902. — Nr. 113. lÄÄjjjiii 77WMI =£En@S! 'MEiij (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahk. (Schluß.) Vierunddreißigstes Kapitel. Einige Wochen später war Brantikow öde und verlassen. Der Besitzer war in Untersuchungshaft, seine Frau hatte mit allen ihren Verwandten das Feld geräumt und befand sich, bei ihren Eltern in Leipzig, Traute war nach Kienberg zurückgekehrt, Löschnitz hatte sich so weit erholt, um in eine städtische Klinik transportiert werden zu können, wo die Aerzte nun &eftinrmt hofften, ihn wiederherzustellen, und Natta war ebenfalls in Leipzig bei den alten Lehmtgkes. Paul Lehmigke hatte sofort die Ehescheidungsklage einreichen lassen. Das Bild und der Brief, die an dem verhängnisvollen Tage des Gewitters in seine Hände gefallen waren, enthüllten ihm die Schuld und den Betrug seiner Frau. Der Bries war Zeuge, daß bereits vor seiner Eheschließung ein intimes Liebesverhältnis zwischen Alma und Herrn von Löschnitz existiert hatte. Unter diesen Umständen konnte er die Thatsache, daß Alma ihn dazu überredete, Löschnitz als Hausgenossen und Lehrling anfzunehmen, nur als Verbrechen ansehen, als ein schweres Vergehen gegen seine Ehre, und der Verdacht war unabweisbar, daß es mit der Absicht geschah, das unterbrochene Verhältnis fortzusetzen. , c , Dieser Verdacht bestätigte sich!- Ms er nach der Entdeckung mit seiner Frau allein war, forderte er ihr bte Schlüssel zu ihrem Schreibtisch' ab und zwang sie, dieselben herauszugeben. , , c c , . . Er öffnete den Schreibtisch sofort und fand dort emtge schwere gravierende Billets von Löschnitz; die zur Genüge bewiesen, daß er ein betrogener Gatte war. Mer Alma war furchtbar für ihre Schüld gestraft worden. Sie hatte mit einem Schlage den Gatten und den Geliebten verloren, sie hatte sich! unheilbar kompromittiert und war durchs den Verrat des Geliebten aufs tiefste ge- demütigt und erniedrigt. Es wurde offenbar, wie schlecht sie sowohl gegen "Löschnitz, wie gegen Lehmigke gehandelt hatte. Gegen Löschnitz, den sie rücksichtslos fallen liest nachdem sre ihn erhört hatte, um den reichen Lehmigke zu heiraten, und gegen letzteren, indem sie ihm das vorangegangene Verhältnis verheimlichte. Löschnitz war nach seiner Rückkehr aus Amerika aus Schwäche wieder in ihre Falle gegangen. Er hatte noch einen Rest von Leidenschaft für sie, der aber erkaltete, als er sich heftig in Natta verliebte. Doch! nun war er litt dem Netz der schlauen und leidenschaftlichen Frau gefangen, Ur die er plötzlich sehr begehrenswert geworden war, einmal seiner veränderten Lebensstellung wegen und dann reizte sie die Nebenbuhlerschaft Nattas, die ihr nickt verborgen bleiben konnte, und der heimliche Widerstands den Löschnitz! ihren Plänen leistete, ihn ganz und für immer an sich zu fesseln. Sie wollte ihn dazu treiben, sie zur Scheidung ihrer Ehe zu veranlassen, um sie selbst heiraten, zu können. Sie wandte alle Künste, alle Energie und In- triguen an, ihn dazu zu bewegen, aber Löschnitz, der unterdessen vollständig erkaltet war, wußte diesem Ansinnen immer noch' auszuweichen. Er wollte sich langsam und allmählich! aus ihrer Schlinge ziehen, um einen verhängnisvollen Konflikt zu vermeiden, aber er hatte nicht mit oer Eifersucht und der Leidenschaft der beiden Frauen gerechnet, die einen Eklat zu b ernt eiben nicht imstande waren. Energie war nicht sein« Sachte, und so wurde er das Opfer der Katastrophe. Denn wenn auch sein Leben erhalten blieb, so konnte er seine frühere Gesundheit nie wieder erlangen, da seine Lunge durch den Schuß verletzt und geschwächt war. Man hatte Natta mit Gewalt von seinem Krankenlager reißen müssen. Die Familie Lehmigke wollte eine Fortsetzung ihres Verhältnisses mit ihm nicht zugeben, und da Natta noch nicht mündig war und unter der Vormundschaft des alten Lehmigke stand, mußte sie sich fügen. Sie fiel jedoch in Leipzig in ein schweres Nervensieber, das sie monatelang an die Krankenstube fesselte. Erst als sie erfuhr, daß Löschnitz außer Gefahr sei, erholte sie sich langsam. Sie glaubte fest an seine Liebe und Treue und war entschlossen, ihm treu zu bleiben. Wenn sie mündig war, sollte niemand sie hindern können, ihm anzngehören. Es waren schwere Wochen und Monate für Traute während der Untersuchungshaft Lehmtgkes, und am schwersten war die Zeit, bis Löschnitz sich außer Lebensgefahr befand. Sie hatte in Kienberg ihre Arbeit mit verdoppeltem Eifer wieder ausgenommen, denn nur rastlose Thätigkeit half ihr über die schreckliche Wartezeit der Angst und Spannung hinweg. An Camill Stauffen schrieb sie sofort nach ihrer Rückkehr einen endgiltigen Mbschieds- brief und eine Absage in Betreff ihres gemeinschaftlichen Planes. Sie konnte ihm die ergentlichen Motive dieser! Gesinnungsändernng nicht nennen und erhielt eine ziemlich schnöde Antwort. Frau Velten war außer sich' über diesen Bruch! und machte Traute den Vorwurf der Charakterlosigkeit; ihre Ahnung, daß Trautens Aufenthalt in Brantikow verhängnisvoll für Stauffen werden würde, hatte sich! ja erfüllt. Hulde jedoch, die anftng, zu begreifen, und die Sache zu burchschaueu, stand ihrer Schwester bei. Sie war Staufsen gegenüber nicht so blind, wie ihre Mutter, und sie sowohl wie Egon hatten stets ein gewisses Mißtrauen gegen ihn 0 Der Herbst war weit vorgeschritten, Novemberstürm« brausten durch' das' Land, und Kienberg wurde von Dag zu Tag öder stnd melancholischer. Die Einsamkett war noch 450 fühlbarer als tut Sommer, das kleine Dorf schien ost tote ausgestorben und die wirtschaftliche Thätigkeit auf dem as schlief. Unergründlicher Schmutz machte alle Wege den Garten fast ungangbar, und durch die kahlen, entlaubten Bäume sah man das Feld. Es war eine triste Landschaft, nasser, graubrauner Acker, dahinter eine schwarze Wand, der Forst, der das Dorf rings umgab und es zu einer toelteittlegenen Insel in einem Waldmeer machte. Und itt diese schwermütige Landschaft hinein rauschte Tag und Nacht das Wassertoehr tote feierlicher, mächtiger Orgelklang. Fran Velten und Hulde behaupteten, sie hätten sich so daran gewöhnt, daß sie es gar nicht mehr hörten, aber Traute hörte es immer, sie lauschte oft darauf, und es war seltsam, tote verschieden sein Lied oft klang. Oft in bangen, schlaflosen Nächten konnte sie es kaum ertragen, sie hielt sich die Ohren zu, um dies traurige, feierliche Rauschen nicht zu hören, das um den toten Sommer zu klagen schien nnd von der langen, langen Qual des Winters erzählte, von Verloren- und Verlassensein und von gestorbenen Hoffnungen. Zuweilen, wenn sie mit frischem Mut an ihre Arbeit ging, schmetterte es ihr tote Posaunenschall entgegen, tote eine Siegeshymne, so freudig und verheißungsvoll, manchmal toar nichts als Jubel, überschäumender, hinreißender Jubel darin. Seit einigen Tagen war das Wetter ganz böse geivorden, und mühsam kämpfte sich Traute jeden Morgen und Wend durch Wind und Regen nach der Fabrik. Sie fühlte sich matt und elend, ihre Nerven waren durch das Warten, durch die Spannung auf das Urteil des Gerichts so angegriffen, daß sie zuweilen ein Versagen allen Lebensmutes spürte. Die schlimmsten Vorstellungen quälten sie, und der Gedanke, daß Paul Lehmigke noch lange zur Kerkerhaft verurteilt sein würde, und tote feine thätige, rastlose Natur darunter leiden müsse, drückten sie schwer nieder. Müde und abgespannt kam sie eines abends nach Hause. Selbst das behaglich durchwärmte Stübchen mit dem knisternden Ofenfeuer, der gemütliche Kaffeetisch Und Huldens freundliche Zusprache konnten sie nicht erheitern. Abwesend saß sie vor ihrer Kaffeetasse und rührte gedankenlos mit oem Löffel darin herum, während Hulde von kleinen Ereignissen in hier Wirtschaft planderte. „Wer ist denn das? Wer konrmt denn da?" sagte Huld plötzlich, die an das Fenster getreten toar. „Das steht ja laus wie ein Telegraphenbote." Mrrend lieh Traute den Löffel fallen und toar sofort neben ihrer Schwester am Fenster. Als sie den Boten erblickte, wurde sie leichenblaß und hielt sich krampfhaft am Fenstersims. Sie wollte hinaus, ihm entgegeneilen, aber ihre Füße waren wie Blei. Hulde lief statt ihrer nnd kam gleich darauf mit einer Depesche wieder. „Für Dich, Traute!" Mit zitternden Fingertt ritz Traute das Papier auseinander, einen Augenblick schwamm alles vor ihren Blicken, dann las sie nur das eine Wort: „Freigesprochen". Gin Schrei, ein Freudenschrei gellte durch das Gemach, und jubelnd stürzte Traute ihrer Schwester in die ®6mte. Fünfnnddreitzigstes Kapitel. Gleich nach seiner Haftentlassung kehrte Paul Lehmigke nach Brantikoto zurück und nahm mit aller Energie seine Thätigkeit wieder auf. Der Ehescheidungsprozeß begann und brachte ihm mancherlei Widerwärtigkeiten. Alma und ihre Familie strengten alles an, um ihn zu schädigen und herabzusetzen, sie gtngen sogar von der Defensive in die Offensive über, und was ihn am empfindlichsten traf, war die Anklage, daß ebenfalls zwischen ihm und Traute ein unerlaubtes Verhältnis bestanden habe. Diese Klage mußte zwar wegen Mangelnder Beweise zurückgezogen werden und er blieb in dem Prozeß Sieger, aber der Aerger und die Auftegungen erreichten einen Höhegrad, der fast unerträglich wurde. Er durchschaute nun die ganze raffinierte Schlechtigkeit keiner Frau,dte ihm nicht ohne Absicht zugeredet hatte, Traute tin seinen Dienst zu nehmen. Sie wollte, er sollte schuldig werden, damit sie als Klägerin auf Ehescheidung gegen ihn auftreten und das Odium der Treulosigkeit von sich wälzen könne. Und als schuldiger Teil wäre er ihr mit seinem Vermögen verpflichtet gewesen. Die Trennung von seinem Gellte wurde ihr schwer und sie hätte ihm gern einen Teil davon streitig gemacht. Ihre'bösen Absichten waren jedoch alle gescheitert und aus Wut und Aerger über ihre Niederlage suchte sie sich wenigstens insofern zu rächen, daß sie den Prozeß so lange wie möglich hinzog und alles anstrengte, sein Ende zu verzögern, weil sie Lehmigke seine Freiheit nicht gönnte und in diesem Prozeß zum letzten Male Gelegenheit hatte, ihn zu peinigen. Die Vermögensteilung der beiden Gatten machte große Schwierigkeiten, denn Alma hatte ihr Vermögen teilweise in Lehmigkes Besitz gesteckt. Sie machte nun Ansprüche itnd stellte Forderungen, die ihr gesetzlich und rechtmäßig nicht zukamen, aber es gehörten von neuem Prozesse dazu, um sie ihres Unrechtes zu überführen. So vergingen Jahr und Tag, bis die Ehescheidung gesetzlich gültig wurde und Paul Lehmigke wieder ein freier Mann war. Und während dieser ganzen Zeit vermied er jedes Wiedersehen mit Traute, jeden anderen, als den geschäftlichen Verkehr mit ihr durch dritte Hand. Die Depesche mit der Ankündigung seiner Freisprechung toar das einzige direkte Lebenszeichen, das sie von ihm erhalten hatte. Wer sie verstand sein Fernbleiben. Nicht anders als ein freier Mann durfte er ihr begegnen, und nachdem Alma den häßlichen Verdacht auf seinen Verkehr mit Traute geworfen, mußte er doppelt gewissenhaft sein. Und ohne jede Verbindung miteinander arbeiteten fie,; er in Brantikoto und sie in Kienberg, in demselben Sinn und Geist rastloser Pflichterfüllung, und mit derselben Hoffnung auf das Glück der Zukunft. Endlich, itach anderthalb Jahren, toar Paul frei, und es toar an einem herrlichen, sonnigen Frühlinstage, als er unverhofft in Kienberg eintraf. Traute saß über die Arbeitsstunde.hinaus allein im Comptoir, eifrig über ihre Schreiberei gebückt; sie hatte den ganzen Tag anstrengend gearbeitet, um die Sehnsucht niederzukämpfen, die der Lenz mit dem Auferstehungsjubel der Natur in ihr weckte und täglich wachsen lieh, bis sie fast die Herrschaft über sich verlor. Und tote sie müde und matt mechanisch Zahlen und Worte zu Papier bringt, da kommen Männerschritte die Treppe herauf. Traute horchte auf. Hat Behrends, der Fabrikführer, etwas vergessen? — aber, das ist nicht sein Schritt. In dem Augenblick fliegt die Thür auf und Paul Lehmigke steht vor ihr. Das Glück dieses Wiedersehens und der endlichen Vereinigung ließ alle Leiden der Vergangenheit gering erscheinen. Schluß-Kapitel. Jahre sind vergangen. In Brantikoto auf der Veranda ist wieder einmal eine fröhliche Familie um den Kaffeetisch versammelt. Obenan sitzt der Hausherr und hat einen dicken, pausbackigen Buben auf dem Schoß, dem er ein getauchten Zwieback ttt den Mund stopft, wobei er ganz verklärt von Vater- frettbe ist. „Aber Paul, Du verfütterst den Keinen Freßsack", sagt eben seine Hausfrau, die, das Bild einer blühend gesunden/ glücklichen Mutter, ein ganz kleines Kind in den Armen und eins neben sich hat, das sich mit feinen dicken Händchen an ihr Kleid hängt und die Nase auf den Tisch reckt, um nach Kuchen zu schnuppern. „Laß nur. Traute, unsere Rangen haben einen guten Magen", sagt Paul lachend. Neben ihm sitzt Frau Velten/ die Großmama, und der alte Großpapa Lehmigke, und diese beiden sind merkwürdig gute Freunde geworden, sodaß sie immer neue vortreffliche Eigenschaften aneinander entdecken. Frau Velten hat Huldens Aeltesten neben sich/ die nun auch längst glücklich mit ihrem Hauptmann verheiratet ist; und sich gerade mit Egon während dessen Urlaub, wie alljährlich, tot Brantikoto befindet. Er galoppiert eben mit seinem Jüngsten auf dem Rücken um den Kaffeetisch herum, Hulde sieht lachend zu und! ruft: „Mach doch nicht solch einen greulichen Lärm, @gon !'< Unten an der Tafel sitzen Armin und Natta. Die beiden jungen Leute sind sehr mit einander, beschäftigt und der Gesprächsstoff reißt zwischen ihnen nicht ab. Armin ist Landwirt geworden und wohlbestallter Administrator von Kienberg. Natta hat ihren Kummer über Herrn von Löschnitz längst überwunden, nachdem dieser lange vor ihrer Majorennität eine andere heiratete und sie int' Stiche ließ. Sie sieht jetzt kräftig aus, was ihre Schönheit sehr erhöht, und hat ihr gedankenloses, haltloses Wesen t t i i 451 verloren. Sie ist Traute eine tüchtige Stütze im Hause, und diese sieht seit einiger Zeit mit Freude eine Neigung zwischen ihr und Armin entstehen. Ihr Gatte ist ganz rhrer Ansicht, daß diese beiden ein nettes Paar abgeben werden. So spinnt sitz jetzt das Leben in Brantikow in fröhlicher Familiengemeinschaft, in fleißiger Arbeit und heiterem Genießen ab. Traute ist unendlich glücklich an der Seite ihres Gatten. Sie haben beide das Beste von einander gelernt. Sie, daß Arbeit die Basis alles Guten, Schönen und Hohen ist, daß der Wert des Mannes in der sittlichen Kraft seiner Leistungen wurzelt — und er, daß die Liebe der krönende Bau auf dem Fundament der Arbeitskraft ist. So ist Arbeit und Liebe fortan der Inhalt ihres Lebens, in dem beide, immer reifer und glücklicher, zur besten Entfaltung all ihrer Kräfte und Fähigkeiten kommen. Ausgrabungen in Oberheffen. (Nachdruck verboten.) Seit dem Erscheinen von ffoflers archäologischer Karte (1890) sind in unserem Gebiete fortwährend Untersuchungen des Bodens nach den Resten entschwundener Kulturen vor- Igenommen worden. Indessen sind — abgesehen von den Arbeiten der Limes-Kommission — keine der Nachforschungen mit der systematischen Gründlichkeit betrieben und so erfolgreich durchgeführt worden, wie diejenigen, von denen der vor kurzem erschienene Fundbericht*) des Oberhessischen Geschichtsvereins Zeuguis ablegt. Das liegt hauptsächlich varan, daß jetzt endlich wirkliche Sachverständige sich Lieser schwierigen Aufgabe unterzogen haben, während früher die Leitung der Arbeiten sich in Händen wehr oder weniger Ungeübter befand. Damit jedoch dürfen wir keinen Vorwurf verbinden für die Männer, die jahrzehntelang in selbstlosester Weise die knapp bemessene freie Zeit, die ihnen ein anstrengender Beruf übrig ließ, auf das Sa mm eln der zu Tage geförderten Zeugen einer fernen Vergangenheit gewendet haben. Im Gegenteil müssen wir ihnen Dank wissen für ihre Thätigkeit, die uns Urnen und Ringe, Steingeräte und Bronzen, vor dem sonst unausbleiblichen gänzlichen Unt ergang bewahrt hat. Tie jetzt vorgenommenen Arbeiten sind in der Hauvt- sache der Initiative des Herrn Prof. Gundermann, der bereits im 8. Band der Mitteilungen des Oberhess. Geschichts- Vereins über die Ausgrabungen des Jahres 1898 berichtet hat, zu danken. Damals wurden die Gräber des Triebs genauer untersucht und interessante Feststellungen über ihr Alter gemacht. Es ließen sich Gräber aus der Zeit um 400 v. Ehr. bis zur fränkischen Zeit nachweisen und aus ihrem Inhalt neue Schlüsse über die Besiedelung unserer Gegend, über die Kultur der Bewohner, ja sogar über die in unseren Wäldern damals vorkommenden Holzarten ziehen. Ungleich bedeutender noch sind die Ergebnisse der Ausgrabungen seit 1899. Die Bodenuntersuchungen erstreckten sich nicht nur auf die nähere Umgebung von Gießen, sondern auch auf die Gemarkung Ost he im bei Butzbach, auf Hügelgräber bei O b er w etz und auf Gräber in der Lin d e n e r M ar k. Bei Gießen wurden wiederum Hügelgräber auf dem Trieb, sodann die bei den Friedhofsarbeiten aus dem Rodberg gemachetn Funde und endlich das Urnengrabfeld im Gießener Stadtwalde unterfucht. Beteiligt waren außer Herrn Prof. Gundermann die Herren Dr. Kornemann (Gemarkung Ostheim), Hauptmann Kramer (Ostheim und Rodberg), Major v. Schlemmer (Trieb). Tie Ostheimer Funde gehören teils Gräbern, teils Wohnstätten an und sind zeitlich der Steinzeit (bis etwa 2000 v. Ehr.) und der Bronzezeit (2000—1000 v. Ehr.) zuzuweisen. Sie bestehen m der Hauptsache in Gefäßen aus seingeschlämmtem Thon und lassen auf „einen recht hohen Stand der Kultur in diesem Teil der Wetterau schon während der jüngeren Steinzeit" schließen. Auf dem Trieb wurden zwei Gräber ausgedeckt, von denen das eine, aus der Hallstattzeit, besonderes Interesse *) Fundbericht für die Jahre 1899 bis 1901 mit 20 Tafeln. Ergänzung zu den „Mitteilungen" des Geschichtsvereins Band X. Gießen, j. Ricker'sche Buchhandlung, 1902. 122 S. 8°. beansprucht. In ihm sanden sich (außer zweien bei einer früheren Grabung zu Tage geförderten) zehn Skelettreste vor. Tie Lage der einzelnen Skelette, von denen einige sich tiefer, die anderen höher vorfanden, läßt die Vermutung zu, daß sie zeitlich nicht weit auseinander liegenden Bestattungen angehören. Tie höher gelegenen sind Nachbestattungen. Man darf solche Grabhügel als Familienoder Sippengräber betrachten, wie man sie in Mirttem- berg, Bayern und Baden beobachtet hat. Ter älteren Hallstattzeit gehört auch der eine der beiden von Prof. Gundermann bei Oberwctz ausgehobenen Grabhügel an. Er gehört zu einer großen Gruppe von Hügeln, die auf eine nicht kleine Ansiedelung in der Siähe jenes Ortes hindeuten. In Nr. 4 des Fundberichts giebt Herr Prof. Gundermann eine höchst interessante Zusammenstellung der vorrömischen Bronzen aus Oberhessen, die sich im Museum des Oberhessischen Geschtchtsvereins befinden. Dieses Verzeichnis mit den eingestreuten Bemerkungen über die bei Herstellung der Gegenstände angewandte Technik, über Tracht und Zierrat usw. gehört zu den wertvollsten Teilen des Fundberichts. Es kann hier leider so wenig auf Einzelheiten eingegangen werden, wie bei den übrigen Beiträgen, indessen mag zur Erläuterung ein auf gut Glück herausgegriffenes Beispiel dienen. Unter den Bronzen befinden sich mehrere Halsreisen und -Ringe, von denen zwei sicher, die übrigen vermutlich, Beigaben eines männliche« Skelettes find. Alle gehören „einer bestimmten Zeit, dem verhältnismäßig einheitlichen Kulturkreise der Hallftatt- zeit" an. Es giebt unter ihnen offene Ringe mtt Haken- Verschluß und gänzlich geschlossene Ringe, die auch nirgends die Spur einer Lötung zeigen. Diese letzteren konnten daher von dem Träger nie beliebig abgelegt — ebensowenig aber überhaupt angelegt werden. Gundermann schließt daher richtig, daß sie „dem Träger auf dem Leibe angegossen worden sein müssen, indem die Gußsorm aus gebranntem Thon um den Hals gelegt wurde, gewiß ohne Gefahr, wen« der Hals dustch schlechte Wärmeleiter wie Wolle u .a. geschützt wurde." Die gleiche Folgerung zieht er für die Arm- und Beinringe. Durch diese und ähnliche Beobachtungen wird unsere Kenntnis von Tracht und Schmuck in vorgeschichtlicher Zeit wesentlich gefördert. Won größter Bedeutung aber nicht nur für die Urgeschichte unserer Gegend allein, sondern überhaupt für die Urgeschichte Deutschlands ist die Aufdeckung des Urnen- grabfeldes im Gießener Stadtwalde, die gleichfalls Pros. Gundermann geleitet und auf S. 93 ff. geschildert hat. Es handelt sich um den Nachweis einer Siedelung von beträchtlicher Ausdehnung, von der man seither nur noch den Name« in der durch den Dialekt veränderten Form „Urfulum", ehemals „Urs en he im", kannte. Außer Urnengrübern förderten die Ausgrabungen auch Reste von Wohnstätten zu tage, alles in allem Zeugen der Kulturen aus der Zeit von etwa 2000 v. Ehr. bis 200 n. Ehr. Gundermann rechnet, wie es scheint mit Recht, die Gräber der Hallstadt- und der La-Ttzne-Periode am Eulenkopf zur Siedlung Ursenheim; nach Osten schließen sich dann die ausgedeckten Gräber aus der römischen Kaiserzeit an, und noch weiter östlich vermutet G. die Gräber der fränkischen Zeit. Wie lange das Torf gestanden hat, ist bis jetzt nicht ermittelt; erwähnt wird es als Tors, dessen Bevölkerung damals christlich gewesen sein muß, überhaupt nur einmal: im Lorscher Traditionskodex in einer Urkunde vom Jahre 775. Bon den reichen Funden auch nur das Wichtigere an dieser Stells hervorzuheben, ist unmöglich; es sei deshalb hier daraus aufmerksam gemacht, daß alle Stücke im Museum des Oberhessischen Geschichtsverems zu sehen sind. Tie Untersuchungen über Ursenheim sind noch nicht abgeschlossen, es harret noch manche Frage ihrer Lösung. Für sie sowohl wie für die Fortführung der übrigen Ausgrabungsarbeiten bedeutet der Weggang Pros. Gundermanns einen schweren Schlag. Uns bleibt nur zu hoffen, daß sich für ihn ein Nachfolger finden möge, der mit gleicher Lieb« und Umsicht die so glücklich begonnenen Forschungen zu Ende bringt. 452 Kreuzer „Irene" bei den Philippinen 1896—1899. Auf Grund authentischer Tagebuch-Notizen gießt Kapitänleutnant Pohl jetzt in der „Marine-Rundschau" eine anschauliche Schilderung der Thätigkeit des Kreuzers „Irene" in den Gewässcrir der Philippinen 1896 bis 1899 bekannt. Es ist während des Aufenthaltes der deutschen Kriegsschiffe in den philippinischen Gewässern so viel Unrichtiges über ihre damalige Zweckbestimmung und Thätigkeit seitens der ausländischen Presse in die Welt gesetzt worden, heißt es in jenem Artikel, daß es sich Wohl lohnt, die Thätigkeit des am meisten angefeindeten Schiffes „Irene" zu schildern und durch einfache Erzählung ihres Wirkens die Grundlosigkeit dieser Nachrichten nachzuweisen. Am Morgen des ersten Weihnachtstages 1896 traf „Irene" zum ersten Male in Manila ein, mit dem Chef der Kreuzerdivision, Kontreadmiral Tirpitz, an Bord. Diese Reise hatte den Zweck einer persönlichen Orientierung seitens des Divisivnschefs über die Lage in Manila. Es erwies sich, daß der Aufenthalt eines Kriegsschiffes auf der Rhede von Manila nicht unbedingt nötig wäre, und so ging „Irene" am 3. Januar 1897 wieder nach Hongkong. Erst im nächsten Jahre, nach Ausbruch! des spanisch-amerikanischen Krieges, und zwar am 6. Mai 1898, traf „Irene" wieder vor Manila ein. Beim Passieren des amerikanischen Geschwaders wurde das Kommandozeichen Deweys salutiert und mit. dem letzten Schuß die amerikanische Hymne von der Musik gespielt. Der wohl ein wenig unmusikalische spanische Lotse hielt diese Hymne für den spanischen Krö- uungsmarsch und erzählte dies mit den üblichen Uebertrei- tmngen in Manila. _ Die Folge war eine plötzliche Begeisterung für alles Deutsche, und der Kommandant erhielt von den Freiwilligen in Jlo-Jlo ein überschwengliches Telegramm, in welchem sie ihn für die „sympathische Demonstration" dankten. Das Telegramm wurde natürlich auch unter den Amerikanern bekannt und machte unter denen, die den richtigen Sachverhalt nicht kannten, viel böses Blut. Dewey lachte darüber, da er selbst das Spielen der Hymne gehört hatte. Zweifellos ist dieses Vorkommnis der erste Anlaß gewesen, den deutschen Kriegsschiffen spanische Sympathien nachzusagen, hauptsächlich genährt von den Spaniern und fremden Residenten der Philippinen. Am 9. Mai traf „Cormoran" in Manila ein. Die in den Zeitungen erscheinenden Gerüchte, daß Prinz Heinrich mit sieben deutschen Schiffen zum Entsätze Manilas herbeieile, daß „Irene" und „Cormoran" beim ersten Schuß auf die Stadt Deweys Schiffe in den Grund bohren sollten, ließen merken, daß irgendwelchen Nichtdeutschen daran gelegen sein mußte, solche Gerüchte in die Welt zu setzen. Natürlich nahmen dieselben auch den Weg zu den Amerikanern und legten, den Samen zu einer allmählich wachsenden Antipathie bei den nicht denkenden Soldaten. Am 13. Mai machten jüngere Offiziere des Schiffes rn Zivillleidung einen Ritt in die äußere Vorpostenlinie, um die Verteidigungsstellungen der Spanier zu besichtigen. Ein Manilablatt, das immer die neuesten und die Amerikaner kränkenden Gerüchte über die Deutschen brachte, schrieb, der Kommandant habe bei diesem Ritt eine Rede gehalten, in welcher er betont habe, daß Deutschland an der Seite Spaniens gegen die Amerikaner kämpfen werde. Der Kommandant hatte an dem Ausflug gar nicht teilgenommen, und Reden wurden nicht gehalten. Am 6. Juni traf der 1400 Mann starke Ablösustgstransport für „Irene" nnd „Cormoran" ein. Die Amerikaner kamen auf das Höflichste dem Ersuchen des Kommandanten, den Dampfer durch die Blockadelinie zu lassen, entgegen. Der Admiral bot sogar noch Prähme als Transportmittel und die Benutzung der besser geschützten Bucht von Cavite, wo seine Schiffe lagen, an. Tas Eintreffen des Dampfers wurde natürlich für neue A'^chle benutzt. Die Erzählung, daß der kleine ameri- kanriche Zollkreuzer „MeCalloch" durch scharfe Schüsse zum Beidrehen gezwungen wurde, ist ebenfalls unwahr. Der Kveuzer hatte die „Irene" gefragt, ob sie nichts von dem seit einigen Tagen überfälligen amerikanischen KreUzer „Baltimore^' gesehen habe. Im Juni passierte beim Verlassen der drba-Bucht „Irene" die amerikanischen Kreuzer „Ra- leigh und „Concord", welche klar zum Gefecht gemacht hatten und nachher Island Grande zur Uebergabe zwangen. Dieser Vorfall gab zu der Nachsicht Anlaß, „daß die„Jrene" vor den amenkanischeu Kreuzern die Anker gelck,kippt und Has Weite gesucht habe". Vom 8. Juni bis 6. November war „Irene" von Manila abwesend. Nach der Wiederkehr ging dasselbe Manöver wieder los. Kurz bevor am 4. Februar 1899 die Feindseligkeiten zwischen den Amerikanern und Philippinern ausbrachen, war noch das aufregende Gerücht in die Welt gesetzt worden, daß man auf der „Irene" große Waffenseudungen für die Philippiner entdeckt und deswegen das Schiff „in Arrest gelegt und mit einer Wache von 100 Amerikanern besetzt habe". Zum Schluß heißt es: Während des Aufenthaltes der „Jrenck4 in Manila hoben die Offiziere des Schiffes mit fast allen Offiziersmessen der amerikanischen Schiffe Besuche aus!- sgetanscht. Admiral Tewey hatte den deutschen Schiffen während ihrer Anwesenheit auf der Rhede von Manila die Ausnutzung der von Australien für seine Schiffe ein« getroffenen Fleischs-Dampfer in höflichster Weise, angeboten/ bei dem Mangel an Fleisch und Eis eine nicht genug anzuerkennend e Liebenswürdigkeit. — Alle die großen Schwindel- und Sensationsnachrichten sind also int deutschfeindlichen Lager fabriziert. Vermischtes. Zur Naturgeschichte unserer Kücheuseeu. Hausfrau: „Liese, ich habe gestern gesehen, daß Sie auch ’nen Schatz haben. Was ist denn Ihr Zukünftiger?" — Liese: „Das kann ich doch nicht wissen, Madame; mein jetziger ish Droschkenkutscher". — Von zwei telephonisch miteinander verbundenen Familien ladet die eine die andere auf den nächsten Sonntag zum Abendessen ein. Die eingetabene Familie ist gerade abwesend und wird durch- das Dienstmädchen vertreten. Ihre prompte Antwort lautet: „Nächsten Sonntag kann unsere Herrschaft nicht, da hab' ich! Ausgehetag!" — „Auguste, ich sehe oft einen Soldaten bei Dir in der Küche; das kann gefährlich werden." — „Ach nein, gnädige Frau, er legt ja seinen Säbel immer gleich ab." — Dame (^um neu eingetretenen Dienstmädchen) r „Anna, ich gehe setzt in's Theater und werde wahrscheinlich spät nach Hause kommen!"— Anna: „O bitte, gnädige Frau brauchen sich nicht bei mir entschuldigen!" — „Weißt Du, was mir an Deiner Vorgängerin am besten gefalleu hat, das war der große Ernst, der sie nie verließ !" sagte eine Dame zu ihrem neuen Dienstmädchen. — „Ach", erwiderte dieses, „meiner ist auch groß und wird mich nicht verlassen, aber er heißt Heinrich!" — Dame zur Köchin, die am Tage vorher eine Landpartie mitgemacht hat, auf deren zahllose Mückenstiche deutend: „Da sehen Sie nur, Bertha, die Folgen einer Landpartie. Die Insekten haben Sie ja förmlich zerfressen." — Köchin (selbstbewußt):' „Es sind die schlechtesten Früchte nicht, woran die Wespen nagen." — Hausherr (der frühstücken will, zum Dienst- mädchen): „Sie haben das Brot vergessen." (Sie bringt es.) „Aber ich muß bitten, mir’s künftig nicht in der Hand, sondern auf dem Teller zu bringen. Beachten Sie das und nun besorgen Sie meine Stiefeln." — Mädchen r „Soll ich die auch auf ’nem Teller bringen?" — Hausfrau: „Anna, warum haben Sie denn ine Kartoffeln so furchtbar jdick geschält?" — Köchin: „Ja, Madame, wer kann für Passionen? Das ist die meinige." — Junge Hausfrau (scherzend): „Du hast die Suppe schon wieder versalzen, Pepi; Du bist gewiß verliebt!" — Pepir „Wer ich bitt'! Der gnädige Herr guckt mich ja gar nicht an!'4 Duadrat-Arithmogriph 1|2|3|4|2|5|6 Sind die Worte (Nachdruck verboten.) Werden die Ziffern durch Buchstaben ersetzt, so entstehen sieben Worte von folgender Bedeutung; 1. englische Grafschaft; 2. Alpenpaß; 8. hessische Stadt; 4. europäisches Königreich; 5. französische Stadt; 6. befestigter Ort; 7, russisches Schlachtfeld. richtig gefunden, so nennt das immer auf der 9 |10| 8 111|11| 8 | 1 8 111 5 | 6 |12| 1113 2 | 8 | 5 | 8 |12| 1 )11 4 | 8 |11|14|15| 11 9 16|15|5|14|12|16|12 Spitze stehende Quadrat eine Ruhezeit. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.r Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Redaktion: Curt Plato. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.