Montag den 1. Dezember. 1902. — Nr. 179. (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. i~T (Fortsetzung.) „Jetzt scheint sich sogar das Berühmtwerden mit Elektrischer Geschwindigkeit zu vollziehen", scherzte sie. „Statt des Weihrauchs verbreiten Sie lieber den Dust Ihrer Zigaretten." „Mit Vergnügen werden wir das verlangte Brand- vpfer darbringen", beteuerte Kalussoff, während er seinem Etui eine Zigarette entnahm. „Ein reizendes Ding", bewunderte sie mit prüfenden Blicken,, die kleine zierliche Silberarbeit, deren Knauf ein Blicken die kleine, zierliche Silberarbeit, deren Knauf ein Saphir-Cabochon bildete, und deren Ecken Perlen schmückten, näher betrachtend. Sie las das in Gold geschnittene Autogramm „Tatiana", das auf dem Teckel befestigt war. „Der Name klingt weich und schön", warf sie flüchtig Yin, „aber Perlen bedeuten Thränen." Für einige Sekunden schienen Kalussoff's Gedanken der Umgebung entrückt zu sein, so daß Milica mit scherzendem Drohen den J-inger hob. Aber er faßte sich und lenkte die Unterhaltung aus die Erfindung zurück. Mit Behagen empfand Popow, der nach dem Erscheinen der Schwester in den Hintergrund getreten war, daß man sich endlich wieder seiner eigenen werten Person erinnerte. ^Vergessen Sie nicht", bat er mit würdevoller Herablassung, „den Herrn von der Feder auch auf das Elektrophon aufmerksam zu machen. Zwar bricht sich das Bedeutende selbst Bahn, aber ein paar gute Worte in der Zeitung sind nicht zu unterschätzen." „Geben Sie mir nur ein Artikelchen", lachte Glinka, „loben Sie sich nach Kräften, stellen Sie den pyramidalen Wert Ihres Elektrophons in das rechte Licht, setzen Sie die ganze Geschichte als etwas Wunderbares auseinander, nehmen Sie als Unterschrift einen fingierten Namen mit gelehrtem Titel, und bereits morgen soll alles in der „Nowaja Gaseta" stehen. Tie sehr beschäftigten Herren, zu denen ich enge Beziehungen habe, sind seelenvergnügt Und dankbar, wenn sie die Manuskripte nicht selbst zu schreiben brauchen." Freudige Befriedigung breitete sich über Popow's Gesicht, aber sie verfluchtete sich schnell, als Lanin von einem Professor der Hochschule sprach, der über Elektrotechnik lese, und den er ebenfalls für die Erfindung zu Interessieren gedenke. „Merkwürdig", dachte Schischkin, „er scheint seine Kollegen von der Elektrotechnik zu fürchten". Weitere Reflexionen anzustellen, hatte er keine-Zeit, denn Milica Popow stand auf, um sich zurückzuziehen. .Hoffentlich wird nrir von nun an häufiger Gelegenheit geboten werden, mit Ihnen über Musik zu redens sagte sie mit weicher Stimme zu Glinka, ihm die Hand reichend und seinen Blick tief in die bewundernden Augen senkend. Er neigte sich dankend und murmelte etwas von einem Wunsche, der ihm ein wahrhaft beglückender Befehl sei. Wenige Schritte von ihnen stand Kalussoff, in zitternder, kochender Erregung, während sein Gesicht die Maske konventioneller Liebenswürdigkeit trug. Mer als sie sich auch an ihn wandte, als er gar den sanften Truck ihrer Hand und die freundschaftliche Vertraulichkeit ihres Lächelns verspürte, fühlte er sich besänftigt wie der Löwe vor der schönen Gebieterin. Und doch reute es ihn, daß er Glinka und die übrigen Herren in das Heim der Geschwister eingeführt hatte. Gefolgt von Scherzen, Komplimenten, Verbeugungen und verlangenden Blicken schritt Milica hinaus. Ihr Rückzug war für die Gäste das Signal zum Aufbruch. Nur Kalussoff blieb noch eine Weile. Eiftig sprach Popow aus ihn ein, und kräftig, als ob sie einen neuen Bund besiegeln wollten, schüttelten sie sich beim Abschied die Hände. —- „Nun, hat er sich entschlossen?" fragte Milica den Bruder, während sich in ihren Zügen erwartungsvolle Spannung ausprägte. „Tas Geschäft ist abgemacht, rief er freudig, „er will sich beteiligen. Zähe war er wie Leder, aber ich war ein guter Gerber." „Also endlich!" kam es von ihren Lippen. Und nach kurzem Sinnen fuhr sie fort: „Sag', diesep Glinka....?" „Ist Arzt, reich, im Besitze einer ausgedehnten Praxis und als Träger eines berühmten Namens in den höchsten Kreisen enfant gät6!" „Ja, ein brauchbarer Mensch", nickte sie, ihre Noten gusammenlegend. „Werkehrte er häufiger bei uns, so könnte es unserer Sache förderlich sein." 2. Im Privatkontor der Pelzgroßhändler „Gebrüder lussofs" herrschte eine sehr gedrückte Stimmung. Während der Aeltere von Beiden, Jury Kalussoff, sorgenvoll den Kops über das Geheimjournal gebeugt, von Zeit zu Zeit Zahlen in ein Notizbuch eintrug, schritt Timitry überlegend hin und her, wie wenn Außerordentliches seine Gedanken beschäftige. Nervös pafften Beide den Qualm ihrer Zigaretten in die Luft, so daß der elegant ausgestattete Raum dicht mit bläulichem Dunst gefüllt war. „Also, wie groß ist die Summe?" fragte Timitry, seinen Pendelgang unterbrechend und nach dem Bruder hinschauend. Jury addierte. „Genau zweimalhunderttausend Rubels sagte er halblaut. „Wie wir die Wechsel decken werden ist mir ein Rätsel. Hierzu treten noch die anderen Verbindlichkeiten, deren Gesamtsumme fast ebensoviel beträgt." „Wann haben wir den Wechsel bei Jefim Godunow zu zahlen?" „Zur Messe in Nishni! T-as Accept lautet über vierzigtausend Rubel. Anständig ist, daß er es nicht in Zahlung gegeben hat; aber von Prolongieren ist keine Rede, denn Godunow läßt sich auf solche Geschichten nicht ein — Prolongieren widerstreitet seinen geschäftlichen Prinzipien. Warum denkst Tn gerade an ihn?" „Nun, er fiel mir eben ein. Prolongieren — ihn möchte ich am allerwenigsten um solche Gefälligkeit bitten." „Wie denkst Tn über Sinowjew?" „lieber den--? Ter ist, seitdem Steinbrecht die Prokura und das Heft in Händen hat, geradezu imme- diatisiert. Seine ständige Redensart lautet jetzt: „Wenden Sie sich an meinen Prokuristen!" Und diesem ein gutes Wort geben — nein, nimmermehr!" „Aber, wie sich aus der Klemme ziehen?" seufzte Jury. Sinnend stützte er den Kopf in die Hand. „Tas Vermögen meiner Frau ist schon hin", fuhr er in dumpfein Tone fort. „Auch die Mündelgelder meines kleinen Schwagers sind verbraucht, und das ist straffällig. Mer den rapiden Niedergang unseres alten, angesehenen Hauses auf dem Gewissen hat, weiß ich. Nichts wie verfehlte Spekulationen — die letzte war die verrückteste! Jeder erfahrene Geschäftsmann sagt sich, daß die Mode launisch wie ein verzogenes Kind ist; sie betet heute mit glühender Begeisterung an, was sie schon morgen geringschätzend verwirft. Tu hast wie toll gekauft, und nun ist das Pelzlager bis oben vollgepfropft, aber sein Inhalt ist nicht zu verwerten. Mehr als dreimalhundert- tausend Rubel hat uns Tein Wahnsinn gekostet. Wäre ich nicht leidend im Bade gewesen, die Geschichte wäre niemals passiert." „Hör' auf mit Deinen ewigen Vorwürfen", brauste Dimitry aus. „Ich kenne Deine Litanei schon auswendig und habe sie gründlich satt. Nichts ist leichter, als hinterher den Weisen zu spielen und klug zu reden." „Nein, ich höre nicht auf", fuhr Jurh in zorniger Aufwallung empor. „Was ich denke, will ich auch sagen. Ein Verschwender bist Tu, der am Liebsten herumflaniert, im Klub den großen Herrn spielt, und bei den Zigeunern in Strelna liegt. Statt ungezählte Liaisons anzuknüpfen, solltest Tu vernünftigerweise heiraten. Eine Frau mit Vermögen könnte uns vielleicht noch retten. Da Dein Privatkonto am Stärksten belastet ist, hast Du sogar die Pflicht, diesen einzigen Weg einzuschlagen. Vorläufig weiß noch niemand so recht, wie es mit unseren Finanzen steht, aber ihre schlechte Lage läßt sich nicht lange mehr verheimlichen. Also heirate, ehe es zu spät ist!" „Heiraten? Hast Tu eine passende Frau für mich? Glaubst Du, daß unter den gegenwärtigen erbärmlichen Verhältnissen eine Verbindung mit einer reichen Kanf- mannstochter so leicht ist? Wie Tu giebst, so werde ich auch geben, so heißt es bei den Herren Vätern in Moskau, und bevor ich nicht mindestens zweimalhunderttausend Rubel bar und richtig auf den Tisch lege, wird keine Frau mit nennenswertem Vermögen in meine Arme fliegen. Deine Kritik meiner Geschäftsführung ujtb meines Privatlebens verbitte ich mir. Weit mehr ist Deine Kleinigkeitskrämerei an unserer üblen Lage schuld. Tu strahlst schon in Glückseligkeit bei einem Verdienst von zwanzig oder dreißig Rubel für einen Zobel, während sich andere Kaufleute mit solchen Bagatellen gar nicht abgeben. Wer den Blick nicht auf Großes richtet, wird auch nichts Großes erreichen. Mag sein, daß meine jüngste Spekulation im Sande tierlaufen ist, aber was in einem Falle verloren wurde, läßt sich in einem anderen mit einem Schlage zurückgewinnen. Mit Deinen Jeremiaden kommen wir nicht weiter. Ein großer Coup muß gelingen, der uns aller Misere entreißt. Und zu diesem bedarf ich" — fuhr er mit gehobener Stimme fort — „der Summe von dreißigtausend Rubel! Hast Tu sie? Kannst Tu sie beschaffen? Ist es Tir möglich, sie irgendwo schnell aufzutr eiben - Sein oder Nichtsein hängt von dieser Summe ab, denn es handelt sich um nichts weniger als um die Erwerbung eines Patents, das uns Millionen spielend in den Schoß werfen wird." Jury Kalussoff schaute den Müder mit einem Blick an, der zu fragen schien: Bist Tu noch zurechnungsfähig? „Ich glaube", sagte er nach einer Weile, „daß Tu nicht ins Kontor, sondern ganz wo anders hingehörst. Wachsen die Rubel auf den Bäumen, daß ich sie nach Bedarf herunterschütteln kann? Und wenn ich's könnte, für Teine Projette würde ich nicht mehr einenl einzigen Kopeken hergeben!" „Ich habe eine solche Antwort erwartet", entgegnete Timitrh, „es ist die übliche, die ich stets erhalten habe.. Aber die Sache ist zu ernst, als daß sie mit solchen Redensarten abgemacht wäre. Kurz und gut, es handelt sich um das Patent zu einem Aecumulator, also nicht um irgend welche Pelzgeschäfte. Tu weiht, in Moskau und in vielen anderen Städten Rußlands werden elektrische Straßenbahnen in Betrieb gesetzt. Wer im Besitze eines leistungsfähigen Mccumulators ist, kann Hunderttausende verdienen! Ilja Popow, den Tu kennst, hat einen ausgezeichneten erfunden, der alle bisherigen übertrifft. Er nimmt ein Patent ans feine Erfindung und bietet mir gegen Zahlung von dreißigtausend Rubel die Hälfte des zu erwartenden Reingewinnes an." Jury Kalussoff war doch etwas nachdenklich geworden. Daß in der Elektrotechnik Geld zu verdienen war und ein gutes Patent Gold wog, wußte er. „Mer wenn „Popow's Erfindung nichts wert ist?" fragte er nach einigem Nachsinnen. „Was kann da sein", versetzte Timitrh kaltblütig, „krachen wir, dann ist es gleichgiltig, ob es mit dreißig- tausend Rubel mehr oder weniger geschieht." „Und wo hernehmen?" „Lächerlich! Wozu ist der Lombard?!" „Nein, das geht nicht, denn in vierundzwanzigj Stunden spricht ganz Moskau davon. Man läßt uns die Ware nicht im Hause, sondern verlangt, daß sie; deponiert wird." Beide überlegten. Jury riet, sich an Lednew in Kiew zu wenden. „Er ist noch der einzige Mensch, der Rück- icbt kennt", versicherte er. „Unsere Bitte um ein Ge- älligkeitsaeeept wird er nicht abschlagen, zumal er sich' etzt in vorzüglicher Position befindet. Tas Beste wird ein. Tu reist hinüber und ordnest die Angelegenheit! mit ihm persönlich. Dimitry nickte befriedigt. Mit der Miene eines Triumphators, der auf seine Umgebung überlegen hinabschaui> sprach er emphatisch: „Als Tank für die vernünftig« Annahme will ich Tir ein Geständnis machen: Tie Millionenbraut ist schon gefunden!" Jury sprang auf, als habe der Bruder den Gewinn des großen Loses verkündet. „Wirklich?" rief er zu höchster Freude. „Ja", versicherte Dimitry, „wenn die Geschichte mit dem Aeeumnlator gelingt, führe ich die Milkionenbraut noch in diesent Jahre heim." „Gut", versicherte Jury, erleichtert aufatmend und dem Bruder die Hand reichend, „ich bin hoch befriedigt und wünsche Dir von Herzen Glück. Wer Deine , Frau auch sei, sie soll mir als Schwester willkommen sein!" _ Air der Thür des Privatkontors wurde geklopft —; ein Kommis überreichte die eingetroffenen Korrespondenzen^ „Für Dich", sagte Jury, indem er dem Bruder einen Brief hinschob. Das Couvert trug zierliche Schriftzüge, wie von Damenhand, und den Poststempel „Kiew". Dimitry iuarf einen Blick auf die Adresse. „Tie Sache mit Lednew hat Eile, ich werde schon heute fahren", sprach er hastig. Musternd durchschritt Timitrh den Lagerraum. Sie, Sergi Petrowitsch, wo find die Zobel?" fragte er den alten Geschäftsführer. icv finb fic !/z ,',Wie viele Pelze sind vorhanden?" „Zwanzig Stück — zehn Herrenpelze und zehn Damenpelze." „Wxb fittb bic ^Steife ?/Zi "Das Stück zwischen zweitausend und fünftausend Rubel." „Gut, lassen Sie die zehn teuersten in meinen Wagen legen!" „Merkwürdig", dachte Sergei Petrowitsch, „er Efe kümmert sich doch sonst so wenig um diese Tinge, jetzt scheint er mit einem Male in Pelzen hausieren zu wollen/- 1115 — Und laut gab' er Anordnung, Len Befehl des Chefs sofort zu vollziehen. Aber Dimitry fuhr mit den Pelzen nicht hausieren, Jandern — zum Lombard. Genau berechnete er, wahrend ier Wagen eilig dahinrollte, die Summe des Wert- vbjektes und den Betrag, den er dafür erhalten würde. Plötzlich fiel ihm der Brief ein, den er in sein Portefeuille gelegt hatte. Er zog ihn hervor und las ihn, während seine Lippen ein mattes Lächeln umspielte. Nachdem er die Zeilen nochmals durchflogen, zerriß er den mit feinen Schriftzügen bedeckten Bogen in winzige Stückchen, die der Wind spielend entführte. Sein Blick fiel wieder auf die Pelze. Richtig, Milica Popow hatte jüngst der Sehnsucht nach einem schönen Zobel Ausdruck gegeben. „Wenn der Preis nur nicht gar so horrend wärech war es flagend von ihren rosigen Lippen gekommen. Ihre schönen Augen hatten dabei so wehmütig geblickt, daß er noch jetzt Bedauern empfand. „Sie soll den Zobel haben", entschied er, „er wird das letzte Opfer sein, das ich vor dem Abschiede vom Junggesellenleben der Schönheit darbringe. Ich hoffe, daß sie es in Gnaden annehmen wird." Mann berechnete er den Ausfall, der durch das Zurückhalten des Zobels in der Lombardsumme entstehen würde . . . „Vierhundert Rubel — pah, sie machen mich und Jury nicht glücklicher! Jury — er wird donnern und fluchen, wenn er von meinem Streich hört, aber es ging nicht anders, denn mein Auftreten in Kiew muß ein standesgemäßes sein." Ter Wagen hielt fern in einer engen Straße. Vorsichtig spähte Timitry umher, ob ihn auch kein Bekannter erblicken werde. Niemand war zu sehen, und mit dem gespannten Ausdruck eines Spielers, der im Trente-et- quarante Reichtümer gewinnen will, betrat er das Lombardhaus. Seine Miene hatte sich in eine strahlende umgewandelt, als er nach Abschluß des Geschäfts mit einem stattlichen Päckchen rosafarbiger Hunbertrnbelnoten zurückkehrte. „Geld ist konzentrierte Thatkraft, Bewegung, Leben", philosophierte er, während er sich im Polster des Magens energisch reckte, „und wer es nicht besitzt, ist so gut wie tot." Er sah auf — gerade fuhr ein Wagen am Geschäfts- Hause der „Gebrüder Kalussoff" vorüber. Aufmerksam blickte er nach den beiden Fenstern, hinter denen das Privatkontor lag. „Jury ist noch bei der Arbeit", lachte er ironisch. „Bei all seinem Addieren ist nie etwas Vernünftiges herausgekommen." Jury Kalussoff addierte wirflich noch. Mit fieberhaftem Eifer hatte er sich wieder in das Studium des Geheimjournals vertieft. Lange Zahlenkolonneu zog er zusammen, und je weiter er rechnete und vrüfte, um so unruhiger wurde sein Blick, und um so krampfhafter bohrte seine Hand den Bleistift in das Papier. Tiese Zahlen predigten unbarmherzig etwas Furchtbares, das ihn bis in's innerste Mark traf, und erschütterte. Da halfen keine Phrasen und Ausflüchte — der Bankerott stand mathematisch bewiesen ans dem Papier. „Tie Außenstände sind erheblich geringer, als ich gedacht habe", stöhnte er. „Timitry hat unbarmherzig eingezogen, was nur einzuziehen war. Wenn die Hilfe nicht bald kommt, müssen wir uns decouvieren, und das erlebe ich nicht." Er starrte vor sich hin. Tie Hoffnung gaukelte ihm freundliche Bilder vor: Ter Acenmulator und die reiche Fran des Bruders zauberten Geld herbei, alle Pelze wurden schlank abgesetzt, das Geschäft hob sich, die Firma „Gebrüder Kalussoff" würde wieder glänzen wie die Strahlen der Sonne, die eben durch die Scheiben der Fenster in den stillen Raum drangen. „Ja, wie schön wäre das", flüsterte er, während sich feine Augen feuchteten. Aber bann kroch wieder der bange Zweifel heran, der den Mut, das Vertrauen und die Hoffnung wegfraß. „Unsinn", grollte er, „die Hoffnung ist für Thoren — rch habe genug gehofft. Mir bleibt nur übrig die Pflichterfüllung gegen meine Frau und gegen meine Kinder. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. Deinen Rat, edler Bruder, von unserem Lagerbestande so viel als möglich zum Lombard zu bringen, werde ich befolgen, aber nur zu Gunsten der Meinigen, — meiner Hinterbliebenen, die Gott schützen mögel" (Forts, f.) Napoleon und seine Zeit. Bor uns liegen wieder eine Reihe von Werken jene» Napoleonliteratur, um die sich der Verlag von Schmid? und Günther in Leipzig so sehr verdient gemacht hat. Wir werden sie nachstehend im Einzelnen zu würdigen versuchen. Da ist zunächst Napoleon I. in der Verbannung, von O'Me- ar a. UeBertrageu und bearbeitet von Oskar Marschall v o n B i e b e r st e i n. 3 Bände. (Brosch. 15 Mk., geb. 18 Mk.j Das Werk O'Mearas, welches unter dem Titel: Napoleon in exile or a voice froni 8t. Helena im Jahre 1822 In London erschien, ist unzweifelhaft das hervorragendste aller Memoirenwerke über Napoleon, einmal, weil dieser Autor nicht, wie Las Cafes, Mvntholon oder Gourgaud, mit Napoleon von früher her bekannt war, sodann weil O'Meara als Nichtfranzose von den Rücksichten entbunden ist, welche Jene, wie man ihren Werken anmerkt, nehmen zu müssen glaubten. O'Mearas Buch, das feit fange schon fast völlig in Vergessenheit geraten ist, wurde bei feinem Erscheinen in nicht weniger als 38 Auflagen gedruckt. Ein Lichtschimmer der Wahrheit liegt in diesen in schlichter Form veröffentliMen AnfzeiM Eigentümliche Hüte. (Nachdruck verboten.) Ein Tumenhut ist ein wunderbares Ting. Oft ist er ein Garten, oder eine Menagerie, bisweilen auch beides Es giebt indes wohl nur eine Tarne, die sich rühme» kaum einen mit Kolibrinestern garnierten Hut getragen zu haben. Sie war eine Mnerikanerin, und der Preise den sie für ihre originelle Kopfbedeckung zahlte, war selbst für Newyork außerordentlich hoch. Wenn man weiß, daß die reizenden Nestchen der prächtigen Kolibris oft nicht größer sind als die Hälfte einer Walnußschale, so begreift man, daß sich eine ganze AUzahl derselbe» auf einem Hute anbringen lassen. Biele Bögelchen waren gezwungen, ihre zierlichen Bauwerke aus feinstem Moos, Spinnweben und Pflanzenstoffen zu verlassen, um den Hut jener wählerischer: Dance zu schmücken. Eine andere schöne Mnerikanerin trug einen mitfeinem Golddraht übersponnenen Hut, der nichts anderes darstellte, als einen Käfig für ein halbes Dutzend kleine» Eidechsen, bereit knpfergrüue Haut wie gebräuntes Gold in der Sonne schillerte. Tie Reptilien waren außerordentlich lebhaft und kletterten an dem Draht umher zur größten Belustigung der Bekannten der Trägerin. Tiefe seltsame Kopfbedeckung wurde auf einem Sommer- fest zur Schau getragen, an welchem Hunderte vornehmer Personen teilnahmen. Boi: feenartigem Aussehen war ein Sommerhut aus natürlich ausseheuden, blauen Glockenblumen. Tie zarte» Blumenkelche waren jedoch nicht das Auziehenbste an bet» Hute — der duftige Hut war musikalisch! Aus de» zitternden Glöckchen erftangen leise silberne Töne. Eine winzige Spieluhr war zwischen den Bänder» und dem Laubwerk befestigt. Um dieselbe auszuziehen^ brauchte die Trägerin nur an einem juweleugeschmückte» Knopf zu drehen, der anscheinend nichts anderes toa», als eine gewöhnliche Hutnadel. Zarte Silberdrähte bildeten das Fundament eines Sonnnerhutes, den eine Pariser Schauspielerin auf einem Sontmerfest trug. Tie Drähte waren so arrangiert, dast sie ein geometrisches Spinnennetz darstellten, in beffett Mittelpunkt eine fette, behaarte Spinne mit drohende» Smaragbaugen saß. Durch Berühren einer Feder wurdS die Spinne in Bewegung gesetzt und kroch in ihrem Netz umher. Schattierte Brombeerblätter umgaben die silberne» Fallstricke, und einige Metaflfliegen faßen in gefährlicher Nähe des Spinnennetzes. Ein merkwürdiger Hut, der auf einem Bazar gesehen wurde, steflte Sommer und Winter dar. Rote Rose» und grüne Bänder versinnbildlichten die schöne Jahreszeit. Diese Blumen und Bänder waren jedoch auf Draht befestigt, und so angeordnet, daß sie durch ein bloßes Biegen der Hutkrempe umgewandt wurden und man tut» weiße Blumen und graue Bänder sah. Wenn die winterliche Garnitur sichtbar war, so war bte rote Seite der Blume» dem Stroh zugekehrt, und nicht wahrnehmbar für de» Beschauer. Tit-Bits. (Autor. Uebersetz.) «. .716 Zungen hingebreitet, und man ist zugleich erstaunt, über die Bereitwilligkeit Napoleons, mit welcher er dem englischen Arzte Rede steht. — Es folgen dann die Memoiren des General Rapp. (Adjutanten Napoleon I.) Bon ihm selbst erzählt. Uebertragen und bearbeitet von Oskar Marschall von Bieberstein. (Brosch. 6 Mk., geb. 7 Mk. 50 Pf.) Rapp, geb. in Colmar 1772, ist bekannt durch die Belagerung Danzigs. Auf dem denkwürdigen Feldzuge von 1812 begleitete er Napoleon ebenfalls als Adjutanten. Packender ist wohl dieser entsetzliche Rückzug aus den Eisgefilden Rußlands nie geschildert worden als durch Rapp. Die Memoiren bieten für den Geschichtsfreund unendlich viel des Anregenden, und werden gewiß gern von allen, die sich für jene hochinteressante Zeitepvche interessieren, gelesen werden. — Won den Frauen aus Napoleons Zeit ragen als erste die Kaiserin Iosephine und neben ihr die Gr o ß h e r zo g i n S t e s) h a n i e v o n B a d e n hervor, denen folgende Werke gewidmet sind: Die verstoßene Josephine, 1809—1814. Won Friedrich Mas so n. Uebertragen und bearbeitet von Oskar Marschall von Bieberstein. Reich illustriert. (Brosch. 6 Mk., geb. 7,50 Mk.) und Stephanie, Großherzogin vonBaden. Eine Adoptivtochter Napoleon I. Nach Aussagen von Zeitgenossen und bisher unveröffentlichten Dokumenten. Won Joseph Turquan. Uebertragen und bearbeitet von Oskar Marschall von Bieberstein. (Bvosch. 3ch0 Mk., geb. 4,60 Mk.) Masson, Unstreitig der beste Kenner des napoleonischen Zeitalters, entwirft ein wenig schmeichelhaftes Bild von der ersten Kaiserin der Franzosen. Zwar nennt sie auch der besonnene Turquan „kenntnislos, ohne Geist, ohne Charakter, überraschend durch ihren Mangel an Moral"; aber Masson scheint doch etwas animos gegen sie zu sein, jedenfalls kommen die entlastenden Momente bei ihm nicht gebührend zur Geltung. Napoleon und noch mehr der Prinz Karl von Baden, die Gemähte der beiden Damen, werden als gutmütige, blindverliebte Tölpel dargestellt. Josephine nimmt zum Besuch ihres Gemahls in Italien ihren geliebten „Charles" mit, während Stephanie als Braut des badischen Prinzen sogar ihren kaiserlichen Adoptivvater am Narrenseil oer Verliebtheit zu gängeln weiß. Indessen wurde die letztere durch die Schule des Unglücks gewitzigt; sie machte sich frei von Eitelkeit und Oberflächlichkeit, sie gewann ein Verständnis für ihre hohen Pflichten; wußte sie doch — was Turquan nicht erwähnt — die Achtung eines so hohen Mannes, wie der Geschichtsschreiber Schlosser einer war, zu gewinnen. Josephine blieb dagegen vergnügungssüchtig, gedanken- und herzlos bis an ihr Ende; ihr scheint wirklich jeder edlere Kern gemangelt zu haben. Turquan weiß durch geschickte psychologische Entwickelung des Charakters zu fesseln, sodaß man sogar sein nicht seltenes moralisierendes Räsonnement gern mit in den Kauf nimmt. Weihnachtsbücher. Die Karikatur der europäischen Völker, von I. Fuchs und Hans Krämer. Mit 500 Illustrationen und 60 Beilagen in Schwarz- und Farbendruck. (Verlag A. Hofmann & Co., Berlin SW. — 22,50 Mk.) lieber dieses Werk, das bereits nach kaum einem Jahre in zweiter Auflage vorliegt, schreiben die „Blätter für Bücherfreunde": „Mit vollem Recht darf der Verfasser dieses epochemachenden Werkes im Vorworte seines Buches behaupten, er habe keinen Vorgänger in der deutschen Litteratur. Es ist die erste und, wie man zugleich sagen kann, auch eine erschöpfende Darstellung des Gegenstandes, der schon fo lange eine systematische, die historische wie ästhetische Seite gleichmäßig berücksichtigende Behandlung gefordert hat. Unermeßliche Schwierigkeiten stellten sich dieser Riesenarbeit entgegen, aber der praktische Sinn, die umfassenden Spezialkenntnisse und der unermüdliche Fleiß des Verfassers haben sie besiegt. Es' galt das gewaltige Material von etwa 68000 Karikaturen aller Art zu prüfen, zu sichten und die von der Spreu gesonderten Goldkörner unvergänglicher Satire übersichtlich zu ordnen. Nicht nur eine Geschichte der Karikatur hat Eduard Fuchs geschrieben, sondern er hat zugleich auch eine Darstellung der europäischen Geschichte im Lichte der Karikatur geliefert und stch somit ein doppeltes Verdienst erworben." Weiterhin wollen wir zur Empfehlnug »dies, für den Weihnachtstisch ganz besonders geeigneten Werkes hier noch den Schlußpassus einer Kritik anführen, die der beste Kenner der Geschichte der „Karikatur, Professor H. Schneegans in Würzburg (Verfasser der berühmten „Geschichte der grotesken Satire") in der Zeitschrift „Ter Lotse" über unser Kärikaturenwerk ge- schrieben hat: „. . . . Mit dem Jahre 1848 schließt seine Darstellung ab. Sie ist ungemein lehrreich und außerordentlich interessant. Tie ganze Weltgeschichte, und nicht bloß die politische, die Geschichte der Sitten und Gebräuche, der Anschauungen und Gedanken, der Moden und Manieren, zieht in grellen Bildern an uns vorüber. Ganz besonders dankbar wird es jeder, der das Buch in die Hand nimmt, begrüßen, daß Verfasser und Verleger es so reich mit Bildern ausgestattet haben. Sie sind so zahlreich, daß nicht einmal alle im Texte erwähnt werden, und durchweg ebenso glücklich gewählt als trefflich wiedergcgeben. Der Stil des Buches ist geschmackvoll, lebhaft, geistreich. Man merkt jeder Zeile an, daß der Verfasser in seinem Stoff lebt und mit der größten Liebe seinen Gegenstand behandelt. Wir hätten nur den einen Wunsch: möge uns Fuchs recht bald in einem zweiten Bande die Geschichte der Karikatur vom Jahre 1848 bis in die Gegenwart vorführen. Tie Mmpse der Revolution, der siebziger Krieg, die Zeit der Einigung Deutschlands und die Ausgestaltung des Reiches haben eine Menge der interessantesten Karikaturen hervorgebracht. Sie könnte keinen besseren Geschichtsschreiber finden als Fuchs. Er möge die neue Arbeit nicht scheuen! Tas deutsche Publikum wird es ihm um so mehr danken, als es nach diesem ersten Band ganz gewiß begierig sein dürfte, zu erfahren, wie Deutschland, das bis 1848 noch keineswegs in der Karikatur hervortrat, allmählich dazu kam, in der Karikatur den Rang zu erobern, den es geiviß jetzt auf diesem Gebiete einnimmt." Luther als Erzieher. (208 S.) Berlin, Martin Warneck. Volks-Kalender des Lahrer hinkenden Boten für 1903. (160 S.) Lahr, I. H. Geiger. Nonce Casanova, Messalina, Roman aus der römischen Kaiserzeit. (279 S., Budapest, G. Grimm. 3.— Mk. Schulze-Smidt, Bernhardine. Aus dem goldenen Buche. Eine Geschichte in zwei Teilen für die reifere Jugend. (406 S. Mit 6 Tonbildern.) Bielefeld, »clhagen und Klasing. Elegant gebunden. Kinderlust. Ein Jahrbuch für Knaben und Mädchen^ herausg. von Frieda Schanz. (200 S. Mit 12 bunten Vollbildern.) Ebda. gebd. Rhoden, Emmy v. Der Trotzkopf. Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen. (266 S. Illustriert von August Mandlick.) Stuttgart, Gustav Weise, gebd. 4,50 Mk. Ernst, Adolf Wilhelm. Lenaus Frauengestaltem (404 S.) Stuttgart, Carl Krabbe, eleg. geb. 6,— Mark. Lenau's Gedichte. (441 S.) Ebda. Liebh. Einb< 3,— Mark. Burggraf, Julius. Goethe und Schiller im Werden der Kraft. (468 S.) Ebda. eleg. geb. 6,— Mark. , Zabeltitz, Hanns v. Tie Todbringerin. (94 S. Illustriert von F. v. Reznicek. Ebda. 1,— Mk. Zabeltitz, Hanns v. Prinzeß Hummelchen. (167 S. Jllustr. von F. v. Reznicek. Ebda. 2,— Marr. Spielhagen, Friedrich. Tie schönen Amerikanerinnen. (180 S. Illustriert von C. H. Kn echter.) Ebda. 2,— Mark. H e y s e, Paul. San Bigilio, Novelle. (159 S. Jllustr. von Fritz Reiß.) Ebda. 2,— Mark. j Tauschrätsel. Nachdruck verboten. Heil, Futter, Mahl, Reiher, Horn, Bern, Hase, Bier, Hagel. Bon jedem Wort ist durch Umtausch eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein neues Wort zu bilden, und zwar derart, daß die neu eingesüg« ten Buchstaben den Namen eines deutschen Tondichters ergeben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Festbankette. Redaktion: Curt Plato — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Luch« und Cteindruüerei (Pietsch Erben) in Güßen.