Nr. 21. 1902. I sj f in guter Ruf ist wie ein stattlich Haust Das baut sich, Stein um Stein, allmählich anZ. Doch mit gewissenloser Hand Jni Nu steckt es ein Lump in Brand. Heinrich Lenthold. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Lndolff- (Fortsetzung.) Freundlich blickte Clarita ihren jungen Freund an- „Fürchten auch Sie sich, Feodor Iwanowitsch? Glauben auch Sie an die Gespenster, womit der Aberglaube der Dienerschaft den alten Bau bevölkert?" Scheu, verlegen wich Feodor Claritas Blick aus, indes er fest flüsterte: „Dort ist — Wladimir gestorben! O Clarita, es war damals so schaurig. Seitdem sind in dem alten Bau alle Zimmer abgeschlossen, selbst Mama hat sie nie mehr betreten, und wissen Sie, Clarita, es ist auch der Grund, weshalb Mama alle Liebe für Ornatoffsko verloren hat- Die Erinnerung ist ti)r zu peinvoll; sie haßt das Gerede der Dienerschaft, und fie hat streng verboten, von dem Hausgeist zu sprechen. Die Leute thun's aber doch, und gestern noch erzählte der greife Jwaz, um Mitternacht durchwandre ein ruheloser Geist den alten Bau, er selbst habe zuweilen einen Hellen Schein gleich einem Irrlicht hinter den Fensteril hergleiten . sehn." „Aber Feodor, Sie werden doch auf solchen Aberglauben, von' dem die Leute hier scheint's überall erfüllt sind, keine Minute lang achten ? Sie sind ja bald ein Mann und wollten sich fürchten gleich einem unverständigen Kinde? Das sieht Ihnen nicht gleich. Lassen Sie uns sofort den Gang unternehmen, weder Sie noch ich fürchten den Hausgeist, oder doch?" Clarita lachte bei der letzten Frage, und des Knaben Stirne überzog die Röte der Scham. Was ihn bislang scheu gemacht, floh vor Claritas ermutigenden Worten, und die in ihm schlummernde, knabenhafte Lust zum 'Abenteuerlichen gab schnell dem Vorschlag einen eigenen Reiz. Mit Clarita zusammen empfand er keine Furcht, und sobald nur einmal Neugierde und Lust zu dem Unternehmen bei ihm geweckt war, erschien es ihm selbst interessant- „Ja, Clarita", bestätigte er herzhaft, „Ihre Idee ist gut: ich will Ihnen den alten Bau zeigen, doch erst muß ich dazu Taliana Petrowna die Schlüssel abschmeicheln." „Bringen Sie aber Taltana selbst nicht mit", bat Clarita; „wir beide finden uns schon allein zurecht, wir brauchen niemanden dazu — lassen wir auch die andern bei ihrem Spiel," Die andern ließen sich darin auch gar nicht ftörett, Lisavctta war zu rauschender Musik übergegangen, welche das Zwiegespräch int Nebenzimmer, sowie die Entfernung der beiden von dort unhörbar gemacht; während die Schach- spielenden gleichfalls tticht darauf geachtet hatten, mit solcher Zähigkeit kämpfte Madame Duflois gegen das drohende! „Matt" an. Flink erreichte Feodor die unteren, von der Dienerschaft bewohnten Räume- In ihrer eigenen Stube, woselbst alle den Haushalt dirigierenden Fäden ans- und wieder zusammen liefen, thronte Taliana im Vollbewußtsein ihrer Unentbehrlichkeit und Würde. Von der Wichtigkeit ihrer Person war niemand so überzeugt wie sie selbst; sogar ihr Manu nicht, der Gutsintendant- Er war kein zugänglicher Mann, eher mürrisch, jedenfalls sehr schweigsam- Seine Frau sprach deshalb für ihn mit, doch nur, was sie wollte. Sie gehörte zu den fingen Frauen, die sich selber nie vergessen. Sie verstand, ihre Leute zu behandeln, und selbst bet der stolzen Herrin Wera Sergewna hatte sie einen Stein im Brett. Die Barinitschi vertraute ihr ganz und überließ ihr völlig das Regiment über die zahlreiche Dienerschaft. So fühlte Taliana sich als Herrin int kleinen, als welche! sie natürlich auch ihre Liebhabereien besaß- Dazu gehörte vorab Besuch, mit dem sich nach Herzenslust schwatzen ließ. Auch heute hatte sie solch erwünschten Gast. Die Popadja,. des Popen Gattin, aus dem nächsten Dorfe hatte sie heim- gesucht, und die beiden Damen befanden sich bei schäumendem Bier und frischgebackenem Gebäck äußerst behaglich. Keine von ihnen verschmähte das beliebte Getränk, wobei die Unterhaltung über einen neuen Frauenkopfputz sich in vollem Fluß erhielt- Diesem Umstande blieb es wohl zu danken, daß Claritas Wunsch Erfüllung fand und Feodor ohne Umstände zu den notwendigen Schlüsseln gelangte- Taliana horte weder ihn noch sein Begehren, da Duina, eine flinke, junge! Dienerin sich leicht von dem jungen Bärin bereden ließ- ihm das Gewünschte auszuhändigen. Er war ja der Bärin, und wenn er die. Schlüssel verlangte, konnte selbst Taliana! Petrowna sie ihm nicht verweigern- Davon überzeugt, bereifte sich die leichtfüßige Duina, gefällig zu sein, und Feodor nickte ihr gnädig zu, indes er behende davon sprang- In innerer Erregung erwartete ihn Clarita; nun schritten die beiden leise miteinander plaudernd den langen Gang nach! dem alten Bau hin- Um in dessen erstes Stockwerk zu gelangen, mußten sie einige Treppenstufen hinabsteigen- welche die Vermittlung mit dem neueren, höher gebauten! Hause bildeten- Sowie sie die Stufen passiert hatten, sahen! sie sich aufs neue in einem langen und zwar düsteren Gang^ Solche Totenstille herrschte darin, daß es Feodor unheimlich werden ntochte, seine Stimme sank wenigstens zum! Flüsterton herab, während er die erste Zimmerthür erschließend, seiner Gefährtin erklärte: „Sehen Sie, Clarita — das hier tuar mein Kinderzimmer. Hier lag ich damals krank, als —nun ich meine in jener schrecklichen Nacht-" 82 „In welcher Nacht? In der Ihr Bruder Wladimir starb?" „Husch, Clarita! Lassen Sie uns nicht davon reden!" „Aber Feodor, seien Sie doch nicht kindisch. Gewiß ist's traurig, daß Ihr Bruder so rasch in der Blüte seines Lebens dahin starb, warum Sie jedoch nicht daran denken, nicht davon reden wollen, das ist —" „O, Clarita — Sie wissen nicht alles, verteidigte sich Feodor. Wenn Sie es wüßten, was hier geschehen — dort, ein paar Stuben tiefer in dem stillen, düsteren Flur, Sie würden sich erschrecken." „Ich bin nicht so furchtsam. Erzählen Sie nur mutig das Schrecklichste!" „Ich darf nicht, es ist mir verboten — und doch", fügte der Knabe plötzlich, da Clarita schwieg und ihn nur forschend ansah, schwankend bei, „ich möchte es Ihnen gern sagen, amiga; denn ich denke oft und viel daran und darf nimmer bei Madame davon reden- Es bedrückt mir manchmal die Seele. Ich habe Alexis so geliebt. Sehen Sie dort unten im Gange, da liegen seine Zimmer, und hier — hier wohnte der arme Wladimir!" Tes Knaben Hand zitterte; er konnte die Zimmerthüre nicht erschließen, Clarita that es statt seiner. Sie traten in ein großes, Halbdunkeles Gemach- Etwas wie Moderluft wehte ihnen entgegen; denn darinnen waren die Fenster, die in dem einstigen Kinderzimmer geöffnet gewesen, wie hermetisch verschlossen und die Vorhänge fest zugezogen. Es mochte seit langer Zeit niemand mehr diesen Raum betreten haben. Dumpf war es darin und Staub lag ringsumher in dichten Schichten. Die Möbel erschienen wie von einem grauen Schleier umzogen; abgesehen davon, war die Einrichtung zwar ält, aber nicht ohne Geschmack. Eine geschickte Hand, ein gebildeter Geist verriet sich darin- Clarita war rasch eingetreten; impulsiv schritt sie ans Fenster und zog die Vorhänge sachte etwas zurück. Licht strömte herein und ließ unwillkürlich die beiden in der graüesstillen Stube ausatmeu- Trotz seiner Beklemmung schaute Feodor sich neugierig um- „Es ist nichts verändert", sagte er leise, „alles noch ebenso, wie ich es zuletzt gesehen!" „Da sind auch die Bücher alle!" setzte er freudig hinzu, indes er zu einem großen Bücherschrank eilte, der eine halbe Wandfläche ausfüllte. Neugierig stöberte er darin umher- Seine Gefährtin achtete diesmal nicht auf ihn, durch das einfallende Licht war ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Gegenstand gelenkt worden, auf ein großes Bild, das iiber dem Diwan hing- Es war das Portrait einer schönen, ernsten Frau mit leidenden Gesichtszügen und großen, sprechenden Augen. Dieselben schienen einen überall hier zu verfolgen. Förmlich ergriffen davon, ries Clarita hastig: „Feodor — wer ist das? Ich meine die Dame auf dem Bilde?" Ter Knabe sah auf. „Das ist Wladimirs und Alexis Mutter!" i „Ah! ich dachte es mir, und dies" — o wie ähnlich ist es noch — hätte sie beinahe ausgerusen — doch faßte sie sich noch rechtzeitig und ergänzte: „dies, die beiden Knaben, das sind Ihre Brüder als Kinder, nicht wahr, Freund?" Sie war dabei rasch einem kleinen Bilde, das unter dem großen Portrait hing, nahe getreten und betrachtete mit heißen Blicken die zwei hübschen Knaben, von denen der kleinste, ein reizender Blondkopf, stolz auf einem Schaukelpferd saß und das linke Aermchen um den Nacken des Bruders geschlungen hielt, der gleich einem treuen Wächter neben ihm stand- Dessen ernstes, von schwarzem Haar umwalltes Gesichtchen zeigte den gleichen, fast melancholischen Ausdruck, wie das schöne, stille Antlitz seiner Mutter. „Das ist wohl Wladimir?" fragte Clarita leise; denn ihre Stimme zitterte, und Thränen, heiße Thränen füllten ihre Augen. * „Ja — es ist Wladimir und der Blondkopf Alexis, aber — was ist Ihnen, Clarita, Sie weinen?" Ja, sie konnte ihren Thränen nicht länger wehren, mühsam dieselben zurückdrängend, sagte sie nur mit Anstrengung: „Mich ergreift das Schicksal Ihrer beiden Brüder, dieser fröhlichen Knaben, die beide, wie Sie sagen, so frühe dahin starben!" „Und wenn Sie erst wüßten — wie! Clarita", sagt« der Knabe leise; „kein Wunder, daß die Leute im Haus diese Stätte meiden- Ich glaube, sie alle fürchten sich hier einzutreten; denn sehen Sie dort — nicht in dem Schlafkabinett— dort auf dem Divan fand man Wladimir —“• „Tot?" ergänzte fragend Clarita, da der Sprecher stockte. „Ermordet!" flüsterte der Knabe, sich ängstlich an die Gefährtin anschmiegend. In dem Moment lvankten dieser die Kniee, sie mußte sich niederfetzen, nach Atem ringen, ehe sie zu wiederholen! vermochte: „Ermordet? Durch wen?" „O, Clarita, ich — ich weiß es nicht." „Feodor, Sie wissen es nicht? Hat man den Mörder denn nicht entdeckt? Auf wen fiel der Verdacht?" „Auf einen, der entfloh?" „Und man lieh ihn entfliehen?" „Ja, Clarita, man ließ ihn entfliehen; denn — o, das ist das Schrecklichste — es war Alexis!" „Was? Alexis sollte zum Kain geworden sein, seinen Bruder ermordet haben? Und Sie, Feodor, der Sie Wexis lieben — Sie glauben das?" „Ich muß es wohl", schluchzte Feodor auf, sich gegen den kleinen Sessel lehnend, auf den Clarita sich niederfetzte.; In dem stillen Totengemach waren die beiden allein, eintönig klatschte der Regen draußen in das grüne Gezweig der Bäume nieder, deren Wipfel leise klagend sich vor den Fenstern hin und her bewegten. Feodor erschauerte in sich vor namenloser Beänstigung- Clarita suchte ihn zu trösten. „Ihr Bruder Alexis mag dennoch unschuldig sein, andere Gründe mögen ihn zu einer schnellen Abreise bewogen haben; er kann feinen Bruder nicht ermordet haben." „Nicht mit Absicht, mit Vorbedacht! gewiß nichf, aber — Alexis konnte so heftig sein und Wladimir so bittere! Worte gebrauchen. Jedenfalls hatten sie an dem Abend vor Wladimirs Tod, wie die Diener gehört, einen Wort-, wechsel miteinander gehabt, freilich in fremder Sprache, aber in zornigem, hastigem Ton- Vielleicht hat Wladimir ihn da gereizt, ihn durch ein böses Wort toll gemacht —: und er im Zorn nicht wissend, was er that, stieß dafür dem Unglücklichen den Dolch in die Brust; denn so wurde! Wladimir hier gefunden. — IN der Wunde stak noch der Dolch, eine Art spanisches Stilet, das Kyrill, -der Diener,- wenige Stunden vorher noch unter Alexis Effekten bemerkt«' Das lenkte den ersten Verdacht auf Alexis, der allein! noch spät am Wend bei Wladimir gewesen. Niemand sonst hatte nach ihm die Stube mehr betreten — bis Mama den Ermordeten fand." (Fortsetzung folgt.) Mekchens Maskenball. Novelette von Luise Glaß. (Nachdruck verboten.) „Nee! sägte der Schuhrnächiermeister Klengel, nee! Mas^ kenbAle leid ich nich." Eigentlich redete der alte Klengel jetzt ein höchst gebildetes Hochdeutsch!; er konnte sich's leisten, hatte 10 Gesellen sitzen, und kam von Stiesel zu Stiefel mehr in Ruf und Mode. An seinem Hochdeutsch konnte man ihm vielleicht etwas abhandeln, wenn er aber „Nee!" sagte, dann klang's wie! ein scharfer Schaß: der saß und traf und war nicht ungeschehen zu machen. Trotzdem versuchte das hübsche Riekchen das Unmögliche. Sie stand in der Werkstatt, deren Hämmern und Pochen sie eben jetzt bitter ärgerte, weil alle Gesellen dasaßen und zuhörten. Natürlich hörten sie zu; sowie die hübsche Meisterstochter in die Werkstatt kam, flogen 20 Gesellen- und 6 Lehrjungenaugen hinter ihr drein, bis das Riekchen hinter die Tapetenwand huschte, die des Vaters Zuschneidetisch von der allgemeinen Werkstatt trennte. Wav der letzte Zipfel ihrer blauen Schürze verschwunden, sv wandten sich die 26 Augen wieder Leisten, .Hammer, Ahlen und Oertern zu, und statt ihrer legten sich 26 Ohren auf Kundschaft. Trotzdem tippte Riekchen den Vater leise an die Schulter,- und sagte: „Ach-, Vater! wo ich! doch! die Eintrittskarte; geschenkt krieg'! — Eingeladen, Vater! — Guck mal, so fein! Goldschnitt und einen hübschen Kasper drauf! und bei den Studenten! — Zehn Bekannte gönnen mir's kein bißchen!"- „Erseht recht nich!" „Hu, das Deutsch! dachte Riekchen, laut aber sagte frer „Vater! und drüben das Röschen von TijWer Werners hat auch eine! und die darf!!" 83 „Meinetwegen, wenn der Röse ihr Verstand dabei aus den Fugen geht, leimt ihn der Vater wieder zusammen. Ich versteh nur mit Hammer und Riemen zu flicken, jeder nach seiner Hantierung." Die Handbewegung dazu wäre schon deutlich genug ge=- wesen, daß er aber dabei auch noch mit einem! Stuck Leder, auf die Zuschneidetafel knallte, damit man die Handbewegung nur auch ja höre, das trieb Riekchen berg' Blut ins! Gesicht. Jetzt lachten da drüben gewiß 26 Lippen! Hastig legte sie die Schuhblätter, die sre drüben an ihrer Maschine eingefaßt hatte, neben das Leder und hastig lief sie wieder hinaus. Keinen Blick hatte sie dabei für die 26 Augen der Werkstatt, obwohl sonst der Altgeselle zum mindesten einen besonderen höflich kühlen Gruß erhielt. Und der Altgeselle verdiente jenen besonderen Gruß, denn er war des Meisters rechte Hand. „Wenn man keinen Sohn hat, sondern nur ein windiges Mädel, muß man fiel), seinen Gesellen ordentlich! ranziehen, damit er fürs Geschäft denkt und nicht dagegen", sagte der Meister, wenn seine Frau von Verwöhnung sprach. Zweimal hatten die Auserlesenen denn auch die Verwöhnung nicht vertragen, der dritte aber, der Merten Franz, dem schien sie anzuschlagen. Der dachte in des Meisters Tasche, der arbeitete zu des Meisters Ehre, der kränkte sich bis ins Inwendigste, wenn eine Dummheit aus der Werkstatt hinaus kam in die Welt. „Un das is das Wahre, Mutter, so einer is echt, so bin ich auch gewesen." Diesmal war auch Mutter Klengel einverstanden mit dem Auserwählten. Bescheiden, höflich!, ein hübscher Mensch — „wir Frauen wollen doch auch! was fürs Auge^ — und standfest, wenn ihm der lebhafte Meister mal Unrecht that. Kein Maulen, kein Trotzen, kein Widersprechen — aber standfest, und da das die Meisterin selber durchaus nicht fertig kriegte, hielt sie um dieser Standfestigkeit willen den Merten Franz für einen Helden, und die Mitgesellen hielten ihn auch dafür. Nur Riekchen erkannte des Altgesellen Vorzüge nicht an — nein, durchaus nicht- Riekchen ärgerte sich sogar über ihn; am allermeisten, wenn er stramm vor ihr stand und ihr in aller Höflichkeit eine etwas wellenförmig geratene Ein-, saßnaht wiederbrachte. Sie ärgerte sich auch!, wenn er Sonntags beim Vater saß und sich von dessen Lehr- und Wanderjahren erzählen ließ. Das war doch nur Liebedienerei! Er hätte ebenso gut mit dem jungen Volk Kahn fahren können. Und sie ärgerte sich, wenn er den jungen Damen gar so sorgfältig Maß nahm. Sie saßen dann in der Wohnstube, wo Riekchen von der Maschine aus zusehen konnte, und schwatzten mit Klengels hübschem Altgesellen, als ob der nichts weiter zu thun hätte. Anfangs hatte sie ein paar Mal gegen den Merten geredet, da war der Vater „dem Gickgack, das nichts verstand", aber allemal derb über den Mund gefahren, so ließ sie es sein und gab ihm, mit ein wenig Spott gewürzt, die schuldigen Redensarten. Heute aber nicht, nein, heute war sie so böse auf ihn, als sei er ganz allein schuld daran, daß sie nicht auf djen Maskenball durfte. Als sie fort war, wollte der Meister ihre Schuhblätter austeilen, ciber da flog gleich ein: I Du verwetterteA Mädel! durch die Werkstatt. Erschrocken sprang der Altgeselle auf und eilte hinter die Dapetenwand. „Ein, zwei, drei Stück ungenäht! Das kommt von Maskengedanken. Jetzt will ich ihr gleich mal den Marsch machen." „Meister, ich könnte ja!" fragte Merten Franz sehr rasch. „Sie haben's doch! so eilig mit dem Zuschneiden!" Meister Klengel sah das ein; er schob dem Altgesellen die ungenähten Blätter in die Hände. „Wer den Marsch machen!" rief er noch mal, dann war der Wgeselle draußen. Bor der Wohnstubenthür holte er noch einmal tief Atem, dann klinkte er leise auf und trat ein. Drin war Riekchen, sie drückte den Kopf in die Arnre, die Arme aus die Maschine, schluchzte, hörte und sah! nicht, und dachte noch weniger ans Arbeiten. Die Einladungskarte mit Goldschnitt und Kasper lag auf der Erde, aus der Küche nebenan kam kein Ton, Mutter und Magd waren im Waschhaus, —: dem Altgesellen war unbehaglich zu Mute. Er räusperte sich, aber wußte nicht, ob' Riekchen das vor Schluchzen hören konnte. Er starrte in ihre Zöpfe hinein, die dick um den Kops lagen, und dann auf das Stückchen Halsj das aus der Bluse schaute, und von den eigensinnig krausen Zankhaaren verschüttet wurde. „Na, ja", sagte er endlich und legte die ungenähtenl Schäfte auf die Maschine. Da fuhr Riekchen auf, blitzte ihn aus den braunen Augen an und ärgerte sich über ihn, wie sie sich überhaupt noch nie geärgert hatte. Mußte er auch sehen, daß sie weinte." Mußte er immer alles hören und sehen, was sie kränkte? Und dann natürlich spotten? Gar nicht mehr schön war's zu Hause, seitdem der Altgeselle da war. „Da", sagte Franz Merten, „da sind drei ungenäht« Schäfte, und den Marsch! wollte der Meister Ihnen machen, von wegen der Vergeßlichkeit. Und — und — ja, aber Fräulein Riekchen, geht Ihnen der verflixte Maskenball denn gar so nahe?" Dabei machte er sein gutmütiges Gesicht, hob die Karte vom Boden auf und sah Riekchen treuherzig in die blitzenden Augen. Das war aber natürlich nur Spott und Verstellung. Riekchens Finger zitterten, und die Lippen zitterten auch, aber sie sagte kurz ab: „Gar uichls geht mir nahe, und wenn schon mal, so hat Sie das nicht zu kümmern." Schnapp ab. „So", sagte der Altgeselle, „da weiß ich,'s ja, guten! Morgen." Stramm und standfest ging er in die Werkstatt zurück, ohne sich noch> einmal umzuschauen, und als Riekchen später die Schäfte hinüberbrachte, grüßten sie nur 24 Augen, Merten Franz hielt die seinen gesenkt, so lange des Meisters! Tochter in Sicht war. „Duckmäuser, Brummbär, Trotzkopf", sagte Riekchen vor sich hin, während sie am Herde stand; Brummbär, Trotz- kopf, Duckmäuser", sagte sie abends vorm Einschlafen; denn er hatte sie weder über Mittag noch beim Abendbrot angeschaut. Gesehen hatte er sie aber doch. Hatte gesehen, wie der Studiosus der Medizin, der die Einladung geschickt hatte, sich seinen Dank holen wollte, und statt dessen einen wehmütigen Verzicht zu hören bekam. Hatte gesehen, wie in der Dämmerstunde Nachbars Röschen ans Thor kam und ein großes Getuschel begann. Ja, da hatte er sogar etwas gehört. Brocken nur, aber leidige Brocken: „Abscheulich!- keit! Mißgunst! Alterseigensinn!" — Das mußte doch wohl auf.den Meister gehen. — „Nur einmal jung im Leben — Jugend ist keine Sünde — lustig sind auch ehrbare Leute —" das klang wie die Rederei der Schlange im Paradies. Franz Merten war unruhig, verstimmt und unachtsam, er wußte selber nicht, warum. Am Abend aber vorm Einschlafen sagte er aus einmal vor sich! hin: „Das ver- wetterte Mädel! jetzt heißt's aufpassen." — Da wußte er's: Das Mädel war schuld, heute und gestern, wenn ihm heiß war und wenn ihm kalt wurde, immer das Mädel. Es konnte ihm die ganze gute Stelle verleiden. Aber er paßte aus. Er sah, daß die beiden Studenten von drüben mit merkwürdig schlauem Lächeln zu dem Fenster herein grüßten, wo die Maschine stand, und er sah das Getuschel nut Nachbars Röschen, das von Tag zu Tag länger anhielt. Ein schwarzer Verdacht stieg in des Altgesellen Seele auf, aber er schalt sich selber aus. Ihr so was zutrauen? Niemals! Heimlichkeiten mit windigen Studenten? Das Riekchen? Und wo's der Vater verboten hatte! Ja eben, daß es der Vater verboten hatte! — Als ob einem das nicht gerade Appetit machte, wie Sens vor der Mahlzeit. Wer er traute ihr's doch nicht zu, er verbot sich geradezu, acht auf sie zu geben, und gehorchte diesem Verbot, bis für den Tag des Maskenfestes die Einladung einer Muhme kam: zum Spinnen und Pfannkuchen probieren. Die Muhme lud manchmal ein, dabei war nichts zu verwundern, und die Einladung wurde angenommen. Als aber der Altgeselle das Riekchen fragend ansah, wurde das so blutrot, daß eine andere Frage gar nicht mehr! nötig war. ... . Er wußte sein Teil und sah nicht mehr nut emtzM — 84 — einzige,i Blick nach ihr hin, iveder heule, noch morgen. Noch an dem Maskentag. Was er jetzt von mir denkt, der Mensch! murrte es in Riekchens Herzen, gleich heulen könnt ich wie ein Lehrbub. Ich wollte, es häte' nie so was wie einen Masken- hall auf der Welt gegeben — wenn er blos was zu 'mir sagte! lind sie ging dreimal ohne Grund an ihm vorbei — Aber Franz Merten schaute nicht auf, und hielt seinen Mund: mit der war er fertig. Nun gerade, dachte Riekchen, nun erst recht! Dir zum Trotz tanz ich den ganzen Abend mit Studenten. Aber fieberrote Backen hatte sie, und als sie zur Muhme ging, machte sie ein so schnurrig Gesicht, daß Meister Klengel sagte: „Na, na, hätte doch nicht gedacht, daß ihr die Maskerade so zu Herzen ging. Dummer Narr, der! Na, na, wissen Sie was, Franz? Jetzt woll'n wir uns mal 'n Spaß machen! Klengels mit 'ner eignen Maskerade. Sie als Knecht Ruprecht — die Jungens als Kanonenstiebcln, un Muttex als Frau Holle mit'n grauen Tuch ringsum. Ei, ich bin auch mal jung ich faselig gewesen. Mutter sackt noch Krapfen ein, ich steck 'ne Flasche Punsch bei, tut so Zrehn wir nachher zur Muhme. .Der Altgeselle erschrak. Wenn sein Verdacht stimmte? Das konnte nett werden. „Na? warum schnellen Sie denn in die Höhe wie'n Karpfen, toeun Gewitter droht?" Franz stammelte etwas von Anzug zu rechte machen und rannte davon. „Mit dem Menschen wird's auch alle Tage verdrehter, brummte der Meister. Sie aber sagte: .,Na, Vater, wer weiß, was der für Rosinen in seinem Ruprechtsack hat — rch bin aber nicht schuld — ich wasche meine Hände." Der Altgeselle dachte nicht an Rosinen, mit Metern schritten rannte er zur Muhme. „Du. meine Güte!" schrie die, als sie begriff, warum er kam, und jetzt ist das Unglücksmädchen eben auf und davon!" , „Nur nicht den Kopf verlieren, bischen festlich machen, Psannkuchen her, Punschwasser aufsetzen —. ich schaff das Riekchen, und sollt ich den Ratsturm einreißen." Weg war er. Inzwischen hatte sich das Riekchen im Rathäusthor mit Röschen und den beiden Studenten getroffen. Sie steckte in einem roten Domino und hatte eine Mohnblume auf dem Kopf. So kennt mich keine Seele, dachte sie, der Altgeselle kannte sie aber doch gleich; denn so fetzte nur eins im Altrmgen die Füße, so drehte nur ein Mädel auf der Welt den Kopf. Die Wartenden schalten sie eben aus — sie seufzte; der eine Student schwor sieben Eide, daß er sie vor dem Demaskieren wieder zur Muhme bringen werde — sie nickte und seufzte — dann eilten sie davon. Nur die Mohnblume zögerte, weil sie Bekannte auf der Treppe sah, und diesen Augenblick ersah der Altgeselle: „Schnell, Fräulein Riekchen, schnell zur Muhme, sonst erwischt Sie der Meister!" In seiner atemlosen Erregung hatte er sie am Handgelenk gefaßt. Sie wollte sich losreihen, er hielt aber fest, zog sie ins Dunkel hinaus und den Markt entlang. Endlich fand sie die Sprache : „O, Sie! Sie ! Spioniert haben Sie, verraten haben Sie mich! Gleich lassen Sie mich los!" . Schimpfen Sie blos ein andermal auf mich — aber Letzt heißt's rennen, toeun nicht die Welt untergehen soll. Segen ihren Willen rannte Riekchen mit, und gegen ihren Willen hörte, sie zu, was er von ihres Vaters Besuch bei der Muhme erzählte. Dabei merkte sie nicht, daß er einen Umweg machte — turj nur, aber in eine dunkle Ecke. Da blieb er stehen. „So, nun nehmen Sie das Ding ab, ich iverf's dort in meine Stube hinein — schnell, schnell!" Da sie ihn nicht begriff, half er ihr den Domino ab- nehmen, und nahm die Mohnblume vom Kopf. Dabei griff er m ihr Haar, das die Muhme aufgemacht hatte, damit man sie ja nicht erkenne. Wie Feuer fuhr's ihm durch die Adern. „Aber das müssen Sie ganz schnell flechten" stam- Sie schluchzte auf: „Ich schäme mich tot!" Zunächst antwortete er gar nicht, nahm ihren Arm, um sie schneller zu führen, warf im Vorbeigehen ihre Maskerade in sein offenes Kammerfenster hinein, und hielt scharfen Lugans die Straße, entlang. Als er aber in der Muhme Hausthür angenommen war, und die Straße noch völlig teer war, blieb er stehen und sagte: „Das mit dem Totschänien ist natürlich, Unsinn, aber hübsch toar's auch nicht von Ihnen, Fräulein Riekchen. So, und nun können Sie mich ja auszanken." Da schluchzte sie hellauf. „Ja, ja! Das will ich auch,! Sie sind schuld! Sie gönnen mir nichts, Ihnen zum Trotz hab' ich nur hinwollen und nun klatschen Sie — Aber das kam ihr nicht über die Lippen, denn das glaubte sie ja gar nicht — und er fragte eifrig: „Mir zum .-^£0^5 • „3a, ja! weil Sie immer beim Vater sitzen, nie mal mit unsere!nem tanzen oder Kahn fahren" — „Aber Fräulein Riekchen, das thue ich doch nur, weil Sie mich immer so schnippisch anfahren, wenn ich koinme." "®T\ *° wehren Sie sich doch lieber", rief Riekchen in Hellem Aerger, und schluchzte nicht mehr. „Das kann ich nicht — ich hab' kein Frauenzüngle —!" . Aber einen Bart hatte er, den spürte Riekchen plötzlich auf ihrem Mund, und dann hob er sie in die Höhe und trug sie im Sturmschritt die Treppe hinauf, daß die offenen Haare nur so flogen. Oben half die Muhme flechten, und just wie sie die letzte Nadel in die Krone steckten, trappte der Meister mit seiner Frau Holle die Treppe hinauf. „Nanu?" sagte er, „da is ja schon einer? Sie soll'n doch den Ruprecht machen!" „Nichts für ungut, Meister", sagte der Altgeselle, und war doch ein klein bischen verlegen. „Die Maske liegt mir nich recht, — ich — ich — möcht lieber den Bräutgam vorstellen, utt da hab ich das Riekchen erst gefragt, ob's ihr recht is." „Nanu?" sagte der Meister noch einmal. Daun lachte er. „Schlauberger ihr — Schlauberger —! Na, Mutter, was meinst Du — gegen die Maskerade hab ich nichts einzuwenden." Und die verputzten Lehrjungen, die Punsch und Pfannkuchen trugen, kicherten im Hintergrund. Schachaufgabe. Bon I. FridliciuS in Göteborg. (Nachdruck verboten.). abcdef g h abcdef g h 8 8 6 6 5 3 M Weiß. (8 + 8) Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor, Nr,: Frauenbewegung. W rvohlsettes Schachspiel "W für 20 Pfennige zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Fainilienblätter. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitats-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.