a CTaiiv .M 1902. — Nr. 163. c Ä3| I , A & 4 Samotag den £ November, rx, j!i < I ■<- . I ■ 1MM ■BH M«W (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) 55. Kapitel. Ter Tag, der nicht allein von dem Angestellten Sanftlebens, sondern auch pon Franz von Sempach, Georg Ra- kenius, seiner Schwester und der Gräfin Doroukoff ungeduldig und sehnlichst erwartet wurde, kam endlich heran. Minna verließ zur abgemachten Stunde dicht vermummt und verhüllt, das Haus, ging nach dem Potsdamer Bahnhofe und fuhr mit dem Halbelfuhr-Zug nach Potsdam, ohne scheinbar bemerkt zu haben, paß mehrere Personen, die sie auf Schritt und Tritt verfolgt hatten, gleichzeitig mit ihr in verschiedene Waggons gestiegen waren. In Potsdam bog sie sorglos und vergnügt, die Frische Lust in vollen Zügen einatmend, von einer Straße in die andere, bis sie in der einen — der Königstraße — einen Moment eine Hausnummer zu suchen schien und endlich vor einem Hause von sehr anständigem Aussehen stehen blieb. Sie zog die Portierklingel und verschwand in dem Hause, sobald man ihr geöffnet hatte. ,Sie hatte sich vor dem Eintreten nicht einmal umgewendet, um sich etwa zu überzeugen, ob ihr jemand gefolgt war. Tret Stunden vergingen. Tie Angestellten Sanft- lebens, sowie dieser selbst, die auf verschiedenen Stellen Posten standen, und beobachteten, hatten niemand das Haus verlassen sehen. .Es blieb verschlossen, in tiefe Ruhe versunken, diskret, gleichgiltig gegen den Lärm der Außenwelt, ohne selbst ein Geräusch zu machen. Doch im Lause des Nachmittags endlich öffnete es sich wieder ganz sachte, Ium Minna herauszulassen, die eiligen Schrittes den Weg »ach dem Bahnhofe zurücklegte. .Sie kam gerade noch zurecht, als der Dreiuhr-Zug aus der Halle dampfen wollte, Und schlüpfte noch rasch in ein Coups zweiter Klasse. Präzise halb fünf Uhr war sie wieder in die Augsburger Straße zurückgekehrt und nahm ihren Dienst wieder auf. Während die Beamten Minna bis nach Berlin folgten, blieb Sanftleben in Potsdam zurück. Sehr niedergeschlagen Nnd ohne jede Hoffnung wollte er, bloß um sein Gewissen zu beruhigen, Erkundigungen über das Haus einziehen, worin Minna einige Stunden zugebracht hatte. Es war von einer hochbetagten, alten Dame bewohnt, die noch dazu krank und gelähmt war. Sie hatte sich erst vor sechs Monaten dort niedergelassen, in der Meinung, daß ihr die Potsdamer Luft besser bekommen würde, als die von Berlin, wo sie bis dahin immer -gelebt hatte. Sanftleben gelang es, mit zwei von ihren Dienstboten zu sprechen: Ihre Herrin hätte eben den Besuch von Minna erhalten, ttnem vrav°n Mädchen, das früher in demselben Hause mit ihr gewohnt hatte, nämlich in der Augsburger Straße 174, und deren muntere Frische, Leben und Geplauder die alte Dame immer etwas zerstreute. Nachdem sich dies Sanftleben hatte von verschiedenen Setten bestätigen lassen, mußte er sich zuaestehen, daß es trotz des besten Willens von der Welt doch recht schwer sei, auf diese alte, achtbare, kranke und gelähmte Dame einen Verdacht der Mitwissenschast an dem Verbrechen in der Augsburger Straße zu hegen oder zu lenken. Er mußte auch gegen seinen Wellen zugeben, daß Minna ihren Herrn keinesfalls angelogen Hatter der von ihr angegebene Grund, um einen Urlaub zu erhalten, war em vollkommen reeller, und an diesem so lang ersehnten Tage, an dem man sie auf einem Fehler zu ertappen hoffte, war ihr Benehmen das anständigste von der Welt, würdig eines jeden Tugendpreises. Man hatte sich also umsonst in Unkosten gestürzt, war ins Feld gezogen für nichts und wieder nichts. Die ganze Agentur Sarütleben, von ihrem eigenen Chef angeführt, war auch zu keinem günstigeren Resultat gelangt, als Hesekiel, der aus seine eigene Person angewiesen war. Daraus mußte man notwendig folgern: entweder hatte man Minna ungerecht verdächtigt, oder sie war von einer solchen Gerissenheit, daß man ihr das Verbrechen niemals nachweisen konnte. Dieses Ergebnis am Vortage der Verhandlung mußte die Freunde Sempachs selbstredend tief niederschlagen. Mer es war notwendig, daß Sempach erführe, wonach er sich zu richten habe, und so mußte sich denn Georg entschließen^ sich zu ihm zu begeben. „Alle unsere Versuche sind mißglückt", sagte Georg, „Sie haben sich sogar zu Gunsten dieses Mädchens entwickelt. — Wer willst Tu denn nicht Deine Verdachtsgründe dem Gerichtshof mttteilen?" „Nein", antwortete er. „Ich habe daraufhin meinen Rechtsanwalt befragt. Er hält es für besser, nichts zn sagen, wenn wir nicht im stände sind, etwas zu entdecken. Ein leerer Verdacht, ohne auf Beweise zu basieren, würde mir nur schaden. Tie Staatsanwaltschaft würde sich daraus eine Waffe gegen mich machen, und mich beschuldigen^ Zeugen zu verleumden, und das würde nur dazu dienen,: mir alle Sympathieen der Geschworenen und der Zuhörerschaft zu rauben. Ich werde also auf dem einzigen Standpunkt, auf den ich mich stellen kann, verharren: ich erkenne die Schwere der gegen mich vorgebrachten Klagen an, aber ich könne aus den Und den Gründen nicht schuldig sein. Ich behaupte meine Unschuld und werde sie so laut Und mit solcher Energie behaupten, daß ich es vielleicht doch dahin bringe, meine Richter zu überzeugen. Allerdings, falls das Stubenmädchen der Fran von Sanden in ihren Aussagen eine gewisse Grenze überschreitet, dann werde ich sre von meiner Seite aus angreisen, — das ist auch die Ansicht meines Verteidigers^ Aber man kann da nichts von vornherein beschließen« Man mutz erst sozusagen die Luft bei Gerichtshofes aus^ 650 — ag, unterhalb der Bank für Verteidiger saß, daß er sie X : „Hat Franz mit hen?" »der eine Verurteilung?" „Tas kann man mit Bestimmtheit nicht immer sagen. Tie Geschworenen haben oft ihre ganz besonderen Eigenheiten. Aber die Rechtsanwälte täuschen sich selten-" „Tas wäre wichtig zu wissen" murmelte sie, ohne daß er es hörte. Tann begann sie von neuem: „Hat Franz mit Dir über die Gräfin Doroukoff gesprochen?" ,^Ja, nur einen Augenblick." „Ist er immer noch entschlossen, zu schweigen?" „Mehr als je." „Und sie? — Tu siehst sie so oft, Tu bist sehr befreundet mit ihr. Tu kennst ihren Gedankengang. Sie hat wohl ihre Absicht noch nicht geändert, nicht wahr? Sie würde selbst schweigen, wenn sie die Gewißheit hätte, daß er verurteilt würdet probieren, man muß zuerst wissen, auf welcher Seite dre öffentliche Meinung steht. — Na, laß uns von etwas anderen: reden. Tu Wirst Wohl der Verhandlung ber- K-ohnen?" Mill Dich Deine Schwester dahin begleiten?" „Ja. Ich habe schon von der Staatsanwaltschaft eine Eintrittskarte erlangt." „Sage ihr, sie möge nur ruhig blerben, was auch immer geschehen mag. Sie soll vor der großen Menge nichts von ihrer großen Freundschaft, die sie für mich hegt, verraten, und sag ihr insbesondere, daß ich von ihrer schwesterlichen Liebe zu mir tiefgerührt bin. Sie macht es mir leichter, diese schweren Tage zu überstehen." „Ich will ihr alle Deine Worte ausrichten," „Hast Tu dieser Tage die Gräfin gesehen?" „Ja", murmelte Georg undeutlich. „Tu bist wirklich ein unglücklicher Mensch. Dir, memem besten, meinem einzigen Freunde kann ich's ja gestehen.: gewiß läßt mich das Glück, das ich empfinden würde, mein Gefängnis zu verlassen, ein Leben zu leben wie jeder andere, und besonders die Sorge um meine Ehre es lebhaft wünschen, freigesprochen zu werden; aber der Gedanke, daß es mir dann meine Freisprechung ermöglicht, sie wiederzusehen und die Vergangenheit dort wieder aufzunehmen, wo ich sie gelassen habe, — dieser Gedanke beherrscht alles und ist stärker als alles. Ter erfüllt mich mit Seligkeit Und erhellt meinen Kerker wie goldstrahlendes Sonnenlicht." Bleich und erregt hörte Georg seinen Worten zu, ohne ein Wort erwidern zu können, und litt dabei furchtbare Qualen. Doch fand er wenigstens den Mut zu bemerken: „Tu würdest sicher freigesprochen, wenn sie redete. Noch iß es Zeit. Willst Tu, daß sie es thut?" „Nein und tausendmal nein, um keinen Preis der Welt. Hat sie Dich wiederum beauftragt mich dies zu fragen?" „Ja", antwortete er, glücklich, lügen zu dürfen, um ihn etwas aufzumuntern. „Sag ihr, daß ich ihr vom Grunde meiner Seele Hanken lasse, aber daß ich es nun und nimmer annehme." Georg Rakenius verließ seinen Freund tieftraurig und voll Verzweiflung. Dessen letztes Geständnis hatte ihn tief erschüttert. Tie Liebe Sempachs war in seiner Wgefchlossen- heit, in seinem Unglück und feiner trostlosen Einsamkeit nur noch gewachsen. Wenn er freigesprochen wurde, was sollte dann aeschehen? Georg durfte nicht daran denken und verbau nie mit aller Gewalt die zerfressenden Gedanken von Eifersucht, die in seiner Seele emporstiegen. Nach Hause zurückgekehrt und von seiner Schwester sofort befragt, mußte er ihr einen Teil seines Gespräches mit Sempach wiederholen und betonte mit Vorliebe alle jene Punkte, die Minna betrafen. Ein Punkt schien ihr besonders ausgefallen zu sein. „Also meint der Rechtsanwalt des Herrn von Sempach", efie, „daß man sich während der Verhandlung über den uck Rechenschaft geben kann, den der Angeklagte aus Publikum und Geschworene macht, — ob er ihnen sympathisch ist oder nicht?" „Gewiß riechen sozusagen die großen Rechtsanwälte des Gerichts auf Grund verschiedener Geräusche und Stimmen, einer gewissen Fühlung zwischen Angeklagten und Publikum, verschiedener elektrischer Strömungen, die durch den Saal gehen, auf wessen Seite sich die öffentliche Meinung hinneigt." „Also", sagte sie, „können sie im letzten Moment nach dem Ende der Verhandlungen sagen: Das ist ein Freispruch elegant angezogen. Nach einer Verbeugung gegen das Haus und die Geschworenen ließ er einen langen Blick über die Zuhörerschaft schweifen, erkannte auch so manchen seiner FFeunde und Genossen, doch er verriet in nichts das Erkennen. Ein kaum bemerkbares Lächeln verriet Fräulein Rakenius,^ die^ aus besonderer Gunst im ersten Rau die Rechts anwälte, neben dem 9 . ... „Er will nicht, daß sie spricht." „Und Tu willst es auch nicht", schleuderte sie ihm ins Gesicht und warf ihm einen Mick voll Schmerz, Vorwurf und Erregung zu. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, verließ sie ihren Müder. 56. Kapitel. Tie Verhandlungen in dem Prozeß, der von den Zeitungen und der Oeffentlichkeit schlechthin „das Verbrechen der Ausgburger Straße" genannt wurde, begannen am 17. Januar. Seit früher Morgenstunde drängte sich eine Menge Neugieriger mit oder ohne Eintrittskarten vor den Eingängen des Moabiter Justizpalastes. Sie war aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt, doch die feinere Welt und das weibliche Geschlecht war überwiegend. Dieser Prozeß war keiner von denen, die die gemeine Masse, das Gros ves Volkes hinreißen, das sich nur für schwere Verbrechen und für heftige, theatralische Bewegungen undGesten interessiert. Es war besonders von Interesse für ein feineres Publikum, das mehr empfindsam als begierig war, verdorben, aber durch elegante Laster verdorben, lüstern nach einem Skandal, aber nach einem etwas verschleierten Skandal, der voll Reserve und voll Kniffe war, der die Dinge mehr erraten ließ, als daß sie gesagt wurden. Es war nicht das Berlin, das heute zum Justizpalaste eilt, es war bloß das „Ganz-Berlin", das sich in die Gerichtsverhandlung begab, wie es sich in irgend eine Theater- Premiere begeben hätte, gern bereit, sich aufzuregen, eventuell auch zu meinen, aber auch zu lächeln, da es in dem guten Bewußtsein war, daß seine Nerven geschont würden, daß man ihm Entsetzen und Aufregung ersparen werde. Tie Frauen, versehen mit Eintrittskarten, waren in der Mehrzahl. Schon zu früher Stunde stahlen sie sich in den Saal, auf ihre reservierten Plätze, dann überfluteten sie bald die Zeugenbänke, und einige versuchten sogar, sich in die Rechtsanwaltsbank einzuschleichen. „Nur ein kleines Plätzchen, meine Herren", wisperte kokett lächelnd etne sehr hübsche Schauspielerin, „ich trage einen Rock so gut wie Sie." Auf die Tribüne des Hintergrundes, hinter den für den Gerichtshof bestimmten Plätzen, setzten sich nach und nach einige Staatsmänner, Amtspersonen in städtischer Kleidung, und Lebemänner, die größtenteils den großen Mrliner Klubs angehörten, namentlich dem Künstlerklub, dem die Geschichte ganz besonders naheging, da der Angeklagte Herr von Sempach eines seiner bekanntesten Mitglieder gewesen war. Mit einem Wort: es war das Publikum einer großen Premiere. Erst um halb zwölf Uhr befahl der Präsident, den Angeklagten vorzuführen. Er erschien bleich, aber gefaßt, mit hocherhobenem Haupte, jedoch ohne Geziertheit — in einem schwarzen, zugeknöpften Gehrock und einer dunklen Hose, erkannt hatte. ,,, , _ Tie Fassung der Anklageschrift war wesentlich verändert. Franz von Sempach hatte sich vor der Jury nur gegen die Anklage zu verantworten: „Messerstiche und Verwundungen, die mit Absicht, ohne Zwang, beigebracht waren, die aber keine Wsicht in sich schlossen, den Tod herbeizuführen, diesen jedoch beschleunigt hatten." Auf dieses Verbrechen stand die Strafe des Zuchthauses auf ein bestimmtes Zeitmaß, aber infolge einer anderen Bestimmung des § X, modifiziert durch das Maigesetz, konnte der Gerichtshof im Falle der Annahme mildernder Umstände, an Stelle des Zuchthauses eine Kerkerstrafe bis fünf Jahre Maximum, zwei Jahre Minimum, verhängen. Nach Aufnahme der ersten Formalitäten und nachdem sich alle Zeugen zurückgezogen hatten, befragte der Prä-? sident den Angeklagten. Anfangs beantwortete er die an ihn gestellten Fragen ohne Zögern, ohne Verwirrung, doch mit kurzem Tonfall, in etwas trockenem Tone. Aber als man zu der Frage kam, wie er den Abend des Mrbrechens verbracht hatte, 651 beobachtete er wie bisher ein hartnäckiges Schweigen, so daß es dem Präsidenten trotz seines Trängens und Zuredens nicht gelang, dasselbe zu brechen. „Ich habe nichts zu sagen, ich will nichts sagen, ich werde nichts sagen." Das Publikum war enttäuscht, und ein Flüstern ging durch den Zuhörerraum. Bis dahin hatte man sich immer noch gesagt: „Bis jetzt hat er wohl noch nicht gesprochen, aber in der letzten Stunde wird er schon reden", und jeder hatte irgend eine pikante Enthüllung erwartet. Infolge Lieser Enttäuschung war man versucht zu glauben, er hätte überhaupt nichts zu entdecken, und keiner war ihm dafür dankbar oder bewunderte ihn, geschwiegen zu haben. Nach^ dem man ihn zuerst auf den ersten Mick für einen sehr- hübschen Jungen von vollendeter Tistinktion gehalten hatte, warf ihm jetzt der weibliche Teil des Auditoriums, der stets zu Widersprüchen geneigt ist, seine Zurückhaltung und ferne zu große Kälte vor. Man hätte ihn lieber etwas erregter gesehen; — er Hütte die Fragen des Präsidenten mrt weniger Trockenheit beantworten, — er hätte in der Kehle, ja sogar manchmal auch in den Augen Thränen haben sollen. Tas wäre viel interessanter gewesen. Eine sehr bekannte Tame aus der Lebewelt flüsterte ihrer Freundin folgende Bemerkung ins Ohr: „Es ist ein ganz hübscher Anfänger. Er spricht ganz richtig, nur agiert er beinahe gar nicht; matt könnte ihn für ein Stück Holz halten." Es war ihr, als befände sie sich in einem Theater, wo der Künstler Thränen und Lachen entlocken muß, wo er es bis aufs Aeußerste ankommen lassen muß, um seinen Efiekt zu produzieren. Sie konnte sich nicht da hinein denken, daß Herr von Sempach vor dem Gedanken zurückschrecken mußte, diese Menge und Zuhörerschaft zum Zeugen ferner Gefühle zu machen. Wer konnte wissen, was in ihm letzt vorglng, welcher! Muts und welcher Kraft er bedurfte, sich so zurückzuhalten, um Herr über sich selbst zu bleiben, um nrcht selbst weich zu werden, um nicht die anderen weich zu machen! Vielleicht war Bertha Rakenins die Einzige, die ihn verstand, die ahnte, was er jetzt leiden mußte . (Fortsetzung folgt.) Frauenberufs- und Heiratsfrage. Unter den Ursachen wirtschaftlicher Art, welche die Frauenberufssrage hervorgerufen haben, steht die Heiratsfrage an erster Stelle. Es ist eine unbestreitbare Thatsache, daß weitaus die meisten Frauen nur deshalb einen auf Erwerb gerichteten Beruf ergreifen, weil sich ihnen keine Gelegenheit zur Heirat darbietet und sie infolgedessen gezwungen sind, sich selbständig ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Ter Ueberschuß an unverheirateten Frauen wird Sm Teil bedingt durch die ungleiche Verteilung der Gelechter aus der Erde. Während beispielsweise in Britisch- Jndien gegen 6 Millionen Frauen zum Gleichgewicht der Geschlechter fehlen, ist in den Kulturstaaten Europas ein Ueberschuß von 4% Millionen Frauen vorhanden; für Teutschland allein ist durch die Volkszählung vom 1. Dezember 1900 ein Ueberschuß von fast einer Million Frauen festgestellt worden. Tie Ursachen dieser Erscheinung sind nur teilweise erkennbar. Ein großer Ueberschuß an Frauen war schon in den Städten des Mittelalters vorhanden, doch machten sich damals die wirtschaftlichen Folgen nach nicht so bemerkbar, weil ein großer Teil auch der unverheirateten Frauen rn der Hauswirtschaft Verwendung fand. Im Lause des 19. Jahrhunderts ist das Mißverhältnis jedenfalls verschärft worden durch die Auswanderungen, die zu zwei Drittel Männer und nur zu ein Drittel Frauen aus Deutschland fortführten, woraus sich dann auch wieder die Ueber- zahl der Männer in den Kolonialländern erklärt. So fehlen z. B. in Nordamerika eine Million Frauen; allerdings nur noch in dm jüngeren, westlichm Gebieten, in den alten Oststaaten besteht schon Frauenüberschuß. Neben der zahlreicheren Auswanderung der Männer wird der Frauenüberschuß auch durch die größere Sterblichkeit der Männer, hervorgerufen durch gefährltche und aufreibende Berufe, Kriege usw., begünstigt. , Mehr noch als durch den natürlichen Frauenüberschuß wird aber die Heiratsfrage beeinflußt durch die Ehelosig- kett der Männer: die Männer heiraten in Teutschland durchschnittlich 2i/2 Jahre später als die Frauen, im Alter von 30—50 Jahren sind noch 15 Prozent der Männer ledig, totb im Alter von 50 und mehr Jahren sind 8 Prozenit Junggesellen. . Ob, wie vielfach behauptet wird, das 19. Jahrhundert tm Vergleich zum 18. eine Abnahme des Hei- ra ens überhaupt gebracht hat, läßt sich statistisch nicht seststellen, Wohl aber, daß tn der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts, ungeachtet einzelner Schwankungen, je nach dm Jahren wirtschaftlichen Aufschwunges und wirtschaft- lrcher Krrsis, dre Heiratshäuftgkeit im ganzen die gleiche geblieben ist. In den letztm Jahren ist sogar, hervor- Zerufm durch das Bundesgesetz von 1868, welches alle polizeilichen Beschränkungen der Eheschließung aushob, sowie durch die bei der Arbeiterschaft das frühe Heiraten begünstigende Freiheit der Erwerbsthätigkeit und dieJndustris^ entwickelung eine Vermehrung der Jungheiraten bei der Jndustriearbeiterschaft eingetretm. Wenn trotzdem dis Heiratsziffer im ganzen nicht gestiegen ist, so folgt daraus, daß die Heiratsziffer in den übrigen Bolksklafsen (vor allem m den begüterten Ständen) abgenommen haben muß. Taß in der That vor allem die begüterten Stände es sind, in denen die Eheschließung später und seltener geworden ist, liegt nahe genug: wie die Heiratsstatistik angiebt, heiratet heutzutage der Fabrikarbeiter früh, der Beamte spät; da ist es wahrscheinlich, daß gerade dieser Unterschied sich m den letzten Jahrzehnten verschärft hat. Umsomehr muß man, wenn tncm die für das ganze Volk geltenden Zahlen der Heiratsstatistik betrachtet, sich stets bewußt sein, daß die Heiratsziffer der begüterten Stünde thatsüchlich noch viel ungünstiger ist. Interessant ist es, den Gründen dieses Unterschied«« nachzugehen. Nach Ansicht von Tr. Robert Wilbrandt, welcher die uns bier beschäftigende Frage in dem von ihm bearbeiteten vierten Teile des Handbuches der Frauenbewegung (herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Baumer) eingehend behandelt, liegen die Gründe weniger ur der Verschärfung des Kampfes ums Dasein durch die Bevölkertingsvermehrung und im Mitverdienen der Frau, das manchem Arbeiter die frühe Heirat erleichtert, als vielmehr in dem frühen Verdienst des Industriearbeiters und in der langen Berufsvorbereitung und der oft noch längeren unbezahlten Wartefrist in den höheren Berufen. „Tas vollberufsmäßige Mitverdienen der Frau ist im Proletariat, wenigstens in dessen oberen Schichten, doch noch die Ausnahme: es geschieht zwar mehr, als die Statistik angiebt, aber bis jetzt nur bei der Minderzahl. Auch der durch die Bevölkerungsvermehrung verschärfte Kampf ums Dasein kann daher nicht der Grund des späten Heiratens rn den oberen Klassen sein; sonst müßte er im Proletariat, das von dem Kampf ums Tasein so viel mehr zu leides hat als die begüterten Klassen und nicht allgemein durch Miterwerb der Frau in anderer Lage ist als jene, zum mindesten dasselbe bewirken. Allerdings kann man einwenden, daß im Proletariat, Ähnlich wie bei den der Natur noch näheren Völkern, oft leichtsinnig geheiratet wird, während in anderen Gesellschaftsklassen die Ueberkultur eine kluge Vorsicht bewirkt. Aber mindestens ebenso wichtig erscheint der allgemeine Zudrang zu den Beamtenstellungen und vor allem zu den gelehrten Berufen. Es ist Sitte geworden, zu studieren, auch ohne besondere Neigung und Begabung, nur weil das „Studieren" als standesgemäß, als ein angenehmes und geehrtes Los erscheint. Dadurch ist m den überschätzten gelehrten Berufen „Uebervölks-' rung", verschärfter Kampf ums Tasein und um die bevorzugten Plätze entstanden. Ter Staat hat dieses Ueber- angebot mit gering und spät beginnenden Gehältern bs- äntwortet: spätes Heiraten ist die notwendige Folge. Ta« kommt das schnelle Reichwerden in den minder geehrten, rein auf Gelderwerb gerichteten Berufen; das hat einen wachsenden Luxus, eine Verehrung des Geldes auch bei den anderen Berufen erzeugt. „Feudales Auftreten", sagt Wilbrandt zutreffend, „ist selbst in der Studentenschaft an die Stelle des idealistischen Schwärmens getreten; um so werter leben zu können, wird die Heirat hinausgeschvben oder nach Geld geheiratet. Statistisch feststellen läßt es sich nicht, aber ein Blick auf den Anzeigenteil eines großstädtischen Mattes zeigt, wie sehr das Geld die Hauptsache auf dem „Heiratsmarkt" geworden ist. Wo es zu wählen grebt zwischen Geldheirat und Ledigbleiben, da sind es nicht die Schlechtesten, die das zweite vorziehen." Welchen Umfang bei uns in Teutschland die Ehelosigkeit der Frauen erreicht, das spricht sich in folgenden Zahlen aus, die für das ganze Volk gelten. Von 100 Personen weiblichen Geschlechts im Alter von 16—30 Jahren sind ’it.slr0 iv- el - G — 652 70 lebtg, 29 verheiratet, 1 verwitwet oder geschieden; im Alter von 30—50 Jahren x5 ledig, 77 verheiratet, 8 verwitwet oder geschieden; es sind also im Alter von 50 und mehr Jahren 11 ledig, 50 verheiratet, 39 verwitwet oder geschieden. Es ist also im Heiratsalter, vom 16. bis zum 30. Jahre, die große Mehrzahl noch unverheiratet; vom 30. bis 50. Jahre steht zwar eine noch größere Mehrzahl m der Ehe, aber doch fast ein Viertel außerhalb der Ehe und im höheren Alter, über 50 Jahre, ist nur noch die Halste verheiratet, und neben den 11 Proz», die ihr Leben J artig ledig bleiben, eine große Menge von Witwen Und Ge^chire- denen. Im Alter von 16 Jahren und darüber sind von den Männern 39 Proz. ledig, 56 Prvz. verheiratet Und 5 Proz. verwitwet oder geschieden, von den Frauen 35 Proz» ledig, 52 Proz. verheiratet und 13 Prvz. verwitwet vder geschieden; es sind also mehr. Männer ledig, da sie später heiraten, aber mehr Frauen verwitwet, sowohl wegen des späteren Heiratens und der größeren Sterblichkeit der Männer, als auch weil von den Männern 15 Proz., von den Frauen aber nur 10 Proz. zwei- vder mehrmals heiraten. In absoluten Zahlen ausgedrückt, waren im Jahre 1895 von der über 16 Jahre alten Bevölkerung ledig: 6 299 000 Männer und 5 886 000 Frauen; verheiratet: 8 849 000 Männer und 8 784 000 Frauen; verwitwet oder geschieden: 776000 Männer, 2 209 000 Frauen. Nur wenig über die Hälfte der erwachsenen (mehr als 16 Jahre alten) Frauen, 8,8 von 16,9 Mill, leben also in der Ehe; die übrigen sind ledig, verheiratet oder geschieden. So lange aber die Heiratsfrage nicht auf die eine oder andere Weise gelöst vder gemildert ist, wird man den unverheirateten Frauen das Recht zugestehen und die Möglichkeit bieten müssen, durch Ausübung einer Berufsarbeit ihr Brot zu» verdienen oder ihrem Leben einen Inhalt zu geben. ! i Vermischtes. Klara Biebig. ■ Der bekannte Wiener Schriftsteller Moritz Necker enllvirft im „N. W. Tagbl." an der Hand ihrer Merke eine Charakteristik der in Berlin lebenden Roman- Schriftstellerin Klara Biebig. In der Annahme, daß die Ausführungen Reckers auch bei unseren Lesern einem gesteigerten Interesse begegnen dürften, seien die folgenden dieser interessanten Charakterstudie entnommenen Angaben hierher gestellt: „Eine reiche Natur, der sich das eigene Dasein unbewußt und ungesucht zum Epos gestaltet, die in die Welt nicht bineinschauen kann, ohne sie zum poetischen Stoff zu verwandeln; ein unersättliches und nie zu beirrendes Auge, das tausenderlei Wahrnehmen macht, in untrüglichem Gedächtnis festhält, und das dann von einem leidenschaftlichen Bedürfnis geradezu gequält wird, sich vom aufgehäuften Stofs durch das poetische Gestalten desselben zu befreien: das ist Klara Biebigs ungewöhnliche Begabung. Sie muß schreiben, sie muß erzählen, sie muß dichten in krystallheller Klarheit, wie der Waldquell immerfort sein kostbar erfrischendes Naß sprudelt und durch die Fülle seiner Gaben nicht zu verarmen, sondern nur noch reicher zu werden scheint. Dieses ihr Verhältnis zur Kunst erklärt sie uns in dem sichtlich auf persönlichen Erfahrungen beruhenden Romane: „Es lebe die Kunst", neben der „Alten Schule", und „Bertram Vogelweid" von der Ebner, deren Gesinnung Klara Viebtg völlig teilt, der schönste Litteratur- roman unserer Zeit, den ich kenne. Seine Heldin Elisabeth Rcinharz ist eine Doppelgängerin Klara Viebigs, und es ist dieser ihr eigenstes Bekenntnis, wenn sie darin einen jungen sympathischen Dichter über die lttterarische Frauenarbeit in kraftgenialischer Weise sagen läßt: „Wenn ein Weib ehrlich sein Herz giebt, den Mut seiner Meinung hat Und doch nicht vergißt, daß es einen Unterrock an hat, dann — Hut ab! „Aber die Weiber, die sich mit angelogenen Empfindungen aufplustern und die Welt mit einem Syruppinsel anmalen — sind lächerlich! „Tie sich und ihre Mitschwestern ausziehen bis aufs intimste und rufen: „Seht, so sind wir!" — die sind ekelhaft! „Tie ihre Weiblichkeit in Hosen verstecken: „Laßt uns den Männern gleich sein!" — die verdienen Prügel! „Ehrlich, ehrlich, Fräulein! Seien Sie immer ehrlich^ ...... Hier hat man in wenigen Sätzen die ganze Poetik Klara Viebigs beisammen. Sie ist wahrhaft, sie scheut nicht das Hinabsteigen in die Abgründe des Lebens, in die Tiefen des sozialen Elends; sie beschreibt Menschen und Sitten so unvoreingenommen, als es nur ihrem begnadeten Auge möglich ist; sie schreckt auch nicht davor! zurück, unliebsame Wahrheiten zu sagen und äußert ebenso offenherzig ihren Haß wie ihre Liebe; aber sie glaubte niemals der Kunst ihre Weiblichkeit zum Opfer bringen zu müssen. Tiefer in allem Realismus festgehaltene, seiner selbst bewußte Adel des Weibes erhebt Frau Biebigs Produktion in die reine Region der echten Poesie^ Jedes ihrer Bücher trägt den Stempel dieser vornehmen Weiblichkeit, obendrein den Stempel eines glücklichen Weibes, keiner sauersüßen Altjüngferlichkeit & la Mar- litt, deren Blick für menschliche Mängel durch Verbitterung geschärft ist. Ein Herzensroman des siamesischen Kronprinzen. Aus Newyork wird berichtet: Maha Vajiravudh,der einundzwanzigjährige Kronprinz von Siam, hat noch nicht zwei Wochen in den Vereinigten Staaten zugebracht, und doch schon einen Roman mit einer jungen Amerikanerin erlebt. Ter „North American" in Philadelphia kündet mit dem ganzen Apparat der zwei Zoll großen Typen an, daß der Kronprinz sich sterblich in Miß Eleanvr Wilson, die hübsche! und anziehende Tochter des Generals James L. Wilson, verliebt hat, und die Zeitung behauptet, es wäre nicht überraschend, wenn er mit Miß Wilson als seiner jungen Frau nach! Siam zurückkehren würde. Tas Paar traf sich während der KUönungswoche in London, und beide fühlten sich zu einander hingezogen. Sie waren in London und dann in Amerika viel zusammen. Ter Kronprinz von Siam wird von den „Vierhundert" verschwenderisch bewirtet. Sein offizieller Besuch in Amerika war am 1. November beendet, dann wird er noch als Privatmann einen Monat im Lande verbringen. Tie „Pennsylvania Railway'« hat ihm einen Zug luxuriöser Pullmanwaaen zur Verfügung gestellt, und seine Reise wird sich über 7131 englische Meilen erstrecken und in Vancouver enden, von wo er sich am 1. Dezember nach Siam einschifft. Littsrarlsches. Katechismus der Maschiuenelemeute von L.O f t e r- dinger. Mit 595 Abbildungen. In Originalleinenband 6 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. — Ofterdingers „Maschinenelemente" sind ein neuer, der 241. Band in der Reihe der weltbekannten „Illustrierten Katechismen" Webers. Der Verfasser, Ingenieur und Oberlehrer am Technikum der freien Hansestadt Bremen, beleuchtet in der Einleitung die Eigenschaften und Verwendungsfähigkeit der zur Herstellung von Maschinenteilen am häufigsten benutzten Materialien und wendet sich dann der Berechnung und Konstruktion der Maschinenelemente im allgemeinen zu. Dm nun folgenden dreizehn Abschnitte behandeln: Schrauben! und Schraubenverbindungen; Keile und Keilverbindungen; Niete und Nietverbindungen; Zapfen; Lager; Achsen und Wellen; Kupplungen; Räderwerke (Reibungsräder, Rtemen- trieb, Seiltrreb, Zahnräder, Kettenzahnräder); Kurbeltrreb! (gekröpfte Wellen, Kurbelschleife, Kurbeln und Exzenter, Pleuelstangen, Geradführungen und Kreuzköpfe); Kolben und Kolbenstangen; Stopfbüchsen; Röhren und Roh.rverbrnd- ungen; Hähne, Ventile und Schieber. Bilderräts el. (Nachbildung tterboten). (Auflösung in nächster Nummer.) . Redaktion; Cur.t Platy, MtationSdrtich ynd Verlag bg Vrflhl'schcn UniversEL-Buch' und Steindruckerei (Pietsch ErbMütOfeßeN.