Montag den 4. August, 1902. — Nr. 114 -ti n w ^..«WnnwpF ■SMl liUW^W VN Km® H (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-York. Bon Heinrich Lee. Erstes Kapitel. „Ein Brief von Bell", rief Ottilie lebhaft. Daß er von Belt war, verriet nicht nur die stolze, steile Handschrift auf dem Couvert, sondern auch die amerika- Nische Marke. Sie-trug den Poststempel New-York. Ter Brief lag noch, .nttt einigen andern und den Zeitungen auf oem sehr einladend gedeckten Frühstückstisch,, der auf der Veranda stand. Unten aus dem Garten, der, Von einem vornehmen, vergoldeten Gitter umschlossen, an die komfortable Billa stieß, wehte der Rosenduft her. Er Misckte sich mit dem verlockenden Aroma, das in weißen Dampfwölkchen aus der silbernen Kaffeemaschine strömte. Ottilien gegenüber — sie war noch im Schlafrocke und dreser Scklafrock kleidete ihre elegante Erscheinung ganz besonders glut — saß ihr Mann. Geheimrat von Angern war schon seit vielen Jahren leidend. Er verbrachte sein Leben, nachi- dem er den Dienst im Ministerium quittiert hatte, im Rollstuhl. Er war nur zwölf Jahre älter als seine junge Brau, aber mit seinem verfallenen, vom Leiden zerstörten esicht sah er wie ein Sechziger aus. Was man an dem Geheimrat rühmte, war, daß er seine Krankheit mit mög^- lichster Bonhommie, ja mit Humor ertrug, Gemütsvorzüge, die in ihm mit einer gewissen Ironie verbunden waren. Auch, war er darauf bedacht, daß Ottilie unter seinem Zustande möglichst wenig zu leiden hatte. Gesellschaften, Theater, Konzerte besuchte sie nach wie vor. AG Chapeau d'Honneur diente ihr dabei ihr Vetter. Aus einem kleinen thüringischen Fürstentum kommend, ein Freiherr von Schöneck, hatte er sich der diplomatischen Earriere gewidmet. Nachdem er seine ersten Jahre auswärts im Konsulatsdienst verbracht hatte, war er nun als Legationssekretär der Gesandtschaft seines kleinen Vaterlandes am Berliner Hofe zugeteilt. Als Ottiliens einziger Verwandter, denn der Geheimrat selber hatte keine Verwandten, besaß er somit lauf die Ritterdienste, die er Ottilien leistete, ein vollkommenes Recht; das hinderte aber nicht, daß im übrigen der Geheimrat mit seiner Frau sehr glücklich; lebte und das Angernsche Haus gehörte bekanntermaßen zu den, wenn auch nicht geräuschvollsten, so doch behaglichsten von ganz Berlin. Bell, von der dieser Brief gekommen, war eine Jugendfreundin von Ottilie. Sie waren zusammen in derselben Dresdener Pension gewesen. Bell Cookson war Amerikanerin. Ihr Vater war der berühmte Salpeterkönig und hundertfache Dollar-Millionär. Ihre Mutter wär, als sie Bell zur Welt brachte, gestorben. Eines Tages langte in der Pension für Bell ein Telegramm an. Es kam von Mer. .Vater. Er Wlte sich sehr krank und wünschte, daß nach „Also!" Zärtlich zog er ihre Hand an seine Lippen „Fast zehn Jahre ist es her", fuhr Ottilie lebhaft fort, „daß wir uns nicht mehr gesehen haben. Ich bin doch Bell sofort nach New-York kam. Einige Wochen später benachrichtigte Bell ihre Freundin, daß ihr Vater einer Herzkrankheit erlegen war, die er sich, durchi übermäßige Anstrengungen zugezogen hatte. Bell blieb nach dem Tode ihres Vaters in New-York. Auch nach Beendigung ihrer Vormundschaft und nachdem sie die Herrin ihres ungeheuren Vermögens geworden war, blieb sie dort. Mit Ottilie verband sie ein reglmäßiger, wenn auch nicht häufiger Brieft wechsel. Obwohl sie sich mit Ottilie in dem gleichen Alter befand und nun also schon sechsundzwanzig Jahre alt war, so war sie dennoch unverheiratet geblieben. Nun waren, seit Bell Europa verlassen hatte, fast zehn Jahre vergangen und nun schrieb sie. — „Denk Dir", unterbrach, Ottilie ihre Lektüre, „sie will, nach, Europa, sie will mich, besuchen!" Der Geheimrat wußte von Miß Bell Cookson nur soviel, wie ihm in Vorstehendem Ottilie gelegentlich von ihr erzählt hatte. Ottilie lächelte jetzt und schüttelte unwillkürlich bett Kopf. Dann war sie mit der Lektüre fertig. „Sie muß eine richtige Amerikanerin geworden fein", sagte sie, „überspannt und schrullenhaft. Eine richtige Milliardärin. Andere Leute kommen nicht, auf so eine Idee." „Auf was für eine Idee?" fragte der Geheimrät, und goß sich die erste Tasse ein. „Sie schreibt, ihr Reichtum wäre für sie eine Qual. Tie Menschen betrachteten sie nur als ein Ausbeutung^ objekt. Deshalb möchte sie ihm, um aufzuatmen, eine Zeitlang entfliehen, deshalb eben möchte sie nach Europa, hierher zu uns nach Berlin, wo sie niemand kennt. Niemand soll erfahren, wer sie ist. Wir sollen von ihr sagen, daß sie eine Freundin von mrr sei, die von einem kleinen väterlichen Erbteil lebt. Tas soll ich! ihr bei allem, was mir heilig ist, bei unserer Freundschaft versprechen. Nun — findest Du das nicht überspannt?" „Im Gegenteil, Otti", erwiderte der Geheimrat nach einer kleinen Pause, „es mag romantisch von Deiner Miß Cookson sein, originell; aber überspannt, das heißt unvernünftig? Eine, zwei oder drei Millionen, die find ein Vergnügen. Wer hundert Millionen, dazu noch Dollar-Millio- ttett, die sind für einen Menschen eben eine Last. Außerdem ist sie ein Weib. Es scheint tut Gegenteil, daß Deine Miß Cookson eilte ganz kluge, vernünftige Dame ist," Ottilie seufzte komisch. „Ich! sollte ihre hundert Millionen haben. Mir wären sie keine Last." „Fehlt Dir in Deinem Leben etwas? Außer natür-. lich, daß Du zum Manne einen schnöden Krüppel hastA „Du sollst nicht so reden!" 454 sehr neugierig, wie sie sich enlwicreit hat. Schon damals in der Pension hatte sie etwas Merkwürdiges an sich. Sie war immer sehr ernst und nachdenklich. Ich war ihre einzige Freundin, obwohl ich noch heute nicht weiß, was sie an mir so Besonderes gesunden hat." „Sie hat eben Deinen Wert erkannt — wie ichch „D u machst Dich natürlich lustig. Und dabei hat sie mir ihre Freundschaft, ihre Anhänglichkeit bewahrt, diese ganzen zehn Jahre hindurch, obwohl uns ein Ozean trennt und obioohl es ihr drüben an Freundschaften gewiß nicht fehlen wird." „Das beweist, sie hat ein festes, treues Gemüt, dem der Reichtum nichts geschadet hat. Je mehr Du mir von ihr erzählst, desto sympathischer wird sie mir. Eins, das hast Du mir niemals gesagt — ob sie hübsch ist." „Hübsch? Nein. Das konnte man nicht von ihr sagen. Wenigstens damals nicht. Aber wer ist denn schließlich überhaupt als Pensionsmädchen hübsch? Ich glaube, ich war es auch nicht- Wir hatten alle das gleiche schreckliche Peusiouskleid an. Im Sommer, wenn wir wie eine kleine Herde Schafe in den Großen Garten getrieben wurden, war es ein braunes Wollkleid, im Winter ein fürchterlicher blauer Loublemantel. Wir mußten wie die Vogelscheuchen ausft'hen. Unsere gute Sanderson schwebte in einer ewigen Angst, es könnte sich auf unfern Spaziergängen mal ein junges Herr in eine von uns verlieben. Aber davon abgesehen, ich glaube, hübsch war Bell doch nicht. Vielleicht aber hat sie sich geändert. Wenn man hundert Millionen hat und sich die schönsten Diamanten kaufen kann, dann ist das immerhin mögliche" „Nun müßte Dir jemand zuhören, der Dich nicht kennt. Weißt Du, was der von Dir denken würde? Daß Du eine böse Zunge hast oder daß Du Deiner Freundin ihreMillionen nicht gönnst." „Wer mich nicht kennt. Aber Du kennst mich doch! Vielleicht beneide ich sie au