Nr. 51. Samstag den 5. April. te' 18 Wi . «/////, Fühle, greife, halte sie! 8. Jacobowski. eg' Dein Trauern fest in Zügel, Schau empor in's frohe Licht; Denn des Frühlings gold'ncr Flügel Streift gefenkte Scheitel nicht! Sanftes Glüh'n aus junger Sonne, Warmes Duften in der Früh, . , . Wo Du schaust, ist Segen, Wonne! (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. Im Dienste der Idee hatte der alte Redakteur Räbe seine Runzeln bekommen. Eine lange, einförmige Arbeit mit Feder und Schere, ein ewiger Kampf mit einer Maschine, die alle Augenblicke stockte, Unannehmlichkeiten mit Setzern, nachlässigen Korrekturlesern und dann noch neben alledem diese lästigen Ratschläge wohlmeinender Freunde und die Angriffe gallig erbitterter Gegner, die seine Politik nicht verstehen wollten, oder zu schwachsinnig waren, sie verstehen zu können, — ein ewiges Leben unter einem Hagelschauer von Sticheleien und Spitzfindigkeiten, — das alles hatte die Furchen geschaffen und ihn gegen die Welt erbittert! Auch in seinem Heim war er nicht glücklich gewesen. Nachdem er ungefähr zehn Jahre lang ein kaltes, trauriges Mitwerleben geführt, hatte er sich mit seiner Wirtschafterin, einem stillen, pflichttreuen Mädchen, verheiratet, das ihm während all dieser Jahre treu gedient hatte. Ihr Zusammenleben war aber freudenlos gewesen, nur aufrecht erhalten durch die Pfeiler der Pflicht und der Gewohnheit. Ans seiner ersten Ehe hatte er einen Sohn, der nach einem langen, unsteten Umherflackern in verschiedenen Lebensbernfen in Valby,- einer kleinen Vorstadt von Kopenhagen, als Polizist in den Hafen gelaufen war. Seine jetzige Frau hatte ihm eine kleine Tochter, Helene, geschenkt, die mehrere Jahre von Hause gewesen, jetzt aber heimgekehrt war, um ihrer kränklichen Mutter in der Wirtschaft behilflich zu sein. Der Redakteur erhob sich von seinem knarrenden Drehsessel, ging in die int Erdgeschoß gelegene Wohnung hinüber Und warf seiner Tochter einen Brief hin. „Ach, von Thomas!" rie«- sie überrascht ans. „Dummheiten!" murmelte der Alte und blickte flüchtig Mit seinen geröteten Augen nach dem Briefe hin. „Ach, er kommt hierher! Und zwar schon heute, jetzt gleich muß er hier sein!" Der Redakteur erwiderte nichts, nahm nur ein Buchs vom Bort und entfernte sich wieder. Das junge Mädchen stand eine Weile regungslos da, schaute auf ihren Ring hinab und fühlte ein schmerzliches Zucken des Herzens. Sie setzte sich und lehnte den Kopf gegen die Wand. Ihre Gedanken durchflogen die Erlebnisse der letzten Jahre und gingen allmählich weiter und weiter zurück bis zu den flachen Umrissen ihrer frühesten Jugend, an die sie jetzt, wo sie wieder zu dem alten, stillen, grabt linigen Leben heimgekehrt war, so lebhaft erinnert wurde. Es lag so wenig Sonnenschein über dieser einförmigen Landschaft, und doch empfand sie oft ein gewisses, mit Wehmut vermischtes Glück, wenn sie diese alten, lieben Tage wieder durchlebte. Wunderbar! — Das Leben, in dem wir mitten drinnen stehen, erscheint uns oft kahl und inhalts-i los, in dein Abstand der Jahre gesehen, zeigt es sich durch-, woben von den feinen Goldadern der Poesie. Sie erinnerte sich noch, wie zurückhaltend sie als Kind gewesen war. Niemals hatte sie es gewagt, mit dem Vater zu sprechen, ohne sich vorher überzeugt zu haben, daß dis große Falte zwischen den Augen so weit ausgeglättet war, daß ein klein wenig Licht hineinfallen konnte. Auch der Rute hinter dem Spiegel im Schlafzimmer gedachte sie; sie wurde nicht oft benutzt, aber sie konnte grausam brennende Striemen schlagen, wenn der Vater sie mit seinen langen Fingern umschloß und durch die Luft sausen ließ. Die Mutter war gut gegen sie gewesen; aber sie war so still und küßte so eigentümlich hart. „Du mußt Dich in Geduld üben, mein Kind", sagte sie oft, und strich ihr mit der Hand übers Haar, während aus der Tiefe einer; unglücklichen kleinen Welt in ihr ein Seufzer entstieg. Der Vater war fast den ganzen Tag drüben im Hinter-, Hans, in der Druckerei. Jeden Mittag, wenn das Essen fertig war, trippelte sie in ihren roten Strümpfen und, kleinen blanken Stiefeln, glatt gekämmt und zierlich gekleidet, über den Hof, klopfte vorsichtig an die Kontorthür/ öffnete sie und meldete: „Angerichtet!" Immer dasselbe Wort, weder mehr noch weniger, so wollte der Vater es; haben. Wenn alle um den Tisch saßen, faltete der Vater die Hände, schloß die Augen und sprach das Tischgebet. Der kleine, dicke Faktor streckte immer die gefalteten Hände ganz weit von sich auf den Tisch, damit ihr Vater sehen könne, wie fromm er wäre, sie konnte es nie lassen, nach feinem- einen Zeigefinger hinüberzuschielen, der steif war und immer in der Richtung nach der Suppenschüssel zeigte. Wenn dann das Gebet beendet war, richteten sich all? auf und griffen nach den Löffeln. Der Faktor nahm den seinen stets mit einem Seufzer in die Hand, aber es war — 202 — beinahe unheimlich zu sehen, wieviel er von den guten Gaben Gottes zu sich nahm. Der Vater aß nie recht viel, die Mutter noch weniger, kein Wort wurde während der Mahlzeit gewechselt. Jeden Mittwoch und Samstag ging der Vater in den Klub, an den anderen Abenden war er zu Hause, las in den großen Büchern und schrieb. Zuweilen konnte er wohl mit ihr über die Puppen scherzen oder sie erschrecken, indem er sie plötzlich in die Seite kniff. Dann wurde ihr ganz heiß um die Ohren vor Freude. Gewöhnlich aber hatte er irgend etwas an ihrem Benehmen auszusetzen, und dann pflegte sich die große Falte zu zeigen. Dies und das dürfte die kleine Lene nicht sagen, dies und das müßte die kleine Lene niemals thun. Wenn sie löge, würde sie ganz schwarz im Magen, wenn sie zu viel Süßigkeiten äße, bekäme sie Würmer, die sich so schrecklich vermehrten, daß sie ihr schließlich aus Nase und Mund herauskröchen. Früh und spät wurde ihr vorgehalten, sie müsse Vater und Mutter gehorsam fein, ihr Zeug ordentlich halten, gerade gehen, die Füße auswärts setzen, hübsch die Hand geben und „gesegnete Mahlzeit' sagen, wenn sie gegessen hatte, höflich gegen Fremde sein, denr Pfarrer einen Knix machen, ehrlich gegen alle Menschen sein usw. Eines Tages, als sie einen Groschen zu viel vom Bäcker herausbekommen hatte, schickte sie der Vater gleich wieder hinüber, obwohl sie am Wend doch noch einmal dahin mußte. Von dem Dienstmädchen und den welterfahrenen Spielgefährten wurde sie in die strengen Gesetze eingeweiht, welche die menschliche Gesellschaft zusammenhalten. Die Köpfe schüttelnd und mit feierlichen Mienen standen sie da und erzählten ihr, daß, wenn jemand es wagte, einen fremden Brief zu öffnen, ihm die Hand abgeschlagen würde, und wenn jemals ein Haar zwischen die Speisen des Königs käme, so könnte der Koch nur gleich sein Haupt auf den Block legen, und was dergleichen mehr war. Alle guten und pflichttreuen Menschen aber — das wußte sie sehr Wohl — die erhielten ihren Lohn von Gott und von dem König und gingen zur ewigen Seligkeit in bas himmlische Reich ein. In frühem Alter wurde sie in Mamsell Karlsens Schule geschickt, die sie bis zu ihrem zehnten Jahre besuchte. Sie konnte noch die ganze Schar sehen, die mit geraden Rücken und gefalteten Händen den großen Tisch umstand und dem Morgengebet lauschte — ein lieblicher Kreis kleiner stiller Mädchen mit glattgekämmten Köpfen. Mamsell Karlsen war gut und freundlich, sie hatten sie glle lieb, aber sie konnte schrecklich strenge sein, und sie hatte die schlimme Angewohnheit, sie zu züchtigen, wenn sie ihren Katechismus nicht gut genug wußten. „Das hast Du Dir Nicht genügend angeeignet, mein liebes Kind", sagte sie, indem sie ihren dünnen Zeigefinger fest mit den Stirnhaaren umwickelte und ihre Opfer schüttelte. Das that ftrrchtbar weh, denn sie zog immer nach oben. Später übernahm der Hilfsprediger, Herr Tomsen, den Religionsunterricht. Gr war ein ungewöhnlich großer, hagerer Mann mit scharf- geschliffenen Brillengläsern, sehr ernst und erschrecklich gottesfürchtig; er verlangte, daß sie nickt allein die fünf Hauptstücke lernen sollten, sondern auch die Haustafel und alles, was hinten im Katechismus stand. „Ich kann euch dies nicht zur Genüge einschärfen, meine lieben Kinder", sagte er Bet allem. Wenn er mit ihnen über das vierte Gebot sprach, hatte er ihnen stets so viel Schönes und Gutes einzuschärfen. Sie erinnerte sich noch, wie heilig und teuer Iie sich selber gelobt hatte, ihre Eltern in Ehren zu halten, hnen zu dienen, zu gehorchen, sie lieb und wert zu halten nicht allein, wetl sie gern lange auf Erden leben wollte, Iandern auch, weil es so recht war, und weil Gott es so erlangte. Dienen, gehorchen und achten, das konnte sie auch wohl, und die Mutter lieben, das konnte sie allenfalls, aber den Vater lieb haben — so die Arme um seinen Hals geschlungen — das war freilich schwerer; aber trotzdem that sie es hin und wider einmal, z. B. am Weihnachtsabend, und sie fühlte sehr Wohl, daß es recht von ihr war; denn dann war er immer besonders freundlich gegen sie. Herr Tomsen schärfte ihnen auch ein, daß sie der Obrigkeit unterthan sein sollten, sowohl der geistlichen als der weltlichen, und daß sie ein ruhiges, stilles Leben führen sollten in Gottesfurcht und Ehrbarkeit. Er legte ein großes Gewicht darauf, daß jegliche Obrigkeit, sowohl die geistliche als auch die weltliche, von Gott eingesetzt wäre, eine Ermahnung, die oft eine Reihe tiefer Gedanken in ihr erweckte; sie grübelte darüber nach, wie Gott doch nur einen Mann wie Mommesen zum Polizisten habe machen können, einen Mann mit einer so schrecklichen Karfunkelnase, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Madam Svendsens Keller faß und pichelte; aber viel-, leicht war Mommesen ein sehr ordentlicher Mann gewesen, als der liebe Gott ihn einsetzte, dann war es ja freilich nicht Gottes Schuld. Wenn der junge Pfarrer über das Verhältnis der Eheleute zu einander sprach, betonte er stets sehr, daß der Mann das Haupt der Frau sei, das solle die Frau niemals außer acyt lassen. Jetzt verstand es Helene, weshalb die Mutter daheim es stets so ängstlich vermied, dem Vater zuwider zu handeln; es stand ja in der Haustafel, daß sie unterthan sein sollet „Die Weiber seien ihren Männern unterthan als dem Herrn, wie auch Sara Abraham gehorsam war und ihn Herr nannte, deren Töchter ihr geworden seid, falls ihr; das Gute thut und euch nicht schrecken lasset." Jni Hause wurde nicht viel von Gott gesprochen, aber die Eltern gingen häufig in die Kirche. Sie begriff es schon früh, daß die Menschen am Sonntage — am Tag des Herrn — gottesfürchtig sein sollen und Gottes Wort gerne hören und lernen. Jeden Wend, wenn sie ihre Sachen ordentlich ver-, wahrt und Vater und Mutter zur Gutenacht gekiißt hatte, kniete sie nach der Vorschrift der Haustafel an ihrem Bett und betete ein Vaterunser und „Das kleine Gebet": „Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesum Christum, deinen lieben Sohn, daß du mich an diesem Tage gnädiglich bewahret hast. Denn ich befehle mich, meinen Körper und meine Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, so daß der böse Feind keine Macht über mich bekommt. Amen! Und darauf sofort und fröhlich einzuschlafen." Diese letzte Ermahnung bildete gleichsam einen Schwanz zu- dem Amen. Nock lange, nachdem sie erwachsen war, konnte sie der alten Gewohnheit gemäß diese Worte der Haustafel dem Abendgebet anschließen, indem sie sich auf ihrem Lager reckte und die Augen schloß. So lange ihre Erinnerung reichte, hatte ihr Vater in stetem Krieg mit den Bauernfreunden gelegen, die er als dumme, herrschsüchtige, unfeine Menschen bezeichnete. Namen wie Tscherning, Balthasar Christensen und viele andere wurden wie mit Brandmalen des Unwillens in ihr kleines Herz eingeprägt. Wenn sie einen dickhalsigen Torfbauern nach ihren Fenstern herüberschielen sah, konnte es sw durchschauern: „Huh, das ist gewiß ein Bauernfreund!" Was oie Bauernfreunde irrt Schilde führten, war thr nebelhaft; das aber wußte sie, ihr Vater wollte das Rechte, und die Menschen, die nicht seine Wege wandelten, waren bös« Menschen. Sie hatte einen so felsenfesten Glauben an die Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit ihres Vaters. Er war für st« fast der liebe Gott; er wußte alles, konnte betnahe alles, that aber nur das, was recht war. Niemals nahm sie das frisch gedruckte Blatt seiner Zeitung in die Hand, ohne mit dem Duft der frischen Schwärze neue Ehrfurcht vor seiner Tüchtigkeit und neue Bestärkung für ihre Ueberzeugung einzusaugen, daß alles, was er in das Blatt setzte, gut und richtig sei, ebenso wie das, was Gott mit seinem Finger auf die steinernen Tafeln geschrieben hatte. Von ihrem zehnten bis zum zwölften Jahre hielt sie sich bei einem Bruder ihrer Mutter auf, der Lehrer m einem benachbarten Städtchen war. Auck dort war viel die Rede von den Bauernfreunden. Aus urn Unterhaltungen, die sie dort hörte, erhielt sie den Eindruck, daßws dort eoenso wie in der Heimat eine Menge wilder Menschen g-b^ die umhergingen und aufrührerische Pläne im Schilde führten; die es darauf anlegten, Gott und der Obrigkeit die Reaieruna des Landes zu erschweren. Sie zürnte diesen Menschen, aber sie ließ der Welt ruhig ihren Lauf d en n ste wußte/ daß alles nach der Richtung hm gehen müsse, wo stch Gott, ihr Vater und die Obrigkeit befanden. (Fortsetzung folgt.) 203 Der blaue Brief. Novellette von I. von Keyserlingk. (Nachdruck verboten.) Seit Tagen, nein seit Monaten hatte er ihn befürchtet, und nun war er da. Ganz harmlos war er angekommen. Es hatte nur der Empfangsbestätigung bedurft, und dann hielt ihn der Offizier als sein unanfechtbares Eigentum in Händen. So ganz wohl war ihm dabei nicht zu Mute. Er sah sich hilflos in seinem einfachen Schlafzimmer, wo er sich noch in den Anfängen seiner Toilette befand, um, ehe er den blauen Brief erbrach. Er wußte ja, wie er lauten würde — „Dem Oberst rc. Franz Borries der Abschied mit Pension rc. bewilligt." Ach! Bewilligt. — Er hatte ihn ja gar nicht haben wollen, nicht nach dem ersten kurzen Jahr seiner Regiments- führung. Die Vorgesetzten waren eifriger gewesen. Er galt Ihnen als unpraktisch, als zu nachsichtig, und seit der letzten mißglückten Regimentsvorstellung — „Papa", rief draußen die kleine Hertha, „bist Du noch nicht fertig? Wir warten schon alle mit dem Frühstück." Er seufzte, beendete schnell seinen Anzug, bürstete die kurzgeschorenen dunklen Haare einmal über und ging dann in das Eßzimmer. „Guten Morgen", tönte es ihm aus drei jugendlichen Kehlen entgegen, und die Kinderfrau, die neben der kleinsten Vierjährigen saß, stand auf. Hertha war schon beschäftigt, ihre Schulbücher zusammenzusuchen, wobei ihr die um zwei Jahre jüngere Hilda half, während die Kleine behaglich ihre Milch schlürfte. „Tante Ernestine.kommt heute", sprach Hilda wichtig. „So", sagte , der Vater gleichgiltig, weil er fühlte, wie ihn die Kinderfrau beobachtete. „Ja, sie hat es versprochen", ergänzte Hertha. „Sie wollte mein neues Lesebuch sehen. Ach. Papa, Du glaubst nicht, wie schön es in der neuen Klasse ist, und wie viele Freundinnen ich schon habe." Ein wehmütiges Lächeln konnte der Vater nicht unterdrücken. „Vielleicht wirst Du bald Abschied nehmen müssen, Hertha", meinte er. Die Kinderfrau horchte auf. „Denken der Herr Oberst bald versetzt zu werden?" fragte sie vorsichtig. Das bedeutete auch für sie eine Lebensfrage in ihrem großen Bekanntenkreise. — „Vielleicht." „Du wirft Dir nicht wieder die Zunge verbrennen", dachte die Wärterin ungehalten, und erhob sich etwas gewaltsam. „Ich denke die Kleine heute morgen mit an die Lust zu nehmen." „Thun Sie das nur", erwiderte der Oberst freundlich, der ihr Gekränktsein durchfühlte. Das that ihm leid. Sie hatte so treu für seine Knder seit dem Tode der Mutter gesorgt. „Mir kommen aber gewiß in eine noch viel schönere Stadt", sagte Hertha hoffnungsvoll, und bepackte sich mit ihrem Ranzen. „Adieu Papa. Glaubst Du nicht auch?" Er nickte und lächelte. Dabei knitterte der Brief in seiner Tasche. „Soll ich Fräulein Ernestine bitten, zum Mittagessen zu bleiben?" fragte die Wärterin. „Ja — nein — besser nicht. Es paßt wohl heute nicht", entschied er in dem bedrückten Gefühl seiner Lage und verließ das Zimmer. Er hörte, wie seine kleinen Mädchen singend die Treppe hinuntersprangen. Im Korridor hingen sein Paletot, seine Mütze, sein Säbel. Er legte alles an und verließ seine Wohnung. „Gott sei Dank, auf der Straße fah's ihm doch niemand an. Keiner wußte um den Bries, den er heute morgen erhalten. Den Straßenkehren: war er ein glcichgiltiger Mensch, und ebenso den Milchfuhrwerken, die an ihm in der frühen Morgenstunde vorbeirasselten. Er schritt an dem Kanal entlang, über die kleine Brücke nach der jenseitigen Straße. Ein paar Postbeamte begegneten ihm und grüßten ihn. Er dankte. Ach ja, er trug ja noch die Uniform, die ihm nicht mehr gehörte. Da wurde er noch erkannt und mußte grüßen. Später würde das alles anders werden. Eine schlanke, adrett gekleidete Dame ging an ihm vor-- über und schaute ihn lächelnd an. „Ach, guten Morgen, Fräulein Ernestine." „Guten Morgen, Herr Oberst! Schon so früh zum Dienst?" „Gewiß", stotterte er beinahe, „wie ich höre, wollen Sie heute zu den Kindern kommen. Hertha spricht schon nichts anderes. Da sehen wir uns ja wohl noch." „Auf Wiedersehen." Sie ging weiter. Er drehte sich halb um und warf noch einen Blick auf ihre entschwindende Gestalt. Dabei fühlte er, wie ihm wieder eine neue, bittere Seite des blauen Briefes klar wurde. Ernestine war eine intime Freundin seiner verstorbenen Frau gewesen. Nicht mehr ganz jung, lebte sie mit einer alten Tante, die vor kurzem gestorben war und sie nicht unbeträchtlich bedacht hatte. Das war dem Oberst ein Hindernis geworden in der Ausführung eines Entschlusses. Schon manchmal hatte er daran gedacht, Ernestine zu heiraten. Die Kinder liebten sie, sie schien alle Eigenschaften zu besitzen, die ihn bei einer zweiten Heirat glücklich machen könnten. So war alles in Ordnung. Nun sie aber eine Erbin geworden, hatte er gezögert und sich damit getröstet, wertere Karriere zu machen und dann um sie anzuhalten. Das war nun für immer vorbei. Denn wie konnte er es wagen, an seine zerbrochene Existenz eine lebensfrische zu knüpfen. Am liebsten hätte er geweint. Er fühlte sich so unglücklich und jeglichen Halts beraubt. Was sollte ihm denn nun noch das Leben. Einen anderen Beruf konnte er nicht mehr ergreifen. Da hieß es denn ohne Vermögen mit der schmalen Pension haushalten und darben. ®te. Mädchen würden heranwachsen, tüchtig lernen müssen. „Ja, wenn die Kinder nicyt wären", dachte er, und es focht ihn so etwas wie Selbstmordgedanken an. Aber das war feige und sündhaft. Ein Glück, daß er höhere Pflichten hatte. Uebrigens war es besser, jetzt nach Hause zu gehen. Ernestine war da, und er wollte ihr lieber alles erzählen. Vielleicht erriete sie dann auch, warum —। Tie kleinen Mädchen waren heut früher aus der Schule nach Haufe gekommen, und in der Kinderstube herrschte Lachen und Jubel, als der Vater die Thür öffnete. Man merkte ihn nicht gleich. Fräulein Ernestine kniete am Boden, und das kleine Gretchen machte eben Miene, sich ihr auf den Rücken zu schwingen. Dabei hatte sich der Haarknoten des Mädchens bedenklich verschoben, und sie sah ganz zerzaust aus. Aber ihr Lachen klang so frisch und heiter mit der Harmlosigkeit einer Sechszehnjährigen. „Sie sollten dem Unband nicht erlauben, so mit Ihnen umzugehen, Fräulein Tinchen", warnte die Wärterin, die beschäftigt ^lvar, Hilda einen frischen Zopf zu flechten. „Lassen Sie nur. Sie wissen ja selbst, wie gern ich das habe", rief das Mädchen. In diesem Augenblick trat der Oberst vollends ein. Ernestine schnellte ordentlich vom Boden auf, und Gretchen wäre beinah hingefallen. Die Kinderfrau hustete etwas verlegen, und Hertha rief: „Papa, Du erlaubst doch-, daß Tante Tinchen zum Essen bleibt?" „Gewiß, das wäre uns eine große Freude." „Nein, danke schön",wehrte Ernestine ab, und griff schnell nach ihrer schwarzen Jacke, „ich habe noch viel zu besorgen." „Ach, bleiben Sie doch", sagte der Oberst in einem Ton, der wie eine unweigerliche Bitte klang. Die Wärterin ging mit ihrem undurchdringlichsten Gesicht zur Thür hinaus und nahm die Kleine mit sich. Tie beiden anderen ergriffen Tante Tinchens Hut, Hilda entriß ihr die Jacke, und kichernd stürmten sie damit zum Zimmer hinaus. , , , „Sehen Sie, nun müssen Sie bleiben", meinte der Oberst und lächelte. Er that das indem er ihre zerzausten Haare anschaute. Sie strich sie mit beiden Händen zurück, und sagte etwas beklommen: „Ja, nun muh ich -wohl bleiben." Tie Kinder kamen wieder herein. „Papa, es ist so schön draußen. Geh doch mit uns spazieren nach dem Stadtpark. Tante Türchen geht ge- Ersatz sie an, und die Idee behagte ihm. Sein 2Ü4 Dienst eilte ihm nicht. Er würde Befehl geben, daß er nicht vor Nachmittag zu sprechen wäre. „Wenn Sie Zeit haben, Herr Oberst." „Ich habe sehr viel Zeit." Sie verstand ihn nicht, und dachte auch nicht werter über seine Worte nach. Sie gingen miteinander denselben Weg, den er vor- dem allein gegangen, und alles schien ihm anders. Tie Kinder liefen voraus, und haschten sich. Ernestine machte eine Bernerkung darüber, die er nicht hörte. Er grübelte darüber, wie er ihr am besten alles erzählen könne. „Hat Ihnen .Hertha vielleicht gesagt?" — begann er. „Nein." Sie sah ihn erstaunt an. „Ich dachte. Jederrfalls machte ich_ ihr gegenüber heut eine Bemerkung, daß — daß sie vielleicht bald — bald ihre Freundinnen verlassen müsse —" „Sind Sie versetzt, Herr Oberst?" „Nein." , Sie schwieg und dachte nach. Dabei gangen sie glerch- wäßig weiter. Plötzlich dämmerte ihr die Wahrheit. „Es ist doch nicht — nein, es kann ja nicht sein —" stotterte sie. „Doch." „Der — Abschied?" „Ja", sagte er tonlos, „der Abschied." i Jetzt blieb sie stehen in ihrer Erregung. „Tas ist ja schrecklich", sagte sie unwillkürliche Er dachte: „Aha, die enttäuschte Eitelkeit: sie hat doch! mehr an die Karriere gedacht", — er wollte bitter werden; allein er schwieg. Tie Wahrheit hatte wie eine Kralle ihr Herz ge- packt. Er und die Kinder würden fortgehen von hier, und so traurig, so traurig. Keine Zukunft mehr für den Mann au ihrer Seite. Vielleicht war das der Grund, daß er — Sie hätte ihn an der Hand packen mögen, und sagen: .„Ich will Tir helfen, daun wird es besser gehen". Allein xr schien plötzlich so streng und abweisend. Tie kleinen Mädchen kamen zurück gelaufen, und berichteten über ein botanisches Wunder, das sie entdeckt. Dann liefen sie wieder davon. „Ich glaube,'ach taugte nicht zum Soldaten", sagte der Mann niedergedrückt, „und das haben meine Vorgesetzten auch, herausgefühlt. Es ist nur hart, und vielleicht hätte man etwas Mitleid mit mir haben können. Wenigstens mit meinen Kindern" — Ernestine tröstete. Tie Kinder würden schon ihren Weg durch das Leben machen. „Sie werden keine leichte Jugend haben", erwiderte er, „und dazu fehlt ihnen noch Vie Mutter." Tas war ihm gegen seinetmWillen herausgefahren. Ernestine wußte nicht darauf zu antworten. Sie gingen die Park-Allee entlang, und sahen aus den Bäumen das weiße Schloß auftauchen. Ein Reiter kam hinter ihnen gesprengt, und Ernestine rief in heller Angst nach den Kindern. Sie kamen lachend herbei. Ten Mater hatte die Sorge warm und wohlthuend berührt. „Was werden Sie mit den Kindern thun?" fragte sie. „Sie mit mir nehmen, natürlich. Ich dachte nach einer kleinen Stadt zu ziehen, wo das Leben billig ist." Sie hatte mit einem Entschluß gekämpft und ihre letzte Scheu überwindend, sagte sie: „Ich möchte Ihnen etwas Vorschlägen. Lassen Sie mir die Kinder vorläufig. In meiner, Wohnung ist Platz genug, und sie können so lange bei mir bleiben, bis Sie etwas Passendes gefunden. Dann braucht auch, der Unterricht gar nicht gestört werden." „Fräulein Ernestine." Sie waren beide stehen geblieben. „Bedenken Sie", fuhr sie fort, „welche Last die Kinder bei einem Umzug für Sie sind. Bei mir haben sie ihre Ordnung, und Sie wissen, wie —" Sie stockte. „lieb ich sie habe", hatte sie sägen wollen. „Sie sind zu gut, Fräulein Ernestine", antwortete er beklommen, „und ich weih nicht, ob ich Ihr Anerbieten annehmen darf." „Wissen Sie denn nicht, wie nah mir Annas Kinder stehen?" Gemeinnütziges. Für die Zubereitung d er Rh ab arberstiele! finden sich! in den meisten Kochbüchern Rezepte, welche anweisen, sie von vornherein in Wein und Zucker zu kochen. Ich möchte empfehlen, die Stiele vorerst in Wasser abzubrühen. Man lege die Stiele in eine Schüssel und gieße kochendes Wasser darüber, das man nach drei Minuten durch einen Durchschlag ablaufen läßt. Der herbe Geschmack verliert sich dadurch, und nebenbei hat man den Vorteil,, auch bedeutend an Zucker sparen zu können. Sie war empört. Dachte et, sie habe andere Absichten. „Ueberlegen Sie sich das, Herr Otierft", sagte sie etwas, kurz, und machte eine Schwenkung zum Gehen, „und danm glaube ich, ist es besser, Sie lassen mich heut nach Hause gehen. Tas war ein wenig überwältigend." „Gehen Sie nicht", sagte er leise, und nahm ihre Hand. „Ich weiß. Sie verstehen mich nicht. Ach, wenn ich bett blauen Brief nicht in der Tasche hätte, der mich äst wie ein Schandmal brennt, ich würde anders sprechen. Ich hätte Sie etwas gefragt, Ernestine, worauf Sie mir hätten antworten müssen. Aber wie darf das ein Manu thun, der nichts zu bieten hat, als seine Armut und seine leere Zukunft." „Ist sie leer?" sragte sie fast unter Thranen, und wies nach den Kindern. „Tas ist auch das beste, was mir geblieben." „Tas ist besser als Karriere." , „Aber ein Vorwärtskommen hätte mir viellercht manches gebracht, woran ich, jetzt nicht mehr denken darf."- Ta lachte sie auf, etwas spöttisch und doch glücklich. Sie lachte ihm eigentlich gerade in das Gesicht, und ihre dunklen Augen blitzten in einem metallenen Glanz.! „Sie wollten ja fragen —" „Ich?" „Ja, wenn Sw Karriere machten — „Tie mache ich ja aber nicht mehr." „Haben Sie denn noch nicht genug, Sie Unersättlicher? Sie sollten jetzt anderen ohne Murren Ihren Platz räumen., In so jungen Jahren Regimentskommandeur zu werden,, möchte mancher praktisch ausprobieren." , „Nun hat es aber auch ein Ende mit der schere baren Herrlichkeit", sagte er trübe. „Gut, so müssen Sie sich begnügen lernen. Abeü fragen Sie doch einmal." „Ach, Ernestine." „Ich werde Ihnen helfen. Um die Wahrhett zu sagen — i* will die Kinder nicht mehr allein haben, Sie müssen schon dabei bleiben. Und wenn Sie durchaus in einet kleine Stadt wollen, dann pflanzen wir dort unsere Bohnen und Erbsen in Seelenfrieden, und stecken all unseren Ehrgeiz hinein." Er lieh ihre Hand nicht los, und murmelte: „So schafft das Unglück dennoch Glück." Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Magischen Dreiecks in vor. Nr.r AOSTA Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätZ-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.