Nr. 99, Bit WK>to«jr..aufg. H.NOII. G>g,saän tu n C, te 3 E- UI N ). h tt »I e b tt Ä Samstag den 5. Juli. as Erste sei, daß man der Welt sich freue, '? Sich vor dm andern froh empfinden lerne, * In stiller Nähe wie in bunter Ferne DaS Alte frisch genieße wie das Neue! Doch schass' dir auch ein Herz voll stolzer Treue, Eins in sich selbst und seinem tiefsten Kerne: Der Freie traut durch Wolken seinem Sterne — Das Brandmal aller Sklaven ist die Reue! Otto Erich Hartleben. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) „Traute, liebes Herz, beruhige Dich, für Dich steht die Sache gar nicht schlimm. Du mußt es nicht so tragisch nehmen, das ist alles schon unzählige Mal dagewesen. Aber ich muß fast lachen, daß Du Hilfe von mir erwartest. Ich wollte, es pumpte mir jemand das Doppelte von der Summe, die Dein Vater braucht. Deines Vaters Schulden sind Waisenknaben gegen die meinen. Der einzige Unterschied zwilchen uns ist, daß ich im Hintergrund das Majorat und Tante Camillas Million habe. Daraufhin darf man allerdings sündigen, aber weiter nützt es mir zur Zeit noch nichts. Und ich sage Dir, es giebt Zeiten, wo mir selbst daraufhin kein Wucherer mehr pumpen will. Das bare Geld ist rar in der Welt. Meinem Alten darf ich mit nichts mehr kommen. Er giebt mir keinen Pfennig mehr als die Zulage. Er hat selbst enorme Verluste an bett Revenuen seines Grundbesitzes gehabt. Der Rennstall ist bereits zur Hälfte reduziert, und meine arme Mutter mußte sich ihren Herzenswunsch, eine eigene Yacht zu besitzen, immer noch versagen. Dazu mußte eine meiner Schwestern, die sich nach Ungarn verheiratete, ausgestattet werden. Es ist entsetzlich, wie mich meine Familie, unter den obwaltenden Umständen, zur Heirat mit Lori Trachen- berg drängt, aber die Lori hat immer noch eine Stumpfnase, und ihre großen Füße sind nicht kleiner geworden. Ich denke nicht an Heiraten." Traute schwieg, und starrte vor sich hin. Sie steht nicht mehr den Sonnenschein und den Goldglanz um sich her, der von alten Pfeilern und Spiegeln strahlt, sie steht in ein ödes, dunkles Nichts. Der Mann, den sie liebte, und auf den sie hoffte, kann sie nicht schützen, sein Arm ist zu schwach. Er steht in der blühenden Vollkraft des . Lebens, aber er kann nicht arbeiten, er kann nur genießen, er kann niemand helfen, er kann nur Geld vergeuden. Er will sie jetzt mit Liebkosungen trösten, aber sie ist seltsam tot und leblos. Sie sagt, daß sie mit dem nächsten ZugH weiter nach Brantikow fahren müsse. Auf seine Frage erklärt sie den Grund. Er will nichts davon wissen. Das solle sie ihrem Vater überlassen, er ist empört, daß sie zu dem „Schnapsfabrikanten" mit einer solchen Bitte gehen will. Gr habe sich so daraus gefreut, einige Tage mit ihr zu verleben. Er wollte jetzt gleich Logis für stet in einer ihm bekannten, sehr guten Fannlienpension in der Friedrichstraße nehmen, und dann mit ihr in den Ausstellungspark fahren. Morgen, sobald er vom Dienst: abkommen könne, würde er sie zu einer Spazierfahrt durch den Tiergarten abholen, sie könnten dann irgendwo im Freien Mittag essen, nachmittags zum Konzert in den Zoologischen Garten, und abends in die Oper gehen. Nachher bei Dreisel soupieren. Ach, wie verlockend klang das alles, aber Traute schüttelte traurig den Kops. Gr wurde dringender, stürmischer. Er zog die Widerstrebende mit Gewalt an sein Herz. „Traute — bleib bei mir — bleib! — Süßes Lieb!"> Wie er schmeicheln und flehen konnte! Wie schön er war, der große, prächtige Mann in dieser zärtltchen Liebesglut! Und wenn sie bliebe? Ach, nur einmal glücklich sein, einmal an dem vollen Becher des Glücks schlürfens Nur einmal den quälenden Durst stillen! Aber dann — was dann? Sie hat beide Hände auf seine Schulter gelegt, und sie sieht ihn starren Blickes att. Er liest bett Kampf in ihren Zügen, und verdoppelt sein Flehen. „Nein, nein — ich muß fort! Ich habe keinen Augenblick Ruhe, ehe ich nicht alles versuchte, meinem Vater zu helfen!" stieß sie fast heiser hervor. Er sah entmutigt aus. „Wenn es denn sein mußj, so bleib auf dem Rückiveg ein paar Tage hier", sagte er ruhiger. „Wenn es denn sein muß, daß das Weib, das ich liebe, in Armut und Elend geht — wenn es denn sein muß, daß es sich vor einem anderen Manne demütigt — bantt wollen wir uns wenigstens dabei so gut wie möglich amüsieren", sagt der glänzende, vornehme Mann an ihrer Seite. Traute hatte eine Empfindung, als wäre die Sonne erloschen, als hätte sich das heitere, bunte Bild um sie her in öde Finsternis verwandelt. Und sie steht allein — verloren in Nacht und Grauen. „Ja, es muß sein, und ich kann nichts versprechen, ehe ich nicht den Erfolg weiß", entgegnet sie, ttnb blickt müde ins Leere. Stauffen will sie trösten, uttb aufheitern. Er erzählt wieder lustige Geschichten, und aus allen seinen Erzählungen lacht sein heiteres, üppiges Leben, und schimmert der Glanz 'einer Gesellschaftskreise. Traute weiß plötzlich ganz genau, sie wird nie in diesen Kreisen neben ihm stehen. Die Unterhaltung wird endlich einsilbig, Traute kann nicht sprechen, es ist, als drücke ihr eine eiskalte Hand die Kehle zusammen, und in ihrem Hirn ist eine entsetzliche Leere. — Und dann kam der Abschied. Sie fuhren zusammen zum Bahnhof. Wortlos saß Traute neben Catnill, während er mit guten Ratschlägen und Ermutigungen aus sie einsprach. Sie solle das Schicksal nicht so tragisch nehmen, da sei er oft schon in schlimmeren Situationen gewesen. Es käme gewöhnlich nicht so arg, wie man dächte, und wenn der Spießer, der Lehmigke, die Zähne zeigte, solle sie ihm sofort den Rücken kehren, und ihm telegraphieren, wann er sie wieder an der Bahn erwarten könne. Dann wollten sie das weitere überlegen. Vielleicht könne sie fürs erste ganz in Berlin bleiben, unter dem Vorwand, eine Stellung zu suchen, er habe einen Plan, einen ganz famosen Plan, ititb werde ihr das weitere dann mittetlen. Und Traute hat das Gefühl, als führe sie zu ihrem eigenen Begräbnis, als wäre sie bereits von Camill getrennt, wie der Sargdeckel den Toten von den Lebenden trennt. Und wie sie von dem Wagenfenster des Eisenbahnzuges aus einen letzten Blick auf ihn wirft, wie er in dem goldenen Sonnennebel, der in die Halle flutet, langsam ihren Augen entschwindet, da weiß sie, daß sie ihn verloren hat. Achtzehntes Kapitel. Zu Fuß wandert Traute von der letzten Bahnstation Scherenberg ihrem Heimatsdvrfe zu. Sie vermeidet die Landstraße, und schlügt den Fußpfad über die Felder und Wiesen ein, den sie genau kennt. Hier kann sie höchstens einigen Arbeitern oder Kindern begegnen, und sie möchte heute keinem von alten Freunden und Standesgenossen ins Gesicht sehen. Das Wiedersehen der alten Heimat ist zu bitter schwer! Schnellen, festen Trittes geht sie ihren Weg. Sie trägt den Kopf hoch, und beißt die Zähne zusammen, sie bleibt nicht stehen, sie sieht sich nicht um, sie sieht nur gerade vor sich hin, auf ihr Ziel. Sie bemüht sich, nichts zu denken, nichts zu fühlen, sie will keine Erinnerung auf- kommen lassen. Sie hätte am liebsten die Augen fest zugemacht, wenn sie ihren Weg blind gefunden hätte. Wenn sie nur heute gerade nicht die alte Heimat wiederzusehen brauchte! So bettelarm, so schiffbrüchig, so totwund ist ihr das Herz in der Brust. Wenn sie nur diese Felder, diese Wege und Bäume nicht zu sehen brauchte, diese lieben, alten Bekannten und Freunde jener glücklichen Zeiten, als sie noch ein fröhliches, unwissendes Kind war, als sie noch nichts von der Not und Angst des Lebens wußte! Wenn sie nur heute diese Lust nicht zu atmen brauchte, die sie so heimatlich und vertraut umweht, die so frisch und würdig aus den reifenden Feldern und feuchten Wiesen «mporstergt. Ach, sie kennt ihn so gut, diesen weichen, warmen Sommerwind, der aus den Fichtenwäldern über das Torfmoor streicht, sie kennt diese träumerisch dämmernden Sommerabende so gut, an denen es sich so herrlich unter den alten Kastanien im Brantikower Park spielen ließ, wenn man sich in der heißen Tagessonne müde gelaufen hatte, um Kornblumen in den Feldern und Kalmus und Vergißmeinnicht in den Mesen zwischen den Torf- tzräben zu suchen, um den Kuckuck im Walde zu fragen; »Kuckuck, wie lange lebe ich?" und betr alten Schäfer dort bei dem Ziehbrunnen auf der Trift zu besuchen, der so schön Flöten und Pfeifen aus Weidenzweigen schneiden konnte, und immer das Wetter für den nächsten Tag voraus wußte. Sie kennt es noch so gut, das wonnige Heimats- gesühl, wenn man müde und staubig, mit Schätzen beladen, mit wilden, Blumen, Steinen, Schnecken, Beeren, Und anderem Spielzeug daherkam, die Dorfstraße herunter, und überall grüßten und nickten freundliche, wohlwollende Gesichter aus den Hütten und Häusern. „Herr- schasts Ander kommen!^ dieser Rus lockte die lärmende Schar der Dorstugend von ihrem Spielplatz herbei, und Manche Bauersfrau, manch einen Mann von ihrer Arbeit weg, um die schwielige Hand zum Gruß zu bieten oder eine frisch erblühte Blume, eine reife Frucht aus den kleinen Kohlgärten mit den hohen Lattenzäunen und den großen, gelben Sonnenblumen, die über sie weg guckten. Ueberall Liebe und Ehrerbietung, überall gehegt, ge- »orgen und getragen von dem schützenden Heimatsgefühl I Ach, die alte Dorfstraße mst ihren Linden und Rüstern, mit dem großen Ententeich, und dem Backofen ! Und das Vaterhaus! Das alte, lieble Haus! Wie traulich grüßte das Lampenlicht aus seinen Fenstern, wenn man so mühe und hungrig tzeimkehrtet Wenn sie eß nnv heute, nur Made Heute nicht wiederzusehen brauchte! Traute hatte jetzt eine mit Birken, Fichten und Akazien bewaldete Anhöhe erreicht, und vor ihr im letzten Abendsonneuschein liegt ihr Heimatdorf, sind die Dächer, die Baumwipfel, die Storchnester auf den Scheunen, das ist alles noch wie damals, und doch gewahrt sie auf den ersten Blick manch große Veränderung., Nach dem Torf und Gutshof führen breite, chauffierte Straßen, wo es stüher Landwege mit tiefen Gleisen und Pfützenlöchern gab, am Eingang des Parkes ist ein prächtiges, gußeisernes Thor an Stelle des alten hölzernen, während ein stattliches Eisengitter Gehöft und Garten abschließt. Fabrikschornsteine ragen aus dem Hof empor, und dort in der Niederung, bei der Lehmgrube, die zu ihres Vaters Zeiten nur ein Schmutztümpel war, ist ein ganzer Komplex von Gebäuden und Fabriken entstanden, von denen ein Schienenstrang bis zur Chaussee führt. Fremdartig wehte es Traute an. Sie fühlt auf den ersten Blick des Wiedersehens die große Veränderung heraus, die hier vor sich gegangen ist. Das ist nicht mehr die alte Heimat, eingesponnen in weltentlegenen Frieden, ein Nest für fromme Träume, goldene Illusionen und Märchen- ideale, nein, ein ftemder Geist hat hier die Herrschaft ergriffen, er hat den ganzen Zaubertraum ihrer Jugend wie alten Plunder ausgekehrt, und neue Götter auf die umgestürzten Throne gesetzt. Er hat jede Spur von dem Leben und Wirken ihrer Familie ausgelöscht, und vernichtet, und allem den eigenen machtvollen Stempel auf- gedrückt. Wie überall auf Erden Wahrheit über Täuschung sich in die höchsten, idealsten Lebensformen kleidet. Schweren, müden Schrittes geht Traute weiter. Sie versucht auf Uniwegen den Park zu erreichen, dort will sie sich auf einen der entlegensten Plätzchen verbergen, bis es dunkler wird, damit sie unerkannt durch das Torf bis zu Graumanns gelangen kann. Im einsamsten Teil des Parks, tief im Gebüsch sucht sie eine Bank und findet sie. Es ist zwar nicht mehr die alte, halb verfallene Birkenbank von damals, sondern selbst bis in diesen Winkel sind Intelligenz und Ordnungsliebe gedrungen. Selbst hier ist alles sauber und aufgeräumt, das wuchernde Gebüsch mit der Schere des Gärtners beschnitten, die Wege tadellos geharkt, und von Unkraut befreit, und unter dem alten Vogelbeerbaum steht eine moderne, elegante Gartenbau!. Aber das Plätzchen ist noch ebenso still und einsam wie früher. Ringsumher verschließt dichtes Gebüsch jeden Blick über die nächste Umgebung hin- aus, und Traute will heute nichts mehr sehen, sie stützt den Kopf in beide Hände, und hält die Augen zu. Ihre Seelenangst steigt. Es ist ein Gedanke, ein ent- etzlicher Gedanke, der sich ihr aufdrängt, und gegen den ie ftch in Verzweiflung wehrt. Der'Gedanke, daß ihr ganzes Leben aus Sand gebaut war, der ihr jetzt unter >en Füßen verrinnt, und sie in einen bodenlosen Abgrund kürzen läßt. Auf den Flugsand der Täuschung und Jllu- ion. Und das Leben jenes Mannes, den sie so gering ge- chätzt hat, ist auf Granit gebaut. Aus den granitenen Untergrund realer, wahrer Begriffe und solider Arbeitskraft. Es schadet nicht, daß diese Basis in den Staub und Schmutz der Werkeltagsmühe hineingerammt ist — auf ihr lassen sich Paläste mit den stolzesten Zinnen erbauen — und schon sieht Man hier die festen, unerschütterlichen Mauern sich türmen. Aber selbst die idealsten, herrlichsten Gebilde, die über allen Staub und Schmutz erhabenen Gebäude, die der Menschengeist ersinnen mag, müssen elendiglich als Luftschlösser zusammenstürzen, sobald dieser Untergrund ihnen fehlt. Traute drückte die Hände fester aus die Augen, aber ihr ist, als hörte sie das Donnern und Krachen der zusammenbrechenden Mauern und schützenden Dächer ihrer Existenz, deren Schutt und Trümmer ihr erstickend auf die Seele fallen, und sie lebendig begraben. Ter Glaube an den Wert allen Strebens, aller Ziele ihres Lebens! bricht, der Glaube, das Rechte gethan und gewollt zu hüben, der Glaube an die Erzieher und Leiter ihrer Jugend, und an deren Urteilskraft und Fähigkeit. Der Glaube an ihre Eltern bricht, und der Glaube an ihre Liebe zu dem Manne ihrer Herzenswahl. Der Glaube am die ganze Richtschnur ihres Lebens. W ist ein entsetzlicher Zusammensturz, und um sie her em Trümmerhaufe und wüsteH ChaM Ihr Leben war müßige Spielerei mit schönen Ge- Wken, Und nie zu realisierenden, stets unwahrer» Dräu- — 895 — .Sie li ab- mereien, es war Selbstüberschätzung und Hochmut ohne jede Berechtigung. Ohne Ernst, ohne Tüchtigkeit, ohne Arbeit. Ihrer Wern Unglück und ihr eigenes ist selbst verschuldet. (Fortsetzung folgt.) Aus Berliner Künstler-Ateliers. Bon Albert Benda. . Nachdruck verboten. Bei Ludwig Passini. (Zum 70. Geburtstag des Meisters. 9. 7.) UR. In der Behrenstraße Nr. 48, unfern der Friedriche straße und Passage, ragt ein palaisartiges Gebäude empor, in dem sich das alte und bekannte Bankhaus von Robert Warschauer & Co. befindet. Kaufmann und Künstler gehen in diesem Hause zusammen, denn zwei Treppen hoch wohnt Professor Ludwig Passini, der gefeierte Aquarellmaler, der tim 9. Juli seinen 70. Geburtstag feiert. Es war im Fahre 1864, als der Künstler, der damals schon ein berühmter Meister war, eine Tochter des Bankiers Warschauer heim- führte. Er, der Oesterreicher, der als Sohn eines Kupferstechers in Wien geboren, in Triest erzogen und in Rom und Venedig heimisch war, ist allgemach ein guter Berliner geworden, der sich- hier außerordentlich wohl fühlt und nur zeitweise zum Wanderstab greift, um in der Stadt der Lagunen die für seine Kunst notwendigen Studien zu machen. Daß man ihn auch in Berlin als Einheimischen betrachtet, geht am besten aus der Wahl zum Senatsmitgliede hervor, mit welcher ihn die Kgl. Akademie beehrt hat. Sind alle diese Bande schon genügend, um den Meister mit der deutschen Hauptstadt fest zu verknüpfen, so tritt als weiteres hinzu, daß er hier seine Tochter an einen höheren Ministe- sternalbeamten, Herrn Geh. Reg.-Rat Dr. Herrmann, verheiratet hat und zum Großvater geworden ist, Ludwig Passini ist eine durchaus schlichte Natur, der eine vornehme Zurückhaltung Bedürfnis ist. In seiner ganzen Erscheinung und in seinem ganzen Leben kommt jener seine Zug echter Humanität zum Ausdruck, der die Menschen nicht nach Rang und Stand, sondern nach« ihrer Gesinnung und nach dem Maße ihrer Arbeitsfreudigkeit beurteilt Nach Zurücklegen der breiten Marmorstiege zum zweiten Stockwerk und Aushändigung meiner Karte an den Diener stehe ich innerhalb weniger Sekunden vor dem Meister, einer schlanken, eleganten Gestalt mit sympathischen, geistvollen Zügen, verschönt durch ein freundliches Lächeln. Daß er ein Siebziger ist, sieht man ihm nicht an, denn weder ist das Haar schneeweiß, noch die Haltung gebeugt. Auch beim Reden und bei den Gesten äußert sich eine Beweglichkeit, ein Feuer, ein Temperament, als habe das Mer über diesen Mann keine Macht gehabt. Er spricht von den Beschwernissen der Jahre, von einer starken Erkältung, die er sich bei der vor einigen Tagen von Venedig erfolgten Rückkehr zugezogen habe, von Altwerden und von Rheuma, sodaß ich ihm die tiefste Teilnahme hätte bezeugen müssen, wenn nicht der Ton seiner Stimme gar so munter und lebensfreudig gewesen wäre. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu lachen, zumal der Humor beim Meister schon längst gesiegt hat, und! sich m witzigen Schilderungen einiger Erlebnisse entladet. Wir frommen natürlich später auf die Kunst und insbesondere! tiuf Klingers „Beethoven" zu reden. Das giebt Anlaß, auch her Polychromie in der Plastik, der Rekonstruktionen von Nuatremere de Quincy und von Hittors zu gedenken. Und dann lenke ich das Gespräch auf des Meisters eigene Arbeiten, mit der Absicht, etwas von dem zu sehen und zu hören, das ihn augenblicklich beschäftigt. Gr versteht mich mrd erhebt sich: „Kommen Sie — ich werde Ihnen zeigen!" Wir durchschreiten den Speisesaal und gelangen in einen Salon, in dem über dem Sopha ein großes Bild leuch- tend in kraftvoller Farbenpracht unter Glas und Rahmen h"pöi — ein Bild, das mit fesselnder Macht die Augen auf sich zieht und nicht losläßt, ein Meisterwerk, gegen welches title anderen Gemälde dieses Salons zurücktreten. „Das it meine letzte Arbeit", höre ich den Künstler sagen, „Sie 11 .sucht ganz fertig — ich muß noch mehr hineinlegen!"i JJnb nach einer Weile kommt es mit leisem, elegischem An- j^ge^über ferne Lippen: „Mit dieser Arbeit weroe iu, ... schließen — eine andere wird wohl nicht mehr erstehen!"! Ich wende mich ihm zu und schaue wieder in {ein klares. lebendiges Auge — die Sorge weicht, und ich denke an Tizian, der fast als Hundertjähriger noch! den Pinsel ge- führt hat. Das Bild, ein Aquarell von fast zwei Quadratmeter Fläche, stellt das Urteil des Paris dar. Aehnliche Sujets hat Passini bisher nicht behandelt, denn die Architektur, das Interieur mit Portraitgestalten und das Genrebild aus dem italienischen Volksleben sind die vornehmsten Stoffgebiete für seine zahlreichen Werke gewesen. Aber es kommt schließlich nicht auf den Stoff, sondern auf die Qualität der Darstellung an, und es mag den Meister nach allen Erfolgen, die er im Laufe von Jahrzehnten errungen hat, gerade die Wahl eines Stoffes gereizt haben, dem öin Beigeschmack des Akademisch-Historischen anhaftet, und den vollkommen zu besiegen nur einem Künstler von Gottes Gnaden gelingen kann. Glücklicher Paris, beneidenswerter Jüngling, daß dir so viele unverhüllte Schönheit zu schauen erlaubt ist! In den drei Göttinnen, von denen die eine ihr brennend rotes, florartiges Gewand noch in der Hand hält, offenbart sich in Wahrheit der beseligende Zauber des Olymp — es sind Gestellten, in denen Geist und Materie einen harmonischen Bund geschlossen haben, lebendurchglühte, warme, schönheitsverklärte Körper, deren Carnation im heißen Lichte des Soimnertages mit dem Grün des Laubes und der ganzen Landschaft zur berückendsten koloristischen Mnheit verschmilzt. Uno dem Meister genügt diese Wirkung noch nicht — er will noch mehr hineinlegen! Glück zu — ich glaube, es wird eine Schöpfung, in der ein großer Künstler die Summe feines Könnens konzentriert, um den klassischen Stoff auch in wirklich klassischer Vollendung darzubieten. Aus dem Entree der Wohnung führt eine schmale Treppe zur Arbeitsstätte des Künstlers hinauf. Von irgend welchem bornbastischen, sogenanntem „malerischen" Aufputz keine Spur! Das Atelier ist ein großer, lichtdurchströmter Raum, in dem peinliche Ordnung herrscht. Mappen lehnen an den Wänden, in der Mitte steht ein großer Tisch an dem der Meister aquarelliert, hinten hängt ein Vorhang für das Modell, sonst noch einige Sessel nebst Divan und Tischen, das ist die ganze Einrichtung. Wir blättern in den Mappen, um einige Photographien zu suchen. Bei dieser Gelegenheit habe ich Gelegenheit, Aktstudien des Künstlers zu sehen. Sie sind mit einer Sorgfalt ausgeführt, mit einer Beachtung jeglicher Form und Beleuchtungsfeinheit, als ob es sich um fertige Gemälde handle. Und nun erst die Aquarellakte zu den drei Göttinnen im „Urteil des Paris". Sie sind das Vollkommenste, was ich je an künstlerischer Vorarbeit gesehen habe. „Natürlich Modelle aus Italien", betont Passini, „denn bei uns in Deutschland sind sie in dieser Art nicht zu haben!" Und nun erzählt er, die Akte seien im Freien gemalt, und das eine Modell, eine Venezianerin, sei gewissermaßen die Krone weiblicher Schönheit gewesen — ein Modell, wie es ihm n solcher körperlicher Vollendung bisher nicht vorgekommen ei. Aber mit den Launen und Abenteuern solcher Modelle st nicht zu rechnen — nach einigen Sitzungen blieb diese chöne Donna aus, und ihr Verbleib war nicht mehr sest- zustellen. Andere Modelle traten an Stelle der Verschwundenen, ohne jedoch diese völlig ersetzen zu können. „Und so hat man", schloß der Künstler, „mit solchen Frauenzimmern nur seinen Aerger!" Wir plaudern noch über Scharlows „Polyktet", den er nächst der Natur für einen der sichersten Führer bei der Konstruktionen schöner Körperverhältnisse hält, und von manchen anderen künstlerischen Dingen. Als ich mich endlich empfehle, geschieht es mit dem Wunsche im Herzen, daß der Meister in dem friedlichen, lichtfreudigen Raume noch viele Jahre in ungebeugter Kraft zum Ruhme der deutschen Kunst den Pinsel führen möge. — Bei Adolf von Menzel. Mcellenz wohnten schon in dem schönen Hause „Sigis- mundstraße Nr. 3", als er noch nicht zur höchsten Rang- klasse der preußischen Räte befördert und zum Ritter des hohen Ordens vom Schwarzen Adler durch die Gnade seines Königs und Herrn ernannt war. Damals wurde er schlecht- „Herr Professor" angeredet, aber genau mit derselben Ehrerbietung, wie jetzt. Am 8. Dezember wird Wolf von Menzel 87 Jahre alt. Andere sitzen schon mit siebzig Jahren wie der redliche Dom zur Seite des wärmenbL» Ofens behaglich, int weichgepolsterten Lehnstuhle. Nichts davon bei ihm, dem 896 Auflösung des Magischen Quadrats in vor, Nr, Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. D 0 8 E E 8 R A ß E L L E A R Verherrlichet! der Friedericiainschen Armee und des" großen Königs. Es ist, als ob chm durch die Beschäftigung mit diesen tapferen Helden etwas von ihrer Kraft imd Zährgkeit, ihrer Bravour und eisernen Pflichttreue suggeriert worden sei. Die drei Treppen z>u ihrer Wohnung steigen Excellenz wohlgeniut hinan, und auch die vier zu ihrem Atelier, und gouachtert tvird ebenfalls noch, denn die Augen sind noch scharf und die Hände fest, und irn Sommer geht's nach Kissingen, wo der Kurplatz nach allen Richtungen flink durchmessen, den Klängen der Kurkapelle gelauscht und manche interessante Erscheinung an der Halle des Rakoczy gemustert wird. „Ach, dieser Menzel!" rufen die Damen. „Solch eine Rüstigkeit!" Und in dieser schlichten Bezeichnung „Menzel" giebt sich das höchste zu erkennen, was ein Mensch! und Künstler erreichen kann: die Volkstümlichkeit. Nun habe ich an der Thür des Ateliers geklingelt, aber es wird nicht aufgemacht. Ei, der Tausend, denke ich, du bist doch mittelst eines Briefes mit hünenhaften Schriftzügen zu Sonntag, elf Uhr morgens, bestellt worden. Sollte er das vergessen haben? Und wie ich eben überlege, was zu thun sei, öffnet sich unten im dritten Stock die Korridor- thür, und jemand kommt tapp, tapp, tapp und energische die Treppe hinauf — voila Menzel! Ja, Menzel im schlichten Hausrock und mit einer derart wohlwollenden Miene, daß ich an dieser Stelle alle, welche von der ewig auf diesem Antlitz ruhenden Finsternis reden, Lügen strafen muß. Die Thür wird nach kurzer Begrüßung vom Meister aufgeschlossen, und ein langer, schmaler, halbfinstrer Korridor öffnet sich. Ich kenne die Lokalität schon von früher her und weiß, daß links am Korridor das Empfangszimmer liegt. Wer dieses Mal geht es geradeaus, bis ans Ende des Korridors, über einige Stufen direkt ins Atelier. Nun kommt etwas Großes--Gobelins, breitfaltige Brokatstoffe, Ritterrüstungen, Rokokopracht, Humpen in Silber, Zinn und Majolika, gesammelte Kostbarkeiten aus allen Zeiten und von allen Völkern, Kunstwerke in Hülle und Aülle, denn man ist ja int Atelier eines Malers, und gar emes Menzel! I Gott bewahre, verehrte Leserin, so was giebt es nicht im Atelier Seiner Excellenz! Wenn Sie hereintreten würden, dürfte sich allerdings Staunen auf Ihrem Antlitz verbreiten, aber nicht wegen des entfalteten Luxus, sondern wegen der überraschenden Einfachheit des Raumes. Sie nehmen zunächst in der Nähe der Thür einen simplen eisernen Ofen und dicht dabei einen eisernen Ofenschirm wahr, und hinten an der einen Querwand ein schlichtes Sofa und einen altmodischen Schreibsekretär, an der anderen Querwand einen Schrank, auf dem die Begas'sche Menzelbüste steht, und verschiedenes anderes Gerät, endlich an der langen Fensterwand einige Arbeitstische und auch eine kleine Staffelei, lieber der gesamten Einrichtung schwebt ein Hauch des Altfränkischen und Patinierten — man merkt eben, daß dieses Atelier schon länger als ein Menschenalter bestanden hat. An Bildern ist nur wenig zu sehen. Oberhalb der Thür, die zu einent Nebengemach führt, hängt ein Portrait, an anderer Stelle eine große Leinwand mit grau iu grau gernalten physkognomeschen und fegrrralm Studien, mtb das große, unvollendet gebliebene Gemälde: „Anrede Friedrichs des Großen an seine Generäle vor Begiitn der Schlacht bei Leuthen". Die Versammlung, die sich um den König gruppiert hat, ist fast fertig gemalt, aber er selbst ist nur flüchtig in der Silhuette angedeutet. Schon viele Jahrzehnte ist das Bild in diesem Zustande geblieben, und an seine Vollendung ist wohl nicht mehr zu denken. Die tiefste Stille herrscht in dem Atelier, fein Lärm der Straße dringt hinauf, und wenn der Blick durch die Fenster fällt, nimmt er stille Gärten wahr. An jenem Sonntagmorgen — es sind schon einige Jahre her — hatte ich den seltenen Vorzug, einige Stunden bei dem Meister weilen zu dürfen. Wer ihn reden hört, wird sich dauernd des Gesprochenen erinnern. Feiner Sarkasmus, Humor, echte Lebensklugheit und philosophischer Gleichmut komnten herzerfrischend und fesselnd zum Ausdruck. Und bei alledem eine solche Gerechtigkeit in der Beurteilung der Leistungen anderer Künstler, daß man den Meister lieb gewinnen inuß. Ich zeige ihm einige Photographieen nach Bildern unseres leider viel zu früh dahingegangenen Carl Gehrts. Aufmerksam und lange schaut er die Reproduktionen an, und dann meint er bedächtig: „Ja, der kann was!" Das Gespräch wendet sich dem Faksimile- und dem Tonholzschnitt zu. Die Leistungen des modernen Tonholzschnitts flößten Hin Bewunderung! ein, und er bereut es nrcht, bei seinen Illustrationen zu Kleist's „Zerbrochenem Krug" aus Mangel an Zeit den Tonholzschnitt zugelassen zu haben. Eingehend setzt er mir dann die Bedeutung einiger allegorischen Frauengestalten in seinen Werken auseinander — er nennt die Grazien! kurzweg „Weiber". Und wie -eS' so kommt, rede ich auch von der Familie Menzel, und von dm verschiedenen Gelehrten und Historikern, die denselben Namen geführt haben. „Sind alle nicht mit mir verwandt", giebt er zurück. Wir unterhalten uns noch über manche andere Dinge, bis endlich die Zeit zum Aufbruch gekommen ist. Der Meister bleibt in feinem stillen, schier weltverlassenen- Atelier zurück, während ich in die Tiefe hinabsteige zum Berliner Leben. In der Potsdamer Straße sehe ich im Schaukasten eines Photographen ein Menzel-Portrait. Finster und durchbohrend schaut mich: der Kopf an, als ob ihm zu nahen Gefahr bringe. Nun, es ist tricht so, schlimm — ich weiß es besser. Unwillkürlich fallen mir beim Anblick des mächtigen Schädels Lessings Worte ein: „Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß, ist, was er ist, durch sich; wird ohne Regeln groß."' Vermischtes. Eine englische Menschenfreundin. Eine reiche uitd vornehme englische Frau, die Landhaus und Garten in Groß- London besitzt — so erzählt eine Frau in dem soeben bei Karl Haushalter in München erschienenen Buche „Einiges über das vornehme England", — hält jeden Samstag ein offenes Haus für eine bestimmte Anzahl von den Allerärmsten, Erwachsenen und Kindern, aus dem östlichen Teile von London. Zwanzig bis dreißig Personen sind es gewöhnlich Bei ihrer Ankunft au der Eisenbahn warten der Gäste bequeme Wagen, die sie nach dem gräflichen Landsitz' bringen. Hier angelangt, werden sie von der Gräfin empfangen und nach einem kleinen Imbiß in Park und Garten geführt. Die Kinder des Hauses dürfen sich ungezwungen unter die Gesellschaft mischen, mit ihren Altersgenossen Sielen, ihnen die Kaninchen usw. zeigen und sie in jeder eziehung wie ihre Gäste behandeln. Den Glanzpunkt des Tages bildet natürlich das Mittagessen, das aus reichlichen Mengen von Roastbeef, frischem Gemüse — für die Armen ein seltener Genuß — Pudding nnd Obst besteht. Diese Mahlzeit ist für die meisten ein wirkliches Ereignis) wird! do,ch dasselbe Eßgeschirr, sowie dasselbe Silberzeug benutzt, das auch auf die gräfliche Tafel kommt. Bis auf die verbotene Schüssel wäre es das Märchen von Hans und Gret« in ^englischer Auflage! Nach Tisch bleiben die Gäste sich selbst überlassen, Garten nnd Park stehen ihnen zur Verfügung, nnd alle können machen was sie wollen. „Wer", erzählte die Lady, „auch nicht eine Blume wird abgerissen, oder eine Beere angerührt, obgleich kein Verbot die Geladenen daran hindern würde." Die Theestunde vereinigt: wiederum alle int Eßsaal. Aber es giebt Thee im weiteren Sinne: denn außer ganzen Stapeln von Brot und Butter giebt es Backwerk, Kuchen nnd eingemachte Früchte. Mit dieser tüchtigen Speisung schließt der Tag, die Wagen fahren wieder vor und bringen die bunte Gesellschaft — zitterig« Greise, junge Leute und Kinder — nach der Eisenbahn, und selten haben die Wagen glücklichere Menschen befördert. Bilderrätsel.