Bauwerk Niederreißen", setzte sie das Gespräch fort. „Tie Anklage macht Herrn von Sempach seine heftige Erregung, seinen langen nächtlichen Spaziergang, ehe er sich zu Bette legte, zum .Borwurf. Sre schreiben diese fieberhafte Erregung seinen Gewissensbissen und Selbstvorwürfen zu; "un denn, mein Herr, ich allein war die Veranlassung dazu." „Sie, meine Gnädige?" „Mem Gott, ja; aber da sehe ich mich gleich wieder zu neuen delikaten Geständnissen genötigt. Ich liebte Herrn von Sempach gar nicht. Golt, ich bitte Sie: man glaubt zuerst an eine wirkliche, tiefe Neigung, und bald darauf wird man von selbst gewahr, daß das Herz ganz von alleine abstirbt, wie eben alles hier auf Erden, vielleicht um wieder neu zu erstehen, aber dann jedenfalls — später. An jenem letzten Abend, da ich mit Herrn von Sempach zusammengewesen war, konnte ich ihm, wenn auch nicht gerade das vollkommene Abgestorbensein, so doch die Agonie meiner Zuneigung nicht mehr verbergen. Daher seine Trauer, sein Kummer, seine nervöse Aufregung. Scheint Ihnen dies nicht ganz einleuchtend?" „Ja, diese Aufklärung ließe sich auf diese Weise allerdings begründen!" „Eine andere überwältigende Anklage gegen ihn ist folgende: Als er nach Hause zurückkehrte, hatte er eine Verwundung am Finger, und sofort wurde daraus geschlossen, daß es der Dolch der Frau von Sanden gewesen sein mußte, der diese Verwundung beigebracht hatte. Wieder ein schwerer Irrtum! Er hatte sich ganz einfach an der Brosche geritzt, die ich an jenem Abende trug und die ich, auch heute noch trage." (Fortsetzung foIoM Aussteller und Ausstattung. Es ist eine uralte durch die Zeit geheiligte Sitte, daß der Vater der Tochter, wenn sie zur Ehe schreitet, die zur Einrichtung des Haushaltes nötigen Gegenstände, die sogenannte Aussteuer, mitgiebt. In manchen Familien geht mau noch weit über diese Sitte hinaus, und verschafft der jungen Ehe durch Gewährung weiterer Mittel auch eine sichere wirtschaftliche Grundlage. Die tägliche Erfahrung lehrt nämlich, daß das Glück der Ehe durch wirtschaftliche Sorgen wesentlich beeinträchtigt wird. Wer in viele Ehen hineinzuseben Gelegenheit hat, wird finden, daß wirtschaftliche Bedrängnis entweder den einzigen Grund oder doch die erste Veranlassung zu Zerwürfnissen bildet. Unsere jüdischen Mitbürger geben uns nach dieser Richtung ein gutes Beispiel. Jüdische Eltern geben in die junge Ehe ansehnliche Summen, während christliche Schwiegereltern oft infolge eines vielfach ungerechtfertigten Mißtrauens gegen den Schwiegersohn mit ihren Mitteln zurückhalten. Tast jüdische Eltern z. B. die Hälfte ihres Vermögens der Tochter mitgeben, damit der Schwiegersohn eine Fabrik, die er mit feinen Geschwistern gemeinsam besaß, allein erwerben kann, gehört nicht zu den Seltenheiten. Wenn jüdische Eheleute wirtschaftlich vorwärts kommen, so hat dies feinen Grund nicht zum Geringsten darin, daß die junge Ehe von vornherein auf , eine sichere wirtschaftliche Grundlage gestellt wird. Ms zum 1. Januar 1900 hatte im französischen Rechtsgebiete die Tochter bezw. der Schwiegersohn keinen rechtlichen Anspruch auf eine Aussteuer oder auf Gewährung weiter- gehender Mittel. Selbst die mündliche oder sogar schriftliche Zusage einer Aussteuer, eines jährlichen Zuschusses usw. begründete keine rechtliche Verpflichtung der Schwiegereltern. Mancher Schwiegersohn, der auf Grund einer schriftlichen Zusage Klage gegen die Schwiegereltern erhoben hatte, hat eine Abweisung der Klage erfahren, Tas französische Recht behandelte die Gewährung einer Aussteuer, eines Zuschusses usw. als Schenkung und gewährte einen Rechtsanspruch und ein Klagerecht nur, wenn die Zusage notariell beurkundet war. Mit diesen Grundsätzen hat das Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich gebrochen. Es unterscheidet Aussteuer und Ausstattung. Unter Ausstattung versteht das Gesetz dasjenige, was einem Kinde mit Rücksicht auf feine Verheiratung oder mit Rücksicht auf die Erlangung einer selbstständigen Lebensstellung zur Begründung oder Erhaltung der Wirtschaft oder Lebensstellung von dem Vater oder der Mutter zugewendet wird. Richtet z. B. ein Vater seinem Sohne, der ein kaufmännisches Geschäft gelernt hat, ein Geschäft ein oder giebt der Vater einem Sohne, der bisher Direktor einer Brauerei war, die Mittel zum Ankäufe einer eigenen Brauerei, so ist sowohl die Einrichtung des Geschäftes, wie die Geldsumme als Ausstattung cmzu- sehen. Tie Aussteuer ist eine Unterart der Ausstattung. Aussteuer sind die Gegenstände, deren eine Frau aus Anlaß ihrer Verheiratung zur Einrichtung des Haushalts bedarf. Ws Aussteuer ift änzusetzWp was der Vater bei der Verheiratung der Tochter an Wäsche, ttict- der», Möbel usw. mitgiebt. Kapitalien und Grundstücke, die neben der Hauseinrichtung der Tochter übertragen werden, sowie jährliche Zuschüsse, fallen nicht unter die Aussteuer. Ein Kind hat keinen klagbaren Anspruch auf Gewährung einer Ausstattung, dagegen ist der Vater gesetzlich verpflichtet, seiner Tochter eine angemessene Aussteuer zu gewähren, soweit er hierzu im stände ist, es sei denn, daß die Tochter ein zur Beschaffung der Aussteuer ausreichendes eigenes Vermögen hat. Tie Mutter hat die Verpflichtung zur Aussteuer, wenn der Vater zur Gewährung der Aussteuer außer stände ist, oder wenn er gestorben ist. Tie Eltern können aber die Aussteuer verweigern, wenn sich die Tochter ohne die erforderliche elterliche Einwilligung verheiratet oder wenn sie sich einer Verfehlung schuldig gemacht hat, die die Eltern berechtigt, ihr den Pflichtteil zu entziehen. Die Tochter kann eine Aussteuer nicht verlangen, wenn sie von den Eltern für eine frühere Ehe eine Aussteuer schon erhalten hat. Der Anspruch auf die Aussteuer ist nicht übertragbar und verjährt in einem Jahre nach Eingehung der Ehe. Kann nun die Tochter nur verlangen, daß ihr die zur Aus» steuer aebörenden Gegenstände aeaeben werden oder kann 664 «e auch statt der Gegenstände den entsprechenden Geldbetrag fordern? Kann nur die Tochter oder auch der Schwiegersohn den Anspruch auf Aussteuer geltend machen? Mit diesen Fragen hat sich in letzter Zeit das Oberlandesgericht Köln besaßt. (Rhein. Archiv, Band 98, Abt. 1, S. 120.) Ein Vater hatte seiner sich verheiratenden Tochter die Aussteuer verweigert und war daraufhin der Verkehr mit dem Vater abgebrochen, und die Aussteuer von den Eheleuten nach und nach selbst angeschafft worden. Dann klagte der Ehemann gegen den Schwiegervater auf Zahlung eines dem Werte einer angemessenen Aussteuer entsprechenden Geldbetrages. Der Beklagte war nur bereit, die einzelnen zur Aussteuer gehörenden Gegenstände zu leisten, und setzte der Klage auch noch den Einwand entgegen, daß nur die Tochter und nicht auch der Schwiegersohn zur Anstrengung der Klage berechtigt sei. Das Oberlandesgericht erkannte, daß die Aussteuer sowohl in den einzelnen zur Einrichtung des Hauswesens nötigen Gegenständen wie auch in Geld bestehen könne, und daß es von den Umstanden des einzelnen Falles abhänge, ob die Aussteuer in der einen oder anderen Art gefordert werden könne. Ob nur die Tochter oder auch der Schwiegersohn zur Klage berechtigt sei, bestimme sich lediglich nach den güterrechtlichen Verhältnissen der Ehegatten. Sind die Eheleute ohne Errichtung eines Ehevertrages zur Ehe geschritten, und gilt deshalb zwischen ihnen das gesetzliche Güterrecht (die sog. Verwaltungsgemeinschaft), so ist nach der Ansicht des Oberlandes--« gerichts auch der Ehemann zur Klage berechtigt. Näher interessieren noch die Ausführungen des Gerichtshofes, unter welchen Voraussetzungen die Tochter statt der einzelnen Gegenstände eine Aussteuer in Geld fordern kann. An sich hat der Vater bezw. die Mutter als Schuldner die Wahl, in welcher Weise sie ihrer Verpflichtung zur Gewährung der Aussteuer nachkommen wollen. Dieses Wahlrecht ist aber kein unbeschränktes, die Eltern müssen vielmehr ihr Wahlrecht so ausüben, wie Treu und Glauben und die Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern. Treue und Glauben sowie die Berücksichtigung der Verkehrsfitte veranlaßten das Oberlandesgericht, dem Kläger eine Aussteuer in Geld zuzusprechen. Ter Vater hat, so führt der Gerichtshof aus, innerhalb vernünftiger Grenzen auch die persönlichen Ansichten und Neigungen seiner Tochter zu berücksichtigen; eine solche Berücksichtigung ist aber nicht möglich, da der Verkehr zwischen den Parteien abgebrochen war. Da die Eheleute bereits eine Aussteuer besaßen, so würde ferner eine zweite Aussteuer nur als Chikane wirken. Der Vater hat endlich auch nichts vorgebracht, was die Leistung der einzelnen Gegenstände statt des Geldes rechtfertigen könnte. Da er weder Fabrikant noch Händler von Möbeln, Wäschegegenständen usw. ist, auch nrcht erklärt hat, daß er die Aussteuer aus der eigenen Hauseinrichtung geben wolle, so hätte der Vater zur Beschaffung der Aussteuer Geld aufwenden müssen und er ist demnach auch nicht beschwert, wenn er den aufzuwendenden Geldbetrag unmittelbar der Tochter zuwendet. Dieser Entscheidung, die im hohen Grade der Billigkeit entiv^ch' kann nur beiaevilicktet werden, Ta die «w*-- bie Wahl '• «*.„ h» mwäln n wollen "sie hierbei in der R> -...u folgen werden, so wird . getpöhnetch Aussteuer nicht m Geld, sondern durch Leistung der einzelnen dazu gehörenden Gegenstände gewährt werden. Nur wenn besondere Umstände dies rechtfertigen, werben die Eltern verpflichtet sein, statt der Gegenstände Geld zu geben., („Köln, ata ") Verinkschtes. Träume als Krankheitsboten. Daß Träume einen Mert für die Feststellung von Krankheiten haben, wird von N. V a s ch t d e und H. P i e r o n vom Pariser Institut durch eine Reihe von Thatsachen, die sie gesammelt haben, belegt. Sie gehen von dem Gedanken aus, daß der Geist im Schlaf die äußere Welt verläßt und sich den inneren Vorgängen zuwendet. Während wir wachen, herrschen die äußerlichen Empfindungen vor. Tas Gehirn ist mit dem, was außerhalb des Körpers vorgeht, beschäftigt, und, wenn von inneren Quellen nicht dringliche Rufe kommen, achtet es nicht daraus, was im Innern vorgeht. Ueberkommr uns der Schlaf, so ist es Umgekehrt, die innerlichen organischen Empfindungen herrschen vor, Unit beschäftigen den Geist ausschließlich, wenn nicht äußere. Anforderungen nachdrücklich bemerkbar gemacht werden.. Aus diesem Grunde kann eine im Laufe des Tages begonnene Schlußfolgerung oder ein für die wachen Stunden zu verwickeltes Problem im Schlaf zu einem erfolgreichen Ergebnis gebracht werden. Das Gehirn wird nicht durchs Unterbrechung gestört. Es giebt, schreibt eine englische Zeitschrift, hauptsächlich drer Arten Träume; die ersten enthüllen das Temperament des Träumers; die zweiten verkünden Krankheiten voraus, und die dritten sind Krank-, heitssymptome. Sanguiniker träumen über Lieder, Tänze, Feste, Lustbarkeiten, Kämpfe, Spiele; Melancholiker träumen im allgemeinen von Geistern, Einsamkeit, Tod; Phlegmatiker von weißen Gespenstern, Wasser, feuchten Orten,; und Gallenleidende von dunklen Körpern, Ermordungen,; Brandstiftungen und dergleichen. Heitere Träume bedeuten gesunde Zustände, ruhige Träume sind günstig. Träume von Bädern oder von kaltem Wasser prophezeien kritischen Schweiß. Träume von heftigen Schmerzen sind, wenn sie nicht die Folge von äußeren Ursachen sind, Zeichen von Verletzungen, Entzündungen oder Brand in irgend einer Form. Berge in sähen Abgründen, oder unentwirrbare Wälder in Träumen bedeuten oft eine Erkrankung der Leber. Feuer ist das böse Omen der Anämie. Aengstlich- keit in den Träumen ist ein Zeichen von Herzleiden^ Träume von Ueberanstrengung und Erschöpfung bezeichnen Hysterie, Träume von Geschmacksgenüssen — Verdauungsleiden. Erschreckende Träume und schreckliche Bilder zeigen gastrische Affektionen an. Furcht und Angst deuten auf schlechte Blutzirkulation. Alpdrücken mit abstoßenden Tieren wie Ratten, Schlangen und Reptilien bezeichnen Leiden infolge von Alkoholismus. Auch dem Asthma geht Alpdrücken voraus. Kurze schreckliche Träume in der Art des; Alpdrückens prophezeien gewisse Herzstörungen. Wirkliche. Romane, die sich manchmal von einer Nacht zur anderen fortsetzen, sind charakteristisch für Leute, die an Hysterie, leiden. Kinder von Alkoholikern sehen in ihren Träumen häufig Tiere wie Katzen, Hunde, Pferde, Löwen oder ander« schreckliche Raubtiere, gewöhnlich aber die Tierart, die ihnen am vertrautesten ist. Wenn sich Träume mehrere Nächte hintereinander wiederholen, so rst das ein sicheres Zeichen körperlicher Störungen. Der Kollege. Schauspieler: „Ich begreife nicht, warum mein Kollege Ruhmsky immer so gute Kritiken in den Zeitungen bekommt?" Freund: „Hm, vielleicht spielt er gut?" Schauspieleri „Tas kann sein; daran hab' ich noch nie gedacht!" । Schachaufgabe. Von E. Ferber in Vic. 5 4 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 3 2 1 (Nachdruck Verb"' b c h Weiß. Weiß zieht an und setzt in zwei Zügen matt. (10 + 7) (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: Burgunder, (a Bernburg, b Bern, c Hund, d Harm, e Arm, f er.) Redaktion: Curt Plato.— Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.