Freitag -en 7. November. [902. — Nr. 165. f tz i JWM iMgäßll® IRE! ÄfEji (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel. (Fortsetzung.) 58. Kapitel. Bei diesem Ruf hatte sich der ganze Saal vom ersten Rang bis auf den letzten Platz erhoben. Tie Geisch!worenen beugten sich über ihre Bänke. Wie vom Blitze getroffen, atemlos und zitternd richtete sich der Angeklagte zwischen seinen Wächtern empor. Nur der Gerichtshof erschien unerschütterlich. Bon allen Setten erhob sich! ein Flüstern, Zischeln und Rauschen. „Was ist denn vorgefallen? — Wer hat das gerufen? — Was hat man denn gesagt?" lauteten die hastigen Fragen jener, die schlecht verstanden hatten. Andere wieder zeigten auf ein Frauenzimmer, das neben der Rechtsanwaltsbank, einige Schritte vor dem Verteidiger, hochaufgerichtet stand. Sie hatte dem Saale den Rücken gekehrt und war mit dem Gesicht her Tribüne, auf der der Gerichtshof saß, zugewendet. Man konnte nur eine schlanke Gestalt, ihre schön abfallenden Schultern, die harmonischen Linien eines noch jungen, aber bereits entwickelten Körpers unterscheiden. Ter Präsident rief: „Ich bitte das Publikum, sich- zu setzen und Ruhe zu halten. Wenn der Lärm andauert, lasse ich den Saal räumen." „Setzen! Setzen! Setzen!" schrie es von allen Seiten. Kaum war die Ruhe wieder hergestellt, ergriff der Präsident abermals das Wort. Man hatte sich beeilt, dem Befehle zu gehorchen. Jetzt wollte alles bleiben, man wollte alles erfahren. Tas bis dahin schlummernde Interesse war soeben erwacht und lebhaft im Wogen. Ter Präsident wendete sich an den Staatsanwalt und sagte: „Herr Staatsanwalt, Sie wurden in Ihren Auseinandersetzungen unterbrochen. Wenn es Ihnen gefällig ist, bitte for^ufahren." Ter Vertreter der Staatsanwaltschaft lüftete sein Barett und erwiderte: „Ein Zwischenfall von hoher Wichtigkeit hat sich zu- tzetragen. Wenn ihn der hohe Gerichtshof berücksichtigen will, stehe ich zu Tiensten." Hierauf wechselte der Präsident mit den ihn umgebenden Räten, zu denen er sich herabbeuglte, einige Worte Und befahl dann idem Gerichtsdiener: „Gerichtsdiener- lassen Sie die Person vortreten, die soeben den Zwischenruf gethan hat." Ganz von selbst, ,ehe sie noch derselbe zu der ihm Bezeichneten herabbcgeben hatte, > war sie schon einige Schritte vor und ,an die für die Zeugen bestimmte Ban? getreten. „Wer sind Sie Und wie heißen Sie?" fragte der Prä-! sident. Mit einer Bewegung verhinderte er den Ange- klagten, der sich erhoben hatte, um zu sprechen, und sagtet ,Marten Sie. Schweigen Sie jetzt. Ich verbiete Jhnen- zu reden." Tie befragte Zeugin antwortete mit etwas bebender-, aber trotzdem sehr deutlicher Stimmer „Bertha Rakenius." , „Sind Sie nicht die Schwester eines der eben vernonki menen Zeugen?" „Ja, Herr Präsident. Ich bin die Schwester des Malers Georg Rakenius." Georg wollte dazwischen fahren. Tvch der Gerichts-! diener, der neben ihm stand, verhinderte ihn daran. „Sie behaupten also", nahm der Präsident wieder auf, „daß Sie mit dem Angeklagten am Abend des Verbrechens! beisammengewesen sind?" „Ja, ich! behaupte dies. Won neun Uhr abends bis' Mitternacht hatte er mich nicht verlassen." „Glauben Sie ihr nicht! Glauben Sie ihr nichts schrie Sempach dazwischen, der such nicht mehr zurückhalten konnte. , Im Saale herrschte das tiefste Schweigen. Man lauschte atemlos. Ohne den Einwurf des Angeklagten zu berücksichtigenfragte der Präsident • weiter, zu Bertha Rakenius gewendet: • „Warum haben Sie bis heute mit dieser Erklärung gewartet?" „Ich hatte anfangs die Hoffnung", antwortete sie, „daß die Untersuchung auf irgend einen Befehl würde eingestellt werden. Tann später und auch twd> heute dachte ich, daß die Unschuld Herrn von Sempachs ans Tageslicht kommen müsse — daß ihn hier diese ganze Welt, nachdem sie ihn gesehen und gehört hatte, eines Mordes nicht für fähig halten könnte. Aber alles hat sich gegen ihn gewendet, — selbst seine Diskretion, sein Stillschweigen, das Geheimnis, das er mir bewahrt hatte. — — Ich fühlte Angst, aber trotz seiner Bitten, trotzdem er es nicht zugesteheu wird, muß ich endlich die Wahrheit sagen." „Angeklagter, erheben Sie sicht" Bleich, zitternd, voll tiefer Bewegung erhob er sich ES war nicht mehr derselbe Mensch den bis dahin nichts' zu berühren schien. „Sie haben gehört, was diese Zeugin eben gesagt hat- — was haben Sie darauf zu erwidern?" „Ich erwidere, daß Fräulein Rakenius wohl meins Jugendfreundin, meine Freundin und Schwester ist, — ein« Schwester, für die ich die größte Ehrfurcht hege, das heiligste aller Gefühle. Sie war an jenem Abend nicht in meiner Gesellschaft, das kann ich beschwören. Sie versucht in dem! Augenblick die Justiz zu täuschen, nur um mich M rette«,; 658 Ich flehe den Gerichtshof, flehe die Geschworenen, flehe alle die hier anwesenden Personen an, ihren Worten kein Gehör, keinen Glanben zu schenken. Ich flehe darum!" Cie aber wendete sich zu ihm uud sah ihm ruhig in die Augen: „Sie sind es, der aus Furcht, mir zu schaden, so lange geschwiegen hat und selbst heute noch schweigt. Aber die Richter werden mir glauben müssen. Ich werde ihnen beweisen, was ich behaupte. Ich werde ihnen jenes §ciu8 bezeichnen, in dem wir itn§ zu jener Stunde, da das Verbrechen begangen wurde, befanden. Sie hätten sich, ich weiß, für dies Verbrechen verurteilen lassen, wenn ich weiter die Feigheit gehabt hätte, bis zu Ende zu schweigen." Er sah jetzt ein, daß sie fest entschlossen war, daß sie nicht weichen würde. Dumpf ließ er sich auf seine Bank fallen. Seine Nerven, die ihm bis dahin unbeugsamen Mut verliehen hatten, ließen nun nach, und er begann bitterlich zu weinen. Er mußte ja weinen, gerührt, erweicht, besiegt von dein übermenschlichen Opfer dieses jungen Mädchens, — er konnte nicht anders. Und auch im Saale flössen die Thränen. Eine plötzliche, vollkommene Umwandlung, wie sie bei der Menge so oft vorkommt, hatte sich eben vollzogen. Kein Mensch dachte mehr daran, ihm seine Kälte, die Trockenheit der Antworten, sein verstocktes Stillschweigen zum Vorwurf zu machen. Jetzt hatte man ihn verstanden, man bewunderte ihn. Man wußte ihm Tank für die Rührung, die er jetzt erzielte, für die Thränen, die er zu entlocken wußte, uud für die, die er selbst vergießen mußte. Und eine Stimme ging durch den Saal: „Recht hat er gehabt, zu schweigen Und sich bis zum letzten Moment zu sträuben, etwas zu zu sagen. Und sie, — sie hatte recht, zu sprechen. Tas ist schön, das ist groß, was sie thu-t!" In dieser ersten Bewegung, nur dem ersten Eindruck gehorchend, dachte kein Mensch daran, in ihr eine Geliebte, ein schuldiges Weib zu sehen. Mau sah in ihr nur das Weib, das sich hingegeben hatte und sich heute opferte, um den geliebten Mann zu retten. Ter Gerichtshof hatte sich erhoben, und ohne den Saal zu verlassen, berieten sich die Räte, neben ihren Sitzen hinter dem Tisch stehend, mit dem Staatsanwalt. Zwei oder drei Minuten waren verstrichen, als sie sich wieder auf ihre Plätze begaben. Daraus sprach der Präsident: „Infolge des eben eingetretenen Zwischenfalls, der von der Natur ist, eine neue Untersuchung einzuleiten, erkläre ich kraft meiner Amtsgewalt die Fortsetzung der Verhandlungen auf einen neuen Termin verschoben." Viele Personen verrieten ihre arge Enttäuschung. Tas war viel zu rasch zu Ende. Sre hätten lieber, ohne auf die Erfordernisse der Gesetze uud die Formalitäten, die sie auferlegen, Rücksicht zu nehmen, eine sofortige Lösung gewünscht. Mer von anderer Seite wieder billigten die Sachverständigen den Entschluß des Präsidenten, und man konnte einige diskrete Beifallskundgebungen vernehmen. Ter Gerichtshof hatte sich zurückgezogen. Die Geschworenen verschwanden einer nach dem andern. Das Publikum, das von den Gerlchtsdienern aufgefordert wurde, den Saal zu verlassen, schied, noch immer in großer Bewegung, mit tiefem Bedauern, man plauderte ganz laut und tauschte seine Meinungen aus. Nachdem Herr von Sempach mit seinem Verteidiger einige Worte gewechselt und seinen Freunden, die auf ihn zugeeilt waren, die Hände geschüttelt hatte, ließ er sich von seinen Wächtern wieder absühren. Er war ja immer nur noch Angeklagter, dessen Prozeß nur einen Aufschub erlitten hatte. Fräulein Rakenius ließ ihn gehen, ohne den Versuch zu machen, zu ihm hinzugehen oder mit ihm zu sprechen. Rur ihr Blick folgte ihm. Sie war auf ihrem Platz geblieben, gebrochen, beinahe verblüfft über das, was sie zu sagen eben gewagt, was sie gethan hatte. Auf den Lärm folgte tiefes Stillschweigen, nur das Geräusch verworrener und verhallender Stimmen schlug noch an ihr Ohr. Tie Muke waren bereits leer, doch ihr Blick sah noch den Gerichtshof, die Geschworenen, das ganze Publikum und den Angeklagten. Ihr Bruder trat auf sie zu. „Komm!" jagte -er zu ihr, indem er sie mitziog. Sie gehorchte ihm willenlos. So gingen sie durch eine Hinterthür hinaus, stiegen die Treppe hinunter, durchschritten die große Vorhalle und stiegen unten in eine Droschke. Während der ganzen Fahrt wechselten sie keine Silbe miteinander. Doch kaum in ihrer Wohnung angelangt, trat Bertha in den Salon des Erdgeschosses und ließ sich dort in den ersten Fauteuill fallen. Nach einem Augenblick näherte sich ihr Georg, berührte leise ihre Schulter und fragte sie sanft, aber mit tiefer Traner im Ausdruck: „Bertha, was hast Du gethan?" Diese Worte weckten sie wie ein elektrischer Schlang. Sie sprang auf und antwortete: „Ich habe gethan, was--sie hätte thun sollen." „Aber Tu bist jetzt verloren, unglückliches Kind." „Was liegt daran, wenn ich nur ihn gerettet habe." „Ja, aber ist er wenigstens dadurch auch wirklich gerettet?" „Ja. Ich werde auf meiner Lüge bestehen, und man wird mir glauben müssen." „Aber man wird mich fragen, mich, Deinen Bruder, und es ist meine Pflicht, gegen Deine Erklärung Einwand zu erheben, es ist meine Pflicht, zu sagen, daß Tu mich während des ganzen Abends, an dem das Verbrechen verübt worden war, nicht verlassen hast, und daß Tu somit nicht bei ihm gewesen sein konntest." „Tas wirst Du nicht sagen", rief sie. „Ich wäre dadurch in keinerlei Weise weniger kompromittiert, und Tu würdest dadurch nur Deinen Freund und zweiten Bruder verlieren. Tu wirst nicht noch zu all Deinen anderen Fehlern auch diesen hier begehen." „Zu all meinen anderen? Zu was für Fehlern?" murmelte er. „Ah, Tu kennst sie wohl. . . Zwing mich nicht, sie Dir vorzuhalten. Ich wollte sie wieder gutmachen. Nicht an Dir ist es, mich zu tadeln, mir Vorwürfe zu machen. Ach, laß mich, laß mich! Ich leide--ich leide furchtbar. Geh, geh zu ihr und erzähle ihr, was ich--gethan habe--> an ihrer Stelle." Ihre Kräfte verließen fte, und sie brach schluchzens zusammen. 59. Kapitel. Georg blieb bis neun Uhr abends am Bette seiner Schwester, die infolge der Aufregungen der letzten Zeit, insbesondere des heutigen Tages, ein heftiges Nervenfieber gepackt hatte. Er verließ sie dann nur, um zur Gräfin Do- roukoff zu eilen, die ihn schon längst erwartete, und der er versprochen hatte, ihr als erster die Ereignisse des Tages zu überbringen. Sie empfing ihn in ihrem kleinen Salon des Erdgeschosses und sagte lebhaft, sobald sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte: „Ich weiß alles. Ein Mitglied des Künstlerklubs hatte der Verhandlung beigewohnt. Er war Zeuge des durch Ihre Schwester hervorgerufenen Zwischenfalles und hatte nichts Eiligeres zu thun, als es im Klub zu erzählen. Ter Graf, der heute aus Zufall mit mir gespeist hat, über- brachte mir diese Nachricht. Ah! Ich hatte bei Gott Mühe, mich zu beherrschen und mich nicht in seiner Gegenwart zu „Ja", ries er mit gleich erregter Stimme, ebenso aufgeregt wie sie, „ich begreife, was Sie -empfinden mußten, und ich bvdaure. Sie nicht vor dem Grafen gesprochen zu haben. Verzeihen Sie mir, aber ich konnte meine Schwester nicht verlassen. Sie war in einer zu furchtbaren Aufregung." „Ich glaube es gern. Sie mußte den Kopf verloren haben, um diese That zu begehen. Ah! Und sie setzt uns alle in die fürchterlichste Lage." „Sie haben recht", murmelte er. „Und dabei zu denken", begann sie wieder, „daß ihre --edle That ganz umsonst gewesen ist. Herr von Sempach wäre ja gar nicht verurteilt worden." „Ich glaube, daß Sie sich in diesem Punkte täuschen", sagte er, den Kopf, den er bisher gesenkt gehalten hatte, erhebend. Da trat sie ganz dicht an ihn heran, und sagte ihm mit harter Stimme, funkelnden Augen, während ihr das Blut in die Wangen schoß: „Nun denn, so wäre er es gewesen! Ihr übertreibt 659 alle die Gewichtigkeit einer Verurteilung. Sie haben ja selbst die Verhandlungen mit angehört, und ich habe das Ergebnis soeben in der Zeitung gelesen. Sämtliche erschwerende Umstände waren aus dem Wege geräumt und aus der Anklage gestrichen. Ich habe in dieser Sache genügend Schritte gethau. Selbst der Justizminister, mit 5em ich deshalb in letzter Zeit öfters Wsammengekornmeu bin, ist heute geneigt, mit meinen Augen zu sehen. Man muß eben verstehen, jede Sache in das rechte Licht zu setzen. Man hat die ganze Geschichte einfach auf einen Streit ziwischen Mann und Frau zurückgeführt, dessen Folge ein unbedachter, unbewußter Gewaltakt war. Sempach, selbst wenn er verurteilt worden wäre, wäre in seiner Ehre nie befleckt gewesen." „Gut. — Also sprechen wir nicht mehr darüber. — Und die Gefangenschaft?" „Zwei — im höchsten Falle drei Jahre. Tie hinzu- tretenSen Umstände kommen nicht in Betracht. Selbst die Staatsanwaltschaft hatte sie vorausgesetzt und miteiugerech- net. Und glauben Sie denn nicht, daß es all unseren vereinigten Bemühungen und Einflüssen, den Ihrigen, den meinigen und den feinigen nicht gelungen wäre, die Strafe aus die Hälfte zu vermindern? — Wo hätte er sie ab gesessen? Entschieden in einer Heilanstalt. Zweifeln Sie etwa, daß man uns diese Begünstigung gewährt hätte?" „Nein, nein, Sie hätten dies gewiß durchgesetzt — aber —" „Nun denn!" unterbrach sie ihn mit fieberhaft aufgeregter, fliegender Stimme. „Nun, konnte er denn nicht mit einem oder zwei Jahren Langeweile und Entbehrungen, die — sagen wir: die Opfer bezahlen, die ich ihm gebracht habe? Jawohl: die Opfer! Er liebte mich, — aber ich liebte nicht ihn; oder wenigstens — ich bin immer offen und ehrlich — liebte ich ihn nicht genug, um den Fehler zu begehen, den ich begangen hatte, wenn ich nicht mit seiner Liebe Mitleid gehabt hätte — ja, ja, ja, Mitleid. Er hat mich beschworen und angefleht, in jenes Haus zu kommen; ich habe ihm nachgegeben. Ich wollte ihn nicht meinetwegen leiden lassen. Nun, so konnte er denn jetzt auch seinerseits um miti) leiben. Glauben Sie nicht, daß es mehr als einen Mann gäbe, der bereit wäre, meine Liebe mit feiner Freiheit, mit einer Halb-Gefangenschaft zu erkaufen? — Tenn er hielt sich für geliebt. Er hoffte immer noch, und ich ließ ihn hoffen. Er glaubt sich heute noch geliebt. Und er wird es morgen nur noch um so fester glauben." „Weshalb morgen ?" fragte er erstaunt. „Weil ich morgen", — dabei richtete sie sich vor ihm auf, legte ihre Hände auf feine Schultern und blickte ihm voll in die Augen, „weil ich morgen zu den Richtern sprechen werde: Ties junge Mädchen täuscht Sie — sie lügt — sie lügt. Sie ist ihm niemals mehr als eine Jugendfreundin, eine Schwester gewesen. Sie hat sich um feiner Rettung willen geopfert, weil ich mich nicht opfern wollte; benu ber Angeklagte hat sich mit mir und bei mir allein am Abend des Verbrechens befunden." „Wie? Tas wollten Sie sagen?" rief er verblüfft aus. „Gewiß werde ich das sagen!" antwortete sie. „Tiefen Entschluß hatte ich sofort gefaßt, als ich von dem Vorfall Kenntnis genommen hatte. — Ich habe kein Recht mehr zu schweigen. Jetzt handelt es sich um Dich — um Dich, den ich liebe und für den ich mich zu Grunde richten will." „Oh!" „Tie Ehre Deiner Schwester ist die Deinige, die unfrige. Ich muß darüber wachen. Vor biefer Pflicht tritt alles andere in den Hintergrund: sowohl die Sorge um meine Ehre als auch Befürchtungen jeder anderen Art. Für mich giebt es weder eine gesellschaftliche Stellung, noch hohe Verbindungen in ber Welt, noch Familie, noch Gatten — für mich giebt es nur mehr Tich allein, Tich, Tich allein!" Sie entfernte sich von ihm, warf sich in einen Fauteuil und fuhr bann nach einer Pause, mehr Herrin über sich selbst, etwas ruhiger, aber Entschlossenheit in ihrem Tone, fort: „Sie werden morgen oder später, wenn sie wieder gesund ist, Ihrer Schwester flar machen, daß es unnötig ist, vor den Behörden, die sie ja unbedingt befragen und von ihr Erklärungen und Tetails verlangen werden, — auf ihrer Lage zu bestehen. Ich werde jedenfalls noch vor ihrem Verhör mit den Gerichten gesprochen haben und ihnen alles sagen, was notwendig ist, um ihre CTr« unangetastet zu lassen, und um die Erinnerung an ihr Opfer auszulöschen." Er lauschte ihr, ohne etwas zu erwidern. Taufend Gefühle durchwogten ihn; er war erschreckt von der Gefahr, der sie in die Arme lief — entzückt über die Tiefe, mit der sie ihn liebte, von Tankbarkeit und Bewunderung durchdrungen, bis ins Innerste gerührt. Was sollte er auch sagen, wenn er wirklich reden wollte? Sollte er sie etwa anflehen, den Schritt zu unterlassen, sich nicht anzuzeigen, und nicht selbst zu verderben? Tann war Bertha verloren. Hatte er das Recht, feine Schwester der Geliebten zu opfern, — der Ehre dieser die Ehre jener vorzuziehen? — Nein. Er antwortete gar nichts. Doch in plötzlicher, heftiger Bewegung stürzte er auf sie zu, warf sich vor sie auf die Kniee, nahm ihre beiden Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen. „Tu liebst mich wohl sehr?" fragte sie, ohne sich zu ihm herabzubeugen. „Oh! Wie ich nie gedacht hätte, daß man lieben kann." „So werde ich denn niemals, was immer auch kommen möge, den Entschluß bereuen, den ich gefaßt habe." Tann zog sie ihn empor, erhob sie sich selbst und preßte lange Zeit ihre Lippen in fein dichtgewelltes, üppiges Haar .. . (Fortsetzung folgt.) Vom Klapperstorch. Eine aktuelle und wahre Geschichte. Ich kam aus der Komitee-Sitzung. Ein Damen-- Komitee, dem ich als Arzt angehöre. Lauter finge, unterrichtete, besonnene Frauen. Das Thema war dasselbe gewesen, von dem die ganze Stadt jetzt spricht, alle Frauen, auch manche Männer. Sollen unsere Kinder auf geklärt werden? Unbedingt, da war fein Zweifel, fein Widerspruch gewesen. Aber wann? wieweit? Wie? Bon wem? Hierin waren die Ansichten wohl weit auseinandergegangen. Mer darüber herrschte nur eine Stimme: So wie jetzt darf es nicht weitergehen. Tie Majorität soll entscheiden. Durch Beratung und Beschluß muß hier endlich und endgültig Wandel geschaffen werden. Tas alberne Gerede vom Klapperstorch muß ans ber Kinder- erziehung verschwinden. Ich gehe nachdenklich meiner Wege. Gut, daß ich nicht Farbe zu bekennen brauchte. Am Ende wäre mir doch etwas beklommen zu Mute gewesen, Webar dem alten Freunde den Kragen herumdrehen zu Helsen. Wer aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wie werde ich's im eigenen Hause damit halten? Gut, daß ich's mir noch eine Weils überlegen kann. Noch ein paar Abendbesuche. Hier ein kleiner Rekonvaleszent. Tas Berufliche ist rasch erledigt. Bleiben noch einige Minuten zum Plaudern. Tie Mutter ist eine echte Amerikanerin. Frei, gescheit, offen- Ta plaudert sichs gut und gern. Thema natürlich: Sollen unsere Kinoer aufgeklärt werden? „Wissen Sie, Doktor", sagt die Amerikanerin, „ich kann die Bedenken Eurer deutschen Mütter gar nicht verstehen. Das ist nur Denkfaulheit und Bequemlichkeit. Wir drüben werden ohne Eure Ammenmärchen fertig. Im Gegenteil, die gegenseitige Aufrichtigkeit macht unsere Kinder früh reif und tüchtig. Mein Bub war ein Schlingel von acht Jahren, frisch und aufgeweckt, als mir sein Fragen unbequem zu werden anfing. Tie Geschichte vom Klapperstorch, die er von seinen deutschen Spielkameraden nach Hause mitgebracht, hatte nur zu neuen endlosen Warum und Woher Veranlassung gegeben. „Weißt Tu", sagte ich ihm da eines Tages, „solche Geschichten brauchst Tu nicht zu glauben. In ber Welt geht alles natürlich zu. So wie braußen im Garten der Apfel ans dem Baum herauswächst und reif herabfällt, damit ein neuer Baum aus ihm entstehen kann, so bist Tu ans Deiner Mutter gewachsen, und zur Welt gekommen. So ists auch nicht anders." Wie das der Junge ausgenommen hak? Zunächst war er sehr erstaunt. Tann ist er in den Garten gegangen und hat sich die Apfelbäume sehr genau angesehen; dann hat er sehr intensiv nachgedacht. Wer am nächsten Morgen 660 hat er mich mit nie dagewesenem Enthusiasmus begrüßt und endlos umarmt. „Sieh, Mutter," meinte er, „das war wirtlich schön, daß Tu mir das gesagt hast. Jetzt habe ich Tich noch einmal so gern. Dann ist ja mein Fleisch von Deinem Fleisch, und mein Blut ist Dein Blut. Da kann ich Dich ja gar nicht genug lieben!" — Nie habe ich ein so stolzes und frohes Mutterglücksgefühl gehabt." — Wirklich schön, erhebend, Das giebt zu denken Ein Haus weiter. Meine liebe Frau Professor, wacker, thätig, daS Herz auf dem rechten Fleck für ihre Kinder und "ihre Armen. Sie ist heute wieder ganz wohl- Aber nachdenklich. Es geht ihr so mancherlei durch den Kopf. Besonders neuerdings die Frage über die Aufklärung unserer Kinder. Und ihre Luise ist jetzt auch schon zwölf Jahre alt. Zwar in manchem noch ein Kind, das gelegentlich verstohlen nach den Puppen schielt, oder im Grimm blättert. Aber groß und klug und beginnt in manchem Wesen sich zu ändern. Was ich dazu meine? Ich erzähle meine Geschichte. Die macht starken Eindruck. Allerdings ein Experiment. Aber voll Verstand und Ehrlichkeit. Freilich muß es ein Hochgefühl sein, eine solche Brücke zu seinem Kinde zu schlagen. Ueberlegen wir. Andern Tags werde ich gerufen. Tie Frau Professor hat etwas Migräne; sie ist noch nachdenklicher als gestern. Wir kommen auf unser gestriges Thema zurück; ich bin nicht wenig neugierig, wie das Experiment aus- gegangen ist. „Merkwürdig genug", erzählt die Frau Professor; „denken Sie, zufällig mußte ich gerade gestern Farbe bekennen. Bei Direktors waren Zwillinge angekommen. Tas gab ein Fragen I Z w e i auf einmal! Wie das der Storch wohl fertig bekommen? Ob es vielleicht zwei Störche gewesen? Oder ob am Ende die ganze Geschichte mit dem Storch doch gar nicht wahr sei? Es sind Kinder in der Klasse, die darüber lachen: „Weißt Tu", sage ich kurz entschlossen, „wir wollen heute einmal vernünftig mit einander reden, mein großes Kind. Es ist wirklich nur eine alte Sage, ein Märchen. In Wirklichkeit geht alles n a t ü r - zu." Und so weiter. Es kam ganz hübsch und gut heraus. Und Luischen macht große Augen, sagt aber nichts als Gute Nacht, und verschwindet. Wie ich aber vor dem Schlafengehen noch einmal ins Zimmerchen komme, höre ich statt der gewohnten Atemzüge unterdrücktes Schluchzen. Ich mache Licht: angstvoll chränende Kinderaugen starren mich an, und hilfesuchende Aermchen umklammern mich: „Weißt Tu, Mutter, gewiß ist ja alles wahr, was Tu mir erzählt hast, und ich will's Tir ja gewiß glauben . • ... aber mich . . . nicht wahr? .... mich hat doch der gute Klapperstorch gebracht!" (Frkf. Ztg.) Vermischtes. Die Verdaulichkeit der Speisen. Ganz eingehende Atersuchungen über die Verdaulichkeit der verschiedenartigsten Speisen hat Tr. Friedriche Schilling in Leipzig angestellt. Ueber die Verdaulichkeit von Fleisch haben bisher sehr abweichende Ansichten auch unter den Gelehrten geherrscht, hinsichtlich sowohl der verschiedenen Fleischarten als auch ihrer Zubereitung. Vor allem beseitigt Schilling einen weitverbreiteten Irrtum, demzufolge der Farbenunterschied zwischen rotem, schwarzem oder weißem Fleisch ein Kennzeichen für die Verdaulichkeit abgeben könnte. Ter Farbrnunterschied rührt lediglich von einem mehr zufälligen Eindringen von Blutfarbstoff her. Tas rote Fleisch eines Lachses ist nicht schwerer verdaulich als das weiße eines Hechts, das braune Fleisch einer Gans etwas schwerer verdaulich als das weiße eines Huhns. Tas elastische Gewebe im Muskelfleisch aber ist immer unverdaulich. Beim Geflügel gilt dies auch für die Haut, namentlich wenn sie knusprig gebraten ist. Wenn jemand seinen Magen schonen soll, so muß er z. B. von einem Rippenstück die Haut und die nächste Umgebung der Knochen sorgfältig von dem Fleisch ablösen .Vom Geflügel sind weichgekochte Hühner und Tauben am besten bekömmliche etwas weniger schon Puten, ziemlich gut Enten, schwerer dagegen Gänse, von diesen namentlich die Brust tn geräuchertem Zustande. Wildes Geflügel ist ebenfalls schwer verdaulich. Daß Kalbfleisch in dieser Hinsicht dem Rindfleisch vorzuziehen sei, hat Schilling nicht bestätigt gesunden, wahrscheinlich, weil jenes schwerer zu kauen ist. Nicht sehr leicht zu verdauen ist ein Lungenhache, bei geeigneter Zubereitung aber boä Hirn, nämlich wenn es gekocht und durch ein Sieb getrieben ist. Entgegen früheren Behauptungen schreibt Schilling dem gekochten Fleisch eine bessere Verdaulichkeit zu, als dem roher:. Beim rohen Schinken ist von empfindlichen Leuten der scharf geräucherte Rand zu meiden, überhaupt ist gekochter Schinken mehr zu empfehlen. Hammelfleisch ist im ganzen bekömmlicher als Schweinefleisch. Im allgemeinen darf der warme Hammelbraten dem Kalb- oder Rinderbraten nicht nachgestellt werden. Wildfleisch ist bei vorsichtiger Zubereitung leicht verdaulich, sei es Hirsch, Reh oder Hase. Sehr günstig stellen sich die Verhältnisse beim Fisch, gleichviel ob fetter Aal oder magerer Hecht. Ausgenommen ist natürlich die Fischhaut. Nach Schillings Be- ftmden äst Fischfleisch leichter verdaulich als Rindfleisch. Ueberraschend wird es vielen sein, daß Sardinen in Oel keine schwere Speise sein sollen. Ebensowenig ist gegen Krebs, Hummer und Auster, letztere ohne Bart genossen, etwas einzuwenden. Kaviar oder andere Fischeier werden vollständig verdaut, nicht so die Hühnereier, bei denen übrigens die Zubereitung in dieser Hinsicht keine Rolle spielt. Käse ist unbekömmlich nur in trockenem Zustand, Milch nur beim Genuß größerer Mengen. Im Mehl finden sich, immer einige Reste von Frucht- und Samenschalen, die der Magen nicht verarbeitet. Schwarzbrot, noch mehr Grahambrot und Pumpernickel enthalten solche Ueberreste in noch größerer Menge. Ebenso sind bei anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln stets kleinere unverdauliche Bestandteile vorhanden. Blumen aus Fischschuppen. Die Indianer Venezuelas und des nördlichen Brasiliens verstehen es seit undenklichen Zeiten, geschickt Blumen nebst Blättern aus Fischschuppen herzustellen. Die Fische des tropischen Welt-t meeres zeichnen sich durch die Farbe und den Glanz ihrer Schuppen und Flossen aus, deren Farbenskala sowohl Blaßrot, Rosa, Scharlach, als Himmelblau, Ultramarin, Apfelgrün, Smaragdgrün, Olivegold, Orange, Grau, Lila und Purpurfarbe umfaßt. Die Schuppen lassen sich mit starkem Fischleim, welcher sehr dauerhaft und haltbar ist, leicht aneinander oder an Drähten befestigen. Diese Kunst wurde nach den westindischen JUseln verpflanzt, wo sie von den Spaniern ausgeübt wurde, und während des kubanischen Krieges gelangte sie auch nach dem amerikanischen Festlande und fand eine Heimat in Florida. In diesem Jahre hat sie sich aber noch weiter nach Norden ausgebreitet und hat endlich in Newyork eine Stätte gefunden. Eine der Werkstätten in Newyork wird' von einer intelligenten, geschickten Frau geleitet. Ihre Werkzeuge bilden Schere, Nadel umd Faden, mit Stoff oder Garn bekleideter Draht, eine Drahtzange, ein Leimtopf und Pinsel, sowie einige Pressen, um den Schuppen die gewünschte Biegung und Form zu verleihen. Die Schruppen sind gewöhnlich glatt, wenn sie zur Verarbeitung Eintreffen und müssen gewölbt und gekräuselt werden, um Blumenblätter, Kelche und die verschiedensten Blattformen darzustellen. Eine fertige Blume besitzt eine phantastische Schönheit, welche einzig in ihrer Art ist. Die Form und Farbe der Pflanzen sind vorhanden, außerdem aber besitzen diese Blumen eine Durchsichtigkeit und eine Festigkeit der Linien, welche wir im Reiche Floras eigentlich nicht finden. Das Farbenspiel ist oft überraschend nnd bisweilen so prächtig und dennoch so gedämpft, daß die Blumen aus einer neuen Art der besten und schönsten Perlmutter gefertigt zu sein scheinen. Gleichung. (Nachdruck verboten.) (a—b) + o — (d—e) + f = x. a Stadt in Anhalt, b Stadt in der Schweiz, c Haustier, d Gemütsbewegung. e Körperteil, f Fürwort, x Wein. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Anagramms in vor. Nr.: a. Siam, Nagel, Emil, Schnee, Serie, Rede, Seil, b. illaiS, Angel, Leint, Aschen, Liese, Erbe, Ilse. Malerei. Redaktion: Turt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UniversitätS°Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.,