Mittwoch den 6. August. Sfi M* SjfT fixere (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-York. Von Heinrich! Lee. (Fortsetzung.) Herwarty klemmte sein Monocle tn® Auge. FuDoiletten- sachen war er, anders wie sonst die Männer, Kenner. Auch Has war einer seiner Vorzüge, den Ottilie an ihm würdigte. Sie verstanden sich eben in allem. „Dreh Dich mal nm! — Wie eine english girl siehst Du aus. Nun machst Dü die dumme Mode auch mit. Die Mode ohne Hüften." „Man kann sich nicht ausschließen." Sie merkte, daß er kein Interesse mehr für das Kleid' hätte, daß eine Wolke auf seiner Stirn stand, daß er zerstreut war. „Tu hast Aergernis gehabt?" „Ja." Er warf sich zwanglos auf ein Sofa, tfi n cf ctt iz Er beichtete. Er hatte Aussicht auf einen Posten in Petersburg gehabt. Nun wurde wahrscheinlich nichts dürUs. Ein Anderer, der bessere Konnexionen hatte, würde ihm 'vorgezogen. Ottilie wurde ein wenig, blaß. „Nach! Petersburg? Aber davon hast Tu mir, hast Du Uns nie etwas gesagt!" „Wozu, denn auch! Tu siehst doch!, es war nur eine Einbildung von mir." „Und Tu hättest uns verlassen können?" „Aber liebe Otti", erwiderte er ungeduldig, indem er Mistend, „da muß doch aber die Freundschäft schweigen. Hier handelt es sich doch um meine Karriere, und Pele t. «bürg ist erste Kiasfe. Nun, also Schwamm darüber — ein anderes Mal. Tl'ue mit den Gefallen und sprich nicht mehr davon." Seine Karriere! Sie haßte diese Karriere. Immer stand sie zwischen ihnen beiden — wie ein Gespenst. Er bekam seine gute Laune wieder. „Nun, sei nicht böse. Latz Dich! noch mal betrachten. Sehr gut siehst Du aus. Meinen Urlaub! kann ich also jeden Tag antreten. Wann soll denn nun die Reise losgehen?" „Hermann denkt — heute über drei Wochen." „Tann haben wir Mitte August. Ist auch gut so. Mann hüben wir noch! den halben September. Dann hat sich her Schwarm ti erlaufen. Herbert — er meinte den Fürsten Bismarck — Und Köller kommen dann auch hin." Unter dem Schwarm verstand er das Badegäsie-Gros. Ter Geheimrat hatte ihn manchmal wegen seiner Exklst- sivitäts-Passion zum Bosten. Immer fühlte er sich als Aristokrat. ' ' - „Wir werden übrigens Gesellschaft haben", sagt«! Ottilie. „Gesellschaft? — Wen?" „Nur eine alte Freundin von mir. Eine Freundin Volk meiner PensionKzeit her. Sie har sich bei mir angemeldet =3 auf Besuch. Eine Amerikanerin." „Das hüt gefehlt." £ . „Du brauchst Dich nicht zu ängstigen. Sie wird keine Ansprüche an Dich erheben." „Womöglich! eine Tollürmilltonärin?" Ottilie erinnerte sich! an ihr. Versprechen. „Das nicht", sagte sie. Damit war der Gast aus Amerika erledigt. Tann begab' Man sich zum Geheimrat hinüber, plan« 6erte noch! über dies und das, kam üuf ein Reiterfest in der Kaserne der Garde-Ulanen zu sprechen, düs in den nächsten Tagen stattfand, und zu dem Herwarth für Ottilie eine Karte mitbesorgen wollte, und endlich nach der ge* wohnten halben Stunde verabschiedete er sicht um nach der Kanzlei zu fuhren. „Otti", rief der Geheimrat Ottilien nach, als sie im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen. „Du wünschest?" „Setze Dich einmal zu mir hierher, mir gegenüber."- Kr beugte sich über seinen Rollstuhl und zog einest Sessel heran. Ottilie nahm Platz, „Ich! hätte etwas mit Dir zu besprechen", begann er mit einem eigentümlich zärtlichen, halb väterlichen Ton, „ich hätte es schon längst thun können, ich könnte auch noch danrit warten. Kurz, ob- es nun jetzt ist, ob ein anderes! Mal. Es handelt sich! unr Dich! und Herwürth. Ihr habt Euch! lieb. Hätten Euch! die äußeren Verhältnisse nicht getrennt, so hättest Du eben nicht mich geheiratet, sonderst ihn." „Aber ich bitte Dich —" Er ließ ihr keine Zeit, Und in demselben Tone fuhr ct fort 2 „Das ist doch nun ganz selbstverständlich Otti, und nicht wahr, darüber wollen wir nicht streiten. Ich müßte doch ein Narr sein, wenn ich. Dir das auch nur im Geringsten Übel nehmen könnte. Ich denke und hoffe, daß Du mich genast kennst. Ich hübe Dir nur von ganzem Herzen, von ganzer Seele dankbar zu sein. Dankbar für Deine Nachsicht, dankbar für Deine Entsagung, dankbar für alle Opfer, dr-e DU mir bringst. Und dankbar auch!, Otto, dafür, daß ich .allA Vertrauen zu Dir haben darf. Du bist Dir wahrscheinlich nicht einmal darüber klar, daß Tu ihn lieb hast, mcht nur als Deinen Verwandten — nein, als Mann. Und wär ich es auch selber, der Dir das jetzt zum Bewußtsein bringt, so weih ich! doch daß ich. Dir, so lange ich am Leben b M auch! fernerhin in gleichem Maße vertrauen darf, ivie bi^ her, daß meine Ehre in Deinen Kunden den suAnstM Schutz hgt. So lange ich am Heben bin, Cttt. Und manch« 458 mal, wenn ich an Dich denke, mache ich mir beinaheVorwürfe, daß ich es noch Lin." „Tu sollst nicht so reden —" „Ich weih, das; Tu nicht meinen Tod willst. Ich weih, Otti, daß Ml mich aufrichtig betrauern, beweinen würdest. Wer ich werde früher sterben als Du. Sehr viel frühes, vielleicht schon sehr bald." Ottilie fuhr mit Bestürzung auf. „Wer sagt das? Der Arzt? Tas ist nicht wahr. Mir hat er gesagt, daß Tu noch viele Jahre leben kannst." Er zwang sie wieder sanft nieder. „Kannst! Otti, darin liegt es. Mir aber hat er noch etwas Anderes anvertraut, etwas, was er Dir auf meinen Wnnsch verschwiegen hat, weil ich es Dir selber sagen wollte. Gewiß, ich kann noch viele Jahre leben. Ein jeder Augenblick kann mich aber auch plötzlich hinraffen. In jedem Augenblicke kann mich ein Herzschlag treffen." „Gott —" Er sah ihr entsetztes Gesicht, und liebevoll griff er nun nach ihrer Hand. „Tu muht ruhig sein, Otti, Du mußt tapfer sein. Du mußt vor allem daran denken, daß der Tod für mich eine Erlösung wäre. Du mußt mir ihn gönnen. Hat mir das Leben nicht das Beste geschenkt, was es zu vergeben hat? Es hat mir eine Frau geschenkt, wie Dich So lange ich noch lebe, kann ich Dir nicht danken. Ich kann Dir erst danken, wenn ich tot sein werde. Darum höre, was ich wenn ich Dich verlassen habe, von Dir will. Betraure mich aber nicht zu lange. Tu sollst dann Herwarth nicht länger warten lassen. Weshalb wäre er bis heute unverheiratet geblieben, wenn ihm eine Andere gefallen könnte, als Du! Wenn das Jahr nach meinem Tode um ist, sollst Du ihm Deine Hand reichen. Wirst Du mir das versprechen?" Ein Wirrwarr von Empfindungen durchwogte Ottilie. Sie dachte nicht mehr an Herwarth. Sie hatte mit ihrem Manne, gut und glücklich gelebt. Ein festes, sicheres Band hatte sich um, sie beide geschlungen. War es von ihrer Seite auch niemals das Band der Leidenschaft gewesen, so war es doch das der Freundschaft und allermindestens das einer herzlichen Gewohnheit. „Tu wirst nicht sterben. Ich glaube nicht dem Arzt. Was verstehen denn die Aerzte überhaupt? Mle Tage hört man davon, daß sich einer getäuscht hat." Der. Geheimrat lächelte. „Also gut! Und da Tu es willst, so werde ich alt werden wie Methusalem. Aber wenn ich einmal sterbe, denn am Ende wird es mir doch nicht erspart bleiben, dann denke an diese Stunde, dann denke an meinen Wunsch. Ich habe es Dir einmal sagen müssen, und nun i st es gesagt. Fortan wollen wir nicht mehr davon sprechen. Und nun laß A Ein, ich muß noch mein Pensum heute schaffen, Auch Ottilie wünschte, daß er niemals wieder von solchen Einbildungen, wie sie es nannte, sprach Mles sollte unverändert bleiben, wie es war. Fühlte sich nicht Jedes wohl dabei — auch sie selbst, auch Herwarth? So war es gut. Besser konnte es gar nicht werden. Natürlich hatten Her- warth und sie sich lieb. Wer da man sich nun einmal nicht geheiratet Hatje, so freute man sich! seines Lebens zusammen auch so. Ottilie ging und der Geheimrat !var allein. Er öffnete in seinem Schreibtisch ein Schubfach und nahm, eine Cigarrenkiste heraus. Es waren große, dicke, ganz schwarze Regalias. Der Arzt hatte sre ihm als äußerst schädlich! verboten. Gerade deshalb rauchte er sie. Zweites Kapitel. Man war in Westerland nun schon seit einer ganzen Woche. An Wohnungen war keine große Auswahl, am Strande aab es überhaupt keine, in ein Hotel wollte Man nicht wegen des bis in die Nacht dauernden Spektakels, und so war man in eine Billa gezogen, die abseits von dem Geräusch des Badelebens Und ziemlich einsam in der Haide jag. Sonst wurde das Haus nur noch von dem Wirtspaar bewohnt, von dem man aber den ganzen Tag nichts sah, Und von einem Berliner Hernr, der sich gleich am ersten Tage vorgestellt hatte. Und feines Zeichens Bankier war, einem Herrn Westheim. Von Bell war ein Brief angelaugt, daß sie mit Ottiliens Vorschlags einverstanden war. Den Tag Wes Kommens wollte sie von Cuxhaven aus, sobald sie dort eingetroffen war, noch telegraphieren. Es war bis jetzt sehr schönes Wetter gewesen. Den größten Teil des Tages' verbrachte Man müßig am Strande, wo man ein Zelt gemietet hatte. Für den Geheimrat und seinen Rollstuhl war ein Diener mitgenommen worden. Seit gestern abend war das Wetter umgeschlagen. Es regnete, und dabei wehte ein sehr heftiger West. Den Kaffee! hatte man an diesem Morgen nicht draußen im Garten in ber Berauba, sondern im Zimmer eingenommen und Ottilie und Herwarth überlegten, ob sie an den Strand gehen sollten oder nicht. „Es ist Euch doch blos um m i ch zu thtzn", sagte der Geheimrat, „weil Ihr mich zu Hause lassen müßt. Wor dem bischen Wind Urrd Regen fürchtet Ihr Euch doch nicht. Ich behalte mir die Zeitungen hier — also macht, daß Ihr sortkommt." Damit war die Frage entschieden. Ottilie steckte sich ihren roten Strandfilzhut fest ins Haar, nahm Regenmantel und Plaid nm, und Herwarth wappnete sich ebenfalls. Ter rote Strandhut lleidete sie ganz besonders gut. Als man das Haus verlassen wollte, kam der Depeschen!-! bote. Es war ein Telegramm an Ottilie, das erivartete Telegramm von Bell. „Komme heute mit der Cobra", lautete es. Die „Cobra" war das Dampfschiff, das jeden zweiten Tag von Hamburg abfuhr. Außer der langen Dampfschiff-, fahrt von Hamburg gab es nach der Insel auch eine Route über das Festland, von dem aus man in einer nur dreiviertelstündigen Fahrt durch das ruhige Wattenmeer die Insel erreichte. „Mit dem Schiff kommt sie! Bei einem solchen Wetter!" „Wer weiß, wann sie das Telegramm aufgegeben hat"- sagte der Geheimrat, „denn ich glaube, bei dem Wetter- es scheint doch! geradezu Sturm, wird es gar nicht abge-i gangen sein." Und Herwarth bemerkte abfällig: „Es ist eben eine Dame aus Amerika. Sie will uns imponieren." „Nein", nahm Ottilie ihre Freundin in Schutz, „so ist sie nicht. Hermann wird Recht haben. Das Schiff wird gar nicht abgegangen sein, und ich bekomme noch ein zweites Telegramm von chr, daß sie mit der Eisenbahn kommt." Won den Dünen her, auf die sie jetzt zugingen, brauste! ein wahrer Orkan. Aus den grauen Wolken peitschte den Regen herab. Hinter den Dünen führte zum Strande eine große Treppe hinunter. Die breite weiße Sandfläche mit den hunderten von bunt bewimpelten Burgen und Strandk körben war verschwunden. Donnernd mit weißen Kämmen stürzten die Wogen darüber heran, bis dicht an die Wandel bahn, in der, durch die hier geborgenen Körbe und Stühle! noch mehr verengt, der Promenadenstvom der Kurgäste sich jetzt zusammendrängte. Man sah die lustigsten Bernium- mungen, man lachte und schrie, das Wetter war ein Ber-, gnügen. Manchmal spritzte das Wasser mit den hellen- gelbweißen Schaumslocken, die bis zu den Dünen hinaufflogen, bis über die Bahn hinweg und durchnäßte Kleider und Schuhe, dann fchrie und lachte man erst recht. Alles sah hinaus in baS tobende Element und freute sich, hiev so hübsch in Sicherheit zu sein. „Wer heute auf dem Meere! ist!" Wenn die Cobra oder das andere Schiff kam — des immer zu starken Wellenschlages halber legten die Schiffe! nicht in Westerland direkt, sondern an der Spitze der Insel an, die mit dem Orte durch eine Dampfbahn verbunden war — so konnte man es am Horizonte deutlich sehen. „Wird' die Cobra kommen oder nicht?" Das war die allgemeine- saft leidenschaftlich gespannte Erwartung. Man schloß sogar Wetten darauf ab. „Käme sie wirklich! mit dem Schiff", sagte Ottilie, „es wäre von ihr unverantwortlich." „Ich glaube- mir wird diese Dame nicht sehr sympathisch werden", erwiderte Herwarth. „Du kennst sie doch gar nicht." , „Exzentrische Weiber sind mir fürchterlich. Eine Frau' die exzentrisch ist, ist keine Lady. Jede Fratz sollte sich ein Beispiel nehmen 1— an Dir." < ” (Fortsetzung folgt.) 469 Historischer Verein für das Grotzherzogtum Heffen. Ter vierte Sommerausflug des Historischen Vereins hatte sich zwei Glanzpunkte unseres Odenwaldes, die außer durch ihre hohe landschaftlichen Schönheiten durch eine Fülle geschichtlicher Erinnerungen zu fesseln vermögen, als Ziel gesetzt: die sagenumwobene Burgruine Rodenstein und den hochragenden Sitz der Grasen von Katzenelnbogen und der Landgrafen von Hessen, Schloß Lichtenberg. Eine stattliche Anzahl von Mitgliedern und Freunden des Vereins fand sich in der Frühe des vergangenen Sonntags zur Fahrt nach Reichelsheim zusammen. Die Eisenbähndirettion hatte ihnen mit dankenswerter Bereitwilligkeit einen bequemen Mussichiswagen zur Hin-- und Rückfahrt Mr Verfügung gestellt. Von Reichelsheim ging es M Fuß und zu Wagen durch das liebliche Eberbachthal hinauf zum Rodenstein. In der Ruine wurde das Frühstück eingenommen. Tann ergriff Staatsarchivar Dr. Dietettch das Wort, Um einen Umriß der Geschichte des Geschlechtes M geben, das die Burg erbaut und bewohnt hat. "Seine Ausführungen bewegten sich etwa in folgender Linie. Ueber die Erbauung der Burg Rodenstein steht urkundlich nichts fest. Wir sind ganz und gar auf Vermutungen und aus Schlüsse aus dem Befund der baulichen Reste angewiesen. Nicht viel besser steht es mit der ältesten Geschichte des Herrengeschlechts, das die Burg erbaut und bewohnt hat. Lange Zeit war sie in Dunkel gehüllt. Erst als es dem Vorsitzenden des Historischen Vereins Dr. Frhrn. Schenk zu Schweinsberg gelang, den Zusammenhang derer von Rodenstein mit dem bereits in der Mitte des zwölften Jahrhunderts nachweisbaren Geschlechte der Edelfreien von Crumbach nachzuweisen, hüt sich das Dunkel etwas gelichtet. Sind seine Aufstellungen auch s. Zt. heftig angefochten worden, so wird sich heute wohl niemand mehr der zwingenden Kraft seiner Beweise entziehen können. Fr-änkischf-CrUUrbach, das drunten im Thüle liegt, ist von jeher der Hauptort und die Gerichtsstätte der Besitzungen der Herren von Rodenstein gewesen. Nach Fränkisch-Crum- hach hat sich aber auch ein anderes, älteres edelfreies Geschlecht, haben sich die Freien (nobiles) von Crumbach genannt. Edel- oder vollfret waren die Crumbacher in dem Sinne, daß sie keine Herren über sich anerkannten außer den Kaiser, daß sie frei auf ihrem freien Erbe (Allod) saßen und schalteten, daß sie mit einem Worte reichsun- Mittelbar waren. Neben anderen auszeichnenden Vorrechten, neben dem eigenen Gerichtsstand, der Ebenbürtigkeit u. s. f. war die Ausübung der hohen Gerichtsbarkeit eines der vornehmsten Attribute der Herrengeschlechter vom Schlage der Herren von Eruiubach und von Rodenstein. Fränkisch-Crumbäch ist der Sitz eines Hochgerichts, Gerichtsherren sind die freien Herren von Crumbach und nach ihnen die von Rodenstein gewesen. Zu ihrem Gerichtsbezirke haben freilich nur wenige Ortschaften, wie Fränkisch-Crumbäch selbst, Lützelbach, Brandau, Steinau, Laudenau, Neunkirchen U. a. gehört. Die edlen Herren von Rodenstein und Crumbach waren den anderen Geschlechtern des hohen und höchsten Wels u. a. auch ihren Nachbarn und späteren Dienstherren, den Grafen von Katzenelnbogen, vollkommen ebenbürtig. Auf die Dauer hatten sie freilich gegenüber der immer mehr aUwiachsenden Macht der benachbarten Fürsten und Grafen einen schlimmen Stand. Auf den weniger bemittelten Edelfreien lastete immer schwerer der von ihnen geforderte persönliche Reichskriegsdienst. In den vielen Feldzügen der deutschen Könige Und Kaiser hat sich manches stolze Geschlecht verblutet, ist die Zahl der Edehfreien dezimiert worden? Viele Familien sind schon früh aUsgestorben, viele sind verarmt und zuletzt gezwungen worden, dem hohen Güte der Freiheit zu entsagen und dienstbar zu werden, um nur das Leben zu fristen. Andere wieder sind durch Mißheiraten in den Stand des Unfreien Dienstadels hinabgestttgen, sind aus Herren (nobiles) Ministerialen geworden. Diese absteigende Entwickelung haben sehr viele ehedem' edelfreie Herrengeschlechter durchgemacht. Wir können sie auch bei der Familie der Herren von Crumbach-Rodenstein verfolgen. Die älteste Familie beider Familien ist seht schwer zu verfolgen. Es hat mehrere Familien des Namens Rodenstein in Bayern, Schwaben, Westfalen, Hessen Und im Odenwald gegeben. Es ist deshalb sehr schwer, manchmal ganz UuchögliK dis einzelnen Familien anseiNanderLnhaften, Auch der Name des älteren Geschlechts derer von Crumbachs ist weit verbreitet. Nicht weniger als drei reichsfreie Geschlechter von Crumbach (Grumbach, Grömbach) haben in unserer Gegend gehaust. Um die Ehre, der Stammsitz unseres hessischen edelsreien Geschlechts von Crumbach zu fein, das ticfi, in denen von Rodenstein fortgepflanzt hat, konnten! sich nicht weniger als drei im Bereiche des Odenwaldesl gelegene Ortschaften streiten. Archtvdirettor Frhr. Schenk hat alle diese Fragen, soweit es das lückenhafte Material zuließ, geklärt. Er hat Fränkisch-Crumbäch als den Stammsitz derer von Crumbach nachgewiesen und aus einer Menge Gleichnamiger alle die Persönlichkeiten ausgeschieden, die mit voller Sicherheit unserem Odenwälder Herrengeschlecht zuzuweisen sind. Wenig genug ist es, was wir über das einst so angesehene und vornehme Geschlecht derer von Crumbach wissen. Seine Geschichte, die fast ganz aus bloßen Namen und trockenen Jahreszissern besteht, hebt an mit einem Magenes von Crumbach!, der 1148 und 1150 vorkommt. Mehr als einen dürren, vielfach noch unsicheren Stamm-- baum vermögen wir aus den dürsttgen Notizen, aus dem Vorkommen einzelner Herren von Crumbach als Zeuge/ Bürger oder Siegler und aus untergeordneten Rechtsgeschäften, die von dem oder jenem aus der Familie beurkundet wurden, nicht zusammenzustellen. Von dem Leben und Treiben der Träger des Namens, von ihren Thaten und Schicksalen, Tugenden und Fehlern erfahren wir nichts. Wir wissen nur, daß die Edelherren von Crumbach Vögte des Klosters Höchst im Odenwald gewesen sind. Schön dieser Umstand allein würde uns die Vornehmheit ihres Stammes verbürgen. Zu Klostervögten wurden nur Vollfreie (nobiles) genommen. Außerdem begegnen uns die Crumbach öfters in der Umgebung ihrer späteren Dienstherren, der Grafen von Katzenelnbogen, die wohl schptt seit dem Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts aus der benachbarten Burg Lichtenberg saßen. Graf Tiether II. von Katzenelnbogen hat u. a. einmal in einem Streite zwischen dem Kloster Eberbach im Rheingau und denen von Crumbach^.— es handelte sich um den von Klosterleuten begangenen Totschlag eines Crumbacher Leibeigenen — den Schiedsrichter gespielt. ,_ , . , Im Anfänge des vierzehnten Jahrhunderts verschwendet der Name von Crumbach aus der Gefchichte, im Anfänge desselben Jahrhunderts — die Zugehörigkeit einer Anzahl von Geistlichen des Namens von Rodensteinn, die früher vorkommen, zu dieser Familie ist zweifelhaft «- treten die ersten Odenwälder Rodensteiner auf. Seltsam erscheint es, daß eine so vornehme Familie nicht früher beglaubigt ist. Woher ist sie gekommen? Solange die von Crumbach existierten, war neben diesen kein Raum mehr auf, dem engen Bezirke um die Neunkircher Höhe für ein zweites Herrengeschlecht, es fei denn, daß es mit denen von Crumbach identisch oder eilte Seitenlinie von ihnen gewesen wäre. Daß dies in der Thät der Fall war, geht aus dem Um- staiide hervor, daß die von Crumbäch mit denen von Rodenstein gleichen Standes, daß beide Stämme die, Gerichts- Herren in Fränkischf-Crumbach find, daß sie vielfach^ die gleichen Vornamen und vor allem das gleiche Wappen führen. Tie Rodensteiner sind demnach ein Zweig derer von Crumbach gewesen. Sie sind aus dem Thale, wv die Thalburg der Crumbacher gestanden hat, hinauf an den Berg gezogen, haben die Burg erbaut und sich selbst nach dieser „von Rooenstem" genannt. Dieser Zweig des alten tzerrengeschlechts hat dann später, nach deren Aussterben, die Fränkisch-Crumbacher Linie beerbt und so den ganzen Besitz des Hauses wieder in eine Hand gebracht. Der Bau der Burg wäre nach Lieser Annahme etwa in die Zeit des ersten Auskommens des Namens Rodenstein, jedenfalls nicht früher zU fetzen, d. h. in den Beginn des 14. Jahrhunderts. Allerdings scheint gegen diesen Ansatz der Befund der Burgruine selbst zu sprechen. An mehreren Stellen finden sich Bauteile, die in die Zett des Ueberganges vom romanischen Mw gotischen Stile zu verweisen sind. Die Möglichkeit ist deswegen nicht abzulehnen, daß einzelne Teile schon vor 1300 erbaut wurden, daß hier eine Zufluchtsburg der Crumbacher gestanden hat, die bei der Nebersiedelung eines Zweiges des Geschlechtes hierher um- und ausgebaut und wohl auch erweitert wurde. Aus den ältesten Urkunden der Rodensteiner 7- wir sehen hier ab von bloßen Namensändernngen *- geht hervor, daß 1346 die Burg, ein Lehen des Grafen von Katzen-. 460 elnbogen war. Die Rodensteiner Latten sicht also genötigt gesehen, z-N einem der mächtigen Nachharn in ein Schutz- verhättnts gut treten, das ihre Freiheit minderte. Sie sind Mannen der Katzenelnbogener geworden. Sehr ansprechend ist die von Dr. Frhrn. Schwenk geäußerte Vermutung, daß das Lehnsverhältnis gleichzeitig mit der Erbauung der Burg begründet wurde. Der mächtige Nachbar wird die Errichtung eines befestigten Platzes unmittelbar an der Grenze seines Besitzes nur unter der Bedingung zugelassen haben, daß ihm ein Einfluß auf chas! neue Bollwerk eingeräumt wurde. Heinrich von Rodenstein, derselbe, der 1346 seinen Anteil an Rodenstein von dem Grafen von Katzenelnbogen zu Lehn nahm, hat die Erbtochter des edelfreien Hauses Lißberg in Oberhessen geheiratet. Bon ihm stammt die Linie der Herren zu Rodenstein und Lißberg, die sich länger als der im Odenwald verbleibende Zweig im Herrenstaude erhalten konnte. Ihre Geschichte weist keine besonderen Züge auf: es ist die typische Geschichte einer mit den mächtigeren Nachbarn um ihre herrenmäßige Stellung ringenden Adelsfamilie. Sie ist erfüllt von größeren und kleineren Fehden. Der Lißberger Zweig der Robensteiner lag mit Gott und der Welt im Streite. Im großen und ganzen sind sie bei ihren ewigen Kämpfen wenig vom Glücke begünstigt gewesen. Um sich in ihrer Herrenstellung zu erhalten, haben sie einen über ihre Verhältnisse gehenden Aufwand machen müssen. Das Liß- berger Erbe, so reich es war, schmolz immer mehr zusammen, Schulden über Schulden wurden gemacht. Verpfändungen und Veräußerungen bilden den monotonen Inhalt der Urkunden, aus denen wir die Geschichte der Herren zu Rodenstein und Lißberg im fünfzehnten Jahrhundert zum größten Teil entnehmen müssen. Um die Mitte des Jahrhunderts'hatten sie abgewirtschaftet: 1454 verzichteten Engelhart und Hans von Rodenstein-Lißberg zu Gunsten des Landgrafen von Hessen aus Lißberg und zogen sich wieder auf das inzwischen ebenfalls stark zusammen- geschmolzene Odenwälder Erbe zurück. Die Tochter Engelharts hat Hans von Rodenstein von der jüngeren, im Odenwald verbliebenen Linie geheiratet und ihm ihren Anteil an der Rodensteiner Erbschaft zu- aebracht. Diese jüngere Linie hat schon früh den Herrenstand verloren. Ihre Glieder haben Frauen aus hem Stande der Ministerialen geheiratet, die Kinder sind her ärgeren Hand gefolgt, und sind gleichfalls Ministerialen geworden. Wir finden deshalb die Odenwälder Rodensteiner bald in den Diensten der Grafen von Katzeneln-, Vogen., der Pfalzgrafen und der Erzbischöfe von Mainz. Sie haben ein stilleres, ruhigeres Leben geführt als ihre 'ehrgeizigeren Lißberger Vettern. Ihre Geschichte ist des- 'halb einfach und hausbacken verlaufen. Kein über das Mittelmaß Hinausreichender ist ihrem Stamme entsprossen. Zwei von ihnen sind Bischöse von Worms gewesen: auch sie haben nur eine bescheidene Rolle gespielt. 1671 ist auch dieser Zweig der Rodensteiner abgestorben. Seine Güter sind zum Teil den Lehnsherren heimgefallen, zum Teil an verschwägerte Familien, wie die von Gemmingen, von Haxthausen, von Prettlack u. a. gekommen. Die Frei- herrn Ueberbruck von Rodenstein sind zwar durch Kauf in den Besitz einiger Rodensteiner Güter gekommen, hängen aber mit dem alten Geschlecht derer von Crumbach und Rodenstein nicht zusammen. Hausbacken und einfach, ist die Geschichte der Odenwälder Linie derer von Rodenstein verlaufen. Berühmt und bekannt geworden sind die Rodensteiner erst durch die Verbindung, in der sie die Sage mit dem „Landgeist"' auf dem Schnellerts gebracht hat, berühmt und bekannt vor allem durch die poetische Behandlung und Ausgestaltung der Sage in den Liedern Scheffels. Anlaß zu der Verknüpfung des Namens Rodenstein mit dem wilden Heer vom Schnellerts und seinem Führer soll das gespenstische Aussehen eines Rodensteiner Grabdenkmals in der Kirche zu Fränktsch^Crumbach gegeben haben. Soviel steht aber . fest, daß in allen den Sagen ' vom Rodensteiner, die sich meist in jüngerer Zeit gebildet haben, auch nicht her kleinste geschichtliche Kern steckt. Die Mehrzahl der von Scheffel besungenen Episoden, der Eintritt in Heidel- herg, das Verschlemmen der Güter und Dörfer, die Vererbung des Restes an die Universität Heidelberg, der Besuch! Darmstadts uss., beruht huf freier Erfindüng des Dichters. ! An den Vortrag schloß sich! eine eingehende Besrchti- gung der Burgruine, bei der Herr Lehrer Ferck aus Büttel born in liebenswürdiger Weise die Führung übernahm, Ueber das Wer der Burg erhob sich eine lebhafte Debatte,. Zu sicheren Ergebnissen wird man erst gelangen, wenn eine sorgfältige Ausnahme der ganzen Anlage vorliegt.. Die Erläuterungen der in der Burg selbst, in dem am Fuße derselben gelegenen Hofe und anderwärts vorhan-. denen Reliquien aus der Zeit derer von Rodenstein, die! Herr Lehrer Feick gab, wurden mit Dank und Beifall auf-, genommen. c. _ Von der Burg Rodenstein ab übernahmen die Groß!-, Bierbrauer, Mitglieder des Vereins, die Herren Schönberger, und Eckstein, die sich überhaupt UM das Zustandekommen des Ausflugs große Verdienste erworben hatten, die Füh^ runtz. Auf herrlichen Waldwegen, von denen aus fich zeitweise weite Fernsichten eröffneten — hervorzuheben ist namentlich die einzig schöne Aussicht von Rimdidinch und der Blick auf Lichtenberg von Steinau aus — ging es dann in einstündigem Marsche nach dem idyllisch gelegenen Dörfchen Steinau, von da bergauf zur Wscheuer nut ihrem bekannten wohlerhaltenen Ringwall. Gegen 3 Uhr würde Lichtenberg erreicht. Das Mittagsmahl wurde rüdem Gasthause des Herrn Schellhaas eingenommen. Nach eiuer längeren Ruhepause übernahm mau den Aufstieg zum Schlosse, das innen und außen eingehend besichtigt wurde. Besonderes Interesse erregten dre Heine,: stimmungsvolle Kapelle, das Schlafzimmer des Landgrafen Georg, die weiten, luftigen Archivräume, vor allem aber die von Fenster zu Fenster wechselnde herrliche Aussicht.. Hieran reihte sich der Besuch des, auf der gegenüber-, liegenden Kuppe erbauten massigen Bollwerks. Da die Zeit knapp geworden war, mußte von einer Erläuterung, der einzelnen Bauten Wstand genommen werden. Schon warteten die Wagen, um die Ermüdeten nach! Reinheim zur Bahn zu bringen. Ein kühler Trunk auf der Terrasse des Bahühofshotels in Darmstadt beschloß den Vierten Sommerausslug des Historischen Vereins! nach! Rodenstein und Lichtenberg. „Darmst. Ztg. - Vermischtes. Regerrwetter und Poesie. Unter diesem Titel schreibt die „Wiener Abendpost": In einem Ausfichtspavillon bet Goisern im Salzkammergut liegt ein Fremdenbuchs auf. — Die anhaltende Regenperiode hat bei mehreren Touristen und Sommerfrischlern eine Axt Galgenhumor erzeugt, der sich in verschiedenen poetischen Ginzeichnungen kündgiebt. Ein Besucher schreibt über seinen Namen den Vers: „Der Sänger hält im Feld die Wetterwacht, In seinem Arme ruht der Schirm, der off'ne,. Er grüßt mit Hellem Lied die Regennacht Und schlägt dazu mit nasser Hand die Harfe." Ein Anderer: „Es regnet am Neckar, Es regnet am Rhein, Warum soll's denn im Salzkamtn'er- Gut besser sein?" Ein dritter schreibt: „Es war ein Tourist in Thüle, Die Sonne sah er nie, Dem sterbend seine Buhle Einen Gummimantel lieh."' Aus einer anderen Seite findet sich die Annierkungt „Hier las ich vom 12. bis 18. Juni die sehr zeitgemaßE Novelle von Spielhagen: „Alles fließt.^ Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) V2q r3bg rSkars L23rs2q Brs 5mc r3bg a2g2qqrbg2m ilmm, 021 Srs c32 V2ks 5mo lkk2r 5ms2qsglm. (Ek2113mt.) (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.r Falter — Alter. Redaktion: Curt Vlqto. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,