Freitag den 8, August. Nr. 116 1902. 13 V MA i» ii (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Jork. Bon Heinrich Lee. (Fortsetzung folgt.) Er sagte es ohne Galanterie, in seiner ruhigen Weise, über jede dieser seiner kleinen Anerkennungen machte sie glücklich. „Ueberhaupt, ich finde, Deine Freundin scheint auch sonst eine etwas sonderbare Dame. Du sagst, sie ist ziemlich arm, und doch macht sie eine Reise über das Meer, nur um Mich, zu besuchen." Sie stand im Begriff, ihm die Wahrheit über Bell zu sagen. Es kam ihr tote Unrecht vor, ihn zu täuschen — auch im Kleinsten. Aber Bell hatte ihr ,Versprechen, und außerdem machte ihr die kleine Komödie, weil fte eben Frau toar, ein gewisses Vergnügen. „Sie sagt sich, wahrscheinlich. Man lebt tn Deutschland billig er als in Amerika, und außerdem ist sie doch mein Gast." „Tann sollte sie vor allem bescheidener sem und weniger Aufsehen machen." Ottilie lächelte. „Ich, fürchte nun wirklich, sie wird Tein Wohlgefallen nicht erringen können." Im Grunde ihres Herzens hatte die Antipathie, die er Bell entgegenbrachte, etwas Angenehmes für sie. Er sollte überhaupt an keinen anderen Frauen Gefallen finden. Hätte er gewußt, tote reich Bell war — vielleicht wäre eg dann in Versuchung gekommen, vielleicht hätte er Bell schon von vornherein seiner Aufmerksamkeit für wert berühmt. Herr Westheim war vor', ^Schlechtes Wetter heute, Herr Gehein durch die Thür zugerufen, dann trat hem Herrn Geh ' Zeigen, die er x)> bagebliebett. „Morgen, Herr Baron! Morgen, gnädige Frau!", Herr befunden. Wenn die Cobra kam, so kam sie erst nachmittags —. ja, bei dem Seegang heute, wahrscheinlich erst abends. Gegen Mittag kehrten sie beide zurück Der Geheimrat war nicht allein. In dem Gartensalon, in dem er seine Zeitungen gelesen hatte, leistete ihm Herr Westheim Gesellschaft. Herr Westheim, war Junggeselle, er hatte wenig Sorgen, und mit den Menschen, besonders mit Damen, aber iaud) mit Herrschaften von adligem Namen, Leuten von der Kirnst und der Litteratur uird dergleichen, mit denen nran auf Reisen zusammentrisft, wurde er schnell bekannt. War er wieder in Berlin, so stellte er seine derartigen Bekanntschaften nicht Unter den Scheffel. Er war wegen seiner Imponierenden Bekanntschaften in seinen Kreisen geradezu '.. l,rhin nach Hause gekommen. Geheimrat", hatte er ihm er herein, nur um >eimrat eine merkwürdige Muschel zu reitte gefunden hatte, und so war er Westheim verneigte sich tief. Dann aber erklärte er, nun Toilette machen zu'müssen und empfahl sich. „Ein aufdringlicher Mensch!" sagte Herwarth — das Beste wäre, in einem Hause ganz allein zu wohnen!" Mer der Geheimrat nahm Herrn Westheim in Schutz'. Herr Westheim wollte mit ihm, wenn er allein war, Piauet spielen. Ein so guter. Mensch fand sich nicht bald wieder. Das Wetter wurde am Nachmittag nicht besser. Herwarth und Ottilie gingen wieder an den Strand. In der sechsten Stunde sah man fern am Horizont von Nordwest' her einen dunklen Fleck. „Die Cobra!" ging es durch die gan^e Trampelbahn, wie der Brettersteg am Strande scherzweise hiest Immer deutlicher war das Schiff zu sehen, endlich unterschied man auch den feilten Rauch Es schlingerte und rollte fürchterlich. Vorder- und Hinterteil waren zuweilen vom Wasser ganz verdeckt. Nach zwanzig Minuten war es wieder aus dem Gesichtskreise verschwunden. „In einer Stunde kommt der Zug", sagte Ottilie, „nun bin ich neugierig, ob sie mitgekommen sein wird oder nicht." Ter Bahnhof war, als der Schiffszug eintraf, auf denk Perron ganz leer. Niemand hatte diesmal jemand zu erwarten. Nur die Hoteldiener und Gepäckträger standen gewohnheitsmäßig herum. Auch der ftug schien ganz leer, An den Fenstern zeigte sich nicht ettt Gesicht. „Sie ist nicht gekommen", sagte Ottilie. Ta sah man aus dem letzten Wagen eine Gestalt heraus- steigen, eine einzelne Dame. Sie war in dem ganzen Zuge ber" einzige Passagier. „Ottilie, ich bin es — Bell", sagte die Dame lächelnd, als Ottilie auf sie zueilte und dann zweifelnd vor ihr stehen blieb. „Jetzt erkenne ich Dich", rief Ottilie herzliche erfreut. Sie umarmten sich beide und küßten sich Miß Cookson ivar eine Dame von ebenmäßiger schlanker Gestalt. Ihr Gesicht war weder hübsch noch häßlich zu nennen. Es war ein Gesicht, das man übersah oder doch, wenn man es bemerkte, in der nächsten Viertelstunde wieder vergessen hatte. Dabei hatte es einen abweisenden Zug von Nüchternheit, den Ausdruck einer Gouvernante, einer Diakonissin. Nur ein Paar unbestreitbar hübsche braune Augen und zwei Reihen kräftiger, schöner, weißer Zähne gaben ihm etwas Wohlgefälliges. Unter dem schlichten, fast zü schlichten Hütchen quoll das dichte kastanienbraune Haar hervor. So schlicht und unscheinbär wie das Hütchen war auch ihre übrige Toilette. In der einen Hand hielt sie eine kleine Reisetasche. Man hätte sie in der Tbat für eine reisende Gouvernante oder Lehrerin halten können. ,, ___ „ „Und hier stelle ich Dir meinen Petter Herwarth -Ahoneck f(tüte iOtitlie. herwarth verbeugte sich nn!> Pell neigte leicht bett, Kopf. * 462 „Ms ob sie eine Königin wäre", dachte Herwarth abfällig für sich. Er bat als höflicher Ritter um ihre Tasche nnd Ottilie fragte, wie es mit dem übrigen Gepäck stände. Bell hatte nur einen einzigen Koffer mit, der jetzt aus dem Gepäckwagen herausgeschafft wurde. Dann stieg man in eines der bereitstehenden Fuhrwerke. Herwarth sagte sich während der Fahrt, daß er als Dritter in diesem Wagen ziemlich überflüssig war. Aber Ottilie hatte ihn um seine Begleitung gebeten. Offenbar hatte sich Ottilie mit ihrer Freundin mancherlei zu erzählen, was er nicht hören brauchte. Eigentlich begriff er Ottilie nicht — so eine Freundin zu haben. Eine unverheiratete Dame, die ohne Begleitung reiste. Bell erzählte von ihrer Ueberfahrt. Tie Fahrt von New-Jork nach Cuxhaven war bei dem schönsten Wetter verlaufen. Erst an der Elbemündnng fing Sturm und Regen an. „Gerade so lrebe ich das Wetter", sprach sie, „mir thut es nichts. Ich bin es gewöhnt." „Emaneipiert!" sagte er sich. Tas stand nun für ihn fest. Sie sprach das Deutsche fließend, mit klarer, wohllautender Stimme und mit kaum merklichem Aecent. Ihr ganzes Wesen hatte etwas Sicheres, Gesetztes, Festes, was ihm aber gleichfalls unangenehm vorkam, weil es auf ein ausgeprägtes Selbsiuefühl hinzudeuten schien. Aber schließlich — was ging ihn diese Dame überhaupt an? Ottilie hatte ihm die Gewähr gegeben, daß er sich ihretwegen keine Umstände zu machen brauchte, geschweige, daß er verpflichtet war, ihr die Kur zu schneiden. Sie war nur eben eine Störung, mit der man sich also auf die angängigste Weise abzufinden hatte. Ter Wagen war vor der Billa angelangt und hielt. Franz, der Diener, eilte herbei, er schaffte das Gepäck ins Haus und man trät nun in den Gartensalon. „Verzeihen Sie, Miß Cookson", rief der Geheimrat, sich mühsam in seinem Stuhle aufrichtend, dem Gast entgegen, „wenn ich Ihnen nicht entgegenkommen kann, wenn ich Sie s o unter unserm Dache willkommen heißen muß." Durch Ottiliens Briefe war Bell auf ihren Gatten vorbereitet. „I eh habe Sie um Verzeihung zu bitten, Herr Geheimer Rat", sagte sie, indem sie schnell an seinen Stuhl herantrat Und ihn, seine Hand ergreifend, freundlich niederzwang, mit warmer Herzlichkeit, „ich hätte bedenken müssen, welche Unbequemlichkeit ich Ihnen durcb mein Kommen verursache." Es war etwas in ihrem Gesicht, in ihrer Stimme, was einem Hilfsbedürftigen sofort zu ihr Vertrauen einflößen mußte. „Ich denke, Miß Cookson oder Miß Bell — wenn Sie einem ungefährlichen Manne diese Anrede erlauben — daß tote mit einander keine Komplimente und Entschuldigungen nötig haben. Blos um Ihre Nachsicht möchte ich noch bitten." „Und ich — ich möchte Ihre Freundin werden, Herr Geheimrat, wie die Ottiliens." „Abgemacht, Miß Bell." „Abgemacht!" Sie schüttelten sich die Hände wie zwei Menschen, die sofort zu guten, treuen Kameraden geworden waren. In der Küche machte Frau Kruse inzwischen geräuschlos den Kaffee und das Abendbrot zurecht, denn man wollte diesen ersten Wend zu Hause, nicht in einem der gedrückt vollen Hotelsäle, wo man sonst die Mahlzeiten einnahm, verbringen, und Ottilie führte Bell auf ihr Zimmer hinauf. „Nun, wie gefällt sie Dir?" fragte der Geheimrat, als er mit Herwarth allein war. „Ich finde, daß sie uns i) er angieren wird." »Tas finde ich nicht. Mir hat selten ein Mensch so rasch Sympathie erweckt. Und daß sie mit dem Schiffe gekommen ist, das zeigt ihre Courage. „Weibliche Kraft" heißt es bei Goethe von seiner Dorothea. An die erinnert sie Einen." „Ich habe also einen verkehrten Geschmack", spottete Herwarth. „Tas ist gut, dann wirst Du Dich nicht in sie verlieben." Herwarth lachte über den Spaß. „Tärauf kannst Tu Dich verlassen." Tas Zimmer, das für Bell eingerichtet war, lag int oberen Stockwerke. Tie beiden mit einfachen Gardinen umrahmten Fenster gingen nach der dem Garten entgegen- Letzten Westseite hinaus'. Man sah Wer die mit noch anderen vereinzelten roten Ziegelhäusern besetzte Haide bis hinten an die Dünen, hinter denen das Meer rauschte. Auf den Tisch hatte Frau Kruse zum Willkommen ein Rosen- bouquett gestellt. Sie waren mit einander allein. „Hast Tu, was Tu mir versprochen hast, gehalten?^ fragte Bell zuerst. „Da Du es nicht anders haben wolltest — natürlich". „Und Niemand weiß, wer ich bin?" „Niemand. Nur mein Mann." „Er ist ein guter, ein vornehmer Mensch. Das merkt man an ihm im ersten Augenblicke und er wird mir meine Gründe vielleicht nachfühlen können." „Tas thut er bereits, Bell. Nur mir mußt Du Dich noch erklären. Denn ich gestehe Dir, mir kommst Du etwas romantisch vor, was doch sonst nicht in Deiner Art lag." Ottilie zog sie nieder auf das Sofa. „Denkst Du noch manchmal an unsere Peusiotiszeit zurück?" begann Bell. „Damals war ich glücklich und zn- friedey. Damals war ich ein Mädchen wie Ihr! Wir mußten uns verlassen, mein Vater starb und nun stand ich allein in der Welt. Ich war mit einem Male eins andere geworden, eine der reichsten Erbinnen von ganz New- York. Die Veränderung, die mit mir vorging — ich kann Dir das jetzt nicht erzählen. Aus den einfachen Verhält- niffen, in denen ich wie Ihr in Dresden gelebt batte, sah ich mich plötzlich in eine Umgebung versetzt, _ die mich blendete, verwirrte. Mein Vater hatte mir einen Vormund bestellt, und damit fing das Ungemach, das ich mir jetzt nahen fühlte, an. Dieser Mann wünschte, ich sollte einen Verwandten von ihm heiraten, einen Menschen, zu dem mich nichts hinzog, der mir, je dringlicher er wurde, nur die tiefste Abneigung einflößte. Ich betrachtete mich int Spiegel, ich sah, daß ich nicht hübsch war, daß ich nichts hatte, was einem Mann an mir gefallen konnte — außer mein Geld. Ich wurde mündig, ich wurde meine eigene Herrin. Die Schar meiner Werber, die Schar der Menschen, die mich als ein Spekulationsobjekt betrachteten, wurde unerträglich. Meine Person war Nichts — mein Geld Alles. Andere Menschen, andere Mädchen sah ich um ihrer selbst willen geliebt. Mir war dies Glück verschlossen. Auch ich ersehnte Freundschaft, Liebe. Wer wenn man sie mir erzeigte — wie konnte ich unterscheiden, ob sie mir selbst, ob meinem Gelde galt. So lernte ich, die Menschen verachten und meinen Reichtum hassen. Was konnte er mir bieten? Schöne Kleider, Diamanten. Wäre ich hübsch — vielleicht hätte ich daran Gefallen gefunden. Aber ich bin nicht hübsch. Oder er hätte mich dazu verleiten können, eitel zu werden. Wer ich bin die Tochter meines Vaters und mein Vater ist bis zu seiner letzten Stunde ein einfacher schlichter Mensch geblieben, derselbe Mensch, der er in feiner armen Jugend war. Meine materiellen Bedürfnisse wären mit ein paar hundert Dollar jährlich zu befrieoigen. Meine einzigen Freuden sind noch dieselben wie damals in der Pension! Ein gutes Buch die Bildung meines Geistes, die Bewegung in der Natur und nach meinen Kräften der Armut und dem Elend aufhelfen zu können. Ich habe Millionen zu frommen Stiftungen gegeben, es war ein Trost, den mir der Reichtum gewährt hat, aber auch hier mußte ich inne werden, daß ich getäuscht wurde und daß sie in die unrichtigen Hände kamen. Laß mich nicht weiter reden. Jahr und Jahre Habe ich es ertragen. In einer goldenen Hölle habe ich gelebt. Meine Sehnsucht war, ein einfacher, ein freier Mensch zu fein. Nun habe ich das Mittel gefunden." Bell hatte geendet. Sie erhob sich und trat ans Fenster, öffnete es und sog wie einen Odemzug der gewonnenen! Freiheit den frischen salzigen Hauch ein, den der Wind' durch den herabsinkenden Wend von den Dünen her durch die trocknende Lust trug. Sie hatte Hut und Mantel abgestreift und stand nun in einem einfachen, braunen, ganz schmucklosen Tuchkleid da, das aber ihre schlanke, edel gebaute Gestalt unbeabsichtigt znr besten Geltung brachte.' Auch Ottilie stand auf. „So danke ich Dir dafür", sagte sie, „daß Du wenigstens mir noch Dein Vertrauen schenkst". Mit ernstem Blick sah Bell sie an, aber ihre Worte waren weich. „Du! — Du warst meine Freundin, als wir von der Zukunft, die mir bevorstand, noch nichts wußten. Was könnte ich Dir geben, was könntest Du von mir verlangen, 463 als nur mich selbst — Du und Dein Mann. Darum vertraue ich Dir, Ottilie, darum verlasse ich mich auf Dich. — Nun noch Eins! Ich meine Deinen Vetter. Ich erinnere mich aus der Pension, daß er eine Jugendliebe von Dir war. Du bist verheiratet. Es ist also alles zwischen Dir und ihm vorüber?" „Herwarth ist nur noch mein bester Freund." „Versprich mir, daß Du auch Um mich nicht verraten wirst!" „Ich habe es Dir schon versprochen." Ein Klopfen an der Thür unterbracht sie. Es war Frau Kruse. Sie meldete, daß der Kaffee bereit war. „Wir kommen gleich", sagte Ottilie. „Ich möchte wissen", fragte sie Bell, „welchen Eindruck er auf Dich gemacht hat!" In Bells Wangen stieg eine leichte Röte auf, und sie antwortete: „Ich kenne ihn noch mcht." (Fortsetzung folgt.) Hessen-Damstädtische „Aufw uidsgesetze". (Originalartikel der „Gieß. Fambl.") (Nachdruck verboten.) Bei Hochzeiten und Kindtaufen geht es auch heute noch hoch her, und das mit Recht. Wer wollte nicht freudige Familienereignisse im Kreise lieber Verwandte, Bekannte und Freunde durch fröhliche Feste feiern? Daß derartige Festlichkeiten das Maß der Zulässigkeit im allgemeinen überschreiten würden, braucht nicht befürchtet zu werden; wird sich doch jeder nach seiner Decke strecken. Bor 300 Jahren war dies anders. Die allgemeine Lebensführung war damals billiger wie heute; der allgemeine Wohlstand muß glänzend gewesen sein; denn sonst würde der Staat bei der wüsten Ausartung der Familienfeste nicht gesetzliche Vorschriften erlassen haben, die einen Luxus noch gestatteten, den sich heute bei derartigen Gelegenheiten noch selten jemand leisten wird. Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt erließ 1609 ein „Aufwandsgesetz", das bestimmte, „daß bey Hochzeiten nicht über acht Tische Hochzeitsgäste gesetzt, nicht über dreh Mahlzeiten, nemlich am Hochzeittage zwey, eine Mittags- Nnd Abendmahlzeit, und den andern Dag nur eine Abendmahlzeit gegeben, doch für die fremden Gäste und die einheimischen nächsten Anverwandten auch den zweyten Tag ein Mittagsmahl noch zuzubereiten verstattet, zu einer Mahlzeit nicht über sechs Hauptessen angerichtet, und die Abendmahlzeiten länger nicht als von 5 bis 10 Uhr gehalten werden sollten." Die Verordnung von 1618 geht in der Bewilligung der Zulässigkeit noch weiter. Sie erlaubt sogar 10 Tische Hochzeitsgäste von je 10 Personen an einem Tische, gestattet ferner noch einen besonderen Tisch „für die Aufwärter und die Domestiken" und auch einen für die Musikanten. Dabei wurde die Zahl der Mahlzeiten nicht eingeschränkt und noch erläutert, daß unter die 6 Hauptessen das „Gemüß" nicht M rechnen sei. Die Dauer der Abendmahlzeiten wird auf 4 Stunden eingeschränkt. Daß bei einem so opulenten Mahl auch der nötige „Stoff" vertilgt wurde, ist selbstverständlich. Es wurde daher auch „in Ansehung der Qualität und Quantität der Getränke in den Verordnungen nichts reguliert, sondern den Hochzeitern völlig frey gelassen, zu trinken zu geben was und wie viel sie wollten." Die Hochzeitsgeschenke waren fürstlich und bestanden in barem Gelde. Da sich die Gäste darin gegenseitig überboten, wurde bestimmt, „daß sie nicht mehr als einen halben oder ganzen Reichs- oder Königsthaler, oder Gold- gulden (etwa 7 Mk.), und höchstens nicht über einen Dukaten (etwa 10 Mk.) verehren sollten", was bei dem damaligen Geldwerte mindestens den vierfachen Betrag von heute bedeutete. Bei Kindtaufsschmäusen durften 2 Tische mit Gästen besetzt sein, auch eine Hauptmahlzeit, aus 6 Gängen bestehend, gegeben werden. An Patengeschenken sollte im allgemeinen nicht mehr als ein Reichs- oder spanischer Thaler gereicht werden; waren die Gevattern aber „wohlhabend oder fürnehm", so war zwei Goldgulden zu verehren gestattet; doch nicht darüber hinaus. Tie dritte „Aufwandsverordnung" von 1625 fällt in den Anfang des dreißigjährigen Krieges. Wie stark das Bedürfnis des Volkes nach Schimausereien selbst während der Kriegswirren war, geht daraus hervor, daß die Verordnung gestattet, „daß 6 Tische für 60 Hochzeitsgäste ge- sezet, ihnen zwey Mahlzeiten, jede von 6 warmen Hauptessen, gegeben, die Gattung und die Quantität der Getränke dem Belieben der Hochzeiteltern überlassen, und die Hochzeitgeschenke auf dem vorigen vergönnten Fußembgereichet werden könnten." Bei Kindtaufen sollte nur ein Tisch Gäste geladen und ihnen eine Mahlzeit verabreicht werden. An Geschenken durfte jeder Gevatter für das „Kindbettermahl" ein Viertel Wein und der „Kindbetterin" noch einen halben oder ganzen Reichsthaler spenden. Der von den besten Absichten für das Wohl seines Volkes geleitete Landgraf Ludwig V. betont in seinen Verordnungen wiederholt, „daß durch unmäßigen üppigen Aufwand der edle Segen Gottes, den man nur mit Mäßigkeit und Danksagung gegen Gott brauchen sollte, nicht ohne Verursachung des göttlichen Zorns und darauf folgender Kränkung des Gewissens und der Leibeskräfte durchgebracht und verschwendet würden." Wie wenig dieser fürstliche Apell an die bessere Einsicht des Volkes wirkte, zeigte die Bestimmung von 1618, die anordnet, daß „redliche Personen bestellet werden sollten, die jedesmal bey den Mahlzeiten und Tänzen zugegen zu sehn, und darauf gute Achtung zu geben schuldig waren, damit dabey nichts wider die Verordnung geschehen könnte." Noch hundert Jahre später, nachdem Deutschland einen schrecklichen VerheerUn-gskrieg gesehen, der Tausende von Existenzen vernichtete, muß Landgraf Ernst Ludwig über die herrschende Kleiderpracht, über Uebermaß in Essen und Trinken und „sündlichen Eitelkeiten" llagen. Er sieht sich zu der Verordnung von 1703 veranlaßt, nach der bey Hochk- zeiten den Gästen nur eine einzige Mahlzeit gegeben werden sollte; die Anzahl der Gäste durfte „beym Adel höchstens nur in 40, bey Bürgern höchstens nur in 25, und bey Bauern nur in 18 Personen bestehen, und die Traktamente durften sich bey Bürgern nur auf sechs, und bey Bauern nur auf 4 belaufen." Die Verordnung von 1723 bestimmt über den „Konsumtionsauftvand" bei Hochzeiten, daß Bürgern nur 12 bis 15 Paar Gäste, Bauern 8 bis 12 Paar Gäste einzu- laden, gestattet sei, „und falls die Verwandtschaft stärker wäre, noch eine größere Anzahl einzuladen, und ihnen zwey Tage, jeden Tag ein Hochzeitsinahl zu geben, erlaubt sei, auch den fremden, von entlegenen Orten herzugekommenen Gästen, und den Eltern und Geschwistern der neuen Eheleute noch am dritten Talge eine Mahlzeit zuzurichten." Unmäßigkeit und verschwenderischer Aufwand herrschten auch bei Leichenbegängnissen. Nach den Verordnungen von 1609 und 1625 war „alles Zechen oder unmäßige Fressen und Saufen" bei Begräbnissen unter Androhung von achttägiger Gefängnisstrafe verboten. Nach der Verordnung von 1723 war nur erlaubt, „daß den nächsten Anverwandten, die nach der Beerdigung in das Sterbehaus wieder mit zurückgehen, ein Stück Kuchen oder Brezeln nebst einem Trunk Wein gereichet, und etwa den fremden über Land dazu gekommenen eine Abendmahlzeit gegeben werde." Ausdrücklich verboten waren die unter dem Namen „Leidvertrinken" oder „Trösten" eingerissenen Zechgelage, eine Unsitte, die noch vor 50 Jahren namentlich in vielen ländlichen Orten herrschte. Auch die „Aufwandsgesetze" konnten die herrschenden Mißstände nicht beseitigen. Wiederholt wird' Klage geführt, „daß die vorigen heilsamen Verordnungen aus überhandnehmender Bosheit der Leute, auch Fahrlässigkeit und Konnivenz der Beamten und Diener, so darauf sehen sollen, zurückgesetzt worden, und in Abgang geraten wären." Landgraf Ernst Ludwig rügte gleichfalls, daß die erlassenen heilsamen „Aufwandsgesetze" nicht beachtet würden, weshalb er sich veranlaßt sehe, „ihnen durch ihre Erneurung und Vermehrung mehr Kraft zu verschaffen." Erst mit der zunehmenden Bildung schwanden auch diese Auswüchse der Zeit. Man ist gerne geneigt, sich oft auf die „gute" alte Zeit zu berufen, die durchaus nicht immer gut war. Wendet man ein, mit der Beziehung auf die Vergangenheit wolle man nicht sittliche Zustände berühren, die uns 200 Jahre fern liegen, sondern solche, die etwa zur Zeit unserer Großväter berrschten, so mag man bedenken, daß jede Zeit an Schwächen krankt. In vielen Dingen ist es gewiß heutzutage besser geworden, ohne daß wir die Zustände von heute tn allem als mustergiltig bezeichnen wollen. ~e—1 I. W. Malkah, „der amerikanische Silberkönig", Ivie man ihn allgemein hieß, ist, wie der Telegraph schon berichtet hat, in seiner Londoner Stadtwohnung auf Carlton House Terrace unweit der deutschen Botschaft nach kurzer KÄinkheit im 72. Jahre seines Alters durch den Tod abgerufen worden. Mit ihm schwindet, so lesen wir in der „Köln. Ztg", der letzte der brer Männer von der Schaubühne, die in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch ihre großen Silberentdeckungen, ihren gewaltigen Grubenbetrieb und eine Förderung, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte, die ungeheure Silberentwertung und die Umwälzung in den Geschäfts- und Währungsverhältnissen Indiens, Chinas nnd anderer Länder herbeiführten, deren letzte Rückwirkungen heute noch nicht zu übersehen sind. John William Mackay war ein Sohn der grünen Insel, entstammte aber den harten schottischen Einwanderen, die einst Cromwell in den Norden Irlands als seßhafte protestantische Garnison verpflanzt hatte, und die bis heutigen Tages den rührigsten, betriebsamsten Teil der Bevölkerung Irlands darstellen. Die Familie Mackay war wohl durch Zwischenheiraten im Laufe der Zeit katholisch geworden und hauste in Dublin, als der spätere Silberkönig geboren wurde. Seine Eltern wanderten nach den Vereinigten Staaten aus, als man 1840 schrieb, und als armer Leute Kind verdiente der Knabe schon früh auf den Schiffswerften Newyorks sein ÄCot in harter Arbeit. Er zählte neunzehn Jahre, als 1849 in Kalifornien die neuen Goldentdechungen die Menschheit in Aufregung versetzten und von allen Enden der Erde abenteuerliche Geister unwiderstehlich nach dem neuen Eldorado lockten, und er war bald auch selber unter den ersten Tausenden zu finden, die dort ihr Glück versuchten. Heute sind diese Pioniere, die Neunundvierziger, wie man sie in Amerika nennt, sagenumwobene, in Lied und Roman besungene Gestalten, und Mackay ragte wie ein Urgreis aus dem Heidenzeitalter Kaliforniens in die moderne Gegenwart hinein. Aus seinen früheren kalifornischen Anfängen sei nur kurz erwähnt, daß er in dem ersten Dutzend Jahre mit Hacke und Schaufel als Goldgräber mehrere ganz stattliche Vermögen gewann und im Getriebe der Spekulation auch wieder verlor. Er war unter den wilden Männern der Goldfelder ein ungewöhnlich nüchterner und stetiger Geselle, den seine Kameraden den Puritaner nannten, aber doch in einer gewissen Achtung hielten. Um 1860 kehrte Mackay, der allgemach 30 Jahre alt geworden war und seine Lehrjahre als Bergmann und auf allen möglichen anderen Gebieten hinter sich hatte, Kalifornien den Rücken und wandte sich nach Nevada, zunächst um das Gelände zu erforschen und Studien auf dem Gebiete der neuen Silberentdeckungen der „Comstock Lode" zu machen. Hier wurde er nach einiger Zeit mit zwei andern Neunundvierzigern, I. C. Flood und W. S. O'Brien, zusammengeworfen. Die letzter» beiden hatten ihr Glück auf geschäftlichem Gebiete gesucht und gefunden. * Sie hatten zuerst ein Spezereigeschäft gegründet, auch mit Getränken gehandelt, glänzende Erträge erzielt, waren dann in die Spekulation mit Grnbeuanteileu hmeingetrieben und dort nicht minder vom Schicksal begünstigt worden. Bon Gruben und Grubenbetrieb hatten sie keine Kenntnis. I. W. Mackay, der auf diesem Felde eine zur damaligen Zeit hervorragende Persönlichkeit war, erschien ihnen daher als der erwünschte Verbündete. Im Jahre 1864 gesellten sich die drei noch einen vierten Teilhaber zu, und nun begann für sie der Großbetrieb. In den Gruben Hale und Norcrosss allein brachte ihre Förderung in den Jahren 1865, 1866 und 1867 einen Reingewinn von 200 000 Pfd. St. Dann trat 1868 Walker aus und an seiner Stelle der spätere Senator James G. Fair in das Geschäft ein. Mehrere Gruben der Comstock Lode wurden erworben und unter dem Titel „Consolidated Virginia" verschmolzen. Alles das aber war nur ein Anfang. Mackay hatte die Betriebsleitung in der Hand. Er hatte feilte Theorien über Gang und Lage der Erzader,r und operierte kühn und im großen Stil. Tiefe Schachten wurden ausgehoben. Man ging 600 Fuß in die Tiefe, streß aber nicht aus Silber. Man ging bis auf 1160 Fuß hinab und fand immer noch nicht die gesuchte Ader. Doch Mackay verzagte nichh und trieb in der Tiefe seitwärts einen mächtigen Tunnel durch, bis er zuletzt die erwartete große Entdeckung machte und die beispiellos reiche Silber- 464 — aber fand, die später äks die große BonänKa weltbekannt wurde. Tas war anfanAs der siebziger Jahre. Von nun an wurden fabelhafte Schatze aus dem Schoße der Erde gehoben. In vier Jahren zahlten die Gruben einen Reingewinn von 15 000 000 Pfd. St., in sechs Jahren wurden im ganzen für mehr als 60 Millionen Pfd. St. an Gold und Silber, aber in der großen Hauptsache Silber, zutage gefördert. Mackahs Anteil am Gewinn betrug zwei Fünftel/ und er wurde tu verhältnismäßig kurzer Zeit und in noch jungen Jahren einer der reichsten Leute der Welt. Uns dieselbe Zeit aber ging in der östlichen Welt, in Indien und China, das gan'ze Geschäft infolge dieser Silberfunde aus der, Fugen. Banken verkrachten auf allen Seiten, und die Großkaufleute jammerten, daß sie wohl an der Ware glänzende Gewinne erzielt, aber infolge der Entwertung des Silbers noch viel mehr am Kurs verloren hätten. In den Vereinigten Staaten selbst wurde damals die Silber-- frage geboren, die seither bei allen großen Wahlen die politische Menschheit in Aufregung versetzt hat. Gegen Ende der siebziger Jahre war die große Zeit der Bonanzagruben! vorüber und ihre welterschütternde Bedeutung zu Endg. wenn auch bis heutigen Tages der Ertrag immer noch reich genannt iverden kann. Von Beginn der achtziger Jahre wandte sich Mackay, der bis dahin Bergmann und nur Bergmann gewesen war, anderen Geschäften zu. Tie Bonanza hatte für ihn das ausschließliche Interesse verloren. O'Brien, einer der vier Teilhaber, war 1879 ge? storben. Mackay, Flood und Fair gründeten zusammen mit 10000 000 Doll, die Bank von Kalifornien. Einige Zeit darauf zog sich Fair vom Geschäft zurück. Mit Fwvd zusammen gründete Mackay dann die Bank von.Nevada, die tm Jahre 1887 11000 000 Doll, verlor, weil ihr Leiter Branders sich in toller Weise ag der Weizenspekulation dieses Jahres beteiligt hatte. Ms die Nachricht einging, bemerkte Mackay zu Flood: ,/Tu, alter Junge, es sieht ja fast ansj. als müßten wir wieder anfangen, zu arbeiten." Flood vermochte sich nicht so leicht über den Verlust Hinwegsetzen. Er starb bald darauf, tote man sagte, an gebrochenem Serzen. Im Jahre 1884 machte Mackay sein letztes großes eschäft. Mit Gordon Bennett, dem Besitzer des „Netoyvrk Herald", gründete er die Commereiale Cable Company, die seitdem zwei atlantische Kabel gelegt hat. Einige Jahre später setzte sich dann der Silberkönig zur Rtlhe und lebte zumeist in Europa, vorwiegend in Lonovn, ein anspruchsloser, fast schüchterner, stiller Mann, der ohne viel Lärm' war, auch beträchtliche Käufe in Kunstgegenständen machte, aber seinen eigenen Geschmack hatte. Das Bildnis seiner Gattin, das Meissonier gemalt hatte, zerstörte er ohne weiteres, weil es ihm mißfiel. Mode. Je mehr sich der Wohlstand verbreitet, je mehr sich unsere Lebensformen verfeinern und komplizierter gestalten, umso höhere Ansprüche stellen wir an unsere Kleidung. Die herrschenden Moden werden demgemäß üppiger und' luxuriöser. Vornehm und elegant wirkt aber meist das Einfache. — Die bekannte Halbmonatsschrift „Wiener Mode" übt seit ihrem Bestehen auf den guten Geschmack in Toilettefragen einen veredlerenden Einfluß aus, denk wir die chiee Art, sich heute zu kleiden, zu danken haben. Was das Blatt in den zahlreichen, von Künstlerhand entworfenen Figuren den Leserinnen darbietet, ist durchwegs schön und kleidsam. Außer dem Modeteil besitzt das Blatt einen Handarbeits-, einen Unterhaltungsteil und behandelt Angelegenheiten der Küche und des Hauses. — Mau abonniert bei allen Buchhandlungen, bei den meisten Post- Anstalten sowie direkt beim Verlag der „Wiener Mode^ in Wien VI/2 zum Preise von Mk. 2.50 vierteljährlich. ' Quadratrütsel. AADDEEII INNBBBSS Vorstehende Buchstaben sind in Ouadratform derart zu ordnen, daß vier wagerechte nnd gleichlautend mit denselben vier senkrechte Reihe» entstehen, die Wörter von folgender Bedeutung bilden: 1. Haustier; 2. Fluß in Bayern; 8. Teil des Gesichts; 4. Zahlwort. Auslösung der Geheimschrift in vor, Nr.: (Schlüssel: Für jeden Buchstaben ist der im Alphabet darauffolgende au setzen, für die Zahlen 1—6 die fünf Vokale, also für 1 a, für 2 e ri.) Wer sich selbst Meister ist und sich beherrschen kann, Dem ist die Welt und alles untcrthan. (Flemming.) tedaktion: Curt Plato.— Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erbe») in Giesiett.