Ssinsfag drn 8. Mär;. Ur. 36. 1902. 7 |llp, »SÄfrjlM&gSSÖM 361-: K. A. Döring. Dich ermutigen, erheitern, Mit dir eilen himmelan. iWolche wähle zu Begleitern Auf des Lebens Bahn, Die dein Herz und deinen Geist erweitern, Nachdruck verboten. Ein verhängnisvoller Ring. < Novelle von E. Hainberg. (Fortsetzung.) Hella streicht sich die Stirn, als könne sie mit dieser Bewegung eine sie peinigende Erscheinung verscheuchen. Träumt sie, oder verfolgt dieses Schreckgespenst fte auch iw Wachen Zustand? ,, , , Plötzlich ergreift sie die Hand der Freundin und umfaßt diese mit festem Druck. Sie öffnet den Mund, scheint um Worte zu ringen — indes die Stimme,versagt ihr. Endlich stößt sie gewaltsam hervor: „Der Ring, woher hast Du ^eU Käthe' hat sie erstaunt, beängstigt betrachtet. Nun wirft sie einen zärtlichen Blick auf den Ring an ihrem Frnger. „Ein Geschenk meines Verlobten", antwortet, sie. , Deines — Verlobten?!" Hella versinkt m Schweigen, ihre "Pulse jagen, und h inter ihrer Stirn hämmert es. Der Ring, ihr Ring! Wie kommt derselbe an Käthes Hand, oder vielmehr in die ihres Verlobten? war der Kreislauf ihrer Gedanken. „Hella, was hast Du?" tönt Käthes Stimme an ihr Ohr. „Was ° weißt Du von dem Ring, warum scheinst Du so erschrocken, ihn an meiner Hand zu finden?" „Ja", besinnt sich Hella, „laß uns ruhig darüber reden. Doch vorerst zeige mir ihn einmal genauer." Käthe streift den Ring von ihrem Finger. Ein Schrei ringt sich unwillkürlich von Hellas Lippen, im Innern des Ringes sind die Initialen verschwunden, offenbar neuerer Zeit durch eine dünne Goldplatte bedeckt, die sich deutlich von dem eigentlichen Ring abhebt. Hella fährt sich über die Stirn, als könne sie so ihre Gedanken ordnen, die wild durcheinander kreisen.. Hat Loß- berg abermals und nun für immer sich des Ringes entäußert? Oder — Wlmächtiger, existiert ein Doppelgänger des Ringes? O, wer ihr darüber Aufschluß geben konnte! „Kannst Du mir nicht sagen, Käthe, wo Dein Verlobter den Ring erstanden hat?" „Deine Fragen und Dein Benehmen ist sehr sonderbar, Hella; zufällig kann ich Dir aber die letzte Frage beantworten, und Du wirst mir dann die Erklärung nicht langer vorenthalten, was Dich zu all diesen: veranlaßt. Also den , Ring hat mir Kuno von seiner letzten Reise mitgebracht und Holthaus saß noch, eine urteile/7 Sie erzählte ihm nun alles, was in jenen kurzen Augenblicken zwischen Loßberg und ihr gesprochen war und wie fte zuletzt den Ring erblickt und in fassungslosem Eritsetzen rhn verlassen habe, ohne in jenem Augenblick auchnurdaranzu denken, daß gerade jener Ring an ferner Hand em Beweis seinM Unschuld für sie hätte sein müffen. r , finßfiiiiiä fast noch eine Weile in Gedanken verloren« bei V . . . in Berlin erstanden. Auch will ich Dir verraten« daß das Alter des Ringes bereits ein ganz ehrwürdiges ist, wie Dir die feine Ciselimung vielleicht schon verraten hat, dergleichen Arbeiten sind heutigen Tages selten. Darf ich nun Deine Gegenäußerung hören?" . „Erlaß mir das vorerst, Käthe, es ist, nicht mem,Geheimnis allein, später sollst Du alles hören. Docy fetzt, darf ich Dich bitten, mir den Ring auf einige Minuten zu überlassen, ich möchte ihn gerii meinem Vater zeigen. „Selbstverständlich", gab Käthe zurück. — „Lieber Vater", mit diesen Worten betrat Hella des,en Zimmer, „sieh Dir einmal diesen Ring an. Käthe Horst trägt ihn als neuestes Geschenk ihres Verlobten am Finger. Wie ist das nur möglich, kannst Du den Zusammenhang begreifen?" ,, , ,, Holthaus nahm den Ring und betrachtete ihn genau. „Unzweifelhaft unser, Dein verlorener Ring, die Initialen sind verdeckt, aber die davor gelegte Platte ist leicht als solche zu erkennen. Aber was wundert Dich dabei? Der erste — Besitzer hat, wie Du siehst, mein Kind, ihn nun doch zu Geld gemacht — wie ich Dir voranssagte." „Unmöglich, Vater! Wie hätte er da? wagen dürfen, nachdem — nein, Vater, das ist ganz ausgeschlossen, wenigstens von demjenigen, welchen Du als den ersten Besitzer vermutest." , ,, , . „Warum ausgeschlossen, Hella, nimmst Du noch immer dessen Partei?" c m „Jetzt muß ich es, lieber Vater, und wenn Du, gehört hast, was ich Dir bisher verschwiegen habe, so wirst Du mir recht geben." , „Was hättest Du mir verschwiegen, Hella?" . Du erinnerst Dich noch des Abends, als ich auf Dein Zureden den Hausball bei Frau Griefenhagen besuchte." „Nur zu wohl", bestätigte Holthaus, „wärest Du doch seit jenem Tage eine völlig andere " „Ich traf Loßberg an jenem Abend auf dem Balle und habe mit ihm gesprochen." c „ Holthaus fuhr auf: „Er.wagte es, der — E — , „Sprich das Wort nicht ans, ich glaube, Du wurdest em Unrecht damit begehen." • „Schon wieder dieser Wahn, Hella, fetzt, nachdem —, „Nachdem ich meinen Ring wiedergefunden habe, willst Du sagen. Ja, denn er ist mir jetzt der Beweis, daß Lohberg nicht der — Dieb ist." „Wie willst Du das erHären?" ,So höre mein Geheimnis, Väterchen, und dann —: — 142 nachdem Hella geendet hatte, dann hob er an: „Es war unrecht, mein Kind, mir das verschwiegen zu haben, doch will ich Dir weiter keinen Vorwurf darüber machen, sondern es Deiner erklärlichen Erregung zu gut halten, will Dir auch ferner zugeben, daß ein Tragen des gestohlenen Ringes zu einer Zeit, wo er eingestandenerweise mit Dir zusammenzukommen hoffte, eine kaum zu erklärende Dummheit von seiner Seite gewesen wäre. Doch was können uns jetzt diese Erwägungen noch nutzen, jetzt, nachdem bereits ein Jahr seit jenem Vorfall verflossen ist?" „Aber, Väterchen, wir haben ihn doch beleidigt auf eine geradezu unerhörte Weise. Wollen wir das so ohne weiteres auf uns sitzen lassen?" „Du vergissest, Kind, daß bis jetzt noch nichts erwiesen ist, ich will nicht leugnen, die Wahrscheinlichkeit scheint ja zu Gunsten Lohbergs zu sprechen, doch erwiesen ist damit noch nichts." „Wer Du wirst dem nachforschen, lieber Vater; das läßt sich ja jetzt leicht, da wir den Verkäufer kennen, ermitteln." Nun ja. Ich hätte zwar am liebsten die ganze Angelegenheit vergessen sein lassen. Die Sache war für mich abgethan. Und was willst Du denn, wenn sich nun in Wirklichkeit unser Verdacht als unbegründet erweisen sollte, was wir thun sollen? Willst Du ihn etwa wegen jenes Verdachtes um Verzeihung bitten?" „Wäre das nicht Schuldigkeit? Wir haben ihn so sehr beleidigt, daß diese Sühne nur gerecht wäre." „Wer, Kind, bedenkst Du denn nicht, daß eine solche Art der Entschuldigung nur eine neue Beleidigung wäre, schlimmer als die erste?" „Vielleicht", sagte Hella, „dennoch darf uns das nicht abhalten, unser oder wenigstens mein damaliges Verhalten zu erklären." „Wer, Kind, was würdest Du damit gewinnen?" „Wenigstens könnte er mich alsdann nicht mehr für launenhaft halten, wie er jetzt jedenfalls thun wird." Holthaus beugte sich zu Hella nieder, faßte sie um die Schulter und fragte in zärtlich besorgtem Ton: „Liegt Dir denn so viel an seiner Meinung, mein Kind?" „Ich möchte mich ihm gegenüber entlasten, mich erdrückt die Schuld, die ich mir durch mein unüberlegtes Thun aufgebürdet habe." „Ich verspreche Dir wenigstens, die Sache klarzulegen, Hella." „Dank, lieber Vater!" „Nun gieb einstweilen Fräulein Käthe den Ring zurück, das weitere wird sich dann finden. Einige Wochen später, um die Mittagsstunde, klopfte Loßberg bei Holthaus an und wurde in den Empfangssalon geführt, wo nach wenigen Minuten der Herr des Hauses erschien. „Sie sehen", begann Loßberg, „ich bin sofort aus Ihr Schreiben hierhergeeilt." Holthaus verbeugte sich leicht. „Ich würde, wenn Ihnen das nicht gepaßt hätte, auch die Reise zu Ihnen unternommen haben." „Bitte, ich that das gern, und Sie können nach der Schnelligkeit, womit ich Ihrem Rufe gefolgt bin, ersehen, wie sehr mir darum zu thun ist, Aufklärung über mir Unbegreifliches zu erhalten, den Grund im Wechsel Ihrer Gesinnung mir gegenüber zu erfahren." „Sie sind zu dieser Frage wohlberechtigt, Herr von Loß^- berg, dennoch wird es mir schwer, Ihnen diesen mitzuteilen. Derselbe ist nicht nur beschämend für uns, sondern er läßt mich auch befürchten, daß? Sie in der Wiedergabe desselben eine neue und schwerer wiegende Beleidigung erblicken könnten. Wenn ich" dennoch mich zu dieser Erklärung entschlossen habe, so geschieht dies auf dringenden Wunsch meiner Tochter, welche sich Ihnen gegenüber schwer belastet fühlt und behauptet, nicht eher wieder Ruhe finden zu können, bis Ihnen eine Erklärung Ihres sonderbaren — ich muß gestehen, in Ihren Augen wohl mehr als unhöflichen Verhaltens — geworden sei. „Im voraus aber bitte ich Sie: Urteilen Sie milde, rechnen Sie mit den menschlichen Schwächen. Wir sind alle unvollkommene, allen möglichen Irrtümern unter- worfene Menschen, die wohl das Beste wollen, aber in ihrer Blindheit gerade das Gegenteil herbeiführen." Loßberg hatte in kerzengerader Haltung dieser langen Einleitung gelauscht. Die Einladung zum Sitzen hatte er abgelehnt, so standen sich die beiden Männer gegenüber Auge in Auge. Und mit steigender Verwunderung nahm Loßberg wahr, wie die Blicke des älteren Mannes sich vor den seinen senkten, oder zur Seite wichen. Es niußte Schweres sein, was man bis dahin vor ihm verborgen hatte. Eine peinliche Pause war zwifcheu beiden Männern ein- getreten. Holthaus schien die Ausführung der übernommenen Aufgabe unendlich peinvoll. Aber ebenso sehr drängte es Loßberg, nun endlich Klarheit zu erlangen und dieser überaus unangenehmen Situation ein Ende zu wünschen. So entschloß er sich zu der Mahnung: „Darf ich nun um jene Erklärung bitten, Herr Holthaus." „Sie haben recht", entgegnete dieser, „zögern wir nicht länger mit dem, was sein muß." „Sie erinnern sich wohl der letzten Geburtstagsfeier! meiner Tochter?" „Sehr lebhaft, Herr Holthaus." „Also an jenem Wend kam auf unerklärliche Weise ein wertvoller Ring, den ich an diesem Tage meiner Tochter, als altes Familienstück ihrer verstorbenen Mutter, übergeben hatte, abhanden." „Die begleitenden Umstände ließen den Diebstahl nur auf einen der Gäste zurückführen. Es stand von vornherein fest bei mir, nichts von diesem peinlichen Vorfall verlauten zu lassen, aber nachforschen wollte ich doch im stillen, wem ich solche That zutrauen durfte. Da brachte mich dieser Vorsatz eines Tages, oder vielmehr Wends, zu einen: bekannten Pfandleiher, den Namen brauche ich Ihnen nicht zu nennen. Als ich den Flur betrat, hörte ich Stimmen in dem Geschäftszimmer. Ich beschloß deshalb, hier draußen zu warten, bis der Besucher sich entfernt habe; denn meiner Wsicht lag es ja fern, hier gesehen zu werden." „Die dunkle Ecke neben einem Schrank verbarg mich denn auch den Blicken des bald darauf sich Entfernenden. Nicht so glücklich war jener- denn das Licht der Straßenlaterne, das beim Verlassen des Hauses voll auf sein Gesicht fiel, verriet mir die wohlbekannten Züge eines jungen Offiziers, und dieser Offizier waren Sie, Herr von Loßberg." Loßberg sah den Sprecher scharf an; er! wollte eine Frage stellen, doch der andere kam ihm zuvor, indem er! fortfuhr: „Unmittelbar darauf betrat ich das Geschäftszimmer." (Fortsetzung folgt.) Nur eht Buch. Novellette von B. Herwi. (Nachdruck verboten.) Ter Schnee fiel in' dichten Flocken. Das schwarze, eiserne Gitter, das Garten und Haus umgab, war schon ganz weiß geworden . . . der Gang von der Pforte bis zur Eingangsthür des Häuschens zeigte durch die Fußspuren regen Verkehr. Tie Sonne, die Sonntagssonne wollte gar nicht zum Durchbruch kommen, nur hier und da zeigte der graue Himmel lichteren Glanz. den kahlen Zweigen der hohen Bäume wie der niedrigen Sträucher hockten die Vögelchen und zogen die kleinen Köpfe ein, als wollten sie ""sich vor den schweren Schneeflocken schützen. Still war's umher. Abseits vom Getriebe der Stadt lag Haus' und Garten, die zum Besitz der Universität gehörten, und von dein! jeweiligen Professor der Botanik bewohnt wurden. „Professor Born", so stand auf dem kleinen Messingschild an der Mauer. Eine altmodische Klingel hing daneben, die eben leisä gezogen wurde. „Frau Professor, Besuch kommt", hatte die alte Tienerin gemeldet, „ein Herr steht draußen... im Pelz, ich kenn' ihn nicht, er kuckt sich alles so sonderbar an . ." „Gehen Sie ihm entgegen, Josefine, fragen Sie nach seinem Begehr, er will vielleicht in's Laboratorium." Eine tiefe Stimme ertönte: „Frau Professor zu sprechen?" Eine dabei überreichte Visitenkarte nahm die Alte iU Empfang. „Wer Jinchen, kenn Sie mich, denn, gar nrcht mehr «s 143 nicht mehr Len „Axistenten" vom Herrn, wie Sie mich immer genannt haben?" „Erbarmen Sie sich- Herr Doktor, Sie sind's . . . Aber so braun gebrannt, itnb so ... . so anders . . . so männlich . . . mit dem vollen braunen Bart... so bildschön! . . ." Der Fremde lachte, und drückte der treuen Seele die Hand. „Ich bin lange fort gewesen, Finchen, über zwei Jahre — und als das Unglück hier im Hause war, — so fern, — daß mich die Trauerkunde erst nach Monaten erreichte . . . dies liebe Haus, muß ich es so Wiedersehen." „Und niuß ich Sie so Wiedersehen, teure Frau!" — Das waren wenige Minuten später seine Begrüßungs-- ivorte, als er der bleichen, schlanken Frau in den düsteren Trauergewändern gegenüber stand, und ihr verehrungsvoll die Hand küßte — „mein väterlicher Freund, mein Meister . . . weggerafft, lange vor der Zeit — was haben Die durchgemacht!" „Viel Schweres, lieber Gerhart, so darf ich Sie doch noch nennen, — ich glaubte, zu erliegen, und habe es doch ertragen ... die Kinder waren ja da. . . ich durfte mich nicht wegstehlen, wenn ich es auch gern gethan .hätte. . . Sie kannten ja unser Leben, Gerhart." „Volle sechs Jahre durfte ich mit ihm sein, an seiner Seite arbeiten, ihm in der Universität lauschen. . . und die schönsten Stunden in seinem Familienkreis verleben . . . o, wie heimelt mich jedes Stück an in diesen Wumen!" „Wir müssen sie bald verlassen, lieber Freund — nur ausnahmsweise hat man uns bis Ostern hier gelassen, weil der Nachfolger noch nicht ernannt, wenigstens wissen wir hier nichts davon . . „Er ist ernannt, Frau Professor, und — er hat die Berufung angenommen, es ist. . . ein guter Bekannter von mir, und in seinem Auftrag soll ich Sie ersuchen, hier zu bleiben, so lange es Ihnen behagt, und keinesfalls noch im Winter an einen Umzug zu denken. Nicht wahr, das Versprechen geben Sie mir. Und nun sagen Sie mir von den Kindern, wie geht es den Knaben, und wie Hilde; in den zwei Jahren werden sie sich wohl sehr verändert haben. . Tie Frau nickte. „Tie Jungen sind frisch und munter: zur Eisbahn find sie, und tummeln sich dort; sie begreifen ihren Verlust nicht, aber Hilde, ach, sie ist ein ernstes, ziel- bewußtes Mädchen geworden, fast zu ernst für die zwanzig Jahre, die sie heute vollendet. . ." „Heut ist ihr Geburtstag, ich wußte es wohl, ich habe mich absichtlich so mit meinem Kommen eingerichtet ... ist sie nicht hier?" „Nein, Gerhart, sie ist auf den Kirchhof gegangen, sich den 'Glückwunsch des Vaters zu holen . . . Ach, sie weiß, worauf es jetzt ankommt . . . die Pension ist klein — Sie kennen ja unsere Verhältnisse; sie hat ihr Examen gemacht, und will nun weiter studieren ,. /'• Er hob erschreckt den Kopf. „Studieren! Das zarte Kind!" „Sie hat mir die Erlaubnis abgerungen; dabei lernt sie schwer, die toten Buchstaben wollen ihr nicht in den Kopf — ja — draußen im Freien mit bei» Vater jeden Strauch, jede Pflanze kennt sie, den Ursprung, die lateinische Bezeichnung, den Nutzungswert; Botanik ist ihre Welt, es ist ihr wie ein befohlenes Heiligtum, weiter zu wandeln, so viel ioie möglich in des Vaters Fußstapfen ... am liebsten wiirde sie Ilpothekerin werden, sie hofft, daß es freigegeben wird- . . . Hier, lieber Gerhart, sehen Sie auf dem Geburtstagstisch. . . nur Bücher, Bücher in den neuesten Ausgaben, die mein Mann noch nicht besessen . . . und ... es brauchte ja gar nicht zu sein, — wenn das Kind nur wollte... ach ... . Gerhart, es ist alles so anders, seitdem die zwei Augen sich geschlossen." Sie weinte, dann aber bezwang sie sich. „Ihnen kann ich ja alles sagen. Es bewirbt sich ein lieber, prächtiger Mann um Hilde. Beim Examen hat er sie kennen gelernt... ein Oberlehrer — gleich darauf hat er mir geschrieben, ich mußte doch mit ihr sprechen ... da hätten Sie Hilde sehen sollen, — ernst, und fest, und abweisend ... als ob man eine Sünde von ihr forderte — doch still, ich glaube, sie ist eben nach Hause gekommen." „Es ist ein Herr drin bei Mama", hatte die alte Köchin draußen geheimnisvoll gesagt „Ein Herr? Fine, kenn' ich ihn?" „Ich sollte meinen!" „Ter Oberlehrer?" „Kann's nicht sagen, geh'» Sie man rein? „Gewiß Er. . . schrecklich; da möchte ich lieber nicht —" „Aber die Frau Professor hat schon nach Ihnen gefragt, Fräuleinchen . . ." Tie Alte öffnete weit die Thür und schob sie förmlich hinein. „Hilde, wo bleibst Du denn so lange?" — trat ihr die Mutter entgegen; „wir haben einen lieben Gast." Tas junge Mädchen verneigte sich, ohne aufzublicken. Tas zarte Gesicht war wie mit Blut übergossen, als ob sie die verlangenden Blicke des ungeliebten Mannes auf sich ruhen fühlte. „Hilde, ist das Deine ganze Begrüßung?" — die Mutter fragte es, ärgerlich über das sonderbare Benehmen der Tochter. — „Deine ganze Freude?" Tie kalte, helle Wintersonne schien nun wirklich in den Erker, in dem der Fremde stand. Hilde sah auf ... es blendete sie anfangs; dann wurden die Augen groß und größer, wie erstarrt blieb sie stehen. „Gerhart!" schrie sie auf, -„Gerhart . . . großer Gott, ist es möglich ... ein Traum. . ." Und sie streckte die Arme ihm entgegen, und sie duldete es, daß er sie umfing, und einen Kuß auf die Stirne! drückte — leise . . . und doch zärtlich. Tann aber — wie aus dem Traum erwacht, entriß sie sich ihm, flüchtete zur Mutter und — einer Entschuldigung gleich — flüsterte sie ihr zu: „Ich glaubte... es wäre der. . . der Oberlehrer!" „Närrchen Du", schalt die Frau, „da kennest; Du den stolzen Mann schlecht, der kommt nicht wieder, wenn Du ihn nicht rufst." Ein seltsamer Schimmer breitete sich über des Mädchens Züge — wie verklärt sah sie aus. Sie schüttelte den Kopf. „Nie, niemals!" sagte sie leise. Und neue Wiedersehensfreude gab es, als die Knaben Freddy und Rolf von der Eisbahn nach Hause kamen; sie brachten der Schwester Schneeglöckchen mit. „Erste, italienische. . ." wie sie versicherten. Josesine erschien mit Wein und Kuchen. Die alte Person hatte das Recht, auch ungefragt zu sprechen, gehörte sie doch schon seit langen Jahren zur Familie. . . „Wenn Sie ihr das blos ausreden könnten, Herr Doktor —" vom Studium war die Rede — „die Frau Professor ist zu schwach, und giebt allem nach. Unser Herr — der hätt's nie erlaubt, der war zu vernünftig dafür — ich weiß, wie schwer es der Hilde wird, ja . . . winken Sie mir nicht zu, ich sage es doch —■ Hildechen, wenn Sie auch böse werden. Die halben Nächte hat sie gelernt, und wie oft habe ich sie überhören mässen... bie Farbenlehre wollt ihr nicht in den Kopf. Du meine Güte, nun frag' ich Sie, Herr Doktor, was braucht so'n junges Ting, das nicht mal Maler werden will — von Farbenlehre zu wissen? Grüne Hechte und blaue Karpfen, vielleicht noch rote Grütze, das ist die beste Farbenlehre, davon kann sie später mal Nutzen haben. Na, und jetzt das Ochsen mit all' den Kräutern, für'» Tod ist doch kein's gewachsen. Wenn uns're Hilde Petersilie kennt, und Till und Schnittlauch — bann weiß sie genug, denke ich." Ganz aufgeregt nahm bie Alte bas Brett mit dem Geschirr, und verließ das Zimmer. Tie Stimmung der kleinen Gesellschaft war dabei recht heiter geworden. „Na, die hat's Ihnen aber gilt gegeben, Hilde", lachte Tr. Gerhart, „Hilde, oder muß ich Fräulein Hilde sagen — Sie nennen mig; ja auch so steif und förmlich Herr Doktor. Waren wir nicht früher wie Bruder und Schwester? . . . kommen Sie hier in den Erker, lassen Sie uns plaudern . . . sagen Sie mir, seit wann ist denn der Gedanke des Studiums so ernst in Ihnen geworden?" Sie standen beide aut Fenster, und blickten in den verschneiten Garten hinaus. , „Seitdem das Unglück über uns gekommen, fettbent mein Vater tot ist. . . icy muß versuchen, so vtel tote möglich selbständig zu werden, ich habe kerne Talente, die mir den Weg bahnen konnten.. . so hoch geht ja- 144 mein Flug nicht, Aerztin werden zu wollen, wie so manche meiner Freundinnen ... ^as würde ich nicht leisten können, darüber bin ich mAklar . . . aber an Apothekerin dachte ich — man hofft ja, daß dies für uns Frauen bewilligt wird. Botanik möchte ich studieren. . . dafür interessiere ich mich; ich bin ja immer dem Vater zur Hand gegangen . . . Sie wissen's doch noch . . - und jedes Blümchen kenne ich, und jedes Kraut ... es werden ja noch Jahre darüber hingehen. . . aber ich will so fleißig sein, so fleißig, damit ich mein Ziel erreiche, und Mutter entlasten kann/' „Vertrauen gegen Vertrauen, Hilde! Auch ich will Ihnen etwas beichten — Sie allein sollen es vorher wissen . . . ich, ich bin der Nachfolger Ihres geliebten Vaters, mich hat man aus fernen Landen heimberufen, den Professortitel haben sie mir für meine Schriften gegeben . . . hier... in diesem lieben, alten Hause soll ich wohnen; ich habe es Ihrer Mama schon angedeutet, daß sie nicht heraus soll, vorerst nicht, und — später — nun wie Gott will, — ich brauche ja nur wenige Stuben für mich, und . . . für meine Frau." „Für Ihre Frau. . .?" — tonlos sprach Hilde es nach. — Tie braunen Augen, die schwermütigen, die bei seinem Bericht so geglänzt hatten, waren plötzlich wieder ganz traurig geworden. „Ja . . . für meine Frau . . - noch ist's ja nicht so weit, sie weiß es kaum, wie ich sie liebe, immer geliebt habe . . . aber, man muß an die Zukunft denken . ., nicht wahr . . . und deshalb . . ." „Ja . . . deshalb . . . Herr Doktor — und au die Zukunft. . . Sie sagen es ja auch, aber — ob Mama es annehmen wird . . . ich wenigstens, ich kann nicht bleiben ... ich muß fort von hier. . . fort, fort, /'■ Hilflos sah sie sich um. „Für jetzt muß ich mich verabschiedeir, Fräulein Hilde. Ich darf nachher wiederkommen; Ihre liebe Mama hat es mir gestattet. . . Und den rechten Glückwunsch zum Geburtstage habe ich noch gar nicht gesagt ... ich muh Ihnen auch etwas schenken. . . nein? Sie wollen nichts . . . gar nichts. . . Hilde . . . Etwas müssen Sie von mir aunehmen, weil Sie sich nichts anderes wünschen . . . nur Bücher ... da darf ich dann auch ein Buch bringen nur ein Buch... zu Ihrem künftigen Beruf. . . ja?" Sie nickte hastig, dann entriß sie ihm die Hände, und eilte davon. Lange sah er ihr nach. „Tu, mein scheues Lieb . . . hast Dich ja doch verraten . . . gleich beim ersten Anblick. . . wie will ich Tich lieben. Dich hegen!" In Gedanken versunken ging er fort. Er sagte nicht einmal der alten Josefine Lebewohl. Tie hantierte in der Küche heruin, und lachte über's ganze Gesicht. ,^ch merk's, ich merk's ... na, wenn das nicht noch heute eilt gottgesegneter Geburtstag wird!" Und die Stunden rannen durch den Tag. Die Freundinnen kamen zu dem Geburtstagskinde, brachten ihr allerlei Liebesgaben, und suchten Hilde froher zu stimmen; aber es gelang ihnen nicht... sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. . . denn von der Bewerbung des Oberlehrers war allerlei laut geworden. Er hatte es damals auch gar zu offenbar gemacht mit seiner Huldigung. . . . Aber es war nichts zu sehen von ihm, nicht einmal besonders schöne Blumen. Tie kamen später; die brachte Dr. Gerhart, der schwer bepackt damit ankam. Josefine mußte immer mehr und mehr aus der Troschke herausholen . . . Pakete. . . Kisten . . . Blumen ... die schönsten Frühlingsblüten . . . Hyacinthe», Tulpen, Veilchen, auch ein Myrteutöpfchen fehlte nicht. Tann entpuppten sich prachtvolle Geschenke für die Knaben, in fernen Ländern für sie gesammelt. . . für .Hilde blieb nur ein kleines Päckchen übrig, das gab ihr der Toktor, nachdem er die duftenden Töpfe aus dem Geburtstagstisch geordnet, und den Tank des Mädchens entgegen genommen hatte. „. ,. Und nun habe ich Ihnen noch etwas mitgebracht, Hilde", — sie standen jetzt beide allein in dem geschmückten Erker, der Schnee hatte längst aufgehört, die Natur ins weiße Wintergewand zu hüllen; und es konnte ein Fenster geöffnet werden — es war, als dränge ein frischer, belebender, weicher Frühlingshauch ins Gemach; die Blumen dufteten, wie im Lenz, und mit diesem Duften und Hauchen und Wehen kam es leise, fast verstohlen ins Haus. . . das .... was ihm so lange gefehlt hatte — das Glück. Tie Mutter ahute sein Kommen. Sie stand vor dem Bilde des Gatten, hielt die Hände gefaltet und flüsterte: „Sollte Dein heißester Wunsch in Erfüllung gehen, Geliebter?" Und die Alte in der Küche überlegte, was sie wohl zum Abendbrot Herrichten müßte; denn mit rechten Dingen ginge das da drin nicht zu. . . und wenn der Himmel nur ein Bißchen Einsehen haben würde . . . ein paar Hühnerchen sind wohl das beste. . ." „Und nun habe ich Ihnen nur dieses Buch mitgebracht, Hilde", sprach Dr. Gerhart, „und wenn Sie das heut gern von mir annehmen, und zu dem Zwecke annehmen, den ich mir dabei gedacht, — dann — Hilde — dann bin ich. der seligste Mann auf Erden. . . und dann, zieht bald hier oben die kleine Professorin -ein, . auf die ich längst gehofft, .» . schlag' das Buch auf, geliebte Hilde, schlag' es auf..." Sie zitterte, ganz blaß wurde sie dabei... die Hände vermochten es kaum zu halten. „Ein K o ch b u ch", flüsterte sie. „Das — das für mich?" „Ja, das möchte ich Dir schenken, mein Liebling, zu dem Beruf, der am meisten für Dich paßt, zu dem einer jungen Hausfrau. Du, nur Du sollst im alten Haus mit mir leben, aber keine Mixturen sollst Du brauen; nein, kräftige Speisen und allerlei gute Sachen mußt Tu kochen lernen nach den Rezepten, die hier stehen. . . Mädchen . . . Hilde. . . Geliebte, sage mir, soll es so sein?" Sie lag in seinen Armen, an seiner Brust, das gequälte Herz von unsagbarer Seligkeit erfüllt. „Mutter, giebst Du sie mir?" fragte er daun die erschütterte Frau, zu der sie geeilt waren. „Du haft sie Dir ja schon genommen, mein Sohn — aber ich bin zufrieden, und der da" ... sie zeigte auf das von Tannenzweigerr umringte Bild. . . „der ist's auch. . . das kann ich Euch sagen." „Hilde hat Geburtstag", jubelte Freddy — „und wir haben dabei die schönsten Geschenke bekommen, und nun zu guterletzt noch einen Schwager." „Und wir brauchen nicht fortzugehen von dem Garten' und dem Teich, und den Gewächshäusern. . . Hurrat" rief der kleine Rolf, und schlug die Hände froh zusammen. Tie alte Josefine stand von weitem, und hielt die Schürze vor die Augen, und schluchzte hinein: „So ein Mann, so ein Mann... ein Kochbuch, an was der nicht alles denkt. Aber meine geschriebenen Rezepte... die kriegen Sie auch, Hildecheu, und wenn Sie mal was nicht wissen, dann kommen Sie man zu mir — die alte Fine wird schon helfen. Und jetzt, na Herr Toktor, jetzt braten wir die Hühner. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) '?7 Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Bnch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,