Mitay den 3. Januar. 1902. — Ur. 2. LL« v^W^Wii£v3 nkpo ijjjra WM WWW *2”*4*^ WMA - l-'.,-..r'5 I W“'_L J^lV’iilbj;; ,'Isi-Hiiii K«M fsiMi ortgeschwunden sind die Gäste Sst Und verrauscht, was jeder sprach; Denn dein stillgcword'nen Feste Folgt der Werktag ehrlich nach. Bon der Arbeit neuer Frische Sind die Wangen wieder rot, Ans dem altgewohnten Tische Wieder das gesunde Brot. Kämen allzuschwer die Mühen, Allzulang der Stunden Lanf, Neue Festesweihen blühen Bald am Himmel wieder auf. Und so hält das Leben weise An den Wechsel sich gelehnt, Der vom Festtag sich zum Schweiße Und vom Schweiß zum Feste sehnt. Joh. Georg Fischer. Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Diejenige, über welche jene verschiedenen Meinungen gu Tage gefördert wurden, stand mittlerweile noch immer auf dem erwählten Posten. Sie ahnte nicht, wie sehr die Leute sich mit ihr beschäftigten, hätte sie es indes auch gewußt, sie würde es nicht beachtet haben. Ihr blieb gleichgiltig, was man von ihr sprach. Die wenigen Meltschen, die ihr in den Weg kamen, waren ihr fremd, intb sie war ihnen völlig unbekannt. Das war, was sie wünschte; fremd und unbekannt wollte sie bleiben. Dennoch gab es Augenblicke, wo eine namenlose Angst sie erfaßte, in dem Bewußtsein ihrer gänzlichen Verlassenheit. Sie hatte das so gewollt, nun mußte sie Geduld üben. .Unendlich oft schon hatte sie sich dies während des langen, einsamen Winters gesagt, eindringlich wiederholte sie sich dasselbe an dem linden Sommerabend, da sie müde und enttäuscht den Rückweg nach ihrem kleinen Idyll einschlug. Ihre schmalen, feinen Finger drehten dabei unaufhörlich in nervöser Hast den Trauring an ihrer kleinen Hand, während ihr Schritt lange nicht mehr so leicht und elastisch schien, wie auf dem Hinwege. Welche Sorge sich aber in ihre Seele geschlichen und sie innerlich nahezu mit Verzweiflung erfüllte, das sah niemand; selbst nicht das wißbegierige Auge der hübschen, treuen Bianca, die unter dem grün umrankten Vordach des kleinen Häuschens stehend, Ausschau nach ihrer Herrin hielt. Möglich, daß diese Ausschau ursprünglich dem schwarzäugigen Franzesco gegolten hatte; denn Franzesco war eine wichtige Persönlichkeit wegen seiner engen Freundschaft mit dem alten Nikolo^ der den einzigen männlichen Schuh dreier hilfloser Frauen bildete und verpflichtet war, von ferner nahegelegenen Hütts aus für die Wohlerhaltung des kleinen SchweizerhauseA wie für das Wohlbehagen von dessen Bewohnern Sorge zU tragen. Stets sollte er zu deren Dienst bereit sein, und ev that seinen Dienst gern, nur waren seine alten Beine nicht mehr allzu flink und sein Verständnis nicht so klar, wie das Franzescos, weshalb Bianca naturgemäß dazu kam, letzterem den Vorzug zu geben. Sie wußte stets Beschäftigung für ihm Auch heute hatte sie ein Weilchen bei seinem Vorübergang! mit ihm zu plaudern gehabt und sann jetzt ernstlich über seine Mitteilungen nach. — Sobald sie jedoch die Signora nahen sah, schwand aller Ernst aus ihren jungen, freundlichen; Mienen. Mit einem eigenen Gemisch von Verehrung und Zutraulichkeit lachte sie ihrer Herrin entgegen. Ehe sie jedoch eine Begrüßung äußern konnte, kam ein anderer ihr darin zuvor. Ein prachtvoller Bernhardinerhund sprang plötzlich aus dem Innern hervor, an Bianca achtlos vorüber, der° Ankoinmenden entgegen. Seine Freude, die Herrin wiederzusehen, war offenbar, doch äußerte sie sich nicht laut, nur ein gedämpftes Brummen gab von dem Wohlbehagen des riesigen Tieres Kunde, da die Signora seinen schönen Kopf sanft klopfte und ihm einige wohllautende Worte zuraunte. Damit schien es völlig befriedigt ; denn es eilte ins Haus zurück, wie jemand, den eine Pflicht ruft. Die Signora hatte, ihm folgend, Bianca erreicht, deren freundlicher Gruß einzig lautete: „Sie schläft so süß, Exzellenz«." Es war gleichfalls ein süßes Lächeln, das jene Worte auf dem Antlitz der schönen Frau hervorriefen, unterdes sie leicht zu der Hausthüre hinein und die Treppe mit dem! holzgeschnittenen Geländer hinauf schlüpfte. Oben betrat sje ein wohnliches Gemach, dessen Thüre und Fenster nach den außen umlaufenden Gallerien weit geöffnet standen und der milden stärkenden Luft freien Einzug gewährten. Was sich von ländlichem Luxus erwarten ließ, fand sich daselbst in der geschmackvollsten Art. Der hübsche Raum bot ein Bild friedlicher Häuslichkeit, dessen Mittelpunkt eins zierlich, geflochtene Korbwiege bildete, neben welcher der große Hund sich niedergelegt hatte, während an einem der Fenster eine ältliche Contadina*) saß. In dem wohlgehüteten Bettchen schlummerte ein liebliches Kind, die kleine Clarita Dolores, das ganze Glück ihrer jungen Mutter. Sachte herantretend, neigte diese sich zärtlich zu dem blonden Köpfchen in den weißen Kissen nieder; das rosige Gesichtchen mit den hellen Farben hatte kaum eine Aehnlich- keit mit den^ ihren, wenigstens jetzt nicht, da die Aeugleirtz darin geschlossen waren. *) Landfrau. iisnwfimiTOinMiCTWBiBiiii Mit unsagbarer Zärtlichkeit betrachtete die junge Frau das schlafende Kind. War es der Einfluß ihres Blickes — die Kleine erwachte. Die zarten Augenlider hoben sich, und eilt Paar Aeuglein vom reinsten Hiimnelsblan schauten groß und verwundert in die glänzenden, dunklen Augensterne, die zu ihnen uiederblicktcn, und daun lachte das Kind. Mit den Händchen in die Luft greifend, stammelte es jauchzend: „Mia Ma —“ Ehe das Wort geformt war, hatte die junge Mutter es von den rosigen Lippen weggeküßt, um allsogleich mit einer fast ungestümen Innigkeit zwei-, dreimal zu wiederholen: „Papacha! Papacha!" Es lag etwas Leidenschaftliches in dem Ton ihrer Stimme. Papacha sollte die Kleine zuerst sagen- Selbst der süße Muttername mußte ihrem Ohr nicht so lieblich dünken wie jener; denn mit ihrer kleinen Clarita kosend und spielend, wiederholte sie ihn so lauge, bis endlich auch von den Meinen Lippen der Versuch klang: Papacha! Das cha endete in einem Jauchzen, die weißen Händchen hatten glücklich das lange, schwarze Haar der Mutter erhascht. Aus dem Kindesantlitz strahlte eitel Lust, die Augen der Mutter standen voll Thräuen. Aber sie versiegten, nur die langen Wimpern wurden feucht. Was in dem heiß bewegten Herzen der großen Clarita Dolores arbeitete, durfte die Wärterin am Fenster nicht ahnen. Die stolze Frau wußte sich zu beherrschen. Mit dem ganzen Wohllaut ihrer Stimme und Sprache suchte sie allgemach den Liebling in der Wiege zu beruhigen, ihn aufs neue zum Einschlafen zu bewegen, indem sie ihm eine ihrer sanften Weisen zusang. Das Kind horchte ans; am Fenster die Wartefrau ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte in die Blumen hinaus; der kluge Bernhardiner hob den großen Kopf, er betrachtete unverwandt die Sängerin. Still, ganz still wurde es in dem kleinen Gemach, und leise, leise verklang das liebliche, schwermütige Lied. 1 Das Kind schlief anss neue; geräuschlos erhob sich die Signora und trat durch die offene Thür auf die freien Galerien hinaus. Bianca kam und brachte Abendbrot; geräuschlos ordnete sie das kleine Tischchen; mit einer gewissen natürlichen Grazie empfahl sie die gebrachten Erfrischungen ihrer Exzelleuza au. Der Titel rief gewöhnlich ein flüchtig Lächeln bei der schönen Dame hervor, nicht so heute — sie nickte nur Bianca zu, daß es gut sei. Die Speisen berührte sie kaum, ein paar saftige Früchte war alles, was sie genoß. Eine merkliche Unruhe nagte an ihr; sie vermochte diesmal nicht, wie sonst, stundenlang in die Nacht hinein hier zu sitzen und in die schlummerstille Landschaft zu schauen. Sie trat in das Zimmer zurück und beschick die alte Wärterin dahin: sie könne hinunter zu Bianca gehen, und brauche sich mit ihrem Imbiß nicht zu beeilen; sie werde bei dem Kinde bleiben. Es war ihr Bedürfnis, allein zu sein. Sie zog sich einen leichten Schaukelstuhl neben die Wiege hin, und dort bei der tiefen Ruhe, dem wunderbaren Frieden, der die holde, kleine Unschuld umgab, mochte etwas davon- in ihr rastlos erregtes Innere sich niedersenken. Ihre Augen schlossen sich, wenngleich nicht int Schlafe, nur die Gegenwart voll Sorge entschwand ihrem Bück, ihre Gedanken zogen in wachem Traume weit hinweg über Zeit und Raum. Ein wacher Tran in. Es kommt auf mich ein Dämmern wunderbar, Gleichwie im Traum verschmilzt was ist und war, Die Seele löst sich und verliert sich weit Ins Märchenreich der eignen Kinderzeit. G ei b e l. Bon was mochte die einsame Fremde in der schönen italienischen Landschaft träumen? Ihr Geist hatte sie zurückversetzt in die alte Heimat, wo des Südens Pracht noch reicher sie umgab, als in diesem gesegneten Lande. Dazu hörte sie wieder das alte, wohlbekannte Rauschen und Brausen des Meeres, das ihr heimatliches Teneriffa umwogte. Sie wähnte sich wieder dort in dem schattigen, fast bis zu dem hohen Gestade reichenden Garten, hinter dessen Taxus und Agavenhecke ein Meines Myrten -und Palmenhain Don Josees schmucke Hacienda nahezu verbarg. Die war ihr Elternhaus, ihr alles gewesen. Doxt war sie in der Stille erblüht, selber die schönste Blume unter den exotischen Pflanzen des herrlichen Gartens. Da hatte sie eine glückliche Kindheit verspielt, eine sorglose, lachende Jugendzeit verträumt bis zu jenem Abende, da ein hübscher/ blonder Fremdling über die Agavenhecke in ihre Blumenwelt hineinspähte und sein staunend bewundernder Blick dem ihren begegnet war. Es war nur ein Moment gewesen, flüchtig kurz, und dennoch lange genug, um in ihrer jungen Seele jene geheimnisvolle Sympathie zu wecken, der heiße Liebe entspringt. Der hohe, schlanke Mann mit dem hellen Teint, dem geistreichen, etwas leidenden Gesichtsausdruck und den tiefblauen Augen, war allen denjenigen, mit welchen sie fönst gewohnt war zu Verkehren, so ungleich/ daß allein dies schon ihr Interesse geweckt haben würde/ abgesehen von der ihr gewordenen Ueberraschung und der Lebhaftigkeit ihrer Natur, die jede Abwechslung in ihrer zurückgezogenen Lebensweise so froh begrüßte, daß sie in ihrem Gaste ein Geschenk des Himmels" erblickte. So war sie in anmutiger Unbefangenheit unter betttl Orangendach, welches die Blütenbäume über ihr gewölbt/ hervor, dem Fremden näher getreten, um nach seinem Begehren zu fragen. Er verstand ihre Sprache nicht, las jedoch in ihren Mienen die Frage, die er in Französisch zu beantworten und' sich für seine Neugierde zu entschuldigen suchte. Der Annahme, ein begangener Fehler könne nicht besser und schneller, als durch ehrliches Gestäudnis gesühnt werden, folgend, erreichte der Fremde rasch diesen Zweck, da er unter gewinnendem Lächeln offen gestand, er streife von Oratava aus in der Umgebung umher, wobei er es nicht vermocht habe, an diesem versteckten Eden vorüber zu wandern, ohne einen Einblick zu wagen, bet welchem Beginnen er kühn geworden, weil kein Engel mit flammendem^ Schwerte es ihm verwehrt habe. Dazu lächelte Clarita de la Para ihr süßestes Kinderlächeln; denn den Jahren nach war sie noch völlig ein leichtherziges Kind, wenngleich in ihrer äußern Erscheinung eine junge, graziöse Dame. In jenem Erdteile erblühen die Blumen schnell, die jungen Menschenblumen nicht ausgeschlossen. Donna Clarita zählte kaum 17 Jahre, galt aber bereits für die Herrin der reizenden Besitzung, die in Wirklichkeit Donna Frasqnittal Almerez, einer liebenswürdigen, greifen Matrone gehörte. Wer mit ihr in Berührung kam, verehrte sie, sämtliche Dienerschaft liebte sie; dennoch war sie unmerklich in beit Hintergrunb getreten, seit ihr Liebling Donna Clarita nach zweijähriger Jnstitutszeit in Frankreich als erwachsen heim- gekehrt war. Der reizenben, mitunter kapriziösen jungen Dame sähen alle Augen nach, Don Jose Almerez, ihr, Bormunb, nicht ausgenommen, vorausgesetzt, daß er sich auf ber Hacienda seiner Mutter befand. Nur selten war dies ber Fall. Don Jose war Schiffskapitcm, unb wenn er auf Erden außer feiner alten Mutter unb ber jungen Müitbel noch etwas liebte, so war es fein Schiff: „Ctiteriba."*) Damit hatte er schon alle Meere bnrchsegelt, auf ihm verbrachte er die größte Zeit seines Lebens. Oft ging erst nach jähre-, langer Frist bie Queriba einmal toieber int Hafen von Santa-Cruze vor Anker unb Don Jose kehrte heim unter bas mütterliche Dach. Solche Zeiten bilbeten bie Lichtblicke in dem Leben ber einsamen Matrone, welche früh verwitwet, bie Zurückgezogenheit liebte in ihrer stillen Hacienda/ unfern des Strandes, von wo bas Brausen unb Tosen bes! Meeres zu ihr herüber klang, bessen Wogen einst ihren Gatten begruben, unb bem sie dennoch immer wieder das teure Leben des Sohnes anvertrauen mußte. Sie vermochte es nicht, die gewaltige Sehnsucht zu bannen, die ihn zur See zog; sie konnte nur die Wochen und Tage segnen, in denen er bei ihr auszuruhen kam nach langer Fahrt. Einmal, es mochten 16 Jahre her sein, hatte gelegen^ lich einer Heimkehr Don Jose feiner Mutter ein eigentümliches Geschenk aus West-Indien mitgebracht — ein niedliches Kind, die kleine einjährige Clarita de la Para, das verwaiste Töchterchen seines besten.Freundes, der gleich ihm ein Schiff befehligte. Alfons de la Para war Franzose von Geburt, er hatte eine junge. Verwandte Donna Fras- quittas geheiratet unb feilte mutige Gattin begleitete ihn auf den Seereisen. Das Glück ber Beiben war jedoch von kurzer Dauer, in einem der westindischen Hafenplätze erlagen beide 'Gatten binnen weniger Tage einem bösartigen Fieber und ließen ihr Töchterchen allein in ber Welt zurück. Sterbend empfahl be la Para dasselbe Don Jose an, unb Meier nahm mit hingeb endster Sorgfalt das Meine, hilflose Wesen m *) Meine Liebe. 7 seinen Schutz und brachte es heim zu seiner Mutter. Auf seinen eigenen Armen trug er es in deren Haus. Donna Frasquitta nahm den kleinen Schatz mit Freuden aus, und bald hallte in der stillen Hacienda das laute Lachen der kleinen, munteren Clarita wieder. Sie wurde rasch der allgemeine Liebling und allgemach auch die kleine Tyrannin des Hauses. Donna Frasquitta war bereits ein wenig zu weit in den Jahren vorgeschritten, um dem kleinen, wilden Ding die Energie entgegenzusetzen, die seine Leitung beanspruchte, und Don Joses Besuche waren zu selten und zu kurz, um ihn den Eigenwillen seiner niedlichen Mündel erkennen zu lassen. Er hielt das Kind für einen kleinen Engel, und in Wirklichkeit war dasselbe nie liebreizender, fügsamer und bestechender, als wenn sein lieber Don Jose aus Teneriffa weilte. Dann fand ihre lebhafte Natur ein Genüge. Don Jose verstand sie zu beschäftigen, er brachte die herrlichsten Dinge aus allen Weltteilen mit, er wußte unendlich viel zu erzählen, ohne je durch alle ihre Fragen ermüdet zu werden, er streifte mit ihr zu Fuß und zu Pferde durch das Land, nahm sie mit nach Oralava und Santa Cruce, fuhr sie im Hafen spazieren und zeigte ihr sein stolzes Schiss. (Fortsetzung folgt.) Sturmwarnungen. Ein Geleitwort zur Neuregelung des deutschen Wetterdienstes an den Meeresküsten. Von RudvlsCurtius. (Nachdruck verboten.) Nür selten hat in einem Herbst der Ozean so viel teure Opfer an Gut und Blut gefordert wie in dem letztjährigen. Eine einzige Sturmesnacht Anfang November brachte an den Küsten Englands und Irlands, so weit die noch gar nicht einmal vollzähligen Ergebnisse der Statistik vorliegen, 28 Schiffen den Untergang und bereitete 232 wackeren Seeleuten ein nasses Grab. Ist es an den deutschen Küsten auch nicht ganz so schlimm hergegangen wie an jenen des Jnselreiches, so hat doch auch hier der Telegraph öfter als in anderen Jahren über Rettungen aus Seenot und schwere Schiffbrüche, und leider auch einmal Aber die Verunglückung der 11 Köpfe starken Besatzung eines Rettungsbootes zu berichten gehabt. Alle diese Unglücksfälle lenken in Verbindung mit dem Umstande, daß gerade jetzt die Neuregelung des wetter- telegraphischen Dienstes der deutschen Seewarte zu Hamburg zum Abschluß gelangt ist, aufs neue die Aufmerksamkeit auf eine der segensreichsten Einrichtungen, welche der Geist der Neuzeit im Interesse der täglich von größerer Bedeutung werdenden Schiffahrt geschaffen hat. Während Leuchtfeuer auf bemerkenswerten Küsten- punkten oder aus eigens zu diesem Zwecke erbauten Türmen schon vor Jahrtausenden dem Schisser den Weg wiesen, ist das Sturmwarnungszeichen eine Errungenschaft der neuesten Zeit, dre erst praktisch wurde, nachdem der elektromagnetische Telegraph eine schnelle Verbreitung der Nachrichten überall- hm möglich gemacht hatte und eine Wetterkunde auf wissenschaftlichen Grundlagen geschaffen worden war. Tie Meteorologie gehört nicht zu den Wissenschaften, welche rm stegreichen Sturmanlaufe ihre Erfolge erringen. Auf dem Wege des langsamen und mühseligen Fortschrittes hat ste srch im Lause von mehr als 100 Jahren zu dem entwickelt, was sie gegenwärtig ist. In früheren Zeiten begnügte man sich, die Mittelwerte der meteorologischen Elemente eines Ortes, sowie deren periodische Veränderungen durch tausendfältige Beobachtungen zu bestimmen. Durch lnese Kleinarbeit, welche deswegen jedoch keineswegs geringschätzig angesehen werden dars, vermochte man zwar allerhand wltterungskundliche Fragen zu beantworten, dasjenige aber, was das praktische Bedürfnis von der Meteorologie verlangt, die Vorherbestimmung des Wetters wenigstens aus die kurze Frist von ein- oder zweimal 24 Stunden, blieb dabei mir ein frommer, unerfüllter Wunsch, Mit dem Augenblicke aber, als es durch Benutzung der Telegraphie möglich wurde, nach einer Zentralstelle die auf hrrl’-n Gebiete gleichzeitig herrschenden Witterungs- mitzuteilen, sodaß z. B. ein in Berlin oder arbeitender Meteorologe zu einer bestimmten Tagesstunde, ein Bild der gesamten Wetterlage vor sich hat, a-^sst^^bNige Stilnden vorher in Mittel- und Westeuropa herrschte, wuchsen die Aussichten aus die Möglichkeit einer wirklich zutreffenden Wettervorhersage. Tie theoretischen Forschungen hatten inzwischen auch wenigstens einige von den Gesetzen ergründet, welche zwischen den Windverhältnissen und der Verteilung und Veränderung des Luftdruckes bestehen. Als ich nun während des Krimkrieges gelegentlich des in der Meteorologie zu einer gewissen Berühmtheit gelangten Balaklavasturmes vom 14. November 1854 die! Möglichkeit ergab, einen zu erwartenden Sturm wirklich vorauszusagen, ging man auf Anregung Leverriers bald' überall zur Einrichtung eines telegraphischen Wetterdienstes über. Die geschichtliche Entwickelung dieser jetzt in allen Kultur-, stauten bestehenden Einrichtung gehört nicht hierher, und' es genügt, darauf hinzuweisen, daß es zwar Frankreich war, das zuerst in dieser Richtung vorging, daß die Sache aber erst dann wirklich praktisch wurde, als die Vereinigtest Staaten von Nordamerika ein ausgedehntes Netz von Beobachtuugsstationen schufen zum Zwecke der Aufstellung der Probabilities oder Wetterprognosen, welche nach den Beob-, achtungen von 11 Uhr abends durch den Signal Service oder, wie es jetzt heißt, Weather-Bureau in der Nacht zn- sammengestellt und bereits in den Morgenblättern ver?, öffentlicht werden. In Deutschland liegt der telegraphische Wetter- und' Sturmwarnungsdienst der im Jahre 1867 von v. Freedest begründeten und 1875 auf das Reich übernommenen Seewarte ob, deren dritte Abteilung sich sonderlich mit diesem Gegenstände beschäftigt. Genannür Behörde dient übrigens nicht nur den Interessen der deutschen Küstenländer, für welche sie die erforderlichen Sturmwarnungen herausgiebt, sondern hat auf den maritimen Konferenzen zu Utrecht 1874 und zu London 1877 auch die wissenschaftliche Bearbeit-t ung der Wetterverhältnisse auf dem ganzen nordatlantischest Ozean übernommen, während die entsprechenden Aufgaben für das südatlantische Meer von den Engländern, für dest Indischen Ozean von den Niederländern und für den Stillen Ozean von den Amerikanern zu bearbeiten sind. Wenn die Meteorologie auch noch weit davon entfernt ist, die Kunst der Prognose in völlig befriedigender Weise zu lösen, so ist sie doch im stände, aus dem Auftreten einer barometrischen Depression, ihrer Tiefe, der Richtigkeit und- Schnelligkeit ihres Fortschreitens unter Berücksichtigung der gleichzeitig über größeren Ländergebieten herrschenden Witterungsverhältnisse mit großer Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, ob ein Sturm im Anzuge ist und über welche Gegenden die Bahn seiner größten Heftigkeit gehen wird.- Durch Vergleichung vieler Hunderte von Wetterkarten hat man überdies herausgefunden, daß ganz besonders typische Wetterlagen häufig wiederkehren, welche dann regelmäßig auch von den gleichen stürmischen Winden in denselben Gegenden begleitet sind. In solchen Fällen ist es natürlich! von höchster Wichtigkeit, die im Hafen befindlichen Schiffe rechtzeitig vor dem Auslaufen zu warnen und jene, die in der Nähe der Küsten fahren, durch Signalstationen von dem Herannahen eines Sturmes rechtzeitig zu benachrichtigen, damit sie sich entweder in einen Hafen oder auf eine windgeschützte Rhede oder aus der gefährlichen Nähe der Küsten auf die hohe See hinaus retten können. Zu diesem Zweck sind an zahlreichen Punkten de« Küste sogenannte Signalstellen errichtet. Ist die Wetterlage nun eine derartige, daß ein Sturm zu erwarten ist, so ergeht von der Seewarte sofort an sie ein Sturm-, Warnungstelegramm mit der Anweisung, welche Sturmsignale sie zu hissen haben. Als dieser Signaldienst im Jahre 1877 zuerst eingerichtet wurde, verftigte die See-, warte nur über 50 Stationen. Heute sind es deren weit' über hundert, welche je nach ihrer Bedeutung in solche erster und zweiter Klasse zerfallen. Diejenigen der ersten Klasse sind darauf eingerichtet, die Gefahr auch in 'bte Ferne zu signalisieren, und haben zu diesein Zwecke einenvollständigen Signalmast von 20 Meter Höhe, der in Höhe von 15 Meter eine Rae von 8 Meter Länge trägt. Als eigentliche Signalapparate dienen eine Kugel, zwei Kegeh, zwei rote Flaggen, und eine rote Laterne für die Nacht, Wird nur der Ball in die Höhe gezogen, so bedeutet dies, daß die Seewarte durch ein besonderes Telegramm gemeldet hat, daß ganz im allgemeinen stürmische Winde in Aussicht stehen. Wenn dagegen innerhalb der nächsten 36 Stunden Sturm aus einer ganz bestinimten Richtung zu erwarten ist, so treten die Kegel in Wirksamkeit, die! von schwarzer Farbe sind, und, von jeder Seite aus gesehen, perspektivisch in der Gestalt gleichseitiger Dreiecke erscheinen. Ern Kegel allein bedeutet, daß Weststurm, beide Kegel, mit den Grundflächen einander entgegengekehrt, daß Oststurm zu erwarten ist; durch andere Zusammenstellungen werden die übrigen möglichen Windrichtungen Markiert. Bekanntlich wehen die Winde in unseren Breiten nicht aus einer Richtung, und haben, besonders wenn sie nur Teile eines gewaltigen Cyklons sind, die Neigung, sich irr der einen oder in der entgegengesetzten Richtung der Windrose zu drehen. Um dies zu markieren, dienen die Flaggen, und zwar bedeutet eine Flagge, daß die Drehung des Windes im Sinne des Uhrzeigers oder der Kaffeemühle, also von West über Nordwest, Nord, Nordost, Ost usw. erfolgen wird, während zwei Flaggen übereinander hem Schiffer sagen, daß die Drehung im umgekehrten Sinne, also von West nach Südwest, Süd, Südost, .Ost usw. vor sich gehen wird. Bei Nacht tritt an Stelle aller Signale die rote Laterne. Stationen zweiter Klasse signalisieren nur mittels Balls joder Laterne an einfacher Stange; sie befinden sich nur dort, wo nur Küstenschiffahrt und Seaelfischerei in Betracht kommen, und die interessierte Bevölkerung den Inhalt des Wettertelegramms in dem an der Station angebrachf- ten Telegraphenkasten lesen kann, womit dem lokalen Bedürfnis auch vollkommen genügt wird- Außerdem sind sämtliche Stationen mit den zur Wetterbeobachtung notwendigen Instrumenten, Tifferenzialthermometer, Barometer, Regenmesser und dergleichen versehen, und es Haben , die an den Signalstationen angestellten Beamten natürlich die Pflicht, die Anzeigen der Instrumente in regelmäßigen Intervallen aufzuzeichnen und das gesammelte Material der Seewarte einzusenden. 3« noch ausgiebigerer Weise ist natürlich für die Hafenstädte und dse Stationen am Eingang der großen Ströme gesorgt, welche regelmäßig, auch wenn keine Wetterstörungen drohen, nachmittags nach 2 Uhr einen Wetterbericht erhalten, der sich auch in den Abend-Aus- gaben der größeren Zeitungen des Binnenlandes findet. „Die ganze segensreiche Einrichtung, welche alljährlich unsäglich viel Unheil verhütet, wäre in diesem Umfange unausführbar gewesen ohne das außerordentliche Entgegenkommen der Reichstelegraphenverwaltung, welche nicht nur sämtliche Wettertelegramme, die Warnungen sowohl als namentlich die täglich früh eingehenden, welche die Beobachtungen der Stationen enthalten und die täglichen, daraufhin entworfenen Prognosen ohne Entgelt befördert, sondern auch dafür Sorge trägt, daß täglich früh zwischen ßi/2 und 9 Uhr die notwendigen Leitungen für die Wettertelegraphie verfiigbar sind. Um 9 Uhr morgens liegt das Material, wie es eine Stunde vorher auf den 28 Stationen Deutschlands und einer langen Reihe englischer, niederländischer, belgischer, französischer, österreichischer, russischer und skandinavischer Stationen ausgenommen wurde, Learbeitungsreif in den Bureaus der Seewarte, von wo dann erforderlichenfalls binnen kurzem die Küsten gewarnt werden, während die eigentliche Wetterprognose für den nächsten Tag eingehender bearbeitet wird, umsomehr als es ja auch mit ihr nicht so eilt. Die Sturmwarnungen erheben natürlich nicht den Anspruch auf mathematische Gewißheit. Ein von Westen über den Atlantischen Ozean auf den Scilly-Jnseln eintreffender Sturm kann, bis er die deutschen Nordsee- oder Ostseeküsten erreicht, beträchtlich abflauen oder weil das Minimum eine andere Richtung nimmt, die gewarnten Gegenden nicht mit aller Wucht treffen. Im allgemeinen ist aber die Sicherheit der Prognosen fortwährend gestiegen, sodaß unsere Küstenbevölkerung ihnen die höchste Beachtung schenkt. Wenn uns die Amerikaner, namentlich in den West- und Zentralstaaten, noch um einiges über sind, so liegt das nicht an der größeren Erfahrung der dortigen Meteorologen, sondern an den geographischen Verhältnissen; denn während dort der ganze, Kontinent in seiner Breite von 500 deutschen; Meilen mit einem dichten Netz von Stationen bedeckt ist, liegt westwärts von Europa der fast insellose Atlantische Ozean, von dem her die Mehrzahl der Stürme kommt. Die in Aussicht genommene Erweiterung des aus Westfrankreich und Irland (Ben Newis) stammenden telegraphischem Materials Wirtz hierin eine bedeutende Besserung bringen. Weit wünschenswerter wäre es freilich, wenn auch die Wetteraimaben der Azoren, Kapverden, der Bermudas Labradors, Südgrönlands, Islands und der Far-Oers in den Kreis der täglichen Berechnungen gezogen werden könnten. So viel ist aber gewiß, daß die eben vollendete Neuregelung des Sturmwarnungsdienstes einen wesentlichen Fortschritt bedeutet. Die Benachrichtigungen kommen int Vergleich mit früher etwa 3 bis 4 Stunden zeitiger an Ort und Stelle, was manchem Schiffe Gelegenheit bietet/ rechtzeitig den schützenden Hafen anzulausen. Gäbe es ein Mittel, den Wettercharakter auf der insellosen Fläche des Atlantischen Ozeans rechtzeitig mit Sichere beit zu erfahren, so wäre allerdings noch viel mehr erreiche bar; denn dann könnte man Prognosen mit ziemlicher Sicher- beit auch iguf mehrere Tage stellen, was zurzeit nur zu den Ausnahmen gehört. „Praktische Winke zur Ernährung und Pflege der Kinder in gesunden und kranken Tagen" von Dr. F. Theodor, Kinderarzt. Berlin, Hugo Steinitzi Verlag. Vor kaum einem Jahre konnten wir die erste Auflage dieses Werkes allen Müttern warm empfehlen, und nun er^ scheint dasselbe in stark vergrößertem Maßstabe, aber zu demselben Preise von 2 Mark als Nachfchlagebuch für Mütter« Nicht nur der erste Teil, der die Pflege des gesunden Kindes trefflich und vollständig umfaßt, ist erweitert, sondern auch her zweite Teil, und zwar derart, daß fast für alle Krank-, heften, die die Gemüter der Mütter erregen könnten, das notwendigste zur Verhütung und zur Bekämpfung angegeben wird, bevor der Arzt kommt; denn nicht ersetzen soll das Werk den Arzt, sondern ihm seine Arbeit erleichtern, sodaß die Mütter für seine Anordnungen das nötige Verständnis entgegenbringen. — Mit der Ueberschrist „Ist die Kinderheilkunde ein Spezialfach oder nicht?" führt sich der Verfasser in der Vorrede zur zweiten Auflage als Spezialist trefflich ein. Besonders möchten wir die Ammenfrage, als deren Gegner der Verfasser sich ausweist, hervorheben, ferner die genauen Regeln für die künstliche Ernährung. Der Körperpflege, Haut- und Mundpflege, der Kleidung und Wohnung ist durchgreifend gedacht, dabei dem jetzt so ver-, pönten Korsett sein Recht, soweit es die Gesundheit zuläßt/ gelassen. Der zweite Teil bringt vor allem Verhütungsmaßregeln für Entstehung der Krankheiten, sodann die Behandlung, soweit sie die hygienischen und diätetischen Maßq regeln umfaßt. Besonders hervorgehoben zu werden verdienen die genauen Angaben über Kostregeln für jedes Alter, ferner zwei Einlagen, betreffend die Ernährung und Pflege: 1. bei Skrophulosenbehanolung zu Hause, 2. bei Skrophulofenbehandlung von Kindern, die die Schule dabei besuchen müssen. Daß Verfasser ein energischer Anhänger der Heilserumfiage 6et Diphteritis ist, entnehmen wir gleichfalls aus seinem Werke. Recht interessant und lehrreich ist hauptsächlich die sachliche und jedenfalls sehr beruhigende Auffassung zwischen Skrophulose und Tuberkulose. Magisches Quadrat. (Nachdruck verboten.) 1. Vogel. 2. Stand. 3. Werkzeug. 4. Vorname. In die Felder vorstehenden Quadrates sind die Buchstaben AAA, BB, D, EBBE, I, LLLL, R derart einzntragen, daß die vier wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend sind und Wörter von der beigefügten Bedeutung bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Charade in vor. Nr.: Neujahr. Auflösung des Kreuzätsels in voriger Nummer- Ra se --Nase, Riegel, Riese, Nagel, Segel. Nie gel Redaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Vrübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.