Samstag den 6. Dezember, Nr. 18L 1902. r filrj'--- lll (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß, (Fortsetzung.) ... 4. Ter Schnee wirbelte noch immer weich und still zur weißschimmernden Erde. Tatiaua Godunow war beschäftigt, sich die Zukunft an der Seite Timitry Kalussosss in den rosigsten Farben auszumalen. Aber bald wurde sie unsanft aufgerüttelt, denn der Schlitten empfing heftige Stöße und schien sich auf sehr unebener Bahn zu bewegen. .Befremdet nahm sie wahr, daß die Bäume der Allee verschwunden waren und der Weg ein nichts weniger als städtisches Gepräge trug. Wieder folgte ein heftiger Stoß, der sie zu einem leisen Aufschrei. veranlaßte, sodaß der Kutscher sich umdrehte und begütigend sagte: „Seien Sie unbesorgt, Fräulein. Gleich sind wir am Ende, dann geht es wieder besser vorwärts." Aber trotz dieser beruhigenden Worte empfand sie ein Gefühl des Unbehagens, denn die Gegend war völlig menschenleer und nicht einmal der Schein einer Laterne war zu erblicken. „Tu fährst doch richtig?" fragte sie ängstlich,. „Ich will zur Ecke der Bolschaja und Kusnetschaja — hörst Tu?" „Gewiß", versicherte er, „ich fahre den kürzesten Weg. Seien Sie nur ruhig — Sie werden schon sehen." Aber was war das?! Eben war der Mond aus den Wolken hervorgetreten, und bei seinem fahlen Lichte sah sie unmittelbar zu ihrer Rechten einen glitzrigen, silbrigen Schein, ein leuchtendes Fließen, Hüpfen und Tanzen, das kein Ende nahm. An ihr Ohr drang deutlich ein Plätschern, Gurgeln und Rauschen wie von schnell dahinfließendem Wasser. Eine Täuschung war unmöglich — das war der Fluß! Sie befanden sich nicht in der Allee oben auf der Höhe, sondern auf dem Lastweg, direkt unten am Flußbett. „Tu fährst falsch !" ries sie dem Kutscher angstvoll zu. ,,Links mußt Tu fahren — hörst Tu? Links! — dorthin — zur Höhe hinauf!" Mer der Kutscher kehrte sich nicht an ihr Rufen, sondern trieb das Pferd unaufhörlich zur Eile an. „Halt!" schrie sie, an seinem Schafspelz zerrend. „Halt! Ich fahre keinen Schritt weiter! Halt,. Kutscher! Halt!" Ter Angstschweiß trat ihr auf die- Stirn, und ihre Hände krampften sich tiefer in den Pelz ein. Vergebens — immer weiter raste das Pferd unter den Erbarmungslosen Peitschenhieben des Lenkers. „Hilfe! Hilfe!" schrie sie mit gellender Stimme in die Dunkelheit hinein. „Hilfe!" Doch nur das Plätschern und Rauschen des Wassers gab Antwort. Ihrem angstverzerrten Antlitz wandte sich ein grinsendes Gesicht zu, und sie hörte sagen: „Schweig', Täubchen, sonst geht's Tir schlecht! Schweig' auf der Stelle!" Nein, sie wollte nicht schweigen, wohl aber bis zum! letzten Atemzuge um ihr Leben kämpfen. Lauter drangen ihre Hilferufe in die Weite, während sie den auf sie niedersausenden Peitschenhieb mit ihrem durch den Pelz geschützte« Arm zu parieren suchte. Jetzt scheute und stolperte das Pferd, die Geschwindigkeit des Schlittens mäßigte sich etwas, und in Todesangst sprang sie in den Schnee. Sie hörte Stimmen, Zurufe, ermutigende Worte — endlich kam Rettung... Es wurde dunkel vor ihren Angers sie drohte zusammenzubrechen, aber mit äußerster Energie: ließ sie im verzweifelten Schreien nach Hilfe nicht nachj. Lichter leuchteten vom Wasser her, Menschen nahten in Eile; sie sank auf die zitternden KUiee und hob flehend' die Hände. Ter helle Schein einer Laterne fiel in ihr Gesicht, jemand beugte sich über sie, starke Arme hoben sie empor, und sie atmete auf. „Was ist los?" wurde gefragt, aber sie vermochte nicht zu antworten, sondern nur mit der Hand aus den davonsagenden Schltten zu weisen. „Ach so!" sagte eine rauhe Stimme, „ich verstehe! Ist schon oft passiert, daß Fahrgäste in dieser einsamen Gegend abgesetzt und beraubt wurden. Na, der Hund wird schon abgefaßt werden! Aber was nun, Gleb? Wird wohl bas Beste sein, daß wir die Dame zum Tampfer bringen und bis zum Landungsplätze mitnehmen. Denke, daß der Kapitän nichts dagegen hat — ist ja doch gegen Damen äußerst manierlich und charmant." ,-Hast recht, Wasja! Mso los!" ^,Nicht wahr, Fräulein, Sie wollen mit? Zu Fuß ist der Weg für eine Tanke zu, gefährlich und auch zu weit, denn der Hund hat sie weitab von der Stadt gefahren." Sie nickte zustimmend und ließ sich willig zum Kahn führen, der schaukelnd am Ufer lag. In ihrem Kopfe hämmerte es, ihr Herz drohte zu zerspringen, und lindernde Thränen hatte sie nicht. So saß saß sie gebeugt und schweigend in dem zwischen kleinen Eisschollen gegen die Strömung schwerfällig ankämpfenden Nachen, den die Männer nur mit Mühe vorwärts trieben. „Wrr sind vom Frachtdampfer „Rnrik" und hörten bei der Fahrt Hilferufe", erklärte der eine Matrose. „Auf Befehl des Kapitäns machten wir das Boot flott, weil wir dachten, es sei jemand ins Wasser gefallen. Beim Losschwimmen merkten wir, daß die Rufe vom Ufer kamen. Seien Sie froh, Fräulein, daß die Geschichte so gut abgelaufen ist." Sie sagte Worte des Dankes und starrte wieder vor sich hin. Eine Flut bitterer Vorwürfe schoß durch ihren Kopf und peinigte sie noch mehr wie die Angst um rhc persönliches Ergehen. Ten Water, den kranken, alten Mann sah sie gebrochen vor sich stehen, und mit zürnenden Worten hörte sie ihn klagen, ihre Kindespflrchten verletzt und seinen geachteten Namen beschmutzt zu haben, Tas Leichtsinnige ihres Verhaltens kam ihr zum vollen Bewußi- jein. Wuroe Die Geseichte rucyoar, dann waren sie und ihre Angehörigen in sueiu und wett darüber hinaus biam.ert. Tie Tva)ter eures Ehrenbürgers und (Souytuufmanus hatte sich in Abenteuer gestürzt, wie sie kaum in den seusaiions- lüsternsten Blattern erzählt werden. Ueberatl würde man lästernd mit Fingern aus sie weisen, jeder würde sich von von ihr zurücrziehen und sie als gesttlschastsunfähig betrachten. In wenigen Lagen sollte sie aus dem Bazar als eins der thätigsten Mitglieder der breitesten Oes^entlichf- keit gegenübertreten, uno das war, wenn das Geschehene offentundig wurde, schlimmer als Spießrutenlausen. Sie schauderte und schluchzte leise. „Lieber den Tod als diese Schmacht", beteuerte pe, während sich ihre Augen auf das dicht vvrbeiftrömende Wasser hefteten. Wer wie Hoffnung und milder Trost klang es, als die eine rauhe Matrosenstimme'gutmütig sagte: „Es ist nicht so schlimm, Fräulein, haben Sie keine Angst — der Tampfer hat gestoppt, wir find gleich an Bord." Tas lautete so mitfühlend, daß sie dem Manne im Stillen von ganzem Herzen dankte. Noch wenige biuderfchläge und sie waren am Ziel. Ein Tau wurde ihnen zugeworfen, kräftige Hände griffen nach ihm, und bald lag das Boot gesichert lüngsfeit der Schiffs- treppe, über welche die Geretiete Mglich zum Teck gehoben wurde. Langsam setzte sich der Tampser wieder in Bewegung. „Bei Gott, ein Frauenzimmer!" grollte Kapitän Grakow, der mit seinem Steuermann und einem Herrn auf der Kommandobrücke stand. „Hab's ja gleich gesagt, dap das Hilsegeschrei weiblich war. Wollen 'mal hören, was Passtert ist. Gewiß die alte Leier: verschmähte Liebe, gebrochenes Herz, Abkühlung im Wasser." Gemessen trat er zu der Gruppe, die sich um die Angekommenen gebildet hatte. „Nun, was habt Ihr?" Tes Kapitäns Blick fiel aus die Frauengestalt, die von verschiedenen Laternen hell beleuchtet und von Angehörigen der Schiffsbejatzung neugierig angestarrt wurde. Ter alte Hagestolz stutzte. „Alle Wetter", murmelte er, „ein verteufelt hübsches Kind und ganz vornehme Tame." Höflich lüftete er mit einer Verbeugung die Mütze. Einer der Matrosen erstattete von dem Geschehenen kurzen Bericht. „Ah so", brummte der Kapitän, „das ist was anderes! Also eine Ueberfallene, die aus Hilfe berechtigten Anspruch erheben kann."" „Beruhigen Sie sich, mein Fräulein", wandte er sich an die Fremde. „Tie Aufregung hat Sie ergriffen. Bitte, treten Sie in die Kajüte."" Tatiaya fühlte sich so hinfällig und von der schneidenden Kälte derart erstarrt, daß sie kaum ein Glied rühren konnte. Müde und matt folgte sie dem Mranschreitenden in den behaglich durchwärmten Raum. Sie sank erschöpft aus den Tivan, ohne imstande zu sein, ein Wort zu sprechen. Erst allmählich kehrte ihre Fassung zurück. Hätte der Tampfer nicht Hilfe gesandt, sie wäre rettungslos verloren gewesen. Bei dem alten Manne, der ihr so sorglich den dampfenden Thee zuschob, stand sie in großer Schuld. Tankerfüllt reichte jie ihm dei Rechte. „Macht nichts!" wehrte er lächelnd ab. „Trinken Sie; der Thee wird Ihnen gut thun. Wir haben noch eine ganze Stunde zu fahren; Eisgang und Stromschnellen zwingen zur Vorsicht. Nun, wie hat sich die Geschichte abgespielt?" Sie erzählte, und als sie eben geendet, nahm sie im Hintergründe des Raumes einen Herrn wahr, den sie bisher nicht bemerkt hatte. „Boris Mitrofanowitsch Lyschnin aus Odessa, der Eigentümer des Tampfers", stellte der Kapitän vor. „Ich könnte Sie wegen der ausgestandenen Angst weit mehr bedauern", sagte der Vorgestellte höflich, aber ernst und streng, „wenn ich — verzeihen Sie meine Offenheit, Nicht über den grenzenlosen Leichtsinn staunen müßte, sich als junge Dame abends in menschenleerer Gegend einem Zswostschik anzuvertrauen."" Tie Augen des Herrn sahen sie Bei diesen Worten so durchdringend und forschend an, als ob sie im Innern ihrer Seele lesen wollten. Sie vexsuchte, ihnen Stand zu halten, aber es lag eine Macht in diesem Blick, der den ihrigen niederzwang und ihr blasses Gesicht zum Erröten brachte. „Gewiß", entgegnete sie beschämt, „es war Leichtsinn vo» mir, ohne jede Bealettung eine solche Fahrt zu wagen. aoer 'ch wollte rechtzeitig nach Hause gelangen." Sie fühlte den Blick des Rheders noch immer auf sich ruhen, und sie wagte nicht aufzuschauen. „Wenn der Tampser angelegt hat", wandte sich Boris Mitrofanowitsch an den Kapitän, „werden wir sofort Anzeige erstatten, damit der Kutscher vielleicht noch heute gefaßt wird. Tie Dame kann ja auf der Polizei eine genaue Beschreibung des Menschen geben." „Ganz meine Meinung"", bekräftigte der Kapitän, „je schneller der Schuft unschädlich gemacht wird, um so besser."" Tatiana erbebte. Tie Angst vor einem Skandal durchrieselte sie. Nein, und tausendmal nein, die Sache durfte nicht an die Oeffentlichkeit gelangen! In wiedererwachter Energie maß sie Boris Lyschnin mit kaltem Blick. „Sie werden keine Anzeige erstatten"", rief sie, „ich will unter keinen Umständen mit der Polizei und dem Gericht in Berührung treten und den Zeitungen Stoff für ihre Spalten liefern! Tie Rücksicht auf den Ruf einer Tame sollte Sie doch bewegen, den Vorfall auf sich beruhen zu lassen. Uebrigens steht das Recht zu bestimmen, was geschehen .soll, nur mir und keiner anderen Person zu!"" Boris Mitrofanowitsch iah etwas erstaunt auf; er schien ein solches Maß von Energie in der jungen Tame, die eben noch so verstört und schüchtern erschienen war, nicht vermutet zu haben. „Taß Ihnen eine Anzeige unangenehm ist, kann ich mir denken", entgegnete er. „Aber jeder Mensch hat die Konsequenzen seines Handelns zu tragen; auch Sie werden sich ihnen nicht entziehen können. So einen heimtückischen Burschen unbehelligt zu lassen, finde ich im höchsten Grade unrecht. Bedenken Sie doch, daß Sie durch Unterlassen einer Anzeige zu seinen Schandthaten geradezu die Hand bieten." „Sehr richttg", nickte der Kapitän. „Rein, ich will nicht!"" fuhr sie nochmals mit der höchsten Entschiedenheit auf. „Tas gebietet die Rücksicht auf mich selbst und meine Angehörigen, denen die Sache im höchsten Grade unangenehm wäre." „Ich habe nicht die Ehre, Ihren Namen zu kennen, mein Fräulein", antwortete Boris Mitrofanowitsch, während sein Blick wieder forschend auf ihr ruhte, „aber selbst wenn es der achtbarste von ganz Rußland sein sollte, kann ich ihm nicht zugestehen, sich im Verborgenen zu halten, wenn es gilt, das beleidigte Recht durch Verfolgung und Bestrafung eines Schuldigen zu versöhnen." Sie sann eine Weile nach. Taß sie in ihrem Innern einen schweren Kampf kämpfte, sah man an dem Zucken ihres Mundes und an den nervösen Bewegungen ihrer Hand. „Aber das Recht"", kam es endlich langsam und stockend über ihre Lippen, während sich ihr Antlitz mit Purpurglut bedeckte, „hat auch milde vorgesehen, daß derjenige von einer Aussage zu entbinden ist, der sich durch sie — selbst belastet." Eine peinvolle Pause war entstanden, die Tatiana eine Ewigkeit dünkte. „Tas ändert die Sache", sagte Boris Mitrofanowitsch ernst und ruhig. „Verzeihen Sie, daß ich den Anlaß zu dieser Erklärung gegeben habe." Er sah die Thränen in ihren Augen schimmern und fuhr begütigend fort: „Wir werden also von einer Anzeige Abstand nehmen. Tre Erinnerung an Ihren Aufenthalt auf dem Tampfer Rnnk soll durch keinen Mißton gestört werden." Ein Matrose trat mit der Meldung in die Kajüte, daß die letzte Strom schnelle in Sicht sei. Ter Kapitän und Doris Mitrofanowitsch verließen eilig den Raum. Auch Tatiana Godunow trat auf Teck. Es war eine großartige Szene, die sich draußen bot. Ter Schnee bildete ringsum ein weißes Gewoge und hatte sich in dichter Sage aus Tauwerk, Planken und die hoch oben an den Masten schwankenden Laternen gehäuft. Tie beiden gewaltigen Schlote entsandten dichte Rauchwolken zum Nachthimmel, während von unten das Aechzen und Stöhnen der Maschine und das Kochen und Brausen des reißend dahinströmen- ben Flusses empordrangen. Matrosen liefen geschäftig hin und her, mächtige Stangen wurden in das von Schaum und Eisschollen bedeckte Wasser gegen die Felsen geschoben, und wie ein gehetztes, verwundetes Wild legte sich der Tampfer auf die Seite, um sich alsbald wieder stolz auf» zurichten und dann von neuem in die tosenden Schaum» 727 massen einzutauchen. Fest und klar drangen durch all diese wahnsinnige Aufregung die Besohle der Offiziere. Unbeachtet stand Tatiana au der Reeling. Furcht fühlte Hie nicht; denn die Erlebnisse der letzten Stunde hatten jie gegen solche Regungen abgestumpft; auch ließ sie die Ruhe, die von den Männern auf der Kommandobrücke ausging, jedes bange Gefühl verschwinden. Mit Bewunderung beobachtete sie, wie der Kapitän oben in Wind und Wetter unentwegt seine Pflicht that, und wie die Mannschaft mit größter Hingabe arbeitete. Jetzt sah sie einen Heizer aus dem Maschinenraum zur Brücke emporklettern, und sie hörte unmittelbar darauf den Kapitän sagen: „Ihre neue Feuerung, Boris Mitrofanowitsch, hat sich bestens bewährt; wir haben von Odessa bis Kiew trotz des Eisganges ein Tritte! Naphtha weniger als sonst verbraucht." Auch die Antwort des Rheders vernahm sie: „Man hat seine Frertde, wenn solche Erfindung, an der man im Schweiße seines Angesichts Tage und Nächte gearbeitet hat, gut ein schlägt." Unwillkürlich mußte sie an Timitry Kalussoff denken; ob er auch Tage und Nächte im Schweiße seines Angesichts arbeitete? Merkwürdig, daß sie sich während der letzten aufregenden Erlebnisse so wenig mit ihm beschäftigt hatte. Wie vornehm und weltmännisch nahm er sich gegen diesen abstoßenden Boris Mitrofanowitsch aus. Sie haßte die,en Menschen, der sie so schonungslos zu einem peinlichen Geständnis gezwungen hatte. Und doch mußte sie gestehen, daß des Rheders eben geäußerte Worte schön waren, und daß sie stolz gewesen wäre, wenn sie Timitry gesprochen hätte. Blitzartig waren diese Gedanken in ihr aufgestiegen, um ebenso schnell gegenüber den äußeren Eindrücken zu verschwinden. । (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Aus der Geschichte der Omnibusse. Auf eine ziemlich lange und wechselvolle, dabei auch kulturhistorisch nicht uninteressante Geschichte können die Omnibusse in Paris zurückblicken, die, wie in anderen Großstädten, aus dem Straßenverkehr verschwinden. Um ein höchst malerisches Element wird das Pariser Straßenbild dadurch ärmer werden. Ter Gedanke der gemeinsamen Beförderung von Personen zu geringen Preisen rührt von keinem Geringeren als Blaise Pascal her, dem Berfasser der „Pensees". Tas erste Unternehmen öffentlicher Wagen in Paris reicht bis in das Jahr 1645 zurück. Es rührte von einem Herrn Sauvage her, der sich in dem Hotel zum „Grand Saint- Fiacre" niedergelassen hatte — woher der Name Fiaker stammt. Aber es kostete noch „wenigstens eine Pistole oder zwei Thaler täglich", sich in den Vorfahren unserer modernen Mietskutschen fahren zu lassen. Indessen ermächtigten Patentbriefe, die von Colbert am 10. Januar 1662 unterzeichnet und vom Parlament am 27. Februar registriert wurden, den Marquis de Sourches, Wagen in Umlauf zu setzen, „die unendlich bequem für viele Personen wären, die nicht die Mittel hätten, in Karossen zu fahren, die zu einem ganz mäßigen Preise fahren könnten und in Paris immer dieselben Fahrten von einem Stadtviertel zu einem anderen machen würden, die größten für fünf Sous und die anderen für weniger, die zur festgesetzten Stunde abfahren würden, wie klein auch die Anzahl der mitfahrenden Personen wäre, und die, wenn niemand käme, sogar leer fahren würden . . ." Tiefe Wagen waren nicht völlig öffentlich, denn in den Patentbriefen war ausdrücklich erwähnt, daß „Soldaten, Lakaien und andere Leute in Livree, selbst Handwerker in besagten Wagen nicht fahren dürften." Am 16. März 1662 verkehren die ersten Omnibusse in Paris, was Mme. Perier in einem Brief an Arnand de Pomponne folgendermaßen beschreibt: „Tie Einrichtung begann Samstag um sieben Uhr morgens mit wunderbarem Pomp. Man verteilte die sieben Karossen und schickte drei an die Porte Saint- Antoine und vier vor den Luxemburg, wo sich gleich- e zwei Kommissäre vom Chätelet in Robe, vier Gar- vom Generalprofoß, zehn oder zwölf Stadtschützen und ebenso viele Berittene befanden. . ." Tiefe ersten Omnibusse waren himmelblau, mit Goldlilien besät, — die Farben des Paris Ludivigs XIV.; sie wurden von galon- nicrten Kutschern und Lakaien in blauen, reich mit Passe- menterieen bedeckten Sieden geführt. Tie stets krittelnden Pariser verspotteten jedoch zuerst diese schweren und lächerlichen Wagen. Eine Laune Ludwigs XIV. brachte sie dann aber plötzlich in Gunst. Der König hatte eines Tages die originelle Idee, Mme. de Montespan in Saint-Germain in eins dieser Gefährte steigen zu lassen, und als Kutscher höchsteigenhändig den „Wagen zu fünf Sous" zu leiten; natürlich brauchten nun alle vornehmen Leute am nächsten Tage den Omnibus. Mer sie wurden es bald satt, sich von den Bürgern stoßen zu lassen. Tie Bürger ahmten wieder die Mligen nach, und so hatten die ersten Omnibusse nur ein Eintagsdasein. Erst anderthalb Jahrhunderte später sollten sie Wiedererstehen. Im Jahre 1819 verweigerte der Polizeipräfekt einem Herrn Godot die Ermächtigung, eine Omnibuslinie auf den Boulevards und den Quais einzurichten, „weil diese Wagen zu große Verwirrung anrichken würden, da sie ständig auf den öffentlichen Wegen anhalten." Mehr Glück hatte Baudry im Jahre 1828; der Polizeipräfekt gestattete damals, daß 100 Wagen führen. Tie erste Linie versorgte die Boulevards. Aber das Publikum machte die Omnibusse lächerlich bis zu dem Tage, an dem die Herzogin von Berry eine Wette einging, daß sie in einem dieser Gefährte fahren würde. Seitdem stellte sich der Erfolg ein, und zahlreiche Gesellschaften begründeten Omnibuslinien in den verschiedenen Vierteln von Paris. Eine demokratische Neuerung war die Einführung von Deckplätzen im Jahre 1853, für die nur 15 Centimes erhoben wurden. Seltsame Liebesbriefe. Nicht jedem genügen Papier und Tinte, um seiner Liebe einen würdigen Ausdruck zu verleihen. Besonders unsere angelsächsischen Vettern scheinen für diesen Zweck oft auf die seltsamsten Methoden zu kommen. Eine englische Revue erzählt ein paar Beispiele. Miß Amy Oakley, die die Weltchampionschaft der Frauen im Büchsenschießen erworben hat, erhielt vor kurzem einen höchst merkwürdigen Heiratsantrag. Sie schoß eines Tages wie gewöhnlich nach der Scheibe, als ein Fremder vorbeikam, ein überzähliges Gewehr aufnahm und 109 Schüsse abfeuerte, die so nebeneinander saßen, daß man daraus buchstabieren konnte: „Wollen Sie mich heiraten?" Tie Tame war natürlich überrascht, ließ sich aber nicht verblüffen, und entgegnete mit ihrem Gewehj in derselben Weise: „Natürlich nicht". Auch eine Frau, die in einer südlichen Londoner Vorstadt wohnt, besitzt mehrere Liebesbriefe, die mit dem Gewehr geschrieben sind. Tie betreffende Tame war früher Angestellte in einer Schießbude in einem beliebten Vergnügungslokal, und ihr damaliger Schatz und jetziger Mann pflegte abends zu ihr zu kommen, um sich im Schießen zu üben. Nach einiger Zeit war er so geschickt, daß er bis auf den Bruchteil eines Zolles treffen konnte, und wenn keine störenden Zuschauer da waren, gebrauchte er häufig seine Gcschicklich- eit in der angegebenen Weise. Sie entfernte dann die ö merkwürdig geschriebenen Botschaften und bewahrte sie örgfältig auf. In diesem Sommer schrieb ein Jüngling, >er sich in Liebe verzehrte, aber schüchtern war, in einem Garten in Sussex einen Heiratsantrag in Senf und Kresse; die Tochter seines Nachbars, für die er bestimmt war, wollte nicht zurückbleiben, und antwortete „Ja" in Radieschen. Sie heirateten ohne Verzug, und sowohl der Antrag wie die Antwort wurden bei dem Hochzeitsfrühstück serviert und verzehrt. Es ist trotzdem zweifelhaft, ob der Liebhaber der Neuzeit int ganzen einen großen Frtschritt in Erfindung von Neuheiten gemacht hat. Vor fast 4000 Jahren wurde ein Antrag um die Hand einer egyptischen Prinzessin kunstvoll auf einen Steinblock geschrieben, der noch heute im Britischen Museum zu sehen ist. Vom Prinzen von Conti wird berichtet, daß er einer vornehmen Tame einen Antrag auf einer goldenen Platte machte. Tie Schrift war graviert, und Tiamanten, Rubinen und Smaragden bildeten die Buchstaben des Liebesbriefes. Tie Antwort der Tame lautete jedoch verneinend, und darauf bat sie der Prinz, sie möge ihm wenigstens die Ehre anthun, einen Ring mit einem Miniaturporträt von ihm anzunehmen. Sie willigte ein, knüpfte aber die Bedingung daran, daß der Ring keine Juwelen haben sollte. Das zierliche Porträt wurde deshalb in einen einfachen Goldreif gefaßt, aber zum Schutz der Malerei diente ein großer, sehr dünn geschnittener Diamant als Glas. Tie Dame schickte sofort den Ring zurück, worauf der Prinz ihn pulverisieren ließ und das Pulver als Streusand für den Brief gebrauchte, den er ihr daraufhin schrieb. 728 Weihnachtsbücher. Die Verbreitung der Tierwelt von Dr. W. Kobelt. Mit etwa 12 Tafeln in Farben- und Schwarzdruck, sowie zahlreichen Textabbildungen. Vollständig in 12 Lieferungen zu je IchO Mk. Verlag von Chr. Herrn. Tauchnitz, Leipzig. Obwohl unsere zoologische Litteratur eine Reihe von Werken aufzuweisen hat, in denen bei der verschiedenartigsten Stoffanordnung die Gesamtheit unserer Tierwelt, sei es in wissenschaftlicher, sei es in populärer Form, behandelt wird, so bewegen sich doch alle diese Bücher mehr oder minder in dem Rahmen einer Naturgeschichte. Mit dieser Art der Tarstellung hat das vorliegende Buch des durch seine vielseitigen zoologischen Arbeiten weithin bekannten Verfassers nichts gemein. Es wird hier vielmehr versucht, in einer bei aller wissenschaftlichen Exaktheit für Laien verständlichen Form zum ersten Male eine Tiergeographie zu schaffen, die berufen sein dürfte, den Werken der oben angedeuteten Richtung als Ergänzung zu dienen. Dr. Kobelt sieht also nicht etwa seine Aufgabe darin, die einzelnen Spezies in mehr oder minder ausführlicher Weise zu beschreiben oder ihr Zusammenleben zu schildern, er will vielmehr in der Hauptsache die Resultate seiner auf ernsten Studien beruhenden wissenschaftlichen Forschungen einem größeren Publikum vorzulegen. In erster Linie will er den Beweis erbringen, daß unsere heutige Tierwelt nicht das Produkt einer einmaligen Schöpfung oder eines einzigen Entwickelungsganges ist, sondern daß sich dieselbe aus einer Reihe verschiedener Bestandteile zufammensetzt, die aus ganz verschiedenen geologischen Perioden stammen. Ferner beabsichtigt der Verfasser nachzuweisen, daß die heutige Verteilung der Lebewesen auf der Erde durchaus nicht allein von den physikalischen Verhältnissen der gegenwärtigen Periode abhängt, sondern daß gerade als die wichtigsten Grenzlinien solche angesehen werden müssen, die uns aus der Tertiär zeit überkommen sind. Er schildert deshalb in der ersten Abteilung die Verbreitung der Tierwelt durch die gemäßigte Zone der Alten wie der Neuen Welt und erörtert dabei die wichtigsten er d a es chichtli ch en Probleme, bei welchen namentlich auch der ehemalige Zusammenhang beider Welten eingehend betrachtet wird. Die zweite Abteilung behandelt den Kampf der Tierwelt mit ihrem Hauptfeinde, dem Winter, durch Vorratsammeln, Winterschlaf oder Wanderung. Dem Vogelzug sind mehrere Kapitel gewidmet. Die dritte Abteilung enthält eine Reihe Essays über einzelne Fragen: Höhlentiere, Relikten, namentlich auch über das Verhältnis der Tiere zum Menschen; giftige, schädliche, Jagd- und Haustiere re. Acht, nach Aquarellen Aug. Spechts hergestellte Chromotafeln, mehrere Tafeln in Schwarzdruck, sowie zahlreiche, meist ebenfalls von Spechts Meisterhand herrührende Textillustrationen bilden den künstlerischen Schmuck des Buches, das ein Weihnachtsgeschenk ersten Ranges ist. Waldwinter. Roman von P aul Keller. Mit Bildern von Paul Brockmüller, brosch. 4 Mk., gebd. 5 Mk. Allg. Verl.-Ges. München. Ter Verfasser hat sich mit zwei Novellenbänden „Gold und Myrrhe", die bei der Kritik eine geradezu glänzende Aufnahme gefunden haben, in der litterarischen Welt aufs beste eingeführt, und alle an diesen Novellen gerühmten Vorzüge seiner Erzählungskunst finden sich vereinigt im „Waldwinter". Wir empfehlen den Roman allen, denen es um gute, reine, dabei fesselnde Lektüre zu thun ist, allen denen, die gern lachen, aber auch an den Erschütterungen der Menschenseele nicht interesselos vorübergehen, allen denen, die aus dem engen winterlichen Heim wenigstens im Geiste einmal in den verschneiten Wald und auf die Höhen des vereisten, gigantischen Riesengebirges wandern wollen, aufs wärmste. Erzählungen von Hans Eschelbach. Mit Bildern von A. Sieberath, I. Schönbrunner, R. Rucktäschcl und I. van Taak. Brosch 4 Mk., gebd. 5 Mk. Allg. Berl.-Ges. München. Hans Eschelbach der sich, mit seinen Gedichten „Waldwuchs" und „Sommersänge" tief in das Herz deS Volkes gesungen hat und heute zu den beliebtesten Lyrikern Deutschlands gehört, zeigt in diesen Erzählungen, daß er die Wünschelrute des echten Künstlers besitzt, die alles in Gold verwandelt. Er, der dem Volksleben die leisesten Herzschläge abgelauscht, kennt die Charakterzüge des Volkes und weiß sie in prächtiger' Lebenswahrheit dem Leser vorzuführen. Wie jedes echte Volksbuch können die Novellen Eschelbachs, von arm und reich, von jung und alt mit gleichem Genüsse gelesen werden; möchten sie bald zum eisernen Bestände jeder Bibliothek gehören. Friede den Hütten! Roman von M. von Eckensteen. Mit Bildern von R. Mauff. Brosch. 4 Mk., gebt 5 Mk. Allg. Verlags-Ges. München. Diesem Roman der bekannten Schriftstellerin wurde von der „D Lit.-Ges.", die im Frühjahr 1901 ein Preisausschreiben für drei Romane erlassen hatte, einstimmig der erste Preis im Betrage von 5000 Mk. zuerkannt. Vor allem ist der Roman ein echt künstlerisch ausgeführter Problemroman, der aber auch alle Vorzüge eines spannenden Gesellschaftsromans besitzt. Leibeigen. Historischer Roman von A d. I o s. C ü p p e rs. Mit Bildern von Ph il. Schnm acher. Brosch 4 Mk., geb. 5 Mk. Ad. Jos. Cüppers entrollt in diesem feinem neuesten Romane ein überaus bewegtes und fesselndes Bild einer glücklicherweise hinter uns liegenden Zeit. Er fuhrt uns in den Ausgang des 18. Jahrhunderts, in jene Zeit, wo der Bauer sich noch vielfach in schmählicher innerer und äußerer Abhängigkeit von einem allmächtigen Gutsherrn befand, und läßt in den Schicksalen eines aus dem freien Leben der Fremde in die heimische Knechtschaft zuruckgekehrten jungen $ entern die empörenden Zustände jener Tage lebendig werden. Tie Sprache ist, wie immer bet Cuppers, fein und anschaulich, die Tarstellung von packender Realistik, die Führung der Handlung sicher und zielbewußt. Er halt den Leser in steter Spannung bis zu dem alle Dissonanzen friedlich auflösenden Schlüsse. Wir sind überzeugt, keiner wird das eigenartige Buch ohne innere Befrtedtgung aus der Hand legen. (Allg. Verl.-Ges. München,) „Aus dem Reiche des Haschisch! von Hektor France. Geh. 1 Mk., gebd. 2 Mk. Verlag von Moewtg und Höffner, Dresden. Kraftvolle, in leuchtenden Farben gehaltene Sittenbilder aus Algerien schildert uns der französische Dichter, der selbst lange Zeit als Offizier der Spahls in reichem Maße Gelegenheit hatte, sich mit bem eigenartigen Liebes- und Sinnenleben der arabischen Volksstämme vertraut zu machen, 'vortrefflich weiß France den Gegensatz zwischen der religiösen und sittlichen Weltan schaumig der Söhne Mohameds und der Unserigen hervorzuheben sodaß das Werk schon hierdurch em Gegenstand des lebhaften Interesses werden muß. Wir können das Buch bestens empfehlen. Allgemeiner Beliebtheit 'erfreut sich der von der bekannten Firma Mey & Edlich in Leipzig-Plagwitz hergestellte Abreiß-Kaleuder, und zwar nut vollem Rechte, da Ausstattung und Inhalt desselben gleich vortresflA sind. Tie Tagesblättchen enthalten aus der Vorderseite. Monats namen?Tatum, protestantische und katholische Namens- und Feiertage, Auf- und Untergangszeiten der Som e und des Mondes, Mondwechsel, Angabe von Ebbe undFlut, ^denk- taae rc und bieten außerdem genügend Raum für Nonzen. Auf der Rückseite befinden sich von berufener Hmtd sorg- fältigst ausgewählte Sinn- und Dichtersprüche. Der u h & Edlich'sche Kalender bildet nicht nur einen prächtigen ZimmeM)muck, sondern erweist sich auch als äußerst praktisch, für jedes Bureau und Kondor. Kreuz charade. (Nachdruck verboten.) 1—4 liegt im italischen Land, Ist auch als spanischer Feldherr bekannt 3-4 bekannt als deutscher Poet. - Für 1—3—4 dankt des Armen Gebet, 1—4 sah preußischen Heldenmut, 2—4 kennt jeder Chemiker gut. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der. Bpühl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.