lil TI>h6Voec-.auf^. H Mou. g i'e.ssen. 1902. — «r. 131. stzlMW MUMM MWL« i®K83 jJiiiffiw W! VS um aui Uu „ so darin, war, was nur in der Botschaft bekannt war, Offizier bei der amerikanischen Armee. Er war mit ins Feld gezogen und schwer verwundet worden. Augenblicklich befand er sich wieder in Newyork, tvo er im Presbyterian-Hospitav lag. Der Brief war kurz und bündige alle weiteren Angaben fehlten, sein Inhalt war damit erschöpft. Das Mädchen wiederholte noch einmal seine Frage. „Ich lasse Fran von Raszinska zu mir bitten", erwiderte Ottilie endlich. Als Frau von Raszinska eintrat, fand sie die Frau Geheimrat auffallend blaß. In Ottilien stand ein sofortiger Entschluß fest, Verwundet war er. Schwer! Vielleicht war er schon tot. Menu er aber noch lebte, so war ihr das,, was sie zu thun, hatte^ unbekannt, vielleicht aber ließ sie sich in Washington auf der deutschen Botschaft erfahren, an die sich der Genanntei zuletzt gewendet hätte. , Was hatte sie von dieser Auskunft zu hakten? Als« nach Amerika war er gegangen? lind sie schrieb abermals. Wochen vergingen. Die grünen Hügel, die über den gelben Elb ström ragten, färbten sich dunkler und dunkler^ Ungezählte kleine Dampfboote glitten auf ihm hin und her, mit Fremden beladen, die den roten Bädecker in der Hand hielten. Das Unternehmen von Frau von Raszinska! blühte, und fasst täglich! wurde sie in die Lage versetzt, vornehme Persönlichkeiten, die bei ihr vorsprachen, ab- weisen zu müssen. „Nach Flensburg. Wie ich aber in Berlin höre, ist er auch dort nicht mehr/< , Was hörte sie? Und sie dürste nicht erstaunt feto nicht fragen. Sie mußte noch die Unterrichtete spielen. Der alte Herr empfahl sich ihr. Er hatte keine Zeit meMj Sein Zug wartete auf ihn. *' । Zu Hause angelangt, setzte sie sich an den Schreibtisch. Sre schrreb nach Flensburg an den Regierungs-Präsidenten — daß sie ihrem Verwandten, dem Assessor von SchMeck, eine Mitteilung zu machen hätte, und deshalb um seine Adresse bäte. Schon ein paar Tage später traf die Antwort ein. Sie Lam von dem Herrn Präsidenten persönlich: Der genannte Sie war verdammt. Wohin sie sah — nichts konnte das Geschehene ungeschehen machen. War sie nicht bereit, auf jedes Glück der Erde zu verzichten, wenn sie nur den Frieden ihrer Seele wiederfand? Nun waren die Rache- geister hinter ihr her — so lange sie noch lebte. Keine Beichte, keine Strafe gab es, die sie (frei machte. Tie Rückkehr in ihr Haus, in ihren Garten, in den jetzt der Frühling einzog, wagte sie nicht- Sie fürchtete die Gesellschaft, die Besuche, die sie belästigen würden. Darum machte sie in Dresden Halt. Sie liebte diese schöne, angenehme S-tadt itocf). von ihrer Mä-dchenzeit her, und sie dachte dabei an Bell — an die Zeit, wo sie beide halbe Kinder und Freundinnen gewesen. Aus ihrer Freundschaft war bitterer Haß geworden; daran hatte sich nichts geändert — sie haßte Bell n o ch. Seit dem Tage, wo sie in Dresden eingetroffen war, waren drei Wochen vergangen. Der Mai war gekommen, er machte ausnahmsweise seinem Ruse Ehre und die freundliche, elegante Stadt strahlte in ivarmem Frühlingsglanz. Ottilie hatte das schöne Vormittagswetter benutzt, um einen Spaziergang zu machen, und war auf dem Rückwege in die Gemälde-Gallerie eingekehrt. Vor der Holbeinschen Madonna trat ein alter Herr auf sie zu, der sie respektvoll begrüßte. Es war der außerordentliche Gesandte eines süddeutschen Staates in Berlin, der sich hier aus der Durchreise befaird, ein früherer Bekannter ihres Mannes. Der alte ritterliche Herr drückte ihr seine Freude aus, sie hierzu finden, und wiederholte noch einmal seine große Teilnahme an dem schweren Verluste, der sie betroffen. Tie Begegnung war ihr erst peinlich dann aber regte sich doch das weibliche Bedürfnis, nach, so langer Zeit mit einem Bekannten zu plaudern, in ihr. „Schade", sagte der alte Herr, nachdem man auf dem Runddivan Platz genommen hatte, „daß wir auch Ihren Vetter verloren haben." „Ja", erwiderte sie ihrer sicher, daß nie,wand merken sollte, was bei seiner Erwähnung in ihr vorging, „er ist zur Regierung übergegangen." Ottilie wartete. Sie wartete mit Fieberungedulb Endlich Anfang Juli, kam ein amerikanischer Brief —• mit dem Poststempel Washington. Sie riß ihn auf, sie las, dann stieß sie einen Schrei aus. Tas Dienstmädchen trat gerade ein, um den Tisch zu decken. Verwundert blieb sie an der Thür mit dem Tablett stehen. „Ter gnädigen Frau etwas gefällig?" fragte sie. Ottilie hörte sie nicht. Sie starrte in den Brief. Der Brief begann mit einer Erklärung, Itmrimt er sich lange verzögert hatte. Man hatte erst Erkundigungen einziehen müssen. Der Betreffende, hieß es dann weiter (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Aork. Von Heinrich Lee. (Fortsetzung.) ihre Kammerjungfer, die sie begleitete, hatte sie sich Nachrichten beschafft, hatte sie erfahren, was aus beiden geworden war. In obskurer Abgeschiedenheit, ein Gegenstand des Mitleids aller derer, die ihn gekannt, büßte er, was sie an ihm begangen, ab. Wenn sie ihm ihr halbes Vermögen schenkte, nur damit er wenigstens in seinen _ . ......_________T„,,_____ ~ _________ Karriere bleiben konnte? Aber er würde es nicht je« Herr war nicht mehr im Dienst, seine jetzige Adresse war nehmen — nicht von ihr annehmen. unbekannt. ttfprMAf nftw «» um 4« HUK ww 'M Wn/etr«i mußte sie - an sein Laaer. Ihn pflögen, ihn retten. Und wie em Helles Licht fiel es in ihre Mele, als hätte ihr das Schicksal nun tinett Weg gezeigt, ja, eigens für sie bereitet, ihre Sünde abzuLüßen. Den Weg wollte sie gehen. Was Ottilie Frau von Raszinska mttzuteilen hatte, war, daß sie infolge einer plötzlichen Nachricht abreisen mußte — noch heute. Frau von Raszinska bedauerte sehr. Ihr Trost aber bestand darin, daß erst am Vormittage sich eine ungarische Gräfin gemeldet hatte, die ihr ihre Adresse dagelassen hatte. Much rechnete die angefangene Woche für voll. „Wenn Sie wieder mal nach Dresden kommen, Frau Meheititrat, dantt rechne ich auf die Ehre. Es hat Ihnen hoffentlich bei mir gefallen, und dann bitte, haben Sie die Güte, wo es Ihnen mögliche ist, midj, zu empfehlen", sagte Iran von Raszinska zum Abschied. Ter Wagen, in dem Ottilie mit ihrer Jungfer saß, fuhr davon, und Frau von Raszinska sagte sich daß sie sirr die beiden Zimmer jetzt in der hohen Saison und noch dazu von einer ungarischen Gräfin ruhig dreißig Mark mehr pro Monat nehmen konnte. Tas Presbyterian-Hospital in Newyork ist ein stattlicher Bau in der Nähe des Zentralpärks, der von der Newyorker Miliz sonst nicht in Anspruch! genommen wird, und der nur ausnahmsweise jetzt während der Kriegszeit mit zur Unterkunft der Verwundeten diente. Es war ein großer Heller Saal, in dem Herwarth lag, die Fenster nach Osten und dem westlichen Kanal zu gelegen. Erst in entern der letzten Gefechte, als der spanische Admiral die Blokadelinte zu durchbrechen suchte, war er ins Feuer gekommen, denn schon wenige Tage nach Mkunst der Flotte vor Santiago war er am gelben Fieber erkrankt und ins Lazarett geschafft worden. ' In furchtbar eit Konvulsionen und De- kirien, von ' einem entsetzlichen Durst gepeinigt, von unverträglichen Schmerzen gefoltert, hatte er so zehn Tage lang zwischen Tod und Leben gelegen. Als er genesen war Und der Arzt ihm dazu Glück wünschte, lachte er dazu, sodaß der Arzt erst glaubte, sein Verstand habe gelitten. Nn^r Waren die Qualen der Krankheit umsonst ausgestanden. • Warum hatte sie ihn nicht hinweggerasft wie die meisten Anderen? Mer der Tod meinte es gut mit ihm, er hatte sich ihn für eine bessere Gelegenheit aufgespart — für das Feld: der Ehre, wie man es nannte. Tas Schiff, auf das er nach seiner Genesung kommandiert wurde, war der „Brooklyn", das Flaggschiff des Admirals. Er hätte die Wahl nicht besser treffen können, denn das ganze feindliche Feuer konzentrierte sich darauf, aber der „Brooklyn" hatte Glück. Mehr als dreißig Kugeln schlugen auf ihm ein, ohne daß auch; nur ein einziger Mann dabei verloren wurde. Weil der „Brooklyn", wie alle anderen Schiffe der amerikanischen Flotte, nur mit einem Holzdeck versehen war, so war dieses, damit keine Brände ausbrachen, drei Centi- nteter hoch unter Wasser geseM. Tauwerk und Bemastung Mrzen herab!, spritzend und platzend klatscht das Wasser auf und die Mannschaft, deren Laune immer besser wird, lacht dazu, Salve auf Salve kracht, Wolken von dichtem Dulverdampf verhüllen die Sonne, die Mannschaft aus dem „Brooklyn" ist noch immer lustig und guter Dinge, nur ein Einziger unter ihnen sticht, einer, zu dem der Tod nicht kommen will. Ueber ihm, zu seinen Häupten, das Steuerbordboot wird fortgeschvssen >— er aber bleibt verschont. Da saust zischenden Fluges eine Granate heran, sie platzt in den Großmars, schlägt Stange und Efelshovfd in Stücke Und aus 'dem brennenden Großsegel kommen Stagen und Pardunen heruntergestürzt. ' Es ist der Tod, der aus der Höhe stürzt. 1 Wehe, wer ihm in die Bahn kommt. Niemand von der Mannschaft hat in der Blitzesschnelle, mit der sie sich in Sicherheit bringt, den Vorgang genau beobachten können, aber aus ihren Reihen ist einer hervorgesprungen, gerade auf 'die Stelle zu, wo im nächsten Moment das herabbrechende Trümmerwerk auf dem nassen Deck einschlagen wird, ' dann wird er, darunter begraben, gefunden. Im untersten Raume des Schiffes, unter der Wasserlinie, haben die Aerzte mit ihren Gehilfen den Verbandplatz eingerichtet. 1 Die Planken und Treppen, die hinunter- führen, sind mit Sand bestreut, um den Füßen, wenn sie mit Blut bespritzt werden, einen Halt zu geben. Wer wird der Erste sein, den man hinunterbringt? (Fortsetzung folgt.) Staufenberg bei Gieße«, von einem Amerikaner geschildert. (Nachdruck verboten.) Mr. I. T. H.*) schreibt in The Chicago Daliy News vom 7. August: Schloß Staufenberg, am 23. Juli. Die Zeit ist gekommen, daß ich jetzt anfangen sollte, über das tägliche Leben und die Gewohnheiten unserer neuen Nachbarn, des hessischen Volkes, zu berichten. Man findet eitte sympathische Schilderung ihrer fleißigen Lebens- tveife und ihres gediegenen Charakters in den kurzen Novellen von Herrn Alfred Bock aus Gießen, der nicht nur der tüchtige Direktor einer Fabrik, sondern auch em Schriftsteller ist, welcher von Autoritäten, wie z. B. Paul Heyse, hochgeschätzt wird. Die Gemeinde hier ist vollständig mit dem Erdboden verwachsen, denn es gießt keine andere Gewerbihättgrett an diesem Orte von etwa 750 Seelen außer Land bau; man könnte sich auch kaum eine gedeihlichere oder fruchtbarere Gegend denken. Es ist keine Wüste oder vernachlässigte Stelle zu sehen. In diesem Augenblick schaue ich von der tiefen Nische eines Schloßfensters meilenweit auf das Land umher, und ich erblicke nicht eine wüste oder vernachlässigte Stelle. Der Boden ist sorgfältig bis an den Rand der Landstraßen, Feldwege und Wälder gepflügt, l« selbst die Abhange der Hügel hinauf bis auf deren Gipfel; mit sichtbarem Stolze und der einsichtsvollsten Vorsorge für die Zukunft ist er bebaut. Die Fortschritte der Landleute und dte Anwendung wissenschaftlicher Methoden sind wahrhaft überraschend. Die hessische Regierung orgt für freie Vortrage über wissenschaftlich betriebene Landwirtschaft, die von den Landeigentümern gut besucht werden. Diese Vortrage haben so offenbaren Erfolg gehabt, daß die Ergiebigkeit des Bodens in den letzten Jahren bedeutend erhöht worden ist. Die größte Sorgfalt wird auf die Wwechselung un Anbau, das, . Düngen und die Bearbettung des Bodens verwandt. I u. Früher waren viele Felder nur dann zugänglich, wenn de^Nachbar des Eigentümers seine Erlaubnis dazu gab; sie konnten deshalb nur so bebaut werden, daß die Ernte ohne Unannehmlichkeiten für beide Parteien emgcholt werden konnte. Jetzt hat die Regierung eine neue Einteilung der Felder angeordnet, wodurch, jedes Stück Land emen freien Feldweg an beiden Enden hat. Das Landest zum größten Teile in schmale, rechtwinklige Aecker euigeteilt, die so verschieden bepflanzt sind, daß mau die Landschaft mit einer großen, aus vielen Flicken zusammengesetzten Bettdecke vergleichen könnte. Auf den meisten Feldern wachst Korn; dann kommen meiner Schätzung nach Kartoffeln, die hier in Vollkommenheit gedeihen und von unserem überall auftretenden Kartoffelkäfer nicht geschädigt werden. Auch, Hafer, Weizen, Gerste und Klee, sowie Rüben werden gezogen. Dicht bei dem Dorfe, sind kleine eingezaunte Gärten mit Obstbäumen, wo Gemüse und Blumen m Fülle wachsen; auch die näher liegenden Felder sind mit zahlreichen Obstbäumen bestanden. Die Aepselbäume an den Landstraßen. Die schönen Landstraßen sind auf beiden Seiten mit Aepfelbäumen bepflanzt, die dem Lande gehören, und deren Ernte jedes Jahr öffentlich versteigert wird. Das Thal, durch welches der Fluß langsam dahlnzieht, und dte Abhänge der Hügel sind mit Gras bewachsen, das zweimal im Jahre abgemäht wird. Ausgedehnte Walder, die entweder Gemeinde- oder Staatseigentum sind, liefern reichlich Holz zur Feuerung und zum Bauen, und da, wo der Boden zu steinig für die Schafherde ist, befinden sich Stem- brüche von Sandstein und Basalt. Die Leute im Felde und in der Heuernte. Von unseren hohen Fenstern können wir bequem die Landleute in ihrer Thätigkeit auf den Feldern beobachten, besonders wenn wir unseren guten Feldstecher zur Hand nehmen, den mir einst die Evanston-Studenten zum Geschenk machten. Die größte Sorgfalt wird bei jeder Arbeit angewandt; wenn die Leute das Feld bestellen, ziehen ' *) Professor Hatfield von der Universität Chicago, der, wie wir s. Zt. meldeten, in Staufenberg mit mehreren akademisch gebildeten Amerikanerinnen geweilt hat. D Red. — 523 — sie die Furchen gerade! und gleichmäßig; wenn sie pflügen und Pflanzen, so schenken sie der Arbeit ebensoviel Aufmerksamkeit, als wenn sie mit künstlerischer Landschaftsgärtnerei beschäftigt wären. Die Ernte beginnt mit dem grünen Klee, der in Wagenladungen eingebracht und dem Vieh verfüttert wird, nachdem er mit zerhacktem Stroh vermischt worden ist. Ende Juni fängt die Heuernte an. Man konnte denken, daß der Ort belagert sei, so sehr ruhte alle Arbeit, denn das Gras muß zum größten Teil bei Sonnenaufgang gemäht werden, und um 2y2 Uhr des Morgens waren die Mäher auf dem Felde an der Arbeit; die Männer handhabten die Sensen, während die Frauen knieten und das Gras mit Sicheln abschnitten. In dieser rastlosen Zeit ruht jede andere Arbeit. Das Heu wird nicht aufgestapelt, sondern auf Wagen aus die großen Heuböden gebracht, die ein unerläßlicher Teil eines jeden Haushaltes sind. Einige der älteren Häuser sind so gebaut, daß der einzige Zugang zu dieser „Scheune" durch die Hausthüre ist, und das Heu durch die Küche getragen werden muß. Die neueren SHeunen sind größer; sie nehmen eine Seite eines viereckigen Hofraumes ein und haben breite Thüren, die groß genug sind, einen beladenen Wagen einzulassen. Die Kornernte. Am 16. Juli begannen unternehmende Bauern die große Kornernte; innerhalb weniger Tage wird diese Haupternte überall in Angriff genommen werden, obgleich sie jetzt durch Regen unterbrochen wird. Aus jedem Hofraum ertönt das Klingen eines Hammers^ der die Sense auf dem Ambos schärft. In der ganzen Gegend umher habe ich nicht eine Mähemaschine gesehen, obgleich sie jetzt auf den größeren Gütern eingeführt werden, wie ich höre. Die schmalen Felder werden gewöhnlich von allen Familienmitgliedern, die der Schule entwachsen sind, zusammen in Angriff genommen; sehr oft trappelt ein Glied, das beträchtlich hinter jenem Alter zurücksteht, in den Stoppeln umher oder lagert sich auf einer Garbe und darf sich dort nach Belieben die Zeit vertreiben. Der Vater handhabt die breite, kurze Sense mit gebogenem Schirme von Drahtflechtwerk; er versetzt den Halmen sanfte, fast liebevolle Streiche und läßt sie in schiefer Richtung hinfallen. Die übrigen Glieder der Familie folgen, indem einige die Halme mit Hilfe einer Sichel in Bündel sammeln und sie sehr weit unten binden, so daß die.Garben einen an einen kleinen Knaben erinnern, der einen russischen Guotel trägt. Von den Garben werden immer zehn zu einem kegelförmigen Haufen zusammengestellt; ein gewandter Ackersmann stülpt dann eine elfte verkehrt zum Schutze gegen den Regen oben drauf. Diese Kornhaufen werden sehr ordnungsmäßig und in regelmäßigen Zwischenräumen an einer Seite des abgemähteu Feldes aufgeöaut. Mittags sieht man die Schulmädchen oft Arm in Arm auf das Feld gehen, um den Arbeitenden das Mittagbrot zu bringen; das ganze Bild zeigt solch' idyllische Einfachheit und hat solchen Reiz, daß es einem das Gefühl einflößt, als wenn alles Stadtleben Schein und Täuschung wäre. Noch vor wenigen Jahren wurde alles Getreide mit der Hand äusgedroschen, und jedes der älteren Häuser hat noch seine Dreschtenne, wo die schweren Dreschflegel, wie die Rüstungen der Vorfahren, noch an den Wänden hängen, ein Andenken an mühsamere Zeiten. Nun wacht die Damps- dreschmaschine die Runde, und der Dreschflegel ist den Weg des Spinnrades gegangen, den die Sense sicher auch bald einschlagen wird. Verteilung des Eigentums. Jeder Bürger hat eigenes Land, und die Verteilung des Eigentums ist frei von schreiender Ungleichheit, wenn sie auch nicht ganz gleichmäßig geschieht. Durch hessisches Gesetz fällt jedem Kinde ein gleicher Anteil von dem Eigentume seines Vaters zu, so daß das Land in eine endlose Zahl kleiner Güter zersplittert wird. Eine gute Folge dieser Verteilung ist, daß jeder Eigentümer dadurch ermutigt wird, gut zu wirtschaften, und den Ehrgeiz hat, seine Ländereien nach und nach zu vermehren. Gewöhnlich heiraten die jungen Leute im 25. Lebensjahre und gründen dann ihren eigenen Haushalt. In der nahen preußischen Provinz erbt der älteste Sohn alles Land und hält das Grundstück zusammen, während die übrigen Kinder dafür mit Geld entschädigt werden. Häufig bleiben dann die jüugeren Söhne unverheiratet auf dem Gute, und M tji efit beständiger Hang zu Ungeordneten gesellschaftlichen Zuständen vorhanden. Das Leben im Dorfe. Im Umfange des stillen Dorfes bewegt sich das Leben in sehr geordneter Weise. Die Häuser stehen jetzt nicht so dicht zusammen wie im Mittelalter; damals umgäben graue Steinmauern, von denen noch beträchtliche Ueberreste vorhanden sind, das Schloß auf der Spitze des Berges, und schlossen den ganzen Weiler ein. Tie Uhr im Thorweg schlägt jede Stunde, und eine Glocke wird zu bestimmten Zeiten während des Tages gelautet; zuerst um 7 am Morgen, wann die Schule anfängt, die bis 11 dauert, und dann von 1—3 am Nachmittag fortgesetzt wird. Um 10 Uhr ertönt die Glocke wieder über die Felder, ein Gebrauch, der aus dem Mittelalter stammt. Tie Arbeit wurde dann das Gebetes wegen eingesteckt. Tie gegenwärtige Generation ist nicht mehr so fromm, aber die Glocke ertönt noch wie von alters. An gewissen Tagen ertönt die Glocke um' 8 Uhr abends; dann trifft der „Stadtdieneck' mit Vertretern verschiedener Haushaltungen zusammen und' bestimmt durch das Los die Stunden zum freien Gebrauch des öffentlichen Backhauses. Dies ist ein steinernes Gebäude, das hinreichend mit Oeffnuugen versehen ist, um den Rauch ausströmen zu lassen; es hat Gestelle und Tische für die Brote und Kuchenbleche an einem Ende, und! an dem anderen Ende ist der ungeheure, höhlenartige, steinerne Backofen, in dem man auf einmal alles Brot backen kann, das für eine ganze Familie drei Wochen lang ausreicht. Jede Familie bringt ihre zum Backen fertigen Brotlaibe und ihre Reisigbündel herbei. Die letzteren werden schnell in dem steinernen Ofen verbrannt, bis die geeignete Hitze erlangt ist; dann werden die glühenden Kohlen heraus gescharrt, und das ganze Gebäck wird aus den aschigen Boden des Ofens gelegt und Mchtig durchgebacken. Ungefähr vierzehn Familien können den Ofen jeden Tag benutzen- Die Glocken läuten den Sonntag ein. Bei Sonnenuntergang am Samstag erschallt das Geläute von vier melodisch tönenden Glocken, um den heran- kom'menden Ruhetag zu bewillkommnen, der am Sonntag- Morgen auf dieselbe Weise begrüßt wird. Um 9 Uhr 30 Min. ruft eine Glocke die Leute zum Gottesdienste. Die Schule. Es sind auch zwei massiv und' schön gebaute Schul- Häuser da, die mit der größten Sorgfalt unterhalten werden. Ueber jedes führt ein Lehrer die Aufsicht, der mit seiner Familie in dem Gebäude wohnt und ein hoch angesehener Mann ist. Jedes Kind muß vom 6. bis zum 14. Jahre die Schule besuchen- und' wenn die Heranwachsenden jungen Leute dieses Alter erreicht haben, werden sie in die Landeskirche ausgenommen. Drei weitere Jahre, vom 14. bis 17., müssen die Knaben während der Wintermonate dreimal wöchentlich die Wendschule besuchen. Hieraus sind sie von den Schulpflichten befreit, uud für weiteren Unterricht wird dünn hier nicht mehr gesorgt. Tas Gcziehungssystem selbst werde ich nicht beschreiben, ich will nur einen beneidenswerten Zug davon erwähnen. Der Schüler, welcher spricht oder hersagt, muß feine Antworten oder Darlegungen unerschrocken und mit voller Lungenkraft geben, daß er saft schreit; dies ist sehr gut für den Ausdruck der Persönlichkeit, und etlvas, was die amerikanische, öffentliche Schule mitunter gering schätzt und außer acht läßt. Wenn unsere jungen Leute gelehrt würden, jenes unvergleichliche Organ des Ausdrucks, die menschliche Stimme, früher zu gebrauchen, so würden wir weniger leiden durch jene abbittende, sich selbst zurückdrängende Schüchternheit in allen Dingen, die den Verstand und die Gelehrsamkeit betreffen. Die Höflichkeit der Leute. Tie Leute sind äußerst, fast erdrückend höflich. Tie Männer nehmen immer den Hut ab!, wenn sie Fremden begegnen, und jedes Kind im Torfe wird gelehrt, den vorübergehenden Besucher mit „Guten Tag" zu begrüßen; wenn wir durch die Straßen gehen, werden wir deshalb! fortwährend gegrüßt. Die Häuser. Wie schon augedeutet worden ist, sind die besseren Häuser staunenerregende Wohnsitze, die aus drei Seiten von einem großen, gepflasterten Hofe umgeben sind; hier liegen Reisigbündel Und hohe Haufen Buchenholz, das in großen Stücken aus dem Walde gebracht wird und leicht gespalten! 5M — werden kann, so ränge es frisch geMkt ist. Die Häuser haben Steinsnndamente; oft sind sie auf massiv gebautem, gewölbtem Mauerwerk errichtet, auch sind steinerne Treppen davor. Tie älteren Häuser sind ans schweren, eichenen Balken zusammengesiigt und haben in das Holz gegrabene Inschriften; einige der weniger festen Gebäude zeigen altes Flechtwerk von Splinten und Spänen, das' dann mit Lehm ausgefüllt ist. Tie neuesten Häuser sind aus einem Weißen, künstlichen Steine errichtet, der ans grobem Kies mit Kalk gemacht und zu großen Mauersteinen geformt wird. An den Straßenecken stehen Laternen. Bor den Fenstern auf kleinen Gestellen, die durch Eisenstäbe befestigt sind, stehen Blumen in Töpfen. Bor vielen Häusern wachsen üppig blühende Kletterrosen aus einem einzigen schlanken Stamme empor, oder die wilde Weinrebe bedeckt einen großen Teil der Vorderseite. Der Raum in dem steinernen Fundamente ist gewöhnlich zu Ställen für das Rindvieh hergerichtet, besonders für die Kühe, die thatsächlich die einzige,: Zugtiere tut Orte sind; einen ebenso großen Nutzen gewähren sie wegen der Milch und der Butter, die sie liefern. Sie werden mit einer Sorgfalt gepflegt, die einen an die Bor- schriften der Hindch-Religion erinnert. Tie zahlreichen Hühner in jedem Haushalte nehmen einen Raum ein, der sich neben dem KUH st alle befindet; wichtig und ernsthaft steigen sie auf einer Außen lei ter von etwa 20 Stufen zu ihrer Schlafstelle empor. Die Scheine. An der Scheune fällt uns zunächst das große, hölzerne, nicht angestrichene Thor auf; es ist vom Alter dunkel geworden, und ist auf eine merkwürdige und kunstvolle Weise aus dicken Brettern zusammengefügt. In diesem Thore ist ein Pförtchen, ließet: das Ganze ragt ein Bretterdach vor, Um Leitern, Pfähle, Stangen und Futterraufen vor dem Naßwerden zu schützen. An; der Scheune lehnen Sensen und Heuraufen; nicht weit davon liegen Zuggeschirre und Ketten, und rund umher stehen Haus- und Ackergeräte, wie Bütten, ZMer, Eimer, Wägen, Pflüge u. der gl. m. Lebende Haustiere von allen Arten, außer Pferden, sind' fast überreichlich Vorhanden. Ziegen, Schweine und' Gänse machen einen Teil eines jeden wohl geordneten Haushaltes aus» Und ihre Pflege verlangt nicht wenig Aufmerksamkeit. Um 5 Uhr am Nachmittag lägt der Schweinehirt seine Trompete durch die Gassen ertönen, und wie Husaren bei dem Tone des Bersammkungsrufes kommen die Schweine zu Dutzenden aus jedem Stalle und jedem Hofraume, alte und junge, helle und schwarzfleckige. Der Treiber in kurzer, blauer Bluse ist einer der bemerkenswertesten Leute im Dorfe und ist sich seiner Würde wohl bewußt. Er hat ein militärisches Ansehen; wenn er gerade nicht auf seinem Horn bläst oder mit seiner langen Peitsche knallt, scherzt er häufig mit den Leuten auf dem Wege. Gewöhnlich geht ihm sein jugendlicher Sohn voran, der auch mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft mit seiner Peitsche knallt. Die Schweine werden der Bewegung und der frischen Luft halber ein paar Stunden lang nach einem alten Steinbruch getrieben; dann kehren sie unter den Tönen des' Hornes nach der „Stadt" zurück. Die Schafe bleiben den ganzen Sommer im Felde unter der Obhut eines Schäfers- der mit zwei ziemlich wild aussehenden, schwarzen Hunden die Herde zusammenhält und Hürden für die Nacht rundum aufstellt; er schläft auf feinem überdachten, fahrbaren Schäferkarren. Die Gänse werden von den Mädchen während des Tages auf die Weide getrieben. Die Han d w er ke. Es werden nur wenig Handwerke betrieben, und auch ihre Vertreter sind mit Ackerbau beschäftigt. Ter vielseitige Nachtwächter, Schweinehirte und Glockenläuter hat ein Schild au der Vorderseite seines Hauses': „Haarschneiden und Rasieren". Es sind noch zwei Hufschmieds, ein Bäcker, ein Schneider, ein Schuhmacher und einige Zimmerleute vorhanden, aber die meiste mechanische Hilfe wird von auswärts geholt. Ein regelmäßiges Postamt ist nicht da; die Postsendungen werden zweimal täglich von Lollar heraufgeschickt, und in die Häuser getragen. Eigentliche Verkanfs- läden giebt es nicht. Nur wenige Häuser können sich einer Art von Laden in einem der vorderen Zimmer rühmen, der von der Hausfrau bedient wird, wenn sie nicht auf dem Felde ist, und wo man nur die notwendigsten Dinge kaufen kann. Ein solcher Laden trägt die Aufschrift: „Flaschenvier, Tabak und Schreibmaterialien." Ein linderer Laden wird zugleich mit einer Wirtschaft geführt, aber die Waren können nur an Mitglieder des Vereins verkauft werden. Vielleicht der interessanteste Zug des Lebens hier ist seine soziale Organisation. Außer den Unternehmungen^ die bei uns allgemeine und öffentliche sind — Wasserwerke, Wege, Schulen — leiten die lokalen Behörden andere, wie das Backhaus, den Steinbruck), das Züchten von Haustieren und die Pflege des Rindviehes. Tie Gemeinde besitzt einen ausgedehnten, wertvollen Wald, der fast so viel einbringt, als die direkten Steuern betragen. Ein ungestörter Zufluchtsort. Ich darf nicht unterlassen, den Friedhof zu erwähnen, der an einem Abhänge außerhalb des Dorfes mitten unter Gärten liegt. Eine breite, niedrige Mauer, die fast unter Grombeerenranken und wilden Rosen verborgen ist, nm- giebt ihn. In der Mitte erhebt sich ein stattlicher Lindenbaum, der den ganzen Platz unter seinen Schutz zu nehmen scheint. Auf den Gräbern wachsen schön gepflegte, , altmodische GartenblUmen, wie z. B. Goldlack, Winde, Löwenmaul, Nelke, Ranunkel u. bergt, m. Tie Wege sind mit glänzendem, langsam wachsendem Buchsbaum eingefaßt. Ter Friedhof ist immer ein ruhiger, ungestörter Zufluchtsort, wo man sitzen und sinnen kann über endlose, ungeschriebene „Klagelieder". Velhagen & Klasmgs Monatshefte laden soeben mit dem Beginne ihres XVII. Jahrganges zu einem neuen Abonnement ein. Das erste Heft bringt eine erstaunliche Fülle interessanter Beiträge. Neben zwei großen Romanen „Allein ich will" von Frieda v. Bülow und „Jungfrau Königin" von Franz Rosen, eine kleine originelle mystische Novelle „Ab- bots Bild" von G. v- Gabel en tz und em feinsinniges Stimmungsbild „Die Dorfkirche" von Johannes; Schlaf. Allgemein fesseln wird der Artikel „Dre Fl u ch t des Prinzen von Preußen im Marz 1848 von Prof. Dr. W i l h. Ducken, in dem der berühmte Historiker zum ersten Male all die so verschiedenen Berichte über jenen Vorgang unter die kritische Lupe nimmt; em zweiter geschichtlicher Aufsatz von Prof. Dr. H. Ed. H e y ck behandelt, reijch illustriert, „Englands und Hollands Kampf um die Vorherrschaft zur See." Georg Frhr. v. Ompteda erzählt sehr hübsch von dem Entstchen seines besten Romans in einem Artikel „Meine Beziehungen zu Sylvester v. Geyer"; H. v.Zobel- titz plaudert über „Berlin an der.Oberspree. Glanzvolle, echt künstlerische Illustration ist stets em besonderer Vorzug der Velhagen & Klasmgscheu ? ^"o^hefle gewesen: was Autotypie, Farbendruck, Holzschnitt ja leisten vermögen, zeigen sie auch diesmal: Der Artikel „Wand u n d B i l d" von Dr., Willrich nnt seinen mehrfarbigen Illustrationen, die lustige Sportskizze „Fit mit den Zeichnungen von Prof. Georg Koch, ine vollendet wie- derqeaebenen Einschaltbilder von Hans Loosch en, Ludw. v. Hofmann, Ludw. Dettmann, Ad. Echtler, Andr. Zorn, Jul- , Exter u. a. sind Meisterleistungen. Das Heft bringt endlich za) - reiche Poesien von L. Fulda, Hugo Salu§, Gust. Falke, G. Busse-Palma u- a., eine Eusttierte kunstgewerbliche Rundschau und, wie stets, eine kritische Studie Über neue litterarische Erscheinungen von Heinrich Hart. ________ Ergänzirngsräls el. (Nachdruck verboten.) W . . l . . g . . m sch ... ch. d . . . « . . o s . öh . . d . . e . n . sch - - r D . r . n . r . s . . fz. . b . . g . i . Z . . t . i . t g . . z . - eh . D . c . u . b . k . . m . r . s . . tS U. M . . sch .... st - - d - - . d G . . t . n . . sha . . s . m . or . M . . sch . . l . e . . ch . . tt d . . ö • (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.: Geduld erleichtert alle Last. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universttäts.Tuch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.