®6f 1902. — Nr. 148 Ssmslag den 4. Bktober. MchEML'lien^ UntechaltungsblM M lGje^enerAll;eiger UlMeml-AnMer). (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) 27. Kapitel. Bertha Rakenius ließ sich keineswegs so leicht von den Bernunftgründen überzeugen, die ihr Georg als die von der Gräfin Doroukoff entwickelten überbrachte. Es war ja allerdings richtig, daß sie dieselben nicht von der Gräfin persönlich hatte entwickeln hören. Wie oft liest man in den Zeitungen eine herrliche Verteidigungsrede vor Gericht. „Wie kann man nur den Angeklagten in so schwächlicher Weise verteidigen!" ruft man aus; denn die Rede läßt uns vollkommen kalt. Ja, die Richter erfuhren diese Rede nicht durch den kalten Buchstaben, sondern sie haben ihr voll Aufregung selbst gelauscht, sie hatten an den Lippen des Verteidigers, irgend eines Rechtsanwalts, gehangen. Seine Gesten, seine Ausrufe, seine Leidenschaftlichkeit hatten sie mehr beeinflußt, als alle Vernunftgründe. Sie wurden durch seine Beredsamkeit berauscht und hatten schließlich dem mächtigsten aller Ueberzengungsmittel nachgegeben, dem der Rede. Wenn noch dazu eine Frau spricht, ein anbetungswürdiges Weib mit voller Leidenschaft spricht, ein Weib, dessen Anblick uns verwirrt, dessen Atem uns brennend streift, dann ist das Ueberzeugungsmittel nur noch größer, — der Rausch um so berauschender. Aber da war noch Bertha, um den Zauber und Bann der Neberredung, worin Georg noch gefangen Ivar, zu brechen. Sie nahm einen Grund der Gräfin nach dem anderen durch und sagte: „Was kümmert uns ihre soziale Stellung, ihr Rang, ihre Kaste? Hat Herr von Sempach seinen Namen nicht ebenso zu achten wie sie? Darf-er ihn vielleicht besudeln lassen? Er ist vielleicht weniger glänzend, als der der Gräfin Olga Doroukoff, geborenen Prinzessin Balaljewna, aber vielleicht ebenso alt, jedenfalls aber ebenso geachtet. Sie spricht uns von dem Ansehen, das sie genießt, von der Meinung der Welt, von ihrem Ruf! Was macht sie denn mit der Ehre unseres Freundes, mit seinem Ansehen, das er genießt — mit seiner Freiheit—. mit seinem Leben? Ah, sie wagt zu behaupten, daß sie zu viel zu verlieren hätte! Was verliert denn er? Verliert er etwa nicht mehr als sie, wenn er verurteilt wird?" Er hörte ihr mit Ruhe zu und war erstaunt, daß er nicht selbst alles dies vor einer Stunde der Gräfin entgegnet hatte. In diesem wogenden Geiste, der von den Eindrücken der Gegenwart so ganz eingenommen war, folgte diesem ersten Erguß sofort em anderer, and schon fuhr sie fort: >Ms weiteren Grund führt sie die Zwecklosigkeit ihrer Aussagen und Geständnisse vor Gericht an. Sie behauptet^ daß man von ihr Wahrheitsbeweise verlangen würde, und daß sie solche nicht geben könnte. Ist sie denn dessen so gewiß? Soll sie denn niemals gesehen worden sein, wenn sie jenes Haus betrat oder dasselbe verließ! Sollte sie diese unsichtbare Wirtschafterin, von der Tu mir sprachst, denn niemals gesehen haben, und könnte nicht ihre Zeugenschaft angerufen werden? Sie behauptet, der Untersuchungsrichter würde ihr noch sagen: „Sie lieben den Herrn von Sempach. Sie wollen ihn retten. Ich igtaube Ihnen nicht." Ja, was für ein Bild macht sie sich denn eigentlich von der Geistesfähigkeit der Gerichtsbeamten? Was? Bildet sie sich denn etn, der Richter könnte atw nehmen, eine Gräfin Doroukoff, diese hochgestellte Frau, dieses Muster aller Tugenden, käme bloß daher, um sich zu entlößen, um die Ihrigen zu kompromittieren, sich Jo ins Unglück zu stürzen, wenn sie nicht schwerwiegende Gründe hätte zu reden, wenn es sich nicht darum handelte, gegenüber einem Unschuldigen und der Gerichtsbarkeit eine schwere Pflicht zu erfüllen? Nehmen wir selbst diesen unmöglichen Fall an: der Untersuchungsrichter in seinem Eigensinn, in seiner Verrücktheit, überzeugt, in Herrn von Sempach den Schuldigen zu sehen, glaubt ihr wirklich nicht; werden ihr dann nicht die Geschworenen glauben? Sie soll nur den Mut haben, aufzustehen und hinauszuschreien: „Er war mit mir, er war bei mir, ich schwöre es!" — Ich traue ihnen kaum zu, daß sie ihn verurterlen!'< Er versuchte die Gräfin zu verteidigen, indem er einwarf: „Sie glaubt nicht an seine Verurteilung. Sie nimmt sie nicht an." „Weil es ihr bequemer ist, damit zu rechnen. —; Ihr Gewissen ist total in Ruhe! Ich habe nicht dieselben Gründe wie sie, es nicht zu glauben, und ich glaube es doch. Tie gegen Sempach gesammelten Beweise sind, glaube ich, immer schwerer und schwerer." „Woher weißt Tu es?" fragte er rasch, „Durch Wilhelm, den alten Diener des Herrn von Sempach, den ihm sein Vater sozusagen als Erbstück vermachte und als Erbe hinterließ. Der arme Mensch war vorhin da, gerade als Tu weg warst, um Dich zu sprechen. Ich habe ihn empfangen. Er ist schon dreimal vernommen worden, und er hat es wohl an den Fragen gemerkt,- die ihm gestellt wurden, an der ganzen Art und Weise,- wie man mit ihm sprach, daß der Untersuchungsrichter von der Schuld seines Herrn überzeugt sei. Von.Fragen überstürmt, eingeschüchtert und erschreckt, hatte er bekennen müssen, daß Herr von Sempach am Abend des Mordes erst um Mitternacht heimgekehrt sei, daß er gedankenvoll, besorgt und aufgeregt ausgesehen habe, und, ehe er zu Bett ging, noch lange in seinem Zimmer auf und ab gegangen war. Dann auch jener Riß, die an seinem Finger konstatierte Wunde, auch, diese hatte Wilhelm an demselben Abend, schon bemerkt, ebenso wie Blutstropfen auf den 590 Manschetten und auf den Kleiderstücken. Sllles dies hat er aussagen müssen." „Das ist schwerwiegend", murmelte Georg. „Ja, das ist auch schwerwiegend. Ja, und wenn das noch alles wäre! Wer mitten in dem Zimmer, auf dem Teppich der Frau von Sanden, neben der Leiche, wurde auf der Stelle, wo sie ausgestreckt lag, eine als Hemd- lnopf gefaßte Perle gefunden, die Herrn von Senipach gehörte. Ter Richter sagte sich natürlich sofort, daß sie sich während des Kampfes zwischen Mörder und Opfer losgelöst habe. Wilhelm behauptet War mit aller Sicherheit, daß Sempach diesen Hemdknopf bereits vorige Woche verloren habe; doch man verdächtigt ihn, aus Anhänglichkeit an seinen Herrn zu lügen. Man ist eher geneigt, sich an die Aussagen des Kammermädchens zu halten, die nach ihrer Behauptung jeden Tag mit größter Sorgfalt den Teppich abgefegt habe, und jedenfalls diese Perle schon seit langem gefunden haben müßte. — Was sagst Tu nun, Georg?" Bist Tn auch noch immer so fest überzeugt wie — sie, daß unserem Freund keine Gefahr droht?" „Nein, ich habe Angst." Sie aber fnhr rasch fort: „Und gesetzt den Fall, er würde freigesprochen, müßte ihm der Gedanke nicht furchtbar sein, daß man ihn nach so schweren Verdächtigungen vielleicht doch für schuldig hielte, daß er sich sagen müßte: „Man glaubt mich schuldig, man hält mich für einen Mörder — mich — mich!" Welche Seelenmarter! Und dann die Abgeschlossenheit, in der man ihn festhält, durch die man jedenfalls hofft, ihn zu Geständnissen zu zwingen! Und das Gefängnis! Zählt man denn dies für gar nichts? — Aus diesem entzückenden Heim, das Tu mir beschrieben hast, das ganz ausgestattet ist mit Seide, geschmückt mit Blumen — kommt er in «ine Kerkerzelle nach Plötzensee! — Und sie, die es nur ein Wort kostet, ihn aus jenem Kerker zu holen, sie läßt ihn dort! Und ste bedauert ihn nicht einmal! — Er ist ja zu glücklich, für sie leiden zu dürfen, — nicht wahr? Er könnte sterben, und fie würde kaltlächelnd sagen: „Ich bin es wert, daß man für mich stirbt". Ach, siehst Tu, dieses Weib, dieses ehrgeizige — diese Egoisten, ich verachte sie, ich hasse sie!" Bewegt und hingerissen von ihren Worten, hatte er nur mehr seine Schwester und seinen Freund vor Augen, hatte er die Gräfin vergessen und rief: „Willst Du, daß ich rede, um ihn zu retten?" Sie bedachte sich einen Augenblick und sagte dann: „Ich habe viel darüber gesonnen. Tenn ich habe den Fall, wie er heute vorliegt, vorausgesehen. Ich wußte, daß sie sich weigern würde, den Richter zu sehen, und vor »hm Zeugnis abzulegen. Ich halte mich enolich nicht für berechtigr, Dir zu raten: Zeuge an ihrer Stelle, sage über sie alles, was Du weißt. Wir haben früher daran allerdings gedacht und hatten uns vorgenommen, so zu handeln; doch darf ich Tir heute nicht mehr dazu raten. Mich; hält nicht etwa die Furcht zurück, ihren Ruf zu schädigen. Düs Weib flößt mir absolut kein Interesse ein. Wer aus Deinem Gespräch mit ihr ist mir besonders ein Punkt aufgefallen, als sie Dir sagte: „Haben Sie das Recht, mich zu einem Schritte zu veranlassen, den mir Herr von Sempach niemals raten, ja, den zu thun er mich sogar verhindern würde?" — Ja, und darin hat sie recht — er würde sie verhindern — und dann ----“ „Ist es auch uns untersagt, zu sprechen", vollendete er. Nach einem kurzen Stillschweigen .begann sie von Steuern: „Auch in dem anderen Punkt hat sie vielleicht wieder recht. „Anstatt mich aufzusuchen, in mein Leben einzudringen, hatte sie gesagt, weshalb haben Sie es nicht versucht, den 'wahrhaft Schuldigen Herauszufinden?" Wir hätten antworten können: „Weil diese Nachforschungen, vorausgesetzt, daß sie gelingen, viel, sehr viel Zeit erfordern, und er inzwischen im Kerker schmachtet. Wir haben einstweilen das Wichtigste gethan, toir sind zu Ihnen gegangen". Wer fie entwischt uns; ihre Zeugenschaft ist uns entzogen. — Also ziehen wir einen Schleier darüber, Und suchen wir jetzt." „Ja, das ist das Richtige, das einzig Richtige. Und sie wird uns helfen." „O, was dies anbelangt: nein, ich bedarf ihrer Hilfe nicht. Sie mag auf ihre Rechnung suchen, oder tot Verein mit Dir, wenn es Dir recht ist. Ich will nichts mit dieser Frau zu thun haben, mich in keinem Unternehmen mit ihr verbinden." „Was kannst Tu allein ausrichten?" „Ich werde nicht allein handeln. Meine frühere Klavierlehrerin hat mich heut besucht. Sie hat momentan keine Stunden und stellt sich mir vollkommen zur Verfügung. Ich werde auch Wilhelm in Anspruch nehmen, Gott, der Mensch wäre ja so glücklich, wenn ihm sein Herr wiedergegeben würde! Er wird das übernehmen, was wir Frauen nicht selbst thun können. Wir drei werden vielleicht zu einem besseren Resultat kommen, als Tu mit Deiner geliebten Gräfin". „Meine geliebte Gräfin! Was soll das heißen?" Sie aber verließ ihn nervös aufgeregt und ohne Antwort, um sich nach ihrem Zimmer zu begeben. 28. Kapitel. Als sich Georg folgenden Tags im Palais Doroukoff einfand, mußte er sich gestehen, daß seinem Namen, der in dieser fürstlichen Wohnung allerdings etwas bürgerlich llingen mochte, und seinem Verdienste alle Ehre gezollt wurde. Tie Gräfin hatte jedenfalls während des Diners in Gegenwart ihrer Angestellten mit ihrem Gatten übw: den jungen Maler geplaudert, die Stellung betont, die er einnahm, und ihn auf die richtige Höhe gestellt. Denn kaum hatte Georg das Vestibül betreten, als sich sämtliche Lakaien erhoben. Sofort kam wie gestern der Kammerdiener auf ihn zu und meldete: „Tie Frau Gräfin erivartet den gnädigen Herrn ttt ihrem Atelier. Ich habe den Auftrag, den gnädigen Herrn sofort hinauf zu führen." „Ich folge Ihnen", sagte der Maler. Sie stiegen — der Diener Georg voran — die große Freitreppe hinauf, durchschritten eine lange Galerie, benützten dann eine Keine Nebentreppe, und kamen im zweiten Stockiverk an. Dann hob der Kammerdiener tote gestern eine antike Mauerverkleidung in die Höhe, öffnete eine Pforte und meldete: „Herr Georg Rakenius!" Sofort stellte die Gräfin, die eben malend vor einer Staffelei stand, ihre Arbeit ein, legte Palette und Pinsel weg und kam ihrem Gast zwei Schritte entgegen: „Es ist nicht mehr die Gräfin Doroukoff", begann sie mit ihrer melodischen Stimme und einem reizenden Lächeln, „bte Sie hier empfängt, sondern nur Ihre Schülerin, bte Ste Ihres Rates gütigst würdigen wollen." Er blickte sie, entzückt über ihren unerwarteten Empfang, voll Verwunderung an und fand sie in dieser neuen Umgebung am lichten Tage, so einfach als möglich gelleidet, geradezu wundervoll schön, schöner noch, als sie ihm je erschienen war. , „Erscheint Ihnen mein Atelier geeignet?" fragte sie ihn plötzlich. vz„ ... .... „Geeignet? Sagen Sie lieber vollkommen, Graftn; es ist sehr groß, hoch, ausgestattet mit feinem Geschmack, hat herrliches Licht — --- „Sie sehen mich hocherfreut über Ihr Urteil. Dies Atelier ist nämlich mein Werk. Ties war noch zur Zett des vorigen Eigentümers, des Prinzen Tschigorin, eine Wohnung, bestehend aus drei Zimmern, Salon, Speisezimmer und einem finsteren Kabinett, das "ich glaube — der Sekretär des Prinzen bewohnt hatte. Ich habe nun die Wände niederreißen, den Plafond höher machen und das zweite mit dem dritten Stockwerk vereinigen lassen. Ter arme Sekretär würde sich heute nicht mehr zurecht finden. Dieses Melier ist mein Lieblingsausenthalt. Jeden Morgen nach dem Frühstück begebe ich mich nach oben und, wenn mich nichts zwingt, auszugehen, bleibe ich hier bis zum Abend. Hier stört mich keine Seele. Bin ich hier oben, dann haben die Leute den Auftrag zu sagen, ich wäre ausgegangen. Selbst der Graf respektiert dieses Heiligtum. Unter anderem, wohl verstanden, ich habe mit ihm über Sie gesprochen. Er ist entzückt, daß Sie eingewrlngt haben, mein Porträt zu .malen, und mir ltoterricht zu erteilet!." Sie sagte dies alles auf die einfachste und liebenswürdigste Weise, ein reizendes Lächeln aus den Lippen. Sie hatte wohl recht zu behaupten, hier im zweiten Stockwerk, tot Atelier, existiere kein Gräfin Doroukoff mehr, und diese wäre mit ihrem hochfahrenden Wesen unten in den großen Salons des Erdgeschosses geblieben. Plötzlich machte Georg eine Bewegung des Erstaunens. 591 Unser Garten im Oktober. Nachdruck verboten. ©er Oktober ist der Erntemonat/ Alles Obst muß von den Bäumen herunter und hübsch sortiert in die Ueberwinterungsräume wandern. Diese sind vorher aus-- zuschweseln. Es sind Obstmadenfallen in Gestalt der bekannten Jnsektensanggürtel oder in Gestalt von Lappen und wollenen Tüchern, die als Unterschlupf für die auskriechenden Raupen hingelegt werden, unterzubringen. Es ist für frische Luft, kühle Lust und mäßig feuchte Lust zu sorgen. Es ist in der ersten Zeit besonders nrst dem Schwefel- faden durch die Obsträume zu wandern, damit die mit dem Obst eingebrachten Pilzsporen möglichst wenig Lebens- sreudigkeit entwickeln können. Unsere Obstbäume sind abzukratzen und zu kalken, Raupenleimringe zu legen und wo sie von Ungeziefer befallen wurden, ist ein Anstrich von Schwefelkalium von ganz besonderem Wert. Ich komme aus den Anstrich mit Schwefelkalium in einem anderen Artikel noch eingehender zurück. Das Düngen der Obst- bäume ist fortzusetzen, das AusliLten der Kronen hat zu „Wie, Sie sind es, Gräfin, die mein erstes Mld besitzen?" „Wenn Sie gestatten, ja, mein lieber Meister. Ich hatte es vor einem Jahr durch die Vermittelung des Herrn von Sempach gekauft. Hat er es Ihnen nicht gesagt?" „Nein, Franz hat in meiner Gegenwart Ihren Namen •nie ausgesprochen." „Ich begegnete ihm damals faft jeden Abend in Gesellschaften oder in der Oper ... Er hat mir oft von Ihnen und von Ihren Erfolgen erzählt. Ich äußerte ihm meinen Wunsch, eines Ihrer Gemälde zu besitzen, und er hat es dann in meinem Namen, ich glaube, bei Schulte, gekauft." „Ja, ja, dem hatte ich es berfauft." Dann fuhr sie mit ernsterem Tone, mit einem Auslug von Traurigkeit weiter fort: „Gerade infolge dieses kleinen Kaufes entwickelte sich für mich ein regerer Verkehr mit Herrn von Sempach. So dienten Sie uns höchst unschuldigerweise als Mittel- und Bindeglied. Er kam zu mir, um mir die Antwort Schultes zrr überbringen. Ich empfing ihn in diesem Atelier, das ich gerade damals begann einzurichten. Ta ich ihn als einen Mann von Geschmack kannte, erbat ich seinen Rat. Er erteilte ihn mir mit Freuden, und so entspann sich zwischen uns eine Art Intimität, anfangs rein künstlerischer Art--zu seinem Unglück." „Zu seinem Unglück?" - „Gewiß, glauben Sie denn, ich hätte ihm Glück gebracht? Wenn er heute eines Verbrechens angeklagt im Kerker sitzt, bin ich nicht die Ursache? In jedem anderen Falle — wenn ich nicht, gewesen wäre, ohne die Diskretion, die er mir schuldet, wäre es ihm da nicht leicht geworden, anzugeben, wie er Stunde nur Stunde, Minute nm Minute jenes Abends, an dem das Verbrechen begangen wurde, verbracht hatte?" Sie schwieg eine Weile und begann dann von neuem, ihre Stimme noch mehr gedämpft: „Ich hätte wirklich behaupten können, daß ich einen Unfall, eine Katastrophe vorausgeahnt. Ich wollte nicht wieder jenes Haus in Friedenau betreten. Den letzten Wend, den wir beisammen waren, hatte ich ihn angefleht, unsere Zusammenkünfte einzustellen und mich aufzugeben." „Ah! Deshalb also kam er so fieberhaft aufgeregt nach Hause! Seinem Bedienten war es nämlich ausgefallen, und, vom Untersuchungsrichter gezwungen, mußte er das auch aussagen." „Was wohl wieder einen .Beweis mehr gegen ihn ausmachen wird", fügte sie bei. „Sein Kummer und Schmerz, dessen Ursache ich gewesen bin, bedeuteten für den Richter Selbstvorwürfe und Gewissensbisse über das begangene Verbrechen. — Und die kleine Wunde am Finger — ein neuer Beweis. Mchts einfacher aber zu erklären als das: Ich wollte fortgehen, und sagte ihm, daß ich nicht mehr wiederkäme. Er aber beschwor mich und hielt mich zurück. Ich machte eine Bewegung, um mich loszumachen, und dabei ritzte ihn die Nadel meiner Brosche, die ich am Halse trug, den Finger." (Fortsetzung folgt.) beginnen. An den Formbäumen ist der Schnitt jetzt end- giltig durchzusühren. Stachelbeer- und Johannisbeersträucher sind von dürren und absterbenden Zweigen zu befreien, zu düngen und um sie herum ist der Boden ganz gehörig zu graben. Himbeersträucher müssen geschnitten werden, wo es bislang nicht geschah. Erdbeerbeete sind zu lockern, mit kurzem, verrottetem Mist zu bedecken. Tie Herbsttage bieten vorzügliche Gelegenheit, um den Quecken und anderem Unkraut im Garten Abbruch zu thun, indem man den Boden mit einer Grabgabel gräbt und das Unkraut aus dem Boden herausschüttelt. Im Gemüsegarten richtet sich die Ernte wesentlich nach dem Wetter. Bleibt letzteres gut, d. h. frostfrei, so kann saft alles noch im Boden bleiben. Sobald jedoch der erste stärkere Frost über die Felder gezogen ist, wird es ernst auch mit dem Einheimsen der Gemüse im Garten und Feld. Arn empfindlichsten ist Kardy. Weißkohl, Blumenkohl rmd Sellerie vertragen nicht mehr wie 3 Grad Kälte. Gebundene Endivien erfrieren schnell, während ungebundene viel vertragen. Rettich, rote Rüben und Futterrunkeln sind ebenfalls empfindlich. Gegen Ende des Monats beginnt das Einheimsen der harten Sachen, also von Rotkraut, Kohlrabi, Kohlrüben Möhren. Von Schwarzwurzeln, Haferwurzeln, Pastinake. Cichorie, Porree nnd Petersilie bringt man erst soviel in Sicherheit, als man in den ersten Monaten bedarf. Es werden zu Ende des Monats Karotten ausgesäek. Wintergemüse: Kohl, Salat, Wirsing gepflairzt. Jung» Blumenkohlpflarizen setzt man irr Töpfe rmd überwintert sie in Mistbeetkästen, oder in kühleri Häusern. Für di« Gemüse soll man lieber kleinere Gruben und mehr machen als große und wenige. Hoher Blätterkohl ist nicht ganz winterfest und wird eingeschlägen. Niedriger braucht keinen Anschlag. Auch Rosenkohl bringt keine Sorge. Tie wärmeren Zimmerpflarrzen, die Palmen, Tracaenen, stehen bereits an ihrem Platz im Zimnrer, die Bitteren haben sich bislang noch im Freien, an frostgeschützten ©teK'-n aufgehalten, was ihnen sehr wertvoll war. Doch müssen auch sie jetzt in die Winterquartiere. Canna-Kuollen werden herausgegraben und ihre Stiele handhoch über deut Boden abgeschnitten. Bei Knvllenbegonien machen wir eS ebenso. Die Ballen dieser Pflanzen müssen einige Tag» abtrocknen und bann dicht an dicht in flache Kisten kommen. Die Tahlienknollen sind ohne Ballen auszuheben, ebenso geht es mit den Knollen der Gladiolen. Auch die Mont- bretien sind nicht immer winterhart. Man wird einige herausheben, andere mit Laub und Dung zudecken, nachdem das abgefrorene Laub heruntergeschnitten ist. Die Stellen, an denen Lilien stehen, auf denen empfindlichere Stauden untergebracht sind, können auch einen kleinen Schutz aus Laub erhalten. Alpenveilchen und Primel blühen im Zimmer. Kühler Stand, frei von Zugluft entwickelt bei beiden die Knospen am besten. Hyaeinthen, Tulpen, Crocus stehen im kühlen Raum« und sollen nur stetig, aber mäßig feucht gehalten werden. Treiberdbeeren werden im Mistbeetkasten niedergelegt. Treibrosen und andere Treibsträucher können im kühlen Keller oder kühlen Zimmer Ausstellung finden. Die Erdhaufen sind umzusetzen und mit Dünger zu vermischen. Alles brachliegende Land ist umzugraben. Heb er au sollen unsere Augen und Hände sein, um zur rechten Zeit die Arbeft fertigzustellen, dem Frost eirrmal zu entreißen, was ihm entrissen werden kann, zum andern ihn aber austzuuützen, soweit er auszunutzen ist. I. C. Schmidt, Erfurt. Vermischtes. Die höchste Geschwindigkeit der Personenzüg« soll nach einem Bundesrats-Beschlusse, wie mitgeteilt, auf 100 Kilometer gebracht werden, um so die Möglichkeit zu bieten, Zugverspätungen auf günstigen Strecken wieder auszugleichen und damit die Sicherheit des Betriebes durch Einhalten der Fahrzeit zu erhöhen. Recht zeitgemäß erscheint daher eine Arbeit des Dr. Kuntzemüller in der Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen, in welcher der gegenwärtige Stand der Höchst-Fahrgeschwindigkeit auf deutschen Eisenbahnen dargelegt wird. Danach wird in Preußen auf der Strecke Wittenberge-Hamburg nut 85 Km. die höchste Geschwindigkeit erreicht, während die längste aufenthaltlos 592 durchfahrene Strecke, Berlin-Leipzig, eine Länge von 173 Km. hat. Demnächst folgt Baden mit 80 Km. per Stunde, Elsaß-Lothringen mit nahezu 77 Km., Bayern (mit 76Vs), die Pfalz (71 Vi), die Main-Neckar- und die sächsischen Bahnen (mit 70 Km.) re. Mit Bezug auf die längste, aufenthaltlos durchfahrene Strecke steht Bayern an der Spitze: Die Strecken München—Nürnberg (199 Km.), München—Ansbach (188 Km.) und Hof—Regensburg (179 Km.) sind länger als die oben erwähnte preußische Strecke. Die Leistungen der deutschen Eisenbahnen sind danach schon jetzt recht ansehnliche. Im Hinblick auf unseren Oberbau und unsere Betriebsmittel können wir nach Ansicht des Verfassers dasselbe leisten, wie Frankreich und England. Deshalb müsse das nächste Ziel der deutschen Bahnen die Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit auf 120 Km. pro Stunde sein- Tie Elektrizität könne heute noch nicht in ernstliche Konkurrenz treten, wenigstens nicht auf den Hauptbahnen mit Schnellzugver- kehr. Hier werde nach wie vor der vielgeschmähte Dampf herrschen; denn der Weg zur 200 Km.-Geschwindigkeit mittelst Elektrizität führe nur über die 120- und 150 Km.-Geschwindigkeit mittelst Dampfes, „Gebratene Rebhühner." Unter dieser Spitzmarke veröffentlicht „Wild und Hunt/' folgende sehr beachtenswerte Zuschrift: „Die Hühnerjagd ist nun in vollem Gange, und mit dem weidgerechten Jäger zieht auch der Jagdschinder hinaus in Gottes weite Welt; ersterer, um dem Weidwerk obzuliegen, letzterer, um unbarmherzig alles niederzuknallen, was da fleucht und kreucht. Wie gründlich das zuweilen besorgt wird, hatte ich Gelegenheit, kürzlich in einem Weinrestaurant durch den Augenschein sestzuftellen. Als armer Strohwitwer wollte ich» mit einem guten Freunde, der in derselben Lage ist, etwas schlemmen, und was lag näher, als ein gebratenes Rebhuhn mit Sauerkraut als ersten Gang zu nehmen, nachdem uns das Verzeichnis der Speisen dasselbe für 1.20 Mk. zugänglich machte. Wir wunderten uns über den im Verhältnis zu den anderen Zahlen sehr billigen Preis und gaben unserer Verwunderung hierüber zunächst dadurch Ausdruck, daß wir zu den Hühnern eine bessere Marke bestellten. Nun, unsere Hühner kamen, zunächst wenigstens die Platten. Silbern waren sie sogar, und schon als sie die Thüre unseres Gemaches passierten, entzückte uns der liebliche Duft der den Boden bedeckenden bräunlichen Sauce, aus welcher wieder jungfräulich schneeweiß Kartoffelpüree sich hervorhob, und auf ihm, kunstgerecht aufgebaut, ein Chimborassv von Sauerkraut, in welches das Huhn, nur züchtig das Köpfchen hervorstreckend, versenkt war. Mit einem schmelzenden „Witte" und entzückendem Schwünge hatte der befrackte Ganymed seines Mundschenkenamtes gewaltet und den Rückzug angetreten, um die neue Nummer zu holen. Ich war eben noch mit dem Auseinanderzerren meiner Serviette beschäftigt, als ich plötzlich aus allen Himmeln gerüttelt wurde «durch einen mir noch unerklärlich en Wutausbruch, der meinen Freund ergriffen hatte. „Verfluchte Gemeinheit; so ein infamer Kerl!" und noch andere Epitheta entquollen dem beredten Munde, und mit einem Ruck warf er mir einen Krammetsvögel auf die Platte. „Donnerwetter! Ich habe auch einen! Dem Krater meines Sauerkrautberges entriß ich einen Krammetsbogel. Ganymed kam mit der Flasche und wurde kräftig angefahren, weil er statt Hühner Krammetsvögel gebracht hatte. „Das sind keine Krammetsvögel, das sind Hühner, wirkliche Rebhühner", flötete der seine Serviette graziös schwenkende Jüngling, und „Wahrhaftig, der Kerl hat Recht!" entfuhr es dem Gehege meiner Zähne. Es waren wirklich Rebhühner! Ich ließ mir den Kneipwirt, der mich nicht kannte, kommen und stellte ihn mit der Frage zur Rede, was ihn eigentlich veranlaßte, uns „falsche Thatsacheu" vorzuspiegeln. Nach der ihm gebührend erscheinenden Begründung fügte er dann noch hinzu, daß er noch eine ganze Menge von diesen Hühnern hätte; die würden in diesem Jahre nicht größer. Den schlechten Witz verzieh ich ihm; auch wurde ihm verziehen, daß er mit seinen billigen Hühnern Leute aus den Leim lockte, aber dem Kerl, der diese Hühner geschossen hat, verzeihe ich es nicht. Es ist wirklich ein Skandal, daß diesem Würgengel niemand sein schießwütiges Handwerk legen kann, denn solche Hühner schießen und auch noch obendrein verkaufen, das ist wirkliche der Gipfel der allergewöhnlichsten Aasjägerei!" Litterarischer. „Was mutz die Fra« von der Hygiene missen?" Unter diesem Titel hat der bestbekannte Frauenarzt Dr. Siegmund Kohn im Verlage von Hugo Steinitz, Berlin SW. 12 ein Buch veröffentlicht, das infolge seiner Reichhaltigkeit und Volkstümlichkeit geeignet erscheint, sich gar bald die Gunst weitester Kreise zu erwerben. Der Verfasser bespricht darin die Entwickelung des Weibes von den frühesten Kindesjahren bis ins Greisenalter und giebt für alle Phasen geeignete hygienische Winke. Vieles, was allgemein bekannt zu sein scheint, doch niemals Berücksichtigung findet, erfährt in dem Buche die erforderliche kräftige! Betonung. Der Verfasser geht in seinem Werke von Prak«, tischen Gesichtspunkten aus. Nichts ist bei ihm unwesentlich, alles wird, wenn auch nur mit wenigen Worten, doch immer mit Nachdruck hervorgehoben. Das Buch erscheint als eine wissenschaftlich vertiefte populäre Anleitung zu Hütung und Erhaltung der Gesundheit des Weibes in allen Altersstufen und bei allen physiologischen Momenten. Die Einfachheit und Klarheit der Schreibweise, die übrigens auch die Fähigkeit besitzt, den Leser unausgesetzt in Atem zu halten, werden dem Buche ein weites Terrain erobern- Der Preis beträgt 1 Mark. Mode. Mode-Bericht Winter 1902/03. Die bekannte Seiden- Fabrik Henneberg, Zürich, schreibt uns: Es wird immer schwieriger, einen Modebericht auszuarbeiten bei der großen Mannigfaltigkeit von Seidenstoffen, die in der gegenwärtigen Zeit in den Handel kommen — das ist eine Folge der nicht mehr zu verdrängenden Blousen-Mode! Von einer einheitlichen „Mode" kann man schon seit Jahren nicht mehr sprechen; es ist eben alles „Mode"! — Gestreift, karrierh gemustert, einfarbig, Changeant (Schiller), moiriert, Chine, Foulard, Merveilleux, Louisine, Taffet, Atlas rc. rc. — Am bevorzugtesten von Geweben bleibt wieder: Taffet rn weiß, schwarz, farbig, bedruckt und gemustert. Daneben: Louisine, Chine und die unvermeidliche Foulard-Seide! — Auch „Schotten", die kaum als abgethan gegolten, tauchen wieder in neuen Farbenstellungen auf, darunter „blau mit grün", als hochmodern! — Gestreifte Seidenstoffe in ungezählten Dessins, ebenso aucb Karo's sind von Parrs und London fürs Frühjahr bestellt worden. Eine Hauptrolle dürften die duftigen Seiden-Mousselines, bedruckt, spielen. Für die Reise werden wieder die gelblich-grauen Stoffe in Linon und Rohseide die Führung übernehmen, da sre sich in der letzten Saison als ungemein praktisch bewahrt haben. — Für Gesellschaftstoiletten im kommenden Winter, werden viel die hochfeinen, edlen Crepes de Chine bestellt, die seit Jahren vernachlässigt worden sind. In Damasten sind große Dessins auf mattem Fonds, sowie Morree mit Chine-Effekten bevorzugt. — Moderne Farben smd: grau, 2ent (grün), fraise, pfaublau, dunkel-violett, electrrc braun in allen .Abstufungen. Preisrätsel. Infolge der überaus zahlreich eingegangenen Lösungen unseres Preisrätsels können wir die Namen der Gewmner erst am L , Mittwoch, dem 8. Oktober bekannt machen. Die Redaktion der Gießener Familienblatter,, Worträtsel. (Nachdruck verboten.) Die Eins und Zwei, zu denen wir Auch dermaleinst gehören, Sie ruhen aus in Drei und Vier, Und nichts mehr kann sie stören. Das Ganze nennt den Mann, der dann An ihnen seine Pflicht gethan. . (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.r Hand, Ei, Ida, Reid, Rost, Insel, Chor, Haut — Heinrich. Redaktion: Curt Plato.— Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universttäts«Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.