(Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. j (Fortsetzung.) Hin und wieder kam Kandidat Rudolf gelaufen, alle Taschen voller Bücher, über die er entweder sein Urteil in einer Zeitschrift abgeben sollte, oder über die er es bereits abgegeben hatte. Eines Abends, als Rudolf wieder einen Augenblick vorsprach, kam die Rede auf die Feindschaft gegen das Christentum, die Helene verbrecherisch fand, „wir haben ja Gottes offenbartes Wort, an das wir uns halten können." „Haben Die denn niemals mit Zweifeln gekämpft, Frau Boje? Ja, da sehen wir es! Wissen Sie, was ein berühmter englischer Aesthetiker gesagt hat: „Keine menschliche Seele, die sich selbst unter marternden Zweifeln gewunden hat, wird verächtlich hierüber reden." Ach, Sie haben sich gewiß nie sonderlich gewunden!" „Ich? Nein, das will ich gestehen, das hab' ich eigentlich nie gethan!" „Ja", fiel Boje ein, „man darf den Zweifel nicht als Sünde betrachten, es kann ein Ausdruck des innigsten Sehnens nach Licht und Frieden sein." „Ja, das ist genau, was ich meine! Und das meint Tennyson auch, wenn er sagt: „Der Glaube liegt oft mehr im Zweifel Ms im Bekenntnis, das man leichthin spricht." Hiergegen hatte sie jedoch einzuwenden, daß man bis zu einem gewissen Grade Herr seines Zweifels werden könne, falls man nur den ernsten Willen habe. Menn heutzutage so viele dem Unglauben verfielen, so habe dieses seinen Grund darin, daß sie nicht vorwärts wollten, nicht aushielten, oder auch ihren Sinn in wissensstolzem Trotz verhärteten; mit ihrer Gelehrsamkeit und ihrem Grübeln könnten sie nicht zur Erkenntnis gelangen, deswegen würden sie bitter, bezeichneten das Ganze als „Absurditäten" und verhöhnten uns, weil wir an solche „Absurditäten" glaubten. „Sie reden von Willen, Frau Böje! Ist es nicht eine der Lehren des Christentums, daß der Wille gebunden zu Füßen der sündigen Menschheit liegt? Giebt uns nicht Gott sowohl das Wollen, als auch das Vollbringen? Was sagt doch der große Terminist von Tarsus? „Was ich will. Ssmslag den 8. Mai. bw 1902. — Nr. 66. laujua»; 3 ernt du Gott wolltest Dank für jede Lust erst sagen, Du fändest gar nicht Zeit, noch über Weh zu klagen. Rückert. das thue ich nicht, und was ich nicht will, das thue ich!"- Nein, wenn das Christentum fällt, so geschieht es traft der Entwickelungsgesetze, kraft —" „Aber es fällt nicht!" unterbrach sie ihn. „Christus hat versprochen, daß die Pforten der Hölle niemals Macht über die Lehre des Christentums gewinnen sollen." „Sie machen es genau so wie die Theologen: Sie beweisen die Wahrheit des Christentums mit den eigenen Lehren des Christentums." Was lasen wir doch neulich, Hans? Die Worte, die Goethe zu Eckermann sagte? — Ja, jetzt entsinne ich mich." Sie lief nach dem Bücherborde und entnahm ihm ein Heft. „Sie sind immer so mit den großen Namen bei der Hand, Rudolf! Hören Sie nun einmal, was einer der größten Geister der Welt über das Christentum gesagt hat — wenn ich es nur finden kann. Ja, hier ist es! „Wie weit auch die geistige Kultur fortschreiten, wie weit sich auch der Menschengeist verbreiten mag, er wird doch niemals über die Hoheit des Christentums und die ganze sittliche Kultur hinausgelangen, so wie sie uns aus den vier Evangelien entgegenleuchtet." „Lassen Sie Goethes Christentum nur aus dem Spiel, liebe Frau Böje! Unsere Zeit fragt nicht, ob ein Mensch Mohammedaner oder Christ ist, sie fragt nur, ob er tüchtig ist, ob er der Menschheit von Nutzen sein wird. Weißt Du, was Shelley sagt? „Ein Mensch kann so rechtgläubig sein, wie er nur will, wenn er nicht die Freiheit und di« Wahrheit liebt, wenn er nicht für das Glück und den Frieden des Menschengeschlechts kämpft, so ist er ein herzloser Heuchler, ein Schelm, ein Schlingel." „Ja, aber jeder wahre Christ . . . ." warf Helene eitt,: ohne jedoch vollenden zu können. „Sehen Sie, Frau Böje, die Staatskirche bringt Rechtgläubige zu Tausenden hervor, aber sie erzieht nicht einen einzigen freimütigen, selbständig denkenden Menschen — ganz im Gegenteil!" „Hören Sie einmal — Sie sind so entsetzlich eifrig, jeder wahre Christ wird doch gerade für das Glück des Menschengeschlechtes kämpfen, für geistige Freiheit und rKcibtbcit/' „Dann geschieht das trotz der Staatskirche/< „Ter Volkskirche", verbesserte Böje. ’ „Unsinn! Wir haben keine Volkskirche, die Kirche ist eine einfache Staatsmaschine. — Dann hat sich die Persönlichkeit emanzipiert, Frau Böje! Die Staatskirche hält ihre Leute in Ketten festgeschmiedet, in Dogmenbanden, und leidet kein Auflehnen gegen die Autorität." Und dann eilte der kleine Mann von dannen — ep wollte in den Diskussionsverein. Helene schüttelte den Kopf und saß eine Weile in Ge-. danken versunken da. 262 „Hails, glaubst Du, daß Rudolf selber irgend welchen Glauben hat?" „Das weiß ich wirklich nicht, mein Schatz; ich kann nicht anderer Herzen und Nieren erforschen!" „Das brauchst Du mir nicht zu sagen, aber man pflegt sich doch gewöhnlich eine Ansicht zu bilden." „Ja, dann geht meine Ansicht dahin, daß er dem Grundgedanken des Christentums näher ist, als Tausende, die sich mit dem äußeren kirchlichen Stempel schmücken; aber er ist ein echtes Kind der neuen Zeit, er geht auf eigene Hand." • . „Ja, aber dürfen wir auf eigene Hand gehen?" „Wir sollen es thun!" „Kinder müssen doch von ihren Eltern geleitet werden, das ist die Ordnung des Lebens." „Mein Schatz, Du lebst zu viel in der Vergangenheit, und zu wenig in der Gegenwart." Er bewies ihr, wie jedes neue Geschlecht sich eine selbständige Grundansicht bilden müsse und sich nicht bei den Anschauungen der Vergangenheit beruhigen dürfe. Es war ganz recht, was Rudolf neulich von Lessing zitiert hatte, als sie über Religion und Erziehung sprachen: „Die christliche Religion ist kein Werk, das man auf Treu und Glauben von seinen Eltern hinnehmen darf." „Ja, das ist es!" „Wir sollen uns selber eine Ueberzeugung bilden, indem wir an den Kämpfen des Lebens teilnehmen — wir sollen wägen und verwerfen, uns Zoll für Zoll Vorwärtskämpfen, dann kommt Ernst in unsere Anschauungen; das andere führt nur zu einem lauen Ueberlieferungsglauben, der ein ewiger Hemmschuh für das selbständige Wachstum der Persönlichkeit ist. Und wie es hiermit geht, so geht es mit allen geistigen Fragen: wir müssen selbst in den Strom hinaus und erproben, ob uns das Wasser zu tragen vermag." „Das ist ganz schön, aber Du kannst glauben, daß viele zu Grunde gehen würden, falls nicht ein guter Vater, eine Mutter oder ein Freund sie über Wasser hielte. Da sind so viele, so viele — ja Tausende, die in geistigen Dingen nicht Schwarz und Weiß voneinander zu unterscheiden vermögen — wie sollen die aus eigene Hand gehen können?" Ja, die Hauptsache sei, daß wir uns an dem Kampf beteiligten, daß wir wach seien und stets nach Wahrheit strebten." Dies räumte sie ein. Sie sähe sehr wohl ein, daß die alte Zeit im Vergleich zur Gegenwart eine tote Zeit sei. Heutzutage läge weit mehr Wachstum in der Luft; sicher aber fet eine Menge von all dein Neuen durchaus nicht gesund. „Aber ich weiß sehr wohl", fuhr sie fort, ihn an den Haaren zausend, „daß Du nur das willst, was wahr und recht ist. Du Jakobiner, der Du geworden bist!" Böje war auch Mitglied des Diskussionsvereins geworden und hätte eigentlich mit Rudolf gehen sollen, aber er blieb zu Hause aus Rücksicht auf Helene, deren Niederkunft kurz bevorstand. Es war so warm und heimisch in dem lleinen Zimmer. Böje streckte sich gemütlich auf dem Sofa aus, rauchte seine lange Pfeife und nippte von Zeit zu Zeit an seinem Glase Grog. Durch ein feines Spitzennetz von Seiden- vapier verbreitete dre Lampe einen rötlichen Schimmer über die Stube, zeichnete ein großes Lichtschild in die weiße Gipsdecke und übergoß die Palmen und Gummibäume, die in der Ecke standen ,mit einem dunklen Purpurton, sodaß sie sich ausnahmen wie ein morgenländischer Wall» im letzten Lichtbad der Sonne. „Wie herrlich wir es doch haben!" ries Helene aus, ganz nahe zu ihm heranrückend. Sie schmiegte sich an ihn in dem heißen Verlangen, sich in seiner Liebe zu bergen und Frieden an seiner Brust einzuatmen. In träumerischer Stimmung saß sie lange da, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während die Augen in die Ferne schauten und das Herz im milden Frieden über dem Leben pochte, das ihr und Böjes Dasein noch reicher und schöner machen sollte; plötzlich aber fuhr sie zusammen unter einem jener kalten Ähauer, die sie oft befielen wie der Hauch eines lauernden bösen Geistes. »Ich finde, es wird so kalt hier", sagte sie, indem sie sich unruhig zuckend aufrichtete. In bangem Warten, schwankend zwischen peinlicher Angst und geheimem Glück, ging Helene Tag für Tag umher, alles in ihren Schubfächern ordnend. Diese entzückenden kleinen Leibchen, diese zierlichen, winzig kleinen Jacken und Strümpfe! — Sie konnte halb« Stunden lang stehen und das alles mit einem träumerischen Glanz in den Augen betrachten. Böje war den größten Teil des Tages fort. Wie sehnt« sie sich nach einer erfahrenen Freundin, mit der sie einmal vertrauensvoll hätte sprechen können! Mit Schmerzen sollst Du Kinder gebären--- Cie hatte oft ein unllares Gefühl, daß dort über dem! freundlichen Himmel «in drohendes Gottesgericht thronte, das sie treffen würde, ehe sie es ahnte. Wenn nun Gott sie mit fürchterlichen Qualen strafen wollte — oder gar mit dem Tode! Tann flehte sie zu Gott, daß er ein wenig mit seinem Gericht warten möge, daß das, was ihr bevorstand, einen guten Verlauf nehmen möge, daß es ihr vergönnt sei, eins Zeitlang mit ihrem Kinde zu leben. Wenn Böje bet ihr war, fühlte sie sich ruhiger, er nahm ihr mehr als die Hälfte ihrer Angst und teilte ihr von seinem Mute mit. In die Nebenwohnung, die lange leer gestanden hatte, zog eines Tages eine einsame Frau, eine Künstlerwitwe, ein, die sich, wie man sagte, von Porzellanmalerei und Kunststickerer ernährte. Es war Helene, als müsse sie dieses feine, bleiche! Antlitz schon früher gesehen haben; endlich wurde es ihr klar, daß es jene Frau sein müsse, die sie an einem Winter- tage auf dem Bahnhof gesehen hatte. Und wirllich — sie war es. Helene wagte e>s sedoch nicht, sich mit ihr ein-, zulassen, sie sah so scheu aus. Aber eines Tages, als sie einander auf dem Korridor! begegneten, kamen sie in ein Gespräch. Helene erhielt einen Einblick in die Geschichte eines unglücklichen Lebens, die ihr« Neugier und ihr Mitleid erregte. Seit jenem Tage schaute sie ost nach der jungen Frau aus, diese aber hielt sich auf ihrer Seite und schien am liebsten so unbeachtet als möglich zu sein. Dann eines Abends, als Böje eben zu Bett gegangen und sie selbst schon halb entkleidet war, schellte es heftig, und als Helene öffnete ,stürzte ihr ihre junge Nachbarin entgegen. „Ich saß da drinnen, und mir wurde so bange", sagte sie. „Ach, darf ich mich nicht einen Augenblick zu Ihnen setzen? Ich gehe auch gleich wieder." Sie nahm auf einem Stuhle neben der Thür Platz und preßte die Hände gegen die Stirn. „Mich befällt zuweilen eine solche Angst — darf ich nicht zwer Minuten hier sitzen?" bat sie mit dem demütigen Blick eines Hundes. Helenes weiche, taktvolle Teilnahme beruhigte die ein-« geschüchterte Frau und glättete die Wogen ihres Gemüts« Sie wurde mitteilsam, erzählte Züge aus ihrem Leben, aus ihrer auf Bornholm verlebten Ändheit, wo ihr Vater Pfarrer war, und aus der letzten Zeit, wo sie um ihr Auskommen gekämpft hatte. Aber die dazwischen liegenden Dinge, die offenbar die eigentliche Ursache ihrer überreizten! Nerven waren, berührte sie nur mit einer Flüchtigkeit, di« Helene in einen Kreis von Gedanken verwicMte, ohne auch nur eine einzige klare Vorstellung bei ihr zu erwecken. „Ich verstehe Sie nicht — ist Ihr Mann denn! nicht tot?" „Mein Mann? Ja, das heißt — ach, ich leide so entsetzlich an meinem Kopf, ich wollte, ich könnte das Denken! ganz lassen — ach, wenn man nur das Denken lassen könnte, Frau Böje!" Sie sah in diesem Augenblick so mager und verkrüppelt aus. Unwillkürlich mußte Helene an ihre kleine sterbend« Mutter denken. „Aber man kann es nicht lassen!" fuhr sie fort. „Und das ist dumm. Denn man kann ja nicht das Geringste an seinem Schicksal ändern. Frau Boje, glauben Sie an einen Gott, an einen persönlichen Gott, der in unser Leben eingreift?" „Freilich thue ich das!" „Und der straft, so wie im Men Testament?^ ! „Ja — weshalb fragen Sie nur danach?" „Dann muß er entsetzlich böse auf mich sein. Ach, ich habe zu ihm gefleht — ich habe des Nachts in meinem Fenster gelegen und ihn angerufen, wenn alle di« anderen, 263 zu sehen, welche ,denn die Wort« Narr. Sie sind besiegt. Sie müssen sich meinen Anordnungen unterwerfen!" „Ihren Anordnungen! Sie . . . ." begann er, aber eins Bewegung der Hand, welche den Revolver hielt, lieh ihn verstummen. „Befehlen Sie über mich!" sagte er dann matt, „das Spiel ist aus, ich sehe es ein." „Ich werde nach einem Ihrer Leute klingeln — ich weiß, es sind zwei da — und ihm sagen, daß er Wilkinson! befreit und ihn hierher führt. Der andere soll etwas mj essen herbringen. Ich weih, Ihr Anschlag ging dahin, ihn hungern zu lassen, bis er Ihnen das Geheimnis seiner Erfindung mitteilen würde." Ganson atmete schwer. „Sie wissen alles!" rief er. Dann, als auf das Klingeln ein Diener erschien, erteilte er die nötigen Befehle; und fünf Minuten später konnten wir, mein Freund und ich, dem entführten Wilkinson die Hand schütteln und ihn zu feine« Befreiung beglückwünschen. „Und nun verlangen Sie gewiß Erklärungen?" fragte Ridley, als Wilkinson seiner überglücklichen Frau zurückgebracht war und wir zusammen im Wohnzimmer übe« die Angelegenheit disputierten. „Natürlich hatte ich kein Recht, Ganson „Birrel" zu nennen — diese Rolle war einem der Komplizen zugefallen. Als Wilkinson ausging, Birrel zu treffen, zeigte sich der letztere nicht, dafür kam Ganson selbst, ihn ins Haus zu führen. Als ich Ganson bat, den Brief zu schreiben, that ich es nur, um zu sehen, welche Wirkung dies auf ihn ausüben würde ,denn die Wort« waren dieselben, wie in dem Brief, den unser Freund am Dienstag Wend empfing - Mir fiel der Unterschied zwischen Frau Wilkinsons nnb Gansons Aussagen über den Zeitpunkt der ersten Begegnung mit Birrel auf. Jener Mann war nur in die Affaire gezogen worden, um den Verdacht abzulenken, und dann kam die Nachricht von der zerbrochenen Scheibe.' Aber vielleicht erklären Sie, Herr Wilkinson, tote Sie das Fenster der Bodenkammer zertrümmert haben?" „Hat Herr Wilkinson sie zertrümmert?" fragte ich. „Ja", entgegnete der Befreite. „Mein Kerkermeister toat so freundlich, zufällig eine Flinte in erreichbarer Nähe für mich zu lassen. Meine erste Idee war, dieselbe tzn meiner Befreiung zu benutzen, aber ich verwarf den .Gedanken als zu gefahrvoll. Tann dachte ich daran, nach dem Fenster der Bodenkammer zu schießen und so die Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn jemand aus dem Fenster hinaus- sah, so mußte er mein Schwenken des Taschentuches sehen. Mein Plan gelang mir ,wie Sie wissen, aber fast bevor ich noch das Fenster heruntergelassen hatte, war mein Kerkermeister hereingekommen und hatte mich entwaffnet. Sie wollten mich gefangen halten, bis ich das Geheimnis meiner Erfindung preisgeben würde. Tann wollten sie verschwinden und es mir überlassen, herau^ukommen. Irgend jemand würde dann die Erfindung schnell durch das Patentamt gebracht haben." t r „ „Und sie würden Sorge getragen haben ,daß dte Bev- bindung dieser Person mit Ihren Entführern nicht hätte bewiesen werden können", sagte der Detektiv. „Ich hatte die Idee, daß zwischen dem Flintenschuß und dem zerbrochenen Fenster irgend eine Verbindung bestehen müsse- und als ich den Raum durchsuchte, fand ich die Stelle, wo dte Kugel die Wand getroffen hatte, und auch die Kugel selbst. Tann sah ich hinaus und war überrascht, wie nah dte fSu&M wand des Gebäudes dieser Billa war. Ich schickte Walter« hinunter, um gleichfalls einen Schuh abzugeben. De« Spiegel gebrauchte ich, um einen Sonnenstrahl über da« Feld herzuleiten, und zum Glück war Herr Wtlkinson tut stände, dasselbe Mittel zu gebrauchen. Da war ich meine« Erfolges sicher. Ich brauche wohl nichts mehr zu fagett Herr Wilkinson machte durch seine kluge Kriegslist die Sach« sehr einfach." „ „ .....c, , Ganson und seine Komplizen empfingen ihren verdiente« Lohn. Es erwies sich, das Ganson ein Abenteurer de« schlimmster Sorte war, und daß er mit Hilfe gefälschter Urkunden zu der Jagdgesellschaft Zutritt erlangt schliefen, ich habe ihn so innig gebeten, mir zu Hilfe zu kommen — ohne daß jemand es wisse — ich wollte es niemand sagen — aber er ist immer da oben geblieben, groß, kalt und schweigsam. Ich weiß nicht, was man glauben soll. Es giebt gewiß gar keinen Gott." „Sie wissen nicht, was Sie sagen, Frau Eck, das sind schreckliche Worte. Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Sie sind wohl nicht viel in die Welt hinaus gekommen, Frau Böje — und haben wohl auch nicht viel gelesen. Ist es nicht sonderbar, alle die großen Dichter der Gegenwart sind Freigeister: Viktor Hugo, Swinburne, Spielhagen, Flaubert, Paul Heyse und alle unsere eigenen hervorragenden Männer. Sie wissen wohl nicht, doß ein großer Umschlag vor sich gegangen ist. Man ahnt nichts davon, ehe man nicht ins Leben hinaus kommt. Ach, als Kind war ich so gottesfürchtig, ich glaubte steif und fest, daß Gott im Himmel oa droben säße und die Stirn runzelte, wenn man nur „bei Gott" sagte. Ich bin in einem streng orthodoxen Heim aufgewachsen — mein Vater ist Prediger auf Bornholm." „Ja, das haben Sie mir erzählt."- (Fortsetzung folgt.) Sonderbares Verschwinden. Nach Tit-Bits. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Ich ließ mich wieder mitschleppen, war aber überzeugt, daß Ridley nicht gang bei Sinnen sei. Nochmals legten wir den Weg zu dem alten Landsitze zurück. „Ich fürchte, hier ist wenig für einen Pferdeknecht zu thun", sagte der Detektiv. Auf diesem Wege sinh lange keine Pferde entlang gegangen." „Pferdeknecht? — Ach so!" Zum zweiten Male an diesem Tage wurden wir in Gansons Arbeitszimmer gewiesen. Er drückte seine Ueber- raschung aus, uns schon wieder zu sehen, und sein Benehmen schien mir etwas gedrückt, wenn nicht ängstlich. „Ich möchte Sie bitten, mir einen kurzen Brief zu schreiben", sagte Ridley ohne Umschweife. „Da es sich um eine Sache von großer Wichtigkeit handelt, hoffe ich, daß Sie mir meine Bitte erfüllen werden." „Wer mit Vergnügen", war die Antwort, aber seine Stimme drückte das Gegenteil aus. Er schritt quer durch den Raum zu seinem Schreibtisch hinüber und legte alles zum Schreiben zurecht. „Glattes Papier ,Bitte", sagte der Detektiv. „So, nun schreiben Sie, bitte, was ich Ihnen diktiere." Der andere nahm die Feder, und Ridley stellte sich hinter seinen Stuhl und Begann: „Herrn R. Wilkinson. Geehrter Herr! Obgleich Ihre Entscheidung Bei unserer letzten Verhandlung ungünstig aus- siel . . ." Ter Schreiber schrieb die ersten Worte nieder, zögerte und schrieb wieder . Plötzlich warf er seine Feder weg und drehte sich um. „Was bedeutet denn das?" fragte er. „Ich verstehe nicht." „Es Bedeutet .... und Ridley ergriff das Stück Papier — „es Bedeutet, daß Ihr Spiel ausgespielt ist, Herr Birrel I" , Wir waren völlig verBlüsft — Ganson und ich. Ganson sprang mit einem Fluch auf und wollte die elektrische Klingel CvrcicEjctt. „Zurück, Herr!" rief Ridley, indem er sich vor ihn stellte und ihm einen geladenen Revolver entgegenhielt. „Ich weiß, daß Ihre Komplizen draußen sind. Wer machen Sie keinen Versuch, sie zusammenzurufen. Setzen Sie sich, bitte!" „Ich möchte wissen, was dies Bedeuten soll", sagte Ganson, Bleich vor Wut. „Sie haben ausgespielt" ,sagte Ridley in ruhigem Tone. -,Herr Wilkinson befindet sich als Gefangener in diesem Hause, im Mittelzimmer des zweiten Stockes nach Süden. Ich verlange seine sofortige Befreiung!" „Es ist eine Lüge!" rief Ganson. „Wie können Sie es wagen, mich so zu beschuldigen? Ich erkläre Ihnen, ich weiß nichts von Wilkinsons Aufenthalt!" Ridley sah ihn einen Augenblick an, bevor er antwortete. ,Lch habe mit ihm signalisiert" ,sagte er. „Seien Sie leim hatte ___________ Eine falsche Rechnung. Ski^e von XaverLang. (Nachdruck verboten.) Albert hatte Lieschen auf einem der letzten Vereins bälle kennen gelernt und sich gleich bis über beide Ohre« in das hübsche Mädchen verliebt. Auch chr war er nicht 264 föcbaftion: I. B.: 9?. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch, und Cteindruckcrei tPietsch Erbm) in Gießen. a b c d e f g h 8 7 6 5 4 3 2 1 a b c d e f g h Weiß. (6 + 8) Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Magischen Dreiecks in vor. Nr.r L A I UFA NEUN ERNTE Gleichgiltig geblieben, und da endlich die Tante des Jung- räuleins gegen eine Verbindung mit dem jungen Manne nichts einzuioenden hatte, so wäre alles in schönster Ordnung gewesen, wenn — ja wenn-- Lieschen war eine Waise und von Tante Anna aufgezogen worden, sodaß sich zwischen ihnen ein Verhältnis wie zwischen Mutter und Tochter entwickelt hatte. Tante Anna war dabei noch nicht so alt, wie man sich gemeinhin derartige ihre Nichtchen und Neffen bemutternde Damen vorstellt. Anfangs der vierziger Jahre war sie, eine etwas beleibte aber nicht unüble Dame, die nichts von einer Alt- jungferlichkeit an sich hatte. Mit der einmal übernommenen Mutterpflicht war es ihr ernst. Und so hatte sie sich auch jetzt erst genau nach Albert erkundigt und erst, als sie die besten Auskünfte über ihn erhielt, erlaubte sie ihm, daß er sie aufsuche. Tas heißt: Wbert liebte Lieschen wie sie war und sich gab. Doch war es ihm recht angenehm, als er auf Umwegen erfuhr, daß Tante Anna in die schöne Kategorie der Erbtanten gehörte und ihre Nichte einmal zur Universalerbin einsetzen würde. Donnerwetter, das war nicht zu verachten. Ta ist doch sicher, daß sie einen Teil des Erbes schon bei der Hochzeit auszahlen wird. Was sich damit nicht alles thun läßt! Zum Mindesten kann er ein eigenes Geschäft gründen und sich unabhängig machen. Dann braucht er nicht mehr von morgens früh bis abends spät für andere Leute zu schuften, dann kann er den großen Herrn spielen. Und -er rieb sich bei diesen angenehmen Aussichten vergnügt die Hände. Nun saß er jeden Wend bei seiner Zukünftigen. Und da störte ihn nur eins. Eben die Tante. Die blieb behaglich im Zimmer und duldete nicht die geringste Zärtlichkeit. Nur beim Abschiednehmen durfte er einen Kuß auf Lieschens Wange drücken. Wer ein Kuß unter Aufsicht ist überhaupt gar kein Kuß, ist eine würzlose Formel--- Lieschen war das selbst nicht angenehm. Doch was wollte sie machen. Ihre ganze Hoffnung setzten die beiden nun auf den Sommer. Ta war man doch nicht an das Zimmer gebunden. Ta konnte man ausfliegen, konnte sich wohl mal etwas! abserts verlieren..... Jawohl, die Tante war auch im Freien wachsam. Einen Ausflug ohne Aufsicht gab's nicht. Niemals. „Dem muß ein Ende gemacht werden", wetterte Albert insgeheim. „Irgend ein guter Freund mag uns beglücken. Ter beschäftigt die Tante und wir sind ihre Argusaugen los und können machen, was wir wollen." Der Plan war einfach genial. Wer wer sollte ihn verwirklichen helfen? Er ließ seine Freunde Revue passieren, 's war niemand drunter, dem er die Rolle zutrauen konnte. Sie waren eben alle zu jung für eine Dame von 40 Jahren. . Doch halt. In seinem Hause wohnt ein Junggeselle, ern durchgefallener Studiosus, der sich in seinen 35 Jahren mit allem Möglichen das tägliche Brot verdiente. Heute gab er Auskunft in Rechtssachen oder fertigte Gesuche an, morgen dichtete er ein Hochzeitscarmen oder eine Reklame . in Versen für irgend ein Warenhaus usw. Dabei war er gar keine schlechte Erscheinung. Wenn er dem hier und da 'nen Thaler giebt und die Zeche vergütet, so wird er sicherlich aushelfen. • Und Jodocus Reißler half aus. Der war sofort bereit. Billiger und angenehmer konnte er seine Sonntag-Nach- Mittage ja gar nicht verbringen. Als denn Tante Anna und das Liebespärchen draußen rn einem Ausflugsorte saßen, tauchte auf einmal Jodocus a^if' '[jum/ erblickt Albert und geht freudestrahlend ,/Ach, mein lieber junger Freund; das ist aber hübsch, daß ich ein bekanntes Gesicht finde. Wenn Du gestattest, nehme ich Platz." „Gern. Darf ich die Herrschaften mit einander bekannt machen?" Jodocus hatte die Tante schnell in ein Gespräch ver- wickelt und zeigte seine liebenswürdigsten Seiten, sodaß sie ldeilerhin gerne die Erlaubnis erteilte, sich ihnen anfchließen Und wirklich, die Tante achtete gar nicht darauf, daß Albert Und Lieschen allmählich zurückblieben und einen Seitenweg durch den Wald einschlugen.....Das bischen Schelte ließ sich ja späterhin ertragen. „Ein angenehmer Mensch, Dein Freund", sagte sie am andern Wend. „Ich habe mich wirklich vorzüglich mit ihm unterhalten." „Auch er war von Ihnen ganz entzückt", beeilte sich Albert zu entgegenen, „und Würde sich uns demnächst ganz gerne wieder anschließen." Alberts Plan war also glänzend gelungen. Die Tante hatte so schön auf den Köder angebissen, wie er es besser gar nicht wünschen konnte. Ta meinte sie einmal so von ungefähr: „Ich dächte, es wäre nun bald Zeit, daß ihr ans Hei«! raten kommt. Die lange Brautzeit liebe ich just nicht. Lieschens Aussteuer ist fertig. Die Wohnungseinrichtung schaffe ich auch schnell. Also woran fehlt's noch?" Albert war's sicherlich Recht und Lieschen nicht minder. „Ich hatte natürlich Ursprünglich vor, meine Kinder, zu Euch zu ziehen. Wer das wird nun doch nichts werden." „Gottseidank", dachte Albert. Wer er frug: „Wieso denn?" Und antwortete gleich darauf — fo'n Heuchler: „Das ist aber schade." „Nun ja, einmal muß ich's euch ja doch sagen. Herr Jodocus Reißler hat um meine Hand angehalten —" „Tas ist unverschämt", entfuhr es dem ob dieser Enthüllung ganz verblüfften Albert. „Wer inwiefern denn?" entgegnete nun die Tante verwundert. „Bin ich vielleicht nicht noch begehrenswert? Ist denn an mir etwas auszusetzen? Kurzum, ich habe ihm mein Jawort gegeben. Unsere Herzen haben sich eben gefunden. Ta hat das Alter gar nichts zu sagen." „Er ist doch aber nichts, hat keine sichere Stellung^ nichts." „Dafür habe ich doch Geld, nicht? Und überdies macht er reizende Gedichte." Albert schlug sich en'tsetzt vor den Schädel. Da hatte er ja was Nettes angerichtet. Weg die Mitgift, das Erbe, Und vor seinen Augen zerrann sein Traum, sein schöner! Traum, von großer Mitgift, von eigenem Geschäft, von „eigener Herr sein". Und er schüttelte nur sprachlos den Kopf. Daß doch die Menschen dann immer am düm'msten find, wenn sie glauben, ganz besonders gescheidt zu sein. Schachaufgabe. Von P. H. Willinms in Hampstead. (Nachdruck verboten.)