Montsg den 3. Mars. Nr. 34. M s MUWWWAW gf ein Auge kann die Welt trüb oder hell dir machen; Wie dn sie ansichst, wird sie weinen oder lachen. Nücke r t. Nachdruck verboten. Ein verhängnisvoller Ring. Novelle von E. Hainberg. (Fortsetzung.) • „Ach, lieber Vater, es ist zu schrecklich, das zu glauben. Aber — wenn wirklich Loßberg der Ueberbringer des Ringes gewesen wäre, so befand er sich jedenfalls in einer Zwangslage, und daß er den Ring nicht stehlen, sondern, nach Beseitigung der ihn treibenden Verhältnisse, uns zurück- erstatten wollte, zeigt ja zur Genüge, daß er den Rrng nicht verkaufte, sondern nur versetzte, um ihn demnächst wieder einzulösen." ' „Tas alles sind nur Einbildungen von Dir, mein Kind, Tu willst Dir nun einmal den Glauben an ihn nicht nehmen lassen. Aber ich sage Dir noch einmal, er ist em Unwürdiger, den zu vergessen Deine Pflicht ist." „Selbst nicht die Not, die unverschuldete, an die ich aber nicht zu glauben vermag, durfte ihn zu der ehrlosen That treiben. Hatte er nicht Freunde, denen er sich offenbaren konnte, welche ihm ihre Hilfe nicht versagt haben würden? Spielschulden oder dergleichen, die man sich schämt, zu bekennen, werden es sein, welche den Druck auf ihn ausübten." „ „ . , t „ „Doch genug davon, Hella, ich wünschte, das Haßnche wäre uns erspart geblieben, Dir und mir." „Lieber Vater", begann Hella noch einmal zaghaft, „könnte nicht dennoch ein Irrtum obwalten? Es ist mir noch immer, als thäten wir Loßberg mit unserem Verdacht ein nie gut zu machendes Unrecht an." „So spricht nur ein thörichtes, vertrauendes Her'z, Hella. Es ist die erste bittere Enttäuschung Deines Lebens. Weiß der Himmel, mir wäre kein Opfer zu groß gewesen, hätte ich den bitteren Kelch Dir fernhalten können." Wochen waren verflossen. Hella hatte sich während dieser Zeit völlig gegen die Außenwelt abgeschlossen. Weder wurden Besuche empfangen, noch solche abgestattet, jede Einladung abgelehnt, selbst der Theaterbesuch war unterbrochen. _ Holthaus war damit einverstanden, mußte rhm doch vor allen Dingen daran, gelegen sein, jede Begegnung Hellas mit Loßberg zu verhüten, bis jener einsah, daß.man rhn durchschaut hatte und seine fernere Freundschaft nicht mehr wünsche. Fast schien es, als habe Holthaus das unerqurcklrche Vorkommnis bereits vergessen, wenigstens that er desselben in Hellas Gegenwart nie mehr Erwähnung. Dennoch wurde er gerade durch Hella immer aufs neue daran erinnert, denn ihre immer schmaler und blasser werdenden Wangen konnten ihm ja nicht entgehen. Wohin war der strahlende Glanz ihrer Augen, das heitere Lächeln ihres Mundes? Kochenden Ingrimms gedachte er des Mannes, der sich unter dem Schein der Ehrbarkeit in das Herz seines Kindes gestohlen, und mit nerviger Faust zerknitterte er die kleine Karte, die jenes Mannes Namen trug, und die er bei seinem abgewiesenen Besuch zurückgelassen hatte, und warf sie mit verächtlicher Gebärde von sich, wie man ein ekelhaftes Gewürm wohl von sieh abschüttelt. „Daß er es noch gewagt hat, seinen Fuß über die Schwelle dieses Hauses zu setzen", murmelte er in höchster Erbitterung vor sich hin. „Doch freilich", fetzte er gleich darauf hinzu, „er ahnt ja noch nicht, daß ich um seine That weiß, er selbst sah mich ja im Dunkel des Hausflurs nicht, als er den Pfandleiher verließ, und wo ich schon eine Weile wartend stand, weil mir das Stimmengemurmel die Anwesenheit eines Fremden verriet. „Nun muß er seine „Ehrenrolle" weiterspielen! Nächstens wird er wohl kommen, und um Hellas Hand anhalten. O, daß ich ihm den „Dieb", den „Ehrlosen" ins Gesicht schleudern könnte! Der Erbärmliche, der sich in das reine Herz meines Kindes stahl, und vor solcher That nicht zurückbebte." — „Ich hoffe, Hella", sagte Holthaus einige Wochen später zu dieser, „Du wirst die Einladung zu Frau Griefenhagen nicht ablehnen. Es ist wünschenswert, Kind, daß Du Dich einmal wieder in Gesellschaft zeigst. Du kannst dies um so leichter wagen", fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, „da Du sicher sein darfst, jenem Unseligen nicht zu begegnen." Hella schaute auf. Ein Beben ging durch ihren Körper, was von Holthaus nicht unbemerkt blieb. „Leutnant von Loßberg ist nämlich auf vier Wochen nach B . . . kommandiert"/fügte er erklärend hinzu. Ein erleichtertes Aufatmen Hellas zeigte Holthaus, wre sie schlimmeres zu hören befürchtet hatte. Ihr leicht und wie ermunternd auf die Schulter klopfend, sagte er: „Sei vergnügt, mein Liebling, und mack)« endlich einen dicken Strich durch die jüngste Vergangenheit." Sie zwang sich zu einem schwachen Lächeln. — Hella hatte soeben einen Rundtanz beendet, sie war etwas ermüdet, und sehnte sich nach einem kürzen Allemsern. Ta schien ihr der kleine, abgesonderte Winkel emer tresen Fensternische, die durch einen lang herabwallenden Mieren Stoffvorhang ein kleines Reich für sich bildete,, am besten dazu geeignet. Sie schlüpfte hinein. Ein brectes, hohes Fenster gab den Ausblick in den vom Mondlrcht beleuchteten Park." — 184 Hella blickte hinaus, und ward gefesselt von dem eigentümlichen Zauber, welche die nächtliche, mondbeschienene Szenerie auf sie ausübte. O, wie wohl bas that, einmal aus dem Gewühl da drinnen herauszukommen, fort aus dem Hellen Lichterglanz, und der von allerlei Parfüm gemischten, atembeklemmendeu Luft! Sie glaubte, da drinnen ersticken zu müssen. Wie kanr es nur, daß ihr das frohe, heitere Treiben heute so unendlich schal, die Gefst-rache so inhaltslos vorkamen? Hatte sie doch das alles noch vor kurzem selbst mitgethan, und sich iiberaus wohl dabei befunden. Und heute vermochte ne nur widerwillig Rede zu stehen, all den teilnehmenden Fragen gegenüber, die nach dem Grunde ihrer langen Abgeschlossenheit forschten. Wie peinlich war ihr dies alles. Freilich, sie Ivar ja auch das heitere, fröhliche Kind nicht mehr, das noch vor wenigen Wochen ebenso sorglos und heiter mit den andern über all solche Nichtigkeiten gescherzt und gelacht hatte. Ter Ernst des Lebens war inzwischen an sie herangetreten, und hatte sie selbst ernst und machdenkend gemacht. Und schal und inhaltslos, gleich all den Gesprächen schienen ihr auch die Menschen zu fein, so sehr sie sich auch bemühten, ihr zu gefallen und den Trübsinn von ihrer Stirn zu scheuchen. War das alles die Folge davon, daß jener eine, der ihrem Leben so reichen Inhalt "gegeben, ihr nun für immer entrückt war? Warum nur konnte sie nicht vergessen, warum mußten ihre Augen immer wieder Herumschweifen, ob nicht irgendwo die schlanke Männergestalt auftauchen würde, mit dem sie so oft, bei ähnlichen festlichen Veranstaltungen, Stunden heiteren Genusses verlebt hatte. Doch vorüber — vorüber! Zwei Thränen schlichen sich in ihre Augen, und tropften langsam die Wangen hinab. Sie schluchzte leise aus. „Hella, gnädiges Fräulein!" Eie wandte sich um, und einer Bildsäule gleich starrte sie dem Manne entgegen, hinter dem soeben der Vorhang wieder zusiel. „Herr von Loßberg!" „Gnädiges Fräulein, verzeihen Sie dieses Eindringen! Aber ich mußte Sie endlich einmal sprechen. Seit Wochen warte ich vergebens aus einen solchen Augenblick. Zweimal hat man meine beabsichtigten Besuche in Ihrem Hause abgewiesen, und in Gesellschaften waren Sie nicht zu finden. Ihr Herr Vater, welcher bisher mir mit Wohlwollen und Freundlichkeit begegnet war, scheint mich neuerer Zeit kaum noch zu kennen, denn einmal, als ich in freudiger Ueber- rafchung, endlich einmal wieder ein Glied Ihrer Familie zu sehen, bei einer Begegnung auf ihn zutrat, ging er mit kaltem, fremdem Gruß an mir vorüber. Ein andermal sah ich, wie er kürz, vor unserem Zusammentreffen rasch in eine andere Straße einbog, für mich aber keinen Blick übrig hatte. Ich konnte nun nicht mehr zweifeln, daß dies mehr denn bloßer Zufall sei. Aber, was liegt dieser an Beleidigung grenzenden Nichtachtung zu Grunde? Das, gnädiges Fräulein, bin ich hier, Sie zu fragen. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Warum entziehen Sie mir Ihre Freundschaft — was hat Ihr Herr Vater gegen mich?" Hella stand in peinlichster Verlegenheit. Was sollte sie antworten? Und doch hatte Loßberg ein Recht zu dieser Frage. Bisher war er in wohlwollender Freundschaft von ihrem Vater ausgenommen und von ihr, und hatte sie ihn nicht auch, ahnen lassen, daß sie seine Huldigungen nicht uttgent sah? Ja, es war abscheulich, wie man ihm mitgespielt! Sie hatten ihn verurteilt, ihr Vater und auch sie, ohne ihn gehört zu haben. Wäre Offenheit nicht das richtigste gewesen? Nun stand er vor ihr und forderte Rechenschaft. Sollte sie ihm nun sagen: „Wir hielten Dich für einen Dieb, deshalb unser Zurüctziehen, deshalb mein Fernbleiben von jedem Ort, wo ich Dich zu treffen fürchtete." Und wenn er unschuldig war? Nein, nicht wenn, er war unschuldig, des Vaters Verdacht ein ungerechter und voreiliger. Seine Persönlichkeit begann wieder den alten Zauber auf sie zu üben, sie wußte nun bestimmt, daß sie ihn nie vergessen werde, daß es ein großes, heiliges Gefühl sei, das sie zu ihm hinzog, dessen fte sich nicht zu schämen, brauchte. Sie hob die Augen zu ihm empor und sagte mit bebender Stimmer „Verzeihen Sie!", ihm zugleich ihre schmale, weiße Hand, von der sie den Handschuh gestreift hatte, entgegenhaltend. Ta — ein Blick auf seine, ihre schlanken Finger umfassende Rechte, von welcher er soeben den Handschuh gestreift hatte — rind ein kalter, eisiger Reis schien ihr Herz zu befallen. Ungestüm zog sie ihre Hand zurück. War es möglich — der Ring, der vermißte, der gestohlene, an seinem Finger!? Stolz hob sie den Kopf. Ohne ihn noch einmal anzufehen, rauschte sie an ihm vorüber. Loßberg aber sah ihr nach, wie etwas Unbegreiflichem. Was war das? War das Wahnsinn, oder war er selbst im Begriff, wahnsinnig zu werden? Woher dieser plötzliche Mandel von sanfter Weichheit zu beleidigtem Stolz und — Nichtachtung? Doch fort damit! Das war nun vorbei! Dreimül hatte man ihn ungestraft beleidigt, ein viertes Mal würde er sich dem nicht ausfetzen. Fort damit! — — Hella war in einer unbeschreiblichen Stimmung. Was! war geschehen! Tas, was zu glauben ihr Herz sich bis zu dieser Minute gesträubt hatte, war nun doch Wahrheit! Stürzte die Welt darüber nicht in Triimmer, schienen die Wände des Saales nicht zu wankten? Fort, fort aus dieser Umgebung, wo aller Augen sie wie Dolchspitzen zu durchbohren schienen! In eiliger Hast suchte sie die Gastgeberin auf, sich von ihr zu verabschieden. Die Dame fand diesen frühen Aufbruch bei Hellas geisterhaftem Aussehen nur zu gerechtfertigt, und machte keinen Versuch, sie länger $u halten, nur eine Begleitung wollte sie ihr aufnötigen, doch Hella wies auch das zurück mit dem Hinweisj daß sie in ihrem Wagen, der jedenfalls bereits warte, am sichersten geborgen sei. Kaum vermochte sie während der Fahrt ihren Thranen Einhalt zu thnn, aber mit aller ihr zu Gebot stehenden! Willenskraft drängte sie dieselben zurück. Es sollte sie niemand weinen sehen. . . Flüchtig eilte sie an dem bereitstehenden Diener vorder, wies das junge Mädchen, das ihr beim Auskleiden behilflich sein wollte, mit den Worten zuriick: „Ich danke Dir, Anna, lege Dich nur nieder, ich, will schon allein fertig werden." Und als die Zurückgewiefene noch eine Einwendung wagte, war eine abweisende Handbewegung und ein rasches Schließen der Thür die ganze Antwort. Dann entledigte sie sich ihrer Festkleider, fast mit Verachtung warf sie dieselben von sich. . c „ , „Blendwerk, eitles Blendwerk!" sagte sie daber, „die Kleider sieht man und taxiert den Menschen danach, aber den Menschen, der darunter steckt, den sehen wir nrcht und wissen nicht, was er in seinem Innern birgt." Schlaflos verging ihr die Nacht. „Mein Gott, Hella, was ist Ihnen, sind Sie krank?" war Frau von Dettmars erschrockener Ausruf, als Hella das Frühstückszimmer betrat. Auch Holthaus sah seine Tochter forschend an. Ihre gramdurchwühlten Züge sagten ihm sofort, daß der gestrige Abend über Hella ein großes Leid gebracht haben müsse, „Mein liebes Kind", sagte er, nachdem Fran von Dettmar uuf einige Zeit das Zimmer verlassen hatte, um wirtschaftliche Anordnungen für den Tag zu treffen, „willst Tu mir nicht sagen, welcher neue Schmerz über Dich gekommen ist?" , Hella legte ihren Kopf, wie nach einem Halt suchend,- an die Brust ihres Vaters, er strich ihr sanft über bte , Mange. , . , „Erlaß es mir, Setter", sagte sie, „denke, es sei etwas! recht schweres, was Deiner Hella begegnet ist, aber frage nicht, ich würde es doch nicht über meine Lippen bringen." „Würde es Tein Herz nicht erleichtern, mein Liebling, wenn Du Dich ausfprechen würdest? Vielleicht, daß sich dann herausstellte, daß das, worüber Du jetzt sd entsetzt scheinst, gar nicht die Beachtung verdient, die Du ihm bis jetzt zumissest." Hella schüttelte den Kopf, dann kam es in bebenden Lauten von ihren Lippen: „Ich habe in einen Abgrund geblickt, und dies schaurige Bild wird mir wohl ewig vor Augen bleiben. Doch ich habe eine Bitte an Dich- lieber Vater. Du weißt, Tante Emma in Kassel bat schon lange gewünscht, mich einmal für längere Zeit bet, sich zu haben, ohne daß wir dem bis jetzt nachgekommen sind. SBie ward es, lieb' Väterchen, wenn Du mir für einige Zeit die Erlaubnis, dazu geben wolltest?" 185 Holthaus strich mehreremale mit der Hand durch seinen wohlgepflegte« Bart, im Stille« überlegend. „Wenn Du es wünschest, Mnd, ich will Dir gestehen, pah mir der Gedanke schon selber gekommen ist, doch konnte ich mich immer «och nicht zu der Trennung entschließen, aber das kommt davon, wenn man jo ein einziges Töchterchen hat." „Wenn Du mich vermissest, lieber Vater — „Nein", unterbrach er sie, „ich will, daß bei meinem Liebling wieder Frohsinn und Heiterkeit Einkehr halten. Eine neue Umgebung, andere Menschen und andere Verhältnisse werden dies am leichtesten herbeiführeu. Auch bist Du der Schwester Deiner Mutter wirklich diesen Besuch schuldig. So triff denn Deine Vorbereitungen, und sage, wann Du zu reisen gedenkst." „Am liebsten sogleich morgen, lieber Vater." Er blickte überrascht auf sie, wollte noch etwas erwidern, bezwang sich aber und schwieg. Hella mochte ja auch wohl recht haben; es giebt Leiden, bei denen jedes gesprochene Wort nur grausam in das eigene Fleisch schneidet. Mochte sie suchen, in der Ferne Vergessen zu finden, und Gott mochte geben, daß sie Zurückkehrt-e mit neuern Lebensmut. Er würde seiner Schwägerin einige diskrete Andeutungen machen, und die feinfühlige Frau würde chn verstehen, und Hella Helsen, die erste große Trübsal ihres jungen Lebens zu vergessen. Fast ein halbes Jahr war verflossen, seit Hella fast fluchtartig die Heimat verlassen. Ihre Briefe, die anfänglich von tiefer Schwermut zeugten, schienen allmählich wieder von heiterer Lebensauffassung durchweht. Holthaus atmete auf. „Gott fei Dank, sie scheint überwunden zu haben", sagte er leise vor sich hin, und er wagte nun auch einmal anzudeuten, wie sehr er sie vermisse und sich nach ihr sehne. Den dritten Tag, nach Absendung dieses Briefes, stand Hella vor ihm. „Liebes, liebes Väterchen! Da bin ich! Nun hast Du Deine Hella wieder — für immer!" Holthaus schaute sie betroffen an. Die letzten Worte klangen ihm so sonderbar, so von Weh durchdrungen. Sollte sie dennoch nicht überwunden haben? Aber er nahm sich vor, dies scheinbar unbeachtet zu lassen. Je weniger man eine Wunde berührt, je weniger schmerzt sie. Die alles lindernde Zeit würde ja wohl auch an Hella ihr Samariterwerk vollenden.--- (Fortsetzung folgt.) Masleniza, die BMeMocht. Momentbilder vom russischen Fasching (2. bis 9. März). Von Richard zur Linden-Moskau. (Nachdruck verboten.) Wer an einem der schweren Arbeit gewidmeten Werktage die Grenzen des heiligen Rußland überschreitet, und den russischen Muschik kennen lernt, wie er sein Arbeitspensum mit augenscheinlicher Verdrossenheit bewältigt oder sich dem Ausruhen unb der Muße hingiebt mit der unerschütterlichen Gemütsruhe eines ermüdeten Haustieres, der wird kaum glauben wollen, daß auch im russischen Volke die Empfänglichkeit für ausgelassene Faschingsfreuden im Geschmack des rheinischen oder italienischen Karnevals steckt. Auch wenn man das Volk bei seinen sonntäglichen Vergnügungen auf dem Lande beobachtet, wenn die Dorsdirnen Unverdrossen auf dem Kirchplatz in stundenlanger Dauer den Kolo oder irgend einen anderen Ringeltanz unter Ausschluß der Männer ausführen, bei welchem sie sich selbst in schwermütigen und eintönigen Melodien begleiten, hält man es für fast unmöglich, daß sich dieser Ernst je in fessellose Ausgelassenheit verwandeln könnte. Und doch geschieht einmal im Jahre das Wunder, sobald im Kalender des Kirchenjahres die sehnsüchtig erwartete Masleniza oder Butterwoche beginnt, aus welche sich Mann und Weib, alt und jung, mindestens ebenso freut, wie der Münchener auf die Salvatorzeit und das Oktoberfest. Vorweg sei ein Wort zur Erklärung des Namens gestattet. Maslo (masla) bedeutet in allen slavischen Sprachen „Butter", und die den Namen Masleniza führende Woche vor Beginn der sechswöchigen strengen Osterfasten heißt somit Butterwvche. Die orthodoxe Kirche übertrifft nämlich in der Strenge ihrer FastecrgeLote noch bedeutend die römisch-katholische Kirche; sie fordert von ihrem Bekenner in dieser Fastenzeit nicht nur Euthaljcsamkcit von allem Weisch, sondern auch von alle« von Türen stammenden Nahrungsmitteln, sogar von Eiern und Butter. In der Masleniza ist jedoch deren Geriuß noch erlaubt, und ebenso wie man sich aus allerhand zarten Fischern Kaviar, Hummern und anderen Leckerbissen ein des ersten Feinschmeckers würdiges und gleichwohl den Fastengeboten entsprechendes, üppiges Wahl zufammenstellen kann, welches geradezu das Gegenteil der von der Kirche geforderten Entbehrung bilbet, ebenso benutzt der giusse in der Masleniza die Erlaubnis!, Milch, Butter und Eier zu genießen, um aus diesen einfachen drei Bestandteilen die ansgesuchtesten Gerichte herzustellen, welche die stoffliche Grundlage zur Stärkung des irdischen Leibes in der Zeit des Jahres bilden, in welcher er nach Herzenslust austvllt. Natürlich Hilde« diese Essereien nur den Rahmen für die in der Masleniza stattfindenden Vergnügungen, daran man in Gedanken schon zehrt, sobald der im heilige» Rußland zeitig eintretende Winter den ersten 'Schnee vom Himmel herniedersendet. Der armseligste Muschik sucht in den langen Wintermonaten einen kleinen Spargroschen zusammenzuscharren, um an den vielfachen Lustbarkeiten der tollen Woche teilnehmen W können, selbst auf die Gefahr hin, deswegen täglich ein Glas des geliebten Wutki weniger trinken zu müssen. Was er so mühselig erübrigt, wird dann in wenigen Tagen mit einer Seelenruhe verkitscht und vermöbelt, als ob er in Millionen wühlte und das! Geld für ihn wertlos fei. Mik Leib und Seele ist natürlich auch die liebe Jugend bei der Sache. Dem Faulpelz, der nichts lernen will, wird angedroht, daß er in der Masleniza! zu Hause bleiben muß, während dem fleißigen Kinde der Besuch der Theater und der Cirkufse mit ihren Feenstücken, Pantomimen und Zaubersoireen, der Rutschpartien auf bett künstlichen Eisbergen, dem beliebtesten Wintervergnügen der Russen, ferner Schlittenpartien in der Troika, dem drei Pferde breit bespannten Schlitten und vor allem der Besuch des Jahrmarktes versprochen werden. Man sagt in Rußland: „Die Katze hat nicht immer Butterwoche, aber viel länger Fasten", und mit dieser nicht anzuzweifelnden Thatfache rechtfertigt der Russe es, wenn er in Ermangelung von Ersparnissen selbst die notwendigsten Gegenstände seiner einfachen Einrichtung versetzt oder verkauft und sich Geld verschafft, sollten selbst Bügeleisen, Möbel und Betten in das Leihhaus wandern müssen. Ist auch auf diese Weise kein Geld aufzutreiben, so ver- legt man sich einfache etliche Wochen vorher aufs Betteln,- und es mutet uns nach unseren westeuropäischen Anschauungen seltsam an, wenn ein Gabenheischender ohne weiteres den Zweck seines Bittens angiebt und nicht ein Stück Brot, sondern einen milden Beitrag für die Masleniza fordert, gleich als ob es zu den ersten Menschenrechten nach der ungeschriebenen Verfassung Rußlands gehörte, daß er in diesen Tagen mit vollen Zügen genießen muß. Maskentrubel aus der Straße darf man von der Masleniza allerdings nicht erwarten; denn dazu ist das Klima um diese Zeit (Ende Februar, Anfang März) denn doch zu ungünstig, und wer sich der Freiheiten des maskierten Tanzes freuen will, muß sie auf den zahllosen geschlossenen oder öffentlichen Maskenbällen suchen, wie sie in Moskau und den anderen großen und mittleren Städten an der Tages- oder treffender Nachtordnung sind. Tie Butterwoche ist in ihrer äußeren Erscheinung vielmehr eine Verschmelzung aller jener Lustbarkeiten, welche man auf großen Messen und Jahrmärkten und bei Volksfesten antrifft, die sich hier aber in spezifisch russischem Gewände zeigen, . Auf der weiten Fläche des Jungfernseldes in Moskau beginnt man schon lange vorher aus Brettern eine ganze Stadt von Jahrmarktsbuden „Balangani" zu errichten, rn denen alles das zu sehen ist, was wir von der AAsiner Hasenhaide, der Dresdener Vogelwiese und dem, Wrener Wurstelprater kennen und als Kinder mit ehrfürchtiger Bewunderung angestaunt haben. Und der Russe Schlages ist und bleibt auch zeitlebens em großes Kmd> welches über diese Darbietungen von Feuerfrcsiern, dmsten Damen der Welt, Tierbändigern, Kraft- und Sasiangen- menschen nicht die ätzende Lauge des Spottes ausgteßd w es der Bewohner der westeuropmschen Großstädte thut, er — 186 freut sich an dem Riesenjahrmarkt mit der Harmlosigkeit des Kindes, kauft von den nichtsnutzigen Kleinigkeiten, die an hunderten von Verkaufsständen feilgeboten werden und verschlingt dabei ungeheure Quantitäten des überaus billigen und dabei keineswegs schlechten Zuckerzeuges, dessen Güte sich deutsche Konfitürenfabrikanten für die billige Massenware zum Muster dienen lassen könnten. Plätze und Wege sind mit Millionen von Schalen des Sonnenblumensamens, hier „Semjaschtschi" genannt, bestreut, gleich als ob eine Konfettischlacht mit diesem Material durchgefochten wäre. Etwas Derartiges liegt jedoch dem Sinne der Menge gänzlich fern, und diese Schalen rühren vielmehr davon her, daß jebe Besucherin des Marktes einige Handvoll dieser bei uns nur zur Oelgewinnung benutzten Samen in der Tasche hat, von denen sie ununterbrochen knabbert. Von allen Setten aus Buden und Zelten erschallende Musik beweist, daß man eifrigst dem Tanzvergnügen huldigt; dazwischen zeigen Balalaikaspieler, d. i. eine Art Harfenisten, ihre Künste, und in den ganzen sinnbetäub enden Lärm mischt sich das Schreien und Toben sinnlos Betrunkener, die , nachdem sie vielleicht monatelang keinen Tropfen alkoholischer Getränke außer dem sauren, düun- bierartigen Kwaß genossen haben, nun einmal das Versäumte gründlich nachholen. Es gehört zum guten Ton in der besseren Gesellschaft, daß man dem Volksfeste im Schlitten einen Besuch abstattet. Wer den Prunk derjenigen, die sich zur großen Welt rechnen, sehen tvill, hat daher hier die beste Gelegenheit. Von den mit schwerem' Bärenfell verbrämten Schlitten betrachten in die kostbarsten Pelze gehüllte Damen das bunte Treiben. Im sausenden Galopp — die russische Polizei ist nämlich in dieser Zeit hinsichtlich der Uebertretungen der Schnellfahrverbote besonders nachsichtig — drängen sich andere Schlitten, auf denen angeheiterte Gesellschaften mit Trommeln, Trompeten und Balalaiken einen Höllenspektakel vollführen, blitzschnell durch das lebensgefährliche Gewühl, und wenn auch au irgend einer scharfen Ecke das leichte in eine Schleuder geratene Gefährt umwirft und seine Insassen auf dem hartgefrorenen Boden absetzt, oder ein aus einer Wutkischänke heraustaumelnder Mann überfahren wird, „Nitschewo", sagt der Russe, in dessen Wörterschatz dieser kurz mit „Macht nichts" zu übersetzende Ausdruck überhaupt der gebräuchlichste ist. Daneben fahren aber auch in solidem Tempo große Staatskarossen, deren Lenker die Livree der Hofkutscher tragen, und aus denen junge Mädchengesichter erstaunt auf eine, ihnen fremde Welt blicken. Es sind die Töchter altadeliger Familien ober auch hoher Beamten, welche sich in den von Katharina der Großen gegründeten Erziehungsinstituten aufhalten und gemäß einer von der Stifterin dieser Anstalten getroffenen Verfügung noch heute die dreimalige Rundfahrt um die Balangauistadt machen dürfen. Familien, die unter einander befreundet sind, laden sich gegenseitig in der Butterwoche zu einer Bliny ein, .welche das eigentliche Gebäck der Masleniza ist und in unglaublichen Mengen verzehrt wird. Es ist ein aus Buchweizen oder Heidemehl gebackener Eierkuchen, der mit Butter und Kaviar verzehrt wird, und der Stolz der Hausfrau ober deren Köchin ist, die, wenn das Gericht für gut befunden wird, von den Gästen herbeigerufen wird, und bei dieser Gelegenheit besondere Anerkennung findet. Deutsche Hausfrauen würden wohl die Hände ringen, wenn man an sie die Zumutung stellte, einige Pfunde Kaviar, das Pfund zu 10 bis 16 Mk., auf dieses einzige Gericht zu verwenden. In Rußland reißt jedoch die Bliny nicht ein so besonders großes Loch in den Geldbeutel,- denn der feinste flüssige Kaviar, der sogenannte „Jkra", wird nur in den vornehmeren Häusern als Zuthat verwandt, und ist im Heimaltlande des Kaviars, doch um ein Erhebliches billiger als im Auslande, und in den anderen Volkskreisen bedient man sich, des sehr preiswerten Hausenkaviars oder des überaus billigen Preßkaviars, der hinsichtlich seiner Verdaulichkeit allerdings für westeuropäische Mägen ein Prüfstein für deren Tüchtigkeit ist. Haben dann die Mietsschlitten in später Nacht die Gäste wieder zu ihrem Heim zurückgebracht, dann sieht man wohl in den nach Haufe gelenkten Fuhrwerken statt der vornehmen Insassen einen Mann im ordinärsten zerrissenen Kibtar (Schafspelz) stolz im Fond thronen. Hier offenbart sich die Gutmütigkeit des russischen Volkes. Ein armer Teufel, der sonst, das ganze Jahr hindurch keine hundert Schritt gefahren ist, bittet den Jswostschik, ihn doch ein Stückchen mitzunehmen, und meistens wird die Sitte auch erfüllt. Hat der sonderbare Fahrgast dann vielleicht auch in den außerordentlich weitläufig gebauten russischen Großstädten eine halbe oder ganze Stunde durch die bitter kalte Winternacht nach Hause zu gehen: „Nitschewo!" macht nichts. Man ist doch Schlitten gefahren, hat seine Bliny gegessen, auch einmal Schnaps getrunken bis zur Bewußtlosigkeit, und das sind genug der Genüsse, um an der Erinnerung an diese durch die Fastenzeit zu zehren, wo man in den untersten Klassen und auf dem Lande kaum viel mehr genießt, als Mamlika und Heidensterz, der mit Leinöl abge- schmalzen ist. Der russische Muschik saugt dann wie Kater Hiddigeigei än der Erinnerung Pfoten, bis mit dem nächsten Jahre eine neue Butterwoche ins Land zieht. Gsmernnnlziges. Eingewachsene Nägel. Schuld an diesem Nebel, mit dem Tausende von Menschen behaftet sind, ist einerseits unrichtiges — d. h. zu enges ober kurzes Schuhwerk — ober falsches Beschneiden der Nägel. Gänzlich verkehrte Methoden, diesem Nebel abzuhelfen, sind Herausschneiden, wodurch die Schmerzen nur auf die kurze Zeit gehoben Iverben, ober gar die Operation des halben oder ganzen Nagels bis auf den Grund. Der nun nachwachsende Nagel wird mit demselben Fehler behaftet sein. Eine ganz einfache, immer sichere Hilfe ist, nach dem „Praktischen Wegweiser", Würzburg, folgende: Die erkrankte Zehe badet man täglich ca. eine halbe Stunde in möglichst warmem Seifenwasser. Unter den hierdurch erweichten kranken Nagel versucht man kleine Wattefädchen zu stopfen, desgleichen an der erkrankten Seite, sodaß sich einerseits der Nagel hebt, andererseits das seitlich überwuchernde, meist sog. wilde Fleisch von dem Nagel abgehoben wird. In den ersten Tagen wird dies nur wenig gelingen, aber nach einiger Zeit wird der Nagel ringsherum in Wattebäuschchen ein» gehüllt sein. Dies wiederholt man täglich, indem man das alte hervorzieht und neues, und mehr Watte unterschiebt. Auf keinen Fall schneide man das ehemals eingewachsene Stück Nagel ab; denn es schmerzt ja nicht mehr, und die Heilung würde nur hingehalten. Das wilde Fleisch behandelt man am besten mit einem Höllensteinstift, mit dem man dasselbe öfter im halb feuchten Zustande überstreicht. Es verliert sich dann bald durch allmähliches Abblättern, infolge des Aetzens. Ist der Nagel nun wieder normal vorgewachsen, so sei man vorsichtig beim Beschneiden. Jedenfalls schneide man nie ans den' Ecken heraus, sondern lasse diese rechtwinklig stehen. L e s e f r ü ch t e. „Wer sich beständig ausschlußweise mit Büch eru beschäftigt, der ist für das praktische Leben verloren." (Seum e, „Apokryphen".) „Viele Kinder, welche die in der Schule erhaltenen Schläge ihren Büchern beimessen, um derentwillen sie Strafe erlitten hätten, vereinigen diese Begriffe so miteinander, daß ein Buch ihnen Abscheu erregt und sie Zeit ihres Lebens nicht mehr zur Benutzung eines solchen gebracht werden können." (Locke, „Of Human Understanding".) Ergärrzuugsrätsel. Nachdruck verboten. E. .s. d.. F.h.e. d.. I . ng . . n s..h i.m.r .ü. ..ü.kl..h.r .d.r . ng . . ck . . ch . . z. h . . l . n, . l . . r i. . l (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Quadraträtsels in vor, Nr,r MOND OMAR NASE DREI Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Berlag der Brülll'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.