Mittwoch den 8. Mtofirr. ST 1902. — Nr. 149. litfeMeiP-UJ • rSdöSSwÄJ < ii b’KlSO «WMMl^WW»N« TO™ AWm ZUH odrhiirnil (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. R e v e l- (Fortsetzung.) Georg fragte sie mit gepreßter Stimme: „Ta Sie ihn nicht mehr Wiedersehen wollten, warum sind Sie den anderen Tag doch wieder hingegangen?" Ohne sich über diese Frage zu wundern, antwortete sie ohne Zögern: „Er hatte so inständig darum gebeten; er wollte noch einige Tage Frist von mir erlangen.— eine Bedenkzeit— wie er sich ausdrückte, um sich allmählich an unsere Trennung zu gewöhnen." Georg trat auf sie zu und fragte sie plötzlich: „Sie liebten ihn also nicht mehr?" „Nein", antwortete sie, ohne sich zu bedenken; dann fügte sie leiser hinzu, als ob sie zu sich selber spräche: „Ich glaube, ich habe ihn nie geliebt." Da er sie verwundert ansah, fuhr sie fort, sich ereifernd und nervös im Zimmer auf und nieder gehend: „Das erscheint Ihnen sonderbar. Sie fragen sich jedenfalls, wie ich — ich! — ihm hatte gestatten können, mich zu lieben — und wie ich so handeln konnte, als ob ich ihn liebte, ohne dafür eine heftige, unbesiegbare Leidenschaft als Entschuldigung zu haben. — Ah, das kommt daher, weil Sie mich nicht kennen. — Man kennt mich nicht- Ich trage eine Maske vor der Welt, die noch niemand gelüftet hat, selbst er nicht. — Mein Leben ist allen ein verschlossenes Buch. Bei Sempach liebte ich das Geheimnisvolle. Das hat mich gereizt. Sonst nichts. Sempach hoffte wohl, mich eines Tages ganz zu besitzen. Und ich — ich spielte mit ihm. Es war mir selbst interessant, diese Rolle zu spielen. Sempach liebte mich leidenschaftlich; ich war ihm nichts mehr als Freundin. Hätte ich solche Gefahr vermutet? Ah! Wenn ich geahnt hätte -----"" Sie unterbrach sich jäh und änderte ihren Ton: „Wozu sage ich Ihnen alles dies!" Dann aber wieder näherte sie sich ihm und sprach: „Und doch, wem anders dürste ich mich anvertrauen, wenn nicht Ihnen! Sind Sie nicht der Einzige, der mein größtes, mein einziges Geheimnis weiß! Es schafft zwischen uns beiden enge Bande. — Mer lassen wir dies ganze Thema! Wir haben uns vereinigt, um zu versuchen, den armen Sempach $u retten, und den Schuldigen zu entdecken. Wo sollen wir zuerst suchen? Haben Sie schon darüber nachgedacht? — Oder noch besser: sagen Sie es mir lieber nicht; suchen wir gemeinschaftlich. Kombinieren wir alles, was wir wissen. Vielleicht entspringt daraus irgend ein Gedanke — irgend ein Fingerzeig. — Wollen Sie?" „Ja, ja, wie gerne. Ich will mit Freuden-^ „So, dann setzen Sie (sich hierher zu mir." Ganz hingerissen von ihrem Vertrauen, ihrem ReiH der ihr entströmte, von ihrer königlichen Anmut und herrlichen Schönheit, gehorchte er ihr willenlos. 29. Kapitel. Indes sich noch Georg und die Gräfin berieten, nach welcher Richtung hin sie ihre Nachforschungen beginnen sollten, hatte Bertha bereits die ihrigen begonnen. Von ihrer ehemaligen Klavierlehrerin, einer Dame von einigen 50 Jahren, einer Frau Linden, begleitet und gefolgt von Wilhelm, der ihr im Notfälle behilflich sein konnte, begab sie sich nach der Mgsburger Straße in jenes Haus, worin der Mord begangen worden war. „Wohnt noch das frühere Kammermädchen der Frau von Sanden in Ihrem Hause?" fragte sie den Portier, in dessen Loge sie trat. „Fräulein Minna? Gewiß, immer noch, gnädige grau",; antwortete der Portier. Personen, die Bertha nicht kannten, titulierten sie meist immer „gnädige Frau"; sie verdankte diese Anrede ihrer hohen Gestalt, ihren markanten Zügen und gewissen Bewegungen, die meist alle früh zu Waisen gewordenen Mädchen annehmen, die gezwungen waren, gegen di- Schwierigkeiten des Lebens anzukämpfen. Tie Portiersfrau hatte aus dem Hintergründe ihrer Loge die an ihren Mann gerichtete Frage gehört, Un8 mischte sich höchst eilig in das Gespräch: „Na, das will ich glauben, daß sie noch hier wohnt. Wohin sollte denn auch das arme Mädchen sonst gehen? Ihre Frau mußte auch gerade so plötzlich sterben, und hat ihr nicht mal noch ihr Monatsgehalt und die letzten Rechnungen gezahlt. Sie hat doch keinen Pfennig nicht, und wenn wir ihr das Zimmer nicht bis zu dem Tage gelassen hätten, an dem die Wohnung im dritten Stock wieder vermietet wird, hätte sie gerade auf dem Pflaster über-, nachten müssen." „Sucht sie denn nicht eine neue Stellung?" fragte; Frau Linden. _„ „ „Wie kann sie denn jetzt, wo sie krank i)t? Der Schreck damals hat ihr mit einmal das Blut in entgegengesetzter Richtung fließen lassen. Wenn man sie schon wenigstens in Ruhe lassen wollte, dann möchte sie sich doch etwas! wenigstens wieder erholen. Wer so alle Tage ein neues Verhör! Das ist nichts!" „So, sie muß sich also nach Moabit begeben?" fragt- „Nein, dazu hat das Kind keine Kraft nicht. Dre Beine können sie noch nicht tragen. Wer der Kommissar ist zweimal hier gewesen und hat ihr eine ganze Brüh« von Fragen gestellt. Sie hat alles .ausgesagt, was sre nur gewußt hat. Was will man noch von ihr?" „Sie ist also wirklich unglücklich?"" . „Ich wiederhole Ihnen, sie hat keinen Pfelmrg mcht. Und das trifft sich gerade jetzt sehr schlecht- gerade in ihrem jetzigen Zustand muß sie etwas Besseres essen. Das — S9S — vtteZ kostet Mch' Geld, und ich kann leidet nicht mehr thun, als ich ohnehin schon thue." „So wenig Sie auch thun", begann Bertha von neuem, „so ist es immerhin viel für Ihre Verhältnisse, und das darf nicht sein, daß Sie all diese Auslagen allein bestreiten. Wollen Sie mir erlauben, Sie darin etwas zu unterstützen, liebe Frau?" „Ein so freundliches Anerbieten kann mau nicht so leicht abwinken, gnädige Frau! Sie kennen also unser Fräulein Minna, weil Sie sich für sie so interessieren?" „Ich habe Frau von Sanden gekannt." „Wohl noch von der Zeit her, als sie beim Theater war?" „Jawohl, ganz recht, von damals noch her." „Sie sind gewiß auch Schauspielerin wie die beiden Damen, die neulich hier gewesen sind? Aber die waren nur aus Neugierde da, um von ihrer früheren Kollegin sprechen zu können und noch was Interessantes zu erfahren." „Ich bedarf dessen nicht, die Zeitungen haben mir genug darüber berichtet. Diese mahnten mich auch an das arme Mädchen, das krank sein sollte, und da hatte ich den Einfall, aus Anhänglichkeit an ihre selige Gebieterin, eine kleine Unterstützung zu bringen." „O, bitte, genieren Sie sich nur nicht, meine gute Dame! Ihre Güte ist hier gewiß nicht am unrechten Platze." Bertha zog ihre Börse aus der Tasche, entnahm ihr fünf Zwanzigmarkstücke und übergab sie der Portierfrau mit den Worten: „Da sind einstweilen hundert Mark. Verfügen Sie darüber, wie es Ihnen gut scheint. Aber sagen Sie, kann man das arme Ding nicht einmal sehen? Ich möchte mich gern über ihre Bedürfnisse unterrichten und ihr aus der Verlegenheit helfen." „Nichts Einfacheres als das", antwortete die dicke Alte, die durch die fünf Goldstücke ganz geblendet war. „Na, Sie können Sie ja oben finden. Seit dem Tag damals rührt sie sich nicht mehr weg vom Haus. Ich kann Ihnen nicht den Vorschlag machen, daß die Minna herunter kommen soll, denn das kann sie nicht, gnädige Frau!" „Nein, nein, meine Freundin und ich wollen hinauf- tzehen", sagte Bertha rasch. „Wollen Sie nur so gut sein, uns ihr Zimmer zu zeigen." „Das ist so leicht nicht zu finden. Ich will Ihnen aber gern den Weg zeigen." Sie geleitete die Damen die Haupttreppe Linaus, zeigte ihnen die Wohnung der Frau von Sanden im dritten Stockwerk, im fünften den Eingang zu den Zimmern des Herrn Keßler, jenes Zeugen im Prozesse, der behauptet hatte, abends um zehn Uhr Herrn von Sempach gesehen zu haben, wie er sich in das Haus einschmuggelte — stieg endlich die Gesindetreppe hinauf und pochte am Ende des Ganges «an eine Thür. „Wer ist da?" rief eine schwache Stimme von innen. ,^Jch bin's, die Portierfrau, mit zwei Damen, die Sie gern sprechen möchten." „Bitte, warten Sie einen Mgenblick; ich stehe schon auf." „Sie sehen, sie ist alleweil noch im Bett", wandte sich die Portierfrau an Bertha Md an Frau Linden. Zwei Minuten mochten verstreichen. Man hörte schleifende Schritte im Zimmer, das Knirschen des Schlosses, und die Thür that sich auf. In ihr erschien Minna, ganz bleich, sich an die Mauer stützend, da sie kaum die Kraft zu haben schien, sich aufrecht zu halten. , „Was will man denn schon wieder von mir?" fragte sie mit schwacher Stimme. „Regen Sie sich man nicht wieder auf, liebes Kind", sagte die Portiersfrau. „Diesmal soll es kein Verhör sein. Diese beiden Damen sind Schauspielerinnen und gewesene Freundinnen von der Frau von Sanden. Sie haben es mit dem Mitleid für Sie gekriegt, und kommen nur, um mit Ihnen zu reden, wie man Ihnen wohl etwas untev die Arme greifen könnte." ,^JH danke Ihnen unendlich, meine Damen", sagte Minna, die rasch einen langen, forschenden Blick auf ihre Besucherinnen geworfen hatte. „Ich schäme mich aber wirklich, Sie hier in diesem einfachen Zimmer empfangen zu müssen." ! „Ach waH", meinte der Hausdrache- „es sind zwei Stühle Da trüb' ein Bett, Und bäs genügt für drei Personen., Ich will aber lieber wieder runtergehen. Seit jener verdammten Geschichte darf ich von unten eigentlich gar nicht mehr weg. Das fehlte noch, daß noch so eine Kanaille ins Haus rein kommt! Ach, du liebe Zeit! Also ich mache wieder nach unten. Da finden Sie mich denn auch 'wieder., Na, adjes!" Sie entfernte sich, und Bertha trat mit ihrer Begleiterin in das Zimmer. Minna schloß hinter ihnen die Thür ab! und ging wankenden Schrittes auf ihr Bett zu, auf dessen unteres Ende sie sich setzte. Sie hatte ihren wollenen Unter» rock kaum festgebunden. Ein kleines, in aller Eile nm- geworsenes Tuch bekleidete sie nur unvollkommen. Ein Foulardtuch, das sie über den Kvpf geworfen und unter dem Kinn geknüpft hatte, verbarg ihre Haare und auch einen Teil ihres Gesichtes. Mer ihre lebhaften Augen glänzten darunter hervor, ihre weißen Zähne schimmerten zwischen ihren schmalen Lippen in seltenem Weiß, und trotz ihrer mehr als einfachen Bekleidung und trotz ihres großen Schwächezustandes erschien sie immer noch hübsch. Bertha begann das Gespräch: „Mein liebes Fräulein, nachdem ich den Tod der Frau von Sanden und gleichzeitig erfahren haben, daß Sie dieselbe in großer materieller Notlage zurückgelassen hatte, übergab ich heute der Portiersfrau eine kleine Summe, die Ihnen hoffentlich helfen wird, sich recht bald wieder zu erholen. Ich will es aber absolut nicht dabei bewenden lassen, sondern Ihre Zukunft beschäftigt mich. Ich kam daher selbst. Sie zu bitten, mir zu sagen, was Sie nach Ihrer Wiederherstellung zu thun gedenken." „Ich beabsichtige, so rasch als möglich wieder in meine Heimat zurückzukehren, gnädige Frau. Ich habe genug von Berlin. Ich habe seit letzter Zeit zu viel durchgemacht." „Woher sind Sie denn?" „Aus Königsberg." „Ich will gerne die Reisekosten tragen. Hoffen Sie, bald so weit zu sein, daß Sie reisen können?" „Ich hoffe es, gnädige Frau. Dank Ihrer großen Freundlichkeit werde ich mich pflegen können. Aber wird es mir denn auch erlaubt werden, von Berlin fortzumachen?" „Wer kann Sie denn daran hindern?" „Die Gerichte — ich muß doch bei den Verhandlungen erscheinen." „Ach ja! Der Prozeß über den Mörder der unglücklichen Frau. Wann soll er denn anfangen?" „Ich weiß es nicht. Wer das kann nicht mehr so lange dauern, soviel ich aus meinem letzten Verhör gemerkt habe. Der Untersuchungsrichter konnte ja sehr rasch vorgestern Man hat ja doch schon den Schuldigen." „Ah, man hat ihn?" „Haben Sie denn nicht in den Zeitungen gelesen, daß er verhört worden ist?" „Sie wollen von Herrn von Sempach sprechen?" ^Jst er denn der Schuldige? Er gesteht doch nicht!" „Ein Geständnis seinerseits ist ganz überflüssig geworden. Es sind ja zu viel Beweise gegen ihn." „Ich kenne sie nur aus den Zeitungen, und die täuschen sich ja oft. Es würde mich und meine Freundin äußerst Interessieren, wenn Sie uns darüber einige Wfklärungen geben und uns über einige Punkte unterrichten wollten. Diese ganze Sache ist entschieden eine der merkwürdigsten und der spannendsten, die man sich nur denken kann." „Sie erweisen sich so gut zu mir", antwortete Minna, „daß ich gern versuchen will, Ihrem Wunsche zu genügen, soweit es meine Kräfte erlauben." 30. Kapitel. Bertha und Frau Linden hatten auf den beiden Strohsesseln Platz genommen, die nebst einem weißen Holztisch und einem eisernen Bettgestell die ganze Einrichtung ausmachten. Minna saß noch immer am unteren Bettende, den Damen infolge der Enge des Zimmers ganz dicht gegenüber. „Nach den Zeitungen", begann Bertha, „wäre einer der Herrn von Sempach überführendsten Beweise, baß eine Hemdperle, die sein Eigentum war, im Zimmer der Frau von Sanden gesunden wurde. Sind Sie denn vollkommen sicher, daß sich diese Perle nicht etwa schon vor dem Tage des Mordes aus seinem Hemde gelöst hatte?" „Vollkommen sicher, gnädige Frau; denn sonst hätte ich sie bei dem Aufräumen und Fegen des Salons finden müssen." >,Das WM W MW sagen; ehte Perke ist kaum zu Wen." „Ja, aber sie hätte auf einem dunklen Teppich geglänzt; dann hätte sie auch Frau von Sanden beim Gehen zertreten, ha sie ja mitten im Salon lag." „Ganz recht; sie konnte aber etwa unter ein Möbel gerollt sein und war vielleicht erst am letzten Tage, in dem letzten Moment auf den Platz hingeschleppt worden, auf dem man sie fand. Das kann ja durch irgend etwas geschehen sein, zum Beispiel durch die Schleppe eines Kleides. Ebenso gut wäre es möglich, daß sie unmittelbar vorher die Perle aufgehoben und aus den Tisch gelegt hatte oder irgendwo hin, und daß sie dann während des Kampfes der unglücklichen Frau mit ihrem Mörder zur Stunde des Verbrechens erst auf den Boden gerollt war." „Ja, das ist allerdings möglich", sagte Minna nach- sinnend. „Daran hatte ich noch gar nicht gedacht." „Es ist immer noch Zeit, den Untersuchungsrichter darauf aufmerksam zu machen." „Ich werde es gewiß nicht unterlassen. Einerseits ist es meine Pflicht, und dann scheinen sich auch die gnädige Frau für Herrn von Sempach zu interessieren." „Das thue ich auch ; denn ich halte ihn für unschuldig." „Wirklich ! Sie glauben?" „Ich bin fest davon überzeugt, und es war meine Pflicht, auch Ihnen diese meine Ueberzengung beizubringen, damit Sie ihm weniger feindlich gesonnen sind." „O, ich bin ihm nicht im mindesten feindlich gesonnen, gnädige Frau. Er hat mir niemals etwas zu leide gethan. Im Gegenteil, er war immer sehr gut zu mir. Meine Angaben beruhen nur auf der reuten Wahrheit." „Ich zweifle nicht daran; aber wenn man von jemandes Schuld überzeugt ist, so sieht und zeigt man die Sachen in ganz anderem Lichte. Sie werden sie mit ganz anderen Augen ansehen, wenn Sie von seiner Schuldlosigkeit überzeugt sind." „Was mir hier die gnädige Frau sagt, mag wohl richtig sein. Nur habe ich bereits unglücklicherweise ausgesagt." „Ohne etwas in Ihren Aussagen zu ändern, können Sie ja in einem der weiteren Verhöre einige für den Angeklagten günstige Bemerkungen fallen lassen, aus denen er Vorteil ziehen könnte." „Ich würde sehr glücklich sein, wenn der Baron, wie Sie glauben, wirklich unschuldig wäre. Wer wer ist dann der Schuldige?" „Suchen wir ihn gemeinschaftlich!" „Ob ich wohl die Kraft dazu habe? Ich bin ja so leidend." „Haben Sie nur etwas Mut, — ich beschwöre Sie!" „Ich will es um Jhret- und seinetwillen versuchen, gnädige Frau." Bertha dankte chr und begann von neuem: „Eine der schwerwiegendsten Aussagen gegen Sempach ist die eines gewissen Herrn Keßler, der hier im Hause wohnen soll. Kennen Sie diesen Menschen?" „Ja, ich kenne ihn; ich bin ihm einigemale auf der Treppe begegnet." „Halten Sie ihn für einen ehrlichen Menschen?" „Ich denke, gnädige Frau; man spricht nur Gutes über ihn." „Dann darf man also an seinem guten Glauben nicht zweifeln; jedenfalls hält er dann eine andere Person für die des Herrn von Sempach." „Welche Person?" „Die müßte eben gesunden werden. Sagen Sie mir, haben Sie niemals bei Frau von Sanden jemand gesehen, der irgend eine, wenn auch entfernte Aehnlichkeit an Gestalt und Kleidung mit Herrn von Sempach gehabt hätte?" „Nein. Außerdem empfing auch die gnädige Frau keine Besuche; ich habe das ja auch ausgesagt." „Ja, sie empfing sie nicht regelmäßig, aber vielleicht einmal aus Zufall konnte sie doch —■ = erinnern Sie sich nur gut und genau daran." Minna stützte den Ellbogen auf den Bettrand und sann, ihren Kopf in die Hand gestützt, mit geschlossenen Augen einige Augenblicke nach. „Ja, ja", murmelte sie endlich als o6! ihr eine Erinnerung aufleuchtete. „Sie erinnern sich also?" fragte Bertha lebhaft. „Ja, ich glaube mich zu erinnern. Vor sechs Monaten ungefähr besuchte Frau von Sanden einer ihrer Verwandten aus der Provinz." „Sah er Herrn von Sempach ähnlich?" „Im Gesicht nicht. Mer ich sollte meinen, er hatte dessen Größe, etwas kräftige Schultern und schlanke Tatlle." „Was wollte er bei Frau von Sanden?" „Geld. — Ich entsinne mich noch ganz genau, daß mir noch die gnädige Frau, nachdem er weg war, gesagt hatte: „Ein jeder glaubt, daß ich nur so in Geld schwimme. Die weitläufigsten Verwandten erinnern sich urplötzlich an mich, um von mir Geld zu borgen. Einigen habe ich den Gefallen gethan; - dem aber gebe ich nichts. Das ist ein lüderliches Tuch, ein ganz verkommener Mensch, der zu allem fähig ist." „Ah, sie hat gesagt — —" ' „Sie werden begreifen, daß ich nicht mehr ganz genau den Wortlaut weiß, daran kann ich mich nicht mehr so erinnern; aber das war jedenfalls der Sinn ihrer Worte." „Und Sie haben in Ihren Aussagen keine Silbe davon erwähnt?" „Nein, ich habe nicht mehr daran gedacht. Sie sind es jetzt, gnädige Frau, die mich! darauf brachten, als Sie von der Aehnlichkeit sprachen. — Sie begreifen: bisher hatte ich immer an die Schuld des Herrn von Sempach geglaubt, und so suchte ich nach keinem andern." „Nicht wahr, Sie werden nicht verfehlen, in Ihrem nächsten Verhöre von diesem Individuum, von diesem Ver- wanoten Ihrer Herrin zu sprechen?" „Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Mer diese Untersuchung ist schon soweit vorgeschritten, daß ich fürchte, meine Erklärungen werden nicht berücksichtigt werden. Ja, wenn man gleichzeitig über diese Person genaue Nachrichten geben könnte!" „Ja — aber wie solche verschaffen? Wo und von wem dieselben erlangen?" „In ihrer Heimat vielleicht." „In welcher Heimat?" „3n der Heimat der gnädigen Frau. Sie ist gebürtig aus Straßburg. Man kann ja jemand den Auftrag geben, sich dort zu erkmrdigeu." „O, da würde ich mich nur auf mich selbst verlassen!" ries Bertha lebhaft. „Und wenn man dann etwa angeben könnte", fuhr Minna weiter fort, „daß dieser Verwandte von ihr jetzt hier in Berlin lebe oder wenigstens zur Zeit des Verbrechens in Berlin gewesen ist — und wenn Herr Keßler ihn als den wiedererkennen würde, den er damals für Herrn von Sempach gehalten, dann könnte man daraus wohl schon Folgerungen ziehen." „Ganz ohne Zweifel", sagte die Fxau Linden. „Man könnte dann wohl die Frage aufwerfen, ob er sich an dem Wend nicht etwa wieder bei seiner Verwandten eingeschlichen hätte, um, wie das erstemal, von ihr Geld zu verlangen. Sie hat es ihm vielleicht mit harten Worten abgeschlagen; es entspann sich ein Wortstreit und---" „Und er hat nach vollbrachter That das Geld gestohlen", fuhr Fräulein Rakenius fort; „denn man darf nicht vergessen, daß Herr von Sempach behauptet, Frau von Sanden eine größere Summe Geldes drei Tage vor dem Morde übergeben zu haben." „Ich weiß, daß er das behauptet", sagte Minna mit schwacher Stimme, „doch ich wußte nichts von dem Gelde." (Fortsetzung folgt.) Die merkwürdigste Telegraphenstation der Welt. Marconi hat jetzt seine Station für transatlantische drahtlose Telegraphie in Neu-Schottland beendet. Es ist jedenfalls das merkwürdigste Telegraphenamt der ganzen Welt. Es liegt auf Kap Breton, Neu-Schottland, einem der ödesten Vorgebirge an der Küste des Atlantischen Ozeans. Für den Besucher am interessantesten sind die vier Türme für die Luftleitung. Sie sind 215 Fuß hoch und stehen an den vier Ecken eines Platzes, der an jeder Seite etwa 200. Fuß mißt. Die Türme sind aus starken hölzernen Balken, die mit Bolzen fest verbunden, in ein Betvnfundamench gesetzt und mit einer Reihe von Drahtseilen geschützt sind. Der die Station leitende Techniker Mr. .Vyvyan versichert, ein Sturm köune sie unmöglich umreißen. Bon der Höhe jedes Turmes ist ein Kabel von 3 Zoll Durchmesser gespannt, von dem 150 Luftdrähte herabhängen. Diese sind 596 in der Mitte des Turmes zu einem einzigen Kabel vereinigt, das senkrecht in den Apparatraum hinabgeht. Nie Durchschnittslänge dieser Luftdrähte ist etwa 140 Fuß, ehe sie in dem gemeinsamen Kabel zusammenkommen. Won diese«: Drähten werden die Depeschen in den Raum geleitet und dmrch Aetherwellen nach der Station in Cornwall getragen. Zahlreiche Zimmerleute, Maschinisten, Elektriker unb Arbeiter wurden bei dem Bau dieser einzigartigen Station beschäftigt. Fast alle Nationalitäten waren vertreten. Für die Arbeit auf den hohen Türmen kamen „Dakler" aus Neufundland und Labrador. Nächst den Türmen erfordert das Jnstrumentenzimmer die Aufmerksamkeit. Ueber 200 Apparatbeamte arbeiten in dieser Abteilung. Es ist fast 100 Fuß lang und mit zahllosen Jn- strumenten vollgestopft. Dem Uneingeweihten erscheint das Zimmer mit einer Masse Drähte überfüllt. Vom Apparat- rcmm gelangt man in den Lagerraum, in dem genügend Elektrizität vorhanden ist, daß ein Strom von 80000 Bolt erzeugt werden tont. Dahinter kommt der Maschinenraum und hinter diesem wieder drei riesige Kessel. Die elektrischen Geräte und Dynamos repräsentieren eine Attsgabe von über 400 000 Mk. Die Gesamtkosten der Station, zu der die kanadische Regierung allein 320000 Mk. beigetragen hat, müssen sehr groß sein. Der Flurraum des Krafthauses mißt 300 Quadratfuß und ist aus festem Beton. Mau erwartet, daß die Station Anfang Oktober in voller Thätigkeit sein wird. Depeschen werden von der Station in Pvldhu, Cornwall, aus 'einem gänzlich neuen, von Marconi entworfenen Instrument empfangen, von dem berichtet wird, daß es mehrere hundert Worte in der Minute aufnehmen kann. Mit diesem soll sich die Marooni-Gesellschaft mit allen Handelsdepeschen befassen können. Wenn die Station aus Neuschottland sich bewährt, so wird eine zweite auf Alaska und eine dritte am Kap der guten Hoffnung gebaut. Der Ingenieur versichert, daß die neue Station mehr Kraft hat, als für drahtlose Depeschen von Amerika nach Europa gebraucht tvird, und er meint, daß vor Schluß des nächsten Jahres Depeschen von Kap Breton direkt nach Kapstadt gesandt werden können. Zu diesem Zweck sind kostspielige besondere Maschinen eingestellt worden. Wenn eine ähnliche Station aus Neuseeland errichtet würde — ein von der Marconi-Geseklfchaft schon in Erwägung gezogener Plan — könnte man um den ganzen Erdball drahtlose Depeschen senden. Für die vielen Apparatbeamten, Techniker und Elektriker ist ein großes, einem altntvdischen Farmhaus ähnelndes Gebäude errichtet worden. Dieser in seiner Art einzige Haushalt wird von Mrs. Byvyen geleitet, die bei den Eingeborenen großes Jüteresse erregt. Sie trägt fast immer dicke Stiefel und kurze Röcke, und! scheint sich an dem einsamen Ort ganz heimische zu fühlen. Um die Beförderung zu erleichtern, hat man von der Station eine besondere Eisenbahn nach der nächsten Niederlassung Glace gebaut. Die Behörden dieses Ortes haben Marconi versprochen, innerhalb einer Drittel Meile von den Türmen keine elektrische Bahn zu erlauben. Bclhageu & Klasings Monatshefte. Das zweite Heft bringt außer einem Aufsatz über Guido Reni eine anmutige Plauderei von Dr. Julius Stinde über „Die Blumen des Bauern garten s", die Fritz Reiß durch zahlreiche Aquarelle höchst reizvoll illustriert hat. Hanns von Zobeltitz erzählt sachkundig „Bon der Weinprobe im Kloster Eberbach", die bekanntlich alljährlich dem Verkauf der.edelsten Rheinweine vorausgeht. Professor Dr. Wilhelm Oncken-Gießen beendet den Artikel „Die Flucht des Prinzen von Preußest in den Märztagen 18 48", der bereits im ersten Heft begann und der so großes Interesse erregt hat. Außer dem allgemein fesselnden Romane von Frieda von Bülow „Allein ich will", bringt das Heft noch eine hübsche Novellette von Paul Oskar Höcker: „Onkel Saß" und mehrere nicht illustrierte Beiträge, von denen einer „Die Staatenbildungen befreiter Negersklaven" infolge der Ereignisse auf Hayti sehr zeitgemäß ist. Die illustrativen Beigaben sind wieder überaus reiche Zwei Pastelle von Ludwig von Hofmann, die in Faksimiledrücken wiedergegeben sind, werden den kunstfreundlichjen Lesern der Zeitschrift ganz besonders willkommen sein. Der Führer durch die Privatheilanstatten Deutsch' lauds, Oesterreichs und der Schweiz, bearbeitet von Dr* Paul Berger, erschien soeben in achter, neu bearbeiteter Auflage im Verlage von Hugo Steinitz, Berlin MV. 12. Neben der ausführlichen Darstellung der modernen Behandlungsmethoden werden darin die Anstalten unter Schilderung ihrer Bedeutung und ihrer Einrichtungen in systematischer Ordnung vorgeführt. Das Buch sei Aerzten und Heilungsuchenden bestens empfohlen, es ist ein vorzügliches Orientierungsmittel. Der Preis des sehr gut ausgestatteten Buches beträgt 2 Mk. Vermischtes. Eine merkwürdige Wohnung. Ein alter Jäger aus den kanadischen Hinterwäldern besitzt, wie ein englisches Blatt zu berichten weiß, eine merkwürdige Wohnung. Er entdeckte sie eines Tages auf der Jagd nach wilden Tieren. Es ist nichts mehr oder weniger als ein ausgehöhlter Baumstamm, den er am Boden liegend fand. In dieser sonderbaren Wohnung lebt er seit 30 Jahren. Wenn er zu Bett geht, kriecht er hinein, die Füße voran, indem er seine Flinte mit sich nimmt. An diesem gemütlichen Zufluchtsort ist er ganz sicher vor den Angriffen wilder Tiere; auch hat er sich hinreichend verproviantiert, nm eine lange Belagerung aushalten zu können. Preisrätsel. Auf Unser Preisrätsel waren bis zum festgesetzten letzten Termin, der für die Einsendung der Lösungen bestimmt war, 699 Lösungen eingegangen. — Auf diese verteilten sich die 10 Preise folgendermaßen: 1. Fürst Bismarck, Kopie des bekannten Lenbach'schen Porträts, in Rahmen, gewann Herr Dr. Heuser in Gießen- 2. Melonenessende Knaben, Kopie nach dem Gemälde von Murillo in Rahmen, gewann Herr E Schaub in Gießen- 3. St- Hubertus, von Maximilian Liebenwein, Bild in Rahmen, gewann Fräulein Meusezahl in Gießen. 4. Acht Novellen von Heiberg, geb-, gewann Herr Theodor G e r l a ch in Krofdorf. 5. Apotheker Heinrich von Heiberg, geb-, gewann Herr Kämpfe in Lauterbach 6. PrinzHeinrichsWeltumseglung von Derboeck, geb., gewann Herr Georg Neurath in Kleinlinden. 7. Trotzkopfs Ehe von Wildhagen, geb-, gewann Fräulein Kuder in Gießen. 8. Vor 500 Jahren von Halden, geb-, gewann Fräulein Frida Michel in Gießen. 7. Trotz ko pfs Brautzeit, von Rhoden, geb-, gewann Fräulein Theodore Schirmer in Gießen. 10. Die Flüchtlinge von Kiautschou, von Neumann, gewann Herr Heinrich Ohly in Gießen. Die Gewinne können gegen Vorzeigung der Abonne- mentsquittung für den Monat Oktober in unserer Expedition in Empfang genommen werden. Auflösung des Preisrätsels, a. b. 1. Salm — Halm 2. Angel — Engel 3. Wiese — Riese 4. Nase - Base 5. Gaul — Saul 6. Fisch - Tisch 7. Post — Most 8. Ostern — Astern 9. Hagel — Nagel 10. Uhr — Shell. Hase — Base 12. Bier — Eier 13. Degen — Rege« Herbstmanöver. Redaktion: Curt Vlato. — Rotationsdruck und Bcrlaa der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.