Mittwoch den 5. November. 32 BW iTl W W (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Ein Zeuge nach dem andern wurde aufgerufen. Ihre Angaben vor dem Gerichtshof waren gleichbedeutend mit denen, die der Untersuchungsrichter bereits erhoben und zu Protokoll gegeben hatte. Keßler, der Mieter in der fünften Etage des Hauses in der Augsburger Straße, behauptete, nachdem er Herrn von Sempach aufmerksam betrachtet hatte, vielleicht noch entschiedener, als er es bisher gethan, daß der Angeklagte zum Verkennen jener Person ähnlich sehe, die er um zehn Uhr abends vor dem Haupt- thor getroffen, und die sich damals in das Haus hineingedrängt hätte. Tie Freunde des Herrn von Sempach behaupteten, daß er sich täuschen müsse. Mer auch keinem einzigen kam auch nur der Gedanke, den guten Glauben dieses so überzeugt redenden Zeugen von würdigem Aussehen, über den sich im Protokoll die vorzüglichsten Leumundsnoten befanden, nur im geringsten zu verdächtigen. Nur das Kammermädchen Minna zeigte sich in der öffentlichen Verhandlung etwas zurückhaltender und weniger sicher in ihren Auslassungen, als sie in den früheren Verhören ausgesagt hatte. Ohne sich zu widersprechen oder zu widerrufen, milderte und beschnitt sie sozusagen ihre Antworten. Sie schien zu bedauern, etwa zu weit gegangen zu sein, dem Angeklagten vielleicht geschadet zu haben. Als der Verteidiger den Präsidenten ersuchte, der Zeugin zu bemerken, daß der bei dem Leichnam vorgefundene Hemd- kuopf von Herrn von Sempach bereits einige Tage vorher verloren worden war, und daß sie hätte davon Kenntnis haben müssen, antwortete sie, anstatt wie das erste Mal zu leugnen, daß man sie von dem Verlust in Kenntnis gesetzt und beauftragt hatte, diesen Knopf zu suchen: „Es ist möglich. Ich kann mich nicht daran erinnern. Tas ist auch nicht zu verwundern. Tie große Erschütterung, die ich überstanden habe, und eine Krankheit, von der ich erst kürzlich genesen bin, haben mein Gedächtnis geschwächt." Tiefer neue Standpunkt Julie Farkas', den dieselbe jedenfalls im Einverständnis mit Paul Querzewski vertrat, war überaus geschickt und schlau von ihr. Sie entwaffnete dadurch in mancher Hinsicht den Angeklagten, sowie den Verteidiger, die, beide bereit waren, sie anzugreifen, falls sie zu feindselig, zu auffallend und zu erregt ausgefallen wäre. Jetzt aber erkannten sie sofort, daß sie sich selbst, nur schaden könnten, wenn sie sich als Gegner dieser Zeugrn entpuppten, die gegen dieselben voll Rücksicht vorging und.» die sich durch ihre Zurückhaltung, durch ihr leidendes Aussehen, ihre matte Stimme und auch durch den Reiz ihres Gesichtchens die Sympathie des Auditoriums .erworben hatte. „Unsere letzte Hoffnung entschwindet", murmelteBerthch als sie sah, daß der Rechtsanwalt des Herrn von Sempach auf die Aussagen Minnas nichts zu bemerken oder zu erwidern hatte. Auf diese ersten Zeugen kamen dann Freunde und Kameraden des Herrn von Sempach Sie bekräftigten seine vollkommene Ehrenhaftigkeit, seine Rechtschaffenheit und den! Edelmut seines Charakters. Georg Rakenius wollte unbedingt als erster Zeuge auf gerufen werden, kam aber als, letzter dran. Trotz der heftigen Bewegung, die ihn manchj- mal zwang, seine Rede zu unterbrechen, erzählte er in aller. Ausführlichkeit, was der Angeklagte alles für ihn gethan, wie ihn Franz von Sempach! dem Elend entrissen, ihn vor Verzweiflung gerettet hatte, und daß er es wäre, deut er, Rakenius- alles zu verdanken habe. Tann mit erhobenem! Haupte und mit erhobener Hand wies er auf das entschiedenste die Anschuldigung zurück, die man gegen seinen Freund, gegen seinen Bruder geschleudert hatte. <Ä er* zielte,.einen gewaltigen Eindruck aus die Zuhörerschaft. Unk ein Haar, und man hätte ihm heftig applaudiert. Tie große Masse läßt sich leicht durch körperliche Schönheit beeinflussen, und Georg, dessen Antlitz in diesem Augenblick von Ueberzeugung und Tankbarkeit leuchtete, war noch nie so schön gewesen. Tvch was nützte das afles, daß man ihm solche Freundschaftsbeweise bewies, daß man derart Sempachs Ehrenhaftigkeit bekräftigte? Mau beschuldigte ihn ja keines schmachvollen, gemeinen oder niedrigen Verbrechens, wogegen sein ganzer Lebenswandel hätte den Gegenbeweis bringen können. Man hatte ihn der Justiz wegen eines Gewaltaktes ausgeliefert, den die Gesetze ein Verbrechen nannten und den zu bestrafen sie gezwungen waren. 57. Kapitel. Tiefe Unterbrechung der Verhandlung gliche einem Zwischenakt. Kaum war der Vorhang gefallen, das heißt, kaum hatte sich der Gerichtshof entfernt, um eine kleine Unterbrechung Eintreten zu lassen, und sich in das Be- ratungszimmer zurückgezogen, als das Publikum, Rechtsanwälte, Zeugen, Neugierige beiderlei Geschlechts, Zuschauer, der Logen im ersten Rang und der Plätze in der Saalmitte, gleichsam die Zuschauer des Parterres, groß und klein, Männer und Frauen, zu streiten und zu kritisieren begann. Man rächte sich für eine derartig lange Zurückhaltung, für ein so in die Länge gezogenes Schjweigen, für eine zu große Aufmerksamkeit. Tie Nerven waren abgespannt, man streckte die Beine von sich, — die verschiedenen Mäuler, die lange genug geschlossen geblieben waren, öffneten sich zu einem Gähnen. Ta grüßte der eine plötzlich! einen anderen mit einer graziösen Handbewegung:,,Sieh da, sieh da. Sie sind auch hier? Ich hatte Sie noch gar nicht gesehen« Na nu, wie g'eht's denn immer?". Andere, die schon mehr Mut zeigten, verließen ihre Logenplätze, — will sagen ihre Tribünenbank, und machten in den Nachbarbäukev ihre 654 Tie Thür en öffneten iftd), und das, Gerichtskollegium trat wieder in den Saat. Ein allgemeines, langes „Ah der Befriedigung ließ sich vernehmen. Man hatte me^e Pause für viel zu lang erachtet. Man war nun begierig, die Lösung zu erfahren. Tie ihren Platz verlassen hatten, beeilten sich, wieder dahin zurückzukehren. Ter Gerichtshof", meldete der Gerrchtsdrener nut wert- MtnSMÄS’"te M d-- «MM «*«• ihre früheren Plätze wieder ein, — die Geschworenen saßen bereis auf ihren Bänken. , . , . Ter Angellagte trat wieder herern, rmmer von fernen ^"^Tani^ergriff der Staatsanwalt auf eine Aufforderung des Präsidenten das Wort. Derselbe war noch em lunger Mann von vollendeter Distinktion und von einnehmenden Gesichtszügen. Er drückte sich leicht faßlich aus, manchmal mit Eleganz, ohne große Leidenschaft, ohne Heftigkeit, ohne Effekthascherei: Er schien sich mehr auf dre Gewichtrgkert des Stoffes zu verlassen, r- versuchte mehr zum Verstand zu sprechen, — und verschmähte es, dre Herzen zu rühren. Er griff mitten ins Thema, führte die verschiedenen Zeugenaussagen an, betrachtete sre von verWedenster erkannte ihre Wichtigkeit voll an und stellte fest, wre pe untereinander und gegenseitig übereinstimmten., SXmn entwickelte er den ganzen Gang des Verbrechens,.wreier esauffaßte, wie er es sah, wre er glaubte, daß es l«h zugetvageni f)tittec komme heute, Geschäftsfrauen in ihrer Jugend einmal einen Fehltritt ”^a' fch.Ec"! ;/;u„. I r,pafmzieTt gaben dann hatten die kern solches Opfer ver- durchgeführt", bemerkte ein anderer. „Tie Zeugen er,cheinen alle glaubwürdig. Glücklicherweise giebt es für Sie nichts Unmögliches, mein lieber Herr Doktor. Sie haben schon schwierigere Prozesse gewonnen, als der hier ist. Ja, aber bei einer anders zusammengesetzten Kommission. Ich habe feit Beginn der Verhandlungen genau dasselbe bemerkt und gefolgert wie Sie und habe absolut feine 85’0ffmittfi Rechtsanwalt Grünbaum hatte diese Worte zu seinem Amtsbruder gesprochen, ohne aus Fräulein Rakentus zu achten, die aber diese Worte deutlich vernommen hatte. „Er wird verurteilt werden", sagte sie sich selbst. Besuche. „Jnkeressiert Sie das?" „I . , » ersten Male hierher. Hören Sie mal, ist das eigen- I v-• x. i// (Xi _r. Vixl-vtAx* ni'wtirto« McpfnnttnllTTTfl. . VLll kenne schon alle Sitzungspräsidenten. Sie heben mir schon , immer einen Platz auf. Ich habe schon Munzig Ver- | urteilungeii miterlebt. Aber alle waren viel aufregender als die heutige langweilige Sache." „Finden Sie? „Aber gar kein Vergleich, meine Liebste. Tiefe Geschichte heute ist von einer Langeweile, einer Kälte! In der ganzen Ber- handlung noch nicht ein Zwischenfall. Es ist einem wirllrch beinahe ums Geld leid. — Sagen Sie mir, haben Sie schon gefrühstückt?" „Nein, ich hatte Angst, zu spat zu kommen und keinen Platz zu erhalten, "harten Sie. ^ch habe in meiner Tasche Cakes mit und etwas Chowlade, wir wollen redlich teilen." „Wie, Sie getrauen sich hier zu essen?" „Warum denn nicht? Sehen Sie doch um sich! Geniert sich denn da einer? Wenn der Gerichtshof weg ist, ist alles gestattet." ■ .. Allerdings ist der Gerichtshof nicht mehr da, aber die Freunde des Angellagten sind noch da, oft auch seine Frau, seine Mutter, seine Kinder, die sich scheu in eine Ecke des Saales zurückziehen, sich eins an das andere pressend, bleich, voll Angst und Auftegung. Dieser Aufschub der Verhandlung, der anderen zur Erholung, Ruhe und zum Vergnügen bient, bedeutet für sie ein qualvoll furchtbares Warten, eine Verlängerung der Agonie. Sie sehen sich gegenseitig an und fragen sich voll Angst: „Welcheii Eindruck hat diese Aussage auf die Geschworenen gemacht? Meint Ihr, daß sie ihm gut gesonnen sind? Hat der Verteidiger Hoffnung? Mein Gott, wie lange das dauert, und was er leiden muß! — Wo ist er denn? Dort oben tu einem kleinen Zimmer mit seinen Wächtern, ine ihn nicht 655 nimmt diesen Punkt mildernd Ml, — sie giebt ja zu, daß er herausgefordert wurde. — Außer iftd^ in der vollsten Höhe seiner Wut ergreift er einen am Kaminsims liegenden Tolch und droht auch jetzt seinerseits. Sie höhnt ihn, glaubt ihm nicht, und er--sticht zu. Sie fällt. Entsetzt kniet er neben ihr nieder, versucht sie auszurichben, und tn dem Augenblick, vielleicht auch einige Minuten srüher, löst sich ein Hemdknopf aus dem Hemd und rollt tn das — Blut unter dem Leichnam. Tenn sie ist bereits eine Leiche, — er hat es jetzt erkannt. Was thun? Außer sich vor Entsetzen entflieht er. . . der Portier sieht ihn herabeilen und an seiner Loge vorübergehen. Er erkennt zwar nicht seine Züge, doch sind es dieselben Kleider, es ist derselbe Ueberzieher mit hochgeschlagenem Kragen, den auch Herr Keßler erkannt hat. Ter Angeklagte stürmt dann kopflos eine Stunde durch ganz Berlin. Tann kehrt er nach Haufe zurück. Selbst sein alter Diener Wilhelm, den man nicht beschuldigen kann, daß er feinem Herrn übel wolle, hatte bemerkt, daß sein Herr voll Unruhe und Aufregung war, daß ihm etwas zugestoßen sein müsse, — daß er lange noch, ehe er sich zu Bett legte, Tm Zimmer auf- und niederging, und daß er eine Wunde an dem einen Finger aufwies, eine Wunde, die er sich durch den Tolch zugezogen hatte und dessen blutige Spur am Halse des Opfers zu ersehen war. „So war aller Wahrscheinlichkeit nach der Zusammenhang", schloß der Staatsanwalt, „so legen ihn auch sämtliche Zeugen aus, und so dürfte die Wahrheit fein. Wenn wir uns, was ganz unwahrscheinlich ist, täuschen sollten, so erhebe sich der Angeklagte und künde, was er zu der Zeit gethan hat, wo er den Wend des Verbrechens zugebracht hatte." „Bei mir! Er war mit mir zusammen!" rief plötzlich eine Stimme aus dem Saale. ! (Fortsetzung folgt.) Heber M Rauchen. Ich will dem Leser keine Weisheiten und Ratschläge auftischen, ob das Rauchen nützlich oder schädlich sei. Es haben schon sehr berühmte und minder berühmte Gelehrte dicke Bücher und Abhandlungen darüber geschrieben, in denen die einen bewiesen, daß der Tabak ein Teufelskraut sei, während die anderen mit gleicher Geistesschärfe versicherten, er käme direkt aus dem Paradiese und ließe alle Freuden eines schönen Jenseits ahnen. Begnügen wir uns also mit der Thatsache, daß der Tabak da ist, und daß wir ihn überall finden. Ueberall wird geraucht, geraucht, vom hochgefürsteten Thron bis herab zum Arbeiter, vom zivilisiertesten Menschen bis zum Eingeborenen der verborgensten Urwälder Afrikas. Wenn man recht boshaft sein wollte, könnte man behaupten, die ungeheure Verbreitung des Tabaks sei dem Umstande zu verdanken, daß die Einführung des Tabaks in Europa auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten gestoßen ist. Als nämlich der Tabak zuerst nach Europa kam, bezeichnete die Geistlichkeit ihn als Teufelskraut und Inbegriff aller Laster. Ter Bann wurde darüber ausgesprochen, und die Regierungen verboten den Import dieses Krautes. Ja, es gab sogar eine Zeit in der Weltgeschichte Europas, da die Todesstrafe auf das Rauchen stand! Und trotz aller Schwierigkeiten wuchs die Verbreitung, bis endlich auch diejenigen, die den Tabak am heftigsten verpönt hatten, dem Genüsse des Teufelskrautes verfielen. Es muß also doch etwas daran sein, den blauen Tampf in die Luft blasen zu können, und wirklich magische Wirkungen scheint der Tabak zu haben. Ter Hungrige sättigt sich, der Durstige stillt seinen Durst daran, der Verstimmte verringert sich seine Sorgen, der Freudige erhöht seine Behaglichkeit, der Gesättigte befördert seine Verdauung, der Abgespannte versinkt tn ein seliges Mrwana, und der Nachdenkende holt seine schönsten Gedanken aus den blauen Rauchwolken. Kurz, das Rauchen ist zum beinahe unentbehrlichen geistigen Genüsse aller zivilisierten Menschen geworden, und man kann sagen, daß Menschen, an die das Leben große Anforderungen gestellt hat, die viel geistig arbeiten, fast durchweg starke Raucher sind. Es braucht nicht erst versichert zu werden, daß die Geschmacksrichtungen in betreff des Tabaks sehr verschieden sind. So viel Sorten, so viel Geschmäcker". Vom Rauchgeschmack der Kaiser und Könige und mancher hervorragenden Persönlichkeiten weiß ein englischer Schriftsteller, der sich in der letzten Zeit viel mit dem Studium dieser befaßt hat, manches Interessante zu berichten. Unser Kaiser Wilhelm II. ist ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher und ein Liebhaber von Havannazigarren, die der Raucher unter dem Begriff „Importen" kennt. Aber sein Zigarettenkonsum ist ebenfalls bedeutend. Tie „Kaiser- Zigarett^ ist 15 Zentimeter lang, gerade die Hälfte kommt davon auf das Mundstück. Gelegentlich eines Spazierganges war dem Kaiser die Zigarette „ausgegangen", und da er keine Streichhölzer bei sich trug, bat er einen Knaben, der seine ersten Rauchversuche machte, um den Stummel seiner brennenden Zigarette. Ter Kleine mag wohl nicht wenig erstaunt gewesen sein, als er für diesen Dienst mit einem Goldstück belohnt wurde, das die Photographie des Gebers trug. — König Eduard VII. von England, der Onkel unseres Kaisers, ist gleichfalls ein begeisterter Verehrer dieses duftenden Krautes. Seine Spezialität sind auch Havannas, die aber größer und stärker sino als diejenigen seines kaiserlichen Neffen. Nach Tisch und wenn die Regierungsangelegenheiten erledigt sind, greift der König zur Zigarre, die er nur in Gegenwart einer Tame aus der Hand legt. Eines Tages geht König Eduard gemütlich rauchend durch die Umgebung von Sandringham, als ihm das Feuer seiner Zigarre plötzlich erlischt. Er will sie natürlich von neuem anzünden, merkt aber zu feinem Schreck, daß sich auch nicht ein Zündholz in seinen Taschen befindet. — Was thun?--In einiger Entfernung bemerkt der König eine Bauernhütte — er geht hin, tritt ein, und bittet die Frau um Feuer. Tie Bäuerin, die ihren hohen Gast sofort erkennt, sucht nun in allen Ecken nach einem Streichholz, und teilt dem Könige bestürzt und verwirrt mit, daß ihr Mann die einzige Streichholzschachtel zur Arbeit mitgenommen habe. Doch Eduard wußte sich zu helfen. Aus einem Stüchen Papier dreht er einen Fidibus, entzündet ihn am Kamin, und verläßt mit liebenswürdigen Tankesworten die beglückte Frau. Noch eine andere kleine Anekdote erzählt man sich in Sandringham von dem König. Er sah eines Morgens, wie zwei Arbeiter, die in dem Gehölz arbeiteten, ihre Werkzeuge fortwarfen und sich um einen winzig Keinen Gegenstand, den sie am Erdboden entdeckten,^ zu schlagen begannen. Eine Weile beobachtete der Herrscher den Streit, ohne das Objekt desselben entdecken zu können. Er trat endlich näher und richtete an den einen von ihnen die Frage, weshalb denn auf einmal Zwist unter ihnen ausgebrochen sei. „Ich habe den Stummel der Zigarre gefunden, den Ew. Majestät fortgeworfen haben, und mein Kollege will ihn mir entreißen", war die Antwort. Lächelnd ging der König fort, kehrte bald darauf mit zwei Kistchen seiner Zigarren zurück, die er den beiden Männern selbst gab. Ihre Behauptung, daß sie nie in ihrem Leben wieder so gute Zigarren geraucht haben, darf man ihnen sicher ohne weiteres glauben. Gleich diesen beiden erwähnten Monarchen sind alle anderen regierenden Häupter Zigarren- oder Zigarettenraucher. . In früheren Jahren war der Kaiser von Oesterreich em Verehrer der schwersten Virginia-Zigarren. Erst, als ihm aus gesundheitlichen Rücksichten das Rauchen verboten wurde, ging er allmählich zur milderen Zigarre und hin und wieder zur Zigarette über. Kaiserin Elisabeth war eine leidenschaftliche Zigarettenraucherin, und die Königin von Portugal bevorzugt die stärksten Havanna-Zigarren. Für den Sultan wird eine ganz besondere Tabaksart kultiviert, es ist dies die teuerste Sorte des türkischen Tabaks. Nur ganz wenig gemischt wird er zu Zigaretten verarbeitet, deren Aroma köstlich ist. Pfeife raucht der Sultan fast gar nicht, und auch das Nargileh liebt er nicht besonders. Trotzdem ,die Sitte des Rauchens zuletzt nach dem Orient gekommen ist, finden wir unter den indischen Fürsten die passioniertesten Raucher. , . Tie Zigarren und Zigaretten der Kaiser, Könige und Fürsten haben gewissermaßen einen diplomatischen Charakter. Aus den feinen blau-arauen Wolken entwirren 656 sich ost Angelegenheiten der Diplomatie, entwickeln sich Lösungen der schwierigsten Probleme. Ter Tabak des Dichters und Künstlers hingegen trägt einen phantastischen Charakter. Er giebt dem Dichter und Künstler die Inspiration, er zaubert ihm die Bilder vor, die er dann darstellt. Namentlich unter den Schriftstellern und Dichtern ist das Rauchen zum unabweisbaren Bedürfnis geworden. Lenau war ein starker Raucher, es kam vor, daß er an Tagen, an denen er besonders viel arbeitete, 25 bis 30 Zigarren verbrauchte. Der Philosoph Friedrich Nietzsche, dessen Lehren ein Jahrhundert charakterisieren, legte die Zigarre kaum während der Mahlzeiten aus der Hand. Tie Bedeutung, welche die Zigarre im Leben des Hofpoeten Alfred Tennyson hatte, bezeichnet folgende kleine Anekdote: Ter englische Poet war von einer Reise durch Italien zurückgekehrt, als er von seinen Freunden begrüßt wurde: „Wie haben Sie Ihre Zeit verbracht?" fragte ihn ein Lord. — „Müßig", war die Antwort- — „Aber <Äe haben doch alle Kunstschätze gesehen, waren Sie nicht glücklich, in den Museen sein zu können Tag für Tag?" — „Nicht besonders", entgegnete Tennyson. — „Und warum nicht? Was störte Sie dort?" — „Man darf ja in den Museen nicht rauchen", erwiderte der Dichter unzufrieden. Rudyard Kipling nimmt erst dann die Feder zur Hand, ivenn aus seiner Pfeife, die er stets selbst stopft, die ersten Wolken aufsteigen. Dann kommt ihm die Inspiration, dann mehren sich seine Gedanken und Ideen. Zu Beginn seiner litterarischen Laufbahn war Kipling — gleich vielen anderen Litteraturgrößen — Reporter an einer Zeitung. Von dem Verleger dieses Blattes wurde er als Berichterstatter auf eine Reise geschickt. Auf dieser Fahrt kam er auch zu Mark Twain, in dessen Arbeitszimmer er einige Minuten allein warten mußte. Tas erste, was er in dem Zimmer entdeckte, waren die Pfeifen- köpfe und der Tabak. Nie in seinem Leben, behauptet der Tfchuugeldichter, habe er so den Hang zum Stehlen an sich bemerkt, wie in jenen Augenblicken. Zum Glück wurde seine Sehnsucht bald gestillt, denn Mark Twain erschien, die Pfeife im Munde, und er, der leidenschaftliche Raucher, verstand die Sehnsucht des anderen, die sich in dem Augenblicke nur auf den Tabak erstreckte. Daß dies vielgepriesene Kraut nicht allein Monopol der Herren der Schöpfung ist, braucht nicht erst besonders betont zu werden. Unter den Schriftstellerinnen und Künstlerinnen finden wir mindestens so enragierte Raucherinnen wie unter deren männlichen Kollegen. Auch sie holen sich Anregung und Lebendigkeit der Phantasie aus den Rauchgebilden. George Sand konnte das Rauchen nicht eine Stunde am Tage entbehren. Die schwersten und besten Havanna-Zigarren waren gut genug für sre. Liszt machte ihre Bekanntschaft, als sie eine mächtige Zigarre zwischen den Lippen hatte. Und Liszt, der bis zu zwanzig Zigarren am Tage rauchte, konnte lange Zeit den Eindruck nicht loswerden, den die schöne Frau mit der Zigarre zwischen den Rosenlippen machte. , Rosa Bonheur bevorzugte die kurze Pfeife. Die Künstlerinnen von heute sind fast durchweg Verehrerinnen der Zigarette. Auch in der guten Gesellschaft ist es bereits Sitte geworden, daß nach Tisch den Damen der Tabak ebenso offeriert wird, wie den Herren. Und doch giebt es in Berlin noch Lokale, in denen eine rauchende Dame als „nicht voll" angesehen wird, wo das Rauchen bei Damen als etwas Anstößiges, Verletzendes gilt. In Schweden und Dänemark rauchen Damen mit der gleichen Selbstverständlichkeit im Lokal und zu Hause, von Rußland gar nicht zu reden. Tie schönsten und vornehmsten Spanierinnen gehen mit brennender Zigarre spazieren, Einkäufe, Besorgungen machen usw. Und in der Weltstadt Berlin passierte es neulich, daß eine unserer berühmtesten Schriftstellerinnen in einem Cafs aufmerksam gemacht wurde, daß das Sittlichkeitsgefühl der anderen gröblich verletzt werde, wenn sie fortfahren würde, zu rauchen. , 0 tempora, o mores. B. G. Vermischtes. Ein Abenteuer in der Kuppel von St. Peter. Vor einem halben Jahrhundert erzählten die „Fliegenden Blätter von einem englischen Lord, der auf seinen Reisen allerhand ungewöhnliche Streiche auszuführen pflegte und seine Besteigung der Kuppel von St. Peter in Rom mit einem, reichlichen Frühstück feierte, das er m der kupfernen Kugel, dem höchsten erreichbaren Punkt, einnahm. Zu seinem größten Leidwesen habe er aber durch diesen Lunch so an Umfang zugenommen, daß er den Rückweg durch die enge Röhre, die zu der Kugel führt, nicht mehr antreten konnte und abwarten mußte, bis er sich etwas schlanker gehungert hatte. Se non e vero e ben tvovato, konnten die Römer von dieser Geschichte sagen, denn das ist wenigstens eine unerschütterliche Thatsache, daß sehr dicken Leuten der Zugang zu der Kugel einfach unmöglich ist. Am 14. Okt. hat nun ein fremder Romfahrer in der berühmten kupfernen Kugel ein Abenteuer erlebt, das weniger lustig als das jenes Lords, aber dafür desto wahrer ist. Während er, zusammengedrängt mit drei ihm unbekannten jungen Seilten, durch die Gucklöcher der Kugel die Aussicht betrachtete, spielten die Burschen in liebenswürdigster Weise den Cicerone, sodaß er ihnen beim Wstieg angelegentlichst seinen Tank ausfprach. Wieder auf festem Boden angekommen, machte er aber die betrübende Entdeckung, daß die gefälligen Italiener ihn auf dem luftigen Sitz, 130 Meter über dem Erdboden, um eine Brieftasche mit 1100 Lire erleichtert hatten. Demnach dürfte es auch in der Peters- kirche angebracht sein, wie z. B. im Kölner Dom, Tafeln anzubringen mit der Aufschrift: „Vor Taschendieben wird gewarnt." Unter dem Titel „Das Rezept" erzählt der „Milwaukee-Herold" die folgende hübsche Geschichte: „Ter Bankbeamte war sterblich in einen Doktor verliebt. Der Doktor war weiblichen Geschlechts, hieß Lisbeth Meier, war bildhübsch und wohnte Werner gerade gegenüber. Ta Werner äußerst schüchtern war, so hatte es Lisbeth nur ihrem Berufe zu verdanken, daß aus dem Fräulein Dr. Meier eine Frau Dr. Werner wurde, wie es de facto geschah. Und das kam folgendermaßen. Werner, der zeitlebens ein kerngesunder Mensch war, spürte, nicht lange nachdem er das Fräulein Doktor kennen gelernt hatte, eine heftige innere Unruhe und intensives Herzklopfen. Ta sein Zustand nicht besser werden wollte, machte er, kurz entschlossen, dem Fräulein Tr. Meier einen Patientenbesuch. — Dr. Lisbeth, untersuchte Werner, konnte aber keine beunruhigenden Symptome entdecken. Sie empfahl ihm Ruhe und verschrieb ihm einige unschädliche Mittelchen. Werner besuchte nun Fräulein Lisbeth täglich, und fast täglüch schrieb sie ihm ein neues Rezept, das er getreulich befolgte. Es vergingen einige Wochen. — Werner's Zustand wollte nicht besser werden. Dia sagte ihm eines Tages Fräulein Lisbeth hold errötend, sie verschreibe ihm heute das letzte Rezept; wenn dies ihm auch nicht Hilfe bringe, dann stünde ihre Kunst machtlos da — und sie drückte ihm das Rezept in die Hand. Als sich Werner auf der Straße das Rezept näher betrachtete, da las er groß und deutlich: „Sprechen Sie mit meiner Mama! Tr. Lisbeth Meier." Werner, der das Rezept befolgte, ist wieder kerngesund geworden —' und ein glücklicher Ehemann obendrein." - । Anagramm. Nachdruck verboten. Es sind 7 Wörter zu suchen von der unter a angegebenen Bedeutung. Von jedem Wort ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden von der Bedeutung unter b. Sind die richtigen Wörter gefunden, so bezeichnen die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b im Zusammenhang gelesen eine Kunst. a. b. 1. Land in Asien — Nutzpflanze 2. Befestignngsmittel — Fanggerät 3. Vorname — Klebstoff 4. Gabe des Winters — Bäume 5. Reihe — Märchen gestalt 6. Gedankenausdruck — Planet 7. Bindemittel — Flüßchen im Harz. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Jnfanteriekaserne. ; Redaktion: Cnrt PlatH. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.