1902. Samstag den 7. Juni. M S8U MW»! 8 stHbsc sich' dir'S selbst, wenn tut gefehlt; Füg' nicht, wenn Einsicht kam, Zum falschen Weg, den du gewählt, Auch noch die falsche Scham. Grillparzer. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Spät am Nachmittag kehrte Herr Velten aus der Stad,t zurück. Der Kontrakt war gerichtlich abgeschlossen und rechtskräftig gemacht. Tas alte Familiengut Brantikow, das Veltens Groß-- Vater bereits besessen, war nun in fremde Hände über- gegangen, er war nicht mehr Herr auf der heimischen Scholle, statt dessen aber Besitzer eines vierstöckigen Mietshauses in Leipzig, das im Parterre ein Bierrestaurant und außerdem achtzehn kleinere Wohnungskompartiments hatte. Als Belten seinen Angehörigen die entscheidende Nachricht brachte, empfanden diese zum ersten Mal voll und ganz den Schmerz ihres Verlustes. Aber hier zeigte sich Veltens liebenswürdiges Naturell. Er verstand es, die ©einen auf das herzlichste zu trösten und ihnen guten Mut einzusprecheu. Er selbst gab das beste Beispiel männlicher Würde im Ertragen des Unvermeidlichen, er unterdrückte jede schwächliche Gefühlsseligkeit und suchte allem die beste Seite abzugewinnen. Tas gute Bewnßtsein, das Geschäft wie ein Gentleman abgeschlossen zu habeir, tröstete ihn selbst über kleine Vorteile, die Lchmigke ihm abgerungen hatte. Er wußte es ja, daß er es mit diesem gewiegten Geschäftsmann nicht aufnehm m konnte, nnd mit einem gewissen Stolz erzählte er-l-feiner Familie, wie er als Kavalier diesem Geldmenschen gegenüber den kürzeren gezogen habe. Geschäftliche Routine und materielle Erwerbstüchtigkeit vertrugen sich durchaus nicht mit feinen Begriffen von Kavaliersehre. Selbstverständlich hatten feine Kinder, in diesen Grundsätzen erzogen, dieselbe Auffassung. ,So war man in Brantikow anfs tiefste empört und beleidigt, _ als am folgenden Tage ein Brief des alten Leh- migke eintraf, der Vorschläge enthielt in betreff einer Verbindung seines Sohnes Paul mit Traute. Trotzdem die Vorschläge äußerst großmütiger Natur waren, und für die Veltens fast, eine gänzliche Abnahme aller Sorgenlasten bedeuteten, und der Brief außerdem das herzlichste und wärmste Entgegenkommen ausdrückte, las man nur eine Demütigung heraus. Herr Velten kam ganz aufgeregt mit dem Brief zu feiner Frau. „Da, lies mal. Ah — das ist wirklich stark!" Fran Velten las. Sie las, daß ihre Tochter von einem reichen Mann zur Gattin begehrt wurde, der soeben Besitzer ihres alten, heißgeliebten Familiengutes geworden war. Und daß man sie in der Familie dieses Mannes mit freudigem Stolz aufnehmen wollte, trotzdem sie keine irdischen Güter besaß. Sie las, daß zu gleicher Zeit ihrem Gatten die Last der Verwaltung seines neuen Besitzes abgenommen werden sollte Unter sehr annehmbaren Vorschlägen denselben wieder zu veräußern, die ihr und ihrer Familie zu einer standesgemäßen Existenz verhalfen haben würden. Ganz blaß vor innerer Erregung legte sie das Briefblatt nieder. Aber es war nicht die Erregung einer Freude ober Unschlüssigkeit. Nein, Frau Belten schwankte keinen Augenblick, daß es eine Sünde und Schande sei, ihr Kind für Geld zu verkaufen. Thränen der Demütigung traten in ihre Augen. Ihr Kind, ihr liebes, schönes Kind war im ihren Augen beleidigt. Welch eine Zumutung. Traute, dem ungeliebten, tief unter ihr stehenden Manne zu geben! Sie selbst hatte sich einst dem Gatten aus tiefer, schwärmerischer Herzensneigung vermählt, und eine Ehe, die nicht im Himmel geschlossen und direkt vom lieben Gott gewollt war, schien ihr eine Blasphemie. Sie war allerdings die Erbin eines nicht nnbedenten- bett Vermögens gewesen unb ihr Erwählter der Besitzer eines schölten Gutes — die Verhältnisse lagen etwas anders für ihre Töchter unb bte Zeiten hatten sich seitbem be- beutcnb verändert — aber Frau Velten hielt fest an ihren Idealen. Sie empfand in diesem Augenblick zum ersten Male bitter, daß das schützende Bollwerk ihrer bisherigen exklusiven Lebensstellung gefallen war. „Man kann den Leuten diese Taktlosigkeit nicht so übel nehmen", sagte sie mit vornehmer Milde, „sie besitzen eben nicht das Unterscheidungsvermögen für die verschiedenen Grade der Erziehung unb Lebensstellung. Her Lehmigke hält si.ch' natürlich jetzt als Besitzer von Brantikow für unseresgleichen." „Natürlich. Ich glaube, 'er hält sich sogar für überlegen mit seiner Million. „Unbegreiflich. Es ist erschreckend, welch ein Geist jetzt int Volke herrscht. Sie wollen alle Klassenunterschiede anf- heben. Tas kommt von der zunehmenden Religionslosigkeit. Wie anders war es früher. Wenn der reiche Kaufmann Metzner gu meinem seligen Vater kam, dessen Vermögen in seinem Geschäft angelegt war, so mußte er anti- chambriereti, unb eher wäre der Himmel eingestürzt, ehe mein Vater ihn zur Tafel gezogen hätte! Die Welt wird jetzt recht ungemütlich, aber es kann nicht so fortgehen. Ter liäbe Gott wird die Ordnung wieder Herstellen." „Ruf doch mal Traute, wir wollen hören, was das Kind dazu sagt. 334 „Ich Litte Dich, lieber Theophil, erspar es ihr. Wozu diese Demütigung? Das arme Kind ist nicht schuld daran." „Nein, wissen muß sie es doch. In dieser Beziehung muß jeder für sich selbst entscheiden." Traute wurde geholt. Sie las den Brief und lachte laut auf. Ms sie jedoch die Gesichter ihrer Eltern sah, sing sie an zu weinen. Tann stanlpfte sie kräftig mit dem Fuß auf, zerknüllte das Schreiben und sagte stolz: „Papa, schreibe dem Unverschämten, daß eine Belten sich nicht verschachert!" Der Papa klopfte seinem Töchterchen aus die Schulter. „Bravo, das ist mein Nachgelaß." Und so war die Sache erledigt. Man sprach nicht weiter darüber. Nur Hulde neckte Traute noch zuweilen in luftigen Momenten, und Traute wurde immer grausamer und virtnosenhafter in der Mimik des Nachahmens, wenn sie Vater und Sohn Lehmigke kopierte. „Wer Paulchen, nicht so bange!" wurde ein geflügeltes Wort und bei jeder Gelegenheit mit Hochgenuß von den Schwestern angewandt. In einem sehr höflichen, aber kühlen Schreiben lehnte Herr Velten den Antrag des jungen Lehmigke im Namen seiner Tochter ab. Wer so höflich der Brief war, er ließ doch in einigen feinen Wendungen deutlich fühlen, daß ein Schnapsfabrikant nicht der passende Schwiegersohn für die Familie Belten sei. Diese kleine Genugthuung konnte sich der Schreiber nicht versagen für die etwas derben Rücksichtslosigkeiten, mit denen Lehmigke senior die wunden Stellen seiner bürgerlichen Existenz zuweilen bloßgelegt hatte. Der alte Lehmigke geriet denn auch durch dieses Schreiben in grimmigen Zorn. „Hochmütiges Bettelpack!" schrie er verächtlich, mit der Faust auf den Tisch schlagend. Paul Lehmigke sagte kein Wort. . „'Da hörst Du es. Du bist nicht gut genug für die Prinzessin Tochter! Na, Paulchen, wir werden noch unfern Spaß erleben mit den Leutchen. Das wird eine schöne Ko- mödre werden hier mit dem Haus und den Herren Mietern! Sie werden wohl immer ihren Bedienten 'rumschicken am Quartal, um die Miete einzukassieren, und wenn einer von den Mietern kommt, daß die Wasserleitung geplatzt ist ober daß der Ofen raucht, dann werden sie ihm den Standpunkt klarmachen, daß sie für solche Tinge zu vornehm lind. Na, mich dauern die Töchter, die sind jung und kennen die Welt nicht. Wer 'ne dumme Gans ist das Mädchen doch so eine Partie auszuschlagen, so eine gute Partie!" Paul verließ schweigend das Zimmer. „Ich glaube, er nimmt sich's zu Herzen", sagte Papa Lehmigke später zu seiner Frau, „er redet ja nicht viel, aber ich seh's ihm an. Und er bat keine rechte Freude an dem Geschäft. Es ist jammerschade, so ein schönes Gut und so ein schönes Geschäft! Der alte Velten versteht ja von nichts, und ich hätte ihn viel mehr übers Ohr hauen können, wenn ich. nicht ein anständiger Mensch wäre. Urid ich habe ihn wieder herausreißen wollen und die Tochter und die ganze Familie versorgen — alles um das schöne Mädchen, und weil ich sah, daß sie Paul ins Auge stach, wie noch nie eine, — aber sie wollen nicht — sie wollen nicht t—, da kann ihnen kein Gott und kein Mensch helfen!" Drittes Kapitel. i 1 Ein kühler Septemberwind schüttelte bereits die gelben Blätter von den Bäumen und ein grauer Regenhimmel hing über der Landschaft, als drei große Möbelwagen vor der Hausthür in Brantikow standen, umgeben von einem wüsten Durcheinander von Kisten, Koffern, Möbeln, Packstroh, Papierfetzen und lärmenden Packknechten. Es war ' unglaublich, was sich seit Generationen alles in dem alten Herrenhaus aufgespeichert hatte an wertvollem und wert» losem Besitz, an Familienreliquien und an Plunder. Wer auch den alten, lieben Plunder ließ man schweren Herzens zurück und es kostete Frau Velten manch heimliche heiße Thräne, sich von ausgedienten Kinderstühlchen und Wiegen, von wurmstichigen hausgroßen Urgroßmütter- schranken, von mächtigen Paradehimmelbetten und allerlei »erbrochenen Nippes zu trennen, von so vielen Dingen, oie mit der Familiengeschichte der VeltenS und mit ihren schönsten Erinnerungen verwoben waren. ES war ein leidvoller, herzbrechender Abschied, den die Familie da feierte, und allen war sterbensweh zu Mut. Aber sie beherrschten sich tapfer. Tie Dressur der guten Erziehung legte ihnen den nötigen moralischen Zwang ans. Keiner von ihnen verlor die Haltung. Selbst bei den er-, greifendsten Szenen nicht. Am Tage vor der Abreise gang das Ehepaar mit seinen« Kindern — der einzige Sohn Arnim, der Oberprimaner^ war dazn gekommen, von Haus zu Haus im Torf. Sie sagten jeder alten Frau, jedem Tagelöhner Lebewohl. Es war ein Trauerzug wie ein Leichenbegängnis, so viel Schluchzen und Wehklagen gab es da von feiten der! Dorfbewohner. Hier offenbarte sich, welch eine köstliche- edle Seite die Familiengeschichte der Veltens besaß. Da war keins von den stattlichen Bauernhäusern und ärmlichen Arbeiterhütten, das nicht mit Herzeleid die geliebte! Herrschaft scheiden sah. Hatte diese doch einig mit der ganzen Genreinde zusammengelebt in wahrhaft patriarchalischem Verhältnis. Da war keine Hochzeit, keine Taufe im Torf gewesen, bei dem sie nicht Gäste waren, da war kein Krankenbett, an den: Frau Belten nicht tröstend und hilfreich gesessen, kein Sarg war ans den Friedhof getragen, dem die Familie nicht mit den Leidtragenden gefolgt wäre. „Tat iiberlebe ick nich", sagte manch ein alter Graukopf im Dorf, und immer und immer wurde schluchzend wiederholt: „Solche Herrschaft kriegen wir unser Lebtag nich wieder!" Tie Familie saß nach diesem Schmerzensgang zu einem stummen, bedrückten Mahl beisammen, das nur unter Schwierigkeiten eingenommen werden konnte. Alle Möbel waren ausgeräumt, alles Porzellan verpackt, man saß auf Küchenschemeln und trank den Nachmittagskaffee ans! großen, geborgten Bauerntassen und einem seltsam zusammengestellten Kaffeeservice. Während dieses Mahles ließ sich eine Deputation des Hofgesindes melden, die der scheidenden Herrschaft als Liebesbeweis kleine Andenken bringen wollte und die der erste Inspektor zu führen übernommen hatte. Tie Ge-j schenke waren von den Leuten herzlich gut gemeint, aber es konnte nicht anders als komisch wirken, wie die alte Schäferfrau mit einem Riesenblnrnentopf einem blühenden Goldlack, der Schäfer mit einem selbstgezogenei: jungen Hund an der Leine, der seinen Dimensionen nach ein stattlicher Fleischerhund zu werden versprach, der Gärtner mit einem selbstgeflochtenen Korb mit auserlesenen Früchten seines eigenen Gartens, und die alte, taube Kuhmagd mit mehreren Gebinden selbstgesponnenen Garns angezogen kamen. Der Inspektor in seinem besten Sonntagsstaat ließ seine Deputation aufmarschieren und nahm eine feierlich« Haltung an. Er räusperte sich stark, rückte an seiner Hals-i binde und begann mit vielem Pathos: „Die gnädigste Herrschaft, die mit nnserm tiefsten Beileid hinfürd nicht mehr unsere gnädigste Herrschaft ist — wolle — solle >— möchte —" Hier heulte der Hund leise auf und wurde energisch zur Ruhe verwiesen. „Tre gnädige Herrschaft wolle allergnädigst ein paar Kleinigkeiten entgegennehmen, die das Werk unserer Lieb« und unserer eigenen Hände sind —" Ter Hund protestierte mit lauteni, zornigem Behlen und bekam einen Fußtritt. Traute kniff Arnim, mit dem sie auf einem Schemel saß, in den Arm und dieser schnäuzte sich, um sein Gesicht tm Taschentuch verbergen zu können. Herr und Frau Velten tote Hulde hörten mit unerschütterlichem Ernst zu, und die ganze Deputation stand! tief ergriffen. Besonders malerisch waren die «Schäferfrau- die ihren Goldlack im Arm hatte, wie ein trauernder Genius seinen Palmenzweig, und die alte, taube Magd mit andächtig gefalteten Händen daneben. „Mit Liebe und Freude", fuhr der Inspektor fort- „haben wir daran gearbeitet, als wir hörten, daß unsere gnädige Herrschaft uns verlassen wollen, und mit tiefbewußtem Schmerz — verdammter Köter, hau ihm doch mal eine runter —Der Hund hatte ein langgezogenes Geheul an gestimmt. — „Mit tiefbewußtem Schmerz stehen wir hier — in Liebe und Treue vereint zu einem Abschied, der es uns zur schönsten Pflicht und Notwendigkeit macht uns unseres Tankes zu entäußern. Wer weil der Mensch sich nicht so entäußern kann, wie's ihm ums Herz ist — weil — In diesem Augenblick gab es einen unheilverkündende« — 335 Krach und mitten im besten Redefluß des Inspektors verschwanden Armin und Traute unter dem Tisch. Ter wacklige Schemel, aus dem sie saßen, hatte nicht länger die Last ihrer beiden jugendkrästigen Gestalten ertragen. Tos war zu viel sür den aufgeregten Hund. Gr riß sich los und fuhr mit wütendem Gekläff ebenfalls unter den Tisch, wo sich die beiden Verunglückten vor unterdrücktem Lachen nicht erheben konnten. Es gab ein wildes Durch- einander, der Schäfer versuchte fluchend seinen Hund am Schwanz hervorzuziehen, und säst wäre der ganze Koffee- tisch umgerissen, wenn Herr Velten und der Inspektor ihn nicht krampfhaft gehalten hätten. Ter Effekt der schönen Rede war hin und es wirkte Unwiderstehlich komische als Armin und Traute endlich wieder zum Vorschein kamen, Armin in seinem dunklen Anzug von oben bis unten mit Milch begossen und Traute in ihrem Hellen Kleide mit schwarzem Kaffee. An Fortsetzung und Schluß der Rede war nicht zu denken, Herr Velten dankte mit herzlichen Worten und die Geschenke wurden gerührt entgegengenommen, bis auf den vielverheißenden Köter, der mit einem großen Aufwand von Zartgefühl als unmöglich in einer Stadtwohnung abgelehnt werden müßte. (Fortsetzung folgt.) LjZ ; Persisches Frauen- und Familienleben. Aus Anlaß der Europa-Reise des Schahs, e'./ Von Hermann Grelling. (Nachdruck verboten.) Die Frau ist in Persien, wie in allen Ländern, wo Polygamie herrscht, ein noli me tangere. Es ist streng verpönt, ihrer zu erwähnen, selbst der Arzt darf sich bei dem Manne nicht nach ihrem Befinden erkundigen. Sie lebt mit ihren Kindern und Dienern im Harem oder Gnderun, der Frauenabteilung des Hauses, während der Mann sich tagsüber im Birun, dem Männergemach, aushält. Nur vor ihrem Gatten und einigen nahen Verwandten erscheint sie ohne Schleier, trotzdem führt sie im „Lande der Sonne" kein so abgeschlossenes und trostloses Leben, wie in der Türkei, sie hat viel Bewegungsfreiheit, geht und reitet viel aus, besucht die Bazare und Bäder, giebt Gastmähler, und besucht ihre Verwandten, begleitet ihren Mann auf Vergnügungsreisen re., ja sie sucht sogar selber den Arzt aus, wenn sie leidend ist. Allerdings verwandelt sie sich, sobald sie das Enderun verläßt, in ein Geschöpf, das man weder Fleisch noch Fisch nennen möchte, und das einem aufrecht stehenden Strauß mit kurzen Beinen ähnlicher sieht, als jedem anderen Ting, wenigstens auf dem Bilde. Sie bekleidet sich mit einem blauen Mantel, den sie über den Kopf zieht und bedeckt das Gesicht mit einer dichten Gesichtsmaske aus weißem Baumwollstoff, sodaß man nur die schwarzen, glänzenden Augen durch die Augenluken wahrnimmt. „Tie faltigen kurzen Röcke und Kleider", erzählt ein Oesterreicher, der 40 Monate in Persien gelebt hat, „stecken sie beim Ausgehen in Pumphosen, welche bis zu den Zehenspitzen geschlossen sind, und daher auch die Strümpfe bilden, darüber tragen sie Schlappschuhe, ihre Bewegung und ihr Gang sind deshalb immer wackelnd und ungraziös." Natürlich gleicht in dieser Tracht eine Frau der andern wie ein Ei dem andern, sodaß man höchstens an der Stimme erkennt, ob man eine junge oder alte vor sich hat. Auch denjenigen Frauen, welche galante Abenteuer suchen, oder Jn- triguen ausführen, kommt die Sitte sehr zu statten. Begegnet man auf der Straße einer Frau, fo ist es nicht anständig, sie anzusehen, löst sich zufällig ihr Schleier oder lüftet sie ihn, um besser atmen zu können, so wendet man sich ab, bis er wieder befestigt ist. Nur die Weiber der Nomadenstämme zeigen sich ohne die häßliche Hülle, vermeiden aber die Blicke der Fremden. In sozialer Hinsicht ist die persische Frau nicht viel besser als die Sllavin des Mannes, und die Heirat ist im Grunde nur eine Art Kauf, trotzdem darf man sich das Ehe- und Familienleben nicht allzu abschreckend vorstellen. Der Perser darf allerdings gesetzlich vier Frauen nehmen und außerdem noch solche auf Zeit in unbegrenzter Anzahl, doch ist bei dem gewöhnlichen Perser Monogamie die Regel, nud nur Prinzen und sehr reiche Leute gestatten sich den Luxus mehrerer grauen. Tenn das Heiraten kostet in Persien, wie überall, Geld, vielleicht noch mehr als anderswo, denn die Frau muß bezahlt werden; außerdem ist ihr Aufwand nicht billig, und der Mann muß ihr außerdem noch ein Heiratsgut verschreiben und sie für den Fall einer Scheidung entschädigen. Der weibliche Einfluß aus den Mann macht sich gerade so geltend, tote bei uns, und es giebt in Persien ebenso gut Pantoffelhelden, tote anderswo. Auf alle Geschäfte übt das Weib Einfluß, die Frau eines Gouverneurs oder Veziers mischt sich sogar in politische Angelegenheiten. Ja, in mancher Hinsicht erscheint das Land der Sonne als Eldorado: es giebt dort weder Hagestolze, noch alte Jungfern, wenigstens gehören letztere zu den ganz seltenen Ausnahmen. Ter Perser ist sehr familiär, er kann nicht begreifen, wie jemand ohne seine Familie leben kann. Unter Brüdern und Verwandten besteht große Anhänglichkeit, ja der eins Bruder ist verpflichtet, im Falle des Todes des andern für dessen Hinterbliebenen, Witwen und Kinder zu sorgen. Wenn auch von eigentlicher Liebe, wie bei uns, zwischen dem Manne und seiner Auserkorenen nicht die Rede sein kann — er bekommt sie nämlich vor der Hochzeit gar nicht zu sehen —, so behandelt der Perser seine Frau doch gut, es kommt saft nie vor, daß ein Mann sein Weib mißhandelt. Wenn mehrere Frauen im Hause sind, bewohnt jede eins besondere Tlbteilung des Frauenhauses und hat ihre eigene Dienerschaft und Köche, denn keine traut der anderen und keine würde die Kost ihrer Nebenbuhlerin berühren. Tis Frau der ärmeren Klassen arbeitet und kocht dagegen für ihren Mann, tote bei uns auch, sie ist genötigt, Geld zu verdienen, und ernährt ihn in vielen Fällen sogar. Eins Frau höheren Ranges führt den Titel Chanum, der Titel einer Frau niederen Ranges ist Begum oder Badschi, eines niedrigsten Grades Saite. Doch herrschen im allgemeinen nicht so schroffe Standesunterschiede, wie in Europa;, ein schönes Mädchen niederen Ranges kann das Weib eines Großen oder selbst des Schah werden, und dann erlangen die Mitglieder ihrer Familie ost die höchsten Aemter. S» war die Lieblingssrau des Schah Nasser-edin eine arme Tischlerstochter, sie verdrängte, nicht einmal schön, alle anderen Frauen aus seiner Gunst, ihr Vater wurde Gou- verneur einer Provinz., und ihr Bruder und Schwager sahen sich, obwohl beide nicht einmal schreiben konnten, zN Kämmerlingen des Königs erhoben. Im Harem nimmt in der Regel eine aus der Verwandtschaft stammende Frau die erste Stelle ein, sie ist die eigentliche Leiterin des Hauswesens, und die anderen Frauen müssen sich ihr unterordnen, ja dürfen sich vielsaöh ohne ihre Erlaubnis in ihrer Gegenwart nicht setzen. Tie persische Frau ist, tote Tr. Polak erzählt, der lange Jahre Leibarzt des Schah und Lehrer der medizinischen Schule zu Teheran war und "daher tiefere Blicke in das Familien- und Frauenleben des Reiches gethan hat, als alle anderen Reisenden, von Gestalt und Antlitz nicht unschön. Sie ist „von mittlerer Statur, weder mager noch fett. Sie Hatz große, offene, mandelförmig geschlitzte Augen und sein gewölbte, über der Nase zusammengewachsene Brauen; ein rundes Gesicht wird hochgepriesen und von den Dichtern als Mondgesicht besungen. Tie Hautfarbe ist etwas brünett, eine weiße Haut wird deshalb sehr geschätzt. Tie Haars sind dunkelkastanienbraun." Tie Perserin wendet mancherlei kosmetische Mittel an, um ihre Schönheit zu erhöhen, sie schminkt ihr Antlitz tot' und weiß, färbt Haare und Augenbrauen schwarz, die Handteller, Nägel und Fußsohlen orangegelb. Ihre Haltung und ihr Gang sind graziös, sie ist sehr neugierig, kokett und putzsüchtig, und ihre Ausgaben für Toilettezwecke führen oft den Ruin des Mannes herbei, Tie Kleidung der vermögenden Frau besteht aus Shawl. ,Seide, Goldtressen und schwerem Broeat. Im Harem trägt sie sich natürlich anders als auf der Straße; da bedeckt den Kopf ein leichtes Shawlkäppchen, aus welchem nach hinten die Zöpfe hervorwallen; ein blaues oder rosa Hemd von dünnem Flor bedeckt die Brust; ein kurzes, enganliegendes, vorn weit ausgeschnittenes Leibchen aus Seide, Shaivl oder Broeat reicht bis zu den Weichen, dazu kommen noch ein Wams und über mehreren Unterhosen eine saltenreichs Pluderhose. „ , ... . Tie gesetzliche Ehefrau heißt Akdi, die auf bestimmte Zeit geheiratete Sighe. Der Vertrag mit einer solchen kann auf beliebige Zeit, von einer Stunde bis zu 99Jahren, abgeschlossen werden, sie bezieht außer einer bestimmten Entschädigung noch eine Summe für den Fall rhres Muttes werdens. Während der Dauer des Vertrages steht sie nt 336 allem einer rechtmäßigen Ehefrau gleich. Für die Kinder hat der Mann zu sorgen. Nach Ablauf des Vertrages scheidet sie, falls derselbe nicht erneuert wird, von dem Manne und darf sich nach vier Monaten anderweit verheiraten. Auf Reisen heiratet der wohlhabende Perser in jeder Stadt, wo er längeren Aufenthalt nimmt, eine Sighe. Bei der Abschließung-einer legalen Ehe geht es folgendermaßen zu: Da der Heiratslustige seine Zukünftige vorher nicht sehen darf, so liegt die Vermittelung einer Ehe fast ausschließlich bei den weiblichen Verwandten des heiratsfähigen Mädchens oder besonderen Unterhändlerinnen. Eine solche begiebt sich zu dem Heiratskandidaten, rühmt ihm die Vorzüge der Braut, und ivcnn er einverstanden ist, vereinbart sie mit den Eltern des Mädchens die Be- dingungen. Sodann wird zur Hochzeit geschritten, die in reichen Häusern äußerst pomphaft gefeiert wird und oft ?■—8 Tage dauert. Am ersten Tage wird der Träuungsakt vollzogen, eine sehr einfache Handlang. „Der Bräutigam begiebt sich", berichtet Tr. Polak, „in Begleitung zweier Zeugen zu den Eltern der Braut und bringt gewöhnlich die vereinbarte Ueberlassungssumme, das sogenannte Milch,- gelb, mit. Hierauf wird der Ehekontrakt niedergeschrieben und darin der Abfindungsbetrag, welchen die Frau im Sterbe- oder Scheidungsfalle zu erhalten hat, getunt verzeichnet. Der Mula liest nun das Gebet und fügt einige Worte der Ermahnung hinzu. Dann setzt sich der Vater der Braut dem Bräutigam gegenüber, sie reichen sich die rechte Hand, und der Mtcla spricht dabei die arabische Formel vor, welche der Vater nachspricht: „Ich verheirate Dir meine Tochter, die Jungfrau Namens N.", worauf der Bräutigam, ebenfalls vom Mula souffliert, antwortet: „Ich gehe die Heirat ein, ich nehme Deine Tochter unter meine Obhut und verpflichte inich, ihr Schutz zu gewähren. Ihr, die Ihr gegenwärtig seid, mögt es bezeugen!" Mit einigen frommen Reden und Segenswünschen der Umstehenden schließt die Zeremonie." In der Nacht nach der Hochzeit wird die Neuvermählte bei den ärmeren Klassen ihrem Manne zugeführt, bei den Reichen und Vornehmen erst nach Beendigung der Festlichkeiten tutd Schmausereien. Unter Trommelwirbel werden schon vorher auf Maultieren die Habseligkeiten der Fran, Kleider, Teppiche und Hausrat, nebst den Dienern und Sklaven ins Haus des Mannes gebracht, wobei es an renommistischem Pomp nicht fehlt, um die Mitgift größer erscheinen zu lassen. Tie Braut folgt erst gegen Mitternacht zu Pferde, sie wird „unter Trommelschlag und Flintenschüssen und unter Vorantragen von Windlichtern durch ihre Genossinnen ins Haus des Mannes geleitet, der sie nun endlich zum ersten Male zu sehen bekommt." Nicht immer sind beide Teile von einander befriedigt, denn die Eltern suchen häßliche Töchter natürlich ebenfalls unter die Haube zu bringen und erlauben sich manchen schlauen Betrug. Andererseits kommt es auch vor, daß ein zehnjähriges Mädchen in ihrem Gatten einen Greis von 70 Jahren erkennt, der ihr Großvater oder sogar Urgroßvater sein könnte. Ter Sitte nach muß der Mann die junge Frau gewaltsam entschleiern, sie leistet dabei scheinbar Widerstand. Im Augenblick der Schleierlnftung ruft der Mann: „Bismillah errahman errahim!" (Im Nameit Gottes, des Bardn- herzigen!) Wem es von beiden Teilen gelingt, zuerst auf den Fuß des andern zu treten, der "erhält nach dem Volksglauben im Hause die Oberhand, weshalb zwischen den Neuvermählten ein eifriger Wettstreit entsteht, bis einer von Leidenden Sieg erlangt hat. Der Akt der Scheidung geht ebenso leicht von statten, wie derjenige der Trauung, trotzdem ^kommen Scheidungen verhältnismäßig selten vor, da der Mann, wie schon erwähnt, in diesem Falle nicht nur die der Frau bei einer eventuellen Trennung zugeschvie- bene Summe zu erlegen hat, sondern auch die Sorge für die Kinder übernehmen muß. Außerdem kostet eine neue Frau viel Geld — und das Verstoßen einer Frau aus der Familie gereicht dem Manne noch obendrein zur Unehre. Es erfolgen daher Scheidungen meist nur infolge Untreue oder Kinderlosigkeit der Frau. In ersterem Falle gießt das Gesetz dem Manne sogar das Recht, seine Frau zu töten, er Zieht aber die Scheidung vor; Kinderlosigkeit ist dagegen für eine persische Frau ein Fluch, der sie sicher um des Mannes Liebe und jedes Ansehen bringt, und dem nicht zu verfallen, sie ebenso alle möglichen abergläubischen j Mittel anwendet, wie sie nach derartigen Mitteln trachtet, um ihren Konkurrentinnen in der Gunst und im Harem ihres Mannes diesen Fluch aufzudrücken. Kinder sind also im Hause des Persers ein heißbegehrter Artikel, umsomehr, als die Kindersterblichkeit ungemein groß ist, besonders unter den Knaben. Tie Mehrzahl der Kinder unterliegt nach Polak im zweiten Lebensjahre, Ruhr und Kindercholera raffen sie in Menge hinweg; im Früh-- ling 1859 starben allein in Jspahvn über 800 an den Blattern. Dabei wird das Kind in Persien zwei volle Fahre, ost noch länger, von der Mutter (oder in seltenen Fällen von der Amme) gesäugt! Eine Amme gilt ihrem Pflegling als zweite Mutter und wird hoch in Ehren gehalten. Bis zum 7. Jahre bleiben die Kinder im Harem unter Aufsicht der Mutter, d. h. sie tummeln sich in den inneren Höfen itnb Gärten der Häuser, während die Kinder der ärmeren Klassen sich ohne alle Aufsicht auf den Straßen bewegen. Im 7. Jahre verläßt der Knabe den Harem, um von nun an das Männergemach zu beziehen. Nun beginnt auch sein Unterricht, den er entweder durch einen Hofmeister oder in einer öffentlichen Schule empfängt. Vor allem bringt man ihm äußeren Anstand bei, er darf in Gegenwart älterer Personen nicht sprechen, nicht kindisch fragen, nicht lebhaft sein; in Abwesenheit oder nach dem Tode des Vaters fungiert er als dessen Vertreter schon im Kindesalter. Ter Vater bleibt sein Herr, so lange er lebt, ihm gehört selbst das vom Sohne erworbene Vermögen. Die Mädchen nehmen am Unterricht der Brüder teil, ohne doch möglichst die öffentlichen Schulen zu besuchen, bereits vom 9. Lebensjahre ab gehen sie nur noch verschleiert aus. Aermere Mädchen werden schon int 10. und 11. Jahre, ja in einzelnen Fällen schon im 7. Jahre verheiratet; besser situierte Familien warten mit der Verheiratung der Töchter bis zum 12. -oder 13. Jahre. Ein wohlgestaltetes Mädchen ist für die Eltern ein Kapital, da der Kaufpreis dafür! bisweilen die Summe von 500 Dukaten beträgt — kein Wunder, daß man ihm alle mögliche Pflege angedeihen läßt, selbst wenn deshalb alle anderen im Hause Mangel leiden müßten! Tie Perser kennen keine Familiennamen, sie nennen sich bei ihren Vornamen und fügen höchstens den Namen des Stammes ober Stammortes oder anch einen Beinamen hinzu. Tie Diener und Sklaven werden gut gehalten, infolge dessen und weil sie in der Regel sehr zahlreich sind, zeigen sie sich ungemein träge und indolent, aber ihre Herren geniert das wenig, da sie keine hohen Ansprüche stellen. Tie Häuser zeigen nach der Straßenseite meist mir nackte, kahle Manern, alle Pracht wird nach innen, gegen die Höfe und Gärten, entfaltet. Geschlafen wird auf dem Dache, und es gilt als äußerst unanständig, von einem Hausdache nach einem anderen zu schauen und die Geheimnisse der Bewohner zu belauschen. Leider läßt es der begrenzte Raum nicht zu, hier auf die innere Einrichtung der Häuser und die Lebensweise der Perser näher einzugehen. Erwähnt sei nur, daß nach persischen Begriffen ein mit Teppichen gehörig belegtes Zimmer vollkommen möbliert ist, und daß man sich beim Essen sowohl Messer und Gabel als auch die Löffel spart — wozu hätte die Natur uns denn auch sonst 10 Finger und 10 Nägel gegeben? Magisches Quadrat. (Nachdruck verboten.) 1. Gemütserregung. 2. Musikinstrument. 3. Pflanze. 4. Pelzwcrk. In die Felder vorstehender Figur sind die Buchstaben B, EE, H, NN, 0000, RRRR, ZZ derart cinzutragen daß die wagcrechten und senkrechten Reihen gleichbedeutend sind und Wörter von der beigefligten Bedeutung ergeben. (Auflösnng in nächster Nummer.) Auflösung des Akrostichons in vor. Nr.: Land, Onkel, Xanten, Eier, Lose, Angel, Uhr, Lalle, Siegel, Tanne, Auge, Nagel, Dante, Iran, Nase, Geber, Land, Iller, Nabel, Astern. Boxeraufstand in China. Redaktion: I. B.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Büch- und Eteindrückerei (Pietsch Erow) in Gießen.