(Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marte Stahl. (Fortsetzung.) Traute machte eine ungeduldige Bewegung, während Hulde in Thränen ausbrach. „Papa muß noch einmal zum alten Lehmigke gehen, und ihm die Sache persönlich vorstellen." „Das nützt ja nicht. Der alte. Lehmigke läßt ihn immer abweisen, er nimmt ihn nie an. Wozu soll er sich dieser Kränkung noch einmal aussetzen? Tu kennst Papa, wie niedergedrückt er schon ist. Ich hin in entsetzlicher Angst um ihn. Hast Tu den Schlüssel Hulde, zu dem Kabinett, in welchem der Pistolenkasten steht? Ja? Tann halte ihn gut in Verwahrung. Daß nur um Gottes willen Papa nicht in einem unbewachten Augenblick hinein- kommt." Ein trauriges Lächeln flog über Trautens Zuge. „Wie ost haben wir nun schon die Pistolen, und sogar die Papierscheeren versteckt! Ist denn keine Hoffnung, je aus dieser Misere herauszukommen?" „Wenn nur Onkel Lothar oder Tante Emmeline Papa noch einmal geholfen hätten!" seufzte Frau Velten. „Tie Häuser steigen jetzt wieder im Wert, und wenn wir uns noch eine (teilte Weile halten könnten, würden wir wahrscheinlich durch Verkauf oder Tausch ein vorteilhaftes Geschäft machen, und die Sorgen los werden. Es ist ein Unglück, 'daß niemand mehr Kredit geben will." Aber Papa hat jedesmal gesagt: „Wenn mir nur dieses eine Mal noch geholfen wird, dann kann ich mir selbst helfen." Es ist kein Wunder, daß es niemand mehr glauben will", warf Traute ein, indem sie finster vor sich fiiitj'tctTttß* „Es hat ihm eben niemand durchgreifend geholfen", entschuldigte Frau Velten. „Ach, daß wir uns doch selbst helfen könnten, statt von anderer Gnade abhängig zu sein!" stöhnte Traute, indem sie beide Hände an die Stirn preßte. „Wie beneide _ ich die kleine Schneiderin, die da oben bei uns vier Treppen Ml -)vch wohnt. Sie arbeitet die Woche hindurch^ Sonntags J ttff aufrg- H-KLq> *• V--J Freitag den 4. Juli. 1902. — Nr. 98. 1902. — Nr. 98. Freitag d WeßeMWlienbli Untechalkmgsblall M iGie^enerZm^igerWettMl-Allzeiger) Friedrich Ratzel. Staub kehrt zum Staub zurück. JägÄ „scr Wachstum in Geist und Kultur, alles, waS wir zivilisatori- scheu Fortschritt nennen, ist eher dem Aufsprießen einer Pflanze c,lz dem unbeengten Aufschwung eines BogclS zu vergleichen. Immer bleiben wir an die Erde gebunden, und den Zweig kann immer nur der Stamm tragen. Die Menschheit vermag ihr Haupt in dcn reinen Aether zu erheben: ihre Füße müssen immer an der Erde hasten, und der geht sie mit ihrem Schatz aus, und ist unabhängig tote ein König. Die verdient das Brot selbst, das sie ißt —. das ist die einzige Freiheit, die es aus Erden gießt und das Ehrenvollste, was es gießt! Wie nichtig erscheint mir alles das, was wir Ehre nennen, und wofür wir soviel opfern. Es ist alles gemacht." „Aber, liebes Kind, eines schickt sich nicht für alle- und die verschiedenen Gesellschaftsklassen haben auch verschiedene Ehrbegriffe. Du würdest Dich doch wahrscheinlich nicht mit der Ehre begnügen, für Geld schneidern." Frau Velten sprach mit einer gewrssen Gereiztheit., „Doch, Mama, doch. Ich würde mir jede Arbeit hur Ehre anrechnen, die mich unabhängig machte! fltur nrcht von anderer Gnade leben in ewiger Unfreiheit." Frau Velten sah aus, als wäre ihr sehr unbehaglich zu Mute. „Du hast zuweilen sonderbare Ansichten, ich weiß nicht recht, was Camill Stauffen dazu sagen würde. Als Hulde und Traute an diesem Wend ihr gemeinschaftliches Schlafzimmer aufsuchteu, sagte Traute, aus ihrem Bette sitzend, nachdem sich die Schwestern in trübem Schweigen entkleidet hatten: „Es muh sein, Hulde, ich fahre morgen nach Berlin." „Zu wem?" „Zu Camill. Gr must mir helfen." Hulde schwieg nachdenklich. „Es muß sein", wiederholte Traute. „Könntest Du nicht deswegen an ihn schreiben?"■ „Nein, erstens ist das Zeitverlust, und zweitens kann man so etwas nicht schreiben. Ich muß ihn sprechen. Und sollte er mir durchaus nicht helfen können, so muh ich direkt nach Brantikow zu Paul Lehmigke fahren und sehen, was ich dort ausrichte. Ich habe mir bereits alles überlegt." „Soll ich Dich begleiten? Oder vielleicht Armin?" „Nein, auf keinen Fall. Der Kosten wegen." „Aber eigentlich ist es doch nicht passend — Du allein —" „Ich dächte in unserer Lage hören konventionell« Rücksichten auf. Wenn es gilt, Vater und Mutter Existenz und Leben zu retten, ist alles passend. Ich bestelle Camill auf deu Bahnhof, und werde dort mit ihm bleiben. Mit dem Abendzug komme ich zurück, wenn ich nicht weiter nach Brantikow muß." „Egon wird entsetzt sein, wenn er das hört!" warf Hulde ein. Traute zuckte die Achseln. „Ich kann ihm nicht helfen, ich weiß keinen anderes Ausweg, und Egon wahrscheinlich auch nicht." Als Trautens Eltern am folgenden Morgen von ihrem Entschluß hörten, gaben sie mit schwerem Herzen ihre Einwilligung. Herr Velten kostete in vollen Zügen die Tragik der Situation aus. Aber er besah nicht nrehr die Kraft, seine Tochter von diesem Opfer zurückzuhalten, und sich selbst zu helfen. Er war es sich selbst nicht bewußt, wie tief ihn die Not von einem früheren idealen Standpunkt herabgedrückt hatte. 390 Siebzehntes Kapitel. Als Traute am folgenden Tage im Däinp-fzug in bas weite, freie Land hineinflog, ließ sie Kummer und Sorgen in den beengenden Stadtmanern, weit hinter sich zurück. Die Jugend machte ihr Recht geltend, und die Freude auf das Wiedersehen mit dem Geliebten. Bei ihnl wird sie Hilfe und Trost finden. Gr liebte sie, und weil er sie liebt, wird er sie vor Demütigung, vor Ar- ttutt und Elend schützen. Sie hat ihn in den vier Jahren der Trennung selten gesehen, und er hat nicht offen geschrieben. Er war in ein schlesisches Kavallerie-Regiment eingetrete», und hatte mit einjährigem Urlaub mit einem österreichischen Prinzen eine Reise um die Welt gemacht, von der er vor kurzem heimgekehrt war. Traute hatte ihn seitdem nicht gesehen, aber früher war er bei jedem ihrer kurzen und seltenen Wiedersehen der alte, feurige Liebhaber gewesen, und in seinen Briefen hoffte er immer noch aus Tante Camillas Tod, und versicherte sie, daß Lori Drachenberg ihm ebenso unausstehlich sei wie früher. Sie hatte in all diesen Jahren über das wachsende Elend in ihrer Familie geschwiegen. Sie war zu stolz zum Klagen. Sic hatte ihn nur zwischen den Zeilen ahnen lassen, wie es um sie stehe, und sie glaubte, seine Liebe müsse alles verstehen. Es war so schwer, so bitter, das ganze Unglück zu bekennen. Er hätte ihr natürlich sofort seine Hilfe angeboten, und ihr Stolz sträubte sich so lange als möglich gegen die Unfreiheit einer solchen Verpflichtung. Sie hatte sich tapfer bemüht, sich aus eigener Kraft zu helfen, aber sie war im Begriff, daran zu verzagen. Es war entsetzlich schwer, zu arbeiten und Geld zu verdienen, wenn man nicht dazu erzogen ist. Alles, was sie mühselig mit ihren Malereien und mit Stuudengeben erwarb, ivar in ihrer Notlage wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Und nun kam das große Unglück, dessen Wogen ihr Über dem Kopf zusammenzuschlagen drohten. Jetzt gab es keine Hilfe mehr aus eigener Kraft, und der Augenblick war gekommen, wo der Geliebte das erste Recht auf ihr Vertrauen hatte. Sie durste sich vor keinem andern demütigen als Bittende, so lange er sie schützen und ihr helfen konnte. Und schon im voraus kostete sie das süße Gefühl des Geborgenseins im Schutz der Liebe. Wie eine strahlende Vision steigt das Bild eines solchen Glückes vor ihrem inneren Auge aus, als sie die sonnige Land- schast durchflog. Und das ganze Land steht in der ersten Pracht des Sommers, selbst die weite, monotone Ebene Mit den großen Korn- und Wiesenflächen, den schnurgeraden Pappel- und Obstalleen, und den graugrünen Kieferheiden entzückt fie: denn die Felder sind grün, und wogen schon hoch in Aehren, auf den Wiesen hat die Heuernte begonnen, die kleinen Städte und Dörfer am Wege sind alle in Blüten begraben, und der blaue Junihimmel hat sein leuchtendes Zelt über die lachende Welt gespannt. Trautens Herz klopfte zuiu Zerspringen, als sie schon von fern Stausfens stattliche Gestalt aus dem Bahnsteig der großen, rußigen Einfahrtshalle in Berlin erkannte. Sein Anblick überraschte sie, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Er war noch schöner geworden, reifer und Männlicher, die Uniform klerdete ihn prächtig. Er war seit kurzem nach Berlin kommandiert mit der Aussicht, dort mindestens ein Jahr zu bleiben. „Das ist mal eine vernünftige Idee von Dir! Tu »leibst natürlich ein paar Tage hier", sagte er sreude- trahlend, als er Traute aus denr Wagen hob. „Und wie wächttg Du aussiehst, beim Zeus! Du wirst mit jedem Jahr^ schöner!" Traute lächelte glückselig. Tas ganze Jahr mit seinen Mengsten und Sorgen, seinen Zweifeln und Schmerzen, mit der ost brennenden Sehnsuchtspein war wie ausgelöscht durch die große, überwältigende Freude des Wiedersehens. '/Ich muß heute abend wieder zurück, ich komme nur, nm Wichtiges mit Dir zu besprechen. Giebt es hier aus dem Bahnhof kein Plätzchen, wo wir ungestört zusammen Hetzen können?" „Hier aus dem Bahnhof? Welch eine Idee! Du kommst doch nicht nach Berlin, um m dieser alten Bude zu bleiben! Vor allen Dingen müssen wir jetzt zu Mittag essen. Ich weiß ein nettes Lokal, wo wir möglichst ungestört sind."' Es' schien Traute ein Zaubertraum', als sie an Staufsens Seite in einem offenen Wagen durch das Straßengetümmel Berlins fuhr. Es wär nur ein gewöhnlicher Wochentag, aber Berlin sah aus, als feiere es ein Fest. So viel Glanz, so viel Pracht, so viel heiter bewegtes Leben, so viel fröhlich brausender Lärm überall. Ueberall Eleganz und Luxus, lockender, üppiger Lebensgenuß, auf offener Straße, in den Schaufenstern, und von allen Mauern der Steinpaläste lachend. Und all dies nur der glänzende Rahmen für die herrliche Gestalt des Geliebten. In einem eleganten Lokal Unter den Linden bestellte Stausfen ein Mittagsmahl. Die auserlesensten Leckerbissen, welche die Speisekarte bietet. Ter Tisch ist in einer der separierten Nischen gedeckt, in der sie ziemlich ungestört sind, und ungestört plaudern können. Durch die gelbseidenen Fenstervorhänge fällt ein warmes, goldenes Licht rn das üppig ausgestattete Gemach. Ueberall schwellende Polster, blitzende Vergoldung, Spiegelglas und farbenprächtige Wandgemälde, die blühende Landschaften und erotische Szenen darstellen. Stauffen nimmt Traute Hut und Mantel ab-, streift ihr selbst die Handschuh von den Händen, und sagt immer wieder: „Wie froh bin ich, daß ich Dich da habe! Jetzt lasse ich Dich sobald nicht wieder fort!" Traute lächelt, sie macht sich den Sinn seiner Worte nicht ganz klar, sie hört nur die Freude des Wiedersehens heraus. Wie betäubt von Glück lehnt sie in den Sammet- polstern, und Camill beugt sich über den Tisch, und küßt ihre Fingerspitzen, alle zehn nach der Reihe. Er hat Sekt bestellt, und spricht dem Mahl mit kräftigem Appetit zu, während Traute nur an den guten Dingen nascht, und an dem Kelchglas nippt. Camill vergißt ganz, nach Trautens Anliegen zu fragen, er plaudert und scherzt in dem Ton, der auf dem Parkett und Turf gebräuchlich ist, sein ganzes Wesen ist eine stete Champagnerlaune, die Quintessenz raffinierten Lebensgenusses. Und wie er jetzt mit heißem, geröteten Gesicht nach beendetem Mahl die Uniform lockert, und sich behaglich eine duftende Havanna anzündet, ist er das Bild strotzender Lebensfülle, und jenes Frohmuts,' der nur unter den günstigsten Lebensbedingungen gedeiht. Gr sieht Traute mit heißen Blicken an, er legt die Zigarre weg, setzt sich zu ihr, und zieht sie zärtlich in seine Arme. Sie sind ja allein hinter der seidenen Portiere, allein mit dem Sommersonnenschein, und den süß duftenden, dunkelrvten Rosen, die er Traute an die Bahn gebracht hat. Wer wie er fte küßt, fühlt er etwas Feuchtes auf seinen Wangen, und er sieht, daß die Thränen unaufhaltsam aus ihren Augen stürzen. Das Bewußtsein ihres Unglücks ist ihr plötzlich mit verdoppelter Schärfe zurückgekehrt, der ganze Kontrast ihrer lläglichen Lage, und der glänzenden Lebensstellung des Geliebten drängt sich ihr unabweisbar auf. In der Welt, in der Camill lebt, ist der Erfolg Gott, für Unterliegende hat sie keinen Platz. Ach, und wie wunderbar schön ist diese Welt im Sonnenschein irdischen Glücks! Der Gedanke an ihr Elend erfüllt Traute mit Schauder. Und wie Camill jetzt zärtlich besorgt, wenn auch etwas ernüchtert, nach der Ursache ihrer Thränen fragt, denn Thränen und Traurigkeit sind ein schlechtes Dessert nach einem guten Mittagbrot — klammert sie sich hilfeflehend an ihn, und stammelt das Bekenntnis ihres Unglücks heraus. Camill sieht etwas bestürzt aus, aber weniger als sie befürchtete. „Das habe ich mir längst gedacht, daß es so kommen würde. Schon damals in Leipzig. Die schlechten Verhältnisse Deines Vaters waren stadtbekannt, und Deine Eltern sind ja beide unklug in praktischen Dingen. Das konnte jedes Kind sehen, wohin es kommen mußte." Traute sah ihn sprachlos an. Also Camill wußte längst, was sie immer ängstlich wie ein Geheimnis vor ihm gehütet hatte. „Dein Vater muß sehen, die alte Bude los zu werden, und eine standesgemäße Anstellung suchen", fuhr Camill fort. „Er hatja viele Freunde und Konnexionen von früher her, einem Mann von seiner Persönlichkeit, einem gewesenen Offizier kann es nicht schwer fallen, eine Stellung und etwas Passendes zu finden. Ich werde mir die Sache überlegen, vielleicht kann ich einige meiner Verwandten dafür interessieren. Ich muß natürlich vorsichtig sein, damit nicht mein Name zur Unzeit mit dem Euren in Verhindung gebracht wird. Meine Familie hat eine hölliscb 391 scharfe Spürnase, und gerade unter den obwaltenden Umständen Darf sie nichts von unserem Verhältnis ahnen." Er philosophierte dann weiter, wie vielen Landwirten es heutzutage ebenso ergehe wie Herrn Velten, es sei eine niederträchtige Zeit, in der nur der Schacher prosperiere, und kein Kavalier existieren könne, ohne einen Fonds von ganz unverwüstlichen Kapitalien. „Aber", fiel Traute angstvoll ein, „Papa braucht Hilfe — sofort. Wenn er nicht in spätestens acht Tagen die nötige Summe hat, sind wir am Bettelstab. Es ist entsetzlich! Weißt Du keinen Rat, keine Hilfe?" „Liebes Herz, er wird das Geld nirgends bekommen, und es ist besser, es kommt zu der Krisrs, die doch nicht mehr aufzuhalten ist." „Ach nein, nein! Es ist zu furchtbar — Camill — hilf mir, kannst Du nicht helfen?" (Fortsetzung folgt.) Alte Denkmäler auf dem Friedhöfe an der Licher Straße zu Gießen. (Nachdruck verboten.) Bei der bevorstehenden Eröffnung des neuen Friedhofes am Rodberg dürfte es interessieren, einiges über das Alter des seither benutzten Friedhofs und seiner Grabdenkmäler zu erfahren. Der Friedhof an der Licher Straße wurde im Jahre 1530 von Philipp dem Großmütigen angelegt. Bor dieser Zeit wurden 'die Toten von Gießen zum Teil bei der Kirche zu Selters auf der Höhe an der Frankfurter Straße bestattest, zum Teil auf dem Kirchhofe bei der zu Anfang des 16. Jahrhunderts errichteten Kirche, die an den heutigen Glockenturm anschloh. Mit Erweiterung der Stadtbefestigung und Aufführung eines 40 Fuß hohen Erdwalls unter Philipps Regierung war die Benutzung der Kirche und des Friedhofs am Seltersberg für die Festung Gießen störend, weshalb der Landgraf die Kirche zu Selters abbrechen und den Friedhof an die Licher Straße verlegen ließ. Die Friedhofskapelle wurde später errichtet, und zwar, wie aus einemMlten Bilde auf der Gallerie hervorgeht, „im Jar 1623 ” Johannis Baptistae von Johannes Ebelln zum Hirsch, der stat Gießen verordneten bauherrn." Sie wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts restauriert, verfiel aber! ganz mit der Zeit, bis sie vor etwa 50 Jahren wieder hergestellt wurde. Aus der ersten Zeit der Benutzung des Friedhofs ist kein Denkmal vorhanden. Aus Unverstand, Rohheit und Pietätlosigkeit find die ältesten Grabsteine zerschlagen und als Mauersteine benutzt worden. Das älteste vorhandene Denkmal dürfte ein beim Eingang rechts an der Mauer stehender kleiner Stein sein, der die Aufschrift trägt: „Anno 15/9 12. Dez. ist die ehrsame Joh. Kempf Radis Frau zue Gißen sehglich entschlaffen, der Got genae, der Gerechten Selen sind in Gotes Händen." Die noch erhaltenen Grabdenkmäler sind meist von ihrer ursprünglichen Stelle entfernt worden und stammen zum größten Teil aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Grabschrift ist vielfach in lateinischer Sprache abgefaßt. Die Schrift der an der Umfassungsmauer befindlichen Steine ist meist verwittert und schwer zu entziffern. Hier ist beachtenswert das. Denkmal des Professors der Theologie I o h. I a c ob Ram b a ch mit Porträt, der von 1693 bis 1735 lebte, sowie ferner das künstlerisch ausgeführte Epitaphium des Festungskommandanten Wilh. Mich. Ludw. Langsdorf, geb. 1664. Daneben finden sich mehrere Grabsteine der Familie Tasche, so des Kauf- und Handelsmannes, auch Ratsherrn Job. er h- Tas ch6, geb. 1695. Weiter sind hier noch zu erwähnen die Grabdenkmäler des Prof, und Seniors der Phil. Fakultät Joh. Weiß, geb. 1620 in Eisenach, gest. 1685, des Grafen und Stadtpräsekten Phil. Nie. Aug. von Otten- X0 IJ' rchue Jahreszahl, des 1. Lehrers am Paedagvgium ^50v- Iac. Lud. Borcke, gest. 1784, der Frau Ivh. Staub, geb. Lottmann, Gemahlin des Dan. Staub, „fürstk. Hess. Steuer Land Renovatur Kommissarius", errichtet 1691. Ferner findet sich an derselben Mauer der Rest eines Grab- Lenkmals für einen Edlen und seine Frau, wie die nebenstehenden Figuren zeigen, leider ohne Jahreszahl und Auf- schrift. In der Mitte des Steins sieht man eine Figur, die die 3 rechten Finger zum Schwur in die Höhe streckt, mit der linken Hand' die Kreuzessahne hält. Neben bemerkt man die 3 Frauen, die am Ostermorgen zum Grabe des Erlösers wandern. Ringsum an dem Stein sind die Wappen eingehauen der Herren von Hausen, Schmalbach Stauer, Urff, Wettersborck, Lewstein, Grifste, Döringeberg, Dak- wigk, Breidenstein, Kinzebach, Hadtenbach mit denen die Verblichenen in näherer Beziehung gestanden haben müssen. Ein kleiner Sandstein au der Mauer weist auf die Ruhestätte des Hänrich Stumpff, gew. Leudtenant zu Roß und Gasthaber im Weißen Roß", gest. 1663. Besser erhalten sind die ringsum an der Kapelle ausgestellten Grabsteine. Sie enthalten meistens Namen von Gelehrten und ihren Angehörigen; daneben finden sich auch Namen von angesehenen Bürgern und Ratsherrn, die heute noch in Gießen vertreten sind. Ans der Seite am Eingänge zur Kapelle nach Norden hin sind 16 Gedenksteine aufgestellt. Wir erwähnen unter anderen das Denkinal des Apothekers und Ratsschöffen Joh. Conrad Scipio, geb. 1653, ferner des Rats und Gerichtsschöfsen, auch Kirchen-Seniors und Wahlwebers Joh. Conr. Wormser, des tz e inr. Jo h. B a st aus Herborn, gewesenen Nachrichters (Scharfrichters), gest. 1713. Daneben findet sich das Denkmal des Universitäts-Buchhändlers und Buchdruckers Nie. Hampel, ohne Jahreszahl. Darauf folgen die Grabsteine der Cath. Elis. Liebknecht, Ehefrau des Pros, theol. Joh. Georg Lieb?, knecht, die 1687 starb, des Ioh. Melchior Weitich, Bürgers und Metzgers, geb. 1653, gest. 1702, des I o h. Kemp ff, Mitglied des „Sechs zehenden Rats", geb. 1647, gest. 1701, des Bürgers I o h. Dan. Löb er, der 1648 geboren wurde und mit einer geborenen Sack verheiratet war, ferner das Denkmal der Frau Schenck, Ehefrau des Syndikus und Gerichtsschöffen Dan. Joh. Jeremias Schenck, einer Tochter des Pharmakologen Stvckhaus und zuletzt die Gedenktafel für den 1691 geborenen und 1765 verstorbenen Rats- und Gerichtsschöfsen Feuerbach und seine Gemahlin. Auf der Westseite der Kapelle find 8 Denkmäler ausgestellt. Als erster Grabstein ist hier zu erwähnen der der Ehefrau Sophie Marte Balser, geb. Möller, Gemahlin des Joh. Balchaser Balser, „Hess, fürstl. Mit Ober Einnehmer und Stattschreiber zu Giesen", errichtet 1708. Hieran schließen sich folgende Gedenksteine, der des Prof, Heinr. Möllenbeck, geb. 1622 in Rinteln, gest. 1693; der des Metzgers Conr. Bogt, errichtet 1676 für seine Vorfahren, das Epitaphium des Joh. Wo t s ch e n do r s f,- Buchbinders, Ratsverwandten und Kirchen-Seniors, errichtet 1685 „vor mich und meine verstorbenen Eheweiber und Kinder zum Gedächtnis des Todes", das Denkmal der „wey- laud viel Ehr und Tugendsamen treuen Frauen Ger- trautt Buschen, geb. Röderin, des weyland Edlen und wohlachtbarcn und wohlgelehrten Herrn Georg Buschen, geives. Psennigmeisters und Tranksteuerrevisors allhir Hinterbliebenen Witwe, geb. 1618, gest. 1703. Als letztes auf dieser Seite ist zu nennen das „imhoffische Epitaphium", errichtet von dem „ehrenfesten und kirnstverständigeu Baumeister Andreas im ho ff en zu Ehren seiner ,/Blutssreunde"! des Praeceptors und Organisten Joh. Fak. Buff und des Bürgers und Messerschmieds Simon Ritsche, sowie zum Gedächtnis an sein achtjähriges Töchterlein (1656). Auf der Südseite der Kapelle finden sich 9 Grabdenkmäler. Hier sei zuerst erwähnt das des 1. Rats, Gerichtsschöfsen, Kirchenältesten und Inspektors des „löblichen geistlichen Landkastens, Herrn I o h. Balth a s a r Ke mpff', geb. 1645, gest. 1716. Hierauf folgen die künstlerisch ausgeführten Epitaphien ehemaliger Professoren, das des Prof, und Kanzlers Joh. Nicol, v. Hert, gest. 1710, das des Prof. med. Nicol. Dill en ins, gest. 1720, das des Orators, Polyhistors und 1. Prof, der Mathematik Frieds Nitz sch ins, gch. 1640, gest. 1702, das des Prof. med. et rer. nat. und Rektors Joh. Melchior Verdrieß, geb. 1679. Außerdem seien noch genannt die Grabsteine des Schulinspektors Phil. WolpertSeltzer, geb. 1609, gest. 1660, und des ehemaligen Bürgermeisters, Rats und Ge- ric^tsschöffen Joh. Christ. Berdrieß, geb. 1652, gest Die östliche Außenwand der Kapelle enthält 9 Denkmäler. Wir verweilen zuerst bei dem Grabstein des „weyland Edel-Gros achtbar- und Manvesten Herrn Eberhard Ströhen in Giesen bürdig gewesenen fürstl. Hess.Darmst. bestverdienten Zeughauptmanus". „Nach dem derselbe am 5. May 1663 hey einem unvermütlichen entzündeten Feuer- — 392 — tfjr Werck, welches Er bearbeiten Helffen, Jämmerlich erschlagen, unziveisentlich aber seeligst verschied wird gegenwärtiger Grabstein zu unsterblichem Andenken und letzter Ehrenbezeugung allffgerichtet." 1664. Ferner sind auf dieser Seite noch zu erwähnen die Grabsteine des Bart holdThom, „ge- tvesenen gasthalters zum Wilden Mann in Gießen ist ge- bohren zu Buchenau im Hirschfeldtschen ao 1635", starb 1688, sowie der Elisabeth Müller, geb. Becker, Gemahlin des Professors, Oberbaumeisters und „Artellery Direktors", geb. 1597, gest. 1670. Treten wir in die Kapelle ein, so erblicken wir ringsum an den Wänden eine Reihe zum Teil wohl erhaltener künstlerisch ausgeführter Gedenksteine. Sie sind meist dem Gedächtnis gelehrter geistlicher Herren und dem um das Gemeindewohl verdienten Bürger gewidmet. Mr verweilen am Eingänge links bei dem Denkmal des berühmten Justus Feuerborn, der in Amtstracht dargestellt ist, „ein Herrlicher und umb die gantze Christliche Kirchen hoch verdienter und durch viele erbawliche Schriften weit berühmter Theo- logus und treuer" diener seines Hey'landes Jesu Christi. Ist vom Jahr 1616 bis in das 1656. und also bis ins 69. Jahr seines alters der Universität und Kirchen zu Gießen, Marburg und folgends wieder zu Gießen als ein Professor, Senior: Prediger ephorus und des Marburgtschen Theils Superintendens treulich fleißig und nützlich zu seinem unsterblichen Ruhm vorgestanden und ist am 6. Febr. anno 1656 in Christo Jesu sanft und selig entschlafen." Justus in Palma florebit. (Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum.) Gleich daneben findet sich in derselben Ausführung das Grabdenkmal des Peter Haberkorn, „der heil.Schrift doctor, Pfarrer, Superintendens und püof. theol. bey der löbl. Universität zu Gießen ein treuer Diener seines Heilandes Jesu Christi. Hat dem Fürstentum Hessen in die 44 Jahre als von 1632 bis ins 1676. Jahr nemlich ein fahr als Physicus Professor zu Marpurg, in die zehen Jahr als Hofprediger, in die 33 Jahr als Superintendens und zugleich 26 Jahr als Professor theologiae und also bis ins 72. Jahr seines alters treu und sleisig gedient. In domino est justitia et robures." (In dem Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke.) Ms dritter Gedenkstein folgt das Marmor- denkinal des Quaestors und Kammerrats Dan. Nie. Stipp, gest. 1658, mit dem Bilde des Verblichenen und seiner Frau A. Elis. Kath., einer geborenen Anthony. In der Ecke an der Ostwand findet sich die Gedenktafel für den Gertchtsschöffen zu Gießen und bei dem Provinzialgericht L u c a s F r a n tz, geb. 1659, gest. 1730. Am Eingänge rechts findet sich ein Gedenkstein, auf dem die Wiederkunft Christi zum Gericht dargestellt ist, und der die Aufschrift trägt: „Dises hatt H. Conrad Wagener Rath Schöffen all Htr Seiner liben Hauß Frau und Kindern Zu Ehren auff Richten lasen. Gott wolle sie Mle sampt In Seinen Schutz und genade nehmen und Ihnen Eine Fröhliche Auffer- stehung ver leyen, auff daß sie auch um den stul Gottes mögen stehn und sehen seine Herrlich Keht." Auf derselben Seite ist ferner zu erwähnen das Denkmal des J o h. Ja c. Wilh. Riegel mann, gest. 1695, eines Riedesel'schen Gerichtsbeamten, verheiratet mit einer geborenen Follenius. Der Gedenkstein ist errichtet von der Tochter und dem Schwiegersohn Franz Justus Kortholt, acc. Gis. Pvoean- cellarius. In der Ecke befindet sich die lebensgroße Figur einer Frau, ohne Aufschrift und Jahreszahl. Es soll das Bild einer Frau v. Berlepsch darstellen, die eine Stiftung hinterließ, aus der die Kinder der Stadtschulen alljährlich mit einem „Teigscher" beschenkt werden; daher die Stifterin im Volksmund den Namen „Teigscherfrau" führt. An der Westseite in der Ecke findet sich die Gedenktafel für Joh. Eb erh. Cron, Organist und Praeceptor zu Gießen, geb. 1605 zu Mombach in der Wetterau, gest. 1680. Weiter sei hier erwähnt das Denkmal für den Gerichtsschöffen Dan. Joh. MalcomesiUs, geb. 1585, gest. 1655, der sich, nach den auf dem Gedenkstein dargestellten Symbolen zu schließen, um die Landwirtschaft verdient gemacht hat. Die Gedenktafeln auf der Südseite enthalten meistens die Namen verdienter Universitätslehrer und Geistlichen. Es ist hier zu neunen der Gedenkstein des Christ. Busch, Licent. beider Rechte, aus Hamburg, geb. 1643, gest. 1667, (errichtet von Joh. Laur. Langermann aus Hamburg), des Professors Melch. Dethmar Griolm ann, geb-, bei Bochum 1668, gest. 1722, des Prof. Ierem. LaurentiuÄ Mögen, gest. 1692, des Prof. Heine. Che. Senckenberg, gest. 1744. Hierauf folgt das Grabdenkmal bed1 Dr. Ioh. Winckel- mann, mit lebensgroßem Bildnis, eines von den Marburger vertriebenen Professoren, des 1. Rektors des am 5. Okt. 1605 gegründeten Paedagogiums, der sich um di« Errichtung der Universität bedeutende Verdienste erworben. Das Dennnal trägt die Aufschrift: „Dies Ehrengedächtnisl hat die ehrenvolle, und tugendsame Frau Barbara Winckel- manns Wttbe, ihrem in dem Herrn ruhenden Ehevogt seligem mit welchem sie 13 Jahr, in Lieb u. Einigkeit gelebt. . .. zu seligen Ehren aufrichten lassen. — Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz rc. Gedenket an euere Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben rc." An der Seite des Denkmals sind Zirkel und Winkelmaß verzeichnet, was auf den Namen weist. Hieran schließt sich die Gedenktafel für Chr. Math. Pfaff, Dr. theol. und Prof, zu Gießen, geb. 1686 zu Bingen, gest. 1760. Errichtet von Fried. Ernst de Hopper. Daneben das Denkmal des M. Lu d. Seltzer, Superintendent und Pastor zu Gießen, der nach seiner selbst verzeichneten Grabschrift zuerst in Worms, daun 16 Jahre in Münster als Pfarrer gewirkt, bis er schon int vorgerückten Alter als Superintendent und Pfarrer in seine Vaterstadt berufen wurde. Er war geboren 1581 und starb 1642. Die letzte Gedenktafel nennt uns einen hochverdienten Gießener Pfarrer, den Dr. theol. Joh. Dieterich aus Gemünden an der Wohra, gest. 1635. 6 vermischtes. Eine wunderbare Irrfahrt hat eine Ansichtspostkarte gemacht, die am 31. August 1897 ein Kaufmann in Hagen an seine in Düsseldorf wohnende Braut aufgegeben hatte. Wie der Poststempel zeigt, kam die Karte am Abend des genannten Tages richtig in Düsseldorf an, doch gelangte sie nicht in den Besitz der Adressatin, sondern verschwand auf unerklärliche Weise spurlos. Nach fast fünf Jahren nun, am 16. Mai 1902, tauchte die Karte plötzlich in Rio de Janeiro auf. Da sie in diesen exotischen Gefilden nicht an den Mann zu bringen war, wanderte sie laut Poststempel wiedch^nach Düsseldorf zurück. Doch nun begann eine neue Irrfahrt für die Karte. Am 10. Juni findet sie sich plötzlich in Straßburg wieder. Abermals ging die Reise nach Düsseldorf, wo sie — wiederum nicht bestellt wurde. Bon da gelangte die Karte wieder nach Hagen an den Absender zurück. Dieser konnte der Post glücklicherweise den Bestelldienst erleichtern, denn die Adressatin war schon seit Jahren — seine Frau! Ein galanter Buchdrucker brachte einst bei einem Bankett folgenden Toast aus: „Die Frauen sollen leben I Sie sind das schönste Werk der Schöpfung; und da die Auflage eine sehr bedeutende ist, so möge niemand versäumen, sich ein Exemplar davon anzuschaffen." — „Der Mann hat gut reden", bemerkte einer der Gäste zum andern; „die brochier- tat Exemplare sind ost zu unansehnlich und die in Prachtband und Goldschnitt gebundenen sind meist höllische teuer." Magisches Quadrat. Nachdruck verbotene 1. Stand. 2. Kleines Gefäß. 3. Altjüdischer Schriftgelehrter. 4. Titelheld eines Dramas von Shakespeare. In die Felder vorstehender Figur sind die Buchstaben AAA, DD, EEEE, LL, O, BR, 88 derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichbedeutend sind und Wörter von der beigefügten Bedeutung bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.: Geduld ist die Kunst zu hoffen. (Schleicrmachcr.) Die Schlüsselwörter sind zu ordnen: Geld, Paul, Distel, Dieb, Kuli, Nest, Zulu, Hohn, Affen. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.