Nr. 49. Mittwoch den 2. April. 1902. MM v -aimimii knn du die Richter auch mit Kunst für dich gewannst, Was hilft cs, wenn du selbst nicht los dich sprechen kannst? Rück ert. (Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Von Luise Westkirch. (Fortsetzung.) Unerwartet, int letzten Augenblick, bog Tobias aus, sodaß der blind Einherstürmende durch seine eigene Wucht, die den ertoarteten Widerstand am Körper des andern nicht sand, ins Taumeln geriet. Ta packte er ihn von der Seite und entwand ihm das Messer. Sie rangen — stumm, verbissen, in glühendem Haß auf dem öden Eiland, unter dem tiefhängenden Himmel. Und nur der heulende Sturm war Zeuge, nur die wildrauschende, kampsesfroh« See, die ge- spensterhaften Gerippe der gescheiterten Schiffe und die grell kreischenbett Möwen, die, neue Beute toittenib, mit klatschendem Flügelschlag über ihren Häuptern kreisten. Lange rangen sie. Jan Jürgens Hünenstärke war geschwächt durch ein elendes Flüchtlingsleben. In des alten Mannes Brust aber stieg das Bewußtsein des unersetzlichen Verlustes, die Erinnerung an eine wochenlange, vergebliche Jagd mit elementarer Gewalt empor, sobald er ben Leib des Mörders unter seinen Fingern spürte. Die Erbitterung verzehnfachte seine Kraft, machte seine Muskeln zu Stahl.. Er rang Jan Jürgens nieder. Er drückte sein Knie ans des Ueberwundenen Brust. Und nun kam die große Versuchung über ihn. Vor seinen Augen tanzten Funken, seine Hände krampften sich um den Hals des Buben. Jan Jürgens röchelte, blau int Gesicht. „Mörder — Mörder —!" „9iee-, sagte Tobias, sich besinnend, „bat 's tntett Meenung nid). Ick will 'n Hangmann nich bedreegen." Und mit dem Fuß zog er die zu Boden gefallenen Stricke heran und fing an, den Daliegenden zu binden. Jan sah ihn verwundert an. „Wat schall dit behüben?" „Tu mußt na Emden, Jan Jürgens." „,Na Emden?" „Use Paster Hel mi swören laten, dal ick nich sölvsten Gericht Hollen Wall, un bat was god. Tu schallst na Emden." „Man üntnter to! Ick hebb ’r nix gegen. Meenst, ick harr dit Leven nich satt? In Emden hebbt se 'n Dach övern Kopp un to Middag ne Mahltid." „Loop to!" kommandierte der Alte. Jan wandte sich mit frechem Lachen. Als er in die funkelnden Augen seines Begleiters sah, schwieg er und ging. „Bliv stahn." Tobias zog die Stricke um des Gefangenen Füße fest, oaß er hinfiel und sich nicht rühren konnte. „Ick haalt't Boot." Jan schielte die schaumbedeckte See an, den tiefhängenden Sturmhimmel, von dem die Dunkelheit sich herabsenkte wie ein schwarzes Tuch. „Emden lopt die nich weg, Tobias. Töw bet Morgen.. rode Voß hett nti. Wurst UN Sluck kosteten. Brmck'st blot ut'n Sand ruttobuddeln — ick wies' di't —" Tobias war schon int Wasser. Watend, schwimmend erreichte er sein Fahrzeug und brachte es höher auf den Strand. Er zerrte seinen Gefangenen vom Boden aus und warf ihn über Bord vorn ins Schiff .. „Repp un röhv di. nich!" Tiesmal halte Tobias den Wind für sich. Mit der Geschwittdigkeit eines Eilzuges sausten sie dahin. Er hielt nicht quer zum Pächter Haus hinüber. Er legte sein Boot gerade vor den rasenden Sturm und ließ sich die Küste entlang treiben bis zum Torf. Nach zehn. Minuten warf er Anker auf der Reede. Ter Wagen beS- Eschenwirts fuhr schon ins Wasser, ihm entgegen; er brauchte bie Flagge nicht zu hissen. Der Pächter hatte von bes Alten tollem Wagstück erzählt. Nun stauben die Eiländer gebrängt am Wattstrand und sahen oas Schifflein daherfliegen. Und lauter unb lauter lief die Mär von DJlttnb zu Mund in Freude, in Bewunderung: „’t sünd ’r. Twee. in’t Boot. He hett ent! He bringt em! Oll Tobias hett Jan Jürgens to faaten kregen!" Zwanzig Fäuste zerrten den Mörder vom Wagen. Sie sperrten ihn in die Kirche. Fünf hielten Wache. Der Schulmeister, der zugleich den Postdienst besorgte, mußte noch in der Nacht nach Emden telegraphieren, damit Schutzleute kämen, um den Verbrecher in Empfang zu nehmen. „Gott Helpt de, de sik sülvenst Helpt", sagte Tobias zu. denen, die ihm beglückwünschend die Hand drückten.. Tie Kniee wankten unter ihm. Jetzt erst fühlte er bie übermenschliche Anstrengung. Aber obgleich er dem Umsinken nahe war, klopfte er auf dem Heimweg doch erst an Mutter Marinkos Fenster. „Lütt Ebba, uu hebb keen Angst mihr. Jan Jürgens sitt in Nummer feier. Ick hebb 'm to faaten kregen." Und er nickte befriedigt vor sich hin. „Ick mutt ehr Webber froh maken. Nun kannst tofreden fien, Niklas Brö'er!" — Aber bas Mädchen blieb scheu, schweigsam, von krankhafter Furcht gequält ben ganzen, langen Winter hindurch: Im Frühjahr kam Jan Jürgens Sache vor bas Schwurgericht in Emden. Tie Voruntersuchung hatte sich glatt abgewickelt. Der Sachverhalt lag klar, und ber Angeklagte! war geständig. So würben auf einen Tag int März sämtliche Zeugen ber Insel zur Verhandlung geladen: Tob tas, der Vorsteher, ber Geistliche, Mutter Marinko, Ebba, die. rote Trina, der Eschenwirt mit seiner Frau, 194 In Norden stieg Wilm Jansen zn Tobias ein, der allein in seiner Wagenecke saß, Wilm trug einen schwarzen Flor nm seinen linken Arm. Der alte Schiffer war furchtbar aufgeregt. „Recht mutt bestahn. Ick hebb de Moordkeerl infaugen. Tat weetst, 't auuere geiht de Herrens in Emden an, [eggt nse Paster, — — ’t geiht di god, mien Jong?" »Ja, so weit. Onkel is ja nu gestorben, un er hat rechtschaffen für mich gesorgt." „Jerst de Parre, denn de Quarre. Nu kann 't losgahn met de Frijeri." Milin seufzte. Er hatte noch nicht einmal Ebbas Haus betreten dürfen. „Dat ward all god", tröstete Tobias. „Als erst Jan Jürgens jien letzt Brod bakken is, denn hett ’t Hangen und Bangen vör ji ook ’n End." Er hielt die Bibel aufgeschlagen auf seinen Knieen. „Viertes Buch Moses Kapitel vierunddreißig. Von den Städten der Leviten, Freistätten und Totschlag", — las Wilm Jansen. Ihn erbarmte des alten Mannes, und er drängte die Worte zurück, die ihm auf den Lippen schwebten. Welterfahrener als Tobias Brecden, zweifelte er stark daran, daß Jan Jürgens zum Tode verurteilt werden würde. In dem altertümlichen Amtsgebäude in Emden tagte das Gericht. In der Mitte des Saales thronte der Präsident mit dem Staatsanwalt, dem Verteidiger und den nötigen Schreibern; links saßen die Geschworenen, rechts ine Zeugen. Als der Angeklagte hereingeführt wurde, sahen seine Landsleute einander verwundert an; sie hatten Jan Jürgens kaum wieder erkannt, so vorteilhaft sah er aus, sauber friesiert und nett gekleidet/ mit niedergeschlagenen Augen, manierlich, fast bescheiden, ohne eine Spur der viehischen Roheit, die ihn daheim von der Schulbank an gefürchtet Auf die Frage, er ^ch schuldig bekenue, sagte er: "?ra=' gleich hinzu: er glaube wenigstens, daß allev sich so verhalte, wie diese glaubwürdigen Zeugen aus- sagten; er selbst wisse allerdings von nichts. Ter Präsident forderte ihn auf, den Vorgang zu erzählen, wie er ihm vorschwebe. Er sei an jenem Sonntagabend beim Eschenwirt eingetreten, erklärte er, und habe dort getrunken, viel getrunken, um den Groll hinunterzufpülen, den er auf jemand gehabt habe und werter — weiter wisse er eben nichts. Ob er diesen Groll gegen Niklas Breeden gehabt habe? a ’ Nein. Gegen Wilm Jansen. Der hätte ihn ein paar Tage vorher beleidigt. Und er habe sich vorgenommen, ihn tüchtrg zu verhauen. „Nur zu verhauen?" warf der Staatsanwalt ein. Ja. Das wäre seine Absicht gewesen. Dann aber habe er getrunken, und es sei ein Unglück: wenn er trinke, wisse er von nichts mehr. Dann sähe er Blut und dann rniisse er Mnand umbringen, beit nächsten besten, seinen liebsten Freund. Er wisse es eben nicht. vor ^an ihm die Vorkommnisse der Nordener Mrmeß Ja, da sei er auch betrunken gewesen. , Ob er nicht doch auf Niklas Breeden Groll gehegt habe, ferner Base Ebba wegen? Darüber wunderte sich Jan. „Up Niklas Breeden? Herr Präsident, ntch en Spier. Nee. De was en Seel’ von en Mrnfchen." Menn seine Thai ihn aufrichtig reute, warum er sich ruckst sofort dem Gericht gestellt habe? Er wäre wie von Sinnen gewesen, als er begriffen hatte, was er eigentlich angerichtet habe. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, Tobias in die Augen zu sehen, irgend einem seiner Landsleute. Da sei er blind und toll davongerannt. Und nachher — nachher habe er sich geschämt, umzukehren. Auch der Zettel, der unter Ebbas Fenster gefunden worden war, kam zur Sprache. Jan leugnete nicht, daß er von ihm herrühre. „Man t was dumm Tüg, Herr Präsident!" .Er hätte schlechter gelebt als ein Hund, dabei habe er noch erfahren, wie seine Verwandte, die Ebba, der er sein Lebtag herzlich zugethan gewesen sei, sich anstelle, als ob sie sich Gott weih welcher Schandthat von ihm versehen müsse, und ihm das!Schlimmste wünsche. Das habe ihn geboßt und er habe dem albernen Ding einen Possen spielen wollen. Das sei aber auch alles. ' Durch seine gelassene, fast gewählte Rede erreichte er es, eilten weit günstigeren Eindruck auf die Geschworenen zu machen, als das blasse, hagere Mädchen mit den dunklen Schatten um die Augen, das höhnisch, leidenschaftlich, ver- achtüch gegen seinen nächsten Blutsverwandten zeugte, als! alle diese knorrigen, stadtfremdeii Jnselfriesen, die ein Bündnis oes Hasses und der Rachlust gegen ihren ange- klagten Landsmann geschlossen zu haben schienen. Der Präsident rief den Vorsteher auf, um auszusagen über Jan Jürgens Vorleben und Charakter. „En Leegenbüdel, Herr Präsident; en niederträchtigen Keerl, en rechten Schuft. Nich een god Haar is an den Minschen." „Ein Lotterbube", versicherte der Pastor auf Befragen, . »voll von Gewaltthat, Tücke, Grausamkeit, Trunksucht, Rachgier und feiger Verstellung. Als kleiner Junge ergötzte er sich damit, Katzen bei lebendigem Leibe zu braten und jungen Möiven die Augen auszustechen —" Der Verteidiger unterbrach hier: Niemand frage nach Knabenstreichen. Ob der Herr Pastor dem Erwachsenen eine unsittliche Handlung nachsageti könne? „Ja! Rohheit, Gewaltthat, Mord, wiederholte Bedrohung." Dazu schütelte Jan Jürgens wehmütig den Kopf. „Ick weet nid), worum de Herr Paster mi so slecht makt." Darauf redete der Staatsanwalt. Er faßte die Urteile derjenigen zusammen, in deren Mitte der Angeklagte auf» gewachsen war; er verwies auf seine Vorbestrafung. Seiner Ansicht nach war das Verbrechen ein wohlüberlegter Mord, Nur in der Person hatte Angeklagter sich vielleicht geirrt. Vielleicht! Ausgeschlossen war es keineswegs, daß der Streich, der Niklas Breeden fällte, auch wirklich Niklas! Breeden galt. Die durchaus glaubwürdige Zeugin, Ebbaj Jürgens, versicherte unter ihrem Eid,' daß ihr Vetter geschworen habe, jeden Mann umzubringen, der um sie freie. Die besinnungslose Trunkenheit, auf die der Angeklagte poche, sei nun vollends eine sehr durchsichtige Lüge. Sie habe ihn nicht gehindert in Nacht und Dunkelheit, das in einem Holzstall hinter eingeklinkter Thür aufbewahrte Beil des Eschenwirts zu finden und für seinen Zweck mitzunehmen. Ein besinnungslos Betrunkener hätte über die umherliegenden Holzstücke unfehlbar stürzen müssen, konnte auch nicht jemand vom Dorf zum Strand, vom Strand zum Leuchtturm verfolgen, den Flüchtenden, einen kräftigen, elastischen Mann, einholeii und ihm mit einem einzigen wuchtigen Schlag den Schädel zerschmettern, tote es hier geschehen war. Er wollte auf Mord erkannt wissen, vorbedachten, wohlüberlegten Mord mit Ausschluß aller und jeder mildernden Umstände und beantragte die Verurteilung zum Tode, eventuell zur längsten zulässigen Zuchthausstrafe. Ganz anderer Ansicht war der Verteidiger, und er zweifelte von Anfang iiicht, daß die Herren Geschivorenen seiner Meinung beitreten würden. Er ging zurück in die, Kindheit des Angeklagten. Früh verwaist stand der arme Junge inmitten einer Schar von Verwandten und Nachbarn, die eine unbegreifliche Abneigung gegen das hilflose Kind an den Tag legten. So erklärte sich die Kluft zwischen dem Angeklagten und seinen Landsleuten. „Und nun, meine Herren Geschworenen, denken Sie sich diesen ohne Elternzärtlichkeit aufgewachsenen Menschen, dessen Gemüt verhärtet ist durch zahllose, unverdiente Kränkungen, der erwiesenermaßen erblich, belastet ist mit krankhaftem Jähzorn, denken Sie ihn sich zurückgestoßen, verachtet, verspottet, von dem Mädchen, das er liebt, in feiner übermenschlichen Aufregung, beschimpft, beleidigt von einem bevorzugten Nebenbuhler, — wird er nicht blind und toll um sich 'chlagen in der Hilflosigkeit seines Schmerzes, seiner Mut? — Denn, meine Herren Geschworenen, Sie müssen sich be- 'tätidig vor Augen halten, daß weder dem Gemüt noch dem Verstand meines Klienten die Pflege geworden ist, die Staat und Gesellschaft ihm schuldig waren, die allein einen Menschen befähigt, die ihm angeborenen Leidenschaften zu bändigen. Wer dieses Zügels entbehrt, den nenne ich hilflos im eminentesten Sinne des Wortes, und unterliegt er den Versuchungen des Lebens, so beklage ich ihn, ich verdamme ihn nicht. Seine Schuld ist die Schuld derer, diel 195 — ihre Pflichten gegen ihn versäumten. Und so, meine Herren Geschworenen, kann meiner, und wie ich hoffe, auch Ihrer Ansicht nach von Mord hier nicht die Rede sein, am allerwenigsten von einem vorbedachten. Das beweist auch das ganze Verhalten des Angeklagten vor und nach der That. Ich bitte Sie, auf Körperverletzung mit tätlichem Ausgang zu erkennen. Und was die mildernden Umstände anbetrifft, die der §err Staatsanwalt wegleugnet, nun, die liegen nach meinem Dafürhalten in diesem Fall so massenhaft gehäuft, daß ich in Verlegenheit gerate, wie ich ihre Fülle znsammenfassen soll! Dabei lege ich auf die zweifellos vorhandene, besinnungslose Trunkenheit meines Klienten bei der beklagenswerten That noch nicht einmal so viel Gewicht, als auf seine ganze. Kindheit, seine Jugend, die Art seiner Erziehung, den Kreis von Menschen, in deren Mitte der Eltern- und Freundlose ausgewachsen ist. Sehen Sie sich die heute vernommenen Zeugen dvch an, strüfen Sie vorurteilsfrei ihre Aussagen und die Weise, in der sie gemacht wurden. Meine Herren Geschworenen, ich nehme keinen Anstand, zu behaupten: jeder einzelne dieser Sengen ist ein mildernder Umstand für meinen Klienten!" — (Schluß folgt.) Onkel Max. Eine Ostergeschichte von G. Guevillier. Autorisierte Uebertragung ins Deutsche. (Nachdruck verboten.) Unten in den Gesellschaftszimmern ging es nach dem Tiner am Ostersonntag lustig zu, und oben in einem kleinen Stübchen saß Eveline und konnte endlich meinen! Eine Stunde, eine kleine Ewigkeit hatte sie vor vielen fremden Menschen ihre Thränen hinunterschlucken müssen aus Furcht, sich zu verraten. Nun endlich war sie in ihrem Zimmer allein, und in einem Lehnstuhl, die Hände vor dem Gesicht, gab Eveline sich ihrem großen Kummer, der für das junge Wesen fast zu viel schien, hin. . . Wie kann man mit 17 Jahren schon so unglücklich sein? Max, „Onkel Max" verheiratet sich! ... In sechs Wochen mit Frau von Roucey, einer jungen Witwe . . . ja, und sie, Eveline selbst? Sie hat ihn doch so lieb! So lieb! Seit wann? Seit immer; soweit sie in ihre Kindheit zurückdenken kann, ist „Onkel Max" der Mittelpunkt für sie gewesen. Mit allem, was ihr Kinderherz bewegte, ist sie zu ihm gekommen! Zuerst freilich nur, um sich als „Baby" mit Näschereien füttern zu lassen. . . dann hatte sich Bewunderung hinzugesellt, denn als sie ihre ersten unsicheren Gehversuche machte, war „er" schon ein Jüngling gewesen. . . der sie auf den Knieen hatte tanzen lassen, „Hopp, kleines Käferlein." Immer hatte er eine Ueberraschung, eine Liebkosung für sie gehabt. . . jedesmal wenn er zu den Eltern zu Tisch kam, io ar es für sie ein Festtag gewesen, dann hatte er es durchgesetzt, daß sie aus der Kinderstube herunterkommen durfte, und er hatte ihr schöne Märchen erzählt, von denen sie die ganze Nacht.geträumt hatte! . „Gute Nacht, kleines Käferlein!" „Gute Nacht, Onkel Max". Sie nannte ihn Onkel, obgleich er eigentlich nur ein Vetter der Mutter war, aber der „Onkel" stand dem kleinen Mädchen näher. Und mit. den Jahren häuften sich die Erinnerungen. Als sie fünf oder sechs Jahr alt war, da trug er schon die Uniform mit den blanken Knöpfen; er kam zwar seltener, aber seine Besuche waren fast noch schöner als früher. Ganz schnell kam sie herbei, und wich ihm nicht von der Seite. Und „er" streichelte dann ihre blonden Locken. Und sie war größer geworden, und ihre Än- hänglichkeit auch; an der Grenze zwischen Kind und Jungfrau hatte sich diese Anhänglichkeit in Liebe verwandelt. Ja, sie liebte! Und da war abwechselnd Lachen und Weinen ohne Ursache, Schmollen, Necken und Wiedervertragen gekommen, und das erste unbewußte Kokettieren und das Träumen in lauschigen Gartenplätzchen, und das sorgsame Behüten des kostbaren Geheimnisses . O, wie die Erinnerungen auf Eveline einstürmten! Jeder Winkel in ihrem Zimmer barg deren. Auf dem Kaminbord sein Bild. In dem Schrank Bücher, die er für sie ausgesucht; auf seinen Rat hat sie die Tapete, die Möbelstoffe gewählt, selbst den Betthimmel, der das jungfräuliche Lager umschließt. Und wieviel kleine Geschenke, die nun heute zu Re- . liquien werden! Ta ein ganz zerkauter Federhalter. . . jener, mit dem sie die ersten Schreibversuche gemacht . . . es war eines Tages sehr schlecht gegangen, und zur Strafe hatte sie oben bleiben müssen. Und „Onkel Max" war doch gerade zu Tisch da! . . . Aber nach dem Essen war er heimlich zu ihr gekommen, und hatte die Taschen voll Nafchwerk gehabt. Er hatte sie getröstet und gemeint, nur der Federhalter fei Schuld und hatte ihr einen andern versprochen. Und dort das Programm zu der Vorstellung im Zirkus, der ersten! Wie sie sich zuerst vor all den Menschen und dem Lärm geängstigt, bis Onkel Max sie neben sich genommen hatte. Und dann einmal — später — wie er ihr die Haare aus der Stirn gestrichen, und gemeint hatte: Käferlein, Tu bist nicht kokett genug, wie siehst Du zerzaust aus! Und er hatte ihr einen Taschenspiegel geschenkt. Und zur Einsegnung hatte er ihr ein Kreuz geschenkt das hing nun über ihrem Bett. . . So war „er" ihrer ganzen Existenz beigemischt, und sich selbst unbewußt, glaubte sie ihm zu gehören, und er natürlich auch ihr! . . . Und da die Ballkarte, die sie als Lesezeichen benutzt! Ein ganzer Roman! Sie war schon erwachsen, tourbe „gnädiges Fräulein" genannt, trug Kleider, die nur noch die Füße freiließen: fast 16 Jahr, eine Knospe, die sich dem Leben erschloß O, wie Eveline sich an die Zeit erinnert, unwillkürlich greift sic nach ihrem Tagebuch und liest: . . . Also Mama hat endlich eingewilligt, es wird getanzt. Natürlich ein Nachmittagsball, aber doch ein Ball mit einem Kotillon! Papa, der immer neckt, meint, es wäre nur ein Kinderball. Aber es find auch Erwachsene eingeladen. Wenn er nur kommt. . . vielleicht macht er sich nichts daraus ... ich will ihn morgen fragen . . . .... „Er hat zugesagt, o, wie ich ihn liebe. was ziehe ich nur an, um ihm zu gefallen . . . rosa? Mit vielen Schleifen ... ob Mama das erlaubt? . . ." „Erst wollte Mama nicht recht, aber nun habe ich es doch durchgefetzt. Rosa Seidengaze, rosa Atlasfchuhe, und rosa Schleifen im Haar... er wird gewiß zufrieden sein. O! Wäre es doch erst Donnerstag, die Zeit vergeht so langsam!" „. . . . Gestern war der Ball, und ich bin traurig! Es find eine Menge Erwachsene gekommen, und zuerst war ich auch sehr zufrieden. . . aber dann nicht mehr, er kam so spät ... ich tanzte gerade eine Polka, und wäre ihm doch so gern entgegengelaufen. Als ich frei war, habe ich ihn ausgefucht. Er plauderte mit Frau von Roucey! Wie schön die ist! Wenn ich ihr doch gliche, und mich auch so anziehen könnte! Onkel Max hatte mich nicht kommen sehen, und fuhr bei meinem „Guten Tag, Onkel Max" zusammen, als wenn ich ihm einen Schreck eingejagt hätte". „Ach Tu bist es, Käferlein." Ich muß ihm wirklich sagen, daß er mich nicht mehr so nennen soll, ich bin zu groß dazu. „Sieh, sieh," hat er dann gesagt, und mich angesehen. „Du siehst ja- tote eine Bonbonniere aus!" Ich habe bann weiter getanzt, aber Spaß hat es mir nicht mehr gemacht. Einmal ist Onkel Max in meine Nähe gekommen, er führte Frau von Roucey, ich habe wohl gemerkt, baß sie von mir sprachen, und habe auch verstauben, wie Frau von Roucey sagte: „Wissen Sie auch, daß bic Kleine niedlich wird?" Und er hat nichts geantwortet! Wahrscheinlich dachte er an die Bonbonniere. Aber ich werde mich rächen! . . . Vielleicht hat er auch Recht, es waren vielleicht zuviel rosa Bänder!" Und Eveline schlägt die Blätter um, und liest weiter: ,;. . . . Nein! Das ist zu stark! Ich habe ihm doch ivirklich gezeigt, daß ich auf ihn böse bin, und nun fängt er ‘ schon wieder an. Merkt er denn gar nicht, daß ich ihn liebe. Er glaubt immer, ich fei noch ein kleines Mädchen . . . heute früh, als ich meine Ostereier aufstelle, wird mir eine große, weiße Kiste gebracht, darauf steht „Vorsicht" . . . rasch, rasch, mache ich sie auf, streue die Papierschnitzel umher und finde. . - ein großes, rosa 196 — Ei. unv darin. . . eine Wachspuppe ganz in Rosa. Wer schickt mir das? Natürlich, Onkel Maxi Die Karte mit „Onkel Max seinem Käserlein" hätte er sich sparen können! Ich war so ärgerlich, daß ich die Puppe in den Ofen warf. Das Ei habe ich aber doch behalten, ganz hinten in meinen Schrank habe ich es versteckt. . . aber so geht das nicht weiter.... er muß mW mehr respektieren! Vielleicht ist es auch meine Schuld, ich bin zu zutraulich und da. . ." . Seit einer Woche hat er sich nicht sehen lassen! Wollte er doch nur kommen! . „. . . . Morgen hat er sich zu Tisch angemeldet. Was soll ich ihm sagen? Gar nichts, das ist wohl das Beste... ich bin ja so froh, aber ich will es ihn nicht merken lassen..." Mieder wendet Eveline einige Seiten des Tagebuches um, und plötzlich, steigt ihr heiße Röte in das junge Gesicht. Da steht: * „O, mein Gott! Wie soll ich nur aufschreiben, was sich zugetragen... ich bin todtraurig, und vor wenig Minuten war ich so glücklich! Dieser Kuß! . . . Nach dem Essen sind wir in den Garten gegangen, er und ich. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht zu sprechen, und da hat er nach einem langen Schweigen ungeduldig mit den Schultern gezuckt und meine Hand ergriffen: „Bist Du mir böse?" Ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt. „Was hast Du. denn, sag's doch!" Und ganz leise habe ich ihm geantwortet: „Kummer". Er hat gefragt, und gefragt, und- schließlich hielt ich es nicht mehr aus, ich habe ihm dann alles gestanden, wie er mich mit seinen Neckereien quält, alles habe ich gesagt, und soviel gesprochen, soviel..-. Er sah mich groß und verwundert an, so erstaunt, als sähe er mich zum erstenmal. Schließlich! habe ich geweint mid dabei den Kopf gegen seine Schulter gelehnt, wir faßen in der Laube. Er hat mich in seine Arme genommen, gerade wie einst als ich, ettt kleines Kind war. „Weine nicht, Liebling, weine nicht!" hat er mit zitternder Stimme gesagt. Aber ich konnte nicht aufhören, und da hat er mich noch dichter an sich gezogen, hat mir die aufgelösten Haare gestreichelt und leise gebeten: „Sieh mich an, ganz rasch und ohne eine Thräne", und ich hab's versucht, aber lächeln konnte ich doch nicht, wie er es wollte. Aber ich habe ihn angesehen, und er sah so schön aus, und ein Ausdruck war in seinen Augen, den ich noch nie gesehen, und plötzlich hat er sich über mich geneigt, und da qus der Backe, dicht neben dem Ohr, da ruhten seine Lippen ....." Plötzlich und unvermittelt hat er mich dann zurück- gestoßen, blaß und zitternd stand er vor mir, und wie im Zorn waren die Augenbrauen zusammengezogen. Ich wollte mich ihm nähern, aber er sagte kurz: „Lassen Sie mich!" „Warum sagte er „Sie"? Wie vernichtet stand ich unbeweglich, während er einige Schritte fortging. Dann kehrte er wieder um, hat meine Hände ergriffen und sie so gedrückt, daß sie mir weh thaten, während er sagte: „Kleine, wenn ich- Dich nicht hassen soll, so vergiß diesen Augenblick!" Darauf ist er fortgegangen! Ich- lief in mein Zimmer, und nun sinne und grübele ich; den Augenblick soll ich vergessen? Warum? Was soll das heißen? Wenn er mich nicht liebt, warum hat er mich dann geküßt? Warum soll ich vergessen, wenn er mich liebt: Ist denn alles aus?" Und dann folgen viele Seiten der Klagen und der Thränen, die dem Tagebuch anv-ertraut sind, und dann steht da: „. . . . Aeußerlich ist er wie sonst zu mir. Aber ich fühle, das ist was Angenommenes, um die anderen zu täuschen, mich täuscht er nicht! Er vermeidet es, mit mir zusammen zu sein, und ich wage es nicht, ihn aufzusuchen." Und Monate sind darüber vergangen. „Onkel Max" machte eine große Reise; als er wtederkam, war er so kalt und förmlich-, daß Eveline fast an allem gezweifelt hätte. . . aber der Kuß, an den -erinnerte sie sich und hoffte immer noch, was, hätte sie freilich selbst nicht sagen können. Und nun an diesem Ostertag hatte sie es erfahren, Onkel Max verheiratet sich! Me ein Kartenhaus! stürzten all ihre zarten Mädchen-»- träume zusammen, wie der Hauch! von dem Pfirsich, so war von ihrer jungen Seele der Schleier fortgerissen. Wie sie plötzlich- alles versteht! Wenn die einen „Max" sagten, so antworteten die anderen ,,Frau von Roucey" ... tote ihr all das eigentümliche Lächeln plötzlich klar wird und tote sie jetzt versteht, was einmal in ihrer Nähe geflüstert wurde: „Es giebt Liaisons, die fester halten, als! eine Ehe." Aber Frau von Roucey konnte ja Onkel Max gar nicht lieben . . . sie war ja doch verheiratet. . . und nun war sie Witwe, und nun würden sie sich vermählen. Aber warum hatte er sie, Ev-eline, dann geküßt? Was! war ick ihm denn? flüstert das junge Mädchen. Ein Spielzeug, das man liebkost, wie man es mit einem treuen Hund wohl thut. Und von der ganzen Kindheit bleibt nichts mehrt Nichts als die kleinen Sächelchen, um sie herum. Und Eveline steht auf, und nimmt den Federhalter und das Zirkusprogramm, und das Bild und die Tanzkarte, und dann holt sie das große rosa Osterei aus dem Schrank- wtnkel, legt all die kleinen Sachen hinein, macht es vorsichtig zu, und drückt ihre Lippen darauf, bevor sie es wieder in das Versteck zurückgelegt. Und dann steht Eveline lange am Fenster, und als vom Garten aus nach chr gerufen wird, da geht sie hinunter, eine andere, kein Kind mehr, sondern ein Weib,: das mit den Schpterzen des Lebens bekannt geworden ist,: Paul Heyse, Romane und Novellen. Wohlfeile Ausgabe. Erste Serie: Romane. 48 Lieferungen je 40 Pf. Alle 14 Tage eine Lieferung. Verlag der I. G. Cotta'scheu Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. in Stuttgart und Berlin. Unbeirrt durch die Schwankmtgen der litterarischeu Moden ist Paul Heyse auf dem Wege fortgeschritten, de« er vor einem halben Jahrhundert betreten, und ehe noch das Alter seine stolze Gestalt zu beugen vermochte, kann er sich seines Steges über gewisse Gegenströmungen freuen. D-enn schon ist die Zeit gekommen, wo das deutsche Volk nach manch-en Irrungen des litterarische« Geschmacks nach, den gesunden, reifen Früchten zurückverlanat, die ein Priester der wahren, inneren Natur und der geläuterten, formenreinen Kunst ihm darbietet. Die Cotta'sche Buchhandlung begegnet diesem Verlangen durch eine würdig ausgestattete wohlfeile Lieferun g saus gäbe von Heyses Romanen und Novellen, die der freudigsten Aufnahme und der weitesten Verbreitung wert und sicher ist. Zunächst erscheinen in einer ersten Serie die Romane, in einer zwetten sollen die Novellen folgen. Die „Kinder der Welt" eröffnen den Reigen, das kühne freigeisttge Buch, mit dem Paul Heyse zuerst bewies, daß er nicht nur tu der Novelle, sondern auch- in dem großen und weiten Bau des kunstvollen Romans ein Meister sei. Und gerade diese erste verbindet mit seiner hohen künstlerischen Vollendung den Wert eures Zeitbildes, tote unsre gesamte Belletristik kaum ein getreueres und interessanteres bietet. T-enn die in der lebendigen, ergreifendeti Handlung verschlungenen Personen sind mehr als Romanfiguren, deren Schicksal uns packt und spannt, es sind begeisterte Vertreter der religiösen undphilosophischen, sittlichen und politischen Ideen, die in des Dichters Jugendzeit unser Volk bewegten. Emer Gestalt wie dem Balder dieses Romans dürfte an innerer Wahrheit und Tiefe aus unsrer -erzählenden Litteratur keine andere vergleichbar fein, während- sich aus der dramatischen keine geringere als Hamlet ihr zur Seite stellt. Der billige Preis und die bequeme Bezugs- Weise der neuen Ausgabe sind so einladend-, daß kein Gebildeter verabsäumen sollte, diesen Hausschatz deutscher Erzählungskunst zu erwerben. Tie erste Ltefer- ung sendet jede Buchhandlung auf Verlangen zur Ansicht. ' __________ Auflösung des Festrätsels in vor. Nr.t O Stern — Ostern. Auflösung des Arithmogriphs in oor. Nr.: Froehliche Ostern; Rhein, Ohren, Linhorn, Heller, Litin, Iller, Ohlorit, Hirse, Liche, Osten, Stord), Ihonon, Me, Rosen, Nero. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.