(Nachdruck verboten.) ' Tobias Breeden. Bon Luise W e st k i r ch. (Schluß.) Mährend fein Verteidiger also sprach, stand Jan Jürgens wie ein Bild der Zerknirschung da. Einmal, als der Rechtsanwalt von seiner liebearmen Kindheit redete, drückte er laut schluchzend die Mütze vors Gesicht. _ Tie Beratung der Geschworenen war kurz, ihr Urteil einstimmig. Die erste Frage des Präsidenten, ob Mord vorliege, verneinten sie. Die Unterfrage, ob auf Totschlag zu erkennen sei, wurde bejaht. Mar die That inr Zustand besinnungsloser Trunkenheit begangen worden? „Ja." Waren dem Angeklagten mildernde Umstände zuzubilligen? „Ja." Demgemäß mußte das Urteil gefunden werden. Es lautete unter Berücksichtigung von Jan Jürgens einmaliger Vorbestrafung wegen Körperverletzung und mit Anrechnung der erlittenen Untersuchungshaft: vier Jahre und fünf Monate Zuchthaus. Tann wurde der Angeklagte fortgeführt. Der Präsident hob die Sitzung auf. Die Geschworenen, die Zuschauer drängten zum Ausgang. Tobias stand und stand und rieb sich die Stirn. „Herr Präsident! Herr Präsident!" Er hielt ihn am Aermel des Talars fest. „Ich hab' wohl nich richtig verstanden? Mein Bruder NiÜas is schändlich vermoordt, und fielt M vorderer —!" „Seinem Mörder ist soeben die gesetzliche Strafe zu- erkannt worden, guter Mann." „Gesetzliche Strafe?" — Veer Johren Tuchthuus! Mien Bro'er is dod, Herr Präsident! Dvd — dod — dod!" Ter Präsident ging vorüber. Ter Pastor legte seine Hand mitleidig auf den Arm des Aufgeregten. „Gieb Dich zufrieden, Tobias Breeden. Die Gesetze in Emden scheinen manchmal anders als unsres Herrgotts Gesetze. Darum sei Du nicht bange. Ueber den Herren Geschworenen ist ein Richter, der sieht dem Misse- thäter ins Herz und richtet recht. Ihm vertraue Deine Rache." Freitag -en 4. April, Nr. 50. 1902. „Hebbb' ick jo dahn, Herr Paster! Hebb ick bahn! Gottsdunner! Worüm süs hebb ick up'n Notland de Tähn tosamenbeeten, up dat ick den Kerl nich de Kehl indrückt hebb? — Harr' ick't man dohn!" „Komm, komm", sagte der Vorsteher. „Do künnt wt nix bi dohn." Ebba faßte seine Hand, sie selbst konnte sich kaum auf den Füßen halten. „Kumm, Vadder Tobias, kumm." Er riß sich los. „Kann nich, angahn. Blut für Blut, so steiht't in Gotts Wort. Sünd de hier denn nich Christen- tue? Ick verstah't nich." Mit weiten Schritten rannte er die Straße hinunter, vorbei an dem Thorbogen, aus dem er einst hervorgestürmt war in wilder Jagd nach dem Mörder, vorbei an dem Schleusendamm, von dem ab der Dampfer, der Jan Jürgens trug, hinausgedampft war in den Dollart. Die Häuser der Stadt ließ er hinter sich und merkte es nicht, grübelte und konnte die eigenen Gedanken nicht fassen. Er kletterte auf den Deich, sah die Meeresflut heranrauschen im frischen Frühlingswind, sah die Wolken eilig flattern über den blaßblauen Himmel, und die Möwen dahinschießen über die aufspritzenden Wellen — und begriff's nicht, daß dies alles war, wie er's seit Jahren kannte, und nur der Grund, auf den er das Gebäude seines Lebens gebaut hatte, Gottes und der Menschen Gerechtigkeit, zu wanken schien. • Er rannte weiter; seine Mütze hatte sich verschoben, die weißen Haarsträhnen flatterten um sein gerötetes Gesicht. Als er an einem einsamen Bauernhaus vorüberkam, klopften knöcherne Finger an die Scheiben, eine hagere Hand winkte ihm eifrig, hereinzukommen. Dobias erkannte den Hüttenarbeiter, mit dem er im vorigen Herbst gesprochen hätte. Er hatte damals gemeint, der Mann könne nicht ferner mehr abmagern. Er war aber doch noch bedeutend abgefallen. Ein lebendiges Skelett hockte er irrt Lehnstuhl am Fenster und winkte dem Eintretendeu abzuwarten, bis sein Hustenanfall ihm zu sprechen erlaubte. Dann erkundigte er sich teilnehmend, ob Tobias den Gesuchten gefunden habe. „Ja", sagte der Schiffer kurz. „Ja" und nichts weiter. Tre Worte quollen ihm im Munde. „Utt wo geiht't Se?" „Gut", sagte der Mensch. „Ausgezeichnet. Ich hab's ja immer gesagt, diesmal hol ich's neich durch. Wenn ich nur erst wieder hinaus kann. Die Luft hier draußen, verstehen Sie, die gießt Kräfte. Aus dem bißchen Husten mache ich mir nichts. Das kriegt einen Menschen wie mich nicht unter, ah nein! Im Mai reis' ich heim, muß doch wieder schaffen! Sie verlangen auch nach mir zu Haus. Meine Kinder. Da! Alle haben sie geschrieben, ja! Und das Jüngste, das noch nicht zur Schule geht, hat ein Vögelchen auf den Bogen gezeichnet, sehen Sie? Da ist auch ein Veilchen Meine Gret' hat's gefunden. Bei uns giebt's schon Veilchen. Und sie freuen sich so, daß ich nun bald kommet S£8ili|ieß nie des AergerS heiße, rasche Welle Auf die, die dich verletzen. Fast immer läßt sich an des Zornes Stelle Ein ernstes Mitleid setzen. F. Sch. 108 — Na, wenn man solche Briese bekommt, da! muß man doch gesund werden, nicht wahr?" — Ter Bauer, der zu Hause war, begleitete Tobias aus der Thür. „So'u Dager drei mag er's noch machen, seggt de Doktor, denn geiht he ut as'n Licht. Moorowark in so'n Hütt'. Wi hebbt ’t beter." „Jo", sagte Tobias, „wi hebbt 't beter." Er dachte an Jan Jürgens, der in vier Jahren baumstark und nichtsnutzig wie je aus der Strafanstalt hervorgehen würde, ein Schrecken für alle ruhigen, rechtschaffenen Menschen. Wenn dessen Arbeitskraft wenigstens in solcher Pesthöhle Verwendung fände, daß er sein verfallenes Leben hingeben müßte für das eines braven Familienvaters, wie hier einem vorzeitigen Tode entgegensiechte! Er wandte sich imb ging zur Stadt zurück. Die Gedanken waren ihm nicht klarer geworden und das Herz nicht leichter. Als er in seine Kammer trat, horte er nebenan laut sprechen. Dort, nur durch eine dünne Bretterwand von ihrem Landsmann geschieden, wohnte Mutter Marinka mit ihrer Tochter. Tobias horchte. „Geh", sagte Ebba mit seltsam schneidender Stimme, „das muß sein. Siehst Du nicht, wie das Blut aus meinen Händen fließt. Ich vermoort», was ich lieb hab'. Ich bin wie die roten Beeren im Wald. Wer davon ißt, muß sterben--Du sollst nicht sterben. Geh —" Und auf einmal schrie sie herzzerreißend auf. „Wilm! Wilm!" Er gab ihr hundert zärtliche Namen. Er versuchte sie zufrieden zu sprechen. „Wien lütt Mövtje! Komm, komm, sei klug. Warum bist Du nur so bang? Jan Jürgens sitzt ja fest. Der stört uns nicht. Bier und ein halbes Jahr lang sitzt er fest. Tas ist eine lange Zeit, nicht? Und nachher — Nachher, hat er uns vergessen. Natürlich! Vielleicht macht er auch übers Wasser. Wir wünschen ihm glückliche Reise. Ja, ich werd' ihm sogar auf den Weg helfen, damit Du nur Frieden kriegst, mien Muusche. Kam' Jan Jürgens mir aber doch in die Qnere, ei nun! Wir haben uns schon einmal gerungen, und — ich war’s nicht, der unten zu liegen kam. Hab' ich erst so'n lüttche liebe Frau zu .Haus, wehr' ich mich meiner Haut! — Vier Jahr', vier lauge Fahr', mien Deern! Un unser alter Herrgott lebt ja wohl auch noch." „Ja", sagte Ebbba, „nu darf ich Dich lieb haben. Nu thu' ich Dir damit nich zu nah. O, Wilm, mien feilte Schatz! Du weißt nich, weißt nich, wie viel ich geweint hab! — Still! Nun ist es gut — ganz gut. Vergessen — mein Wilm! Laß mich Dich halten! Laß mich Deine Augen küssen. Mien Jong! Mien eenzige Jong! Nun werd' ich froh werden wie eine Lerche! Mir ist so leicht! so leicht! — Wir müssen tanzen — tanzen--Was war's doch mit dem Tanzen?" — Und plötzlich ein schriller, verzweifelter Aufschrei. „Ebba! Ebba! —" „’t is dohn niet di, Wilm! Siehst nich, wie er glotzt! Wie ihm die Augen glühen! Siehst nich, wie er seine Axt aushebt--Ich will Dir sagen: Jan Jürgens ist der Teufel. Der Teufel Asmodi!--Was er will, thut er. Sie können ihm nicht wehren, nicht das Schwurgericht und wir nicht.--Wir müssen zu Bett gehen — Moder — zu Bett. — Wat lauerst noch? Das Glück ist tot. Der Rahm is ab vom Leben. Nun bleibt nichts als weinen — weinen — weinen!--" „Laß sie zufrieden", sagte Mutter Marinka zu Wilm. „Du machst es schlimmer. Dar is keen Salbe mihr an- tostrrken. De Deern hett keen Glück. Wat help't dargegen ansparteln?" d b „D, Moder Marinka!" „Ja, Du kannst es wohl machen. Du sitzest in der Molle. Ick hebb ook vör gewiß dacht: as Jan Jürgens fiert -^eel mau ierst afkregeu harr, würr mien Ebba weddev torecht kamen un as Fru von 'n riken Koopmann kunn se ’t AE uthvllen. _ Ick weet jo, Du meenst't redlik mit mien Wer sie haben ja den dreihaarigen Schelm mit Handschuhen angefaßt! Un nu wird fe wohl so'n arme Twaskopp bleiben. Wi mutt nüms vorutdenken. ’t kamt all anners." — Tann ging eine Thür. Zögernde, schwere Schritte verloren sich die Treppe hinab. In Mutter Marinkas Zimmer ward's ganZ still. Nur das herzbrechende Schluchzen des Mädchens ritz nicht ab. Tobias Breeden hob ingrimmig die Hände zum Himmek. „Un dit ook noch! Dit ook! Herrgott, ick verstah dien Welt mch mchr!" Am nächsten Morgen war er zeitig auf den Füßen. Seine Augen glänzten, seine Bewegungen hatten die alte Spannkraft. Jedem seiner Landsleute bot er die Hand. Nur von dem Pastor verabschiedete er sich nicht. „Den sek,' ich noch," ' ’■ Mutter Marinka tröstete er. „Laut Se't fiert, Nah- oersch. Ihr Ebba soll ihr' roten Backen wieder kriegen. Unser Herrgott will nich, daß so'n Bube von Keerl ihm fierte Welt verwüstet." Wer die Frau meinte. „Jo, dat seggt he woll, un Wilm Jansen, der nu en riken Keerl is, hett uns'n Doktor up'n Hals geschickt. De will de Deern in 'n Krankenhuus stoppen. He rneent, se kunn da Webber to Verstand kamen. Un denn will Wilm se frijen. Wat de Lüe sick all tosam denkt!" „Sie wird zu Verstand kommen", versicherte Tobias. „Und ich Helf ihr dazu." „Woso denn? Womit denn?" fragte die Frau, die Augen! weit aufreißend. Aber Tobias wehrte ihr. „Snaken könn' wi all, man dohu is'n Ding." Er ging allein in die Stadt und kaufte verschiedenes ein. Dann ließ er sich beim Gefängnisbirektor melden und verlangte Jan Jürgens zu sprechen. Tem Bruder des Gemordeten wurde die Erlaubnis nicht verweigert. Ein Beamter führte, ihn in die Zelle und blieb mit dem Wärter zugegen. Zehn Minuten sollte die Unterredung dauern. „Ich brauch' nich so viel", versicherte Tobias. Jan Jürgens fuhr bei seinem Eintritt übellaunig vom Sitz. „Tobias Breeden! Oll Mann, heft dien Will kregen: wat wuttst nu noch?" „Hebb ick mien Will kregen?" „Bier Jahre, fünf Monate! Langt's Dir noch nich? Wolltest mich lieber auf'm Block sehen? Moje Trigen! Moje Landslüe beut Ji! Aber ich werd's Euch gedenken! Tövt man! Ich sitz' hier nich vier Jahre, darauf könnt Ihr Euch begraben lassen! Ick weet, too’t matt ward, un denn —" „— Jan Jürgens, toeetft Du, bat Ebba unklook wor'n is vör Schrick un Angst över Di?" Jan zuckte bie Achseln. „Se wull't jo nich beter hebben. Dwatsche Deern!" Dann wandte er sich ab und begann einen Marsch zu pfeifen. Wer Plötzlich fuhr er zornig herum. Bor den beiden Beamten genierte er sich nicht. Sein Schauspielern hatte nur den Geschworenen gegolten. „Schuuv af! Ick will Di nich länger Red' un Antwort stahn! Ick hab' der Gerechtigkeit genug gethan, wie der Herr Verteidiger sagt. Un wer mich nu noch 'n langen Senf macht über Niklas Breeden seinen Tod, mag sich vorsehen! Ich zeig' beit Schuft an, UN denn muß er brummen. Schuuv av, oll Spörnäs'! — Wi sind quitt." „Nockr nich", — sagte Tobias. Unb blitzschnell in die Brusttasche greifend, trat er einen Schritt näher zu Fan Jürgens heran und feuerte, ehe einer der beiden Beamten ihn hindern konnte, seinen Revolver auf ihn ab. Tie Kugel ging mitten durchs Herz. Ohne einen Laut stürzte Jan Jürgens vornüber zu Boden. „— Aewer nu", vollendete der Schiffer gleichmütig seinen angefangenen Satz, „nu füttb wi quitt." — — Herrens, ji hebbt nich nödig, mi so an oe Armens to rieten. Wat ick bahn hebb, hebb ick bahn mit Ueberlegung und Bewußtsein, as se ’t heeten. Un as ick't nich vör ’t Schwurgericht to Em den verantworten kann, vör ufe Herrgott will ick ’t verantworten. Sien Wort liggt open in miene Kamer un do steiht't: „Und ihr sollt keine Versöhnung nehmen über bie Seele des Totschlägers. Tenn er ist bes Todes schuldig, und er soll des Todes sterben.---Malet mit mi, wat ji believd. An en ollen stümperigen Keerl as mi is nix gelegen. Man: Recht mutt bestahn. Un ick fegg ji: as ji rechtschapne Lüe van ehr Recht afbreekt/ Totsleegers to leev, so ward't kamen, dat rechtschapene Lüe sich nach Gottes Willen ihr Recht nehmen mit eigener Hand — so as ick hebb dohn." — 199 — RaritätenfSlschung. Eine Mahnung zur Vorsicht für alle, die sammeln. Von Karl Rudolfi. Nachdruck verboten. In einer, seinerzeit viel belachten, heute aber fast vergessenen Lokalposse, tritt als eine der komischsten Figuren ein alter Winkelantiguar auf, der im Besitze der seltsamsten Raritäten ist. Eine alte verrostete Haarnadel, Sie er einem Sammler als die berühmte „Nadel der Kleopatra" anempfiehlt, der Trinkbecher, den Diogenes wegwarf, als er einen Knaben aus der hohlen Hand trinken fah, und das Feuerzeug des Prometheus, find nur einige feiner unschätzbaren Raritäten, für die er schließlich doch einen gutgläubigen Käufer findet. Trotz der dem Zwecke der Posse entsprechenden Ueber- treibungen steckt in den dargestellten Gestalten ein großes Stück Wahrheit; denn im Handel mit Kunstsachen aus früherer Zeit, und überhaupt mit allen denjenigen Gegenständen, welche selten sind, blüht heute die Fälschung in einer Weise, wie es nie zuvor dagewesen ist. Der Briefmarken sammelnde Schüler, der um billiges Geld seine Markenschätze zusammenbringt, wird in seinem Album gewiß nicht minder Falsifikate besitzen, wie der Philatelist, der seiner Liebhaberei mit beträchtlichen Mitteln fröhnt, und auf seine Sachkenntnis vielleicht sehr stolz, ist. Die meisten, die vor einer Reihe von Jahren echte Tanagra- sigureu fast mit Gold aufwogen, sind inzwischen zu der Erkenntnis gekommen, daß sie eine Nachahmung besitzen, und sie können sich damit trösten, daß auch die Berliner Museen um schweres Geld in den 70er Jahren eine Sammlung moabitischer Altertümer erwarben, die ganz und gar neuen Ursprungs waren. Ebenso üppig gedeiht die Nachahmung alter Drucke, Handschriften, Inkunabeln, alter Stiche und Oelgemälde, alter Broncen, Elfenbeinschnitzereien, Prunkgefäße, Gemmen, Kameen, Münzen und Medaillen, alter Möbel und kostbarer Stoffe, Waffen, Uhren, Goldschmiedearbeiten und aller andern Tinge, welche, ivenn sie echt, schon wegen ihres Alters zumeist selten find, und deswegen hoch bezahlt werden. Wollte man über die einzelnen Arten der Fälschung sich eingehender äußern, so müßte man dicke Bücher schreiben, von der Art der höchst lesenswerten Broschüre, welche Professor Hanns Groß in Czernowitz vor kurzem veröffentlicht hat, und in welcher er mitteilt, daß allein der mit alten Bildern verübte Betrug jedes Jahr die Käufer und Sammler um Millionen schädigt. Sicher ist aber das eine, daß der bescheidene Kunstliebhaber, der einmal einige hundert Mark in einer Antiquität anlegen will, ebenso Gefahr läuft, fürchterlich betrogen zu werden, wie der vielfache Millionär und Milliardär, welcher oft Hunderttausende für einen einzigen, gar nicht einmal umfangreichen, alten Kunstgegenstand ausgiebt, oder löte öffentliche Sammlungen, von denen, um ein Beispiel zu nennen, das berühmte Louvremuseum in Paris den gefälschten goldenen Helm des Saitaphernes, eines skytischen Königs aus der vorchristlichen Zeit Südrußlands mit 200 000 Francs bezahlte. Daß der Antiquitätenmarkt von Fälschungen geradezu wimmelt, beruht auf verschiedenen Gründen. Erstens ist der Vorrat an wirklich echten Sachen nun doch einmal ein beschränkter. Während man noch vor 30 bis 50 Jahren gute Stücke oft durch Zufall in vielen alten Schlössern und auch in Bürgerfamilien aufstöbern, und ihren nicht sachverständigen Besitzern um den 10., 20. und noch geringeren Teil des Preises abjagen konnte, den sie heute kosten, ist jetzt von reisenden Händlern und deren Agenten jeder Ort von Spanien bis tief nach Rußland hinein, und von Schweden bis zur Südspitze Italiens durchstöbert, und die Zufuhren auf den Kunstmarkt versiegen. Tie^Nachfrage ist dagegen auf das vielfache der früheren gestiegen. Jede mittlere Provinzialstadt besitzt heute ihr Museum, welches mit allen verfügbaren und manchmal recht bedeutenden Mitteln Antiquitäten in ihren Räumen aufhäuft, in denen sie selbstverständlich für alle Zeit festgelegt bleiben. Mit dem bedeutenden Steigen des Wohlstandes seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, hat sich auch der Kreis der Privaten außerordentlich erweitert, die entweder aus reiner Freude am Schönen oder um fictji dadurch vor ihren Bekannten ein Relief zu geben, Altfachen kaufen. Nngemessene Mengen davon nimmt besonders Amerika auf, welches wegen seiner geschichtlichen Entwickelung natürlich Gegenstände eigener Provenienz nicht besitzt und die Hauptschuld am Treiben der Preise trägt. Außerdem geht auch ein nicht geringer Prozentsatz von Antiquitäten, als unersetzlicher Verlust, alljährlich durch Brand, ungeschickte und unverständige Behandlung zu Grunde. Hierzu kotnmt uoch, daß zahllose auf Treu und Glauben kaufende Private von den begehrten Gegenständen nichts verstehen, während die Kunstfertigkeit der Fälscher durch die Behelfe, welche die technischen Wissenschaften und besonders die Chemie zum Zwecke des Altmachens neuer Produkte bieten, und durch die in öffentlichen Sammlungen zu Studienzwecken bereitstehenden echten Vorbilder, nach denen sie sich richten können, die höchste Ausbildung erfahren hat. Aus diesen Gründen sind die Preise zu einer unglaublichen, schwindelerregenden Höhe gestiegen. Daß auf einer im Herbst 1901 in Berlin ab gehaltenen Versteigerung eines durch seine strenge Reellität jedem Sammler bekannten Berliner Auktionshauses eine Statue der büßenden Magdalena mit mehr als 10 000 Mark, Rheinische Krüge mit 3000 bis 4000 Mark und Schweizer und Gotische Glasscheiben ebenfalls mit vielen 1000 Mark bezahlt wurden, kann nur beim Nichtkenner Staunen erregen. Wenn aber ein Reliquienschrein mit mehreren 100 000 Mark abgeht, wenn 10 alte Florentiner Bilder, die vor 25 Jahren utn 70 000 Lire nicht Käufer fanden, vor kurzem mit 700 000 Mark bezahlt wurden, wenn ein geradezu verwüsteter Dürer um 130 000 Mark verkauft wurde, und eine Madonna von Botticelli aus dem Besitze des Fürsten Chigi an einen Antiquar um mehr als 300 000 Lire abgelasseu wurde, um von diesem für 500 000 Lire sofort nach Amerika weiterveräußert zu werden, begreift inan, daß der Reiz, solche Sachen uachzumachen, ein ungeheurer sein muß^ und da der betrogene Private ebenso wie der angeführte Händler über den an ihnen verübten Betrug meistens schweigen, um neben Schaden nicht auch; noch Spott zu ernten, oder ihren Ruf als Sachverständige zu gefähreu, so blüht die Imitation lustig fort, ganz gleich, ob es sich um eine ter seltenen Briefmarken von Mauritius oder um einen Hirschvogelkrug oder um die Gemälde eines alten deutschen, italienischen oder niederländischen Meisters handelt. Bei manchen Gegenständen ist es allerdings schwer, von einer Fälschung zu reden, so wird z. B. niemanbj eine solche behaupten können, wenn die berühmte Königl. Sächsische Porzellanfabrik Meißen ihr mit blau und gold bemaltes Vieux Saxe-Geschirr, und die noch höher geschätzten Porzellanpuppen noch immer nach den Modellen des 18. Jahrhundert weiterfabriziert und bemalt. Menn dann aber vom Händler die Figur mit Absicht verletzt oder angeschliffen ttnd neuerlich repariert wird, um ihr ein Ansehen zu geben, als ob sie mindestens 150 Jahre auf dem Rücken, und dementsprechend mindestens den fünffachen Wert ihres eigentlichen Preises hätte, so wird man über die juristische Qualifikation dieses Thuns kaum im Zweifel fei» können. Um fein Haar anders steht es mit den Verschönerungen und Ansflickuiigen wirklich echter, aber einfacher oder beschädigter Antiquitäten. Da wird zu einer Saufeder (Saufänger) von origineller ober seltener Form, deren Holz- stange zertrümmert wurde, die Stange einer andern ebenfalls echten, aber minderwertigen genommen; eine zweifellos echte Rüstung, ein Helm, ein Schwert, eine Partisane, und andere echte Waffen, welche glatt sind und deshalb zur Dutzendware gehören, werden kunstgerecht geätzt nnd erhalten dadurch einen vielfach höheren Wert. Aus einer einfachen, 200 Jahre alten Küchentrnhe wird durch Aubriuguug von Schnitzerei eine kostbare Nürnberger Sitz- truhe über eine Renaissancetruhe; ein alter, recht ordinärer Speiseschrank wird auf dieselbe Weise zu einem gotischen Ciborium; oder man baut aus zwei ober brei defekten Möbelstücken ein viertes, aber vollständiges zusammen, flickt Teile von gemalten Hochzeitsscheibcn aneinander, und macht überhaupt aus einem unansehnlichen echten Gegenstand durch Reparatur mit echtem Material einen solchen von bestechender Schönheit. Weit schwerer ist es natürlich, eine Antiquität gänzliH neu herzustellen; denn der Fälscher muß ein Material' dazu haben, das jenem einer fern liegenden Vergangenheit möglichst genau entspricht, er muß ein großes Kunst-, — 200 — Verständnis besitzen, um nicht Verstöße gegen die Formen zu begehen, die ihn sofort verraten würden, und er muß endlich dem neuen Gegenstand das Aussehen eines alten geben. Aber er weiß sich Rat. Um ein altes Bild neu herzustellen, nimmt er entweder echtes, altes Holz oder ein billiges altes Bild, von dessen Leinwand die Farben abgewaschen werden, und läßt auf dieses zweifellos echte Material von einem geschickten Künstler ein Bild im alten Geschmacke malen; oder es wird neue, grobe Leinwand durch Einweichen in verdünnter Säure und Kochen in Leim und Tabaksast, und nachfolgendes Einpulvern mit Harz-- und Kolophoniumpulver und Einreiben mit dem Staube von lange nicht gereinigten Dachböden künstlich alt gemacht. Besonders verschmitzt ist aber eine Manipulation, welche darin besteht, daß der Betrüger von einem ziveifellos echten Bilde eine genaue Kopie unfertigen läßt, und diese unter das Original spannt. Der Käufer, der von dein durch Sachverständige beglaubigten echten Bilde die Vorderseite, von der Kopie aber die Rückseite sieht, setzt vielleicht auf letztere, damit kein Vertauschen stattfinden kann, sein Merkzeichen und bekommt mit diesem dann doch, indem der Fälscher das Original aus dem Rahmen nimmt, die Kopie ins Hans geliefert. Die Handzeichen berühmter Maler werden, da über dieselbe eine ausgedehnte Litteratur mit Abbildungen existiert, naturgetreu nachgepinselt, und mit Schmutz und Farbe bedeckt, nach dessen Entfernung der Käufer, der längst vor dem Kaufe vermutet hat, daß das Bild von einem hochberühmten alten Meister stamme, das Vergnügen hat, sich nach dem Eriverb davon zu überzeugen, daß er wirklich ein echtes Bild erstand, während er thatsächlich ein neues Bild von etlichen hundert Mark Herstellungskosten in Händen hält. Möbel werden alt gemacht, indem man die Wurmstichigkeit durch Schüsse mit Vogeldunst erzeugt; Bilder erhalten den beliebten, warmen, goldigen Ton durch das Einreiben mit Lakritzensaft; alte Münzen werden auf galvanoplastischem Wege imitiert; neue Sammte altert mau durch Hängen in die Sonne; von den alten Geigen endlich, welche von Amati, Guarneri, Stradivari und andern stammen sollen, ist nicht der zehnte Teil echt. Man schneidet erst die alten Teile, färbt sie mit Kaffee- und Lakritzenabsud entsprechend, nimmt absichlich Reparaturen mit Holz von anderer Farbe vor, bohrt die Wrrbel- löcher zu groß, um dann Zapfen hineinzutreiben, und diese erst richtig auszubohren, sodaß die Geige das Aussehen bekommt, als ob die Wirbellöcher durch langjährigen Gebrauch ausgedreht gewesen, und dann ausgefüttert worden seien. Inwendig klebt man Reparaturzettel hinein, welche, auf echtes, altes Papier gefälscht sind, und schließlich wird die fertige Geige mit Staub alt gemacht. Tas klassische Land solcher Fälschungen ist Italien, wo Hochzeits- und Vergnügungsreisende, welche gegenüber der Gattin splendid sein wollen, bei den venetianischen, Florentiner und römischen Trödlern unvermeidliche Opfer der auf den Gimpelfang ausgehenden Jtalianissimi werden. Aber auch anderswo passieren unglaubliche Stücklein. So kaufte ein reicher Sammler einmal um 100 000 Fr cs. eine angeblich aus Basalt gemeißelte Ramsesstatue, welche bei Paris aus schwarzem Schiefer um den hundertsten Teil dieses Preises hergestellt war. Manchmal entbehren die Fälschungen aber auch des komischen Beigeschmacks nicht. Die Fensterscheibe in einem süddeutschen Schlosse, in welche mehrere noch jetzt lebende Fürsten und Könige mit ihren Tiamantringen ihren Namen eingeritzt hatten, ist von einem findigen Kastellan vor einer Reihe von Jahren an einen sammelwütigen Engländer verkauft worden. Natürlich hatte der Beamte eine Reservescheibe int Vorrat, auf welcher die Namenszüge von ihm selber eingekratzt waren, und welche nach Entfernung der ersteren eingesetzt wurde. Tie zweite Scheibe fand ebenfalls bald einen Liebhaber, und so wurde die seltene Glastafel noch mehr als ein Dutzendmal verkauft. Zum Schlüsse stellte sich heraus, daß der vorsichtige Mann die echte Scheibe überhaupt nicht hergegeben, sondern zum Zwecke des so häufig nötig werdenden Ersatzes, und richtiger Nachahmung für sich behalten hatte. Man sieht also, daß die Fabel von den drei Ringen durch die Wirklichkeit doch noch übertroffen werden kann. Von einem ganz ähnlichen Fall erzählt übrigens der oben genannte Professor Hanns Groß in seinem Handbuch für Untersuchungsrichter. Derselbe betrifft eine Fensterscheibe in der auf steilem Basaltfelsen in Steiermark unweit der Bahnlinie Graz—Fehring gelegenen Riegersburg: Ein alter Ritter hat einstens in diese die Worte eingegraben: „Am 17. Marzi hat das Sauffen ängehebt, und bis Sankt Vinzenzidag gedauert, und alle Dag ain Rausch aehabt."- Tas war der rechte Gegenstand für Sammler, welche den biederen Burgwart unter Verabreichung eines hohen Trinkgeldes, um irgend einen nichtigen Auftrag auszuführen, herausmanöverierten, und sich dann die Scheibe aneigneten. Ter Veste redlicher Hüter kannte das schon, blieb hartnäckig bei den fremden Besuchern, wenn das Trinkgeld zu gering ausftel, und war so gütig, sich zu entfernen, wenn sein Minimalsatz erreicht war. Eine Gesellschaft, die vielleicht ein paar Stunoen später zu dem gleichen Zwecke kam, konnte ebenfalls ihren Sammeleifer befriedigen, da sofort nach Entfernung der vorangehenden eine neue Scheibe mit derselben Inschrift eingesetzt wurde.*) *) Na, na! Entweder verstanden sich die Sammler nicht auf den Kitt, oder der Hüter war Schnell-Blei- verglaser. D. R. GeMeinnÄtzrses. Hochstämmige Rofen. Im April denkt man an das AbdÄen und Herausnehmen der Rosen. Man wähle dazu möglichst einen trüben und feuchten Tag bei Süd- und Westwind. Gewöhnlich wird man dazu durch warme und sonnenhelle Tage verlockt. Das ist aber falsch, weil die wärmenden Sonnenstrahlen den im Dunklen vorgeschobenen Trieben vorläufig schaden würden. Dann schneide man die Kronen und zwar starkwachsende Sorten auf 4 bis 6, schwachwachsende mehr, also auf 2 bis 4 Augen zurück. Schling- oder Trauerrosen werden gar nicht oder nur an den Spitzen beschnitten. Für Rosen ist aufgelöster Schweinedünger ein ganz vorzügliches Düngemittel. Er ist besonders bei sandigem Boden und der Sonne sehr ausgesetzten, vorzugsweise abhängigen Südlagen empfehlenswert. Haarausfall. Schlechtem und mangelhaftem Haarwuchs begegnet man durch gute Hautpflege der Kopfhaut, also durch fleißiges Kämmen mit nicht zu scharfem Kamm, was hier die Stelle der Massage vertritt, durch kühle Waschungen mit 12- bis lögrädigem Wasser mit nachfolgender Einwicklung des Kopfes in ein wollenes Tuch oder ein Stück Flanell, durch eine angemessene Diät und Allgemeinpflege des Gesamt-Organismus, damit sich der Körper kräftigt. Ein kräftiger Körper waltet in allen seinen Organen gut, er weiß aus allen Nahrungsmitteln das Richtige und Notwendige herauszuarbeiten. Die Ernährung ist die Quelle, woraus wir alles schöpfen, und nur der richtig ernährte Organismus kann in allen seinen Teilen gut funktionieren. Recht funktionieren kann aber nur der gesunde, gut gepflegte Organismus. Wir können somit durch gute Körperpflege, vereint mit richtiger Ernährung, auf alle Mängel im Körper wirken; auf schlechten Haarwuchs, schlechtes Augenlicht, mangelnden Geruch, schlechtes Gehör u. s. w., denn auch der kräftige Körper stößt alles Fremdartige ab und hinaus. Zur Bildung von Haar gebraucht der Körper: Schwefel, Phosphor und Kieselsäure. Diese Bestandteile finden wir im Obst, im Gemüse — Möhren, Spinat, Rhabarber — und im Hafer. Man bevorzuge diese bei der Ernährung, und man wird den Haarwuchs fördern. „Prakt. Wegweiser", Würzburg. Magisches Dreieck. A A A D I I L N N 0 [ 0 R S T W In die Felder des Dreiecks sind die Buchstaben derart cinzutragen, daß die drei Außenseiten wie die drei mittleren wagerechten Reihen Wörter von folgender Bedeutung bilden: 1. weiblicher Vorname; 2. Hauptstadt eines russischen Gouvernements; 3. altgeschichtlich bekannte Stadt in Italien; 4. brasilianisches Tier; 5. Fluß in Afrika; 6. Pflanzenteil. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion; E, Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.