Nr. 67. Mittwoch den 7. Mak. 1902. ®8f Bjjil »JjU h A W O c A3 I ' '4 er Mensch baut Schlösser und die Zeit Ruinen. Sprichwort. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Romail in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) „Also, das habe ich Ihnen schon erzählt? Ja, ich glaube auch, daß, ich es Ihnen schon erzählte. Ich wurde unter Psalmen und Gebeten groß, und ich glaubte das alles — Kinder glauben ja alles; seit ich aber in die Welt hinauskam — —" Sie schüttelte wieder den Kopf und streckte die Hände abwehrend vor sich aus. „Wissen Sie, wie es Voltaire als Kind erging? Er lernte mit fünf Jahren ein freigeistiges Gedicht auswendig, itnd die Eindrücke, die er dadurch erhielt, verwischten sich sein ganzes Leben lang nicht mehr. So ungefähr erging es auch mir, als ich siebzehn Jahre alt war. Ich war damals bei einem Schwager zu Besuch, und dort fiel mir ein Buch über „Jesus und die Vernunft" in die Hand, ich las es und kam dadurch dazu, ernstlich über meine Religion nachzudenken. Ach, ich dachte und dachte! Ich habe stets einen solchen Hang zum Grübeln gehabt, aber je mehr ich grübelte und sann, desto weiter entfernte ich mich von den Ansichten, die mir als Kind eingeimpft waren. Und als ich dann später nach Paris kam und in einem Kreise lebte, wo —" „Haben Sie in Paris gelebt?" „Ja! Erzählte ich Ihnen das noch nicht? Nein, wie war es nur? Ich kann mich heute abend an nichts erinnern." Sie legte die eine Hand in den Nacken, die andere an die Stirn und preßte sie zusammen. „Und ich kann auch nicht vergessen. Wenn man nur alles vergessen könnte! Wie glücklich die Toten doch sein müssen, Frau Boje. Diese stille, ewige Ruhe!" Airs die starke Erregung, in der sie sich befunden, folgte eine schwere Erschlaffung, die ihren Zügen einen träumerischen Ausdruck verlieh. In einem schlafähnlichen Zustand lehnte sie sich hintenüber, die Arme gekreuzt, die Lider halb geschlossen, als zöge sie das Gewicht der langen Wimper herunter; plötzlich aber richtete sie sich auf und schaute um sich. „Ich sitze noch hier! Das ist wirklich sehr unrecht von mir! Und noch dazu bei Ihrem Zustand! Sie sind sicher müde!" Sie erhob sich und umarmte Helene. „Haben Sie Dank, liebe Frau Böje, daß Sie mich so freundlich aufnahmen! Darf ich nicht zuweilen ein wenig zu Ihnen herüberkommen- Ach, bitte! Ich werde Sie auch nicht allzu oft belästigen."- Helene schloß in dieser Nacht kaum ein Auge. Was wogte und brauste doch nur in dieser jungen Brust? Wieder und wieder stand vor ihrer Seele oas Bild des qualerfüllten Antlitzes mit einem Augenpaar, das um Erlösung von etwas Entsetzlichem flehte. stj Früh am Morgen öffnete sie mit Hilfe ihres eigenen Schlüssels die Nachbarwohnung und schlich leise nach dem Bett hin. Alles im Zimmer lag in wilder Unordnung, die junge Frau war in einen tiefen Schlaf gefallen und lag da, heftig atmend, das seine Gesicht in versteinerter Ruhe. Erleichtert seufzte Helene auf, schlich zurück in ihre Wohnung und ging an ihre Morgenarbeit. „Bist Du schon auf?" fragte Böje, als sie an der Schlafstubenthür vorüber kam. „Ich war drüben, um mich nach Frau Eck umzusehen, sie schläft, gottlob, ruhig und fest." Auch bei Böje erwachte eine herzliche Teilnahme für die rätselhafte Unglückliche, und er war mit Helene darin einig, daß sie sich in Zukunft ihrer ein wenig annehmen müßten. Die Fledermaus soll — selbst in stockblindem Zustande — frei und lustig in einem von Stahldrähten durchkreuzten Zimmer umherfliegen können, da sie, sobald sie sich einem der Drähte nähert, so früh von ihrem Gefühl gewarnt wird, daß sie rechtzeitig ausiveichen und weiter schwirren kann. Es muß ein ähnlich geschärftes Feingefühl gewesen sein, daß Helenes Gedanken in stand setzte, jedesmal auszuweichen, wenn sie sich einer der Schnüre näherte, mit denen die Erinnerung an Thomas und ihren Vater ihr Inneres umspannt hatte. Wer wie viel Mühe sie sich auch geben mochte, hin und wieder geschah cs doch, daß sie sich an den harten Fäden stieß. Sie erkannte, daß es nicht so leccht war, bte Vergangenheit in Vergessenheit zu versenken. Oft mußte sie an einen Ausspruch von Horaz denken, den Rudolf emes Tages zitiert hatte: „Wer flieht sich selber, wenn er auch sein Vaterland flieht?" , Aber mit einem ernsten Willen vermag man vrel, und sie wollte vergessen, wollte über alle Sorgen und allen Summer siegen, der in der Vergangenheit wurzelte. Sw wollte ihren engenen, ruhigen Weg gehen, ein Henn Volt Licht und Gemütlichkeit auf eigenem Grund erbauen. Es konnte ein Trotz in ihr aufkommen, der seinen Ursprung in einem unklaren Unwillen gegen alle diese altväterischen Lehren hatte, die durch ihre schimmeligen Vor. urteile den freien Millen hemmten und das Muck des ’flÄ «M. Ite. «E nach der Stadt eilte, wo sie einige Besorgungen zu verrichten hatte. 266 Böse hatte ihr mit stolzer Freude nachgeschaut, als sie Mschieo von ihm genommen hatte; nie hatte sie den Kops so stolz getragen, als an jenem Wend. Als sie zurückkam, saß er am Tisch und war so vertieft in seine Schreibereien, daß idr keine Zeit hatte, den Kops umzuwenden, und nur einen Schimmer ihres Kleides auf- siug. — „Nun, bist Du wieder da?" Sie nahm aus dem Stuhle neben der Thür Platz und saß lange da, ohne sich zu rühren. Da wurde Böje ausmerksam: sie war bleich wie eine Leiche „Kind — bist Du krank? Glaubst Du, daß Cie schüttelte den Kopf. ; „Was hast Du denn?" Cie atmete tief auf mit einem seltsam durchdringenden Blick. „Aber was hast Du nur?" Er hatte sich erhoben und war zu ihr hinüb er- gegangen. „Thomas — trinkt." Er empfand einen schmerzlichen Stich durchs Herz. Mährend des ganzen letzten Jahres hatte sie nicht von Thomas gesprochen, er hatte sich so darüber gefreut, all das Alte war vergessen. Und nun kam sie mit dieser Mitteilung. „Woher weißt Du es denn?" I Sie saß da und starrte lange vor sich hin, I [:Tj „Woher weißt Du es?" i rT'i i „Was sagst Du?" —'PlT „Ich frage, woher Du es weißt." „Ich begegnete Frau Hansen, der Schwester des Försters. Sie war am Sonntag dagewesen." Er ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder. „Ach, es ist wohl nichts weiter, wie es immer gewesen ist", sagte er endlich. „Er ist in dem Punkt ja immer schwach gewesen." „Hans, weshalb willst Du es so auffassen?" „Wieso?" „Du weißt doch, daß er ein ganz anderer Mensch geworden war." Da überkam ihn die Eifersucht. „Bist Du denn etwa der Ansicht, daß Du oder vielmehr wir noch jetzt für das verantwortlich sein sollen, was er thut?" fragte er, sich vor sie hinstellend. Cie sah mit einem unglücklich abweisenden Blick zu ihm auf und atmete kurz und hastig. „Das kann doch Deine Ansicht nicht sein?" Sie stand aus und ging in die Küche. Er setzte seine Wanderung durchs Zimmer noch eine Weile sort, dann sammelte er seine Papiere, warf sie in eine Schublade, stellte sich aus Fenster und sah auf die gegenüberliegenden Dächer hinaus. Dann folgte er ihr in die Küche, erfaßte ihre Hand und sagte in ruhigem Toner „Sei doch vernünftg, Helene!" „Ja, ich werde schon vernünftig sein", erwiderte sie leise. Der Tod dec Nacht lag über der Stadt, in einem kleinen Heim auf dem alten Königsweg aber pochten die Pulse schnell. Es wurde eine Nacht mit Unruhe und Bangen, mit eiligen Schritten von einem Zimmer ins andere, mit Angst und Schreien, mit Jubel und thränenersticktem Lobpreisen. Dann wurde es für einige Stunden still in der Kammer, die Gedanken aber tummelten sich in glückseligem Taumel mit der unfaßbaren Thatsache, daß ein neues Leben unter diesem Dache atmete. Etwas von jener feierlichen Stille, die vor dem Gottesdienste druch eine Kirche geht, lag über dem Heim, als das erste gelbliche Licht durch die Scheiben brach, Alles in den Zimmern stand in schweigender Verwunderung da, es war, als sei ein Geist durch die Räume geschwebt und habe mit dem Fächeln seiner Schwingen einen gehaltenen Jubel, eine ehrfurchtsvolle Spannung hervorgerufen. Das Wagengerassel, das von der Straße heraufdrang, klang so fremdartig, das Morgenlicht hatte einen anderen Schein als sonst, alles war neu, wunderbar. Böje sprang vom Bett, auf. dem er in voller. Kleidung gelegen hatte. Es war, als gäbe es auf der Welt nichts mehr, was Schlaf oder Essen oder Trinken hieß. Mit zerzaustem Haar und in Hemsärmeln fetzte er sich, zu Helene auf den Rand des Bettes, streichelte ihre Wange und guckte freudetrunken unter die Decke, wo der kleine Kopf lag. Er war ganz wirr vor lauter Glück. Sie konnte sehen, wie ihm das Blut unter der Haut am Halse pochte. Madame Hansen, die Helene pflegte, nickte vor sich hin. — „Ja, laß sie nur noch ein, drei, vier Stiick dazu bekommen!" Helene war bald wieder im Gange, wartete den Kleinen und besorgte ihre Wirtschaft; ihre Mittel erlaubten ihnen nicht, eine Frau zu halten. Niemals hatte sie eine Ahnung gehabt, welch ein Glück es sei, ein kleines Kind zu haben. Alle Augenblick mußte sie vom Waschfaß und vom Feuerherd weglaufen, nm sich an dem Anblick des kleinen schlafenden Gesichts zu weiden/ Des Nachts genügte ein einziger Laut von der Wiege her, um sie zu wecken, und wohl zehnmal erwachte sie von selbst, um den Kleinen aufzunehmen und seine Kissen zurecht zu legen. Böje half ihr getreulich im Hause, wenn er daheim war. Bald lag er nut dunkelrotem Kopf und aufgedunsenen Backen vor dem Feuerherd und blies die Kohlen unter dem Theekessel in Brand, bald schaukelte er die Wiege im Takt zu den gräßlichsten Melodreen, die ihren Schöpfern, falls sie sie gehört hätten, die Eingeweide im Leibe nmgedreht haben würden. Eines Abends sand ihn Rudolf im Begriff, eine Windel zu plätten, und war nicht imstande, ihn vom Plättbrett zu entfernen. Rudolf konnte nicht umhin, ihm sein Lob über seine Tüchtigkeit in Frauenarbeit auszusprechen, scherzend verglich er ihn mit Herkules, der für Omphale spann. Für Frau Eck war das Ereignis bei Böjes eine Quelle des Schmerzes und der Freude. Ms sie den Kleinen zum erstenmal auf den Arm nahm, brach sie in Thränen aus, sie setzte sich mit ihm nieder und betrachtete ihn mit einem langen thränenseuchten Blick. Fast jeden Tag guckte sie jetzt ein, und war glückselig, wenn sie sich mit dem Kleinen! abgeben durfte. „Sie fassen ihn mit so geübter Hand an, daß mau fast glauben sollte. Sie hätten selber ein Kind gehabt", sagte Helene eines Morgens. Sie wiegte das Kind eine Weile in den Armen, dann antwortete sie leise: „Ja, ich habe auch so einen kleinen Knaben gehabt." „Tas haben Sie mir ja aber noch gar nicht erzählt!" „Er liegt auf dem Friedhof in Düsseldorf." „In Düsseldorf? Haben Sie denn dort auch ge-i wohnt?" „Ja, ein halbes Jähr." „Kamen Sie daher, als Sie hier einzogen?" ; i Sie nickte. „Und Ihr Mann?" „Der reiste nach Paris zurück — aber ich sehe, es ist schon spät geworden! Ich muß laufen — wenn ich jetzt nur eine Pferdebahn treffe!" In größter Eile fuhr sie zur Thür hinaus, war wie ein Wind um die Ecke und hinterließ ihre Freundin in dem gewöhnlichen Zustande fragenden Staunens. Helene wollte den Knaben selbst über die Taufe halten. „Und dann können wir ja Rudolf und Christensen zu Gevatter bitten", meinte Böje. (Christensen war der Gärtners bei dem er arbeitete, ein kleiner Herr von sanguinischem Temperament, mit dem Böje nicht allzu gut auskommen konnte.) „Rudolf können wir doch unmöglich Litten!" „Weshalb nicht?" „Weißt Du denn nicht, daß die Gevattern die Verpflichtung übernehmen, das Kind im Glauben der christlichen Kirche erziehen zu lassen, falls —" „Ach", fiel er ihr in die Rede, den Kopf in den Nacken werfend, „das ist so ein alberner Schnickschnack. Und dann ist ja auch keine Aussicht vorhanden, oaß wir sterben sollten!" „Rudolf steht nicht Gevatter!" „Steht nicht Gevatter? Das sagst Du so bestimmt! Dann will ich Dich doch in Kenntnis setzen, daß ich Rudolf bereits aufgefordert habe/« „Gevatter zu stehen?" ,Ja!" Ihre Wangen wurden bleich. „Weshalb hast Du daÄ gethan, Hans? Ohne mir ein Wort davon zu slicen?"' — 267 — „Ach was, das Ganze ist ja! schließlich doch nur eine Formsache." „Die Taufe ist eine Formsache?" , „Ja, das mit den Gevattern und Gevatterinnen. Es ist wirklich ganz gleichgiltig, wer Gevatter steht, oder ob ein Kind überhaupt Gevattern hat. Außerdem ist Rudolf ein treuer g,uter Mensch." „Davon ist hier nicht die Rede. Hier handelt es sich darum, wie weit er sich um die christliche Erziehung unseres Kindes kümmern würde, falls wir sterben sollten." „Du steckst noch in all dem alten orthodoxen Kram mit seiner ganzen Steifheit und seinem toten Formwesen. Ja, Du brauchst Dich nicht so zu ereifern, denn im Grunde ist es mir ganz gleichgültig, wer Gevatter steht; so viel will ich Dir aber doch sagen, Rudolf soll mit dabei fein."' (Fortsetzung folgt.) Himmelfahrt. Eine Kleinstadt-Episode von Barbara von Blomberg. 1 (Nachdruck verboten.) Ein unverheirateter Postdirektor, das war einfach eine unhaltbare Situation, der schleunigst abgeholfen werden mußte. Entweder mußte der Mann heiraten, oder mit enormer Junggesellensteuer belegt werden; — ba Letzteres aber noch immer nicht staatlich bewilligt, blieb nur das Eine: er mußte heiraten. Darüber war sich ganz Herlberg nut fernen 5000 Einwohnern klar, sobald der Postdirektor Schmidt dorthin versetzt war. Nachdem er Visite gemacht, war das Urteil über ihn ein allgemeines: nicht mehr ganz jung, schon etwas bedenklich hohe Stirn, was ihm aber gut stand; eine gewisse schüchterne Reserve der holden Weiblichkeit gegenüber, aber sehr liebenswürdig, ganz außerordentlich schlanke Blondine mit zarten Farben, war heute ganz besonders aufgeräumter Stimmung. „Spielen Sie sich nur nicht als eingefleischter Hagestolz auf, Herr Schmidt", rief sie munter. „Sie find es ja doch die längste Zeit gewesen." Der Landrat machte seiner Frau vergebens warnende Zeichen; er hatte ihr dies Thema auf das eindringlichste untersagt. Er selbst hatte es nie berührt, aus dem einfachen Grunde, weil er einen Reinfall fürchtete. Er würde nie versucht haben, seinen Freund von Fräulein Litkowsky abzubringeik, die er bei sich respektlos eine alte Schachtel nannte. Theo Schmidt war alt genug, seinen Weg allein zu finden. Aber die Frauen konnten doch nie das Einmischen lassen. Man sah der jungen Landrätin die übermütigste Kampfeslust an. ,c „Heucheln Sie nur nicht, Herr Schmidt, das Ende der Geselligkeit war Ihnen sicher ein Stich ins Herz; aber lassen Sie nur, Himmelfahrt wird ja Fräulein Lit- kowskys Geburtstag gefeiert, es sind nur noch wenige Tage bis dahin." „Aber Gretchen", mahnte der Landrat. Theo Schmidt war ganz perplex über den unerwarteten Angriff. „Was wollen Sie eigentlich, gnädige Frau", sagte er mit einem unsicheren Lächeln, „Sie denken doch nicht ettoa„23etoaljre! Daran denkt kein Mensch", warf der Landrat hastig ein. „Prosit, alter Junge, wie schmeckt Dir die Bowle?" Er kam sich sehr gewandt Bei dem schnellen Themawechsel vor, aber sein Freund hörte es kaum; er sah unruhig auf seine Gastgeber und stammelte: „Die glauben doch nicht etwa, daß ich mich mit der Dame verloben ^^Aber natürlich glauben wir das", lachte Gretchen Sacken gemütlich, „ganz Heilberg wartet mit uns, daß Himmelfahrt die Sache zum Klappen kommt. Der arme Theo Schmidt fiel aus den Wolken; er gehörte zu den harmlosen Seelen, die selten das merken, was ihre eigene Person betrifft. „Ich hatte nie die Absicht", versicherte er immer von Neuem und wurde ganz warm bei dem Thema. Der Landrat strahlte, daß sich sein lieber Theo noch bei Zeiten aus der Afsaire ziehen konnte. Das mußte begossen werden. Der Diener brachte Sekt, und es wurde ein höchst gemütlicher Abend. ,, ,,, „Ist Ihr Herz denn wirklich ganz unverwundbar?" ftagte die junge Frau, das interessante Thema festhaltend. Theo Schmidt wurde nachdenklich. „Doch! wohl nicht, gnädige Frau. Sehen Sie, als ganz junger Mensch habe ich auch die Hochflut des Verliebtseins durchgemacht; alle halbe Jahre war es eine andere. Dann kam eine Ebbe durch viele Jahre, und dann — ।—" er stockte einen Moment; er war eigentlich eine verschlossene Natur, aber heute war ihm das Aussprechen eine Wohlthat; er war ja auch in so intimen Freundeskreise, alles war traut und stimmungsvoll — mochte das auch gesagt sein, das wie ein köstlicher Traum durch seine Seele gezogen. — »Das war eine merkwürdige Geschichte. Ich war seit einem Jahrzehnt nicht in dem Hause meiner einzigen noch, lebenden Verwandten gewesen, und als ich nun vor zwei Zähren wieder hinkam, da hatte es mir die einzige Tochter Eva gleich angethan. Ihre blühende Schonheu, ihr sonniges Wesen, alles das riß mich zu hellauflodernder Liebe hm. Wochenlang blieb ich in dem Hause, wo ich mich nur für drei Tage angemeldet hatte, dann brach ich ganz unvermittelt auf, ich entfloh. Es war nach dem Himmel- fahrtsfest, wo viele Gäste gekommen und Eva wie immer so umschmeichelt und umdrängt war, daß ich ihr nicht nahe« kam. Da fühlte ich, meine Wünsche griffen zu hoch, sie ließen sich nie erfüllen, darum fort aus diesem Zauberbann. Ich wollte mich bei dem reichen, von allen bevorzugten Mädchen nicht lächerlich machen nut meiner ! Werbung. Verwunden habe ich es aber noch immer Frau von Sacken hatte ihm mit großem Interesse zugehört; heiß wallte das Mitleid in ihr auf und zugleich der echte Frauenwunsch, hier helfen zu können. „Ist lte """ „MunderbarÄeise nein; fie ist jetzt ö^iundzwanzig ungewöhnlichen Namen „Schmidt. sogar. Fräulein Litkowsky, die älteste Tochter der verwitweten Baurätin, fand Letzteres fraglos auch. Sie hatte eine üppig blühende Phantasie und träumte sich so fest in den Gedanken, ihn bald als liebende Gattin zu empfangen, daß sie sich wirklich in acht nehmen mußte, ihn nicht plötzlich mit „Theo", seinem Vornamen, anzureden. Ihr allem kam dieser Mann zu, das war doch klar; sie war die älteste unverheiratete Dame der Gesellschaft, hart an die Dreißig. Sie konnte nicht mehr auf die Kandidaten und Referendare rechnen, wie die klebrigen; —■ folglich hatte sie das meiste Anrecht auf Theo Schmidt. Der Mutter, einer bedenklich zur Fülle neigenden alten Dame, die für jeden ein liebenswürdiges Lächeln hatte, fiel die Rolle der künftigen Schwiegermutter nicht schwer. Das gab einen interessanten Winter, wie seit einem Jahrzehnt nicht; da wurden Toiletten Beraten und sehr häufig gesellige Abende arrangiert; da wurde geflüstert und gelächelt, daß der etwas verBifsene Zug um Fräulem Lit- kowskys Mund ganz verschwand und die Wangen noch einmal im sanften Rosenrot erstrahlten. Der Gesprächsstoff ging den Beiden Damen nie mehr aus, was sich früher oft fatal Bem er 16 ar machte. Da wurde schon die Aussteuer Besprochen und viel bestritten; denn die Frau Baurat war zu sehr für das Praktische, fand sie doch sogar Einsätze in den Kopffissen Luxus — was doch jeher anständige Mensch hat — wie die Tochter meinte. In der Naivität, die solchen Situationen eigen, kamen sich die Damen sehr geheimnisvoll vor. Nun, die guten Heilberger waren auch nicht auf den Kopf gefallen. Es war schon längst Bei den Kaffeegesellschaften zu erregten Debatten gekommen, ob es „was würde" oder nicht. Der junge Postdirettor war ja zweifellos sehr liebenswürdig zu Fräulein Litkowsky, aber er war doch eigentlich viel zu schade für sie. .. So waren die Monate mit den bescheidenen Kasino- festen tije dansauts dahin gegangen; am zweiten Osterfeier- tag war die letzte gesellige Vereinigung gewesen. Der junge Postdirettor nahm mit Entzücken die Stille des Frühlings war. Die Saison war ihm zu lebhaft gewesen; er war kein leidenschaftlicher Tänzer ober Skatspieler, und das ununterbrochene Unterhalten hat in so kleinem Kreise seine Schwierigkeiten, man sprach sich zuletzt aus. Das alles sagte Theo Schmidt auch seinem Freunde und einstigen Schulkameraden, dem Landrat von Sacken. Fast ade * ■ " So hatten sie sich auch heute macht; der Landrat hatte sogar Sonntage war er bei ihm. < einen gemütlichen Abend gemacht; der eine kleine Maibowle gebraut, ©eine junge Frau, eine 268 „Eva Schmidt aus Dresden!" rief die Landrätin plötzlich lebhaft. „Na, dabei ist doch nichts Wundebares" sagte ihr Gatte, der schon darauf gewartet hatte, auch einmal wieder zu Worte zu kommen. Sie schwieg, aber ein herrlicher Plan stand sogleich bei ihr fest. „Sage mal, mein Lieber, ivie denkst Du Dir den weiteren Verkehr bei Litkowskys?" fragte der Laudrat, mit Behagen den Sektkelch gegen das Licht haltend, daß es in dem goldenen Naß wie Perlen emporstieg. Theo Schmidt wurde ganz nervös. „Himmel, was mache ich nur? Ich muß den Verkehr abbrechen, diese peinliche Situation tötet mich sonst. Ein schnelles Ende muß gemacht werden, aber wie?" „Ha, ein Gedanke!" — Der Landrat war begeistert von seiner Idee; — „sehr einfach: Du bekommst Trauer, Dir stirbt ein naher Verwandter." „Ich bitte Dich, Sacken, ich habe gar keine näheren Verwandten als die Dresdener, die auch schon in zweiter Linie stehen." „Aber Freund, wozu führst Du den köstlich unkontrollierbaren Namen „Schmidt"! Dir stirbt ein Vetter Schmidt in Berlin, der Deinem Herzen sehr nahe stand; sagen ivir, die Elektrische hat ihn überfahren — na, wer will Dir das Gegenteil beweisen? Meine Frau ist morgen bei der Schulrätin eingeladen, da sorgt sie gern für gütige Verbreitung dieser Hiobspost. Du erscheinst mit einem Flor und Trauergesicht, schreibst bei Litkowskys zu Himmelfahrt ab und kommst den Tag zu uns — wir verleben ihn in aller Stille, der Trauer angemessen. —: Nun sei kein Frosch, Theo, komme mir nicht mit moralischen Bedenken, gieb dem Spießbürger in Dir einen Stoß. Gleich hier schreibst Du die Absage, und meine Frau heftet Dir einen Flor um."-- Als Theo Schmidt trotz seiner lügnerischen Vorbereit- ungen längst zu Hause den Schlaf des Gerechten schlief, saß die junge Landrätin noch lange auf und schrieb mit ?glühenden Wangen einen langen Brief an ihre Pensions- reundin Eva Schmidt, mit der die Beziehungen lange eingeschlafen waren. Himmelfahrt! Goldiger Sonnenschein lachte über der Erde, die im holdesten Frühlingsschmuck glänzte. Ueberall frisches Grün, duftender Flieder und jubilierende Vögel. Ueberall frohe, geputzte Menschen, die sich zum Nach- inittagsspaziergang rüsteten. Mit schnellen Schritten und düsterem Gesicht eilte der junge Postdirektor durch die wenigen Straßen zu Landrats. Er war auf das tiefste verstimmt über seine heuchlerische Trauer, die nicht mehr rückgängig zu machen war und die ihm verzweifelt tvenig nützte. Denn eben erhielt er ein verbindliches Kärtchen von Frau Litkowsky, die sein heutiges Fernbleiben bedauerte und ihn herzlich bat, in den nächsten Tagen ganz gemütlich zu ihnen zu kommen, was seinem trauernden Herzen gewiß Wohlthun würde! Auch das uoch! Jetzt begegnete ihm der Regierungsveferendar, der eine Bestellung beim Landrat hatte und sich ihm anschloß. Er kondolierte dem Leidtragenden auf das wärmste. Theo Schmidt war wütend! Es war unerhört von Sacken neulich Abend, seine Stimmung so auszunutzen und ihn so zu bestimmen. Er würde es ihm sagen! Er würde ihm den Festtag verderben, wie er ihm selbst längst verdorben war. In schlechtester Laune riß er an der Klingel und stand gleich darauf in dem sonnendurchfluteten Wohnzimmer. In einer plötzlichen Anwandlung von Schwäche lehnte er sich an den Thürpfosten. Was war das? Aeffte ihn ein Spuk? — An dem zierlich gedeckten Kaffeetisch saß zwischen dem Ehepaar ein jugendfrisches Mädchen in tiefer Trauer — Eva Schmidt. Glühendes Rot lag verräterisch auf ihren Wangen. Er faßte nicht, was Sackens von Pensionsfreundschaft und dergleichen redeten. Seine Stimme klang ihm wie aus weiter Ferne, als er laut sagte: „So in Trauer, Eva?" Der Landrat sah hastig auf den Regierungsreferendar und sagte ernsthaft: „Du weißt doch, lieber Theo, wie nahe Deine Cousine Deinem verstorbenen Vetter stand." Theo Schmidt konnte keinen vernünftigen Gedanken fafsen; er hatte nur den unklaren Begriff, daß sie alles wußte, daß sie nun da war, und daß für ihn erst jetzt der Festtag/ angebrochen war. Der Regierungsreferendar verabschiedete sich schnell, und Landrats führten ihre jungen Gäste auf die kleine Veranda, die einen entzückenden Ausblick in den frühlingsduftigen Garten bot. Die Beiden sprachen nicht viel, — sie sahen mit leuchtenden Augen in all die junge Schönheit da draußen, und durch ihre Herzen zog der alte Traum mit berauscheuder Wonne. Die Stunden flogen. Die Landrätin fühlte plötzlich den dringenden Wunsch, nach dem Abendessen zu sehen, trotzdem sie keinen Schimmer vom Kochen hatte; sie enteilte und rief nach wenigen Minuten ihren Gatten heraus. Als das Ehepaar nach geraumer Zeit zurückkehrte, war ihre Erwartung nicht getäuscht: Zwei Ueberglückliche hielten sich fest umschlungen. — — — Die Dunkelheit brach herein, und die Sterne blitzten eilig am klaren Himmel auf. Die Windlichter, die die Veranda erhellten, warfen ihren unruhig flackeruden Schein auf die vier fröhlichen Menschenkinder. Der Landrat, der sich kein frohes Ereignis ohne Sekt ■ vorstellen!, konnte, füllte immer aufs Neue die schlanken Kelche. Toast auf Toast wurde ausgebracht. Zuletzt erhob die in ihrem neuen Glücksgefühl und ihrer jugendlichen Schönheit erstrahlende Braut das Glas, ließ es an die der anderen klingen und sagte mit glücklichem Lächeln: „Auf ein frohes Wiedersehen zu nuferer Hochzeit —: über's Jahr auf Himmelfahrt!" Lrtterarisches. Als vierter Baud des elften Jahrgangs der Veröffentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde". (Geschäftsleitung: Verlagsbuchhandlung Alfred Schall, Königl. Hofbuchhändler, Berlin W. 30) erschien: Wildvogel. Roman von C. Drossel. Preis geheftet 3.75 Mk., gebunden 4.75 Mk. Für Mitglieder des, „Vereins der Bücherfreunde" kostet der Band nur 1.85 Mk. geheftet, 2.25 Mk. gebunden. In dem Roman werden die Kämpfe und Prüfungen einer genialen, feinfühligen Künstlerin, einer Geigerin, geschildert, die auf dem hohen Flug, in Sonnennähe vom Jkaridengeschick betroffen wird. Im Augenblick höchster Seelen- und Lebensnot bietet sich ihr die rettende Hand eines ehrenhaften Mannes, der in ihr das Weib seiner Wahl sah. Um diesen Kern des Romans, teils in Berlin, teils in ländlicher Stille spielend, gruppiert sich eine Reihe wirk- ungs- und lebensvoller Nebenfiguren, die die Spannung der Handlung wirksam unterstützen. C. Tressel hat mit dem „Wildvogel" einen sehr guten Familien-Roman geschaffen und der „Verein der Bücherfreunde" hat mit diesem Buch wiederum eine gute Wahl getroffen. Ausführliche Prospekte über den „Verein der Bücherfreunde" liefert jede Buchhandlung und die Geschäftsleitung des „Vereins der Bücherfreunde" in Berlin W. 30. Logogriph-Scherze. (Es sind Wörter zu ergänzen, die sich nur in den angegebenen Buchstaben unterscheiden.) 1. Ihr a, dast ich cs für ei hatte, hier i zu schaffen. 2. Der f sank vor m ins b. 8. Mit bedauernder e sprach er zum a: Unsere u hat den Braten anbrennen lassen. 4. Auf dem n führte eine stattliche d einen Kahn voll s. 5, Ich schonte nach dem r und sah nicht den großen i auf dem Wege. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Ka2, Dh3, Sb6, 15, Bb5, h4. Schw. Ke4, Lai, a8, Sb7, Be5, 16, 7, hG. 1. SbG—d7, Kd5. 2. Df3 +. — 1. . . ., Kf4. 2. Dfl -f-. 1.....beliebig. 2. 816: +. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 58 Hahn Apfel Hand Arie Had Insekt der Familrenblätterr Nabel Ente Hirt Igel Rettig Taffe Netz Essen Tafel Zange Es gingen insgesamt 36 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 11; Einsender: Erhard Attig, Gießen, Slefanstr. 11. * Der Preis — Hauffs Werke, 2 Bde., geb. — ist von dem (Selo inner gegen Vorzeigung der Abonnementsquitlung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in" Empfang zu nehmen. Redaktion: I, V.: R. Dittmann. — Rvtatioitsdrnck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietfch Erben) in Gießen.