Mittwoch den 4. Juni. Nr. 82. 1902. Hi "HMjnJS f TOffl jOTC^ fr3»t^S ^HS^Mss s-M, i’h - rei Dinge machen dm Mann: weiser Rat, festes Wort und Sprichwort. saubere Finger. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. Erstes Kapitel. „Hör' mal, Tante, das ist stark!" „Was ist denn los?" „Tu schmökerst hier in aller Gemütsruhe Deine Rommee Und wir quälen uns unten mit diesen entsetzlichen Menschen!" „Ja, warum quält Ihr Erich denn?" „Du weißt doch, wie wichtig die Sache ist, wie dringend Papa wünscht, daß der alte Lehmigke auf das Geschäft eingeht. Wir müssen ihm alles im besten Lichte prüfen- iictcn." „Aber .Halbe, Du sprichst ja wie ein alter Schacher- jude. Das ist nichts fiir mich anständigen Christenmenschen. . Halde seufzte laut und vernehmlich. „Du hast recht. Es ist gräulich. Der arme Papa! mit solchen Leuten verhandeln zu müssen! Aberkomm nur, der alte Schirapsfabrikant wird Dir Spaß machen. Und sein Sohn Paulchen ist ein herrliches Exemplar von einem Kavalier. Und dazu der Agent! Ich . sage Dir, Du hast noch nie etwas Aehnliches erlebt!" Tränkens Buch, flog in eine Fensterecke und sie selbst sprang wie elektrisiert aus dem tiefen Lehnsessel, in dem sie behaglich zusammengekauert gelegen. „Ich komme gleich, Hulde. Aber warte, M). will mich schön machen. Ha, ha, ha! ich muß ein bischen Spaß mit diesen Schnapsrittern haben!" Sie lief nach dem Spiegel in dem behaglich ausge- ■ takteten Mädchenstübchen, das trotz altmodischer Einfache seit eine gewisse Vornehmheit des Stils zeigte, und ordnete hr prächtiges dunkelblondes Haar. In einer Minute riß ie ihre Kleider herunter, holte ein helles, allerliebstes Kostiim aus einem großen Schrank, der mit seinem Schnitzwerk und eingelegten Thüren noch aus Urgroßvaters Zeiten stammen mochte, und hüllte hastig die schönen, jungenGlieder in die kleidsame Toilette. Ein paar frische purpurrote Rosen, aus einer Vase genommen und in die Halsschleife gesteckt, vervollständigten den Anzug. „Komm nur", rief Hulde ungeduldig, „Tu bist schön genug für Baulchen." Tie Schwestern sprangen zusammen die gewundene, eichengeschnitzte Treppe hinunter, mit kindlich lachendem Uebermut. Sie glichen großen Kindern mit ihren runden. weichen Zügen, den frischen, rosigen Wangen und dem hellen, sorgenlosen Lachen der Augen, die noch nie eine Thränenspur getrübt zu haben schien. Hulde, die ältere, neunzehnjährige, ein wenig kleiner, zarter und blonder als Traute,, zeigte bereits die Reife der Mädchenjahre in ihrer anmutig geformten Gestalt, während Traute mit ihren achtzehn Jahren, mit der schwellenden Kraft ihrer gesundheitsstrotzenden Glieder noch einen letzten Rest vom unausi- geformten Backfisch an sich hatte. Unten im Salon der Mama war eine sehr ernsthafte Gesellschaft beisammen. Fran Velten, geborene von Lodenstein, die Hausfrau, eine Dame in den' Fünfzigern, saß mit etwas gezwungen freundlichem Lächeln auf dem Sofa, unter dem in Oel gemalten Porträt eines alten Herrn in Generalsuniform mit vielen Orden, und bemühte sich, einen jungen Mann zu unterhalten, der ihr die Arbeit ziemlich schwer zu machen schien. Sie erzählte ihm soeben mit gewinnender Liebenswürdigkeit von den Reizen des Landlebens, aber er sah wortlos vor sich nieder. Er mochte siebenundzwanzig Jahre alt sein und war mittelgroß und kräftig gebaut. Seine ganze Erscheinung war di eines gesunden, kräftigen Mannes, dem ernste Arbeit früh den Stempel der Reife aufgedrückt hat. Er war großstädtisch, doch ohne viel Rücksicht auf das Acußere gekleidet, er hatte nichts von einem Kavalier, doch alles von einem Arbeitsmenschen an sich. In einer Fensterecke standen drei Männer beisammen. Der Rittergutsbesitzer Belten, der Hausherr, ein großer, stattlicher Herr, dem man auf den ersten Blick den Preußen, den Landmann .und den gewesenen Offizier ansah, mit gesenktem Kopf und sehr nachdenklich seinen graublondeu Schnurrbart streichend, lauschte den beiden anderen Herren, die eifrig auf ihn einsprachen. Der eine, klein und ungeheuer korpulent, war der Besitzer einer Spritfabrik in Leipzig, Herr Lehmigke, wie man sagte, ein Millionär. Er war gekommen, um ein Tausch? ge'schäft mit dem Rittergutsbesitzer Velten zu machen. Er wünschte dessen Gut Brantikow, in der Mark gelegen, für seinen Sohn Paul zu erwerben gegen ein großes Mietsß haus in Leipzig, das Velten übernehmen wollte. Velten war in der Lage, das ererbte Familiengut Brantikow nicht länger halten zu können. Er war ein Landwirt vom alten Schlage, der sein Metier nür kavaliermäßig betrieben hatte. Tie neue Zeit mit ihren Anforderungen an Tüchtigkeit und Intelligenz wuchs ihm über den Kopf, seine Verhältnisse gingen von Jahr zu Jahr rückwärts. Einer Zeitströmung folgend, glaubte er sich zu verbessern, indem er die Landwirtschaft aufgab und Besitzer eines jener großen, städtischen Mietshäuser wurde, die man gerade als sehr einträglich rühmte. Ein Bekannter von ihm hatte auf diese Weise ein sehr gutes Geschäft gemacht. Und so bitter schwer es ihm wurde, dem Tauschgeschäft lag ein Zwang zu Grunde. Der alte Lehmjann hatte eure letzte. Hypothek auf Brantikow zu stehen. 326 Jetzt war Velten eine andere große Hypothek gekündigt, die er nicht wieder aufzutreiben vermochte. Um sein Kapital zu retten, wollte Lehmigke das Gut übernehmen, das sonst unter den Hammer gekommen wäre, und seine Hypothek sollte auf das Haus übertragen werden, das Velten als Tauschobjekt erhielt mit einem ganz kleinen Rest von Baranzahlung. Ter dritte Herr in der Fensterecke war ein Agent, den Lehmigke mitgebracht hatte, und um die Höhe der Baranzahlung drehte sich soeben das Gespräch. Velten wollte gern das doppelte haben von dem, was ihm geboten wurde, doch Lehmigke und Sedelmaier, der Agent, machten ihm klar, welch ein glänzendes Geschäft es für ihn sei, wenn er die Hälfte bekäme . Sie erörterten dabei mit der Schonungslosigkeit, die den Geschäftsmann kennzeichnet, seine Lage und weil er sich ihrer Routine und Rücksichtslosigkeit nicht gewachsen fühlte, biß er ingrimmig schweigsam in seine Schnurr- bartzipfel. In diesem Augenblick traten Hulde und Traute ein, und weil mit ihnen durch die geöffnete Thür ein Strom von Sonnenlicht drang, wurde das ganze, von außenstehenden Bäumen beschattete Gemach hell. „Ei, mein bester Herr", rief der alte Lehmigke, über das ganze breite, rote Gesicht schmunzelnd, „noch ein Fräulein Tochter? Wie viel solche Töchter haben Sie denn noch?" Und er ging mit einer gewissen tänzelnden Grandezza Traute entgegen, ihr die Hand zu bieten zum Gruß, während sein Sohn Paul eine schweigende, nur sehr kleine Verbeugung machte. „9citr diese beiden", entgegnete Velten zerstreut, indem er seine jüngste Tochter formell vorstellte. „Hören Sie, mit zwei solchen Töchtern sollte Ihnen doch nicht bange werden", flüsterte Lehniigke mit seiner fetten, quäkenden Stimme laut genug, daß 'alle int Zimmer es hören konnten. „Mit solchen Töchtern macht man heutzutage ein besseres Geschäft als mit verschuldeten Rittergütern!" Frau Velten auf dem Sofa zuckte erschrocken zusammen, als habe ihr jemand einen Schlag gegeben und blickte peinlich' verlegen erst auf den Gatten und dann auf ihre Töchter. Tie beiden Mädchen waren glühendrot geworden, aber in Trauteus dunklen Äugen blitzte der Uebermut. Velten richtete sich auf. Er sah in diesem Augenblicke sehr würdig und liebenswürdig aus- als er mit einem seinen Lächeln sagte: „Dazu sind uns unsere Kinder zu gut. Aber sag mal, liebe Frau, ist das Mittagessen noch nicht fertig?" wandte er fich an seine Frau, indem die nervöse Falte sich zwischen den Augen vertiefte. „Wir wollten eben zu Tisch rufen", erwiderten seine Töchter. Der Aufruf ins Eßzimmer erfolgte. Herr Lehmigke folgte dem Impuls seines Gefühls und nicht den Regeln oer Etikette, indem er :d-er bübschen blonden Hulde den Arm reichte und es Herrn Sedelmaier überließ, die Hausfrau und Mutter zu führen. Als sein Sohn Paul, der Traute wortlos angeblickt hatte, mit dieser Kavalierspflicht ihr gegenüber zögerte, gab er ihm einen kräftigen Stoß im Vorübergehen und lebhaft mit den Augen blinzelnd, rief er im gequetschten Flüsterton: „Aber Paulchen! nicht so bange!" Hulde und Traute sahen sich an, Hulde wurde ganz blaurot im Gesicht vor unterdrücktem Lachen, aber Traute mißglückte die Selbstbeherrschung und sie quiekte leise, um endlich herauszuplatzen. Ter junge Herr Lehmigke nahm indessen diese Heiterkeit nicht übel, er blickte mit einem herzlichen Wohlwollen und etwas wie ehrlichem Staunen aus die beiden großen Kinder Und schien besonders von Traute nicht den Blick wenden zu können. Tas Mittagessen verlief heiter. Der alte Lehmigke ließ das Geschäft ruhen und widmete sich mit sichtlichem Behagen den Tafelfreuden und der Aufmerksamkeit gegen die Töchter des Hauses. Er lobte alles und sagte der Hausfrau eine Schmeichelei no»ch der anderen. Der stattliche Echaal mit seinem altväterisch vornehmen Hausrat, mit seinen weitgeöffneten Glasthüren, die einen Blick in den bereits herbstlich gefärbten Park gestatteten, die mit Silber |uni) Kry st all hübsch geschmückte Tafel, die Aufwartung eines alten, grauköpfigen T-teners in einfacher dunkler Livree und die Liebenswürdigkeit, mit der die Hausfrau die Honneurs machte, — dieses ganze Ensemble eines ver-, feinerten, harmonischen Familienlebens in bevorzugter Lebensstellung — verfehlte seine Wirkung nicht auf den alten Spritfabrikanten, der klug genug war ,zu wissen, daß er sich diese höhere Kultur der Erziehung nicht mit seinem Geld erkaufen konnte, aber nichts brennender wünschte, als seinen Sohn einmal in ähnlicher Stellung zu sehen. Er hatte stets ein suhlendes Herz für das weibliche Geschlecht g'ehabt, aber diese beiden Töchter des Hauses versetzten ihn geradezu in Ekstase. Ihre bloße Gegenwart gab seinem Wesen einen höheren Schwung, denn trotz allen materiellen Geschäftssinns, trotz allen Krämergeistes und aller Leidenschaft für Zahlen und Pfennigsucherei, — den Frauen gegenüber war er ein Schwärmer und weich wie Butter in der Sottnennähe eines schönen Kindes. Das war es ja gerade, was er für feinen Sohn wünschte und ersehnte, ein Mädchen wie Traute, so jung, so kernig gesund und frisch wie ein Apfel, fo mollig und fidel und dabei doch wie eine große Dame, mit jenem Wesen, wie es ihm stets so unbeschreiblich imponierte, wenn er es auch nicht definieren konnte. Er vergaß ganz die Nichtachtung für den verschuldeten Gutsbesitzer, mit der er hergekommen war, und wurde fast sentimental in seiner Bewunderung für alles, was ihn umgab. Diese Huldigung verfehlte nicht ganz ihre Wirkung auf seine Wirte, Herrn und Frau Velten, die für den Weihrauch der Bewunderung durchaus nicht unempfänglich waren "und ihn wie einen Heuten Trost in ihrer sorgenvollen Lage empfanden. Trautens Uebermut wuchs mit den Huldigungen der Gäste, ÜB er die sie sich ganz ungeheuer amüsierte. Während Hulde zurückhaltender blieb, unterhielt sie alle drei Herrett zu gleicher Zeit. Sie sprach von ihren Hunden und Pferden, von ihrenl Lieblingshühnern und Gänsen, sie erzählte Anekdoten aus dem Pferde- und Gänsestall, die förmlichen Jubel bei ihren Zuhörern erregten, und schilderte das Landleben von einer sehr amüsanten Seite. Sie renommierte ein bischen und schnitt auf, besonders dem alten Lehmigke machte sie allerlei .weiß und ließ sich von ihm necken. Ihr Nachbar, Paul Lehmigke, hörte meist schweigend zu, aber ein heiteres/ wohlgefälliges Lächeln verklärte ihn förmlich. Herr Sedelmaier, der etwas schäbig aussah und äbge- nttigert war, entfaltete einen riesengroßen Appetit und teilte seine Begeisterung zwischen Traute und der Schüssel mit saftigen jungen Rebhühnern und dem guten Rotwein. Gegen Ende der Tafel, nachdem er einen soliden Grund gelegt hatte, wurde er ungeheuer redselig, er erzählte eine Anekdote nach. der andern, die sämtlich neu waren, und außerdem gab er mit Flaschenpfropfen, Messern und Gabeln, einem Geldstück und einem Stück Bindfaden Daschen- spielerÄmststücke znm besten, die fast auf eine Blutsverwandtschaft mit Bosko schließen ließen. Nach aufgehobener Tafel trat man in sehr aufgeräumter Stimmung auf den großen, steinernen Balkon hinaus/ dessen Freitreppe, in den Park führte. Der alte Lehmigke sagte eben Traute zum dritten Mal „gesegnete Mahlzeit" und hielt immer noch ihre Hand fest. „Wie Milch und Blut! tote Milch und Blut!" schwärmte er sie an. „Sagen Sie, mein schönes, bestes Fräulein, Sie waschen sich wohl immer mit Milch?" Traute lachte. „Mit Sahne, Herr Lehmigke." „Thun Sie mir die Liebe", flehte Lehmigke in weichen Tönen, „holen Sie Ihren Pony aus dem Stall, von dem Sie uns fo schön erzählt haben, und reiten Sie mal uns hier was vor. So um das Rasenvondell herum — das wäre zu schön!" Tas war zu viel für Traute. Sie machte sich hastig los und lehnte energisch ab. „Quelle impertiuenee!" flüsterte sie Hulde zu. „Preuez garde avee ces gens la!" flüsterte diese zurück. „Na, Paul, und Tu sagst gar nichts?" wandte sich Papa Lehmigke au den Sohn, der ruhig seine Cigarre rauchend, an dem Balkongeländer lehnte. „Wenn ich Yente ein junger Mann wäre wie Tu, ich würde nicht so dastehen wie ein Stockfisch!" Ter Sohn erwiderte nichts, aber als Hulde und Traute jetzt in den Garten Hinunterliesen, ging er ihnen nach. lind Traute vergaß das kleine SturÄad. denn der „Stock- 327 fisch" reizte ihren Uebermut gar zu sehr. Sie führte ihn auf den Hof und kroch mit ihm in alle SLälke. Er mußte ihre Hunde streicheln, ihren Pony bewundern und ihre Lieblingskatze auf den Arm nehmen. Ja, sie ersparte ihm nicht den Hühnerstall und wollte sich totlachen, als ihm die Hühner gackernd auf den Kopf flogen. Er wurde allen Kühen und Kälbern vorgestellt und dann ging es in den Garten zu den Lieblingsplätzen und auf die Kegelbahn. Paul Lehmigke schien seiner Führerin nicht ungern zu folgen, und als man schließliche in zwei Wagen eine Spazierfahrt auf das Feld unternahm, zu einer weiteren Besichtige ung des Gutes, saß er neben Traute, die ihre beiden schwarzen Ponys mit sicherer Hand selbst kutschierte. Tie Leipziger Gäste blieben zur Nacht in Brantikow, und nach dem Abendessen saß man noch lange bei offenen Glasthüren im Gartensaal und auf dem Balkon. Ter alte Lehmigke hatte sich mit Herrn Kelten in das Innere zurückgezogen, wo beide eifrig rechneten und Grundbücher und Akten studierten, während Herr Sedel- maier sich an das Klavier gesetzt hatte Md sich mit allen modernen Opernmelodien ebenso vertrant zeigte wie mit Taschenspielerstückchen. Ter junge Lehmigke saß mit Hulde Und Traute auf dem Balkon. Im Tämmerdnnkel des herrlichen Spätsommeräbends taute er auf und wurde etwas! mitteilsamer. Auf das Befragen der jungen Mädchen erzählte er von Leipzig, vom Rosenthal und von Wasserfahrten nach Connewitz, von Leipziger Gose und Auerbachs Keller. Der Lampenschein aus dem Saal fiel weit hinaus auf das Rasenrondell und wob einen zitternden, ungewissen Schein nm Trantens Scheitel, sodaß ihre Stirnlöckchen goldig flimmerten. Sie lag in prächtiger, kerngesunder Faulheit auf einem Klappstuhl ausgestreckt und dehnte die jungen Glieder behaglich in der lauen Nachtluft. Schwarz und feierlich standen die alten Baumriesen im Park. Nur zuweilen ging ein leises Rauschen durch ihre Kronen. Paul Lehmigke war plötzlich verstummt, seineAugen hingen mit einem seltsamen Ausdruck an Trante. (Fortsetzung folgt.) Die Macht der Musik. Humoreske von Ernst Adolf Herbst. (Nachdruck verboten.) I. K ö n i g s b e r g i. Pr., 16. Oktober 00. Lieber, kleiner Schwarz! Endlich komme ich dazu, Ihnen den versprochenen Brief aus meiner neuen Wohnung zu schreiben. — Der Umzug, dieses gräßliche Durcheinander mit Gepäckträgern, zerbrochenen Glassachen und unsagbar viel Trinkgeldern liegt hinter mir. Alles ist vorüber und glücklich! überstanden. Ich war sehr froh, als ich mein neues Arbeitszimmer fertig eingerichtet hatte. Es schien mir alles das zu geben, was ich in meiner alten Wohnung so sehr vermißt hatte: Luft, Licht, Sonne und Fröhlichkeit. Alles aber war nur Blendwerk; denn hier giebt es etwas, was fürchterlicher ist, als sämtliche Mängel meiner alten Wohnung, was mir das Leben vergällt und mich sicher bald wieder Von dannen treiben wird. Hören Sie!! Arbeitsfroh setzte ich mich ant ersten Tage an meinen Schreibtisch, den Kopf voll von brausenden Gedanken über eine geharnischte Abhandlung: „Die Kunst dem Volke!" Plötzlich höre ich Musik. — Gerade über meinem Kopfe ein Klavier! Erst greift jemand eine Walzermelodie in die Diskanttasten, dann eine andere Hand die dazu gehörige Begleitung in den Baß, und dann donnern vier Hände im Walzertakt los. Ich lege die Feder fort, stecke mir eine Beruhigungszigarette an und höre zu. Die Melodie fällt angenehm leicht ins Ohr. Ich fühle, daß ich sie sofort genau in der Erinnerung sitzen habe. Oben ist Ruhe eingetreten.-- „Die Kunst dem Volke!" so verkünden flammende Lettern den Beginn meines Arfikels. Da — Himmel, Herrgott! — geht es oben ivieder los. Wieder derselbe Walzer! Lieber Kleiner! Dieser Walzer ist wie eine fürchterliche Furie. Unentrinnbar bricht er plötzlich über meine Gedanken her und zerstreut sie in alle Winde. Mindestens zwanzig Male am Tage dudeln sie oben dieselbe Melodie. Erst der Diskant, dann der Baß und endlich vier Hände! Dabei im Rythmus nie eine Einigung zwischen den beiden Stimmen! „Die Kamst dem Volke!" — mein Gehirn degeneriert, Stumpfsinn umhüllt mein Denken! Wenn das da oben die Kunst ist, dann will ich einen Artikel schreiben; „Die Kunst, ein neues Hinrichtungs-Instrument!" — Soeben geht es wieder los. Die Baßnoten fallen wie Kenlen- schläge auf mein Haupt, das Quietschen des Diskants kriecht spinnenartig über meine Nerven. Gleich kommt im Basse eine falsche Stelle. — Richtig! Wieder daneben gegriffen. Das Schlimmste aber ist, daß diese verdammte Walzer- melodie sich fest in meinem Hirne eingenistet hat. Wenn nach zehn Uhr abends eine gütige Hausordnung das Klavierpauken verbietet — ich finde doch keine Rühe. Es ist dann, als ob die finstere Gewalt da droben weiter wirkt und mich zwingt, den gräßlichen Walzer leise vor mich hin zu summen. Lieber Schwarz! Ich brauche Ihren Rat. Ich weiß, Sie sind ein schlauer Kopf, erfahren in allen Ränken des Lebens. Sagen Sie mir, wie ich das Ungetüm bändigen soll! Ein Abwehrmittel habe ich schon — leider ohne Erfolg — angewandt. Ich kaufte mir zwei Topfdeckel, stieg auf eine Leiter und schlug, dicht unter der Decke, wie rasend das Blech gegeneinander. Die Wütenden ließen sich nicht stören. Mir aber nahm der Lärm den Rest meines einst so herrlichen Verstandes. Raten Sie mir, lieber Schwarz, aber umgehend! Die Welt verliert die herrlichsten Werke. Ich grüße "" mein liebes München sehr. Ihr II. Mün ch en, 20. Lieber Doktor! Ihr Brief traf mich in meinem neuen Atelier; denn ich bin wieder einmal umgezogen. Ich habe herzlich lachen müssen über die sonderbare Duplizität der Fälle. Auch ich werde von einem Klaviere gemartert. Doch einige Unterschiede: Erstens — spielt es unter mir; zweitens — nur Liszt; drittens — zweihändig ; viertens — ich kämpfe und hoffe auf Sieg. Sie würden in all Ihrer Bedrängnis lachen, Doktor, wenn Sie jetzt gleich einen Blick in mein Atelier werfen könnten. Mitten im Raume steht ein Tisch; darauf ein Stuhl; meine alte Staffelei, an der ich einen langen Strick befestigt habe, liegt auf .beut Fußboden; daneben sonnen sich meine schwere Hanteln. Ich selbst habe mein Tiroler Touristengewand an, die eisenbeschlagenen Bergstiefeln an den Füßen. Das schwere Geschütz ist aufgefahren; die Schlacht kann beginnen. Sobald sie nämlich unten mit ihrem Liszt beginnt, klettere ich auf den Stuhl, erfasse den Strick zur Stasfelei und lasse diese nun rythmisch auf dem Fußboden tanzen. Doktor! Das ist ein famoses Geklapper. Ein Skelett könnte es auch nicht besser machen. Wenn das aber nicht hilft, so beginne ich, gerade über dem Kopfe der Spielerin, zu schuhplatteln — immer mit nägelbeschlagenen Bergschuhen. Es tanzt sich auch nach Lisztscher Musik ganz ausgezeichnet. Das Getrampel verschafft mir fast stets den Sieg. Unten wird es still. Der Gegner hat das Feld geräumt. — Aber immer wieder schöpft er neuen Mut, und spätestens nach einer halben Stunde hat der Kampf wieder begonnen. Ich bewundere die Energie der Spielerin. Sie muß Nerven von Eisendraht haben. Einmal glaubte sie mich mit chromatischen, Tonleitern über den Haufen rennen zu können. Weit, gefehlt! Ich ließ als schwerstes Geschütz meine zehnpfündigen Hanteln ins Gefecht eingreifen. Ich rollte sie über den Boden und sprang mit meinen Bergschuhen immer hmter- her. Das muß sich unten furchtbar angehört haben; denn ich hatte einen ganzen Vormittag lang Ruhe. Das arme Ding thut mir fast leid; aber fie zollte eben nicht den ganzen Tag über Liszt spielen oder wenigstens das Klavier in ein anderes Zimmer bringen Iaf?eeteftent habe ich sie auf der Treppe getroffen. Ich jöte ur Rose. 10. 00. 328 erkannte sie an einem Hefte „Liszt", das sie unter dem Arme trug. Sie gefällt mir sehr. Sanfter Gesichtsausdruck, weiche Bewegungen und graublaue, strahlende Augen. Wenn sie mir das Feld räumen würde, würde ich sogar ihrer Pensionsmutter einen Besuch machen. Lieber Doktor! Versuchen Sie meine Mittel. Unten geht es los! Auf in den Kampf! Es gilt die Ehre! In alter Freundschaft Ihr Schwarz. III. Königsberg, Hotel de Prusse, 3. 11. 00. Lieber Schwarz! Heute nur eine Postkarte! Alles ist oergebens! Der Walzer lebt noch unentwegt. Ich habe soeben mit fünf Bekannten in meiner Wohnung auf geliehenen Blechinstrumenten eine gräßliche Katzenmusik vollführt. Weder Diskant, noch Baß ließen sich stören. Wir Sechs aber sind total erschöpft. Die anderen haben mich zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit zu drei Runden echten Bieres verdonnert. Ich kann das vierhändige Ungeheuer nicht bändigen. Werde wohl ausziehen! Vielleicht auch Selbstmord! Besten Gruß Rose. IV. München, 25. 11. 00. Doktor! M ensch! Leidensgenosse! Steg — Sieg auf der ganzen Linie! Staunen Sie in Ihrer gemarterten Seele! Vorgestern war die Schlacht wieder bis zu den Hanteln gekommen, als es bei mir klingelte. Draußen stand eine resolut ausschauende Dame. „Herr Kunstmaler Schwarz?" „Womit kann ich dienen?", fragte ich sehr höflich. „Ich bin die Inhaberin der Pension im zweiten Stock. Das Fräulein, das das Zimmer unter Ihnen bewohnt, kann seit einiger Zeit keine Minute ruhig üben, da hier oben dann sofort ein Skandal beginnt, der ihr den Aufenthalt im Zimmer unmöglich macht." Jetzt galt es! „So, gnädige Frau", sagte ich sehr ruhig, „das ist also unten zu hören? Das thut mir sehr leid, aber den Skandal, !vie Sie es nennen, kann ich nicht einstellen. Denn durch das anhaltende Klaviergeübe gerade unter mir feilt ich derartig nervös geworden, daß mein Arzt mir als einzige Rettung anstrengende Leibesübungen verordnet hat. Sie werden verstehen, gnädige Frau, daß meine Gesundheit mir das Wichtigste ist. Verzeihen Sie übrigens, daß ich Sie in diesem Kostüme empfange, aber ich mache gerade meine vorgeschriebenen Hebungen." Lieber Doktor! Ich habe schon viel in meinem Leben schimpfen gehört, aber so---! Nun jedenfalls ging sie doch einmal fort und seit diesem Gespräche habe ich unter mir keinen Ton mehr gehört. Die körperliche Bewegung der letzten Tage hat mir ausgezeichnet gut gethan; ich habe gestern und heute geschuftet, wie ein Kuli. Gruß Schwarz. Königsberg, Pr., 1. 12. 00. Lieber Schwarz! Ich gratuliere! Bei mir noch immer keine Aenderung. Ich habe mir einen Musikautomaten gemietet, der drei Stunden ununterbrochen spielen kann. Heute morgen habe ich ihn zum ersten Male in Thätigkeit gesetzt. Ich mußte aus meiner Wohnung; denn das Gedudel war gräßlich. Als ich zurückkam, war der Apparat noch unentwegt bei der Arbeit. Oben aber ertönte, wie stets, der bewußte Walzer. Die beiden Spielerinnen sind entweder taub oder leiden an einer Manie. Besten Gruß Ihr vollständig geknickter Rose. VI. München, 10. 12. 00. Lieber Doktor! Das Leben treibt ein buntes Spiel. Kürzlich auf dem Kostümfeste des Künstler-Sänger-Vereins war ich die ganze Zeit mit einem reizenden Kinde, im Kostüme einer mittelalterlichen Bettlerin zusammen. Wer ist es? Meine besiegte Klavierspielerin! Wir haben uns ausgesprochen; ich habe um Verzeihung gebeten; sie ist mir gewährt worden. Gestern habe ich. unten Besuch gemacht. Schelmisch fragte sie mich gleich beim Eintreten, ob sie nur ntchr etwas Vorspielen sollte. Ich bat darum als Zeichen ihrer vollständigen Vergebung. Das Klavier befindet sich jetzt in einem anderen Zimmer. Sie spielte entzückend. Ihre Hände sind wunderbar zart und schmal. Uebrigens heißt sie Eva Terner und ist Waise. Doktor! Machen Sie oben schleunigst einen Besuch! Unter vier Händen wird doch eine schöne Besitzerin seiiw VII. München, 24. 12. 00. Lieber Doktor! Ich habe mich soeben mit Fräulein Eva Terner verlobt und bin unsagbar glücklich Meine Braut will durchaus ein paar Worte aufügen. In alter Freundschaft Schwarz. Sehr geehrter Herr Doktor! Als altem Freunde meines Bräutigams reiche ich Ihnen die Hand. Ich hoffe, daß auch wir zwei gute Freundschaft halten werden. Willy hat mir von Ihrem Unglücke erzählt. Hören Sie einen guten Rat: Heiraten Sie doch Eine, entweder den Baß oder den Diskant. Der Diskant ist meist zarter besaitet. Mit fröhlichem Gruße Ihre Eva Terner. VIII. Telegramm — Kunstmaler Schwarz, München, Giselastr. Viele herzliche Glückwünsche! — Heiraten unmöglich. Baß und Diskant zusammen gerade 120 Jahre. Ziehe am 1. Januar. Rose., Velhagen & Klasings Monatshefte. Das Juniheft (Heft 10 des laufenden Jahrgangs) bringt einen sehr interessanten Aufsatz von Hanns von Zabeltitz: „Bauern-Töpfereien", der in Verbindung mit den zahlreichen kolorierten Abbildungen, die ihm beigegeben sind, uns ein sehr anschauliches Bild von diesem Kunstgewerbe in Vergangenheit und Gegenwart gewährt. Hier kann in der That die Kunst ins Volk getragen werden; alle Bestrebungen, auf dem Gebiete der Bauern-Töpfereien einem geläuterten Geschmack zur Herrschaft zu verhelfen, sind deshalb auf das freudigste zu begrüßen. Von anderen illustrierten Artikeln des Heftes seien noch „D as G e rm anisch e Mus eum" von Professor Heyck und „Pilsen a l s B i e r st a d t" erwähnt. Mit lebhaftem Interesse haben wir den Aufsatz „Hof- leben am Goldenen Horn" gelesen. Ein Eingeweihter oder wahrscheinlicher wohl eine Eingeweihte erzählt uns in ihm von den Geheimnissen des Harems. Jeder Sultan hat vier rechtmäßige Frauen (Kadinen), vier Jkbals (Odalisken und vier Gösdss (Favoritinnen). Stirbt eine Kadine, so avanciert eine Jkbal zu ihrem Range, an die Stelle einer ausscheidenden Jkbal tritt eine Gösdö. Die übrigen Frauen, die in der Zahl von etwa 1500 Köpfen den Harem füllen, sind entweder gekaufte Sklavinnen (Jssirs) oder junge Mädchen, die schon als Kinder von ihren Eltern dem Harem übergeben und in ihm erzogen werden (Beslemss). Da diese Bestelltes später an Beamte verheiratet werden, ist der Zudrang ein großer. Die Aufsicht über den ganzen Harem führen vier oder fünf sich im Range gleichstehende Palastdamen (Hasinedar Ustas). Der ganze komplizierte Organismus ist wohl der eigenartigste, den es in Europa giebt. Scherzrätsel. (Nachdruck verboten.) Du siehst, ich lieg zu Füßen dir. Doch fällt von selbst ein Teil aus mir, So bin ich dir erst recht bekannt, Denn so wird ja dein Freund genannt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Geheimschrift in vor. Nur Der Mensch bleibt immer Mensch, Was auch die Weisen sagen! In jedem Alter wird des Staubes schwacher Sohn Den Stempel einer Thorheit tragen. (Goethe.) Redaktion: I. V,: N. Dittmann. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße».