Nr. 147. 1902. IIWW lf™ «WM a L rayy ■AäJii! T^Vb&--aü.-g. H.'hoii. 6 lassen *4 ja i*K M (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Die Lampe stand auf einem kleinen, runden Tisch, vor welchem in schwarzem Sammetkleide, ein Buch in den Händen, die Gräfin saß. Beim Eintreten ihres Besuches schloß sie langsam das Buch, legte es auf den Tisch und prüfte ohne eine Bewegung oder Zucken der Wimpern den jungen Künstler mit einem langen, langen Blick. Nachdem sie ihr prüfendes Studium beendet hatte, begann sie mit großer Kälte: „Nehmen Sie Platz, mein Herr, und sprechen wir, wenn es Ihnen beliebt, von dem Gemälde, das Sie mir übersendet haben." Und indes sich Georg ihr gegenüber einige Schritte vom Tisch entfernt niederließ, fügte sie plötzlich hinzu: „Nicht wahr, es soll dies mein Porträt sein, das Sie glauben gemacht zu haben?" „Vollkommen. Ich glaubte es." „Eine Skizze vielmehr als ein Porträt. Nicht wahr?" „In der That, nur ein Entwurf. Ich hatte keine andere Msicht." „Wie ich Ihnen bereits schriftlich mitgeteilt habe, wünschen Sie ohne Zweifel, mir dies Bild zu verkaufen?" „Nein, Frau Gräfin. Ich wollte mir die Ehre geben, es Ihnen anzubieten." „Mir anzubieten? Unter welchem Titel? In welcher Eigenschaft?" fragte sie, ihren Kopf zurückwerfend, in hochfahrendem Tone. Er sah ihr scharf in die Augen und antwortete mit fester Stimme: „In der Eigenschaft als Freund von Franz von Sempach." Diese Worte, die mitten in die Situation griffen und sozusagen den Kämpf ausnehmen sollten, ließen sie ihre Micke nicht zu Boden schlagen. Im Gegenteil, sie betrachtete ihn aufmerksamer noch als das erste Mal. Sie wollte jedenfalls erst ihren Gegner kennen lernen. Dann fragte sie, als ob sie weder den Namen Sempachs vernommen noch- Georgs Absicht begriffen hätte: „Wie waren Sie nur im stände, mich derart ähnlich zu machen? Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen jemals gesessen hätte." „Gewiß haben mir Frau Gräfin noch nicht gesessen. Mer iäy war im stände, eine Ihrer Stellungen, den Ausdruck Ihrer Physiognomie zu behalten. Sie sind wunderbar schön. Verzeihen Sie mir — aus mir spricht der Künstler. Ihre Schönheit hat meinen Geist vollkommen eingenommen, und es ist mir gelungen, wenn auch nicht diese wiederzugeben, so doch einen entfernten Begriff von ihr zu machen." „Was für ein Gedächtnis! Welche Geschicklichkeit un8 Raschheit in der Ausführung!" rief sie aus, ihn leistz herausfordernd. Er verbeugte sich leicht, ohne zu erwidern. „Nach Vollendung dieses Mldes haben Sie es mir sofork übersendet", fuhr die schöne Gräfin fort. „Sie wußten also schon seit langem, wer ich bin?" „Nein, gnädigste Gräfin. Noch diesen Morgen wußte? ich es nicht. Dieses Ihr Porträt hat es mir ermöglicht/ es zu erfahren. Einige Freunde kamen heute, mein Atelier zu besichtigen. Sie entdeckten diesen Entwurf, und der eine von ihnen, der Graf von X. . ., der, wie ich glaube/ die Ehre hat, von Ihnen gekannt zu sein, hat mir .Ihren Namen genannt." »Zu Ihrer großen Freude — nicht wahr, mein Herr? Sie haben also damit endlich Ihr Ziel erreicht; denn Sch hatten doch keinen anderen Zweck, das Bild zu malen/ als bloß um meinen Namen zu erfahren." „Ich gestehe es." „Das Mittel war äußerst erfinderisch. Es war wenigstens nichts so Alltägliches. Sie mißbrauchen aber! etwas Ihr großes Talent." »Ich gebe es zu. Aber haben nicht auch Sie au jenem Abend meine Leichtgläubigkeit mißbraucht, inderU Sie behaupteten, eine Baronin von Halpern zu sein undi in der Seydelstraße 42 zu wohnen?" Dieser unverblümte Angriff und diese direkte Antwort ließen sie, wenigstens dem Anschein nach, ebenso unberührt wie der Angriff von vorhin. Sie war entschieden aus alles gefaßt gewesen, und unterwarf sich einstweilen, alles still über sich ergehen zu lassen, vielleicht bis zu dem Moment, da sie ihn angreifen würde. „Also Ihre Freunde", fuhr sie nach einem Augenblick des Stillschweigens fort, „glauben, — darunter auch der Graf von £...,— daß ich Ihnen in Ihrem Atelier gesessen hätte?" „Nein, Gräfin. Sie glauben nur das, was ich ihnen versichert hatte, daß hier bloß ein Zufall in der Aehnlichkeit oder irgend eine meinem Geiste eingeprägte Erinnerung vorliegt." „Ja, — Sie behaupten es wenigstens." „Ich gab ihnen mein Ehrenwort, gnädige Frau." „Gut, ich will Ihnen glauben. Mer", fuhr sie fort, „dabei, daß jene Personen nur meinen Namen nannten, ist es doch sicher nicht geblieben. Man hat gewiß über mich gesprochen. Einer der Herren wird wohl versucht haben. Ihnen ein Bild von mir zu entwerfen, wie Sie das meinige auf eine andere Art entworfen haben. Im äußersten Falle hätten Sie sie ja auch schließlich befragt; denn Sie hatten ein Interesse daran, mich in jeder Beziehung kennen zu lernen. Hielten Sie es für indiskret, mich die genaue Meinung wissen zu lassen, die man über mich hegt?" „Nicht im mindesten. Diese Herren, die nur das Echo aller Stimmen der Welt und der Gesellschaft bedeuten/ 586 erheben Sie Lis in die Wolken. Sie sind makellos, und keine Schmähung wäre im stände. Sie zu erreichen." „lind in dem entworfenen Gemälde findet sich auch nicht ein schwarzer Punkt?" fragte sie mit feinem Lachen. „Auch nicht ein einziger, gnädige Frau. Ihre Tugenden strahlen in vollstem Lichte, ohne einen Schatten, der sie je verdunkeln könnte." Sie erhob sich, ohne ihren Platz zu verlassen, und, niit ausgestreckten Armen sich auf den Tisch stützend, sagte sie ihm: „Ich wußte, mein Herr, daß mich die Welt so und nicht anders beurteilt. Ich brauchte Sie nicht erst darum zu befragen. Und wenn ich es that, geschah es nur aus dein Grunde, Sie, gerade Sie dies Urteil wiederholen zu lassen." „Und nun, da ich es wiederholt habe, Frau Gräfin—?" „Nun frage ich Sie, — aus diesem Punkte wollte ich Sie nämlich haben, — hat Ihnen dieses Urteil nicht Veranlassung gegeben, nachzudenken und zu bedenken?" „Welches Bedenken sollte dies in mir wachrufen?" „Wie, Sie ahnen nicht? Sie verstehen und begreifen Nicht?" „Nein, ich muß gestehen — — —" Sie warf einen raschen, eindringlichen Bilck um sich, um zu sehen, ob die Thüre auch verschlossen, die Portieren auch herabgelassen seien. Dann trat sie mit rascher Bewegung auf ihn zu. 26. Kapitel. Aufrecht vor ihm, ganz dicht an ihn herantretend, mit funkelndem Blick, den Teint warm belebt, fuhr sie mit fieberhafter, gedämpfter Stimme fort: „Wie? Sie fühlen nicht, daß alle Ihre Schritte, die Sie nach mir unternommen, alle Forderungen, die Sie mir gestellt, vergeblich waren? Ich kann und werde nicht die Erklärung abgeben, die Sie von nur verlangen. Sie müssen wahrhaftig nicht bet Sinnen fein! Ich, ich — die Gräfin Olga Doroukoff, die, wie Sie eben selbst gesagt, von aller Welt geehrt und geachtet dasteht, die Gräfin Olga Doroukoff, die noch niemals auch nur ein Stäubchen des Verdachts gestreift hat, ich soll mich zum Untersuchungsrichter, später sogar noch vor den Gerichtshof begeben und dort vor aller Augen naiv gestehen: Herr Sempach steht zu mir in freundlichen Beziehungen. Zu der Stunde, da das Verbrechen begangen wurde, war ich bei ihm, in seiner Wohnung, in seinem Haus. Nein, das werde ich niemals sagen, kann ich nicht sagen. Man hat mich zu hoch erhoben, als daß ich so tief herabsteigen könnte. <Äe Lenken dabei natürlich nur an ihn. Ich denke aber an meine Familie, an meinen Gatten, an die Meinen, an die Welt, der ich angehöre. Ich muß an mich selbst denken. Was würde man sagen, was würde dann überhaupt aus mir an dem Tage, an dem ich ein solches Geständnis abgelegt? Welche Schmach! Welcher Fall und von welcher Höhe!" Sie stand so dicht an ihn gepreßt, daß ihre Gestalt von Augenblick zu Augenblick die seine berührte, daß ihn manchmal ihr brennender Atem streifte. Es war dies nicht mehr die Gräfin Doroukoff, die, wie gewöhnlich, bald hochfahrend, bald einschmeichelnd sprach, immer jedoch Herrin ihrer selbst blieb, es war dies das Weib, das sich mit seiner ganzen Beredsamkeit, mit all seiner Leidenschaft, mit äußerster Kraft, aus ganzer Seele verteidigte, das für seinen guten Ruf, seine bedrohte Würde, seine gefährdete Stellung kämpfte. Sie trat wieder etwas zurück, schöpfte tief Atem, warf von neuem einen ängstlichen Blick um sich und fuhr weiter fort: „Man kann und darf von einigen Frauen nicht das fordern, was man von anderen verlangt. Es giebt Unterschiede — und das Opfer bleibt nicht das gleiche. Die einen sind schon kompromittiert, und können sich also gefahrlos ein zweites Mal kompromittieren; die anderen stürzen sich dadurch nur in das Verderben. Ich aber habe zu viel zu verlieren: mein Ansehen, meine soziale Stellung, den Platz und den Rang, den ich als eine Prinzessin Balaljewna in der Welt einnehme, wohin mich meine Geburt, meine Heirat und meine Verbindungen erhoben. Ich würde mit mir unfehlbar alle mitreißen, die mit mir durch die Bande des Blutes verkettet sind und durch jene Bande, die aus allen Menschen meiner Küste eine einzige und große Familie machten. — Damals vielleicht hatten Sie das Recht, zu mir so zu sprechen, wie Sie gesprochen haben: Sie hielten mich für irgend eine kleine, bürgerliche Person oder eine Baronin, wie ihrer Dutzende herumlaufen, und konnten mir also sagen: „Gehen Sie zum Richter — zögern Sie keine ^inll^:e mehr!" — Das erschien Ihnen ganz einfach. Aber heute, Herr RakeniuA wissen Sie, wer ich bin. Glauben Sie, daß Sie mir heute noch dieselben Worte zurufen dürfen, wie damals? Glauben Sie noch das Recht zu haben, die Worte, die Sie mir schon einmal gesagt haben, noch einmal wiederholen zu dürfen?" Da er mit einer Antwort zögerte, sprang sie rasch zu einer Flut anderer Gedanken über, ohne die Heftigkeit und Leidenschaft ihrer Worte zu dämpfen: „Und mit welchem Rechte würden dann gerade Sie so sprechen? Ja, mit welchem Recht? Wie kann Ihre Person von mir etwas fordern, das Herr von Sempach von mir niemals fordern würde? — Nein, niemals — dessen bin ich sicher, ich bürge für ihn. Und selbst, wenn ich reden wollte, so würde er mich daran hindern, würde er mich bitten, nicht zu reden. Er würde mir sagen: „An jenem Tage, da Sie sich bereit erklärten, mir Freundin zu sein, unterwarf ich mich allen Konsequenzen dieser Freundschaft, einer Freundschaft, die meine Wonne war, die aber auch mein Unglück, mein Verderben herbeiführen kann wie jedes ungerechte, ungesetzliche Band." Ja, Herr Rakenius, so hätte er gesprochen", in seiner Redlichkeit und bei seiner Weltkenntnis, und so würde er noch heute sprechen. Und Sie gestatten mir die Bemerkung, daß ich es mehr als wunderbar finde, daß Sie sich in seine Angelegenheiten mischen, ohne ihn befragt zu haben, daß Sie so ganz gegen seinen Willen handeln, und sich dem aussetzen, das er rundweg leugnet, und worüber er nur Entgegengesetztes aussagt." Er konnte nicht antworten. Diese Beredsamkeit und Leidenschaft hatten ihn tief bewegt, und es verwirrte ihn, sie so nahe an seiner Seite zu wissen, sie zu berühren^ ihren Atem einzusaugen; doch fand er noch die Ueber- legung, ihr einzuwerfen: „Sie wollen also, daß man ihn zu Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt?" Sie entfernte sich heftig von ihm und rief: „Man wird ihn nicht verurteilen." Sie kehrte wieder zum Tisch zurück, und nahm wieder mit ruhigerer Stimme das Gespräch aus, nachdem sie unter der Lampe Platz genommen hatte: „Sie übertreiben die Situation. Sie handeln in der ganzen Sache nicht wie ein Mann. Sie müssen da irgend einem weiblichen Einfluß nachgegeben haben, vielleicht dem Ihrer Schwester, von der mir Herr von Sempach öfter sprach. Sie ist jung und leidenschaftlich, und mag Sie weiter mit sich fortgerissen haben, als Sie gehen durften." Er wollte erwidern; doch sie schnitt ihm mit einer Bewegung das Wort ab: „Gerade im Interesse Ihres Freundes darf ich Sie nicht anhören, darf ich mich nicht von Ihnen beirren lassen. Gesetzt den Fall, ich gäbe Ihren Ratschlägen nach; ich komme vor den Richter und sage ihm: „Herr von Sempach weigert sich zu sprechen; ich komme statt seiner, um für ihn zu sprechen. Sie wollen wissen, wie er jenen Wend zugebracht hat: nun denn, er war bei mir, und mit mir zusammen." Der Richter wird mich ansehen, und mir antworten: „Was Sie da thun, Frau Gräfin, ist sehr edel, sehr schön, und ich muß Sie bewundern. Sie lieben Herrn von Sempach, und wollen ihn selbst auf die Gefahr,^ Ihren Ruf zu opfern, retten. Aber ich weigere mich," Ihnen zu glauben, wenn Sie mir für Ihre Aussagen keine Wahrheitsbeweise bringen." Was soll ich für Beweise liefern? Wer kann mich in diesem einsamen, verlassenen! Hause gesehen haben, dessen einzige Besucherin, die Wirtschafterin, zur Stunde meines Dortseins immer abwesend war? Wer hat Sempach am Abend des Mordes dort gesehen? Wer kann bekräftigen, daß er dort gewesen war? Ich allein — und meine Bekräftigung genügt nicht. So könnte ich nur Verdacht erregen. Man beschuldigt mich dann, die Justiz auf falsche Fährte zu lenken, und ist nur um so eifriger bemüht, die Hindernisse, die sich ihr in Len Weg stellen, hinwegzuräumen." Georg saß da mit gesenktem Haupte, und wüßte nichts, was er erwiLern sollte. 587 Ms sie ihn so niedergeschlagen, beinahe überzeugt sah, fuhr sie fort, ohne ihm Zeit zu lassen, nachzudenken: „Und wer sagt Ihnen denn, daß nicht etwa zu der Stunde jetzt, da wir sprechen, die Justiz bereits den wahren Mörder entdeckt hat? Daß es Herr von Sempach nicht ist, dessen sind wir beide gewiß. Es ist also ein anderer- Und vielleicht hat man diesen anderen schon gefunden. Sie schütteln den Kopf, das will sagen: „Nein, das Gericht glaubt, den wahrhaft Schuldigen gefunden zu haben, und sucht nicht weiter." Wso, dann suchen Sie ihn. Sie, ja. Sie! Warum nicht? Sie haben es vorgezogen, mich aufzufinden. Sie hielten es für einfacher und bequemer, in mein Leben einzudringen, mein Geheimnis zu ermitteln, und mich als Werkzeug zu benutzen. Ich schlage es Ihnen ab, soweit es den Umstand betrifft, daß ich Ihrer Forderung gehorchen soll. Aber auf dem anderen Wege, den ich Ihnen weisen will, den einzig wahren und richtigen, bin ich gern bereit. Ihnen zu dienen." Sie verließ neuerdings ihren Fauteuil und setzte sich auf einen Puff knapp neben Georg. „Ja", fuhr sie mit Ueberzeugung fort, ihn mitreißend, „ja, vereinigen wir unseren Scharfblick und unsere Thätig- keit, um herauszubekommen, wer der wahre Mörder ist, um ihn dann den Gerichten zu überliefern. Anstatt mein Gegner zu bleiben, werden Sie mein Bundesgenosse. Vereinigen wir unsere Kräfte, die Unschuld Sempachs ans Tageslicht zu bringen. Wenn wir aber den wahrhaft Schuldigen ausliesern, ist unser Freund gerettet, und seine Ehre bleibt rein und unbefleckt." Sie gab ihm Zeit, etwas nachzudenken, und blickte rhm dann, sich über ihn leicht neigend, tief in die Augen: „Nun, was haben Sie beschlossen?" „Alles, alles, was Sie wollen!" rief er außer sich, indem er sich von ihr abwandte, als fürchte er ihre Nähe. „Nun, dann nehmen Sie für heute Abschied von mir", schloß sie und erhob sich. „Es ist spät, und meinen Leuten könnte ein längeres Verweilen auffallen. Aber kommen Sie morgen wieder, am helllichten Tage, um 2 Uhr. Ich werde Sie in meinem Atelier empfangen. Ich werde dem Grafen sagen. Sie seien mir vorgestellt worden und wären bereit, mein Porträt zu malen, und mir einige Malstunden zu erteilen. Wir können uns auf diese Weise alle Tage sehen und uns besprechen. So werden wir unser Ziel erreichen. Abgemacht?" „Ja, es ist abgemacht." „Dann will ich auch vergessen, was Sie gethan haben, um sehen, was uns zu thun weiter übrig bleibt." Als er sich verabschiedete, reichte sie ihm mit graziöser Armbewegung ihr Hand. Er erfaßte sie mit den Fingerspitzen, berührte sie mit glühenden Lippen, und verließ, so rasch er konnte, das berauschende Gemach. (Fortsetzung folgt.) Emile Zola. Von Julius Hart. Ibsen, Tolstoi, Zola. Man wird diese drei Namen immer zusammen nennen müssen. In einer und derselben Stunde stieg ihr Gestirn am Himmel der europäischen Litte- ratur auf: sie kamen zugleich heran, der von Norden — öer von Osten — und der dritte von Westen, — alle drei! gewaltthätigen Geistes, Stürmernaturen, Menschen von apokalyptischer Art, und noch zittert in unserer Seele die Erregung nach von der Leidenschaft der Kämpfe, die sie über uns heraufbeschworen. In ihren Werken gipfelt die Poesie des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Aber sie ragen unter den Dichtern vielleicht gerade deshalb am höchsten hervor, weil das rein Artistische bei ihnen, ich möchte fast sagen, nur etwas Dienendes, ein Mittel zu anderen Zwecken geworden ist. Sie streben nach allen Seiten hrn von der Kunst auch wieder fort, sie wollen mehr etwas Umfassendes, Total-Menschliches - mit hungriger Aeele spuren sie in alle Geistesgebiete hinein. Keinem ist dre Kunst nur Kunst. Für Tolstoi ist sie Religion, Moral, Menschhertsverbrüderung, — für Ibsen Zeugung, Neu- werdung, Welt-Neugestaltung, — für Zola Arbeit, Wissenschaft, Kulturverständnis. Alle drei machen die Dichtung ^..Kulturdienst. Sie kommen als Propheten. Die drei- faltrge Anschauung, die wir vom Werden der Tinge besitzen, strahlt in ihnen aus. Die Macht und Tiefe langer Ver- Mngenheiten strömt durch das Werk Tolstois, — das Auge Ibsens bohrt sich in die Rätsel der Zukunft hinein, sucht zu ergründen, was da kommen und sich gebären will, — Zola aber ist ganz Gegenwarts-Schauen, Erfassung 'des lebendigen Heute. Von den dreien hat der Tod den Jüngsten zuerst von uns fortgenommen. Plötzlich, jäh, unerwartet- Als bloßer Zufall, als ein Unglücksfall scheint er gekommen zu sein. Aber man klagt nicht an dem Sterbebette eines starken Menschen, dem es vergönnt war, über den Millionen emporzuragen, der zu den Wenigen gehört, dazu bestimmt, das Wesen seiner Zeit den kommenden Geschlechtern aufzubewahren und für sie zu erhalten. Die Macht des Todes erscheint hier nur zu gering. Sie sind ja nicht gestorben. Es ist so wenig, etwas so Gleichgültiges, was 'man der Erde oder dem Feuer übergiebt. Das Werk der großen Männer ist ihr wahrer Körper, ihre sich erhaltende Gestalt. Mag Zolas Tod für seine Familie, für seine Freunde zu früh gekommeu sein — die Welt bedarf nur seines Werkes, und das ist ein Wgeschlossenes, Fertiges. Den: glaubensfremden Kinde des neunzehnten Jahr- hunderts ist es ja nicht mehr die Seele, der Geist, welche den Tod überwinden. Aber das Genie überwindet ihn. In der Religion Auguste Comtes, welche auch die Religion Emile Zolas war, ward der Unsterblichkeitskultus ganz und gar Geniekultus, — Ahnenkultus wiederum. Das Genie ist der eigentliche und wahrhaft unsterbliche Teil im vergänglich „Menschlichen". Die Bedeutung des großen Menschen, des Heroen, liegt wohl überhaupt nur 'darin, Erhaltung der Kraft zu sein, das Bewahrende, das sich Vererbende, das „unsterbliche Keimplasma", das von Geschlecht zu Geschlecht weiterwirkende Lebendige in den immer wieder neu entstehenden und absterbenden Zellen der menschlichen Gesellschaft. Es bedeutet die Konzentration von Millionen Leben in einem Leben, den Brennpunkt all der zahllosen Strahlen eines Zeitalters. Es ist der Extrakt der Kultur — das Ganze, in einem kleinsten Teile zu- sammengedrüngt. Seine Aufgabe besteht vielleicht gerade darin, in seinem einzelnen Ich das Universale einer Zeit zusammenzufassen, die verwirrende, unendliche Fülle der Erscheinungen und Bestrebungen in einer endlichen Form zu vereinfachen und zu vereinheitlichen, mehr als nur Spiegel, vielmehr noch die Jdeenform eines Jahrhunderts zu sein. Das Genie ist die Spannkraft, die sich aus den lebendigen Kräften eines Zeitalters bewirkt. Nur in solchen Vereinfachungen, gewissermaßen als ein biogenetischer Auszug, kann jede Kultur weiterleben und sich in allen kommenden Kulturen erhalten, Tas Werk des Genies aber ist diese Vereinfachung. Man mag von den Romanen Zolas in späteren Zeiten vielleicht nichts mehr lesen. Wer ihr Wesen wird lebendig bleiben. Die Erinnerung an ihre Natur und Art wird sich erhalten. Bei dckm Klang des Namens Zola wird vor den Augen der Kommenden stets eine Persönlichkeit und hinter dieser Persönlichkeit ein Stück Kultur aufsteigen. Sein Bild gehört zu den Ahnenbildern des neunzehnten Jahrhunderts. Gleichgültig ist's dabei, ob es für zukünftige Geschlechter vielleicht auch fratzenhafte Züge zeigt. Dieses Fratzenhafte ist bei Zola immer Ausdruck eines großen und tieferen^ allgemeineren Zeitalter- und Kulturlebens. Und welches Ahnenbild, welches Zeitalter trüge nicht solche Züge? Zola hat sein Kunstwerk als das naturalistische bezeichnet. Richtiger und besser hieß es wohl das materialistische. Das reine und deutliche Wesen einer durch und durch materialistischen Bildungsperiode gewinnt in ihm Form und Gestalt. Er bringt den Geist und die Welterklärung, die ben ganz besonderen und eigentlichen Typus des 19. Jahrhunderts bestimmen, die vor allem seit den sechziger Jahren beherrschend hervortreten, wie kein anderes erschöpfend, radikal, jedes andere ausschließend, unvermischt zuni Ausdruck. Nur noch Balzac steht da neben ihm, als materialistischer Fanatiker und starrer Dogmatiker,- aber wenn dieser immer noch der Suchende, um die neuen Formeln und Anschauungen Ringende ist, angewiesen aus Ahnungen, Instinkte, Intuitionen: Zola hat alles schon fertig bekommen, er steht inmitten einer Zeit, die sich dem Materialismus, an Händen und Füßen gebunden, überliefert hat, die in ihm den neuen Glauben sieht. Um den Zolaschen Roman zu verstehen und zu begreifen, muß man die Ideen und Auffassungen, die Geschichte des modernen! Materialismus kennen. Die Philosophie Comtes, Spencers, Stuart Mills, — die Geschichtsauffassung der Buckle, Taine, 088 So irrst Du sehr! . Ein Menschenleben", sagt er barsche „Ist wicht'ger als Parademarsch. Und wer ein Feuer löschen tout Und hält mit seiner Spritze still, Der ist fürwahr ein Bösewicht Und taugt auch zum Soldaten nicht —i Mensch, ärgere, Militär und Feuerwehr. Ein Berliner Abenteuer. (Nach der Melodie: „Die Musik kommt".) Das hohe Militär Marschiert die Straße her. Da kommt ihm überquer Die dumme Feuerwehr: Sie klingelt was sie kann: Der Hauptmann ruft: „Halt an! Im Namen der Majestät, Ihr Luders, steht!" Ter Fuhrmann aber klingt und klingt . nb fröhlich seine Peitsche schwingt. Tie flinken Rosse sausen drein In der Soldaten grade Reih'n. Da rettet sich durch Staub und Schlamm, Was eben ging so steif und stramm, Und flüchtet Und flüchtet Sich auf den Straßendamm. Kapselrätsel. (Nachdruck tierboten.) Schande, Geier, Midas, Schneider. Trost, Gewinsel, Schorf, Schanturnen. (ebent der vorstehenden Wörter ist ein anderes bekanntes Haupt, wort ^versteckt. Die Anfangsbuchstaben der eingekapselten Wörter ergeben, im Zusammenhang gelesen, einen männlichen Vornamen. (Auflösung in nächster Nummer.) „Die Blmuenpstege im Zimmer" von Fritz Meißner, ^2Seiten mit 73 Abbildungen, in Lemwand gebunden Preis 1 Mark. (Ullsteins Sammlung praktischer Haus- bücher, Band 13.) Verlag: Ullstern & Co-, Berlin SW. 12, Kochstr. 23/24. Das Buch ist ein leichtverständlicher Ratgeber, tote Zimmerpflanzen überhaupt behandelt werden muffen und welche Pflege speziell unsere beliebtesten Blumen erfordern. Selbstverständlich konnte das Thema nicht allzu ausführlich und weitschweifend behandelt werden, da * 1 Mark nicht überschritten werden sollte. Mer mneryam der gezogenen Grenzen hat es der Autor verstanden, m t knappen Worten klarund leichtverständlich eme Fülle praktischer Winke und Anleitungen zu geben. Und später vor Gericht Der stolze Hauptmann spricht; „Verletzt in seiner Ehr' Ist unser Militär." Darauf der Amtsanwalt: „Wenn Du gebietest Halt Der edlen Feuerwehr, Einen Abschluß, wie solchen teilt anderes Familtenblatt austoeisen dürfte, bringt ihren Abonnentinnen dte über dir ganze Welt verbreitete Zeitschrift „Dies Blatt gehört der Hausfraul" mit der Nr. 52 und dem Inhaltsverzeichnis zum 16 ^ahr- v , aang. Man ist erstaunt über die Fülle praktischer Aufsatze,. | das gesamte Gebiet des Haushaltes und. der Mode um- ' fassend und mit dem unterhaltenden und illustrierten Tech nicht weniger wie 1280 Seiten des Jahrgangs zahlend, dte Beilagen: zwei Jugendzeitschriften, Schnittmusterbogen und Lehrkurse nicht eingerechnet. Und dies alles für den wohlfeilen Abonnementspreis von 15 Pfg-pro Heft oder viertel- I gehören, nur empfehlen, bei der nächsten^Postanstalt oder Buchhandlung ein Probe-Abonnement zu bestellen oder das erste Heft des neuen Jahrgangs, welches als neue Betgabe naturgroße Muster für Brandmalerei, Kerl'schnitt, Ledrr- Welt verhallen fast die Glocken, welche die Religion der Arbeit, der Vernunft Und des Fortschritts verkündigen. Aber diese finstere Erdenauschauung fließt wohl nicht allein aus dem materialistischen Glauben des Dichters hervor. Er ist auch der Romane, dessen Auge den Zerfall und anderes Wort konnte sich von seinen I Putz enthalten wird, gratis zu verlangen. Auch Vers . u J 9/CCUS0 » j aCCtlSO • • • I z-y, । I QY> « 1 t 4* Al* Die WLumenvtteae im Zimmer" von Fritz Meißner, Mensch, ärgere, Mensch, ärgere Dich nicht!- Wespe. (Jugend.^ NedcikNon: Curt Plato. - RotationLdrnck und Verlag der Brühl'schen UmtierfltütS-Bnch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. — nie Naturivissenschaft der Darwin, Vogt, Moleschott,— die Physiologie Claude Bernards und der Karl Marxsche Sozialismus: alles ist bei ihm zusammen. Dte Schlagworte der Zeit tönen herauf, in einem mächtigen Hymnus vereinigt, von großartigem Pathos beseelt., ®ei bte,t Wissenschaft ist Kunst geworden. Der Materialismus, der als Wissenschaft kämpft, hat als Zo lasche Kunst schon gesiegt. Wenn die Wissenschaft immer noch zweifelt, fragt, Beoenken hegt, hat die Kunst schon den ganzen Glauben uni'öweZelt nickt mehr: Zola ist von der unumstößlichen Wahrheit der Vererbungslehre tiefer durchdrungen als Darwin, er ist oirt überzeugter Positivist und viel schrosferer Antimeta- vbvsiker als Auguste Comte, die Lehre vom Milieu ging ihm ^vollkommener 'noch als Taine in Fleisch und^lut über talität als Moleschott. , grifpa matt gegen seine Aesthettk etnwendet, bedeute? im Gründe eigentlich nichts. Man muß solche Lehren wohl überhaupt nicht auffassen, als wenn sie eine ewige I Vernaschtes. MTbe'a»m"t”w9MbS ein eine wichtig- S-a-°. .Mr. T. t-nft-tn-t- s, a'noiiäim's ^Vr^euanis dieses keines rein materialistischen | während des südafrikanischen Krieges tm „House of Eom WWW mußte , w Ich l-,, l-«t->, B-r chten d,e J-hl de- wch derartigen Schlüssen kommen, mußte versuchen, einmal auch Südafrika gesandten Pferde sich aus 117 730 belaufe,.ferner ( citnif rtfa non reitt mechanischer Natur zu verstehen und I seien auch 64 730 Maultiere dorthin geschickt. H T. Ite ä '' ta n ÄenÖSfi auäinSilbeu! Tas ge. W. M? H-aly: ..Und I-m.-n Sie ,-uswt.e-en, w,e Mete linat barn teS f-inelt eben der MaimaliAmls über, fefet nach Südastika entsandt wurden!-. Haupt Daseinsberechtigung besitzt. Die Zolofche Aesthetik | ----------- iantt natürlich nichts anderes als das Zolasche Kunstwerk I _ ein. Ihm fiel die Aufgabe zu, den Menschen, wie ihn | LitterarischSS. bas Auge des neunzehnten Jahrhunderts vorzugsweise sah, von dem die Wissenschaft nur in Wstrakttonen sprechen kann, einmal wie eine lebendige, greifbare Wirklichkeit vor uns hinzustellen: den reinen Positivisten,m ferner Nacktheit und Totalität, der eben nichts als Positivist ist, der ganz und gar nur als ein Endlichkeitswesen, als em Erden- rodukt von unendlich beschränkter Dauer sich weiß, und mit dumpfen, wilden Instinkten an das augenblickliche gegenwärtige ©ein, an das Sinnlich-Reale sich antlammert ^en Menschen, der nur Materie sein will, em „Geschöpf von Luft und Sonne, wie die Pflanze". Wenn etwas gegen den Materialismus spricht, so ist es wohl vor allem das vorwiegend Brutale, Tierische und Entsetzliche, das dem